Selbstbilder - Ichbilder


Fachbuch, 2012
71 Seiten
Barbara Gissrau (Autor)

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Inhalt

Editorial zur 2. Auflage

0 Abstract deutsch/english

1 Einführung

2 Das Selbst und das Ich bei William James

3 Das Selbst und das Ich der modernen Persönlichkeitsforschung
3.1 Funktion des Selbst
3.2 Entwicklung des Selbst

4 Das Selbst und das Ich der psychoanalytischen Schulen
4.1 Klassische Psychoanalyse
4.2 Objektbeziehungstheorie
4.3 Selbsttheorie von Heinz Kohut
4.3.1 Entwicklung des Selbst
4.3.2 Funktion des Selbst
4.3.3 Qualitäten des Selbst

5 Das Selbst und das Ich der Säuglingsforschung
5.1 Entwicklung des Selbst

6 Das Selbst und das Ich der analytischen Psychologie
6.1 C.G. Jung

7 Das Selbst und das Ich der transpersonalen Psychologie
7.1 Die Psychosynthese von Assagioli
7.2 Die integrale Psychologie von Ken Wilber

8 Das Selbst und das Ich der «Spirituellen Medialität» von Linda Roethlisberger

9 Zusammenfassung

10 English Summary

Literaturliste

Autorin

Editorial zur 2. Auflage

Das Manuskript zu „Selbstbilder - Ichbilder“ wurde im Jahr 2001 von Barbara Gissrau fertig gestellt und zum ersten Mal am Trilogos Institut veröffentlicht - damals noch als Broschüre und ohne sog. ISBN-Nummer. Erst im Jahr 2008 wurde der vorliegende Text im Trilogos Verlag als Buch publiziert.

In der zweiten Auflage ist dieser Band, bis auf das neue Editorial, identisch mit dem ursprünglichen Manuskript welches im Jahre 2001 veröffentlicht wurde. Wir, die Reihen-Herausgeber, bedauern zutiefst, dass Barbara Gissrau, die Autorin dieses Buches im Jahr 2010 verstorben ist. Sie hat jedoch schon seit dem ersten Erscheinen dieses Textes alle Rechte Trilogos geschenkt und wir freuen uns nun diesen Meilenstein in der Geschichte des Trilogos Ansatzes neu aufzulegen.

Warum ist dieser Text ein Meilenstein? Barbara Gissrau, ihres Zeichens Psychologin und Lehrbeauftragte in diesem Fach, war selbst einst Teilnehmerin der Trilogos Grundschulung (Stufen 1 bis 3). Insbesondere die Erfahrungsebene sowie die vielfäl- tigen psychologischen Interventionsmöglichkeit, die Linda V. Roethlisbergers Ansatz in Theorie und Praxis bot, hatten es Barbara Gissrau angetan. Da es bis zum dama- ligen Zeitpunkt keine wissenschaftlich fundierte, psychologische Abhandlung über den Trilogos Ansatz gab, entschloss sich Barbara Gissrau kurzer Hand eine Ver- gleichstudie anzufertigen. In dieser stellte sie Linda V. Roethlisbergers Trilogos An- satz verschiedensten zentralen Theorien gegenüber. Sie wählte dazu eine chronolo- gische Aufarbeitung und begann ihre Studie mit William James’ Reflexionen über das menschliche Bewusstsein, gefolgt von Freud und weiteren zentralen Figuren der Psychologiegeschichte. Doch spätestens mit Ken Wilber wird deutlich in welche Richtung die Autorin ihre Vergleichsstudie angelegt hatte: in Richtung transpersona- ler Psychologie - eine noch sehr junge Disziplin. Erst durch Berücksichtigung dieser neuen Richtung in der Psychologie wird verständlich, weshalb der Titel dieses Wer- kes „Selbstbilder - Ichbilder“ lautet. Während sich frühere Konzeptionen meist auf Ego, Ich, Unbewusstes beschränkten, wird hier das Selbst bzw. das höhere Selbst sowie wahre Selbst hinzugefügt. Erst dadurch wird eine Integration von spirituellen Bewusstseinsanteilen in psychodynamischen Konzeptionen möglich und dadurch Emergenz. Nicht nur Denken und Fühlen, sondern auch Glauben und Vertrauen in einem spirituellen Sinn werden dabei als Ressource entdeckt, ebenso wie parapsychologische Phänomene.

Der wesentliche Unterschied zwischen den hier erwähnten Ansätzen der transpersonalen Psychologie und der von Linda V. Roethlisberger entwickelten Trilogos-PsyQ- Methode (TPM) in Theorie und Praxis liegt aber laut Barbara Gissrau nicht in der Weiterentwicklung von Theorien, sondern ganz entschieden in der Entwicklung einer praktisch-anwendbaren Methode, die spirituelle, wie auch paranormale Phänomene nicht nur erfahrbar macht. Barbara Gissraus Resümee ist, dass der Trilogos Ansatz diese Phänomene in einer strukturierten Form für psychologische (transpersonale sowie tiefenpsychologische) Interventionen zu nutzen vermag.

Insofern handelt es sich bei dieser Publikation um eine nach wie vor aktuelle, innovative Lektüre. Viele Freude beim Lesen wünschen deshalb

Linda V. Roethlisberger und Michael N. Weiss die Reihenherausgeber

Abstract: deutsche Version

Die Autorin Barbara Gissrau zeigt in ihrem Buch „Selbstbilder - Ichbilder“ eine Viel- falt an Selbst- und Ich-Konzeptionen auf. Ihre Untersuchung beginnt sie bei William James und gelangt schließlich zu den Selbst- und Ichbildern der transpersonalen Psychologie, einem Bereich, der Persönlichkeitsentwicklung, Spiritualität und Be- wusstseinsforschung miteinander verbindet. Besondere Erwähnung findet dabei der TRILOGOS Ansatz von L. Roethlisberger, der einerseits eine umfassende Ich-Selbst Konzeption aufweist und andererseits auch eine Methode bietet, um die Transforma- tion und Rückverbindung zwischen Ich und Selbst zu ermöglichen. Letztlich zeigt sich dabei, dass persönliche Entfaltung und die Entwicklung einer ethischen Haltung sich nicht entgegenstehen, sondern einander sogar bedingen.

Abstract: englisch Version

In her book “Self-images - Ego-images“ the author Barbara Gissrau displays a multitude of self- and ego- perceptions. She begins her analysis with William James and reaches the self- and ego-images of the transpersonal psychology, a discipline connecting self-development, spirituality, and consciousness research. Special attention is paid to the TRILOGOS approach by L. Roethlisberger, who on the one hand demonstrates a comprehensive ego-self conception, and on the other hand offers a method to enable the transformation and interconnection between ego and self. Ultimately, it is revealed that personal evolvement and the development of an ethical mindset are not opposed but in fact mutually dependent.

1 Einführung

Warum nenne ich diesen Artikel Selbst- und Ich-Bilder? Ganz einfach, weil ich nur Bil- der, Vorstellungen, Modelle, also Phantasien über einen Begriff zusammentragen kann. Noch nie hat jemand das Selbst oder das Ich gesehen. Es ist nichts Substanz- haftes, das wir beobachten oder unter das Mikroskop legen könnten. Wir erleben be- stimmte Gefühle, Empfindungen, Stimmungen, oder Gedanken kreisen in uns. Und wir versuchen, diese inneren Ereignisse irgendwie zu ordnen - und dann versuchen wir auch noch, den Ordner zu erfassen, und das, welches diesen gebildet hat usw.

Hier geht es um die innere Ordnungsinstanz, die in allen psychologischen Schulen als Ich bezeichnet wird. Welche Phänomene, welches Erleben gehört nun zum Ich? Darin unterscheiden sich die Schulen. Und wozu brauchen wir neben dem Ich noch einen Begriff, das Selbst. Welches Erleben steckt hinter diesem Begriff? Auch darüber sind sich die ForscherInnen nicht einig. Es geht also in diesem Artikel darum, die inneren Ereignisse aufzuspüren, die in den jeweiligen Schulen als Ich oder als Selbst bezeich- net werden. Die Begriffe selbst sind Gedankenkonstruktionen. Das heißt jedoch nicht, dass sie eigentlich nichts sind. Es sind Abstraktionen von konkretem Erleben. Ihre Funktion ist, auf ein konkretes Erleben hinzuweisen. Sie selbst sind dieses Erleben jedoch nicht. Wenn wir nichts Erfahrbares dahinter spüren würden, dann, in der Tat, könnten wir auf sie verzichten.

Dabei sind wir sofort in einem Dilemma, das es mit der Sprache immer gibt. Sprache benützt Symbole - und schon sind wir in der Welt der Bilder. Durch Sprache können wir letztlich nie unser Erleben exakt darstellen, wir versuchen, uns so gut wie möglich anzunähern. Dann hoffen wir, dass die Andern wenigstens ein bisschen von dem ver- stehen, was wir meinen, und zwar dadurch, dass unsere Sprache vielleicht auf ein ähnliches Erleben im Anderen verweisen kann. Wenn ich «rot» sage, hoffe ich, dass mein Gesprächspartner in sich etwas erinnert, das mit meinem Erleben von «rot» zu- mindest ähnlich ist. Ich werde in diesem Artikel einige Selbst- und Ich-Modelle darstel- len, sie miteinander und mit den Vorstellungen von Linda Roethlisberger vergleichen. Es könnte sein, dass wir durch die Erfahrungen eines medial begabten Menschen ver- anlasst werden, unsere bisherigen Vorstellungen dieser Begriffe zu erweitern.

2 Das Selbst und das Ich bei William James

Der Vater der Selbstforschung dürfte wohl William James (1842-1910) gewesen sein. Seine Selbsttheorie zu kennen ist wichtig, da sie viele nachfolgende psychologische Schulen beeinflusst hat. Er beschrieb in seinen «Principles of Psychology», dass von Anfang des Lebens an ein kontinuierlicher Bewusstseinsstrom fliest. Phänomenal für seine Zeit ist folgende Aussage: «Niemand hat je eine einfache Empfindung gehabt. Bewusstsein ist seit unserer Geburt Bewusstsein einer übergroßen Vielfalt von Dingen und Relationen»1. Spätere Psychologen werden meinen, dass der Säugling in einem Art autistischen Zustand zur Welt kommt, aus dem er sich in den nächsten Monaten allmählich befreien wird. Erst durch die modernste Säuglingsforschung wird James damalige Aussage belegt. Denn heute weiss man, dass der Säugling tatsächlich mit vielfältigen Fähigkeiten und Wahrnehmungsmöglichkeiten, also schon mit einem intak- ten Bewusstseinsstrom auf die Welt kommt. Dieser ist für ihn das Selbst.

Bewusstseinszustände befinden sich nach James´ Meinung in einer stetigen Aufeinanderfolge, ohne Unterbrechung. Deshalb nennt er dies wohl auch Strom. Kennzeichen dieses Bewusstseinsstroms sind nach ihm:

- Jedes Erlebnis tendiert dazu, integrierender Bestandteil eines persönlichen Be- wusstseins zu werden. Das heißt, Erleben wird erinnert. Daraus wird dann ein individuelles Abbild der Welt geschaffen. Wir erschaffen also daraus unsere Weltbilder und Handlungsmuster.
- Erleben verändert sich im Bewusstsein fortwährend, jedes persönliche Be- wusstsein erfährt sich selbst als ununterbrochenen Strom. Wir korrigieren also diese Weltbilder ständig und integrieren neue Erfahrungen.
- Das Bewusstsein scheint immer auf Objekte bezogen zu sein, die relativ unab- hängig von ihm existieren - das Objekt kann auch die eigene Person sein.
- Das Bewusstsein wählt aus. Es hat also eine Dynamik, eine Zielstrebigkeit

Er unterscheidet das Selbst in 2 Hauptkategorien, die viele spätere Forscher aufgegriffen haben und praktisch bis heute noch akzeptiert werden.

1. Das Selbst als zum Bewusstsein Kommendes. Es ist das erkennende Selbst oder das empirische Selbst, das er auch als «Mich» bezeichnet.
2. Das Selbst als Bewusstsein Habendes, das «Ich» oder das reine Ego, das sich selbst der Beobachtung entzieht, es ist das Subjekt aller Bewusstseinsvorgänge. Alles, was ich an mir wahrnehmen kann, wird schon zum «Mich», also zum Ob- jekt, auf das sich mein Bewusstsein richten kann, das was wahrnimmt, kann nicht wahrgenommen werden.

Wenn ich also über mich nachdenke, wenn ich eine Wahrnehmung über mich selbst habe, dann verdopple ich mich: Ich erkenne mich. Dieser Verdoppelungs-Effekt ist offenbar eine Eigenschaft des Selbst.

Das empirische Selbst, also das Mich unterteilt James dann noch in:

1. Das materielle «Mich», zu dem der eigene Körper, Familie und Besitz zählt.
2. Das soziale «Mich», zu dem die Gedanken über das soziale Ansehen und alle Rollen gehören, die wir im Laufe des Lebens spielen.
3. Das geistige «Mich», zu dem innere Werte und das Wissen um das psychische Vermögen, die Dispositionen gehören.

Über den Selbstteil des Ichs schreibt er vorsichtiger. Er meint, dass dieses als innerer Kern gefühlt werden könne. Aber wie? Ihm fällt nur ein, dass es wahrgenommene leib- liche Empfindungen sein müssten. Auch das Gefühl geistiger Tätigkeit ist dann im We- sen ein Fühlen leiblicher Tätigkeit. Bewusstseinsvorgänge sind also bei ihm an den Leib gebunden. Im reflexiven Erleben komme der Leib zu sich selbst, entdecke sich als Ursprung, als Urgrundlage, als Ich. Denn der Leib sei schon da gewesen, bevor es ein Ich gab.

Bei Linda Roethlisberger (im weiteren Text kürze ich ihren Namen zu L.R.) ist es gerade umgekehrt. Sie meint, dass zuerst das Selbst existiert, das den Leib und dann das Ich entstehen lässt.

Die Bewusstseinsvorgänge sind bei ihm letztlich unsere Gedanken, deren Grundlage der Leib sei. Er kann also auf die Begriffe Seele oder Geist verzichten, meint aber, dass diese Begriffe dasselbe meinen, also bestimmte Gedankenformen bezeichnen.

Er fragte sich, wie diese Verdoppelung von Ich und Mich wohl entstehe und bezieht sich auf das Kindheitserleben. Das Neugeborene ist immer auf eine andere Person bezogen. In der Spiegelung dieser anderen Person erkennt das Kind allmählich sich selbst. Die Verinnerlichung dieses Prozesses könnte zu der Fähigkeit der Verdoppelung führen, also zum Ich und Mich.

Ein weiterer wichtiger Gedanke von ihm war, dass die Bewusstseinsvorgänge eine motivationale Komponente hätten, die fast instinkthaft zu bezeichnen sei. Bewusstsein reflektiert nicht einfach Ereignisse. Es will auch etwas. Es will sich vergrößern und von Andern anerkannt werden. Damit ist James zum Vorläufer der modernen Selbstkon- zept-Forschung geworden, die sich sehr mit den Absichten des Selbst beschäftigen.

Kritische Bemerkungen:

James hat für seine Zeit einen sehr umfassenden Blick auf das ich und das Selbst ausgebreitet. Spätere psychologische Schulen griffen sich häufig Teilbereiche von Ja- mes Werk heraus und spezifizierten dieses noch weiter, so auch die heutige Persön- lich-keits-psychologie. Dadurch erfuhren die Begriffe häufig eine Einengung. Die Per- sönlichkeitsforschung wurde differenzierter insgesamt jedoch flacher. Es wirkt auf mich, wie wenn die Psychologie auf diesem Gebiet eine horizontale Entwicklung beschritten, dabei die vertikalen Tiefen vergessen hätte. Wenn wir die beiden Werke von James und Linda R. vergleichen, fällt auf, dass beide eine Art Ich-Selbst-Achse beschreiben, wobei das Ich ein Teil des Selbst ist. Die Ursache von beiden kann er allerdings nur im Leib aufspüren, weiter kann oder will er offenbar nicht blicken. Er betont ausdrücklich, dass man auf Begriffe wie Geist, Seele verzichten könne, weil sie letztlich nichts Ande- res seien als Gedanken. Der Bewusstseinsstrom drückt sich in unseren Gedanken aus.

Er, also das Selbst ist von Geburt an vorhanden und differenziert sich im Laufe des Lebens immer weiter. Mehr kann er über dessen Ursache nicht sagen.

Für L.R. sind hauptsächlich die Gefühle, die aus dem Selbst sprudeln, Ursache des Bewusstseinsstroms, die sich dann in unseren Gedanken, und im Handeln ausdrücken, und immer neue Synthesen miteinander bilden müssen, woraus dann ein Selbstwert- gefühl und ein Lebenssinn herausgefiltert wird. Auch meint sie, dass es hinter unseren Gedanken und Gefühlen noch weitere Ebenen gibt, die sie «feinstoffliche Bewusst- seinswelten» nennt, die man mit medialem Training bzw. der Schulung unserer Ge- danken- und Gefühlssprache erfahren kann. Ihr System verleiht der psychologischen Sichtweise auf unsere Person mehr Tiefe. Die Gefühls- und Gedankenwelt sind bei ihr zwei von insgesamt acht Erlebnisebenen des Menschen, die sie offenbar wahrnehmen und genau beschreiben kann.

Das Selbst von James, dieser Erlebnisstrom umfasst bei L.R. wohl die vierte Ebene, und reicht vielleicht manchmal in die fünfte Ebene hinein, die sie die Ebene des höheren Selbst nennt. Das Ich reicht bei L.R. wohl nicht über die vierte Ebene hinaus. Es ist das ordnende Zentrum unserer bewussten Erfahrungen über uns selbst. Das Selbst von James dürfte sich in weiten Teilen mit dem Ich von Linda decken.

Bei L.R. ist das Ich auch ein Teil des Selbst. Dieses ist jedoch nicht der Endpunkt un- serer Entwicklung. Das Selbst ist ein Teil von noch etwas Umfassenderem, nämlich von den höheren Ebenen, die die niederen einschließen. Alles ist ein Teil des Göttli- chen, dieser letzten Ursache, aus der sich alle diese Ebenen und Körper entfalten. Was James das Selbst nennt, wird in Lindas System noch weiter aufgefächert, sie kann noch mehr Ebenen erkennen. Dies ist das Geschenk, was mediale Menschen uns geben können. Allerdings wird wohl diese weitere Sicht- und Erlebensweise in der Wissenschaft erst dann voll anerkannt werden, wenn die Forscher ihre eigene Sensibi- lisierung, ihren individuellen «spirituellen PSI-Quotienten», wie sie ihn nennt, so weit entwickelt haben, dass sie diese Ebenen selbst erspüren können.

