Vorurteile, insbesondere Geschlechtervorurteile offen zu äußern, ist in der fortgeschrittenen modernen Gesellschaft moralisch, wie politisch fragwürdig geworden. Im Grundgesetz steht, dass niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt werden darf. Gleichwohl zeigen aber sozialpsychologische, historische und sozialwissenschaftliche Forschungen die Omnipräsenz von Vorurteils – und Stereotypenbildungen in der Alltagswirklichkeit auf. Diese sind nicht leicht aufzudecken, und die machttheoretische Ebene bleibt meist unbeleuchtet. Gewohnte und tradierte Selbst – und Fremdbilder unterschiedlicher gesellschaftlicher Machtgruppen stellen sich gegenüber dem sozialen Wandel als äußerst zäh dar, da von ihren Trägern und Trägerinnen befürchtet wird, dass ihre Machtposition durch die erforderliche Anpassung ihres Selbstbildes an die gewünschte Veränderung gefährdet ist. Am Deutlichsten treten Geschlechtervorurteile und Stereotypisierungen in der Interaktion zwischen den Geschlechtern hervor. Ob bewusst oder unbewusst - Geschlechtsstereotypisierungen und die dadurch entstehenden Benachteiligungen sind Teil der Interaktion und beeinflussen das Handeln in bestimmten Situationen. Besonders im Erwerbsleben sind deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern und die Benachteiligung von Frauen bemerkbar. In dieser Arbeit soll untersucht werden, welchen Mechanismen die Interaktion zwischen den Geschlechtern unterliegt und welche Auswirkungen die geschlechtsspezifische Interaktion auf das Verhältnis zwischen Männern und Frauen im Berufsleben hat.
(Hierbei beziehe ich mich vorwiegend auf den folgenden Text: Ridgeway, Cecilia L. (1997): Interaction and the Conservation of Gender Inequality: Considering Employment. In: American Sociological Review 1997, Jg. 62, Heft April; S. 218 - 235. Stanford University.)
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. INDIVIDUUM UND GESELLSCHAFT
III. INTERAKTION UND GESCHLECHT
1. Geschlecht als prägender Faktor in der Interaktion
a) Geschlecht als Kategorie
b) Stereotypenbildung und Bewertung
c) Statusglaube und Erwartungen
2. Geschlecht und Arbeit
a) Statusglaube und Erwartungshaltungen im Arbeitskontext
b) Vergleiche mit Anderen
c) Trennung von Arbeitssphären
d) Selbstzuschreibung und Fremdzuschreibung
IV. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zugrunde liegenden Mechanismen der Interaktion zwischen den Geschlechtern und analysiert deren Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Männern und Frauen im Erwerbsleben. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie geschlechtsspezifische Stereotypisierungen, Statuszuschreibungen und interaktive Kategorisierungsprozesse bestehende soziale Ungleichheiten im beruflichen Kontext reproduzieren und festigen.
- Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit durch Alltagswissen und Typisierung.
- Die Rolle von Geschlecht als prägendes Kategorisierungsmerkmal in Interaktionsprozessen.
- Die Auswirkungen von "gender status beliefs" auf die berufliche Bewertung und Lohnfindung.
- Mechanismen der geschlechtsspezifischen Segregation und Selbstzuschreibung im Arbeitskontext.
- Lösungsansätze zur Veränderung gesellschaftlicher Konventionen durch "critical mass models".
Auszug aus dem Buch
2. Geschlecht und Arbeit
Betrachtet man die Auswirkungen der „gender status beliefs“ und die darin implizierten Erwartungshaltungen von Männern und Frauen im Arbeitskontext, sind weitere Ungleichheiten offensichtlich. Frauen sind in der informellen Statushierarchie von Macht und Prestige niedriger angesiedelt als Männer mit den gleichen Vorraussetzungen. Männer gelten als wertvoller, kompetenter und auch respektwürdiger als Frauen. Dies ist unter anderem in den unterschiedlichen subkulturellen Regeln der Interaktion begründet, welche Jungen und Mädchen in der Kindheit vermittelt werden. Frauen haben in Interaktionen mit Männern keine Nachteile durch geringere Bildung oder andere Interessen, sondern durch die Tatsache, dass sie in unserer Gesellschaft einen geringeren Statuswert als Männer besitzen. Dieser Glaube wirkt sich in der Interaktion auf das Verhalten und die Reaktion der Akteure aus und bestätigt dadurch immer wieder die Macht – und Prestigeordnung unserer Gesellschaft.
