Wir können nicht nicht glauben - Menschliche Überzeugungskraft als realitätsbewirkender Faktor

Spiritualität im konstruktivistischen Denken


Fachbuch, 2012
151 Seiten

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Inhalt

Editorial zur 2. Auflage

0 Abstract
0.1 English Version
0.2 Deutsche Version

1 Einleitung
1.1 Grundsstruktur der Arbeit
1.1.1 Struktureller Aufbau
1.1.2 Begriffsklärung
1.2 Methodik der Arbeit
1.2.1 Zur „Krise der Philosophie“
1.2.2 Philosophieren - eine vernetzende Tätigkeit
1.2.3 Philosophieren - eine organisierende Tätigkeit
1.2.4 Philosophieren - eine verfremdende Tätigkeit
1.2.5 Philosophische Supervision
1.2.6 Philosophieren - die Methodik vorliegender Arbeit

2 Vier differente Formen konstruktivistischen Denkens in Reflexion
2.1 Der Konstruktive Realismus (CR) - ein wissenschafts- theoretisches Modell interdisziplinärer und interkultureller Wissens-Organisation
2.1.1 Das wissenschaftstheoretische Modell des Konstruktiven Realismus (CR)
2.1.1.1 Annahmen als Voraussetzung von Wissensformen
2.1.2 Wissenschaftliches Tätigsein im CR als Strukturieren von Phänomenen
2.1.2.1 Mikrowelten als Managementlösungen zur Regulation von Phänomenen
2.1.2.2 Funktionalität und Mikrowelten
2.1.2.3 Mikrowelten und Erkenntnis
2.1.2.4 Mikroweltliche Entwicklung durch reflexive Erkenntnis
2.1.3 Struktur und Relativität von Mikrowelten WIR KÖNNEN NICHT NICHT GLAUBEN
2.1.3.1 Relativität und Verbindlichkeit
2.1.4 Verfremdung (Strangification): Zur Erkenntnisproduktion im CR
2.2 Konzept der Entscheidungsgesellschaft - Bewusstsein im Kollektiv
2.2.1 Was kann Wissenschaft für das Bewusstsein der Gesellschaft leisten?
2.2.1.1 Selbstverantwortung
2.2.1.2 Selbstorganisation
2.2.2 Individuelles Bewusstsein
2.2.3 Kollektives Bewusstsein
2.2.3.1 Verfremdung als Selbsterkenntnismethode kollektiven Bewusstseins
2.2.3.2 Individuelles vs. kollektives Bewusstsein
2.2.3.3 Konsequenzen für eine Philosophie, die im Kontext einer Entscheidungsgesellschaft steht
2.3 Das Klagenfurter Prozessethische Beratungsmodell - Ethik in der Gruppendynamik
2.3.1 Dialogdialektik
2.3.1.1 Querverweis zur Methode der Verfremdung
2.3.1.2 Querverweis zum Konzept der Entscheidungsgesellschaft
2.3.2 Das Klagenfurter Prozessethische Beratungsmodell
2.3.2.1 Der Flügelaltar
2.3.2.1.1 Konsequenzen des Flügelaltars
2.3.2.2 Spirituelle Selbstreflexion
2.4 Die Trilogos-PsyQ-Methode - Integrale, Personenzentrierte Selbstreflexion
2.4.1 Bewusstseinsentwicklung im Alltag
2.4.2 Symbolische Lebenswelt
2.4.3 PsyQ - der Persönlichkeitsquotient
2.4.3.1 Bezug zum Klagenfurter Prozessethischen Beratungsmodell
2.4.3.2 Spirituelle Entwicklung - der Transformationsprozess WIR KÖNNEN NICHT NICHT GLAUBEN des Sinns
2.4.3.3 Interkulturelle Aspekte von SQ
2.4.4 Das Trilogos-PsyQ-Training
2.4.4.1 Symbolische Kommunikation
2.4.4.2 8-Stufen-Aufbau des Trilogos-PsyQ-Trainings
2.4.5 Erfahrungsberichte zur Trilogos-PsyQ-Methode
2.4.5.1 Trilogos-PsyQ-Training für Teams
2.4.5.2 Intuitions- und Selbstreflexionstraining
2.4.5.3 Transpersonale und integrale Wahrnehmungsschulung im Kontext der Trilogos-PsyQ-Methode
2.4.6 Persönliche Entwicklung
2.5 Zusammenfassung der Reflexion und Konsequenzen, die daraus erwachsen
2.5.1 Selbstreflexion - Bewusstsein - Selbstverantwortung
2.5.1.1 Selbstreflexion
2.5.1.2 Bewusstsein
2.5.1.3 Selbstverantwortung
2.5.2 Wir können „nicht nicht glauben“
2.5.2.1 Selbsterfüllende Prophezeiungen und ihre Folgen
2.5.2.1.1 Zur Dialektik von Überzeugung und Zweifel
2.5.2.2 Die Rolle von Überzeugungen im Kontext konstruktivistischen Denkens
2.5.2.3 Die Re-Konstruktion von Spiritualität im Kontext konstruktivistischen Denkens
2.5.2.4 Die Vielfalt der Kulturen als kreativer Ausdruck menschlichen Potenzials
2.5.2.5 Philosophieren als Instrument für interkulturellen Dialog
2.5.3 Die Rolle von Überzeugungen im Kontext der 4 vorgestellten Modelle
2.5.3.1 PsyQ: Persönlichkeits- und Bewusstseinsentwicklung, die auf Spiritualität und Selbstreflexion beruht
2.5.3.2 Konstruktiver Realismus: Wissenschaft - eine Tätigkeit, die auf Überzeugungen beruht? WIR KÖNNEN NICHT NICHT GLAUBEN
2.5.3.3 Überzeugungen und ihre Rolle im Konzept der Entscheidungsgesellschaft
2.5.3.4 Überzeugungen im Kontext des Klagenfurter Prozessethischen Beratungsmodells
2.5.3.5 Fazit der Reflexion

3 Ausblick: Integratives Bewusstsein im 21. Jahrhundert
3.1 Globalisiertes 21. Jahrhundert
3.2 Kulturelle Vielfalt und Einheit durch Vernetzung
3.3 Dialog als Form von Selbstreflexion
3.4 Das Verbindende zwischen Kulturen
3.5 Bewusstseinsentfaltung als spirituelle Entwicklung
3.6 Spirituelle Super-Vision als Methode interkultureller Vernetzung
3.7 Bewusstseinsentwicklung als integrativer Prozess
3.8 Integrative Bewusstseinsentwicklung als Chance für ein interkulturelles „Miteinander“

4 ANHANG
4.1 Erfahrungsberichte zur Trilogos-PsyQ-Methode
4.1.1 Bilderreise 1: Riesenschlange mit kleinen Flügeln
4.1.1.1 Zur Interpretation der Bilderreise
4.1.1.2 Symbolische Kommunikation oder Kommunikation über Symbole
4.1.2 Bilderreise 2: Toter im Schnee - eine Bilderreise
4.1.2.1 Interpretation der Bilderreise
4.2 English Summary: Spirituality in the Context of Constructivism

5 LITERATUR

6 Zum Autor

Editorial zur 2. Auflage

Die Publikation „Wir können nicht nicht glauben“ erschien in der ersten Auflage im Jahr 2008 im Trilogos Verlag in Zürich. Der Inhalt der vorliegenden zweiten Auflage unterscheidet sich, bis auf das Editorial, nicht von der ersten.

Vielleicht fragen Sie sich, liebe Leserin und lieber Leser, weshalb sich eine doppelte Verneinung gleich im Titel findet. Dies hat einen guten Grund. Es soll damit eine assoziative Brücke zu Paul Watzlawicks berühmter Aussage „Wir können nicht nicht kommunizieren“ geschlagen werden - er wollte damit ausdrücken, dass selbst wenn ein Mensch schweigt, er dennoch kommuniziert (etwa durch seine Körperhaltung, seinen Gesichtsausdruck etc.). In dieser Hinsicht ist auch die Aussage „Wir können nicht nicht glauben“ zu verstehen. Selbst wenn ein Mensch von sich behauptet, er glaubt an nichts, so glaubt er an etwas - nämlich ans Nichts.

Diese „Verdammtheit“ zum „nicht nicht glauben können“ mag anfangs vielleicht be- fremdlich wirken, denn so manch einer oder eine wird behaupten, er oder sie wisse gewisse Dinge einfach und damit würde das Glauben obsolet. Nun hat gerade der soeben erwähnte Paul Watzlawick eine philosophische Strömung des 20. Jahrhun- derts stark mit beeinflusst, die sich Konstruktivismus nennt. Dieser Strömung ist vor allem eines zu verdanken: Die Einsicht, dass selbst die Wissenschaften über kein objektives Wissen verfügen, geschweige denn dies erschaffen. Selbst im Bereich der Wissenschaften steht zu Beginn jeder Forschung und jeder Theorie eine Hypothese, eine Annahme oder Grundüberzeugungen, die entweder bewusst gewählt oder still- schweigend vorausgesetzt werden. Insofern kann von objektivem, unabhängigem Wissen nicht gesprochen werden - Wissen ist immer abhängig: von Hypothesen, Überzeugungen und Annahmen. Diese haben nicht unbedingt etwas mit religiösem Glauben zu tun, mit Sicherheit aber etwas mit Glauben als einer menschlichen Fä- higkeit - oder, um es negativ zu formulieren - als einer menschlichen Beschränktheit.

Was heißt es aber nun, wenn der Mensch um das Glauben nicht herum kommt, wenn er sozusagen immer und immer wieder davon eingeholt wird? Dieser Frage samt ihrer Konsequenzen und Chancen wird in vorliegender Arbeit nachgegangen. Es werden dazu 4 verschiedene konstruktivistische Ansätze vorgestellt und reflektiert. Die Trilogos-PsyQ-Methode (TPM), von Linda V. Roethlisberger in Theorie und Pra- xis entwickelt, ist einer davon. Dieser Ansatz hat als eine wesentliche Komponente - neben dem IQ (also der Fähigkeit rational-logisch zu denken) sowie dem EQ (der Fähigkeit sich empathisch auf andere Menschen und sich selber einzulassen und dementsprechend zu reagieren) - den sog. SQ, die spirituelle Intelligenz als die menschliche Fähigkeit an etwas zu glauben bzw. auf etwas zu vertrauen. Wie in keinem der anderen Ansätze wird bei der Trilogos-PsyQ-Methode die Fähigkeit des Glaubens und Vertrauens - gemeinsam mit der des Denkens und Empfindens - als eine integrale Ressource genutzt und gefragt, wie damit auf selbstverantwortliche Weise Wirklichkeit mitgestaltet werden kann.