3 Das Selbst und das Ich der modernen Persönlichkeitsforschung

In der heutigen Selbstkonzept-Forschung2, die ein Teil der Persönlichkeitstheorie ist, wird das Selbst unterteilt in die Begriffe des Selbstkonzepts und des Selbstwertge- fühls . Das Selbstkonzept beinhaltet die Ideen, die Vorstellungen, die ich von mir selbst habe, die in meinem Gedächtnis gespeichert sind. Es ist also ein Gedankensystem, während das Selbstwertgefühl die Gefühlsfärbung der Gedanken über sich selbst dar- stellt. Nach Epstein3 stellt der Mensch Hypothesen auf über sich und die Umwelt und überprüft sie durch Beobachtung der Umgebung und sein Verhalten. Hypothesen, die sich dadurch bewährt haben, behält er bei, nicht bewährte verändert oder verwirft er. So entwickelt das Individuum im Laufe der Zeit ein gut organisiertes, differenziertes und integriertes Konstruktsystem über sich selbst und über die Welt. Beide hängen zusammen. Wie ich meine Umwelt erlebe, so konstruiere ich auch meine Gedanken über mich selbst und umgekehrt. Anders herum stimmt auch, ich mache mir eine Vor- stellung über mich selbst, z.B. ich bin eine gute Musikerin. Dann möchte ich diesen Plan auch in der Umwelt realisieren. Wahrnehmungen, die nicht zu diesem inneren Plan passen, haben die Tendenz, ignoriert zu werden. Epstein differenziert also das Mich bei James noch weiter aus und erklärt, wie es zustande kommt, was es für eine Funktion hat.

Nur durch eine wie auch immer geartete einheitliche Selbst-Theorie ist ein Sich Zu- rechtfinden in der komplexen Realität möglich, meint er. Wir brauchen also unsere Selbsttheorien, auch wenn sie vielleicht mit der Realität nicht so recht übereinstimmen. Diese Selbsttheorien sind nichts Anderes als durch Erfahrung gewachsene Einstellun- gen zu mir selbst. Einstellungen sind wiederkehrende Gedankenmuster, die dadurch eine gewisse stabile Struktur gewonnen haben. Sie sind wie gebahnte Wege, auf de- nen wir im Laufe der Zeit fast automatisch unsere Gedanken bewegen und dadurch den Weg immer breiter werden lassen. Sie erleichtern unser Leben. Denn wir müssen nicht in jeder Situation neu nachdenken, wie wir uns verhalten sollen.

Interessant ist, wie diese Selbstbilder auf das Verhalten zurückwirken. Dazu gibt es viele Untersuchungen. Hier ein paar Ergebnisse:

Menschen mit hauptsächlich positiven Selbstkonzepten nehmen positive Signale bezüglich ihrer selbst mehr wahr als negative und umgekehrt. So internalisieren Menschen mit niedrigem Selbstbewusstsein dazu relevante Information stärker als positive Information. Positive Information wird sogar entsprechend umgearbeitet, damit sie zu dem niedrigen Selbstbewusstsein passt. Wenn ich überzeugt bin, dass mich niemand mag, und mir dann jemand sagt, dass er mich mag, denke ich, dass der Andere mich anlügt und sich nur bei mir einschmeicheln will.

Frauen führen häufiger als Männer ihren Erfolg auf Zufall zurück. Männer führen ihn auf das Ergebnis der eigenen Leistung zurück. Daher können diese Frauen dann auch keine Verstärkung ihres Selbstbewusstseins aus ihrem Erfolg ziehen, wie das Männer können.

Durch mein Verhalten verstärke ich wiederum meine Selbstkonzepte. Personen mit niedrigem Selbstbewusstsein und negativer Selbsteinschätzung umgeben sich lieber mit Personen, die sie kritisieren als mit solchen, die sie positiv beurteilen, wodurch sie ihr negatives Selbstkonzept sich selbst bestätigen. Sich selbst vergewisserndes Verhalten soll der inneren Konsistenz und psychischen Gesundheit dienen. Dazu gehören die Rituale des Alltags, bestimmte Symbole, z.B. Kleidung, Schmuck, Auto, die Auswahl von Interaktionspartnern und Aktivitäten. Golfspielen soll, so habe ich gehört, eher der Selbstwerterhöhung dienen als der sportlichen Betätigung.

Interessant finde ich auch, dass die Menschen ihre verschiedenen Vorstellungen über sich selbst unbewusst hierarchisch gliedern. Welches Konzept auf einer höheren inne- ren Ebene liegt, erkennen wir daran, dass es uns schwer fällt, es zu verändern. Kon- zepte auf niederen Ebenen fällt uns leicht zu verändern, bei neuen Erfahrungen.

Ich habe z.B. das Selbstkonzept einer, die Katzen mag, die nicht gerne Sport treibt, die nicht gerne kocht, die großzügig ist und, die sich für Spiritualität interessiert. Meine Vorstellung, nicht gerne zu kochen, könnte sich evtl. verändern, wenn ich etwas sehr Gutes gegessen habe und nun Lust bekomme, dieses für mich selbst öfter zu kochen. Diese Einstellung wäre also auf einer niederen Ebene meiner Selbstkonzept- Hierarchie angesiedelt. Wenn ich jedoch meine Katze hergeben sollte, weil vielleicht mein Partner allergisch gegen sie reagiert, würde dies mir mehr Unbehagen bereiten, woran ich erkennen kann, dass das Katzenkonzept auf einer ranghöheren Ebene in meiner Person liegt. U. U. würde ich lieber den Partner wechseln.

Die Konzepte auf der höchsten Ebene zu verändern, bereitet der Person meist größte Angst und Stress, da das Selbstwertgefühl hier unmittelbar betroffen ist, weshalb dies wenn irgend möglich, vermieden wird. Meine Sehnsucht nach spiritueller Entfaltung aufzugeben, würde mir großen Stress verursachen. Die Konzepte höherer Ordnung sind nicht immer bewusst, wirken jedoch trotzdem unmittelbar auf das Verhalten. Also wenn ich der unbewussten Überzeugung bin, dass nur skrupellose Leute viel Geld besitzen können, dann werde ich unbewusst Situationen vermeiden, in denen ich viel Geld haben könnte. Auf der bewussten Ebene ärgere ich mich vielleicht, dass ich im- mer nur so wenig Geld verdiene und könnte an ein böses Schicksal glauben. Das un- bewusste Konzept jedoch steuert mein Verhalten. Die hochrangigen Konzepte, ob be- wusst oder unbewusst, gestalten unser Schicksal, gewähren jedoch auch Kontinuität und Stabilität.

Allerdings sind alle Selbstkonzepte auch der Veränderung unterworfen. Durch die Veränderung vieler, sehr konkreter Konzepte auf den rangniederen Hierarchieebenen passen sich auch die hochrangigen Selbst-Theorien allmählich und kaum wahrnehmbar den sich verändernden Lebensumständen an.

Es ist jedoch auch möglich, dass eine Person verschiedene Selbstbilder in sich hat, die sie nicht miteinander vereinbaren kann. Dann wird sie das unannehmbare Selbst- bild verdrängen. Andere können jedoch durch Beobachten ihres Verhaltens oft leicht herausfinden, welches Selbstkonzept dahinter stecken mag. Ein Beispiel: Ich habe vielleicht das bewusste Konzept, dass ich großzügig bin, spare aber an allen Ecken und Enden. Meine Freunde sagen mir vielleicht irgendwann, dass ich geizig bin. Dann entsteht in mir eine Krise, weil ich offenbar ein unbewusstes Konzept in mir habe, das ich nicht gut akzeptieren kann, das ich nun jedoch auch nicht mehr verleugnen kann.

Auf solche Selbstbilder -Konflikte gibt es drei Reaktionsmöglichkeiten:

Bei stabilem Selbstwertgefühl prüfe ich die neue Information, assimiliere sie vielleicht und weite damit meine Selbstkonzepte aus, dahingehend, dass ich auch manchmal geizig sein kann.

Bei niedrigem Selbstwertgefühl verändere ich meine alte Konzeption ganz schnell und werde gemäß meinem Idealbild wirklich großzügig bzw. vermeide Situationen, in denen man mich als geizig darstellen könnte.

Zur eigentlichen Krise kommt es eher bei mittlerem Selbstwertgefühl. Ich verleugne und verzerre die Information durch den Gebrauch von Abwehrmechanismen, indem ich z.B. mir selbst sage, die Anderen sehen mich nicht richtig, sie projizieren ihre Pro- bleme auf mich usw. Oder ich dissoziiere das Wissen, d.h. ich spalte es ab, will davon nichts wissen. Ein verdrängtes oder dissoziiertes Konzept hat jedoch trotzdem Wir- kungen auf das Verhalten. Es ist eine ständige Quelle von Angst und führt häufig zu psychischer Krankheit oder psychosomatischen Symptomen. Wenn ich davon geheilt werden will, muss ich bereit sein, meine Selbstkonzepte umzubauen. Dies kann bein- halten, dass ich den dazugehörigen Lebensraum, Lebenspartner oder meine Arbeit verlasse um wieder in Harmonie mit meinen nun bewusstgewordenen, neuen Selbst- konzepten leben zu können. Z.B. hat eine Frau sich als Mutter identifiziert und lebte damit jahrelang gut. Wenn die Kinder erwachsen sind, gehen sie aus dem Haus. Die Frau kann sich nicht länger über das Konzept Mutter Selbstbestärkung holen. Sie muss sich ein neues Selbstkonzept aufbauen.

Kritische Bemerkungen:

Das Selbst ist hier also eine bestimmte Einstellung, nämlich die zu sich selbst. Es ent- hält viele Facetten, ist also multidimensional. Jede hat zwei Komponenten, eine kogni- tive und eine affektive. Dieses «Konstrukt» Selbst ist das ganze Leben in Entwicklung und Veränderung. Mit zunehmendem Alter wird es durch die Erfahrungen weiter aus- differenziert. Es hilft uns, uns als etwas Ganzes, Kontinuierliches und von Andern Ab- gegrenztes zu erleben. Diese Selbstvorstellung ist in der Psychosynthese vergleichbar mit den Teilpersönlichkeiten aus dem unteren und oberen Unbewussten. Bei Linda wäre dieses Selbst Teil unserer Psyche. Sie umfasst alle unsere Lebenserfahrungen wie ein Schutzmantel. Jedoch kann sie im Laufe des Lebens auch zu eng werden. Dann müssen wir sie erweitern. Es wären zu eng gewordene Einstellungen zu mir selbst, also ein Selbstkonzept, das nicht mehr zu meinem Sein passt. Die Psyche um- fasst bei L.R. die ersten vier Ebenen. Aus der Reibung zwischen verschiedenen Ge- danken-Gefühls-Systemen erwachse die Kraft, ständig zu wachsen und letztlich erwachsen zu werden.

3.1 Funktion des Selbst

Warum bauen wir uns solche Selbstkonzepte? In der Forschung werden drei Motive beschrieben:

1. In ein harmonisches Gleichgewicht zur Umwelt zu erlangen, durch Assimilation der Umweltdaten und Akkommodation an die Umweltbedingungen.
2. Ein Gleichgewicht zwischen Lust und Schmerz zu erreichen.
3. Das Selbstwertgefühl zu erhalten und zu steigern.

Das Verhalten einer Person stellt nach dieser Theorie immer einen Kompromiss zwischen diesen drei Funktionen dar. Der Erhalt des Selbstwertgefühls ist wohl die Basis für alle anderen Bedürfnisse. Wenn es nicht erfüllt wird, führt es zu schweren psychischen Krankheiten bis hin zur Schizophrenie.

3.2 Entwicklung des Selbst

Das, was die Psychologen Entwicklung nennen, hat als wesentliches Ziel, das Selbstwertgefühl zu erhalten und wenn möglich zu steigern. Und ein gesteigertes Selbstwertgefühl gebe uns ein Gefühl von Glück. Glück sei die Glut, welche die Integration der Persönlichkeit begleite, während sie sich um die Erreichung von Zielen bemüht. Glück selbst sei nicht eine motivierende Kraft, sondern ein Nebenprodukt einer anderen motivierenden Aktivität, schreibt Allport (1958, 64), nämlich der Aktivität, das Selbstwertgefühl immer weiter zu steigern4.

Ist ein Selbst von Geburt an vorhanden oder wird es erst im Laufe der Entwicklung gebildet? Die Ansichten gehen weit auseinander. Für Allport ist das Neugeborene ein Reflexwesen, ein Produkt seiner Vererbung. Bei der Geburt gibt es noch keine Spur von Ich und Selbst. Angetrieben wird es von einem allgemeinen Strom der Aktivität.

Wo der herkommt, darüber wird nichts geschrieben. Im Laufe des 1. Lebensjahres entwickelt das Baby einen Körpersinn, d.h. es entwickelt die Fähigkeit, die sensomoto- rischen Erlebnisse als die eigenen zu erkennen. Dann entwickelt es mit zunehmender Gedächtnisfunktion und mit dem Hören seines Namens die Idee, dass es ein Zentrum von Erfahrungen ist. Dies ist die erste Spur von Selbst-Identität. (Allport) Danach ent- wickle sich Selbstachtung, was mit Egoismus, Selbstliebe, Selbstdurchsetzung zu tun habe. Diese drei Qualitäten bilden sich in den ersten drei Lebensjahren aus. Danach, bis ca. zum sechsten Lebensjahr dehnt sich die Ich-Erfahrung immer weiter aus. Die Begriffe Selbst und Ich werden bei Allport häufig als Synonyme verwendet, also nicht klar unterschieden.

Es bildet sich also ein rationales Ich, das dazu fähig ist, zwischen den eigenen Wün- schen und den Anforderungen der Realität Kompromisse zu machen. Es ist wohl das Ich, das auch die Tiefenpsychologie beschrieben hat. Dann zwischen dem sechsten und zwölften Lebensjahr wachsen dem Selbstbild die Rollen-vorschriften zu, die wohl etwas mit dem Überich der Tiefenpsychologie zu tun haben. In der Adoleszenz kommt ein «Eigenstreben» hinzu. Es ist die Motivation, sich zu entwickeln, dafür Spannungen auszuhalten, Kenntnisse zu erwerben, Anregungen aktiv zu suchen. Dies wäre in der Tiefenpsychologie das Idealich. Als letztes Kommt dann eine Gesamtschau hinzu. Es ist das Selbst als Wissender, das Subjekt-Ich, das die anderen Aspekte nun als zu der Person zugehörig wahrnehmen kann.

Lersch5, ein weiterer großer Persönlichkeitspsychologe machte sich mehr Gedanken über die «allgemeine Aktivität» die von Geburt an zu beobachten ist. Er nennt dies den «endothymen» Seinsgrund, der durch alle Lebewesen hindurch geht und sich in einem globalen Lebensdrang äußert. Dieser Begriff ist vielleicht mit C.G. Jungs allgemeiner Lebensenergie vergleichbar. Bei L.R. ist dies ein Teil von Logos, wohl die ursprüngli- che Lebensenergie, die als unterschwelliger Strom uns das ganze Leben hindurch be- gleitet und all unsere Gedanken und Gefühle, unsere Sehnsüchte und Wünsche durchdringt. Allerdings kann sie diesen Seinsgrund noch differenzierter beschreiben.

In diesem Seinsgrund sind nach Lersch schon besondere Tendenzen des Wachstums, innere Bildkräfte angelegt, die darauf gerichtet sind, sich zu verwirklichen. Allerdings brauchen diese Anlagen des Organismus bestimmte auslösende Umwelteinflüsse, damit Entwicklungsprozesse stattfinden können. Lebewesen und Umwelt bilden ein polares Ganzes. Voraussetzung ist eine gewisse Anpassungsfähigkeit des Organis- mus, die alles Lebendige auszeichnet. Hier gibt es Parallelen zu L.Rs System. Auch sie meint, dass ein Säugling schon mit gewissen «Absichten» auf die Welt kommt. Das Selbst, das bei ihr schon längst vor der Geburt vorhanden ist, hat sich ein bestimmtes Lernprogramm für das jetzigen Leben vorgenommen. Dies könnten die Bildkräfte von Lersch sein. Auch bei ihr ist der ständige Austausch mit der Umwelt wichtig. Dadurch erst kann das Selbst sich seiner Lernerfahrungen bewusst werden. Imagination, Intui- tion und Inspiration sind für sie die Brücken zu unserer ureigensten Wahrheit, die in der Reibung mit der Wahrnehmung des Außen immer weiter verfeinert werden.

Er findet die Person in Schichten, ähnlich der einer Zwiebel aufgebaut. Neben dem Seinsgrund gibt es noch den personellen Überbau, dem Ort des Denkens und be- wussten Wollens. Das «personale Selbst» versuche die beiden Schichten zu integrie- ren. Es sei die beide umgreifende zentrale Organisationsinstanz. Das Ich ist nach Lersch eine «formale Instanz» und insofern inhaltlich leer. Was gehört, gedacht und gewollt wird, das sind Bildkräfte, die aus dem endothymen Seinsgrund ins Ich aufstei- gen. Das personale Selbst realisiert sich erst, wenn sich das Ich mit den Erlebnissen des endothymen Grunds auseinandersetzt und ins Bewusstsein hebt. Daraus entstehe die eigentliche Mitte der menschlichen Person. Diese ist also nicht von Geburt an vor- handen. So sei dem Menschen sein Dasein nicht eigentlich gegeben, wie dem Tier, sondern aufgegeben, als Realisierung seines personalen Selbst als Aufgabe der Selbstfindung und Selbstverwirklichung , schreibt er. Das Ich dient dabei der Be- wusstwerdung der Bildkräfte aus dem Unbewussten.

