Die Interaktion zwischen den Geschlechtern und die Rolle der Frau im Erwerbsleben


Seminararbeit, 2003

17 Seiten, Note: 2


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG

II. INDIVIDUUM UND GESELLSCHAFT

III. INTERAKTION UND GESCHLECHT
1. Geschlecht als prägender Faktor in der Interaktion
a) Geschlecht als Kategorie
b) Stereotypenbildung und Bewertung
c) Statusglaube und Erwartungen
2. Geschlecht und Arbeit
a) Statusglaube und Erwartungshaltungen im Arbeitskontext
b) Vergleiche mit Anderen
c) Trennung von Arbeitssphären
d) Selbstzuschreibung und Fremdzuschreibung

IV. FAZIT

V. LITERATURLISTE

I. EINLEITUNG

Vorurteile, insbesondere Geschlechtervorurteile offen zu äußern, ist in der fortgeschrittenen modernen Gesellschaft moralisch, wie politisch fragwürdig geworden. Im Grundgesetz steht, dass niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt werden darf. Gleichwohl zeigen aber sozialpsychologische, historische und sozialwissenschaftliche Forschungen die Omnipräsenz von Vorurteils – und Stereotypenbildungen in der Alltagswirklichkeit auf. Diese sind nicht leicht aufzudecken, und die machttheoretische Ebene bleibt meist unbeleuchtet. Gewohnte und tradierte Selbst – und Fremdbilder unterschiedlicher gesellschaftlicher Machtgruppen stellen sich gegenüber dem sozialen Wandel als äußerst zäh dar, da von ihren Trägern und Trägerinnen befürchtet wird, dass ihre Machtposition durch die erforderliche Anpassung ihres Selbstbildes an die gewünschte Veränderung gefährdet ist. Am Deutlichsten treten Geschlechtervorurteile und Stereotypisierungen in der Interaktion zwischen den Geschlechtern hervor. Ob bewusst oder unbewusst - Geschlechtsstereotypisierungen und die dadurch entstehenden Benachteiligungen sind Teil der Interaktion und beeinflussen das Handeln in bestimmten Situationen. Besonders im Erwerbsleben sind deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern und die Benachteiligung von Frauen bemerkbar.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, welchen Mechanismen die Interaktion zwischen den Geschlechtern unterliegt und welche Auswirkungen die geschlechtsspezifische Interaktion auf das Verhältnis zwischen Männern und Frauen im Berufsleben hat.[1]

II. INDIVIDUUM UND GESELLSCHAFT

Interaktion und Handeln sind immer geprägt von unserer persönlichen Auffassung von der Wirklichkeit, von der Art und Weise wie wir als Individuen und Teil der Gesellschaft die Welt sehen. Es gibt aber auch allgemeingültige Auffassungen, welche unser Handeln im Alltag regeln. Diese Auffassungen und Regeln sind in den westlichen Industrieländern überwiegend ähnlich, können in anderen Gesellschaften jedoch sehr von unseren Vorstellungen abweichen.

Die Welt besteht aus einer Vielzahl von Wirklichkeiten. Berger und Luckmann sehen die Alltagswelt als die oberste Wirklichkeit, denn „die Alltagswelt installiert sich im Bewusstsein in der massivsten, aufdringlichsten, intensivsten Weise“ (Berger/ Luckmann 1987, S. 24). Die Alltagswelt ist die Wirklichkeit, welche von Menschen begriffen und gedeutet wird und ihnen subjektiv sinnhaft erscheint. Jeder Mensch trägt mit seinen Gedanken und Taten zum Vorhandensein und Bestand der Alltagswelt bei. Sie wird als normal und selbstverständlich gesehen und generell nicht reflektiert. Die Alltagswelt ist intersubjektiv, das heißt, sie wird von allen Menschen der Gesellschaft geteilt. Ihre Intersubjektivität trennt die Alltagswelt scharf von anderen Wirklichkeiten. Die Alltagswelt ist für alle Menschen gleichbedeutend wichtig, und man kann nur in ihr existieren, wenn man unaufhörlich mit anderen verhandelt und sich verständigt. Um interagieren und handeln zu können, braucht der Mensch etwas, das ihm als objektiv gegenübersteht. Grundlagen des Wissens in der Alltagswelt sind Objektivationen subjektiv sinnvoller Vorgänge aus denen die intersubjektive Welt entsteht (Berger/ Luckmann 1987, S. 22). Subjektive Empfindungen werden als Indikatoren angezeigt und es entsteht eine intersubjektive Welt.