Letzlich ist Ziel dieser Arbeit zu fragen, was wir als Menschen tun können, wenn wir nicht nicht glauben können. Erste umrisshafte Antworten sollen im Folgenden präsentiert werden.

Linda V. Roethlisberger und Michael N. Weiss Die Reihenherausgeber

0 Abstract

0.1 English Version

The book “We cannot not believe - human belief as a reality constructing factor“ analyzes the role of beliefs within the context of Constructivism. By comparing four different models of Constructivism the conclusion is drawn that beliefs play a major role in the creation of reality. Within the constructivist notion conviction contributes significantly to the creation of reality. Hence, to believe in a certain reality is the presupposition of its manifestation. The innovative character of this work is to illustrate how the term ‘spirituality’ can be (re-)integrated into constructivist theories.

0.2 Deutsche Version

Die vorliegende Arbeit „Wir können nicht nicht glauben - Menschliche Überzeu- gungskraft als realitätsbewirkender Faktor“ untersucht die Rolle von Überzeugungen im konstruktivistischen Denken. Anhand eines Vergleichs von vier unterschiedlichen Modellen wird festgestellt, dass Überzeugungen jene Instanz im konstruktivistischen Denken darstellen, die hauptverantwortlich für die Hervorbringung und Konstruktion von Realität ist. Die Arbeit zeigt, dass es im konstruktivistischen Denken Überzeu- gungen sind, d.h. das „Überzeugt-Sein“ von bestimmten Annahmen bzw. Sätzen, die zur Verwirklichung einer Realität maßgeblich beitragen - es sind dann also nicht nur Annahmen, sondern vor allem das „Überzeugt-Sein“ davon, die Realität bewirken. Den innovativen Charakter erhält die Arbeit, indem sie aufzuzeigen vermag, wie der Begriff der Spiritualität ins konstruktivistische Denken (re-)integriert werden kann.

1 Einleitung

1.1 Grundstruktur der Arbeit

1.1.1 Struktureller Aufbau

Um Missverständnissen vorzubeugen und um einen gewissen Überblick zu wahren, soll zu Beginn die Grundstruktur vorliegender Arbeit erörtert werden. Diese Grundstruktur ist einfach und sieht wie folgt aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

a IST-ZUSTAND: Der IST-ZUSTAND entspricht der Ausgangssituation der Ar- beit. Diese ist am besten durch die Forschungsfrage der Arbeit zu charakteri- sieren, nämlich „Welche Rolle spielen Überzeugungen im konstruktivistischen Denken?“. Um dieser Frage näher auf den Grund gehen zu können, braucht es natürlich auch Basismaterial mit dem die Forschung starten kann. Dieses Basismaterial bilden vier Modelle, die allesamt aus dem Bereich des konstruk- tivistischen Denkens stammen, auch wenn ihre konkreten Anwendungsfelder sehr unterschiedlich ausfallen. Es sind:

- das wissenschaftstheoretische Modell namens Konstruktiver Realis- mus1
- das Konzept der Entscheidungsgesellschaft2, das einen sozio- kulturellen Ansatz darstellt
- das aus der Gruppendynamik und Supervisionsmethodik stammende Klagenfurter Prozessethische Beratungsmodell3
- und die Trilogos-PsyQ-Methode4, ein Ansatz aus dem Feld der Per- sönlichkeits- und Bewusstseinsschulung.

b SOLL-ZUSTAND: Der SOLL-ZUSTAND ist gekennzeichnet durch Antworten auf die im IST-ZUSTAND gestellte Forschungsfrage. Diese Antworten beinhal- ten dann also eine Klärung der Frage, welche Rolle denn Überzeugungen im konstruktivistischen Denken spielen. Weisen wir dem Begriff „Überzeugungen“ die Variable a1 und dem Begriff „konstruktivistisches Denken“ die Variable a2 zu, dann sind damit zuerst einmal die thematischen Bestandteile der Arbeit festgelegt. Ihre thematische Relation, die es zu bestimmen gilt, orientiert sich an der Frage „Welche Bedeutung hat a1 im Kontext von a2 ?“. Ist diese Frage geklärt, so ist der SOLL-ZUSTAND vorliegender Arbeit erreicht.

c WEG bzw. METHODE: Der WEG bzw. die METHODE, um vom IST- ZUSTAND zum SOLL-ZUSTAND zu gelangen, ist in dieser Arbeit das Philo- sophieren, die Reflexion bzw. Verfremdung5. Was genau darunter zu verste- hen ist, wird im Folgenden ausführlicher beschrieben.

1.1.2 Begriffsklärung

Bevor auf die Methodik dieser Arbeit Bezug genommen wird, soll zuvor noch kurz auf die beiden Begriffe „konstruktivistisches Denken“ und „Überzeugungen“ eingegangen werden.

„Konstruktivistisches Denken“

Was unter dem Begriff Konstruktivismus verstanden wird, dürfte hinlänglich bekannt sein, da er jene Denkrichtung darstellt, die in den vergangenen Jahren mehr und mehr im Wissenschaftsbereich Einzug hielt. Bekannt geworden durch den Radikalen Konstruktivismus und Autoren wie Paul Watzlawick, Ernst von Glasersfeld oder Heinz von Foerster, führte konstruktivistisches Denken vor allem im Laufe der letzten 2 Jahrzehnte zu einem Paradigmenwechsel, was das wissenschaftstheoretische Selbstbild von wissenschaftlichem Handeln betrifft6: Wissenschaft wird nach diesem Paradigmenwechsel nicht mehr als ein Prozess verstanden, der danach trachtet Wirklichkeit adäquat abzubilden, sondern als einer, der Realitäten vielmehr erst selbst konstruiert. D.h. immer wenn vorgegeben wird, dass ein Teil der Welt bzw. der Natur enträtselt und entdeckt wurde, wurde eigentlich ein Modell konstruiert, dass es ermöglichte, bestimmte Naturphänomene handhabbar zu machen. Die Handhabung von Phänomenen hat aber gar nichts damit zu tun, dass man dadurch auch die wah- re Struktur dieses Phänomens kennen würde. Natürlich wirft konstruktivistisches Denken viele Fragen auf. Auf sie soll aber etwas später - vorwiegend im Kapitel über den Konstruktiven Realismus - näher eingegangen werden. Abschließend bleibt an dieser Stelle noch zu sagen, dass unter konstruktivistischem Denken grundsätzlich und einfach ausgedrückt Folgendes verstanden werden kann: Der Mensch ist nicht fähig Wirklichkeit abzubilden. Immer wenn er vorgibt, dies zu tun, dann konstruiert er eigentlich schon wieder Realität. Wikipedia, die derzeit weltweit größte Online- Enzyklopädie schreibt dazu: “The common thread between all forms of constructiv- ism is that they do not focus on an ontological reality, but instead on the constructed reality”7.

Konstruktivismus vs. Konstruktionismus

Da in dieser Arbeit konstruktivistisches Denken eine zentrale Rolle einnimmt, soll vorab explizit auf den Unterschied zwischen Konstruktivismus und Konstruktionismus hingewiesen werden. Der Wissenschaftstheoretiker Fritz Wallner beschreibt ihn mit folgenden Worten: „Das reine Konstruieren ohne Reflexion ist konstruktionistisch, wogegen das Konstruieren mit Reflexion konstruktivistisch ist“8. Die Unterscheidung zwischen den beiden Begriffen hängt sich also an der Frage auf, ob es sich um ein Konstruieren mit oder ohne Reflexion handelt. Denn daran ist abzulesen, ob bei der jeweiligen Form des Konstruierens Erkenntnis hervorgebracht wird oder nicht (Kon- struieren mit Reflexion führt dazu, Konstruieren ohne Reflexion nicht). Wallner expli- ziert dies mit folgendem Beispiel:

„Dass konstruktionistische Vorgehen keinen Erkenntnisanspruch haben, sieht man eindrücklich am Biokonstruktionismus.

Der Biokonstruktionismus meint, dass ein Lebewesen sich seine Umwelt selbst schafft. Ein Gedanke der Biologie, der zweifellos auch viel Richtiges in sich hat. Das ist eben Konstruktionismus und nicht Konstruktivismus. Man unterstellt hier oft missverständlich, dass das Lebewesen seine Umwelt und deren Zusammenhänge erkennt. Es erkennt na- türlich nicht, es schafft sich lediglich durch Vollzüge von Aktionen ein Umfeld, mit dem es zurecht kommt. Das ist Konstruktionismus und nicht Konstruktivismus, weil es nicht um Erkenntnis geht und weil hier die Objektebene verlassen wird. Der Konstruktivismus aber stellt Beziehungen zwischen verschiedenen Ebenen her, zwischen der Ebene des Aus- sagensystems, der Ebene des menschlichen Handelns und der Objektebene. Der Kon- struktionismus verbleibt auf einer Ebene.“9

Es lässt sich schon an dieser Stelle vorwegnehmen, dass alle vier hier untersuchten Modelle einem konstruktivistischen Denken entsprechen, da alle vier Modelle danach trachten, einen Reflexionsprozess zu initiieren. D.h. ihr Ziel ist es nicht nur gegebene Zusammenhänge und Lebensabläufe als Konstruktionen darzustellen, sondern sie fragen danach, was die Bedingungen dieser Konstruktionen sind und tragen so zum Erkenntnisgewinn, oder wir könnten auch sagen zu einer Bewusstseinsentwicklung und Perspektivenerweiterung bei.