Andere, eher sozialpsychologisch orientierte Forscher, wie z.B. Georg Herbert Mead6 meinen, dass das Selbst sich ausschließ-lich in der Interaktion mit der Umwelt bilde. Ohne Umwelt könne man sich nicht entwickeln. Das Kind orientiert sich an einem si- gnifikanten Andern. Wie dieser das Kind sieht, so sieht es sich allmählich selbst. Er meint, ein Mensch werde zu einem Selbst, weil er einer Gemeinschaft angehöre. Eine scharfe Trennung zwischen dem eigenen Ich und dem der Andern sei nicht möglich. Die Haltungen der Anderen bilden das organisierte «Mich» und man reagiert darauf als ein «Ich an sich». Hier wird also das Ich einfach auf das Mich zurückgeführt. Man meint, da die Gesellschaft vor dem Individuum existiert, kann der Mensch nur ein Teil von ihr sein. Das Selbst schrumpft zu einem System introjizierter sozialer Einstellungen, dem Überich der Tiefenpsychologie ähnlich.

Kritische Bemerkungen:

Es ist schon erstaunlich, wie exakt die Persönlichkeitsforscher unsere Gedanken- und Gefühlssysteme erforscht haben. Darin liegt ihre Stärke. Wir wissen nun sehr viel dar- über, wie Gedanken sich zu Einstellungen zusammen gruppieren, wie diese wieder auf das Verhalten wirken und wie wir uns aus diesen Einstellungen ein stabiles Selbst- konzept aufbauen.

Ein Selbst von Beginn des Lebens an, gibt es hier nicht. Es entwickelt sich erst im Lau- fe des Lebens. Allerdings sind bei Lersch schon gewisse unbewusste Bildkräfte ange- legt, die er jedoch nicht als Selbst bezeichnet. Das ist unterschiedlich zur transperso- nalen Psychologie und zu L.Rs System, denn dort ist das Selbst immer schon vorhan- den, wenn auch unbewusst. Unterschiedlich ist auch, wo im Gesamtorganismus das Selbst gedacht wird. Bei den Persönlichkeitspsychologen wird es in der Mitte der Per- son gedacht wird, nicht wie bei Assagioli und L.R. am oberen Rand der Person. Wenn man allerdings die vielen Ebenen bei L.R., die sich über dem Selbst noch erstrecken, berücksichtigt, dann wiederum ist das Selbst auch bei ihr in der Mitte nämlich zwi- schen den personalen und den spirituellen Ebenen - im 5. Chakra - angesiedelt. Diese spirituellen Ebenen gibt es bei den Persönlichkeitspsychologen nicht.

So enthält ihr Selbst hauptsächlich ein Spüren, dass man durch alle Seinszustände (feinstofflichen und grobstofflichen) hindurch immer vorhanden ist, also eine Art Exi- stenzgefühl und Wissen, welche Aufgaben und Fähigkeiten man in diesem Leben verwirklichen will, also ein Wissen um ein Lebensziel und ein Wollen, nämlich das Selbstwertgefühl bzw. das Selbstvertrauen in die eigene Wahrnehmung zu steigern, um die eigene Wahrheit immer gefühlssicherer zum Ausdruck zu bringen.

Allerdings gehen sie mit ihrem Selbstbegriff nicht über die vierte Ebene von L.R. hin- aus. Sie kommen daher noch nicht einmal an den Selbstbegriff der Psychosynthese heran. Es wirkt auf mich so, als ob sie das Selbst mit dem Bewusstwerden des Selbst verwechselten. Dies ist verständlich, da sie sich auf das direkte Beobachten und ein Wahrnehmen konzentrieren, das über die Wahrnehmung unseres rationalen Ichs nicht hinausgeht.

Die Selbstentwicklung dieser Forscher scheint dann zu einem Ende gekommen zu sein, wenn der Mensch so viel wie möglich seiner Anlagen entwickelt und ein inneres Gleichgewicht gefunden hat. Von der Chakralehre her gesehen, wären die Forscher mit der Entwicklung der Fähigkeiten bis zum vierten Chakra zufrieden. Es ist die Welt des: Mein Wille geschehe. Sie begnügen sich nach L.Rs. System also mit der Entwick- lung des halben Menschen. Spirituelle Entwicklung gibt es bei ihnen nicht.

4 Das Selbst und das Ich der psychoanalytischen Schulen

4.1 Die klassische Psychoanalyse

Hier wird hauptsächlich auf das von Freud erfundene Strukturmodell Ich-Es-Überich zurückgegriffen. Seine neueren Hauptvertreter sind z.B. Hartmann, Spitz, Mahler, Kernberg. In diesem Modell hat eigentlich der Selbstbegriff keinen Platz. Man ver- sucht, es trotzdem unterzubringen (warum eigentlich?) indem man es zu einem Teil des Ichs macht. Dieser Teil des Ichs soll unsere Selbstrepräsentanzen sein. Darin ent- halten sind alle Vorstellungen, also Gedanken, die wir über uns selbst entwickelt und im Gedächtnis gespeichert haben. Daneben gibt es die Objektrepräsentanzen, das sind all die Bilder, Vorstellungen und Gefühle, die wir über Andere und die Welt in un- serem Gedächtnis gespeichert haben. Das Ich mit seinen verschiedenen Funktionen, z.B. des Gedächtnisses, Wahrnehmung, Erzeugung von Abwehrmechanismen, be- kommt eine neue Funktion hinzu, es erschafft die Selbst- und Objektrepräsentanzen.

Im Weiteren macht man sich sehr ausführliche Gedanken über die Entwicklung dieser Selbstrepräsentanzen. Kernberg unterscheidet in Anlehnung an M. Mahler fünf Stufen:

- Im «normalen Autismus» (die ersten 4 Wochen) sei noch keinerlei Differenzie- rung zwischen Selbst und Objekt möglich. Angeboren sei lediglich die Fähigkeit zur Wahrnehmung und zur Bildung von Gedächtnisspuren und die Fähigkeit, lust- und unlustvolles Erleben voneinander zu unterscheiden.
- In der «normalen Symbiose» (etwa zwischen dem 3. bis zum 8. Monat) werden langsam lustvolle Selbst- und Objekterinnerung miteinander verschmolzen und introjiziert. Das Kind kann also zwischen einer Selbst- und einer Objekterinne- rung noch nicht unterscheiden. So ist die Mutterbrust ein Teil des Kindes ge- nauso wie sein eigener Daumen. Hier werden die fundamentalen Selbst-Objekt- Konstellationen gebildet, die zum Kern des Selbstsystems des Ichs und zum Organisator integrativer Funktionen des frühen Ichs werden. Um die Introjektio- nen bilden sich Ichkerne. Gute Selbst-Objekt-Erfahrungen werden zum Kern des Ichs gezählt, schlechte Selbst-Objekt-Erfahrungen werden ausgestossen bis an die Peripherie der psychischen Erfahrung. Die schimpfende Mutter ist al- so ein schlechtes Selbst-Objekt, das nicht zur guten Mutter gezählt und nach Außen projiziert wird. Wenn in dieser Zeit Entwicklungsstörungen auftauchen, dann kann das Kind später psychotisch werden.
- Differenzierung von Selbst- und Objektvorstellungen geschieht zwischen ca. dem 6. Monat und ist etwa mit dem 36. Monat beendet. Der Säugling kann langsam zwischen Selbst- und Objektbildern unterscheiden.
- Erst im 3. Lebensjahr werden gute und böse Selbstbilder als zusammengehörig erlebt und zu einheitlichen Selbstrepräsentanzen zusammengefasst und gute und böse Objektbilder werden zu ganzen Objektrepräsentanzen verschmolzen. Die Ichidentität wird etabliert. Sie umfasst ein konsolidiertes Selbstkonzept und gesicherte Objektvorstellungen.
- Die Ichidentität bewirkt die Konsolidierung des Überich. Das Selbstkonzept wird auf der Basis realer Erfahrungen ständig modifiziert.

Es wird offengelassen, wer den psychischen Apparat in Gang setzt, warum überhaupt Selbstrepräsentanzen und ein Ich gebildet werden, wo der «unbe- wegte Beweger» zu suchen ist. Dies könnte das Selbst sein. Aber ein solches Selbst ließe sich nicht in das Ich, das ja erst im Laufe der ersten drei Lebens- jahre entsteht, einbauen. Die Strukturtheorie müsste um eine Komponente er- weitert werden. Manche Autoren taten dies auch und nannten das Selbst Nar- zissmus, wohl um nicht ganz von Freud abzuweichen, der ja den Selbst-Begriff nicht, wohl aber den Begriff Narzissmus benützt hat. Das wäre eine vierstellige Strukturtheorie der Person, was jedoch längst nicht alle Tiefenpsychologen ak- zeptieren.

4.2 Die Objektbeziehungstheorie

Winnicot ist ein Vertreter dieser Theorie, auf den ich etwas näher eingehen möchte. Zu den Objektbeziehungs-Theoretikern zählen noch Michael und Alice Balint, Melanie Klein und Erik H. Erikson.

Allen gemeinsam ist, ihre Betonung, dass das Leben in einer Beziehung beginnt und nicht mit einer autistischen Phase, wie es die klassischen Psychoanalytiker vermuten. Bei Winnicott gibt es von Anfang an eine Art «Kern-Selbst» , das alle Lebensprozesse, auch die Triebentwicklung steuert. Gerade weil sich Triebe entwickeln, meint er, muss es vor den Trieben eine Kraft geben, die diese in Gang setzt. Diese nennt er Selbst Dann unterscheidet er 2 Aspekte des Selbst:

- Ein prozessuales Selbst, welches in der Beziehung zu anderen Menschen er- fahren wird und in der Mutter-Kind-Einheit entstanden ist.
- Ein «nicht-kommunizierendes Selbst» oder ein «zentrales Selbst», das immer vorhanden sei, aber immer schweige.

Im Folgenden beschreibt er dann hauptsächlich dieses prozessuale Selbst, das sich im Laufe des Lebens entwickelt. Es sei schon im Ungeborenen in Rudimenten vorhanden. Es beinhaltet eine Kontinuität des Erlebens, eine gewisse psychische Struktur und «Motilität». Damit meint er die Lebendigkeit des Körpers, die Tendenz zum Wachstum, ganz allgemein die Lebenskraft. Diese Kraft bleibe das ganze Leben über bestehen und sei die Quelle des Wirklichkeitsgefühls.

Dieses Selbst entwickle sich dann an den Versagungen der Realität. Ein Kind brauche ein gewisses Maß an Widerstand. Durch die Reibung mit der Realität entwickle es aggressives Potential, ein auf die Welt zugehen. Folge davon ist ein Erkennen einer Nicht-Ich-Welt und eine frühe Konstituierung einer Art Ich.

Zur Entwicklung des Selbst brauche es also Phasen der Aktivität-Aggressivität jedoch auch des Rückzugs, in dem das Kind ganz auf sich bezogen ist. In diesen Phasen des Rückzugs entstehe ein Gefühl, einfach zu sein. Am Anfang müsse das Gefühl von Sein gebildet werden, dann komme das Handeln und das Mit-einem-gehandelt-werden. Eigene Aktivität fördert das Wachstum eines gesunden Ichbewusstseins. So wird das Ich mit seiner integrierenden Funktion gebildet. Zuerst muss das Kind die Körpersen- sationen integrieren, dadurch bildet sich ein Bewusstsein über Körpergrenzen. Die Psyche beginnt sich im Soma einzunisten. Das Selbst wird immer als ein wachsendes Selbst betrachtet, in der frühen Zeit in völliger Einheit mit der Mutter. Die Mutter be- handelt ihr Kind von Lebensbeginn als eine Einheit und ermöglicht ihm so, auch das

Selbst, also diese Einheit zu werden. Die erste Selbstwahrnehmung ist das, was die Mutter in ihm sieht. Es gibt von Beginn an nicht «das» Kind sondern, «das» Kind und «diese» Mutter. Das Wachstum des prozessualen Selbst geschieht also in abwechselnden Phasen des Rückzugs und der Interaktion mit der Umwelt.

Das wahre (prozesshafte) Selbst hat für Winnicot etwas mit einem Bewusstsein von Kontinuität des Seins und der Entwicklung des Leibseelischen zu tun. Das wahre Selbst sei psychosomatischer Natur. Es sei die Totalität, die nur ich bin, welche auf dem Wirken des Reifungsprozesses basiert. Teile des Selbst seien seine Identifikatio- nen, die aus der Interaktion mit der Umwelt introjiziert wurden. Das wahre Selbst zei- ge sich in der eigenen Spontaneität. Es sei das, was dem Leben Sinn gibt. Hauptsäch- lich im zweckfreien Spiel würde sich das Selbst des Kindes entwickeln.

Das nicht kommunizierende Selbst sei ein Teil, der nie mit der Außenwelt in Kontakt tritt. Jedes Individuum wird somit nie «ganz gefunden». Das Nicht-kommunizierbare gehöre in den Bereich des «Seins-an-sich». Das Selbst könne niemals zum Selbst werden, denn wenn es ein prozessuales ist, kann es nie ganz abgeschlossen werden.

Kritische Bemerkungen:

Winnicotts Selbstbegriff ist eher wenig abgegrenzt vom Ich. Es scheint auch aus dem Ich zu wachsen, wie bei den Strukturtheoretikern. Andererseits war ein «wahres» Selbst schon von Geburt an da, das die Person nun bewusst entwickeln kann. Aber erst mit der Fähigkeit, sich selbst reflektierend zu betrachten, kann von einem eigentli- chen Selbst (er meint wohl von einem bewussten Selbst) gesprochen werden. So ist bei ihm mit Selbstentwicklung eigentlich Bewusstseinsentwicklung über das Selbst gemeint. Auch er verwechselt das Selbst mit dem Bewusstwerden des Selbst.

Qualitäten dieses Selbst scheinen zu sein, Spontaneität, Gefühle von Autoerotik, Gefühl von Sinn und tiefem Erleben des eigenen Lebens, also Gefühl von Lebendigkeit und Geborgenheit in sich und in seiner Umgebung. Es wird bei ihm nicht durch Triebe gespeist, sondern hat eine eigene Energie. Der Mensch hat offenbar einen Plan, nämlich das «wahre Selbst» immer mehr zuzulassen.

Auch bei ihm läuft es darauf hinaus, für das Selbst eine eigene Variable zu postulieren. Danach müsste sich die Strukturtheorie der Person auf vier einigen: Das Ich, Es, Überich und Selbst. Nach Linda Roethlisberger werden der Person noch viel mehr Bereiche zugeschrieben. Aber davon später.

4.3 Die Selbsttheorie von Heinz Kohut

Er entwickelte eine 2-Achsen-Theorie, in der die narzisstische Libido sich neben der Objektliebe von archaischen zu reiferen Formen entwickle. Obwohl sie sich gegensei- tig beeinflussen, gehen sie nicht ineinander auf, wie das in der klassischen Psycho- analyse nach Freud der Fall ist. Bei Freud ist die narzisstische Liebe eine relativ unrei- fe Stufe der Entwicklung, die allmählich sich zur Objektliebe wandelt. Bei Kohut bleibt die narzisstische Liebe ein Leben lang erhalten, wandelt sich jedoch auch von frühen, egoistischen Formen zu späteren Qualitäten, zu denen er Kreativität, Humor, Empa- thie, Weisheit und Religiosität zählt. Das Selbst ist bei ihm also ein unabhängiges, aus sich selbst heraus richtunggebendes Zentrum, das sich entwickelt. Die Triebe und Abwehrmechanismen, die bei Freud zum Ich gehören, seien ihm untergeordnet.

4.3.1 Entwicklung des Selbst

Auch Kohut verwechselt das lebendige Selbst mit der Selbstwahrnehmung. Demnach hat auch bei ihm das Neugeborene noch kein Selbst. Er meint, dass sich dieses durch das gegenseitige empathische Zusammentreffen von Selbstobjekten (der Mutter und des Kindes) zunächst als «virtuelles» Selbst bildet. Hilfreich ist dabei, dass die Umge- bung auf das Kind so eingeht, als habe es bereits ein Selbst. Durch den «Glanz im Auge der Mutter» erfährt sich das Kind von Außen in seinem rudimentären Selbst ge- spiegelt. So legt die mütterliche Empathie den Grundstein zur Entwicklung eines ge- sunden Selbstwertgefühls, welches es dem Menschen später erlaubt, einen der Per- son entsprechenden Platz an der Sonne der Gesellschaft zu erobern und dabei gese- hen, angesehen zu werden. Hier gibt es Ähnlichkeiten zu Winnicots Vorstellungen von der Selbstentwicklung.

Die elterliche Umgebung beeinflusst die Entwicklung des Selbst indem es bestimmte Aspekte fördert und andere vernachlässigt. So entstehe langsam ein Kern-Selbst, in dem einzelne Selbst-Teile abgespalten und andere aufgenommen werden.

Die Entwicklungsschritte sind: grundlegendes Eingestimmtsein, optimale Frustration, umwandelnde Verinnerlichung. Als Kompensation für die Frustrationen wird ein «Grö- ßenselbst» gebildet, d.h. das Kind versucht den ursprünglich allumfassenden Nar- zissmus dadurch zu erhalten, indem es Vollkommenheit und Macht in das Selbst ver- legt. Im Laufe der Entwicklung wird das Größenselbst in Funktionslust bei den eige- nen Tätigkeiten und in ein realistisches Selbstwertgefühl umgewandelt. Bei ungünsti- ger Entwicklung wird es vom realitätsprüfenden Ich abgespalten und verdrängt und existiert noch in archaischer Form im Unbewussten und kann die Person behindern.

4.3.2 Funktion des Selbst

Die Selbstobjekte haben zwei Aufgaben. Einmal sind sie spiegelnde Selbstobjekte. Sie vermitteln dem Kind ein Gefühl von eigener Größe (Größenselbst). Dann sind sie idea- lisierte Elternvorstellungen. Das Kind idealisiert die Eltern und will ein Teil von ihnen sein. Wenn es eine optimale Frustration gibt und die Eltern sowohl spiegeln als auch sich idealisieren lassen, dann entstehe ein «bipolares» Selbst. Der eine Teil besteht aus dem Größenselbst, das später in gesunde, ehrgeizige, aggressive Selbstbehaup- tung mündet. Den zweiten Pol bilden archaische Kern-Ideale, welche aus den ideali- sierten Elternimagines entstehen und in Zielvorstellungen, Werten und Idealen des Individuums sichtbar werden. Er braucht das Überich nicht mehr. Unter günstigen Be- dingungen kooperieren die beiden Pole miteinander, so dass sich der spontane, kraft- volle Anrieb in realistischer Weise auf für das Individuum sinnreiche Ziele richtet. Wir alle würden das ganze Leben hindurch immer wieder Anerkennung von Außen brau- chen, es sei wie der Sauerstoff, den der Körper braucht. Wenn jemand jedoch dies dauernd braucht, also süchtig danach ist, dann konnte er die Selbst-Objekt-Struktur nicht genügend im Innern ausbilden, dann ist er narzisstisch gestört.

