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Die Bedeutung von Strafe und Schuld in Kafkas "In der Strafkolonie" unter Einbezug der Strafsystemanalyse Foucaults

Title: Die Bedeutung von Strafe und Schuld in Kafkas "In der Strafkolonie" unter Einbezug der Strafsystemanalyse Foucaults

Term Paper , 2011 , 26 Pages , Grade: 1,7

Autor:in: Hannes Engl (Author)

German Studies - Modern German Literature
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„Zur Erklärung dieser letzten Erzählung füge ich nur hinzu, dass nicht nur sie peinlich, dass vielmehr unsere allgemeine und meine besondere Zeit gleichfalls sehr peinlich war und ist und meine besondere sogar noch länger peinlich als die allgemeine.“1 Mit diesen bedeutungsschweren Worten rechtfertigt Franz Kafka (1883 – 1924) im Oktober 1916 seine Erzählung „In der Strafkolonie“ in einem Brief an Kurt Wolff. Der Schriftsteller reagierte damit auf eine vorangegangene Aussage seines Verlegers, der trotz einer gewissen Begeisterung und Faszination für die Erzählung die Peinlichkeit im Text rügte und aus diesem Grund eine Veröffentlichung des Werks scheute. Unter dieser angesprochenen Peinlichkeit versteht Wolff die auffällig brutalen und sadomasochistischen Schilderungen, die in einer Detailgenauigkeit und Intensität dargeboten werden, die in keinem anderen Werk Kafkas – weder vor noch nach „In der Strafkolonie“ erscheinen sollten. Neben der möglichen Verletzung des zeitgenössischen sittlichen Empfindens unter der Leserschaft liegt ein weiterer Grund für den vorsichtigen Umgang des Verlegers mit dem Werk wohl in einer nicht unbegründeten Angst vor einer drohenden, staatlichen Zensur. Bedenkt man den zeitgeschichtlichen Hintergrund – seit über zwei Jahren tobt der 1.Weltkrieg in Europa – dann werden die beschriebenen Szenen in der Strafkolonie leicht Assoziationen an die Praxis von militärischen Standgerichten erwecken, die die allgemeine Kriegspropaganda jener Zeit durch die im Werk geschilderte Grausamkeit und Brutalität kontrastieren. Schon nach der Fertigstellung des Werkes im Oktober 1914 wurde Kafkas ursprünglicher Plan, die Erzählung zusammen mit „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ unter dem Titel „Strafen“ zu publizieren, mit der Begründung der Unverkäuflichkeit abgelehnt. Dieser Wunsch des Autors, dem nicht stattgegeben wurde, macht schon darauf aufmerksam, dass die zwei 1912 veröffentlichten Erzählungen in einem engen Zusammenhang mit „In der Strafkolonie“ stehen. Ebenso verhält es sich bei „Der Prozess“, an dem Kafka seit Sommer 1914 arbeitet. Seine Schreibtätigkeit daran bricht er Anfang Oktober ab und widmet sich der Arbeit an „In der Strafkolonie“, die er nach zwei Wochen abschließen kann. In allen vier Erzählungen greift Kafka die Strafthematik auf und verarbeitet seine biographisch bedingten Straffantasien, die eng mit seinen Schuldgefühlen zusammenhängen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Grundzüge des Strafsystems unter der alten Ordnung

1.1 Der Stellenwert des Apparats für den Offizier

1.2 Vergleich zwischen em Strafsystem in der Kolonie und rechtsgrundsätzen in der aufgeklärten Gesellschaft

1.3 Die Rolle des Forschungsreisenden: Zwischen Teilnahmslosigkeit, Faszination, Ablehnung und Akzeptanz

2. Das Strafsystem in der Epoche des Absolutismus nach Foucault als Analogie zu der alten Ordnung in der Strafkolonie

2.1 Das Verfahren als Praxis der Strafe und der Wahrheitsermittlung

2.2 Der Körper als Zielobjekt der Strafe

2.3 Die peinliche Bestrafung als Demonstration absoluter macht im öffentlichen Raum

3. „Unter der Maschine“: Der Apparat als Symbol für die moderne Disziplinargesellschaft

4. Abschließende Bemerkungen

Zielsetzung & Themen

Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht das Verhältnis von Schuld, Strafe, Macht und Gerechtigkeit in Franz Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ unter besonderer Berücksichtigung der Strafsystemanalyse von Michel Foucault. Ziel ist es, die Parallelen zwischen der im Werk beschriebenen archaischen Strafpraxis und dem historischen absolutistischen Strafsystem aufzuzeigen sowie den Apparat als Sinnbild für die Kontinuität von Disziplinierungsmechanismen in der modernen Gesellschaft zu deuten.

  • Analyse der Bedeutung von Strafe und Schuld bei Kafka im Kontext biographischer Straffantasien.
  • Vergleich der Strafpraxis in der Strafkolonie mit den Grundsätzen der aufgeklärten Moderne.
  • Anwendung der Foucaultschen Analyse des Absolutismus auf das Strafregime im Werk.
  • Deutung des Hinrichtungsapparats als Metapher für moderne Disziplinierungs- und Kontrollstrukturen.