„Überzeugungen“

Wenn wir obige Definition von konstruktivistischem Denken betrachten, dann stellt sich die Frage, was denn eine solch selbst-konstruierte Realität eigentlich ausmacht? Kennzeichnend dafür ist, dass sie ein System von Aussagen verkörpert. Z.B. „Die Welt ist eine Kugel“, „Die Sonne ist Mittelpunkt des Universums“, usw. Bestimmte Aussagen stellen in einem solchen Aussagen-System die Prämissen dar, andere wiederum ihre Schlüsse, die daraus gezogen werden können. Die Prämissen stellen Annahmen dar, die eigentlich nicht weiter begründet werden können - von ihrer Richtigkeit ist man aus nicht genauer definierbaren Gründen überzeugt, man nimmt sie an, sie stellen eine Art Hypothese dar. Und genau diese werden in dieser Arbeit als „Überzeugungen’“ bezeichnet. In der deutschen Version von Wikipedia wird der Begriff der Überzeugung folgendermaßen definiert:

„Überzeugung ist der persönliche Glaube an die Richtigkeit von bestimmten Ideen und Wertvorstellungen oder der Prozess der Übertragung eigener Ideen auf andere Personen (jemanden überzeugen, etwas/eine Idee verkaufen).

Mit Überzeugung bezeichnet man auch den Glaubenssatz selbst, d.h. die Aussage, von deren Richtigkeit man überzeugt ist. Bei einer Überzeugung findet eine Art Identifikation mit der Idee statt.“10

Der Begriff der Überzeugung setzt sich also einerseits aus einer Aussage zusammen (z.B. „Die Erde ist eine Kugel“) und andererseits aus dem Glauben daran, dass diese Aussage richtig ist. Nicht mehr und nicht weniger wird auch im Verlauf dieser Arbeit unter dem Begriff der Überzeugung verstanden werden.

Nicht identisch mit dem Begriff der Überzeugung wird in dieser Arbeit der Begriff der Annahme verwendet. Annahmen werden hier verstanden als beliebig frei gewählte Sätze, die bei „Realexperimenten’“ als Quasi-Überzeugungen dienen. Unter „Realexperiment“ ist hier die Frage gemeint „Was würde passieren, wenn wir diese oder jene Annahme als Überzeugung hätten? Welche Konsequenzen, welche Realitäten würden wir dann schaffen?“. Der Umgang mit Annahmen ist in gewisser Weise ein spielerischer, es handelt sich dabei um ein Ausprobieren. Von Annahmen kann leichter Abstand genommen werden, da kein „Davon-Überzeugt-Sein“ dahinter steht. Oder, um es in Anlehnung an oben erwähntes Zitat auszudrücken: Der persönliche Glaube an die Richtigkeit einer bestimmten Idee fehlt.

1.2 Methodik der Arbeit

1.2.1 Zur „Krise der Philosophie“

„Wenn der Philosoph sich also nicht vom wissenschaftlichen «Spezialisten und Eckste- her» bedrängen lassen will, müsste er […], statt sich primär auf die Reduktion von Daten zu kaprizieren, über ein solches Maß an Mut und Kraft verfügen, dass er weite Brücken zu schlagen vermöchte; dass er sich in seiner unbändigen Wissbegierde nirgends fest- halten ließe sondern es wagte, immer höher zu steigen, um sich einen Überblick, um sich Um-Sicht zu verschaffen. An unseren Akademien jedoch wird gerade der «eindimensio- nale Mensch» (Marcuse) großgezüchtet, der sich auf Stückwerkarbeit und weltfremde

Spitzfindigkeiten versteht, auf dass die Kühnheit zum tapferen Aufstieg, der Mut zu syn- thetischen Aufgaben im Zuge der Zersplitterung der Forschung in immer mehr Spezial- disziplinen tatsächlich bereits im Keime erstickt werden. Die innerphilosophischen Erosi- onserscheinungen führten längst dazu, dass man sich heute auch in der Philosophie als Spezialist empfiehlt, sei es «für Vorsokratiker etwa oder für Prädikatenlogik 2. Stufe, je- denfalls nicht mehr für Philosophie» (Mittelstrass 1982 : 28). Als Vorbilder verhalten sich nämlich die philosophischen Fachvertreter in der Regel so zur marquardschen Kompe- tenzreduktionsgeschichte, dass sie ein «minimalistisches Konzept von Philosophie ver- fechten» und ihre Arbeit «thematisch und methodisch auf Bereiche, die eindeutig nicht in die Kompetenz anderer Disziplinen fallen», beschränken, deren «Ergebnisse oft nur noch für fachinterne Kreise interessant sind» (Schlothfeldt/Schmidt, 1998 : 147f.).“11

Schenken wir den Worten der jungen Philosophin Dagmar de Sauvage’s Glauben, so ist die gegenwärtige Situation der Philosophie die einer Spezialdisziplin. Sie definiert ihr Forschungsfeld über „Bereiche, die eindeutig nicht in die Kompetenz anderer Dis- ziplinen fallen“12, ist somit fremdbestimmt, und vor allem weltfremd: als Spezialdiszi- plin produziert sie Expertenwissen, d.h. Information, die nur für einen eingeweihten Kreis dekodierbar ist. Und es ist vielleicht genau die daraus resultierende Differen- zierung zwischen Spezialist und Dilettant, die dem Philosophen Angst macht. Angst, beim Philosophieren - beim sich „Um-Sicht […] verschaffen“13 und dabei permanent die eigenen Grenzen überschreitend - kein Experte, sondern Anfänger zu sein.

Sich „Umsicht zu verschaffen“14 heißt Vertrautes immer wieder hinter sich zu lassen, um Neuland zu betreten. Wer aber über den eigenen Tellerrand hinausblickt, wer ei- nen Fuß ins Fremde setzt, kann dort, weil unvertraut, kein Experte sein. Möchte sich Philosophie aber nicht (durch andere Spezialdisziplinen) einschränken lassen, so darf sie sich selbst auch nicht auf einen bestimmten Inhalt beschränken: Der Philo- soph braucht den Mut die Leiter, die er auf dem Weg zur Um-Sicht emporsteigt, nach Verlassen der letzten Sprosse umzuwerfen15. Nur so kann ihm bewusst werden, dass Philosophie keine Theorie, sondern eine Bewegung, ein Entwicklungsprozess ist.

1.2.2 Philosophieren - eine vernetzende Tätigkeit

Einerseits weil das Paradigma von „Wissenschaft als einer die Wirklichkeit adäquat abbildenden Tätigkeit“ immer mehr zum Auslaufmodell avanciert und die Pluralität von Wissensformen (im Sinne von voneinander unabhängigen Konstruktionen) in Mode kommt - und andererseits weil gerade dadurch eine unaufhaltsame Speziali- sierungstendenz (im Sinne einer Explosion von wissenschaftlichen Kompetenz- Nischenmärkten) der Weg geebnet wird, stellt sich die Frage: Wie sich hier

(Um-)Sicht ver-schaffen?

Nicht nur Menschen außerhalb der Wissenschaft, sondern auch die Wissenschaftler, haben längst den Überblick über die akademische Informationsfabrikation verloren. Umso mehr scheint die voranschreitende Spezialisierung einleuchtender: die Produk- tion von Spezialwissen erzeugt (wenn auch noch so kleine) Kompetenzfelder - und schützt vor der Entlarvung als Dilettant. Nun ist es aber sicher eine Unterstellung, dass die gegenwärtige Spezialisierungstendenz einzig in der Angst vor Dilettantis- mus gründet. Dennoch scheint dilettantisches Verhalten im Wissenschaftsbetrieb vonnöten, wenn es um den Blick fürs Ganze, d.h. um die Position der verschiedenen Disziplinen zueinander einerseits und andererseits um die Relevanz von Wissen- schaft in Bezug zu gesellschaftlichen Herausforderungen, geht: mit Kollegen anderer Disziplinen interdisziplinär zusammenzuarbeiten, die sinnvolle Vermittlung von Spe- zialwissen für konkrete, lebensweltliche Herausforderungen will gelernt sein und werden. Nichtwissen ist kein Defizit, sondern ganz im Gegenteil oft jene Quelle aus der neue, avantgardistische und fruchtbare (Umgangs-)Formen mit Wissensformen erwachsen.

Wer scheint nun geeignet für den (interdisziplinären/außeruniversitären/ interkulturel- len) Um-Gang mit akademischer Information? Erweist sich nicht gerade hier ein Spe- zialist als der Falsche, da er nur auf vertrauten Wegen innerhalb seiner eigenen Grenzen schreitet? Und müsste es nicht jemand sein, der konsequent und perma- nent Grenzen überschreitet - selbst wenn er dabei Gefahr läuft dilettantisch zu wir- ken?

Wenn der Philosoph kein Spezialist sein will, wenn er nicht in seiner Nische (in seinem selbst geschaufelten Grab) ruhen möchte, dann kann und muss er Grenzen überschreiten - dann kann und muss er in Bewegung bleiben. Wenn er kein Expertendasein fristen möchte, dann muss er den Mut haben, um „weite Brücken zu schlagen“16. Und „in Bewegung bleiben“ und „weite Brücken schlagen“ heißt: Philosophieren ist eine vernetzende Tätigkeit - sie verbindet, ist interessiert am Fremden, eröffnet neue Perspektiven und strebt den Dialog an. Denn durch Dialog erscheint Altvertrautes in neuem Licht - ein Reflexionsprozess setzt ein und der Horizont des eigenen Selbstverständnisses erweitert sich.

1.2.3 Philosophieren - eine organisierende Tätigkeit

Philosophieren ist im Wesentlichen nicht gebunden an eine bestimmte Theorie oder einen bestimmten Inhalt17. Es benutzt diese stets als Medium, als ‚Fortbewegungsmittel’ - wie ein Fährmann ein Floss, um über den Fluss zu gelangen. Und so wie der Fährmann seine Passagiere von einem Ufer zum anderen bringt, so kann auch der Philosoph18 Vermittler, Supervisor und Moderator sein. Der Philosoph also verbindet, vernetzt, nutzt Widersprüche als energetische Ressource.19

Sokrates verknüpfte Wissensformen, indem er sie auf eine gemeinsame Ebene stellte - auf die der Unbeweisbarkeit: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Die Unbeweisbarkeit bzw. die alles durchdringende Ungewissheit war es, mit der er alles verband, mit der er alles in Beziehung zueinander setzte.