Die Sprache versorgt Menschen mit Objektivationen. Sie ist reziprok und das Verständnis der Sprache ist ein wichtiger Bestandteil für das Begreifen der Alltagswelt. Sprache typisiert Erfahrungen durch das Einteilen in Kategorien, und ermöglicht so ein Sinnverständnis der Erfahrungen für andere. Alle Menschen in unserer Gesellschaft haben eine gemeinsame Auffassung von Wirklichkeit. Diese wird ungern in Frage gestellt, da der Mensch in seiner Routinewelt existieren möchte. Das Alltagswelt – Wissen gibt den Menschen Instruktionen, welche ihr Verhalten in bestimmten Situationen regeln.

Die Intersubjektivität der Alltagswelt bedingt Interaktionen. Der Prototyp aller gesellschaftlichen Interaktionen ist die „Vis – a – vis – Situation“ (Berger/ Luckmann 1987, S. 31). Berger und Luckmann beschreiben diesen Vorgang folgendermaßen:

„Mein Ausdruck orientiert sich an ihm und umgekehrt und diese ständige Reziprozität öffnet uns beiden gleichermaßen den Zugang zueinander. Das heißt in der Vis - a - vis - Situation erkenne ich das Subjekt - Sein des Anderen an einer Fülle von Anzeichen“ (Berger/ Luckmann 1987, S. 31).

Die gesellschaftliche Wirklichkeit der Alltagswelt wird als zusammenhängendes und dynamisches Gebilde an Typisierungen wahrgenommen. Auch das Gewahrnehmen des Anderen hält sich an bestehende Typisierungen. Vorgegebene Typisierungen für eine „Vis – a - vis – Situation“ sind reziprok. Somit wird das Verhalten in diesen Situationen von Typisierungen geleitet, mit Hilfe derer man den Anderen erfasst und behandelt. Durch die Typisierung von Dingen und Personen, also der Zuordnung zu bestimmten Kategorien, wird das Verhalten und Handeln in ähnlichen Situationen erleichtert. Typisierungen finden wechselseitig zwischen den Akteuren statt, und werden in Abhängigkeit der zeitlichen, räumlichen und intensitätsmäßigen Nähe des momentanen Standpunktes anonymer. Werden Typisierungen in der Interaktion nicht in Frage gestellt, bleiben sie bestehen und bestimmen das Verhalten in der jeweiligen Situation. Der Mensch existiert inmitten seiner Kollektivgebilde und ist keineswegs isoliert.

„Das Produkt wirkt zurück auf seinen Produzenten. Externalisierung und Objektivation – Entäußerung und Vergegenständlichung – sind Bestandteile in einem dialektischen Prozess“ (Berger/ Luckmann 1987, S. 65).

Mensch und gesellschaftliche Welt stehen ständig miteinander in Wechselwirkung. In Interaktionen reproduzieren Menschen die Gesellschaft, indem sie erlernte Problemlösungsmöglichkeiten immer wieder repetieren (Dialektik).

III. INTERAKTION UND GESCHLECHT

1. Geschlecht als prägender Faktor in der Interaktion

In diesem Kapitel soll untersucht werden, wie Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in Interaktionsprozessen entstehen und warum sie bestehen können. Außerdem beschäftige ich mich mit der Frage, wie die Bewertung in Zusammenhang mit dem Geschlecht steht und in welcher Weise sie die Interaktion zwischen den Geschlechtern beeinflusst. Es sollen Mechanismen der Interaktion aufgedeckt werden, welche Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern unterstützen.

a) Geschlecht als Kategorie

Geschlecht, regionale Herkunft, Alter, Schichtzugehörigkeit, Beruf und Bildung sind nur wenige der Statuscharakteristika unserer Gesellschaft. Geschlecht als Kategorie ist tief verankert in den kulturellen Regeln der Interaktionsorganisation. Um interagieren zu können, braucht man eine Idee darüber, wer man selbst und wer der andere ist. Man muss mindestens eine Dimension der Kategorisierung finden. Ähnlichkeiten und Unterschiede fallen zuerst auf, und somit ist das Geschlecht eine offensichtliche Kategorie. Geschlecht ist stabil und hat nur zwei Ausprägungen. Noch bevor es in Interaktionen zum Gespräch kommt, spielt das Äußere eine wichtige Rolle bei der Kategorisierung. Anhand von äußeren Merkmalen, wie Kleidung, Haaren, Schmuck etc., können wir das Gegenüber als männlich oder weiblich klassifizieren. Die Verwendung von Geschlecht als Kategorisierungsmerkmal ist daher plausibel, jedoch keineswegs die damit in Verbindung stehende Bewertung.

b) Stereotypenbildung und Bewertung

Vor und während einer Interaktion läuft ein Prozess der Typisierung ab. Akteure werden automatisch in Kategorien eingeteilt. Diesen Vorgang nennt Ridgeway „sex – categorisation“ (Ridgeway 1997, S. 220). Es entstehen Probleme in der Interaktion, wenn dem Gegenüber kein eindeutiges Geschlecht zugeordnet werden kann. An die Kategorisierung sind immer auch geschlechtsspezifische Stereotype geknüpft, welche Bewertungen beinhalten. Die Stereotype beschreiben, welches Verhalten man von Menschen erwarten kann, die in einer bestimmten Kategorie eingestuft sind. Sie filtern Vertrautes und Fremdartiges aus den auf uns einstürzenden Bildern heraus.