Die Essenz des Selbst könne nicht definiert werden. Denn «das Selbst sei kein Kon- zept einer abstrakten Wissenschaft, sondern eine von empirischen Daten abgeleitete Verallgemeinerung»7. «Lediglich in seinen Äußerungen können wir es erfassen» (S.299).

4.3.3 Qualit ä ten des Selbst

Das Selbst vermittle den Eindruck, überall in Raum und Zeit der Gleiche zu sein. Daraus entstehe ein seliger narzisstischer Zustand. Es ist der Kern der Persönlichkeit - es ist auch eine Struktur, die sich erst im Zusammenspiel von angeborenen und Umweltfaktoren herausbilde. Es ist aktiv, strebt nach Realisierung seines eigenen Handlungsprogramms, also unabhängig von der übrigen Triebstruktur.

Die Aktivität entstehe durch eine Spannung, einerseits immer der Gleiche sein zu wollen, andererseits verschiedene Fähigkeiten, Ziele und innere Muster zu haben. Sie bilden miteinander die Energie, die zu Aktivität und Lösung drängt.

Kritische Bemerkungen:

Für ihn ist das Selbst der Bewusstwerdensprozess des Ichs und des Selbst.

Ein Ich scheint es nicht mehr zu geben. Er geht also ins gegenteilige Extrem der Tie- fenpsychologen. Bei den klassischen Theoretikern darf es kein eigenständiges Selbst geben, nur eines, das im Ich integriert ist. Bei ihm gibt es offenbar kein eigenständiges Ich mehr. Sein Selbstbegriff geht auch nicht über die vierte von L. R. beschriebene Ebene hinaus.

Die weit verzweigten Argumentationslinien der Tiefenpsychologie konvergieren bis heute nicht. Nicht einmal die Frage, ob das Selbst als Begriff überhaupt einen Platz in der Psychoanalyse einnehmen dürfe, wird einmütig bejaht. Lacan ist der konsequen- teste Verneiner eines Selbst. Er meint, das, was wir als Selbst erführen, sei lediglich ein Symptom im Sinne einer Krankheit, entstanden aus unserer Unfähigkeit, die eige- ne «Inauthentizität» annehmen zu können. Selbstverwirklichung, Vollkommenheit und Ganzheit könne man nie erlangen. Wir würden das Selbst eher begehren, als dass wir es jemals sein könnten. Wir sollten vielmehr anstreben, den Wunsch nach Vollkom- menheit und Ganzheit aufzugeben. Erst mit der Anerkennung des nicht behebbaren Mangels könne der Mensch ein gewisses Maß an Authentizität erreichen.

Er verwechselt das Selbst offenbar mit dem Erreichen von einer irgendwie gearteten Vollkommenheit. Wenn es Vollkommenheit gibt, gibt es auch Mangel. Aber was der Mangel ist, das wird nicht erklärt. Man kann das ganze System Vollkommenheit- Mangel infrage stellen. Vielleicht geht es bei unserer Entwicklung nicht darum, sich zu verbessern, irgendetwas anzustreben, sondern sich immer mehr zu sensibilisieren, um das, was schon ist, wahrzunehmen. Jedenfalls ist weitere Forschung nötig, um festzu- stellen, ob dem Selbst ein eigenes Erleben zukommt, das über die Bildung von Selbst- konzepten hinausgeht.

Ich denke, um diese Forschung geht es auch L. R. Es geht um die Frage: Kann man, vielleicht durch Entwicklung der Medialität, Bereiche erleben, die von unseren bekann- ten Selbstkonzepten nicht erfasst werden, die dann mit Recht als unser «höheres Selbst» bezeichnet werden können. Vielleicht ist es eine Frage, wo ziehe ich die Gren- ze in meinem Erleben? Wenn ich alles, was ich jemals erleben kann, also auch mysti- sche Erfahrungen, Gotteserfahrungen als mein Selbstbild definiere, dann gibt es nichts, was über Selbstkonzepte hinausgeht. Allerdings muss sich dann der Begriff Selbst- konzept erheblich erweitern. Er ist dann nicht mehr das, als was die Tiefenpsycholo- gen ihn bis jetzt beschreibt, nämlich mehr oder weniger lieb gewordene Gewohnheiten, geronnene Erfahrungen, von Andern zugeschriebene Eigenschaften. Die Theorien über das Selbst gehen bis jetzt auch in den tiefenpsychologischen Schulen meist über Selbstkonzepte nicht hinaus. Wenn sie darüber hinaus verweisen, wie bei Kohut und Winnicot, dann heißt es, dass dieses Kernselbst oder das «zentrale Selbst» (Winnicot) nicht weiter beschrieben werden könne.

Die Selbsterfahrungen die über die bisherigen Selbstbeschreibungen hinausgehen, findet man wohl nicht durch unsere bekannten Forschungsinstrumente, also durch das rationale Er-forschen unserer Gedanken- und Gefühlswelt. Durch Introspektion, wie sie die Tiefenpsychologie entwickelt hat, könnte man vielleicht über die bisherigen Selbst- Vorstellungen hinauskommen. Allerdings müsste sich die Introspektion um regelmäßi- ge Kontemplation und Meditation erweitern. Dann sollten wir auch die fünf medialen Sinne entwickeln, die L. R. in ihrem Buch mit vielen Übungsanleitungen beschrieben hat, nämlich das Hellfühlen, Hellriechen, intuitives Wissen, Hellsehen, Hellhören, und zwar auf psychischer (horizontaler) und spiritueller (vertikaler) Ebene. Das heißt, wenn die Forscher etwas finden wollen, was über Selbstkonzepte hinausgeht, dann müssen sie sich erst mal selbst erweitern. Um ihre Sinne zu erweitern, müssten sie bereit sein, ein um die feinstofflichen Bereiche erweitertes Weltbild, zumindest mal als Hypothese, zu akzeptieren. Davon ist die Mainstream-Psychologie in all ihren Schulen noch weit entfernt. Daher nannte Ken Wilber die heutige Tiefenpsychologie eine Oberflächen- psychologie, die über die Untersuchung von Gedanken- und Gefühlsformen nicht hi- nauskommt.

5 Das Selbst der modernen Säuglingsforschung

Hier möchte ich hauptsächlich die Ansichten des prominentesten der modernen Säuglingsforscher, Daniel Stern (1992) besprechen8. Er fand durch Analyse von Videoaufnahmen zwischen Mutter und Kind, dass der Säugling keine autistische und auch keine symbiotische Phase im ersten Lebensjahr erlebt, wodurch seine Beobachtungen zu einem ganz neuen Verständnis der kindlichen Entwicklung geführt haben.

5.1 Entwicklung des Selbst

Das Selbst entwickelt sich bei ihm in Stufen. Von Geburt an, ja wohl schon im vorge- burtlichen Stadium habe das Kind ein Selbstempfinden. Dies spricht er auch höher entwickelten Tieren zu. Dieses bilde sich aus angeborenen Fähigkeiten und aus Neu- gierverhalten und Lernerfahrungen. Dieses Selbstempfinden sei ein primäres Organi- sationsprinzip und nicht die Folge von Trieb- und Ichentwicklung. Neben dem organi- sierenden Selbstempfinden bestehe auch eine Bezogenheit auf den Andern. Die Ent- stehung des Selbst sei nicht ohne den Anderen zu verstehen. Allerdings erlebe das Kind einen Zustand des «being with» und keine Verschmelzung. Das Selbst hat also auch bei ihm zwei Aspekte von Anfang an, einen selbstorganisierenden und einen nach Außen gerichteten.

Dieses basale Selbstempfinden habe vier Quellen: die kindliche Aktivität - das Erleben von Lust-Unlust - Zustände des Bewusstseins - Wahrnehmen und Denken. Dieses Selbstempfinden basiert also auf direkter Erfahrung: Es ist eine einfache, nicht reflektierte Bewusstheit.

Das Kind hat von Anfang an bestimmte Wachheitszustände, Spielräume oder «private Räume in der Zeit» in dem es wohl Erfahrungen integriert und strukturiert und Reprä- sentanzen aufbaut, d.h. sein eigenes Leben entdeckt und entwickelt. Auch Wahrneh- men und Denken ist in Ansätzen angeboren. Säuglinge haben eine amodale Wahr- nehmung. D.h. sie können die Intensität und Qualität einer mütterlichen Bewegung «ganzheitlich» erfassen und adäquat darauf reagieren. Vielleicht meint er damit, dass sie ein intuitives Gespür haben für ihre Umgebung, ohne genau die jeweiligen Stimuli im Einzelnen zu erfassen.

Auch die Erinnerungsfähigkeit ist von Anfang an gegeben. Zu den mitgebrachten Fä- higkeiten gehört auch die Unterscheidungsfähigkeit von « Figur» und «Grund». Die Augen werden als Mittelpunkt eines Objekt betrachtet. Auch schaut das Kind auf den Haaransatz und erlebt diesen als die Grenze der Person. Stern meint, dass es nie eine Konfusion zwischen Selbst und Anderem gäbe. Ebenso irrig sei auch die Annah- me von anfänglich isolierten Selbst- und Objektrepräsentanzen. Die frühen Selbstorganisierungsprozesse lassen das Kind immer als Einheit empfinden, die sich jedoch immer weiter ausdifferenzieren. Dies ist die erste Stufe der Selbstentwicklung.

Die zweite Stufe beginnt zwischen dem 2. und 6. Monat. Es bildet sich ein Kern-Selbst und ein Selbst-in-Beziehung. Das Kern-Selbst entsteht aus folgenden Erfahrungen: der Erfahrung ein Handelnder zu sein der Erfahrung einer Selbst-Kohärenz der Erfahrung eigener Affektivität der Erfahrung ein geschichtliches Wesen zu sein - Selbst-Kontinuität.

Daraus entsteht dann zwischen dem 7. und 9. Monat die dritte Stufe, das bewusste Empfinden eines subjektiven Selbst und einer Intersubjektivität. Während früher die Regulierung der subjektiven Erfahrung durch die Mutter im Vordergrund stand, bildet sich jetzt eine neue Dimension der psychischen und körperlichen Intimität heraus. Das gemeinsame Erleben von Intentionen, Affekten und dem gemeinsamen Ausrichten der Aufmerksamkeit stehen im Mittelpunkt.

Die vierte Stufe beginnt mit dem Spracherwerb. Die Bezogenheit und das eigene Empfinden wird immer mehr versprachlicht. Das Kind gewinnt nun neue Möglichkeiten, mit Anderen in Beziehung zu treten. Aber es passiert auch eine Trennung des Selbsterlebens. Denn nicht alles Erlebte kann in Sprache wiedergegeben werden. In dem nervösen, verletzlichen Kind mit ca. 2 1/2 Jahren sieht Stern eine Krise des Selbstverständnisses, hervorgerufen dadurch, dass das Kind vergeblich versucht, seine Erfahrungen sprachlich auszudrücken. Die bisherige Harmonie seines Selbsterlebens ist zerbrochen, was es in große Unsicherheit versetzen kann. Das chen, was es in große Unsicherheit versetzen kann. Das Wort ist bei Stern eine Art Übergangsobjekt, denn es gehört weder zum Selbst noch dem Andern.

Als bisher letzten gefundenen Schritt der Selbstentwicklung nennt Stern den des «nar- rativen Selbst». Das Kind kann nun komplexe Handlungsabläufe mit deren Motiven erkennen und beginnt, darüber Geschichten zu erzählen. Mit den Geschichten kann sich das Kind die Welt um sich selbst und seine eigene erklären. Sie stellen den wich- tigsten Selbstausdruck dar und bilden den Garant, über die Zeit der Gleiche zu bleiben. Das Kind lebt nun in zwei Welten, der des unmittelbaren Erlebens, das primärprozess- hafte Geschehen, William James´ Bewusstseinsstrom - und einer imaginären, die sich in den Geschichten niederschlägt.

Stern hält es durchaus für möglich, dass er noch weitere Entwicklungsstufen des Selbst finden wird. Das Selbst sei in lebenslanger Entwicklung. Die Anfänge des Selbst haben also ihre Wurzeln in der amodalen kindlichen Erfahrung und werden, indem sie dieser Erfahrung verlustig gehen, einem einordnenden, bewussten Ich ge- genübergestellt. Vielleicht liegt hier die Quelle des immerwährenden Bestrebens, ganzheitliche Bezüge (wieder) erfahren zu wollen, das sich in verschiedenen Be- schreibungen ausdrückt: primärer Narzissmus, Selbstverwirklichung, Paradies, golde- nes Zeitalter.

Kritische Bemerkungen:

Auch er beschreibt die Selbstentwicklung als ein Bewusstwerden des Selbst. Es ist die Frage, ob das Selbst mit allen Qualitäten von Anfang an unbewusst schon da ist, nur noch im Laufe des Lebens ins Bewusstsein gehoben werden muss, oder ob es sich tatsächlich im Laufe des Leben entwickelt.

Ich meine, dass sich das Selbst auch weiter entwickelt, dass seine Aufgabe, seine Möglichkeiten bei der Geburt rudimentär vorhanden sind. Im Laufe des Lebens wird es diese in Interaktion mit seinen Umwelterfahrungen ins Bewusstsein heben und verfei- nern.

Es gibt wahrscheinlich keine Welt, die völlig fertig darauf wartet, entdeckt zu werden. Die Welt wird in gemeinsamen Interaktionen mit den geistigen Ebenen geschaffen. Die Möglichkeiten dazu sind schon vorher vorhanden, aber die jeweilige Ausformung ge- schieht im harmonischen Zusammenspiel zwischen allen Elementen der Welt immer wieder neu.

6 Das Selbst und das Ich der analytischen Psychologie

6.1 C.G. Jung

Bei ihm ist das Selbst eine Hypothese von etwas, das mit keiner anderen psychischen Instanz beschreibbar ist, das nicht direkt, jedoch in seinen Auswirkungen erlebt wer- den kann. Es ist entwicklungsgeschichtlich schon da, bevor wir von unserer Existenz wissen. Noch bevor es ein Ichbewusstsein gibt, «ist» der Säugling schon ein Selbst. Die steuernde und organisierende Funktion des Selbst beginne mit der ersten Zelltei- lung, meint er. Die erste Funktion dieses Selbst ist es, leben und sich artgemäß ent- wickeln zu wollen.

Das Selbst umschließt das Unbewusste und das Bewusste, es enthält alle Anlagen und Möglichkeiten eines Individuums. Das Ich entsteht aus dem Selbst im Laufe der ersten Lebensjahre. Es ist das Zentrum aller Bewusstseinsakte. Es kann als archetypi- scher Kern des Bewusstseins betrachtet werden. Er nennt es auch Ich-Komplex mit bestimmten angeborenen Fähigkeiten. Das Ich ist also einerseits definiert durch seine Funktionen, aber auch durch seine Inhalte. Es garantiert das Gefühl von Identität und Kontinuität des Individuums in Raum und Zeit. Aber auch ein Selbstgefühl wird durch das Ich vermittelt. Das Selbst wirkt durch das Ich, aber das Ich kann das Selbst nicht vollständig erfassen, denn das Selbst transzendiert das Ich. Das Ich ist das, was vom Selbst dem Ich bewusst wird.

«Ich unterscheide daher zwischen Ich und Selbst, insofern das Ich nur das Subjekt meines Bewusstseins, das Selbst aber das Subjekt meiner gesamten, also auch der unbewussten Psyche ist. In diesem Sinne wäre das Selbst eine (ideelle) Größe, die das Ich in sich begreift (Jung, 1921, GW 6, § 810)9

Das Ichbewusstsein habe die Aufgabe, die Vorrangigkeit des Selbst andauernd zu hinterfragen. Das Selbst wiederum brauche die Herausforderung des Ich, da es ohne ein Ich nicht erfahrbar wäre. Das Selbst hat auch eine eigene Dynamik, zu dem sich das Ich gewährend oder sich widersetzend verhalten könne. Jung bemerkte diesen «höheren Willen» durch konsequentes Aufschreiben und Analysieren seiner Träume. So ist das Selbst - neben dem Ich als Zentrum des Bewusstseins - auch ein Zentrum, das eher im Verborgenen liegt, das durch seine Bilder und Gefühle, die es ins Be- wusstsein hineinbringt, also an seinen Wirkungen erkennbar ist. Das Ich kann diesem Prozess zustimmen oder ihn ablehnen. Also geht der Wille des Ichs nicht im Willen des Selbst auf. Das Ich hat auch die Aufgabe, die realen Grenzen der Person kennen und annehmen zu lernen. Wenn das Ich von unbewussten Inhalten der Vollkommen- heit aufgeblasen wird, dann entsteht Größenwahn, wobei es zu einem Realitätsverlust des Ich kommt.

Im frühkindlichen Größenselbst sind Ich und Selbst noch verschmolzen. Größenselbst beim Erwachsenen bedeutet, dass er die Grenzen zwischen Ich und Selbst nicht genügend differenzieren kann. Inflation bedeutet, dass das Ich unfähig wird, sich von den Inhalten des Selbst, die aus dem Unbewussten auftauchen, zu unterscheiden. Das kann in jedem Alter zeitweilig geschehen.

Es braucht ein starkes Ich, um die Inhalte des Selbst frei passieren lassen zu können, ohne die Kontrolle zu verlieren und dann evtl. nicht mehr lebensfähig zu sein. Dies ge- schieht im Individuationsprozess. In diesem Prozess werden die Inhalte des Selbst dem Ich langsam bewusst. Es muss dabei bereit sein, sich dem Prozess zu fügen. Behinderung würde zu seelischen Störungen führen. Unser Ich muss also anerkennen, dass es einen Wille gibt, der anders und manchmal stärker ist als der des Ichs. Schon unsere Symptome sind stärker als unser Wille. Der Individuationsprozess setzt ein integrationsfähiges Ich voraus, das in der Lage ist, zeitweise auf seine organisierenden Fähigkeiten zu verzichten. Wer sich gegen die Tendenzen des Selbst stellt, kann neu- rotisch werden, was häufig in der Lebensmitte geschieht. Daher gibt es Konflikte, die nicht aus der Kindheit stammen. Das sind wohl die spirituellen Krisen, die in der trans- personalen Psychologie beschrieben werden. So kommt es oft zur Krise, weil das Ich nicht flexibel genug ist, zu kooperieren. Diese Unflexibilität kann ihre Ursache in Kind- heitskonflikten haben. Der Individuationsprozess wird oft als Wertewandel erlebt. Man sehnt sich plötzlich nach der Verwirklichung von neuen Werten.

