Antonio Canova: Theseus und der Kentaur (1804-1819) - eine Analyse


Essay, 2011

8 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

“Nur über das Studium der Antike ist die Schönheit der geläuterten Natur zu erlangen.”1

Nach diesem Grundsatz entstand neben zahlreichen anderen Kunstwerken des italienischen Künstlers, Malers und Bildhauers Antonio Canova, die Skulpturengruppe Theseus und der Kentaur. Neben dem Aufbau und der Beschreibung des Werkes sollen auch die Beweggründe für dessen Entstehung und der politische Kontext im Folgenden näher betrachtet werden.

Die 340 cm hohe und 370 cm breite Statue befindet sich heute im Kunsthistorischen Museum in Wien und wurde 1804 bis 1819 von Canova aus carrarischem Marmor2 geschaffen. Mit diesem Material aus dem Steinbruch der italienischen Stadt Carrara, der als besonders feinkörnig gilt, arbeiteten bereits Bildhauer in der Antike3. Als Auftraggeber ist Napoleon bekannt, der zu der Zeit die Oberhand über Europa besaß. Er hatte wohl die Statue ursprünglich für einen Platz in Mailand vorgesehen, aber stattdessen ging sie nach der Fertigstellung und dem Sturz Napoleons in den Besitz des Kaisers von Österreich über und wurde nach Wien gebracht.

Der Künstler selbst, 1757 in der Region Venetien geboren, widmete sich früh den Studien der Natur und wusste zeitig seine Berufung: “Ich mag nicht leben, wenn ich kein Steinmetz werden kann.”4 Sein Großvater und Förderer ermöglichte ihm ein Studium in Venedig, wo er erstmals mit Meisterwerken der Antike in Berührung kam, die große Faszination in ihm weckten. Bald selbstständig reiste er nach Rom, ins Zentrum der griechischen Skulptur, wo er viel Anerkennung, Aufträge und Ehrungen erhielt5. Theseus und der Kentaur wurde ebenfalls von Canova nach antikem Vorbild gefertigt. Die überlebensgroße Monumentskulptur zeigt eine heroische Kampfszene aus der griechischen Mythologie, in der Theseus über einen Kentauren triumphiert, nachdem dieser versucht hatte die Braut von einer Hochzeit zu entführen. Kentauren sind Mischwesen mit menschlichem Oberkörper und dem Rumpf eines Pferdes, die als lüstern, hinterhältig und unbeherrschbar charakterisiert werden. Den Impuls für diese Darstellung gab wahrscheinlich eine der Metopen des Parthenon.6 (siehe Abb. 1 u. 2)