Platon vernetzte die Dinge der materiellen Welt, indem er ihnen ein gemeinsames Zuhause gab: das Reich der Ideen. Ein Ort an dem alles in Bezug zueinander steht, da alle Dinge auf gewisse Weise „Bürger“ dieses Reiches sind.

Aristoteles verzichtete zwar auf dieses Reich, jedoch nicht auf die alles durchdringende Verbundenheit: alle Dinge sind „Kinder“ eines gemeinsamen „Vaters“ - dem unbewegten Beweger. In ihm ist die Beziehung von allem zu allem verankert.

Und Kant fand die allumfassende Vernetztheit in der transzendentalen Apperzeption wieder20: das „Ich denke“, das alle unsere Vorstellung begleiten kann. Das „Ich den- ke“, das alles in sich fassen, miteinander verknüpfen und in Beziehung setzen kann.

Philosophieren muss nicht notwendigerweise als eine wissenschaftliche Tätigkeit verstanden werden - auch wenn sie im wissenschaftlichen Kontext eine Rolle spielt. Wie vorhin schon erwähnt ist es eine Tätigkeit, ein Werkzeug, um Dinge miteinander in Beziehung zu setzen. Dieser Zugang „Philosophie ist keine Wissenschaft“ wirft die Frage auf, wodurch grenzt sich Philosophie von Wissenschaft ab? Hierzu Wallner, der Entwickler der Wissenschaftstheorie des Konstruktiven Realismus in seinem Buch „Die Verwandlung der Wissenschaft“:

„In der Wissenschaft ist notwendigerweise immer das Ziel gegeben, das Objekt, den Ge- genstand festzulegen. In der Philosophie ist das Ziel, den Gegenstand frei zu lassen. Das ist ein wesentlicher Unterschied. […] Nach meinem jetzigen Verständnis ist zum Beispiel die Kombination ‚philosophieren und festlegen des Anderen’ nicht möglich. Fest- legen des anderen ist allenfalls eine wissenschaftliche Sache. Das kann sich auf einen anderen Menschen beziehen, aber auch auf ein Stück Natur. Festlegung ist Sache der Wissenschaft.“21

Laut Wallner ist Wissenschaft etwas, das Grenzen zieht, eine Tätigkeit, die etwas von seiner Umwelt isoliert („festlegen des Anderen“22: hier wird entschieden was das Andere ist und was es nicht mehr ist). Genau das Gegenteil davon macht die Philo- sophie: „In der Philosophie ist das Ziel, den Gegenstand frei zu lassen“23. Sie reißt den Gegenstand wieder aus seiner Isolation heraus und lässt ihn wieder in Bezie- hung zu anderen treten. Oder wie es De Sauvage formuliert: Philosophieren heißt „sich Um-Sicht zu verschaffen“24, den Gegenstand also in Bezug zu seiner Umwelt zu betrachten. Sie hebt die Philosophie von der herkömmlichen Spezialisierungstendenz der Wissenschaften ab, in dem sie sie nicht als eine immer weiter fortschreitende Tätigkeit der Differenzierung betrachtet, sondern ganz im Gegenteil, als eine, mittels der der Blick fürs Ganze wieder erlangt wird25, die Teile in einen größeren Zusammenhang stellt, sie vernetzt, sie integriert.

Dinge zu vernetzen, zu verbinden, zu integrieren heißt, sie in ein geordnetes System zu bringen. Und Dinge in ein geordnetes System zu bringen, heißt, diese zu organi- sieren. Was hat aber Philosophie mit Organisation zu tun? Erinnern wir uns dazu an oben erwähnte Philosophen: sie brachten Dinge in ein sinnvolles und verstehbares Verhältnis zueinander. Da sie aber nicht nur Teilbereiche organisierten, sondern die Verbundenheit von allem suchten, war ihr organisatorischer Anspruch ein ganzheitli- cher, ein universalisierender - nichts soll ausgegrenzt bleiben und alles soll seinen Platz haben können. Dieser Anspruch führt allerdings zu einem Widerspruch - der Gegenwartsphilosoph Heintel formuliert dies auf folgende Weise:

„Philosophisch betrachtet kann es einen „universellen“ Universalismus nur als negativen Begriff geben. Schon aus ganz nahe liegenden Gründen kann es keine Weltanschauung, kein System geben, das alles überhaupt in sich fassen kann. Dieses gäbe es nur, wenn sich nichts mehr entwickelte, es keine Zukunft mehr gäbe, keine Veränderung möglich wäre.“26

Da Philosophie prinzipiell immer die Möglichkeit bietet, Gegebenes in Frage zu stel- len, es aus dem herkömmlichen Kontext herauszunehmen, und in einem neuen Zu- sammenhang zu organisieren, kann der Wunsch nach einer endgültigen Ganzheit nicht erfüllt werden. „Ist es also sinnlos, einen umfassenden Universalismus anzu- streben? Soll man sich mit den partikularen zufrieden geben“27. Wird der Mut, über den der Philosoph laut De Sauvage verfügen soll28 ihn nicht notgedrungen wieder verlassen, da er in seinem Vorhaben „sich Um-Sicht zu verschaffen“29, scheitern wird? Nicht unbedingt, so Heintel:

„Auf der einen Seite haben wir „reale“ Ganzheiten, beziehbar auf die verschiedenen genannten Ebenen, auf der anderen eine „Idee“, die uns immer wieder dazu veran- lasst, neue Ganzheiten, Zusammenhänge ja Vollkommenheiten ins Auge zu fassen. In der Idee steckt ein Auftrag; der eine ist es, die jeweiligen Grenzen des bestimmten Universalismus sich bewusst zu machen, der andere, ihn angesichts dieser immer wieder herzustellen, damit erweist sich das Ganze, die Ganzheit als notwendiger dia- lektischer Grenzbegriff.“30

Aus diesem dialektischen Grenzbegriff der Ganzheit können wir nun erneut Rück- schlüsse auf das Wesen der Philosophie ziehen: durch das Bewusstwerden der Grenzen von gegebenen Ganzheiten („bestimmter Universalismus“31 ) tritt ein Refle- xionsprozess in Kraft. Und zwar ein solcher, der das Gegebene immer wieder in Be- zug auf ein neues Ganzes hin organisiert, in dem es seinen Platz finden kann.

1.2.4 Philosophieren - eine verfremdende Tätigkeit

Philosophieren als eine Form der reflexiven Vernetzung begriffen, verweist aber auf Folgendes: durch die Tätigkeit des Philosophierens werden nicht nur Entitäten miteinander verbunden und in Beziehung gesetzt, nein, sie werden dabei ebenso immer auch in Frage gestellt. Entitäten werden, weil zwischen ihnen Brücken geschlagen werden auch reflektiert, in neuem Licht betrachtet: „Das eigene Ufer sieht von der anderen Seite der Brücke anders aus als von der eigenen“. Geschlagene Brücken bringen unausweichlich Perspektivenwechsel mit sich.

Die Methode der Verfremdung - wir werden später noch ausführlich auf sie eingehen

- ist eine interdisziplinäre/interkulturelle Methode der Selbstreflexion32, die im wis- senschaftstheoretischen Ansatz des Konstruktiven Realismus entwickelt wurde. Sie ermöglicht Selbsterkenntnis, indem sie Vertrautes in einen unvertrauten Kontext setzt, um zu sehen, was dort damit passiert. Laut Wallner ist auch Philosophie in er- ster Linie eine selbstreflexive, weil verfremdende Tätigkeit: „Die geschichtlich bedeutendste Form der Verfremdung ist übrigens die Philosophie.“33

1.2.5 Philosophische Supervision

Philosophieren kann also auch als eine selbstreflexiv-vermittelnde Tätigkeit begriffen werden: „Nicht als Wissende hat sie [Anm.: die Philosophie] den anderen Systemen zu begegnen, sondern als Beratende, Begleitende, Fragende, Arrangierende.“34 Sie kann somit als Supervisions- (lat. superus: übersteigen, überschreiten; visio: Anblick, Vorstellung)35 und Moderationsinstrument für interdisziplinäre Forschungsvorhaben herangezogen werden, sie kann beim interkulturellen Austausch von Wissensformen ein sinnvolles Handwerkszeug sein. Denn Philosophie hält an keinen Dogmen fest, sondern stellt sie in Frage, wächst über sie hinaus und erweitert Horizonte. Sie schafft Platz für Neues.

In ihrem Drang zum „In Frage stellen“ bietet die Philosophie die Möglichkeit zur Selbstreflexion und Supervision. Sie lässt Dinge in neuem Licht erscheinen. Als eine Tätigkeit mittels der wir alte Sinnzusammenhänge auflösen und neue herstellen kön- nen, gewährt die Philosophie die Möglichkeit zu einem vernetzenden Entwicklungs- prozess: Sie stellt Bezüge her, schlägt Brücken, bricht mit uns auf zu neuen Ufern.

1.2.6 Philosophieren - die Methodik vorliegender Arbeit

Die Forschungsfrage dieser Arbeit lautet „Welche Rolle spielen Überzeugungen im konstruktivistischen Denken?“. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, werden im nächsten Kapitel zuerst vier Modelle vorgestellt. Sie alle stammen aus dem Bereich konstruktivistischen Denkens. Was passiert nun mit diesem Ausgangsmaterial? Ich werde die Modelle einerseits beschreiben, andererseits werde ich aber versuchen, sie mehr und mehr zueinander in Bezug zu setzen, dadurch hinterfrage und reflektie- re ich sie, betrachtete die Modelle aus neuem Blickwinkel und verschaffe mir letztlich einen umfassenderen Überblick über sie. D.h. ich philosophiere, denn ich vernetze, organisiere, verfremde das Ausgangsmaterial. Ich reflektiere es und versuche in pro- zesshafter Weise mehr und mehr Antworten auf die Forschungsfrage ans Licht zu bringen.

Wallner wurde schon weiter oben erwähnt mit dem Zitat „Die geschichtlich bedeu- tendste Form der Verfremdung ist übrigens die Philosophie.“36 In dieser Hinsicht ist also - kurz gefasst - die in dieser Arbeit angewandte Methode jene der Verfremdung - denn zu philosophieren heißt quasi zu verfremden. Eine ausführliche Beschreibung der Methode der Verfremdung findet sich im nächsten Kapitel im Abschnitt 2.4.1 Verfremdung (Strangification): Zur Erkenntnisproduktion im CR.