Dieser Prozess vollzieht sich ein ganzes Leben lang. Im Individuationsprozess wird die Vorgehensweise des Selbst sichtbar. Z.B. sollen die unbewussten Prozesse in einer kompensatorischen Beziehung zum Bewusstsein stehen. Unbewusstes und Bewusst- sein ergänzt sich gegenseitig zu einem Selbst. Alle unbewussten Teilbereiche sind im Selbst. Diese können nie ganz bewusst gemacht werden, denn das Selbst reicht ins Transzendente. Es umfasst auch die Gefühle und Ahnungen, die wir mit dem Göttlichen verbinden. In Träumen und Symbolen kann es sich dem Ich mitteilen, auch unsere Gottesvorstellungen sind ein Symbol des Selbst. So ist auch das Selbst sowohl Funktion - es ist motivierend, es leitet den Individuationsprozess - als auch Inhalt. Dabei wirkt widersprüchlich, ob das Selbst ein zentraler, steuernder Archetypus ist oder ob er die Summe aller Archetypen ist.

Das Selbst ist also bei Jung:

-eine primäre Einheit, die untrennbar von einer kosmischen Ordnung ist.
-die Totalität des Individuums
-das Gefühl dieser Einheit im Sinne von Erfahrungen von Ganzheit
-eine primäre organisierende Kraft, die außerhalb des bewussten Ich angesie- delt ist.
-die Prädisposition, ein Zentrum des Bewusstseins (Ich) zu organisieren
-die subjektive Erfahrung eines persönlichen Selbst.

Es gibt in der analytischen Psychologie nun etwas Verwirrung, ob man das Selbst als Gesamtheit aller Teilsysteme (Ich und die Archetypen) ansieht oder nur das ordnende Zentrum. Die Jungianer betrachten das Selbst heute (nach Jacoby)10 als einen unanschaulichen zentralen Anordnungsfaktor, dem psychisches Gleichgewicht und psychische Entwicklung und Wandlung zugrunde liegt.

Kritische Bemerkungen:

Jung war zeitweilig sehr offen, fast bis zur Psychose hin und hat dadurch Bereiche erfahren dürfen, an die andere Analytiker sich nicht herantrauen. Er hat etwas über die Dynamik des Größeren Willens erfahren, aber die Stärke des Ichs wiederum unter- schätzt. Das Ich muss damit einverstanden sein, es muss sich öffnen zum Selbst hin, sonst passiert recht wenig, meine ich. Das Ich wird nicht überrollt von unbewussten Inhalten, wenn die Person das nicht will. Wenn die Person nicht damit einverstanden ist, dann kann sie ihr Leben lang auf einem relativ oberflächlichen Niveau leben und wenig über ihre eigenen tiefen Gefühle und Möglichkeiten erfahren. Aber er hat diese beiden Formen von Willen entdeckt. Er war also zeitweise offen für höhere Ebenen des Seins, in denen sich die Einstellung: Mein Wille geschehe, wandelt in die Einstellung: Dein Wille geschehe. Im System von L. R. wäre dies der Beginn der fünften Ebene des höheren Selbst.

Während die Psychoanalyse die Seele erforscht und dadurch in der Therapie Prozes- se in Gang setzten kann, geht es L.R. eher um die geistige Entwicklung in Bezug zur Seele. Diese könne man durch Erforschung der persönlichen Imagination, Intuition und Inspiration in Kombination mit der Entwicklung der Gedanken- und Gefühlsspra- che voranbringen.

Die Vorstellung der Ich-Selbst-Achse wird auch in der analytischen Psychologie ge- pflegt, nur mit etwas anderen Inhalten als bei Kohut oder Winnicot. Das Ich erscheint hier als die vorderste Spitze eines kegelförmigen Bewusstseinsfeldes, die für das be- wusste Wahrnehmen und Handeln zuständig ist. Die Inhalte des bewussten Handelns steuert das umfassendere Selbst bei. Immer wieder fällt auf, dass das Ich und das Selbst sowohl als abgegrenzte Funktionen als auch als Inhaltsfeld beschrieben wird. Das ist vergleichbar mit der Beschreibung des Lichts, das ja auch als Quantum und als Welle beschrieben wird.

Die Eigenschaften bewusst, unbewusst werden meist so verteilt, dass das Ich der be- wusste Teil des Selbst ist. Das Selbst könne man nur an seinen Wirkungen erkennen. Allerdings können wir uns dies eher als ein wellenartiges Feld vorstellen, in dem Be- wusstsein und Unbewusstsein ineinander fließen. Immer wenn man sich entspannt oder durch bestimmte Übungen in einen tieferen Bewusstseinszustand kommt, erwei- tert sich das Ichfeld, bzw. das Bewusstsein weitet sich aus und umfasst Größere Strecken auf der Ich-Selbst-Achse. Dadurch werden auch Teile des sonst verborgenen Selbst bewusst. Je mehr man gewohnt ist, in einem erweiterten Bewusstseinszustand zu leben, desto mehr Zugang hat man zu der Dimension des Selbst. Oder man könnte auch sagen, desto mehr Teile des Selbst werden zum bewussten Ich. Das Selbst er- scheint mir jedoch als das ältere Zentrum. Es enthält das Wissen, das die Psyche bei der Geburt schon mitbringt. Das Ich wird erst im Laufe des ersten Lebensjahres ent- wickelt. Darin sind sich offenbar alle Schulen einig. Das Ich wurde vielleicht als flexi- bles Werkzeug des Selbst für diese stoffliche Welt ausgebildet.

7 Das Selbst und das Ich der transpersonalen Psychologie

Die beiden wichtigsten Vertreter der transpersonalen Psychologie sind wohl Assagioli, der Begründer der Psychosynthese und Ken Wilber, der mit seinem neuesten Buch eine «integrale Psychologie» schaffen will.

7.1 Die Psychosynthese von Assagioli

Assagioli war ein Zeitgenosse Freuds. Er war anfangs von der Psychoanalyse sehr begeistert und wollte sie in Italien verbreiten. Bald löste er sich jedoch von Freuds Denken, das ihm zu eng wurde und entwickelte sein eigenes System. Die wichtigsten Komponenten, die bei ihm zu Freuds Theorie vom Es-Ich-Überich dazukommen, sind das Überbewusstsein und das Selbst.11

Er kam auf die Existenz eines Selbst durch folgende Überlegungen: Während des Schlafs, in Hypnose oder bei Bewusstlosigkeit scheint es kein Ich mehr zu geben. Aber beim Erwachen ist es wieder da. In der Zwischenzeit war der Mensch ja nicht gestorben. Also schloss er daraus, dass es neben dem Ich noch ein «fortdauerndes Zentrum» geben müsse, das er als das «wahre oder höhere Selbst» nannte.

Er stellte sein Modell unserer Psyche bildlich als das berühmt gewordene Ei der Psy- chosynthese dar, wobei das «höhere Selbst» der Teil unserer Person ist, der am obe- ren Rand des Eis angesiedelt ist, in sie hineinstrahlt und über sie hinausreicht. Es ist ein transpersonales Selbst, dem Selbst von C.G. Jung ähnlich. Auch bei ihm gibt es eine Ich-Selbst-Achse, also ein bipolares Selbst, das jedoch ganz anders definiert wird als z.B. bei Kohut.

Für ihn ist das Ich ein Teil des Selbst. Er nennt es auch das bewusste Selbst im Unter- schied zum höheren (transpersonalen) Selbst. Er vergleicht das bewusste Selbst (Ich) mit einem Bildschirm, auf den ständig Bilder, Gefühle, Eindrücke, Gedanken projiziert werden. Diesen Strom an seelischen Tätigkeiten nennt er wohl in Anlehnung an W. James Bewusstseinsstrom. Dieser wird ständig gespeist durch die Dynamik unseres Unterbewusstseins und Überbewusstseins. Allerdings beschreibt er diese dynami- schen Vorgänge nicht genauer. Das Ich ist also die psychische Instanz, durch die uns viele (wohl nie alle) Aktivitäten unserer gesamten Seele bewusst werden.

Das höhere Selbst sei jenseits des Bewusstseinsstroms und jenseits körperlicher Zustände, meint er. So scheint es, als ob wir zwei Selbste, ein bewusstes und ein unbewusstes haben. Assagioli meint jedoch, dass es nur ein Selbst gibt, dieses jedoch in verschiedenen Graden an Bewusstheit erlebbar ist. Das, was uns als Ich bewusst ist, ist Teil des transpersonalen Selbst oder eine »Projektion seiner leuchtenden Quelle» (S.59 ) Das Ich ist selbst eher inhaltsleer, mit ihm können wir jedoch alle anderen Persönlichkeitsteile lenken und verändern.

Interessant finde ich, dass Assagioli meint, dass dieses Selbst konkret erfahrbar sei, wodurch sich seine Auffassung von allen anderen psychologischen Schulen unterscheidet. Bei C.G. Jung kann man sich dem Selbst nur durch seine Bilder und Symbole annähern. Assagioli meint jedoch, dass das Selbst ein Aspekt psychologischer Erfahrung sei. Er hat dafür viele Übungen entwickelt, mit denen man sich dem Selbst innerlich annähern kann und Aspekte von ihm erfahren kann. Deshalb sei es auch der psychologischen Forschung zugänglich.

Die im therapeutischen Prozess durch bestimmte Übungen induzierten Erfahrungen haben meist etwas mit großer Ergriffenheit, Geborgenheit, Fülle, Momente tiefen Frie- dens, Glück oder Licht zu tun. Manche beschreiben diese Momente als etwas, das jede bisherige Form des Erlebens gesprengt habe. Es scheint so, dass man zwar die Voraussetzungen eines solchen Erlebens, z.B. als eine Übung anbieten kann. Diese garantiert jedoch nicht automatisch, dass auch ein solches Selbsterlebens tatsächlich erfahren wird. So ist dieses Erleben nie ganz machbar. Es tritt immer als Überra- schung auf, das irgendwie aus dem Nichts zu kommen scheint und dann auch wieder verschwindet, obwohl es in der Regel einen bleibenden, den Menschen transformie- renden Eindruck macht. Da es sich um eine neue, bisher unbekannte Form des Erle- bens handelt, kann ihm durchaus ein spezieller Name gegeben werden, nämlich das Erleben des Selbst.

Ich selbst konnte in meinen Therapien durch bestimmte Übungen ein solches Selbst- erlebens in Patienten erzeugen. Es ist also etwas empirisch Nachprüfbares. Hinzufü- gen muss ich noch, dass dieses Selbsterleben, wenn es möglich wurde (was nicht bei allen Patienten der Fall war) eine enorme Heilkraft entfaltet hat. Bei manchen Patien- ten verschwanden die Beschwerden unmittelbar, so dass sich der therapeutische Pro- zess enorm verkürzte. Bei einer Patientin, die mit schweren depressiven Verstimmung nach einer Trennung zu mir kam, verschwand ihre Symptomatik vollständig nach 5 Sitzungen. In 3 Sitzungen davon ließ ich sie Imaginationsübungen zum Selbsterleben durchführen. Die Jungianer würden die in den von Assagioli empfohlenen Imaginati- onsübungen zur Erfahrung des Selbst auftauchenden Personen wohl nur als Symbo- le des Selbst beschreiben. Ob es nun «das» Selbst oder Symbole des Selbst sind, die erscheinen, halte ich nicht für so wichtig. Wichtig ist mir, dass man nicht - wie bei Jung - warten muss, bis ein solches Selbstsymbol irgendwann einmal auftaucht, man kann bis zu einem gewissen Grad die Selbsterfahrung entwickeln.

Was ich bei Assagioli vermisse, ist eine Entwicklungspsychologie dieses Selbst. Oder ist es von Anfang an immer gleich vorhanden? Allerdings beschreibt er den Menschen als einen, in dem die verschiedensten Komplexe und Konflikte, die er Teilpersönlich- keiten nennt, toben. Da der Mensch sich intuitiv als Einheit empfindet und dennoch feststellt, dass er in sich geteilt ist, ist er verwirrt» (S.59) Die Psychosynthese sei ein Weg, den Menschen von dieser inneren Versklavung zu heilen, wahre Selbstverwirkli- chung, eine harmonische innere Integration und echte Beziehungen zu andern zu er- langen. Dazu hat er ein psychotherapeutisches Gerüst entwickelt, das über die Me- thoden der Tiefenpsychologie, die hauptsächlich mit freier Assoziation, Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand und deren Deutungen arbeitet hinaus geht.

Er meint, dass die Psychoanalyse über die Erforschung des Unterbewusstseins nicht hinausgekommen ist. Man müsse mit derselben Sorgfalt auch das Überbewusstsein analysieren. Als weiteres Instrument seiner Therapie nennt er die Desidentifikation von den Teilpersönlichkeiten (Komplexen). Er betont, dass bei dieser Arbeit das Selbst immer mithelfe, so dass letztlich die Persönlichkeit über ihre Teile siegen kann. Denn das Selbst kann nie ganz in den Teilpersönlichkeiten unter gehen. Durch das sich Be- wusstmachen der Teilpersönlichkeiten verlieren diese ihre Dynamik. Diese frei wer- dende Energie wird nun dem Zentrum, dem bewuss-ten Selbst, d.h. dem Ich zugäng- lich. Dadurch wird dieses immer stärker und kann seinen Einflussbereich erweitern. Das Ichbewusstsein wächst in dem Ei-Diagramm von Assagioli und dehnt die Sphäre der Bewusstheit nach oben und nach unten aus. Das Ziel wäre, dass das Ich sich mit dem transpersonalen Selbst vereinigt. Dies wäre die «Realisierung des Selbst» als neues Zentrum. Um dieses Zentrum herum kann sich dann die Psyche neu gruppieren. Dies wäre die eigentliche Psychosynthese.

Assagioli hat dabei offenbar keine Befürchtungen - wie es Jung hatte - dass dadurch eine Inflation entstehen könnte. Bei Jung kann das Ich nie vollständig mit dem Selbst verschmelzen. Es kann immer nur Aspekte des Selbst erfahren. Bei Jung scheint der Prozess der Individuation weniger beeinflussbar zu sein. Bei Assagioli kann der Mensch bewusst mithelfen und sich bewusst mit gestalten, wenn er will. Dafür hat die Psychosynthese viele Techniken zusammengestellt. Ja, er motiviert die Menschen sogar, bewusst sich selbst zu gestalten, indem er betont, dass wir unseren Willen schulen sollen. So, meint er, könne der Mensch ein neues, höheres Leben beginnen, das «wahre Leben, für welches das vorhergehende als reine Vorbereitung erscheint, fast wie eine vorgeburtliche Zeit» (S.70 ebda.)

Kritische Bemerkungen:

Die Psychosynthese ist weit mehr als Krankenbehandlung, wie die Psychoanalyse es sein will. Sie beschreibt menschliche Wachstumsprozesse und gibt Methoden an die Hand, diese Prozesse zu fördern. Ja sie beschreibt nicht nur den Wachstumsprozess des einzelnen Menschen. Sie kann nach Assagioli auch zu einer interindividuellen Psychosynthese ausgeweitet werden. Hierbei wären die einzelnen Menschen die Teil- persönlichkeiten, die im Laufe der Entwicklung zu einer harmonisch miteinander le- benden Menschheit zusammengebracht werden sollten. Von einem noch weiteren Standpunkt aus gesehen, erscheint das gesamte universelle Leben ein Kampf zwi- schen Vielfalt und Einheit - ein Ringen nach Vereinigung zu sein. Dies ist für ihn der Prozess einer kosmischen Synthese, in der alle Lebewesen sich durch die Bande der Liebe miteinander verbunden fühlen.

So hilfreich einzelne Techniken aus der Psychosynthese sind, musste ich doch fest- stellen, dass sie bei schwer gestörten Menschen häufig versagen. Bei der Psychosyn- these sollte schon ein gewisses Maß an Willenskraft vorhanden sein. Auch muss man eine gewisse psychische Flexibilität und Phantasietätigkeit mitbringen, sonst sind Desidentifizierungsprozesse nicht möglich. Die Psychosynthese entfaltet ihre größte Heilkraft bei leichteren neurotischen Störungen und bei «gesunden» Menschen, die psychisch-geistig weiter wachsen wollen. Auch L.R. hat ein ähnliches Anliegen. Sie meint dass wir durch die Aktivierung unserer medialen Anlagen Selbstheilungs- und Bewusstseinskräfte in Gang setzen können, die zu einer Größeren Welt-Offenheit und einem besseren Verständnis der Liebe zum Menschen führen.

7.2 Die integrale Psychologie von Ken Wilber

Er beschreibt in seinem Buch «Wege zum Selbst»12 eine Entwicklung des Selbst aus der Ureinheit heraus, durch Grenzziehungen. Die Urgrenze ist die zwischen dem Selbst und der gesamten Umwelt. Warum diese Grenze gezogen wird, sei eine falsche Frage. Es gäbe kein Warum, schreibt er. Denn wenn man einen Grund beschreibe, könne man nach dem Zustand vor dem Grund fragen, jedoch es gäbe keinen Grund vor dem Grund. Die Urgrenze ist auch nicht etwas, was in der Vergangenheit einmal geschehen ist. Sie wird immer neu gezogen, durch unsere Aktivität. Jedes Tun verur- sache die Urgrenze zwischen der Nicht-Dualität und einem singulären Selbst. Später schreibt er, eine Grenzziehung sei immer ein Verleugnen, ein Wegschauen, ein nicht wahrhaben wollen. Ab nun stehen sich Subjekt und Objekt, Individuum und Welt ge- genüber.