Auf einem Sockel ruhend schließt die Skulpturengruppe an einer Wand stehend den Absatz einer breit gelagerten Treppe ab und hat dadurch eine klar definierte Hauptansichtsseite. Die Allansichtigkeit bleibt aufgrund der hinterstehenden Wand verwehrt. Am Ende des Aufstiegs ist jeweils ein Podest mit Habsburger Wappen auf dem beiderseits Löwenplastiken thronen. Eine Beziehung jener Löwen zur Theseusgruppe ist nicht erkennbar, was auch durch einen Artikel der Wiener Zeitung7 bestärkt wird. Aus diesem geht hervor, dass Letztere 1890 erst nachträglich an diesem Ort positioniert wurden, nachdem der für sie eigens errichtete Theseustempel wegen hoher Feuchtigkeit ungeeignet geworden war. Die Wand hinter der Skulpturengruppe ist sehr dunkel gehalten und bildet einen starken Kontrast zu der blendend weißen Marmorstatue. Inhaltlich ist in dem vorliegenden Werk der Moment des greifbaren, aber dennoch nicht endgültigen Sieges über den Kentauren dargestellt. Der mythologische Held kniet auf dem Bauch des bereits am Boden liegenden Fabelwesens und hält in der zum Schlag ausgeholten rechten Hand eine Keule, mit der Linken hat er die Kehle des Gefallenen fest im Griff. Um dem entgegenzuwirken, stemmt der Kentaur seine linke Hand auf den Boden und greift mit der Anderen die unheilvolle Hand des Theseus, um diese von seinem Hals fortzureißen. Das Knie des Helden trifft den Kentauren genau an der Stelle, an dem Mensch- und Pferdekörper miteinander verschmelzen. Der erste Blick des Betrachters fällt jedoch auf den makellosen und ästhetisch muskulösen Oberkörper des Theseus, der nicht nur durch die betonende Beleuchtung den Fokus auf sich zieht, sondern auch aufgrund der repräsentativen Darstellung seiner Vorderansicht. Die Sichtführung folgt dem Blick des Überlegenden, der den Kopf schräg nach unten auf das schreckenvolle Haupt seines Feindes gerichtet hat. Die Gestaltung dessen wurde womöglich der Laokoon-Gruppe nachempfunden8. (Vgl. Abb. 3) Vor allem die lockige Haar- und Bartgestaltung, sowie der halbgeöffnete Mund und der leidende Ausdruck der Augen weisen große Ähnlichkeiten auf. Die Keule, mit der Theseus den Kentauren zu töten versucht, kann als Symbol der Macht, Brutalität und Stärke gesehen werden. Es braucht viel Kraft seinen Gegner mit einer solchen außer Gefecht zu setzten und ist daher oft bei Heldendarstellungen zu finden. Dem Mythos nach führte Theseus die Keule mit sich, nachdem er sie im Kampf gegen einen Riesen errungen hatte, der mit diesem Eisenknüppel ahnungslose Wanderer erschlug. Als Attribute trägt Theseus außerdem einen Helm bei sich, unter dem sehr feine Löckchen hervorschauen und ein um seinen linken Arm hängendes Tuch, welches den Eindruck vermittelt, als hätte es sich während des Kampfes von seinem Körper gelöst. Mit der ursprünglich vollständigen Nacktheit des Helden orientierte sich Canova ebenfalls an der Antike. Dort wurde sie von den Künstlern als “eine poetische Metapher” gesehen “ um berühmte Menschen den Göttergestalten gleichzustellen”9, jedoch wurde später mit dem Wandel der Gesellschaft ein Feigenblatt ergänzt. Das muskulöse, angewinkelte Standbein des Theseus stützt auf einer Bodenerhöhung, während das Rechte, gerade bis zu den Zehen durchgestreckt und zur Seite abgespreizt, nahezu grazil wirkt. Dieses Bein, die linke Hand des Kentauren und der Helm des Helden bilden ein großes Dreieck, was in vielen Werken des Klassizismus zufinden ist10. Neben diesem sind nach Toman11 auch noch andere untergeordnete Dreiecke zu finden - gebildet zum Beispiel durch Oberarm, Keule und das angewinkelte Bein des Theseus. Obwohl die Skulpturengruppe aufgrund der Dreieckskompositionen etwas statisch und sehr klar strukturiert wirkt, wird trotzdem ein dynamischer Eindruck durch die fein modellierten und angespannten Muskelpartien der beiden Akteure vermittelt. Des Weiteren tragen das parallel zum abgespreizten Bein wehende, faltenschlagende Tuch, welches durch die vorherige Bewegung des Theseus mitgerissen worden zu sein scheint und nicht zuletzt die realistische Darstellung des sich wehrenden Kentauren, welche auf genausten Pferdestudien beruht, dazu bei.12 Dieser Stil der mäßigen Bewegung in Verbindung mit einer dennoch sinnlichen, lebendigen Wirkung sind Hauptmerkmale der klassizistischen Statuen13. Dem Betrachter wird die Szene allgemein im Profil präsentiert, dazu stellte Toman14 fest, “[…] dass die beiden gegeneinander gestemmten Figuren in einem leichten Winkel so zueinander stehen, dass differierende Ebenen entstehen und das Kerngeschehen des Zweikampfes in der vordersten Ebene stattfindet, während die Körper eher aus der Tiefe des plastischen Raumes entwickelt sind“. Die Skulptur steht, wie bereits erwähnt auf einem Sockel.

[...]


1 Thiele, S. 98 - Zitat Canova

2 Toman, S. 265

3 Köster, S. 29

4 Becker, S. 342 - Zitat Canova

5 Pischel, S. 587

6 Die Expositur musste kurz vor 1840 geschlossen werden, weil die Räume zu feucht waren.[…] Theseus und Kentaur blieben ihrem Gehäuse noch bis 1890 erhalten, dann mussten sie in den eben fertig gestellten Monumentalbau für die kaiserlichen Kunstsammlungen an der Ringstraße übersiedeln.

7 Romain, S. 17

8 Dürre, S. 221

9 Toman, S. 265

10 Romain, S. 24

11 Toman, S. 265

12 Romain, S. 24

13 Vgl. Dürre, S. 77

14 Toman, S. 265

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Antonio Canova: Theseus und der Kentaur (1804-1819) - eine Analyse
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
8
Katalognummer
V200483
ISBN (eBook)
9783656294825
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antonio Canova, Theseus
Arbeit zitieren
S. Unstern (Autor), 2011, Antonio Canova: Theseus und der Kentaur (1804-1819) - eine Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200483

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