„Wir werden über die Welt bereits unterrichtet, bevor wir sie sehen. Wir stellen uns die meisten Dinge vor, bevor wir unsere Erfahrungen damit machen. Und diese vorgefassten Meinungen beherrschen aufs stärkste den ganzen Vorgang der Wahrnehmung, es sei denn, die Erziehung habe sie uns in aller Deutlichkeit bewusst gemacht“ (Ernst 1999, S. 47).

Der Stereotypenbegriff bezieht sich auf die dem Wahrnehmungsprozess vorausgehenden Schematisierungen. Die Stereotype werden mit den daran hängenden Bewertungen dem Gegenüber aufgestülpt. Dadurch werden die Ergebnisse der Interaktion, die Bewertung des Handelns und der Leistung des anderen vor dem Hintergrund des Geschlechts betrachtet. Selbst wenn eine Person eine geschlechtsneutrale Tätigkeit ausführt, wirkt die Stereotypisierung wieder zurück auf die Handlung. Handlung wird sozusagen „genderisiert“. Im Vordergrund steht hier nicht die geleistete Arbeit, sondern das Geschlecht. So kann es sein, dass zwei Menschen, welche die gleiche Arbeit verrichten, aufgrund ihres Geschlechts unterschiedlich bewertet werden.

Im Kontext der Erwerbstätigkeit kommt den Geschlechtsstereotypen eine herausragende Bedeutung zu, wenn Akteure unterschiedlichen Geschlechts aufeinandertreffen und wenn das Geschlecht im sozialen Kontext oder Zweck der Interaktion eine Rolle spielt. Der Einzelne und die Gesellschaft benutzen Stereotype, welche das Verhalten stützen und steuern. Durch das Handeln werden diese ständig erneuert und reproduziert. Geschlecht beeinflusst hintergründig das Verhalten der Akteure, während vordergründig andere situationsbedingte Faktoren eine wichtigere Rolle spielen.

c) Statusglaube und Erwartungen

Ein weiteres Phänomen, welches Stereotype untermauert und Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern vorantreibt, sind die „gender status beliefs“ (Ridgeway 1997, S. 222) . Unter „gender status beliefs“ versteht man den weitverbreiteten und kulturellen Glauben, dass ein Geschlecht dem anderen überlegen ist. Der Status der Männern und Frauen aufgrund ihres Geschlechts zugeschrieben wird existiert nur in den Köpfen der Menschen. In unserer Gesellschaft existiert zum Beispiel der Glaube, dass Männer in den naturwissenschaftlichen, praktischen und technischen Bereichen des Lebens begabter sind als Frauen. Frauen hingegen werden Fähigkeiten wie, soziales Engagement und große Fürsorglichkeit zugeschrieben. Außerdem gibt es immer noch Menschen, welche der Auffassung sind, dass die Charakterzüge des Mannes wertvoller sind als die der Frau. Männer werden daher als kompetenter eingestuft und der Status von Männern ist in unserer Gesellschaft höher als der von Frauen. Die „gender status beliefs“ beeinflussen das individuelle Handeln und die Beurteilung Anderer bei Männern ebenso wie bei Frauen.

[...]


[1] Hierbei beziehe ich mich vorwiegend auf den folgenden Text: Ridgeway, Cecilia L. (1997): Interaction and the Conservation of Gender Inequality: Considering Employment. In: American Sociological Review 1997, Jg. 62, Heft April; S. 218 - 235. Stanford University.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Interaktion zwischen den Geschlechtern und die Rolle der Frau im Erwerbsleben
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Sozilogie)
Veranstaltung
Seminar: Die gesellschaftliche Konstruktion von Geschlecht
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V20054
ISBN (eBook)
9783638240505
ISBN (Buch)
9783638778053
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interaktion, Geschlechtern, Rolle, Frau, Erwerbsleben, Seminar, Konstruktion, Geschlecht
Arbeit zitieren
Lenka Tucek (Autor), 2003, Die Interaktion zwischen den Geschlechtern und die Rolle der Frau im Erwerbsleben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20054

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