Die nächste wichtige Grenze wird zwischen dem Ich hier drinnen und dem Körper ge- zogen. Auf dieser Ebene will man den Schmerzen und dem Tod entfliehen, deshalb will man sich vom Körper trennen. Die letzte Grenze ziehen viele Menschen innerhalb des Ichs, indem sie Gefühle und Gedanken auseinander spalten in solche, die sie ak- zeptieren können und solche die sie nicht mögen. Daraus entstehe die Persona und der Schatten. Grenzen entstehen also wohl, weil man etwas abspaltet, was man nicht mag. Und dann vergisst man, dass man die Abspaltungen selbst bewirkt hat. Aufgrund dieser Grenzziehungen entsteht unsere polare Welt. Grenzen sind auch Gefechtslinien. Die verschiedenen abgegrenzten Seiten beginnen, sich zu bekämpfen. Und dies bringt viel Leiden mit sich. Und wir meinen, die Welt sei so, weil wir nicht mehr wissen, dass wir selbst diese Polaritäten geschaffen haben.

Wenn der Mensch dann nach Wegen sucht, sich aus diesem Leiden zu befreien, kann eine umgekehrte Bewegung entstehen, man wird sich dieser Grenzen bewusst und will sie allmählich auflösen. Hier setzten die verschiedensten therapeutischen Schulen an. Einleuchtend beschreibt er, warum sich viele dieser Schulen gegenseitig bekämp- fen, nämlich, weil sie sich jeweils um verschiedene Ebenen kümmern, also verschie- dene Grenzen auflösen wollen, jedoch dies nicht voneinander wissen. So setzt die Psychoanalyse hauptsächlich an der Auflösung der Grenzen zwischen Persona und Schatten an. Dies geschieht durch die Methode des freien Assoziierens. Denn wenn man alle Gedanken wahllos beginnt, zu akzeptieren, dann schließen auch allmählich Gedanken des Schattens ins Bewusstsein. Die Person erlebt sich, wie wenn sie von einem engen Appartement in eine Größere Wohnung ziehen würde. Wenn alles gut verläuft, kann man nun alle Gefühle und Gedanken in sich akzeptieren. Diesen Zu- stand der Vereinigung zwischen Persona und Schatten nennt er das Ich.

Auf der nächsten Ebene gilt es, das Ich mit dem Körper wieder zu vereinigen. Hier setzten die Methoden der humanistischen Psychotherapie und der Körpertherapie an. Die Hauptmethode ist dabei, das Gewahrsein im Hier und Jetzt, nicht dem ewigen Jetzt sondern dem vorüberfließenden Jetzt, das er nunc fluens nennt. Das freie Asso- ziieren der früheren Ebene ist hier ein Widerstand, ein Abgleiten ins Denken wäre ein Weggehen aus dem Hier und Jetzt. Wer die Vereinigung zwischen Ich und Körper er- langt hat, ist auf der Ebene der Kentauren angekommen. In seinen späteren Werken nennt er diese Ebene auch die Schaulogik oder das existentielle Selbst. Der Kentaur- Mensch hat nun ein geräumiges Haus bezogen. Hier hat man erfahren, dass es letzt- lich keine Grenze zwischen willkürlichen und unwillkürlichen Handlungen gibt. Denn wie entsteht der Entschluss, den Arm zu heben, habe ich vorher den Entschluss be- schlossen? Es ist letztlich auch eine Handlung, deren Ursprung ich nicht kenne. Auf dieser Ebene lernt man, «das Unlenkbare bereitwilliger zu akzeptieren und unbesorgt im Spontanen zu ruhen mit Vertrauen zu einem tieferen Selbst, das über das ober- flächliche Dröhnen des Willens und des Ichs hinausgeht». Man hat gelernt, dass die Lebensvorgänge im Körper selbst Wonne erzeugen und wird dadurch unabhängiger vom Suchen nach Wonne im Außen. Dieses Ruhen im Kentauren bringt einen Zu- wachs an natürlicher Weisheit und Freiheit. Dieser Zustand nennt er also unser tiefe- res oder unser persönliches Selbst Das Ich kann nun bis zur Erde hinunterreichen und der Körper kann bis zum Himmel hinaufreichen. Jedoch kann der Moment kommen, in dem alles Körperlich-Sinnlich-Personale irgendwie fad und flach wird. Man befindet sich an der Grenze zum Transpersonalen.

Das persönliche Selbst entwickelt sich zum transpersonalen Selbst, das er in seinen späteren Büchern Seele nennt. Dies geschieht dadurch, dass man vielleicht bemerkt, dass die eigenen Gefühle, Sorgen, Probleme nicht so individuell sind, wie man glaubte, dass alle Menschen ähnlich fühlen. Man beginnt, sich von all diesen individuellen Ge- fühlen und Sorgen zu distanzieren. Man bekommt ein Gewahrsein, dass man zwar einen Körper, Gefühle, Gedanken hat, diese jedoch nicht ausschließlich ist. Man findet eine tiefe Quelle in sich, die wie die Tiefe des Meeres unberührt von allen Wellen der alltäglichen Bewegungen ist. Man entdeckt, dass man ein Zentrum reinen Gewahr- seins hat, einen unbewegten inneren Zeugen. Die transpersonalen Therapien beschäf- tigen sich mit dieser Ent-Identifizierungs-Arbeit, wie sie Assagioli gut beschrieben hat. Wir werden frei von allen Qualen und Nöten, weil wir uns nicht mehr mit ihnen identifi- zieren. Man hat immer noch Zugang zu allen darüber oder darunter liegenden Ebenen, man ist jedoch nicht mehr an sie gebunden. Man gewinnt allmählich die Überzeugung, dass dieses transpersonale Selbst das einzige Selbst ist, das in jedem vorhanden ist. Um dies zu erfahren, muss das individuelle Selbst sterben, damit dieses eine Selbst, der eine und einzige Wanderer, wie Shankara es beschreibt, geboren werden kann.

Diese neue Selbst-Ebene gliedert er in seinen späteren Büchern weiter auf. Er nennt eine Ebene die psychische Ebene oder die Weltseele. Hier erfährt man eine Ausdehnung zu allen Lebewesen hin. Die Ent-Identifizierung im Innern führt also zu einer Erweiterung im Außen. Man kann nun mit allem, was einem begegnet, verschmelzen, Tiere, Pflanzen, Steine. Subjekt und Objekt kann zeitweise aufgehoben sein, Drinnen und Draußen verliert an Bedeutung. Es ist die Ebene der Naturmystik.

Eine weitere, tiefere transpersonale Ebene nennt er, das Subtile. Es ist die Ebene der Gottheitsmystik. Hierzu zählen innere Licht- und Klangerfahrungen, erweiterte Zustän- de der Liebe und des Mitleids, Gotteserfahrungen, Begegnungen mit Christus oder Maria können hier geschehen, wie sie von Theresa v. Avila und vielen MystikerInnen beschrieben wurden.

Bei der nächsten Ebene wird der reine Zeuge bis zu seiner letzten Quelle, der reinen Leere verfolgt. Er nennt diese Ebene die kausale Ebene. Es gibt keine Objekte mehr.

Der Zeuge begegnet praktisch nur noch sich selbst - und das sei Leere und Fülle zugleich. Weil man es niemals als Objekt sehen kann, wird es Leere genannt.

Ich denke, dass die kausale Ebene mit dem Urselbst von Linda R. verglichen werden kann. Dieser kausale Zeuge oder das reine beobachtende Selbst kann nicht geboren werden und kann auch nicht sterben, es ist zeitlos, ewig da und es ist eins in allen le- benden Wesen. Man empfindet sich als eine Lichtung, eine Leerheit, eine weite Ge- räumigkeit, in der alle Objekte kommen und gehen können. Man ist an keines mehr gebunden. Absolute Freiheit und reines Gewahrsein wird empfunden. Er nennt diesen Zustand auch formlose Mystik oder reines Bewusstsein. Kausal heißt sie deshalb, weil sie der Ursprung aller bis jetzt genannten Ebenen ist. Denn diese Leerheit ist in aller Manifestation schon immer enthalten, verpackt in die verschiedenen stofflichen und psychischen Schichten. Jedoch wird sie einem erst auf dieser Ebene bewusst, auf der man alle diese Schichten abgetragen hat.

Auf der höchsten, nicht-dualen Ebene muss man praktisch diesen Zeugen auch noch aufgeben. Es geht um die Aufhebung der Trennung zwischen der individuellen Leer- heit, der immer noch ein diskreter, beschreibbarer Zustand ist, und dem Bewusstsein der All-Einheit, oder des Nicht-Dualen. Dies ist der schwierigste Schritt. Denn es gibt keine Methode mehr, diese Grenze aufzulösen. Denn alles, was jeden Moment ist, gehört zum Bewusstsein der All-Einheit. Wenn man wieder das Bild des Meeres he- ranzieht, so seien die verschiedenen Ebenen wie verschiedene Wellen des Meeres. Das Nicht-Duale jedoch ist das Wasser selbst. Man kann es nicht suchen, denn es ist immer schon da. Wer es entwickeln will, geht von ihm weg. Das sei das Dilemma, schreibt er. Jede Aktion, dieses zu finden, ist ein Schritt von ihm weg. Wir können uns nicht hinsetzen und sagen, so jetzt erleben wir den Augenblick. Das sei eine Handlung, und die mache schon eine Grenze zu dem jetzigen Augenblick. Das Fatale sei, dass wir selbst dauernd diese Grenzen schaffen, weil wir letztlich gar nicht dieses Bewusst- sein der All-Einheit erleben wollten. Denn dazu müssten wir alle Individualität aufgeben. Das ist die dunkle Nacht der Seele, in der man erkennt, dass man nichts machen kann, um dieses Bewusstsein zu erlangen, dass jede Handlung ein weggehen ist. Man muss diesen «Urwiderstand» ganz durchleben. Der Versuch, das Jetzt, die ewige Gegen- wart zu ergreifen, erfordert eine Bewegung, der Versuch es nicht zu ergreifen, erfor- dert auch eine Bewegung. Was der Mensch auch tut, er verfehlt es von vorn herein.

Dem Menschen dämmert dann vielleicht, dass alles, was er tut, ein Widerstand ist, weil er es tut. Es gibt immer noch ein Gefühl eines irgendwie abgegrenzten Selbst. Ja, sein Selbst ist Widerstand und kann daher den Widerstand nicht aufgeben. Wenn dies erkannt wird, kann der Widerstand sich auflösen. Dies ist der Beginn der Verwirklichung des Gewahrseins ohne Grenzziehungen. Der Mensch erwacht wie aus einem langen und nebelhaften Traum und stellt fest, was er die ganze Zeit schon gewusst hat: Er als abgesondertes Selbst existiert gar nicht. Sein wahres Selbst, das All ist niemals geboren worden und wird niemals sterben. Es gibt nur Bewusstsein als solches. Die Welt und das Selbst kehren als ein einziges Erlebnis zurück.

Ihm geht es also hauptsächlich um die Entwicklung des Selbst. Das Ich spielt eine Rol- le auf den unteren Ebenen bis zur Entwicklung des Kentauren. Er nennt es auch das frontale Selbst, das die Person an den grobstofflichen Bereich anpasst. Seele sei das Selbst, das sich an den subtilen Bereich anpasse, und das transpersonale Selbst, der innere Zeuge sei das Selbst, das sich an den kausalen Bereich anpasst. Diese Ebe- nen oder «Ströme» bewegen und entwickeln sich relativ unabhängig nebeneinander. Also, wenn das Selbst sich über den Kentauren hinaus weiter entwickelt, heißt das nicht, dass das Ich aufhört zu existieren, schreibt er in seinem letzten Buch, «Integrale Psychologie»13. Der Zeuge, also das Selbst, das im Kausalen «zu Hause» ist, sorge jedoch für die Integration aller anderen Formen von Selbst, damit diese nicht alle aus- einander fallen. Er schreibt: «Obwohl bei höherer Entwicklung der Schwerpunkt des Bewusstseins sich zunehmend vom Ich zur Seele zum Selbst verschiebt, sind sie nichtsdestoweniger doch alle notwendige und wichtige Fahrzeuge des GEISTES, wie er in den grobstofflichen, subtilen und kausalen Bereichen durchscheint».

Kritische Bemerkungen:

Insgesamt beschreibt K. Wilber eine U-Entwicklung, die von der Nicht-Dualität durch die verschiedenen Grenzziehungen bis «hinunter» zur Persona/Schatten-Ebene reicht, um dann wieder, bei entsprechender Entwicklungsarbeit des Individuums sieben Stu- fen bis hinauf zur Nicht-Dualität zu gelangen. Allerdings äußert er sich in seinen späteren Büchern kaum mehr zu dem ersten Strang des Us, also zu der Abwärtsbewegung. Sein System geht weit über alle anderen Systeme hinaus. Insbesondere ist sein Verdienst, dass er dieses «höhere Selbst», das der Endpunkt dienst, dass er dieses «höhere Selbst», das der Endpunkt der Entwicklung für die Jungsche als auch für die Psychologie von Assagioli darstellt, weiter aufgeschlüsselt hat. Das transpersonale Selbst als Teil des Göttlichen, als unser göttlicher Funke be- steht bei ihm aus mehreren Schichten mit jeweils verschiedenen Erlebnisqualitäten, die er die «Tiefen des Göttlichen» nennt. Eigene Methoden, diese Ebenen zu errei- chen, hat er nicht beschrieben. Er verweist diesbezüglich auf die verschiedenen thera- peutischen Schulen und spirituellen Praktiken, wie Buddhismus und Zen.

8 Das Selbst und das Ich bei Linda Roethlisberger

Auch L.R. fand durch ihre medialen Visionen eine U-Entwicklung. Ihre Beschreibun- gen14 wirken auf mich noch «bunter» oder mehrdimensionaler als die von Ken Wilber. Sie beschreibt acht Ebenen, die sich jedoch nicht vollständig mit den Ebenen von Wil- ber decken.

Sie nennt die höchste, also die achte Ebene Logos, das höchste Bewusstsein, der rei- ne Geist, der mit Liebe identisch sei. Es sei der nicht manifestierte Gott, der ewig sich gleich bleibt, selbst nicht in Bewegung ist, jedoch aus sich den Kosmos und alle Ebe- nen kreiere. Logos ist also passiv «Bewusstsein» und aktiv «Wahrnehmung». Sie be- schreibt diese Ebene auch wie eine ewig sprudelnde Wasserquelle, die um sich weiss aber auch nicht weiss, die sich leer und voll fühlt, die eine «erfüllte Leere» genießt. Es sind hier also alle Gegensätze aufgehoben oder miteinander vereint. Diese Ebene ist mit der Nicht-Dualen Ebene von Ken Wilber wohl vergleichbar. Und doch beginnt hier schon Bewegung, nämlich das Wahrnehmen seiner Selbst. Wahrnehmen wird als Be- wusstwerden betrachtet und dies ist die erste Bewegung. Aus diesem Prozess wird Bewusstsein zu Bewusstheit, ausgelöst durch das Licht der Liebe. Die Wassertröpf- chen/Götterfunken werden sich bewusst, dass ihr helles Licht Ausdruck der Liebe ist. Liebe wird als Energie betrachtet, die Bewegung auslösen kann, die erst einmal sich selbst erkennt, dass sie Liebe ist. Symbolisch beschreibt sie den Prozess so, wie wenn die Sonne sich bewusst wird, dass sie leuchtet und sich an ihrem eigenen Licht freut.

Durch diese erste Bewegung entsteht eine Art elektromagnetisches Feld, der erste Hauch von Materie. In der 8. Stufe entsteht also die erste Dreieinigkeit, bestehend aus Bewusstsein, Bewusstheit und feinstofflicher Materie. Sie nennt sie auch die goldige Energie der «Wahrheit und der Liebe», die silbrige aktive männliche Energie der «Ein- heit» und die weisse passive weibliche Energie der «Vielfalt». Logos in dieser Dreiheit scheint also aus sich selbst heraus Holografien oder elektromagnetische Dichten zu projizieren, die zunächst noch aus wenig dichter Materie bestehen. Diese projizieren neue Holografien, die schon etwas dichtere Materie besitzen, diese wieder neue usw. bis zur Ebene der festen Körper. Ein solcher erwachter Bewusstseinsimpuls macht sich nun auf den Weg - durch das «gebrochene Licht», durch die Regenbogenfarben verschiedener Bewusstseinswelten, durch Farbe und Klang hindurch - in immer dichtere Materie-Ebenen.

Hier wäre die Frage angebracht, gibt es diese dichteren Ebenen schon vorher oder werden sie durch die Abspaltung von Logos erst gebildet? L.R. verweist diesbezüglich auf die immer fließende Synthese zwischen «sowohl-als-auch» und «entweder-oder». Die Sonne ist da, ebenfalls ihr Licht. Die Zusammenhänge genauer zu erkennen, ist eine Frage des entwickelten Bewusstseins. Vielleicht werden wir sie nie vollständig verstehen können.

Diese Dreiheit durchströmt alle Ebenen bis zur physischen ständig und ist spürbar in einem wunderbaren Getragen- und Geführtsein. Ein Medium kann diese Dreieinheit als drei sich immer wieder vereinigende Energieströme wahrnehmen und beobachten. Es ist die Lebenskraft, die sich in den weiter folgenden dichter werdenden Ebenen in die Regenbogenfarben bricht.

Die nächste, siebte Ebene nennt Sie das Christusbewusstsein oder das Urselbst oder die höchste Bewusstheit. Spürbare Qualitäten sind Licht und Liebe. Hier ist sich solch ein Bewusstseinsfunke seiner Selbst ganz bewusst geworden, hat Liebe als Bewe- gung erkannt und macht sich auf den Weg der Transformation bis hinunter in die tief- sten Tiefen, um dann wieder, angereichert mit Informationen aus dem Speicher der Erinnerungen, wohl gelagert im persönlichen Gewissen, hinaufzusteigen bis zum Lo- gos. Hier ist der erste Hauch von Individualität gebildet worden. Oder symbolisch wur- de hier im Bewusstseinsimpuls zum Beispiel die Information «Zwiebel» gebildet. Die- ser, für sie, elektromagnetische Impuls hat also bereits die «Freiheit» und «den eige- nen Willen» wahrgenommen und will sich weiter - beispielsweise von «unserem Son- nensystem» anziehen lassen, mit der Absicht, auf unserem «blauen Planeten Erde» zu inkarnieren. Es ist noch nicht klar, welches Gewächs aus dieser Zwiebel einmal werden will. Denn, im Falle der Entscheidung, auf unserer Erde inkarnieren zu wollen, gilt es, zuerst von den feinstofflichsten durch die immer gröber werdenden «Geistmate- rie-Räume» weiter und weiter bis in unsere physische Welt zu -gelangen.