Ziel dieser Arbeit ist es letztlich durch die Tätigkeit des Philosophierens einen Reflexionsprozess in Gang zu bringen, der einerseits Überblick, aber andererseits auch neue Einsichten bzgl. der Forschungsfrage und des Ausgangsmaterials verschafft - Ziel ist also, einen Prozess philosophischer Supervision zu inszenieren, um vom eingangs erwähnten IST-ZUSTAND der Arbeit (Forschungsfrage) zum SOLL-ZUSTAND (Antworten auf diese Frage) zu gelangen. Bei diesem philosophischen Voranschreiten wird aber nicht nur zum Schluss des Hauptteils explizit auf die Forschungsfrage eingegangen, sondern schon während des gesamten Reflexionsprozesses wird immer wieder darauf Bezug genommen - der SOLL-ZUSTAND wird also im philosophischen Reflexionsprozess Stück für Stück erreicht.

2 Vier differente Formen konstruktivistischen Denkens in Reflexion

Im Einleitungskapitel 1.2.1 Zur Krise der Philosophie wurde auf das Potenzial des Philosophierens als einer selbstreflexiven, vermittelnden und organisierenden Tätig- keit hingewiesen. Im nun folgenden Hauptteil „ Vier differente Formen konstruktivisti- schen Denkens “ werden - wie vorhin schon erwähnt - einerseits vier unterschiedli- che konstruktivistische Modelle vorgestellt: eines aus dem Feld der Wissenschafts- theorie, ein soziokulturelles, eines aus dem Bereich der Gruppendynamik und eines, das seinen Fokus vorwiegend auf Persönlichkeits- und Bewusstseinsschulung legt. Allen diesen Ansätzen ist der konstruktivistische Charakter gemein und es wird sich im Verlauf dieses Kapitels zeigen, dass konstruktivistisches Denken notwendigerwei- se der Selbstreflexion bedarf - es bedarf der Selbstreflexion, der Vermittlung und ei- nes gewissen selbstverantwortlichen Organisationspotenzials. Und es sind nicht zu- letzt diese drei Begriffe von Selbstreflexion, Vermittlung und Organisationspotenzial, die darauf hinweisen sollen, dass auch das Philosophieren im konstruktivistischen Denken eine tragende Rolle spielt.

In diesem Hauptteil wird natürlich der Forschungsfrage dieser Arbeit „ Welche Rolle spielen Überzeugungen im konstruktivistischen Denken?" nachgegangen und Ant- worten darauf gesucht. Bezüge zu dieser Frage werden schon während der Be- schreibung der einzelnen Modelle gemacht. Es ist also nicht eine Art Schlusskapitel, in dem die Forschungsfrage - nach der Beschreibung der vier Modelle - wieder auf- gegriffen, näher untersucht und beantwortet wird, sondern dies geschieht im Laufe des gesamten Reflexionsprozesses. Natürlich bleibt eine abschlie ß ende Zusammen- fassung der Erkenntnisse nicht aus.

Der Aufbau des nun folgenden Hauptteils strukturiert sich wie folgt: Zuerst werden die vier Modelle beschrieben. Die Beschreibung eines Modells umfasst einerseits - wie auch der Name schon sagt - eine Beschreibung, andererseits werden dabei aber auch Querverweise, Vergleiche und Bezüge zu den schon beschriebenen Modellen hergestellt. D.h., die Vernetzung und Reflexion der Modelle ist in den Flie ß text inte- griert und erfolgt nicht immer im Anschluss an die Beschreibung der Modelle. Diese Vorgehensweise erscheint dem Autor „ pädagogisch wertvoller “ , denn bei der Be- schreibung eines Modells kann ein unmittelbarer Querverweis zu den schon erwähn- ten das Verständnis des ersteren erheblich erleichtern. Verständnis und Einsicht er geben sich also im Fluss der Gedanken.

2.1 Der Konstruktive Realismus (CR) - ein wissenschaftstheoretisches Modell interdisziplinärer und interkultureller Wissens-Organisation

Im Folgenden wird ein philosophisch-wissenschaftstheoretisches Konzept, der Kon- struktive Realismus, vorgestellt, das vom Wissenschaftstheoretiker Fritz Wallner et al. in den neunziger Jahren des vergangen Jahrhunderts entwickelt wurde. Es ist meines Erachtens ein Ansatz, der es vermag, Wissensformen auf nicht-hierarchische Weise zu organisieren und zu vernetzen. Ein wesentlicher Punkt dabei ist, dass der Konstruktive Realismus auf die Möglichkeit einer adäquaten Abbildung der Wirklich- keit (dessen Ergebnis die Lokalisierung objektiver Wahrheit wäre) verzichtet:

„Wir haben […] ein Programm entwickelt, in dem eine Erkenntnistheorie konstruiert wird, bei welcher der Anspruch der Normativität und der Deskriptivität aufgegeben wird, d.h. es geht uns darum, zu zeigen, wie Einsichten sich als solche ausweisen können, ohne dass wir dazu die vorgegebene Wirklichkeit und die allgemeine Verbindlichkeit in Anspruch nehmen.“37

Weshalb scheint dieser Verzicht einer abbildenden Bezugnahme auf die Wirklichkeit für einen Ansatz interdisziplinärer Organisation brauchbar? Würde man sozusagen auf diesen Verzicht verzichten, so gerät man beim Vernetzen von Wissensformen in das Dilemma, wissen zu müssen, welche Wissensform der Wirklichkeit entspricht und welche nicht. Dies setzt wiederum einen beobachterunabhängigen Standpunkt voraus - welcher aber nicht einzulösen ist. Kurt Greiner, ein Konstruktiver Realist, verdeutlicht weshalb:

„Es ist nämlich ein gewaltiger Irrtum zu meinen, man könnte von den spezifischen Wirk- lichkeitserfahrungen, die man als Wissenschaftler macht, die individuelle ‚Tätigkeit des Erfahrens’, also die persönliche Erfahrungshandlung einfach abziehen und würde somit automatisch der Wirklichkeit an sich (der ‚Welt per se’) erkenntnismäßig gegenüberste- hen bzw. dieser zumindest immer näher kommen (asymptotische Approximation).

(WE - E = W ) = falsche Formel!

WE: Wirklichkeitserfahrung E: Erfahrungshandlung

W: objektive Wirklichkeit

Es ist einfach ein Irrtum zu glauben, man könnte sich aus diesem Prozess, den man selbst verursacht (WE), einfach hinausschmuggeln (- E) und würde dabei auch noch etwas Großartiges gewinnen (W).“38

Der Konstruktive Realismus vernetzt, indem er davon ausgeht, dass Wissensformen durch den Austausch mit anderen über sich selbst etwas lernen und sich entwickeln können. Der Konstruktive Realismus vernetzt durch Selbstreflexion. Einfach ausgedrückt ergibt sich dadurch die Möglichkeit, in einen (interdisziplinären/interkulturellen) Dialog zu kommen, ohne dabei fragen zu müssen, wer denn nun eigentlich von den Dialogpartnern recht hat. Vielmehr bietet das Andere, das Fremde, z.B. eine andere (Wissens-)Kultur, eine Möglichkeit, sich selbst besser kennen zu lernen. Auf welche Weise dies geschieht, wird in den folgenden Kapiteln dargelegt.

2.1.1 Das wissenschaftstheoretische Modell des Konstruktiven Realismus (CR)

Die Intention des Konstruktiven Realismus (CR) ist, Prinzipien einer Organisation für interkulturelle Wissenschaft an die Hand zu geben. Er stellt nicht die Frage, welche Disziplin näher an der Wahrheit steht, sondern auf welche sinnvolle und produktive Weise die verschiedensten Ansätze in eine interdisziplinäre/interkulturelle Diskussion treten können. Der CR strukturiert dazu Wissenschaft auf enthierarchisierte Weise - es gibt keine Position, die mehr Wahrheit beanspruchen könnte als eine andere:

„Die Wissenschaft selbst erfindet Konstrukte, die nicht anschaulich sein müssen, wie die der Lebenswelt, die meistens anschaulich sind. Wichtiger jedoch ist, dass die wissen- schaftlichen Konstrukte auf frei erfundenen Grundlagen beruhen. Das heißt, die Axiome, die unbezweifelbaren Sätze, auf denen wissenschaftliche Konstruktionen aufgebaut wer- den, sind frei erfunden. Wobei das „frei erfunden“ natürlich nicht so verstanden werden soll, dass jeder von uns sich eine Wissenschaft frei erfinden kann. Die Basis für das wissenschaftlich Brauchbare ist eine geniale Leistung, aber sie ist eine Erfindung.“39

Es wird also eine Wissenschaftstheorie konzipiert, die auf die Auffindbarkeit einer absoluten Wahrheit verzichtet: Wissenschaft bildet laut CR keine Tatsachen oder Sachverhalte ab - sie konstruiert diese vielmehr erst. Wissenschaftliches Tätigsein wird verstanden als die Produktion von Modellen, Theorien, kurz von Realität40 .

Allerdings vergisst die konstruktiv-realistische Konzeption nicht jenes Beispiel Watz- lawicks, in dem er von einem Schiff erzählt, das durch eine unbekannte Meerenge fährt41. Der Kapitän dieses Schiffes muss bei Nacht und Nebel durch eine ihm nicht bekannte Meerenge hindurchsegeln. Er hat zwei Möglichkeiten dabei: entweder er schafft es oder er erleidet mitsamt seiner Crew Schiffbruch. Trifft zweiteres zu, so ist er mit seinem Vorhaben gescheitert42. Und dieses Scheitern ist natürlich auch in der Wissenschaft möglich. Theorien und Modelle können erfolgreich sein oder sie kön- nen beim Erreichen ihres Zieles scheitern. Das Scheitern weist aber auf etwas ganz Grundsätzliches im Zusammenhang mit wissenschaftlichem Tun hin: auch wenn das Auffinden und Abbilden einer absoluten Wahrheit nicht möglich ist, heißt das nicht, dass alles auf Fiktion und phantastischem Konstruieren beruht. Ansätze, die dies vermuten, begeben sich in den Teufelskreis des Solipsismus, in dem sich das „Ich“ fortwährend um die eigene Achse dreht und keinen festen Punkt in seiner Um- welt mehr greifen kann. Das Anerkennen und Erleben des Scheiterns verhindert dies. Erst durch Scheitern wird Lernen und somit Entwicklung möglich, weil erkannt wird, was nicht funktioniert.