Bei gleichen Voraussetzungen und hervorragenden Merkmalen erwarten Männer und auch Frauen automatisch mehr Kompetenz vom Mann. Dieses Verhalten führt zu „self fulfilling prophecies“, denn gerade diese Erwartungen an Frauen und Männer sind es, die das Selbstvertrauen, die Durchsetzungsfähigkeit, die Beurteilung der Kompetenz des anderen und somit auch dessen Handeln und den Einfluss auf die jeweilige Situation bestimmen (Ridgeway 1997, S. 224).
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die Omnipräsenz von Geschlechtervorurteilen und deren negative Auswirkungen auf die Interaktion, insbesondere im Berufsleben.
II. INDIVIDUUM UND GESELLSCHAFT: Dieses Kapitel erläutert die Bedeutung der Alltagswelt und intersubjektiver Typisierungen für das menschliche Handeln und die soziale Wahrnehmung.
III. INTERAKTION UND GESCHLECHT: Hier werden die mechanismen analysiert, durch die Geschlecht als Kategorie in Interaktionen fungiert und wie Stereotype sowie Statusglauben Ungleichheiten im Arbeitskontext erzeugen.
IV. FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass ein Wandel der Geschlechterverhältnisse durch das Aufdecken unbewusster Prozesse und durch die Mobilisierung einer kritischen Masse an Individuen erreicht werden kann.
Schlüsselwörter
Geschlechterrollen, Interaktionsprozesse, Stereotypenbildung, Statusglaube, Arbeitsmarkt, Geschlechtssegregation, Selbstzuschreibung, Fremdzuschreibung, Gender Status Beliefs, Self-fulfilling Prophecy, Machtstrukturen, Sozialisation, Berufliche Benachteiligung, Erwerbsleben, Soziale Konventionen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie soziale Interaktionen zwischen Männern und Frauen durch Geschlechtervorurteile und Statuszuschreibungen geprägt sind und wie dies zur Aufrechterhaltung von Ungleichheiten im Erwerbsleben führt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der soziologischen Konstruktion von Geschlecht, dem Einfluss von Alltagstypisierungen auf das Verhalten und der Untersuchung von Macht- und Prestigeordnungen im beruflichen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Mechanismen aufzudecken, die geschlechtsspezifische Benachteiligungen reproduzieren, und aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Konventionen theoretisch aufgebrochen werden könnten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse soziologischer und sozialpsychologischer Konzepte, insbesondere unter Rückgriff auf die Arbeiten von Cecilia L. Ridgeway sowie Berger und Luckmann.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen der Alltagswelt, die Analyse von Geschlecht als interaktive Kategorie und die spezifische Anwendung auf den Arbeitskontext, inklusive Lohnverhandlungen und Berufszuweisungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Gender Status Beliefs, Geschlechterrollen, Stereotypenbildung, Interaktionsprozesse und der Wandel gesellschaftlicher Konventionen.
Was genau versteht die Autorin unter "gender status beliefs"?
Es handelt sich um einen weitverbreiteten kulturellen Glauben, der Männern in bestimmten Bereichen (z. B. Naturwissenschaften oder Führung) eine höhere Kompetenz als Frauen zuschreibt, was wiederum die tatsächliche Bewertung der Arbeitsleistung verzerrt.
Wie wirken sich "self fulfilling prophecies" im Beruf aus?
Erwartungen an das Geschlecht beeinflussen das Selbstvertrauen der Akteure; niedrigere Erwartungen an Frauen führen oft zu einem unsicheren Auftreten, das von anderen wiederum als mangelnde Kompetenz fehlinterpretiert wird, wodurch sich das Vorurteil bestätigt.
Welchen Beitrag leisten "critical mass models" zur Lösung der Problematik?
Diese Modelle erklären, dass ein Wandel von gesellschaftlichen Konventionen erst dann wahrscheinlich wird, wenn eine kritische Anzahl von Individuen beginnt, sich abweichend von tradierten Normen zu verhalten und dadurch andere zur Nachahmung motiviert.
- Quote paper
- Lenka Tucek (Author), 2003, Die Interaktion zwischen den Geschlechtern und die Rolle der Frau im Erwerbsleben, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20054