Jede Bewusstseins-Ebene wird als Geist- oder Informationsraum beschrieben - und deren gibt es vielleicht unzählige. Allerdings hat L.R. nur die acht wichtigsten be- schrieben. Diese haben also bestimmte Funktionen, bzw. bieten dem jeweiligen Be- wusstseinsimpuls eine Fülle an entsprechenden «Erkenntnis-Sammlungen», aus denen sich dieser wiederum immer selbständiger seine ureigene Geschichte oder «Erfahrungswelt» zusammenstellt, die er erfahren will oder letztlich - dank Karma und Dharma - durchleben wird. Diese verschiedenen Informations-Welten werden von bestimmten anderen Bewusstseinsimpulsen bevölkert, die wir auf feinstofflicheren Ebenen Geistwesen und auf dichteren Ebenen als unsere Gedanken- und Gefühlsformen definieren können. Sie wirken von dort aus sowohl auf tiefere Ebenen als auch auf höhere und stehen untereinander in ständigem Austausch.

Aus der siebten Ebene fließen Heerscharen von Engeln und Lichtwesen, die das gesamte Universum im Gleichgewicht halten. Auch große Meister und Eingeweihte wirken aus dieser Ebene heraus. Es ist die für den Menschen höchste erreichbare spirituelle Schwingungsebene.

Daraus entstehen weitere feinstoffliche Ebenen oder Verdichtungen in dieser spirituel- len Welt bis hin zur Kausal-Ebene, oder die Welt der Ideen. Offenbar meint L.R. dass sich jede Ebene in sieben Unterebenen aufteilt, die Sensitive durch die sieben Regen- bogenfarben, die immer dichter und farbintensiver werden, erkennen könnten. Jede dieser Unterebenen hätten eigene Informationen und einen eigenen Erlebnisgehalt.

Die sechste Ebene oder Kausalebene enthält das Lebens- oder Schicksalsbuch für eine sich zu entwickelnde Persönlichkeit auf der Erde, das auch Akasha-Chronik ge- nannt wird. Oder Symbolisch gesprochen, wird hier aus der abstrakten «Zwiebel» viel- leicht eine «Tulpenzwiebel» auf der Erde. Alle persönlichen, historischen und natürli- chen Ereignisse auf dem Planeten Erde sind hier festgehalten. Der Bewusstheits- Impuls weiss nun, dass er auf der Erde inkarnieren wird und welche Lernprogramme er «als Tulpenzwiebel» zu lernen hat. Menschen, die bewussten Zugang zu dieser Ebene finden, oder besser: sich an ihre Absicht, warum sie inkarnieren wollten immer klarer erinnern, sind meist Genies. Sie können ganz neue philosophische, wissen- schaftliche, humanitäre oder spirituelle Ideen finden, die sich verändernd auf unsere Erde auswirken können. Hier sind unsere geistigen Führer, Erzengel, Schutzgeister, Torhüter und aufgestiegene Meister zu Hause, die sich von ihrem Karma und vom Lernplanet Erde befreit haben. Auch diese Ebene teilt und verdichtet sich siebenfach. Hier ist die Schaltstelle zwischen kollektiven Ebenen und individuellen, personalen Ebenen. Alle tieferen Ebenen kann man individuell in jedem Menschen erkennen.

Die fünfte Ebene ist die Welt des höheren Selbst eines Menschen. Sie ist die unterste transpersonale Ebene, die mit Assagiolis höherem Selbst identisch ist. Alle Ebenen bis zur fünften Ebene nennt L.R. «unsere geistige Welt». Auf jeder Ebene bekommt der göttliche Bewusstheitsfunke einen neuen, etwas dichteren Körper hinzu, der später, auf der Erde seine Ausstrahlung als Aura darstellen wird. Der Bewusstheitskeim, der bis zu dieser Ebene vorgedrungen ist, will sich nun bewusst inkarnieren und ein be- stimmtes Lernprogramm, das er im Durchlaufen der oberen Ebenen langsam zusam- mengestellt hat, in einem physischen Körper erfahren und zum Ausdruck bringen. «In- spiration aus spirituellen Welten» dient ihm weiterhin als wertvolles Hilfsmittel und weist dem Suchenden immer wieder den Weg zu seinem inneren Wissen, das mittels des ewig fließenden Lebensstromes mit dem Höchsten Wissen verbunden ist. Hier hat er sich entschieden z.B. eine «rote Tulpe» zu werden. Welches Lernprogramm in je- mandem angelegt ist, können mediale Menschen evtl. an einer bestimmten Färbung in der Aura oder durch «Lesen» in der Akasha-Chronik der sechsten Ebene erkennen.

Mit der Geburt kommen nun noch drei weitere «personale» Schichten oder Körper hinzu, die zunächst noch ganz fein, als eine Art Anlage oder Konzept vorhanden sind, im Laufe des Lebens dann ausgefüllt werden. Dies sind:

Die vierte Ebene oder Mentalebene. Sie ist die Heimat unseres persönlichen Selbst. In ihr werden im Laufe des Lebens Einstellungen, Weltbilder und Überzeugungen gesammelt, die sich auf unser Verhalten auswirken und von denen wir vielleicht einige Leben lang nicht loskommen. Hier finden wir den Niederschlag der Ursachen unseres Schicksals. Mittels Intuition erfahren wir unsere inneren, oft schon unbewusst gewordenen Absichten und Lebensmuster, die wir mit unserem bewussten Wollen immer wieder vergleichen und evtl. korrigieren können.

Die dritte Ebene nennt L.R. die emotionale Ebene oder die Wunschwelt. Hier herrscht der Instinkt und alle unbewussten Strebungen. Sie wird auch als Ebene der Imagina- tionen, Illusionen und Täuschungen bezeichnet. Hier ist auch der Intellekt und das Ego beheimatet. Sie nennt den dazugehörigen Körper Astralkörper. Hier können wir Astral- reisen in verschiedene geistige Bereiche, der emotionalen sowie der mentalen Be- wusstseinsebene machen. Gedanken- und Gefühlskräfte formen sich und -wollen als Geistesblitz, als Idee, als innere Stimmen, Gefühle, Visionen oder Träume wahrge- nommen und in ihrer Symbolik verstanden und in Bezug gebracht werden. Je nach individueller Anlage und seelisch-geistiger Reife werden die fünf medialen Sinne erfah- ren und in Realbezug gebracht. Wesen aller Art bewohnen diese Ebene, Engel als auch Geistwesen, die helfen oder schaden wollen, die der Sensitive, der Zugang zu den Astralebenen hat, wahrnehmen kann. Die Welt der Gefühle, von bedingungsloser Liebe bis Hass und Wut gehört in diese Ebene. Von hier melden sich auch viele Ver- storbene, die noch etwas aus dem letzten Leben bereinigen wollen. Eine gegenseitige Versöhnung zwischen Inkarnierten und nicht Inkarnierten kann hier stattfinden. Hier beginnt die Sensibilisierung und die bewusste «Rück- oder Weiterentwicklung» wieder alle Ebenen hinauf. Eine bewusste mediale Schulung kann dabei helfen. Hier auf dem Weg der Erinnerung beginnt die «rote Tulpe» zu erblühen. Es gelingt ihr immer besser, in ihrem Sein und Wirken den höheren Gesetzen der Natur zu dienen oder aus dem individuellen Sein heraus bewusst zu wirken und zu bewirken.

Die zweite Ebene ist unser Ätherkörper aus der Ätherebene, die eine schützende «Ozonschicht» für unseren grobstofflichen Körper darstellt. Die Ätherwelt gehört mit der Nervenkraft und der persönlichen Ausstrahlung zum physischen Körper. Sie ist der Spiegel des stofflichen Körpers. Wer den Ätherkörper sieht, kann Krankheiten schon vor der Entstehung erkennen und evtl. heilen, so dass sie gar nicht ausbrechen müssen. Er bleibt das ganze Leben mit dem feinstofflichen Kreislaufsystem des stofflichen Körpers verbunden, sorgt für den Austausch zwischen Seelisch-Geistigem und Nerven- sowie endokrinem Drüsensystem und löst sich beim Tod auf.

Die erste Ebene ist die physische Welt oder unser physischer Körper. Er ist der Ge- fährte, der uns ständig begleitet. Er hält uns in einer Welt von Gegensätzen und Wi- dersprüchen doch zusammen. Er lässt im gesunden Zustand den ständigen Fluss des Bewusstseins zu, damit sich dieses weiter und weiter wieder zum reinen Logos ent- wickeln kann.

Siehe: Linda Roethlisberger: « Der sinnliche Draht zur geistigen Welt »

Für L. R. gibt es also Ebenen, aus denen sich um den ursprünglichen göttlichen Fun- ken herum Körper oder Hüllen bilden, die aus der gleichen Schwingung oder Energie dieser Ebene bestehen. Auch Wilber unterscheidet Ebenen, die er mit einer Leiter ver- gleicht und dem Kletterer, der auf diese Leiter steigt. Vielleicht meint L.R. etwas Ähnli- ches. Wir sind zwar alle mit diesen Körpern oder Bewusstseinswelten, letztlich also mit allen Ebenen umgeben, ja wir bestehen aus ihnen. Das heißt jedoch nicht, dass uns all diese Ebenen mit ihrer entsprechenden Information bewusst sind. Um uns diese Ebenen bewusst anzueignen, müssen wir anfangen zu klettern, uns also an die Arbeit des Bewusstwerdens machen. L.R. liefert nicht nur ein Gedankengebäude, sondern auch Übungsanleitungen, um diese Bewusstseinsarbeit zu leisten.

Ein Mensch enthält in seiner Aura, die ein Sensitiver sehen kann, um den physischen Körper herum also sieben Schichten oder Körper, die seinen Werdegang und sein Lernprogramm enthalten. Jeder dieser Aurakörper, kann sich weiter unterteilen in wei- tere 7 Regenbogenfarben. Jede Farbe enthält entsprechende Informationen bezüglich seiner Lernaufgabe. So kann die Mentalebene z.B. eine rote Färbung haben, was hie- ße, dass dieser Mensch sich gedanklich mit den Angelegenheiten der Erde und des Stoffs auseinandersetzen will. Vielleicht wird ein solcher Mensch ein Biologe oder Physiker und findet neue Gesetzmäßigkeiten über unsere Fortpflanzung. Die Emotio- nalebene könnte eine blaue Färbung haben, was vielleicht hieße, dass dieser Mensch sich gefühlsmäßig seinen tieferen Intuitionen öffnen will. Der Physiker wird in seiner Freizeit vielleicht mediale Übungen machen, um sich seiner Intuition aus feinstoffliche- ren Ebenen zu öffnen, die ihm tiefere kreative Anstöße für seine Arbeit geben könnten. Ein Medium wird dieses Kaleidoskop der verschiedensten Farbschwingungen, die sich nicht nur in ihren Farben sondern auch in ihren Farbintensitäten unterscheiden, wahr- nehmen können. Es bedarf dann wohl noch einiges Training, um diese Farbschattie- rungen richtig deuten zu können.

Vielleicht wird durch dieses Beispiel klar, wie komplex das Modell von L. R. ist. Auf jeder Ebene kann es weitere Verfeinerungen geben. Manche Medien «sehen» dies als verschiedene Farbwellen oder Wirbel. Die Wahrnehmung bleibt jedoch nicht auf Far- ben beschränkt. Andere Medien nehmen die Aura vielleicht als Gefühls- oder Klang- qualitäten wahr, andere haben ein spontanes Wissen über einen Menschen.

Die unteren Ebenen, das heißt die Astral- und Mentalebene sind von Geburt an als Potenzial vorhanden. Sie werden im Laufe des Lebens eines Menschen immer diffe- renzierter, mit immer mehr Erkenntnis und Information angereichert, bis sich die ganz persönliche Ausstrahlung immer deutlicher manifestiert. Diese Ebenen nennt sie auch unsere Psyche. Die Psyche hat bewusste und unbewusste Anteile. Sie ist mit dem Unterbewusstsein und dem Überbewusstsein von Assagioli und mit der Persona- Schatten und Ich-Ebene von Ken Wilber vergleichbar. Der bewusste Teil davon ist unser Ich. Je mehr Bewusstsein wir über diese beiden Bereiche bekommen, desto weiter dehnt sich unser Ich aus. L.R. meint, dass Kinder bei entsprechender Förderung bis zu ihrem 12. Lebensjahr die Astral- und Mentalebene ins Bewusstsein heben könnten, also ihr Ich den ganzen Bereich des Unter- und Überbewusstseins abdecken könnten. Das Ich und unsere Psyche ist also bei Geburt nur als Potenzial vorhanden. Es entwickelt und differenziert sich im Laufe des Lebens und kann zum «Schutzmantel» oder zur «Zwangsjacke» des göttlichen Funkens in uns werden.

Kritische Bemerkungen:

Alle vorher beschriebenen Schulen außer den transpersonalen Richtungen beschäfti- gen sich ausschließlich mit den Entwicklungen unserer Psyche. Je bewusster das Ich wird, desto mehr wird es sich über die unteren Ebenen hinaus zur Ebene des höheren Selbst entfalten und sich bewusst mit ihm verschmelzen wolle, zumindest zeitweilig. Und dieses Selbst wird dann im Laufe seiner Bewusstwerdung den Weg wieder hinauf durch die beschriebenen Ebenen bis hin zur Vereinigung mit dem Urselbst und dann mit dem Logos finden können. Dies jedenfalls ist sein Ziel. Es wird sich mit dem Logos, aus dem es ja ursprünglich «hinausprojiziert» wurde, und dessen Teil es ist, wieder vereinen, angereichert mit den Erfahrungen und Informationen, die es auf seinem Weg durch die Materie hindurch gesammelt hat. Eine dauerhafte Vereinigung wird wohl in einem Menschen mit einem grobstofflichen Körper nicht möglich sein. Denn dann wür- de sein Ich und sein individuelles Selbst «sterben». L.R. betont jedoch immer wieder, dass wir auf der grobstofflichen Ebene unser Ich brauchen. Denn dieses sei das Zen- trum des Bewusstwerdensprozesses und erhalte uns am Leben in der Materie.

L.Rs System kommt der Verdienst zu, dass sie die feinstofflichen, transpersonalen Ebenen durch ihre mediale Wahrnehmung noch vielfältiger beschreiben kann als Ken Wilber. Sie unterteilt die meisten Ebenen außer vielleicht Logos und die physische Ebene in weitere sieben Unterebenen, die durch die sieben Regenbogenfarben für einen Sensitiven evtl. «sichtbar» sind. Ihre Ebenen oder Aurakörper haben also Far- ben, bestimmte Seinszustände, bestimmte Informationen, Weisheiten, Gefühle und, was bei Wilber überhaupt nicht vorkommt, sie bieten Wohnraum für verschiedenste Bewusstseinsimpulse, also Wesenheiten, die uns helfen können, wenn wir sie in ihrer Symbolik verstehen. Es ist das komplexeste Selbst-System von allen, die ich hier un- tersucht habe. Allerdings empfinde ich Manches ihres Systems auch verwirrend. So brauchte ich viele Stunden Diskussion mit ihr, um mir über ihre verschiedenen Ebenen einigermaßen Klarheit zu verschaffen, zumindest so viel, dass ich es aufschreiben konnte. Manches ist mir immer noch nicht klar, und es ist die Frage, ob es sich je mit meinem «mentalen» Menschenverstand klären lässt. Meine kritischen Anmerkungen und Fragen habe ich L.R. vorgelegt. Sie versuchte, darauf zu antworten, was ich im folgenden Text wieder geben möchte.

So schreibt sie z.B. dass die achte Ebene, also Logos, sich nicht teilt und evtl. mit der Ebene des Nicht-Dualen von Wilber vergleichbar sei. Was wird dann von dieser Ebene hinausprojiziert, so dass die tieferen Ebenen überhaupt entstehen können? Gibt es noch etwas Anderes als Logos? Linda: Ja. Der «aktive» Logos, der wahrnimmt und beachtet, dass er ist wie er ist. Aber dann wäre Logos nicht die nicht-duale Ebene, in der sich alles Andere vereint. Dann wäre unser Götterfunke ja auch nicht Teil des Lo- gos. Wenn er Teil des Logos ist, dann muss sich Logos zwangsläufig teilen. Auch der Begriff Logos weckt Assoziationen an etwas Abgegrenztes. Dann ist Logos wohl doch nicht mit der nicht-dualen Ebene von Wilber vergleichbar? L.R. antwortete darauf, dass es sowohl als auch sei - vielleicht eine Frage des Bewusstseins und des verba- len Ausdrucks - «von der Kommunion zur Kommunikation und darüber hinaus». Das ICH ohne das DU sei wie eine leere Luftblase - sie seien eins und doch jeder ALL- EINS.

Öfter benützt sie Begriffe, die ohne weitere Erklärung einfach so dastehen, z.B. Nervenkraft, oder Licht und Liebe. Das ist für mich erlebnismäßig wenig aussagekräftig. Gerade heute empfinde ich diese Begriffe Licht und Liebe etwas abgegriffen. Es wäre sinnvoll, das konkrete Erleben, das hinter den Begriffen steht, genauer zu beschreiben. Dazu meinte L.R. dass man ihre Kurse besuchen sollte, um das Dahinter, das mit Energien zu tun hat, zu begreifen. Sie: «Frage nicht, was die Welt braucht, frage vielmehr, wo durch du lebendig wirst. Geh und tu es».

Warum geschieht dieser gesamte Entwicklungsweg, also von oben nach unten und wieder zurück? Darauf konnte mir weder Ken Wilber noch L. Roethlisberger eine be- friedigende Antwort geben. L.R. meint, dass durch dieses Energie- und Kräftespiel der

Menschen das als «geistige Nahrung» auch der Natur zu ihrer Entwicklung dient, auch die Erde als Planeten sich weiter entwickeln könne.