Beides anerkennend, das Unvermögen die Welt abzubilden einerseits und die Mög- lichkeit des Scheiterns andererseits, konzipiert der CR seine wissenschaftstheoreti- sche Basis in der Gegenüberstellung von Wirklichkeit und Realität. Wirklichkeit ist die Welt mit der wir leben (die uns scheitern lässt, die wir aber nicht erkennen können)43: Im Scheitern lässt sich die Grenze zur Wirklichkeit erfahren, selbst wenn Zweitere deshalb noch lange nicht erkannt werden kann - höchstens in einem negativen Sinn. Scheitern ist gewissermaßen ein Anstoßen an die Wirklichkeit durch das die Grenze zur Umwelt aufgezeigt wird und durch die die Beliebigkeit von Konstruktionen vermieden wird. Realität ist hingegen die Welt unserer (wissenschaftlichen) Konstruktionen, die Wallner folgendermaßen definiert:

Realität als künstliche Welt ist jene der wissenschaftlichen Konstruktionen, aber auch all jener Bilder, die wir uns im Alltag machen. Sie ist eine Welt aus Bildern, Maschinen und Naturgesetzen. […] Demgegenüber bedeutet Wirklichkeit die Welt, mit der wir leben. Ohne Realität könnte man also leben, nicht aber ohne Wirklichkeit. Ohne Realität leben wäre zum Beispiel, in der Bewusstlosigkeit leben. D.h., dass die Realität von der Wirklichkeit in gewissem Sinn abhängig bleibt, weil es ohne sie gar nicht die Möglichkeit gäbe, sich Bilder zu machen, sie aber die Wirklichkeit in vielen Bereichen ersetzt.“44

Aus dieser Konzeption von Wirklichkeit und Realität lassen sich zwei fundamentale Konsequenzen für das konstruktiv-realistische Verständnis von Wissenschaft er- schließen:

1. Es gibt keine Instanz, die Wissenschaft in irgendeiner Form leiten und somit managen würde. Gäbe es zum Beispiel eine erkennbare absolute Wahrheit, so wäre diese das Zentrum, um das herum sich Wissenschaft organisiert. Dieses Zentrum fehlt aber laut CR - Wissenschaft muss sich also selbst organisieren45. Die zentrale Organisationsinstanz in der Wissenschaft fällt weg. Organisation findet nun in der Peripherie statt - jede Disziplin ist für ihr eigenes Ergebnis, ihre Realität verantwortlich. Dieses wissenschafts- theoreti- sche Modell ist somit durch Offenheit gekennzeichnet:

- interne Offenheit (Im Sinne von Diskussionsbereitschaft: Meinungsver- schiedenheiten können Meinungsverschiedenheiten bleiben, da der Ab- solutheitsanspruch wegfällt - denn laut CR hat niemand absolut recht. Diskussions bereitschaft wird dann zur Kooperations bereitschaft: denn anstatt mein Gegenüber argumentativ ausradieren zu müssen [„weil es nur eine Wahrheit geben kann“], erhalte ich plötzlich durch seinen mir fremden Standpunkt, die Chance von ihm zu lernen.)

- interdisziplinäre Offenheit46 (Durch das Angebot des CRs, von anderen

Disziplinen zu lernen, ergibt sich eine Offenheit zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Ansätzen: selbst wenn Aussagen einer anderen Disziplin im Widerspruch zu Aussagen der eigenen stehen, kann immer noch gefragt werden, was man denn von dieser anderen Disziplin lernen kann. Andersartige Wissensformen werden zu einer Ressource beim Weiterentwickeln der eigenen Wissensinhalte.)

- interkulturelle Offenheit47 (Durch den CR wird es nun möglich, nicht nur von Wissensformen, die im Kontext der europäischen Wissenschaften stehen, zu lernen, sondern auch von jenen, aus anderen Kulturen. Die vorhin angesprochene interdisziplinäre Offenheit kann also auf eine in- terkulturelle ausgeweitet werden. Ein Beispiel dafür sind die momentan immer häufiger werdenden Kooperationsprojekte zwischen traditioneller chinesischer Medizin [TCM] und der traditionellen europäischen Medizin [TEM].48 )

2. Wie vorhin schon in der Konzeption von Wirklichkeit und Realität ersichtlich wurde: Wissenschaft ist unabhängig, sie ist frei. Sie bzw. ihre Träger (Wissen- schaftler) entscheiden selbst, welche Modelle und Realitäten sie konstruieren. Diese Freiheit, diese Unabhängigkeit verlangt aber in jeder Hinsicht radikale Selbstverantwortung49. Gäbe es eine erkennbare absolute Wahrheit, so könnten Forscher immer noch sagen, dass bestimmte Konsequenzen ihrer Arbeit nicht in ihrem Verantwortungsbereich liegen, ‚weil die Welt einfach so ist’. Wollen wir aber Freiheit in unserem wissenschaftlichen Handeln, so müssen wir auch radikale Selbstverantwortung dafür übernehmen.

Beides kombiniert, Selbstorganisation und radikale Selbstverantwortung, ver- langt natürlich Strategien ihrer Umsetzung und eine dieser Strategien ist das Trainie- ren einer ethischen Grundhaltung, eines Gewissens. Oder anders formuliert: es be- darf eines reflektierten Bewusstseins jedes Mitglieds einer intercultural scientific community. Die Frage, die nun daran anschließt lautet: Wie und wodurch die Refle- xionsfähigkeit fördern?

2.1.1.1 Annahmen als Voraussetzung von Wissensformen

Weiter oben wurde auf die konzeptionelle Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Realität im CR hingewiesen. In diesem Abschnitt soll nun eine nähere Auseinander- setzung mit dieser Zweiteilung folgen und untersucht werden, welche Konsequenzen daraus entstehen.

Graphik: Objekt-Methode-Zirkel50

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ox: Vorwegüberzeugung von der Struktur eines bestimmten Forschungsobjekts (vor- wissenschaftliche Gegenstandskenntnis)

bzw. ein bestimmtes Forschungsobjekt M.Ox: adäquate Untersuchungsmethode zur Erforschung der Objektstruktur von Ox

„Betrachtet man die Grundlagen jeglicher Form von Wissenschaft, wird man auf diesen typischen Zirkel stoßen. Freilich ist auch jegliche Form von Forschungsbetrieb am Ver- schweigen des Objekt-Methode-Zirkels interessiert und zwar in zweifacher Hinsicht: Man verschweigt nämlich nicht nur, dass die gewählten Methoden durchaus keine ‚legitimier- ten’, sondern in forschungstraditionelle Zusammenhänge eingebettete historisch ge- wachsene Entscheidungen sind; man verschweigt darüber hinaus auch, dass über das Objekt der Forschung eigentlich niemand so richtig bescheid weiß, eben weil es erst im Kontext des Forschungsprozesses festgelegt, d.h. strukturiert und konstruiert wird.“51

Im sog. Objekt-Methode-Zirkel52 - der in obigem Zitat aus der Publikation „Therapie der Wissenschaft“ von Greiner übernommen wurde - zeigt der CR auf, dass zu Be- ginn eines jeden Forschungsunternehmens eine Idee, eine Annahme, eine „Vorweg- überzeugung“53 steht. Aufgrund der jeweiligen Annahme wird dann Wissen produ- ziert, das sich immer auf diese Annahme bezieht. Die Annahme selbst wiederum ist auf nichts bezogen, sie ist frei gewählt und kann deshalb nicht weiter begründet wer- den. Oder anders formuliert: Annahmen basieren nicht auf begründetem Wissen, sondern verkörpern Überzeugungen. Aufgrund gewählter und gewollter Überzeu- gungen kann eine bestimmte Form von Wissen und Erleben (d.h. interpretierte Erfah- rungen) erst entwickelt werden. Der Gegenwartsphilosoph Heintel schließt daraus: „Wissenschaftliche Erkenntnisse sind dann aber nichts anderes als kollektivisierte, verbindlich gemachte Entscheidungen. Entscheidungen sind aber sowohl revidierbar, wie auch stets mit Unsicherheit behaftet. Andere Entscheidungen, andere Erkennt- niswirklichkeiten; welche will man?“54.

Nehmen wir als Beispiel einen Vergleich zwischen der abendländischen Schulmedi- zin (TEM) und der traditionellen chinesischen Medizin (TCM): Die traditionelle chine- sische Medizin geht davon aus, dass der menschliche Körper über ein Energiebah- nensystem, das sog. Meridiansystem, verfügt. Die Schulmedizin geht nicht davon aus. Aufgrund der Annahme, dass es ein Meridiansystem gibt, konnten Therapie- und Heilverfahren, wie etwa Akupunktur, hervorgebracht werden, die vor allem bei chronischen Erkrankungen große Erfolge verzeichnen konnten und können. Der Schulmedizin wäre es absolut unmöglich gewesen, Akupunktur zu erfinden. Ihr fehlte die dafür notwendige Voraussetzung: die Annahme eines Meridiansystems.

Aus der Perspektive des CRs betrachtet, sind TCM und Schulmedizin deshalb zwei unterschiedliche Wissensformen, weil sie auf unterschiedlichen Überzeugungen be- ruhen55.