Auszug aus dem Buch

2.2 Der Körper als Zielobjekt der Strafe

Die peinlichen Strafen in der absolutistischen Epoche sind vorrangig auf die physische Vergeltung des Verbrechens und dem gewaltsamen Zugriff der Gerichtsbarkeit auf den sichtbaren Körper zur Sühnung der Schuld ausgerichtet. Im Rechtssystem dominiert nicht die ökonomisch orientierte Quantität der Strafe, das heißt etwa produktive Arbeit oder eine zeitlich festgelegte Freiheitsstrafe, sondern die Qualität der körperlichen Züchtigung und der quantitative Grad, in dem dem Angeklagten physische Schmerzen zugefügt werden. Dieser richtet sich nach der Art des begangenen Verbrechens, dem gesellschaftlichen Stand von Täter und Opfer und dem gängigen Gewohnheitsrecht der jeweiligen Verfolgungsbehörden.

Auch Strafen wie die Verbannung aus dem herrschaftlichen Territorium oder die Beschlagnahmung von Vermögenswerten verbinden sich mit Elementen des Peinlichen, die den Verurteilten öffentlich demütigen und seinen Körper exemplarisch zur Schau stellen sollen. Diese Strafmechanismen reichen von der öffentlichen Abbitte über den Pranger bis hin zu Peitschenhieben. Der Strafe kommt dabei eine mnemotechnische Funktion zu, deren Bedeutung schon Nietzsche in seiner Abhandlung „Genealogie der Moral“ folgendermaßen ausdrückt: „Man brennt etwas ein, damit es im Gedächtnis bleibt, nur was nicht aufhört, wehzutun, bleibt im Gedächtnis.“ Der Körper des Menschen fungiert in diesem Zusammenhang als Träger einer Erinnerung oder Erfahrung, die jederzeit wahrnehmbar und ablesbar für die soziale Umwelt besteht.

Zusammenfassung der Kapitel

0. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Entstehungsgeschichte und den zeitgeschichtlichen Kontext der Erzählung sowie Kafkas eigene Auseinandersetzung mit den Themen Schuld und Strafe.

1. Grundzüge des Strafsystems unter der alten Ordnung: Dieses Kapitel analysiert die Rollen des Offiziers und des Forschungsreisenden sowie die Diskrepanz zwischen der Rechtspraxis in der Kolonie und europäischen Standards.

2. Das Strafsystem in der Epoche des Absolutismus nach Foucault als Analogie zu der alten Ordnung in der Strafkolonie: Hier wird Foucaults Analyse der absolutistischen Strafjustiz genutzt, um die rituellen Aspekte und die Machtdemonstration durch körperliche Bestrafung im Kafka-Text zu interpretieren.

3. „Unter der Maschine“: Der Apparat als Symbol für die moderne Disziplinargesellschaft: Dieses Kapitel interpretiert den Apparat als Metapher für moderne, hochtechnisierte Disziplinierungsmechanismen und die damit verbundene Macht-Wissen-Struktur.

4. Abschließende Bemerkungen: Das Fazit fasst die literarische Weiterentwicklung der Strafthematik bei Kafka zusammen und reflektiert die bleibende Aktualität des Textes angesichts moderner Kontrollsysteme.

Schlüsselwörter

Franz Kafka, In der Strafkolonie, Michel Foucault, Strafsystem, Schuld, Macht, Gerechtigkeit, Absolutismus, Disziplinargesellschaft, Körperstrafen, Hinrichtungsapparat, Strafpraxis, Moderne, Überwachen und Strafen, Recht

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht Kafkas „In der Strafkolonie“ hinsichtlich der Darstellung von Strafe, Schuld und Macht und setzt diese in Bezug zu Michel Foucaults Analysen über die Entwicklung von Strafsystemen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themen sind der Übergang von absolutistischen zu modernen Strafpraktiken, die Rolle des Körpers bei Bestrafungen und die Machtasymmetrien innerhalb gesellschaftlicher Institutionen.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, das Werk sowohl als historisches Gleichnis zu verstehen als auch dessen Potential als „Röntgenbild“ moderner, technisierter Lebenswelten aufzuzeigen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine textanalytische Herangehensweise gewählt, die durch die Einbeziehung der Diskursanalyse und des Machtbegriffs von Michel Foucault ergänzt wird.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der alten Ordnung, den Vergleich mit Foucaults absolutistischem Strafsystem und die Deutung des Apparates als Symbol für moderne Disziplinierung.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Kafka, Macht, Strafe, Absolutismus, Körperstrafen und Disziplinargesellschaft charakterisiert.

Warum wird der Apparat im Text als „Röntgenbild“ bezeichnet?

Diese Bezeichnung deutet darauf hin, dass die Erzählung Kafkas als eine kritische Analyse der modernen, pluralistischen und hochtechnisierten Gesellschaft gelesen werden kann, die ihre eigenen Kontrollstrukturen offenlegt.

Wie verändert sich laut Arbeit das Zielobjekt der Bestrafung?

Während in der absolutistischen Ordnung der physische Körper im Zentrum der Strafe steht, verlagert sich das Zielobjekt in der Moderne auf die Psyche und das Verhalten des Individuums.

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Details

Title
Die Bedeutung von Strafe und Schuld in Kafkas "In der Strafkolonie" unter Einbezug der Strafsystemanalyse Foucaults
College
http://www.uni-jena.de/
Grade
1,7
Author
Hannes Engl (Author)
Publication Year
2011
Pages
26
Catalog Number
V201129
ISBN (eBook)
9783656272045
ISBN (Book)
9783656272663
Language
German
Tags
bedeutung strafe schuld kafkas strafkolonie einbezug strafsystemanalyse foucaults
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Hannes Engl (Author), 2011, Die Bedeutung von Strafe und Schuld in Kafkas "In der Strafkolonie" unter Einbezug der Strafsystemanalyse Foucaults, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201129
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