Ist das Göttliche selbst in einer Entwicklung begriffen, also will es auch noch etwas lernen? L.R. meint dazu: Ist nicht alles eine Frage der Interpretation? Aus diesem Grund fordert uns das Göttliche, das BewusstSEIN dazu auf, mittels unserer BewusstHEIT Dunkles in Lichtvolles zu transformieren bis es einmal schlicht und einfach «nur noch» Licht oder BewusstSEIN ist.

Weiter hatte ich mit den Begriffen weiblich und männlich Schwierigkeiten und der Vor- stellung, dass sie sich erhalten bis hinauf zur achten Ebene des Logos. Sie sind für mich menschliche Zuschreibungen, die bestenfalls etwas mit der vierten Ebene, also mit unseren Welt- und Menschenbildern zu tun haben. Fast in jeder Kultur wird männ- lich-weiblich mit anderen Eigenschaften gefüllt. So sind sie für mich letztlich leere Schubladen, in die jeder nach eigenem Gutdünken bestimmte Eigenschaften hinein- packen kann. L.R. stimmte mir grundsätzlich zu. Jedoch sollte man dann, um Missver- ständnisse zu vermeiden, die Begriffe weiblich-männlich für die feinstofflicheren Stufen weglassen.

Es ist für mich auch nicht klar, ob die Wesenheiten (Engel, Meister, Verstorbene), die ein Medium sieht, wirklich verschiedene Personen sind oder vielleicht nur Aspekte «meines» Selbst. Ich meine, dass es davon abhängt, zu welcher Ebene man schon bewussten Zugang hat. Ein Medium, das hauptsächlich Astral- oder Mentalebenen wahrnehmen kann, jedoch noch nicht zur fünften oder sechsten Ebene Zugang hat, wird Meister, Engel und Naturgeister als eigenständige Wesen sehen. Je weiter das Bewusstsein wird, auf je höhere Ebenen es reicht, desto mehr verschmilzt es wohl mit dem Geistbereich, desto mehr wird es eins mit einem Kollektiv. Das Individuelle verliert an Bedeutung. Oder anders ausgedrückt, das Ich verschmilzt mit einem überindividu- ellen Selbst. Und die beschriebenen Meister oder Engel sind dann wohl bestimmte Aspekte des eigenen Selbst. Es gibt ja auch schon Abspaltungen auf den personalen Ebenen. Wir nennen sie Teilpersönlichkeiten. Diese gebärden sich manchmal so ei- genständig, als ob sie eigene Wesen wären. Im therapeutischen Prozess kann man sie erkennen und besser mit der Gesamtpersönlichkeit verschmelzen, so dass sie spä- ter nur noch als Charaktereigenschaften einer Person auftreten.

L.R. meint dazu: Ja, das sehe ich grundsätzlich auch so. «Sowohl als auch» gilt für mich ebenfalls. Das Mental-Medium, das einen sogenannten Nichtinkarnierten- Bewusstseinsimpuls als «Verstorbenen» aus spirituellen Welten - nicht aus Psychi- schen - verifizieren kann, kann immer in der Reflektion auch eine Projektion zu seiner eigenen Persönlichkeit entdecken. Nimmt es als Kausal-Medium (6. Ebene) höhere Wesenheiten wahr, dienen ihm diese nicht als persönliches Kontrollpodium der eige- nen Supervision, da diese schwer überprüfbar sind. Der Wahrnehmende muss sich zuerst in der Emotional- und Mentalwelt sicher bewegen können, um später einen sinnvollen Umgang mit den höheren Ebenen der Meister bekommen zu können.

Ähnlichkeiten mit Wilbers System gibt es verschiedentlich. Ab der fünften Ebene des höheren Selbst beginnt sowohl bei ihm als auch bei ihr das Transpersonale, das sich durch Vereinigung mit kollektiven Kräften auszeichnet. Beide betonen jedoch, dass wir auf allen Ebenen Größere Bewusstheit erlernen sollten und dass dies eher parallel oder spiralig als linear verläuft.

Die Ichebene oder die Psyche kennen zulernen ist genau so wichtig wie die höheren Ebenen. Es kann also sein, dass man zeitweilig sogenannte Gipfelerfahrungen macht, und dann wieder auf die Ebene der Psyche hinabsteigen muss, um diese noch weiter zu differenzieren. Unsere Entwicklung verläuft komplexer, für den oberflächlichen Blick vielleicht chaotisch, für den tieferen Blick eines/er Weisen wohl nach wohlgeordneten Gesetzen.

9 Zusammenfassung

Allen Theorien gemeinsam ist, dass sie das Selbst aus 2 Teilen bestehend beschreiben, einmal aus einem aktiv-steuernden Teil, eher punktähnlich und zum andern aus einem Inhalt, eher feldähnlich. Auch das Ich hat bei vielen Theorien diese beiden Qualitäten, z.B. bei Jung und Kohut. So ist das Selbst sowohl Hintergrund und Ziel als auch das Treibende der menschlichen Entwicklung.

Sehr unterschiedlich werden die Begriffe Ich und Selbst verwandt. In der Strukturtheo- rie der Psychoanalyse ist das Ich das Ursprüngliche, aus dem das Selbst in Form von Selbstrepräsentanzen besteht, also hier ist das Selbst zu einer Form von Erinnerung verkommen. In den anderen Theorien war das Selbst zuerst da, aus dem dann das Ich entsteht. In der Selbstpsychologie scheint das Ich immer mehr zu verschwinden. In der Psychosynthese scheint es eine Art Gleichgewicht zwischen Ich und Selbst zu ge- ben, allerdings mit dem Entwicklungsziel, dass einmal Ich und Selbst miteinander ver- schmelzen. In den transpersonalen Theorien wird das Selbst noch weiter ausdifferen- ziert. Bei L.R. gibt es ein personales, ein höheres, und ein Urselbst.

Die Theorien der Persönlichkeitspsychologie, der Psychoanalyse und der Selbstpsy- chologie haben gemeinsam, dass sie aus der Sicht der transpersonalen Theorie nur die ersten vier Bewusstseinsebenen beschreiben. Diese Einteilung des Bewusstseins in mehrere hierarchisch geordnete Schichten gibt es bei diesen Theorien nicht. In der Psychoanalyse gibt es das Bewusste, und das Unbewusste. C.G. Jung differenzierte das Unbewusste in individuelles und kollektives Unbewusstsein. Bei Assagioli kam ein Überbewusstsein dazu, das z.T. bewusst z.T. unbewusst sein kann. Erst die transper- sonalen Psychologen differenzierten dieses «Überbewusstsein» weiter, eben bis zu acht Erfahrungsbereichen bei L.R. Dies ist eigentlich eine Ausdifferenzierung des Un- bewussten. Denn diese Ebenen sind uns zunächst ja kaum bewusst. Es braucht An- strengung und Entwicklung, um sie sich bewusst zu machen. Wir werden also zu der Erkenntnis kommen müssen, dass in unserem Unbewussten nicht nur wilde Triebe und Instinkte herrschen, sondern noch viele Ebenen der geistigen Erfahrung.

Eine Entwicklungsgeschichte des Selbst existiert bei allen Theorien außer der Psycho- synthese. Allerdings wird ein «Psychosynthese-Prozess» beschrieben, der jedoch ein Umwandlungsprozess - ähnlich dem Individuationsprozess bei Jung - eher im Er- wachsenenalter darstellt. Hier soll sich das Ich immer weiter zum Selbst hin entwickeln. Dieses jedoch ist sich offenbar immer gleich. Bei L.R macht sowohl das Ich als auch das Selbst eine Entwicklung durch. Das Ich wird sich immer weiterer Teile des Unbe- wussten bewusst und dadurch entwickelt sich das Selbst, indem es sich immer ge- nauer an seine ursprünglichen Lernziele erinnert, wegen denen es sich überhaupt in- karniert hat. Auch gibt es zwischen Ich und Selbst eine Annäherung, wie in der Psy- chosynthese, so dass letztlich das Ich zum handelnden Werkzeug des Selbst in dieser stofflichen Welt wird.

Das Ich bei L.R. enthält hauptsächlich unser bewusstes Wissen, zum Unterschied in der Psychoanalyse, wo Teile des Ichs auch unbewusst sein können, z.B. steuert das Ich unsere Träume, obwohl wir schlafen. So scheint das Ich der Transpersonalen Psy- chologie eher eine Einengung in seinen Funktionen zu erfahren, bzw. ich habe den Eindruck, dass auf das Ich nicht so genau geschaut wird, was es nun alles tut und um- fasst. Genauer wird auf das Selbst geschaut, das, wie mir scheint manche Funktionen des Ichs geerbt hat.

In den transpersonalen Theorien wird behauptet, dass das Selbst erfahrbar sei. Dies geschieht meist durch Phantasiereisen. Jedoch könnte man solches Erleben auch an- ders definieren, z.B. als schöne, phantastische Tagträume. Bei den Jungianern und auch bei Kohut kann das Selbst nur in Teilen erfahren werden, da der, der erfährt, nicht selbst erfahren werden kann. Nach den transpersonalen Theorien kann das Selbst offenbar bis zum Göttlichen selbst erfahren werden. Wie diese Erfahrung aus- sehen könnte, dem hat Wilber sich in seinen Beschreibungen anzunähern versucht. Bei L.R. wirken die Beschreibungen etwas flacher, plakativer. L.R. erwiderte darauf, dass ihr Lehrbuch neben Übungsanleitungen nur zusammenfassende Theorien be- schreibt, dass in ihren Kursen mehr vom Selbst und den feinstofflichen Ebenen direkt erfahren werden kann.

In der Jungschen Psychologie wird vor einer Verschmelzung zwischen Ich und Selbst gewarnt, dies könnte zur Inflation und zur Psychose führen. Die transpersonalen Theo- rien sind da nicht so zimperlich. Allerdings machen es sich transpersonale ForscherIn- nen manchmal etwas einfach, wenn sie bestimmte schöne Erlebnisse in Phantasierei- sen einfach als «Selbst-Erfahrung» definieren. Hier besteht die Gefahr, dass das Selbst auf ein schönes Gefühl von Glück, Geborgenheit oder Liebe reduziert wird. L.R. sieht das auch so. Sie betont deshalb die Wichtigkeit eines Kontrollpodiums der eigenen Wahrnehmungen, z.B. in den Gruppen an ihrem Institut.

Die Selbstrepräsentanzen der Psychoanalyse erscheinen mir im Vergleich mit der Psychosynthese und den transpersonalen Theorien als Teilpersönlichkeiten. Sie decken keinesfalls alle Qualitäten des Selbst dieser Theorien ab. Hier verkommt das Selbst zu ein paar Bilder über sich selbst.

Der Verdienst der personalen Theorien ist, dass sie sehr differenziert die unteren vier Ebenen beschreiben. Die Psychosynthese reicht mit ihrem Selbstbegriff an die fünfte Ebene von L.R. heran. Von noch weiteren Bewusstseinsebenen haben sie offenbar keine Ahnung. Bei den transpersonalen Theorien ist es umgekehrt. Die unteren Ebe- nen werden eher spärlich beschrieben. Man verweist auf die schon vorhandenen Theorien. Dafür können sie relativ differenziert die «höheren» bis zu acht Bewusst- seinsebenen beschreiben.

In allen Theorien gibt es einen Sinn, auf den hin das menschliche Leben sich ausrich- tet. Sinn heißt senden, spüren, eine Richtung geben. Jung nennt den Sinn die Indivi- duation, durch die das Ich Teile des Selbst erfahren kann. Bei Kohut geht es darum, ein inneres Muster zu verwirklichen, das im Kern-Selbst angelegt sei. Dies sei die Verwirklichung von Qualitäten wie Empathie, Humor, Kreativität, Weisheit. Bei Assa- gioli ist der Sinn der Prozess der Psychosynthese selbst, an dessen Ende eine Ver- schmelzung zwischen Ich und Selbst stehen kann. In den transpersonalen Theorien geht es um die bewusste Wiedererkennung und Vereinigung mit dem göttlichen Fun- ken in uns. In der Psychoanalyse ist man bescheidener. Freud schrieb, dass das Indi- viduum durch den psychoanalytischen Prozess liebes- und arbeitsfähig werden, also heil werden soll. Ein Unterschied besteht wohl zwischen der Psychoanalyse und den anderen Theorien. Die Psychoanalyse will psychische Krankheiten heilen. Über weite- re Wachstumsprozesse des Menschen will sie nichts aussagen. Die Methode der frei- en Assoziation und Deutung von Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand führe zur Heilung, meint Freud.

In der transpersonalen Theorie ist die Sinnfindung zentral und umfasst weit mehr als körperliche und seelische Heilung. Um diese Wiedererkennung des Göttlichen in uns zu erreichen, braucht es hier regelmäßige bewusste Übung, z.B. Sensibilisierungs- übungen der Wahrnehmung. Nur die Psychosynthese und L.R .haben ein System von vielen, ganz konkreten Übungen dazu angeboten. L. Roethlisbergers Lehrsystem ist noch differenzierter als das der Psychosynthese, da sie zu allen von ihr beschriebenen Ebenen konkrete Übungen ausgearbeitet hat, durch die diese Ebenen zumindest in Ansätzen erfahrbar werden, wie sie meint. Allerdings ist es eine Frage der inneren Rei- fe der subjektiven Wahrnehmung und der Definition, welches Erleben zu welcher Ebe- ne zugerechnet wird. Allgemein beschreibbare Maßstäbe des Erlebens und Verhaltens zu finden, das erkennen lässt, auf welcher Ebene man sich gerade befindet, wäre eine Aufgabe der transpersonalen Psychologie für die Zukunft.

10 English Summary

Why is this book titled self and ego-images? Quite simply, as we can only compile images, associations, models and thus phantasies of a concept. Never has anyone visualized the self or the ego. It is nothing of substance, which can be observed or put under a microscope. We live certain emotions; feelings, moods, or thoughts revolve within us. We attempt to organize these inner events somehow. And then we try to grasp this arrangement and the things that it is made up of, and so on.

A discussion of the inner organizational entity, which is called ego in all psychological schools, follows. Which phenomenons, which experience are part of the ego? The schools represent diverse opinions. And why do we need another term in addition to the the ego, the self? Which experience stands behind this term? The researchers differ about this as well. This article attempts to detect the inner events which are considered ego or self in the respective schools. The terms themselves are images of our mind. Which is not to say that they are essentially nothing. They are abstractions of real experience. Their function is to point to real experiences. However, they do not constitute that real experience themselves. If we would not feel anything tangible behind it, then indeed we could be able to forego them.

At once, we are faced by a dilemma which manifests itself with the use of language. Language utilizes symbols - and takes us to the world of images. Ultimately, language is never able to reproduce our experience exactly, we try to approximate as close as possible. Then we hope that others will be able to grasp a little of what we try to con- vey by referencing something with our language that points to a similar experience of the other. If we say “red“ we hope that our conversation partner recalls something that is at least similar to our experience of “red“. This article discusses some self and ego models, and compares them amongst each other and to the TRILOGOS approach of Linda Roethlisberger. On the one hand, this approach demonstrates a comprehen- sive ego-self conception. On the other hand, it offers a method to enable the trans- formation and interconnection between ego and self. At last, it is revealed that per- sonal evolvement and the development of an ethical mindset are not opposed but in fact mutually dependent.

Literaturliste

Autorin

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dr. Barbara Gissrau,

geb. 1943 in Esslingen. Dort ging sie zur Schule bis zur mittle- ren Reife. Danach arbeitete sie einige Jahre in verschiedenen Büros, bis sie das Abitur auf dem Hessen-Kolleg nachgemacht hatte. Danach Studium der Psychologie, Soziologie, Philosophie. Danach arbeitete sie einigen Jahren in der Psychiatrie, Jugend- beratung und Familienberatung. Nebenher unterzog sie sich verschiedener psychotherapeutischer Ausbildungen, z.B. Psy- choanalyse, Psychodrama, Gesprächstherapie, Psychosynthese. Fortbildungen be- suchte sie in Gestalttherapie, Körpertherapie, Atemtherapie, Familientherapie, Ur- schreitherapie. Sie ist Absolventin der «Grundschulung der Spirituellen Medialität» bei Linda Roethlisberger. Seit 1973 arbeitet sie in eigener Praxis. Daneben publizierte sie in verschiedenen Fachbüchern Artikel zu weiblicher Sozialisation, feministischer Psy- choanalyse, Spiritualität, sexuellen Lebensstilen. Barbara Gissrau verstarb im Jahr 2010.

[...]


1. in: Ludwig-Körner, Christiane (1992): Der Selbstbegriff in Psychologie und Psy- chotherapie, S.23

2. Rustemeyer, Ruth (1993): Aktuelle Genese des Selbst, Aschendorff Münster

3. Epstein, S. (1980): The Self-concept: A review and the proposal of an inte- gratend theory of personality. In: Staub E (ed) Personality: Basic aspects and current research. S. 81-132

4. Allport GW (1958): Werden der Persönlichkeit. Gedanken zur Grundlegung ei- ner Psychologie der Persönlichkeit, Bern Huber

5. Lersch P (1962): Aufbau der Person

6. in: Ludwig-Körner , Christiane (1992): Der Selbstbegriff in Psychologie und Psy- chotherapie

7. Kohut, H. (1979): Die Heilung des Selbst, Frankfurt, Suhrkamp

8. Stern, Daniel (1992): Die Lebenserfahrung des Säuglings, Klett-Cotta

9. Jung, C.G. (1921): Definitionen GW 6, Zürich, Rascher 1960 S.44-528

10. Jacoby, Mario (1985): Individuation und Narzissmus, Psychologie des Selbst bei C.G. Jung und H. Kohut, München

11. Assagioli, Roberto (1978): Handbuch der Psychosynthesis

12. Wilber, Ken (1991): Wege zum Selbst, Goldmann

13. Wilber, Ken (2001): Integrale Psychologie, Arbor Verlag

14. Roethlisberger, Linda (1995): Der sinnliche Draht zur geistigen Welt, Bauer, Freiburg i.Br.

71 von 71 Seiten

Details

Titel
Selbstbilder - Ichbilder
Autor
Jahr
2012
Seiten
71
Katalognummer
V201105
ISBN (Buch)
9783656272496
Dateigröße
853 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbstbilder, ichbilder, Psychologie, transpersonale, Trilogos, Trilogos-PsyQ-Methode
Arbeit zitieren
Barbara Gissrau (Autor), 2012, Selbstbilder - Ichbilder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201105

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