Wir können an dieser Stelle eine entscheidende Unterscheidung treffen: jene zwi- schen (fundiertem) Wissen und jene zwischen Überzeugungen bzw. Annahmen, die nicht weiter begründbar sind. Sehen wir uns aber dieses Verhältnis von Wissen und Überzeugungen kurz näher an; sehen wir uns an, welche Konsequenzen sich für ei- ne interkulturelle Wissenschaft daraus ergeben: wie im Objekt-Methode-Zirkel be- schrieben wird, stellt fundiertes (wissenschaftliches) Wissen keine Abbildung der Wirklichkeit dar, es fußt vielmehr in Vorwegüberzeugungen, in Annahmen darüber, wie ein Forschungsgegenstand beschaffen sein könnte, d.h. wie man glaubt, dass er wirklich ist. Durch diese Zirkelproblematik wird deutlich, dass zuerst immer eine Form des „Überzeugt-Seins“ (z.B. Alltagsüberzeugungen, kulturelle Traditionen, institutio- nalisierte Verhaltensmuster) vorhanden sein muss, ehe Wissensformen entstehen können. Überzeugung als Voraussetzung von Wissen, könnte man sagen. An dieser Stelle können wir also auf die Überzeugungsabhängigkeit von Wissensformen schließen.

Es ist gleichgültig, welchen Inhalt diese Überzeugungen haben, wichtig ist, dass es immer eine Form des Annehmens ist, die einer Wissenschaft vorausgehen. D.h. Wissenschaft ist überzeugungsabhängig56.

2.1.2 Wissenschaftliches Tätigsein im CR als Strukturieren von Phänomenen

2.1.2.1 Mikrowelten als Managementlösungen zur Regulation von Phänomenen

Wenn Wissenschaft Realität konstruiert und Wirklichkeit nicht erkennen kann, so stellt sich die Frage, welchen Sinn und Zweck dieses Konstruieren hat, kurz: Wozu Realität schaffen? Die Antwort darauf lautet: Um Phänomene und Probleme unserer Lebenswelt handhabbar und regulierbar zu machen. D.h. jede Kultur trachtet danach, die unmittelbaren Herausforderungen vor denen sie steht, in den Griff zu bekommen. Die abendländische Wissenschaft ist ein Ansatz, um dies zu tun (Medizin, Wirtschaft, Ökologie usw.). Mit dem Postulat „Wissenschaft konstruiert Realität “ versteht der CR implizit wissenschaftliches Handeln als Phänomen- und Problem-Management. Wallner und Greiner bringen hierzu folgende Bemerkungen:

„In our context, construction means that scientists are arranging information by the help of a framework, which is governing the data. Nothing else is meant by the notion ‘to con- struct a microworld’. Having constructed a microworld, we are able to master a specific group of phenomena. But still there is no knowledge at this point. You have just got the ability to solve problems.”57

„Mikroweltliches Vorgehen hat überhaupt nichts zu tun mit Beschreibungen der Wirklich- keit, sondern ausschließlich damit, wie man sinnvoll und rational Phänomene und Infor- mationen handhaben kann im Hinblick auf die Erreichung [von] Zielsetzungen. Wissen- schaftliche Satzsysteme sind in erster Linie Strukturierungsregeln bezogen auf solche Phänomene und Informationen. Sie geben Anweisungen und Instruktionen wie Dinge zu beherrschen und zu verändern sind und liefern insofern technisches Know how, d.h. in- strumentelle Erkenntnis, also Wissen über entsprechend sinnvollen Umgang mit einem Gegenstand bzw. Gegenstandsbereich.“58

Da unterschiedliche Disziplinen und Kulturen unterschiedliche Strategien entwickeln, um etwas zu regulieren, werden diese Strategien, wie weiter oben schon vorwegge- nommen, im CR auch Mikrowelten genannt. Mikrowelten sind Produkte wissen- schaftlicher Disziplinen, sie bilden als solche die Welt nicht ab, sondern ersetzen sie. Greiner hierzu:

„Wenn Wissenschaftler gerade dabei sind, Wissen zu schaffen, so handeln sie - aus konstruktiv-realistischer Sicht betrachtet - im Feld der ‚Realität’, also in der konstruierten ‚Welt wissenschaftlicher Überprüfbarkeit’ und produzieren dabei konkrete ‚Mikrowelten’, die im Hinblick auf ihre disziplinäre Zielsetzungen mehr oder weniger gut funktionieren.“59

Mikrowelten machen Phänomene handhabbar, indem sie diese nach bestimmten Kri- terien organisieren. Eine Mikrowelt zu konstruieren, heißt sich mit einem bestimmten Phänomen auseinanderzusetzen und es dann aufgrund dieser Auseinandersetzung zu strukturieren. Ziel dieser Strukturierung ist die Regulierbarkeit des Phänomens. Mittels einer mikroweltlichen Konstruktion kann ein Phänomen zwar verstehbar ge- macht werden, gleichzeitig erfährt es aber nun auch eine Reduktion (vgl. „im Hinblick auf ihre disziplinäre Zielsetzungen“60 ), da es nach ganz bestimmten Kriterien analy- siert, auf ganz bestimmte Strukturen hin reduziert und vereinfacht wird, um so besser damit umgehen zu können. Mikroweltliches Handeln bedeutet Regulation durch Reduktion - Reduktion auf bestimmte Überzeugungen. Wallner formuliert dies auf radikale Weise mit den Worten:

„Wichtiger jedoch ist, dass die wissenschaftlichen Konstrukte auf frei erfundenen Grund- lagen beruhen. Das heißt, die Axiome, die unbezweifelbaren Sätze, auf denen wissen- schaftliche Konstrukte aufgebaut werden, sind frei erfunden. Wobei das ‚frei erfunden’ natürlich nicht so verstanden werden soll, das jeder von uns sich eine Wissenschaft frei erfinden kann. Die Basis für das wissenschaftlich Brauchbare ist eine geniale Leistung, aber sie ist eine Erfindung. Diese Basis wird nicht vorgefunden, sondern sie wird erdacht.“61

Das Ergebnis dieser Reduktion ist eine Spezialisierung aufgrund bestimmter Annah- men. Der dabei inhärente Widerspruch wird nun offensichtlich: Vereinfachung (Reduktion) geht Hand in Hand mit Differenzierung (Spezialisie- rung/Komplexität)62. Würde die konstruktiv-realistische Wissenschaftstheorie hier in ihrer Argumentation stehen bleiben, würde sie die mittlerweile unüberschaubare akademische Wissensproduktion, die im Kapitel 1 schon Erwähnung fand, gutheißen. Weshalb aber Reduktion im CR nur eine Station auf dem Weg zu einem neuen Ver- ständnis von Wissenschaft ist - und nicht das Ende - dazu in den nun folgenden beiden Abschnitten.

2.1.2.2 Funktionalität und Mikrowelten

Um mittels eines Models etwas handhabbar zu machen, muss dieses Modell funktio- nieren. D.h. es muss in seiner Anwendung das gewünschte Ergebnis hervorbringen. Will eine Wissenschaft Lösungen bieten, dann heißt das, dass durch wissenschaftli- che Methoden, Instrumente, Ansätze etc. bestimmte Ziele erreicht werden können (beispielsweise ist die Theorie der Aerodynamik eine Mikrowelt, die Luftfahrt ermög- licht). Es sind zwei Ansprüche, die der CR stellt, damit von Wissenschaftlichkeit ge- sprochen werden kann - Funktionalität63 ist einer davon. Greiner bringt dies folgen- dermaßen zum Ausdruck:

„Mikrowelten sind Erfindungen bzw. Artefakte, die von wissenschaftlich Handelnden strukturiert, konstruiert und produziert werden und in instrumenteller bzw. technischer Hinsicht sinnvoll funktionieren müssen. Die Funktion einer bestimmten Mikrowelt besteht somit in ihrer Viabilität bezogen auf die Erreichung spezieller wissenschaftlicher Ziele im konkreten disziplinären/subdisziplinären Zusammenhang. Etwas anders formuliert lässt sich hier behaupten: die ‚intra-mikroweltliche Sphäre’ ist gewöhnlich dadurch charakteri- siert, dass in ihr bestimmte Mikrowelten ausschließlich zweckgerichtet appliziert wer- den.“64

2.1.2.3 Mikrowelten und Erkenntnis

Die Produktion von Erkenntnis ist der zweite Anspruch, der laut CR erfüllt sein muss, um von Wissenschaftlichkeit sprechen zu können65: „Gerade die Aufrechterhaltung des traditionellen Erkenntnis- und Einsichtsanspruchs von Wissenschaft ist aber das Hauptanliegen der konstruktiv-realistischen Bemühungen.“66 Das Produzieren von

Erkenntnis heißt hier jedoch nicht, der Welt ein weiteres Geheimnis abzuringen. Erkenntnis wird verstanden als eine Tätigkeit der Reflexion, mittels der Mikrowelten immer wieder in neuem Licht erscheinen.

Allerdings werden im CR grundsätzlich zwei Formen der Erkenntnis unterschieden, nämlich instrumentelle Erkenntnis und reflexive Erkenntnis, wobei im weiteren Ver- lauf der Arbeit hauptsächlich Zweitere zum Tragen kommen wird. In folgendem Zitat verdeutlicht Greiner den Unterschied zwischen diesen beiden Erkenntnisformen:

„Das Funktionieren, die Korrektheit und Angemessenheit mikroweltlicher Satzsysteme, d.h. die Frage der handlungsrelevanten Funktionstechnik bezieht sich auf das Phänomen der instrumentellen Erkenntnis, spielt sich also im Raum der mikroweltlichen Erkenntnis- handlung ab und wird ausschließlich innerhalb der einzelwissenschaftlichen Disziplin dis- kutiert. […] Solange man sich aber als wissenschaftlich Handelnder im technischen Sek- tor eines mikroweltlichen Zusammenhangs bewegt, gelangt man zu keiner reflexiven, ei- ne den eigenen Handlungskontext bezogenen Erkenntnis, weil eine solche nur dann ge- lingen kann, wenn man aus dem eigenen System heraustritt, ihm gegenübersteht, es zum Objekt der Betrachtung macht, um es tatsächlich ‚verstehen’ zu können. In diesem Sinne lässt sich jetzt auch die reflexive Form der Erkenntnispraxis durch charakteristi- sche Handlungsaspekte umschreiben: einen bestimmten Objekt-Methode-Zirkel verlas- sen - aus einem speziellen Sprachspiel aussteigen - aus einem funktionierenden Mikro- weltkontext heraustreten.“67

Instrumentelle Erkenntnis spielt sich innerhalb eines sog. Objekt-Methode-Zirkels ab. Durch sie können die Vorraussetzungen, Bedingungen, Überzeugungen einer Mi- krowelt nicht bewusst werden. Genau darauf zielt aber reflexive Erkenntnis ab, die ein Heraustreten aus dem eigenen mikroweltlichen Kontext vorsieht. Sie hat zweierlei zur Folge:

1. die Vernetzung mit anderen Wissensformen (wissenschaftlichen Disziplinen und Kulturen)
2. die Steigerung der Selbstwahrnehmung

Reflexion wird hier definiert als ein „In-Frage-Stellen“ von Gegebenem (z.B. „Muss es so sein wie es ist?“), als ein Perspektivenwechsel, im Hinblick auf eine Mikrowelt, durch den neue Einsichten in Vertrautes möglich werden (z.B. sieht die eigene Wis- senschaftsdisziplin vom Standpunkt einer anderen ganz anders aus als von der dis- ziplininternen Warte, die eigene Kultur erscheint ganz anders im Kontext einer ande- ren). Reflexive Erkenntnis der eigenen Mikrowelt, so wie sie oben beschrieben wird, gelingt nur durch Kommunikation mit anderen: Vernetzung ist eine ihrer Bedingungen.

2.1.2.4 Mikroweltliche Entwicklung durch reflexive Erkenntnis

Erst durch das Bewusstwerden von Unbewusstem, durch neue Erkenntnisse und Ideen kann etwas Gegebenes, Altbekanntes - und somit auch Mikrowelten - weiter- entwickelt werden. Interdisziplinärer und interkultureller Austausch von Wissensfor- men scheint dazu ein hervorragender Zugang zu sein. Auf diese Weise können sie verbessert und ihre Funktionalität gesteigert werden. Anzumerken ist auch, dass es theoretisch immer die Möglichkeit zur Reflexion gibt. Jederzeit können wir uns fra- gen, ob etwas, so wie es ist, gut ist oder ob es nicht noch besser bzw. auch anders sein könnte.

An dieser Stelle, durch die permanente Möglichkeit zur Reflexion, tritt eine der impli- ziten Annahmen des CRs zutage: Wissenschaft kann nie zu einem Endpunkt gelan- gen. Durch die Loslösung von der Idee einer erkennbaren absoluten Wahrheit haben wir uns auch von jenem Glauben an ein Erkenntnisstadium verabschiedet, in dem wir (d.h. alle Kulturen dieser Erde) - irgendwann in ferner Zukunft - alles wissen. Somit kann auch jene Vorstellung von einer Wissenschaft aufgegeben werden, die irgend- wann notwendigerweise keine Erkenntnis mehr hervorbringen kann, weil schon alles erkannt wurde. Reflektieren ist also eine der zentralen Tätigkeiten von Wissenschaft. D.h. wissenschaftliches Handeln besteht einerseits aus dem „Konstruieren von Mi- krowelten’“ und andererseits im „Reflektieren von Mikrowelten“.

2.1.3 Struktur und Relativität von Mikrowelten

Wie vorhin schon erwähnt, basieren Mikrowelten auf Annahmen, auf Überzeugungen. Aufgrund dieser Annahmen, dieser Hypothesen kann Wissen erst produziert werden.

Dieses Wissen ist dann fundiert und verbindlich - innerhalb der Mikrowelt. Außerhalb von ihr ist es relativ, d.h. voraussetzungsloses Wissen kann nicht erbracht werden. Innerhalb einer Mikrowelt kann natürlich von „wahren Aussagen“ oder „Wahrheit“ gesprochen werden. Wahrheit ist so immer bezogen auf einen bestimmten Kontext (z.B. auf eine Kultur oder auch einen individuellen Standpunkt), ist kontextabhängig - Wahrheit gibt es ohne Kontexte, ohne Referenzrahmen nicht68. Kurz gesagt: „Wahrheit“ braucht Wissen - Wissen braucht Annahmen.

Damit gemeint ist, dass wir innerhalb der Grenzen einer Mikrowelt von fundiertem Wissen sprechen können - und dieses fundierte Wissen kann wiederum zu Wahrheit führen, wenn auch nur zu einer, die innerhalb dieser Mikrowelt Gültigkeit beanspru- chen kann. Die Annahmen, die „Spielregeln“ sind quasi festgelegt und man kann daran beurteilen, ob jemand richtig spielt oder „schummelt“. Die Spielregeln selbst aber sind frei erfunden - sie hätten auch ganz anders festgelegt werden können: „Die Axiome, die unbezweifelbaren Sätze, auf denen wissenschaftliche Konstruktio- nen aufgebaut werden, sind frei erfunden.“69 Außerhalb der Grenzen einer Mikrowelt kann verbindliches Wissen nicht auftreten, weil es ein Bereich der Beliebigkeit, der Freiheit ist. Insofern braucht es für fundiertes Wissen Annahmen und den Willen, da- von überzeugt zu sein. Annahmen und die Bereitschaft von etwas überzeugt zu sein, sind somit Bedingung der Möglichkeit von Wissen und deshalb auch von (subjektiver) Wahrheit.

An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass Annahmen grundsätzlich als „gefühllose“ Überzeugungen bezeichnet werden können. Im Unterschied dazu steht das „ergriffene“ Glauben - wir könnten auch sagen, das „ergriffene“ Glauben ist eine Form emotional aufgeladener Überzeugungen. Es wäre aber falsch, zu behaupten, dass Wissenschaft nur mit emotionslosen Annahmen, also Hypothesen operiert. Es gibt genügend Beispiele wissenschaftlicher Diskussionen in denen die Teilnehmen- den ihre Positionen und Überzeugungen vehement und mit emotionalem Ausdruck vertreten. Es kann demnach nicht bestritten werden, dass „ergriffener“ Glaube eben- so Bestandteil des Unternehmens Wissenschaft ist. Genau dieser Punkt macht es ja oft so schwer, aus einer Mikrowelt herauszutreten und sie in Frage zu stellen. Nicht so sehr Forschungsergebnisse, sondern der „ergriffene“ Glaube, der dahinter steht und die Bereitschaft ihn zu hinterfragen, beeinflussen interdisziplinäres und interkul- turelles Zusammenarbeiten. Für den weiteren Verlauf der Ausführungen scheint des- halb wichtig zu erwähnen, dass Annahmen quasi a priori die Möglichkeit in sich tra- gen, sich zu emotional aufgeladenen Überzeugungen, zu Glaubenssystemen weiter- zuentwickeln.

Was sind aber nun die Konsequenzen dieser Triade von Wahrheit - Wissen - Überzeugung? Es ist das Verhältnis von Relativität und Verbindlichkeit. Relativität heißt, sich selbst aus gewisser Distanz und mit gewisser Ironie betrachten zu können. Man braucht „sich selbst nicht zu wichtig nehmen“ - aus der Distanz erwacht die Kreativität, um Neues zu schaffen. Oder anders ausgedrückt: Nur durch „relative Betrachtung“, werden Strukturerneuerungen und Veränderungen möglich.

Zu beachten ist, dass wir uns hier mit der Aussage ‚aus der Distanz erwacht die Kreativität, um Neues zu schaffen’ schon innerhalb einer Mikrowelt befinden. Diese Aussage ist eine Schlussfolgerung, die nur innerhalb der Grenzen des Konstruktiven Realismus Sinn hat und Gültigkeit beanspruchen kann. Sie darf also nicht als eine Aussage mit Absolutheitsanspruch verstanden werden (wir relativieren also das hier Gesagte und betrachten es wiederum aus einer gewissen Distanz). Bleiben wir aber innerhalb dieser Mikrowelt, so gelangen wir zu folgenden Konsequenzen, die für die Organisation, das Vernetzen von Wissensformen von Belang sind:

-Relativität fördert Kreativität, weil erstere die für zweitere notwendigen Frei- räume schafft (ist die Bereitschaft für kreatives Handeln gegeben, so fördert dies ebenso die Bereitschaft für produktive Relativität)
-Relativität erzeugt Offenheit, und zwingt so zur Selbstverantwortung
-Relativität fordert auf, Vorurteile abzubauen

2.1.3.1 Relativität und Verbindlichkeit

Es lässt sich aber nun wiederum die Frage stellen: „Wovon überzeugt sein, wenn al- les relativ ist?“ Bevor wir näher auf diese Frage eingehen, wird zuerst noch der Be- griff der Verbindlichkeit näher ausgeführt: Hat man sich auf bestimmte Annahmen und Hypothesen zur Konstruktion einer Mikrowelt geeinigt, so ist das, was daraus entsteht, z.B. eine neue Theorie, nicht mehr relativ. Sie ist absolut verbindlich im Hinblick auf die zuvor gewählten Annahmen - und zwar nur auf diese.

Die mikroweltliche Konstruktion, die auf den Annahmen „Alle Planeten haben die Form einer Kugel“ und „Die Erde ist ein Planet“ beruht, muss konsequenter und ver- bindlicher Weise auch von der Erde als „kugelförmig“ sprechen. Dieses kurze Bei- spiel soll zeigen, dass Aussagen innerhalb einer Mikrowelt nicht frei wählbar sind, sondern sich verbindlich auf die Annahmen, auf denen diese Mikrowelt basiert, be- ziehen.

Verbindlichkeit kann also nur innerhalb eines Überzeugungssystems, einer Mikrowelt erzeugt werden: Wissenschaftliche Theorien sind verbindlich - im Hinblick auf den Kontext, auf den sie sich beziehen. Wir könnten auch sagen, (wissenschaftliches) Wissen ist relativ verbindlich und nicht absolut. Zwei völlig unterschiedliche Diagno- sen zu ein und demselben Phänomen (die eine gestellt von einem Arzt der europäi- schen Medizin, die andere von einem der chinesischen) können beide verbindlich sein. Und zwar im Hinblick auf den Kontext, auf den sie sich beziehen. D.h. der Schulmediziner interpretiert ein körperliches Leiden, indem er es auf den Kontext der Schulmedizin bezieht. Der Referenz- und Bezugrahmen des anderen Arztes ist wie- derum die chinesische Medizin. Grundsätzlich sind beide Interpretationen völlig rela- tiv, erst innerhalb des jeweiligen Kontextes erhalten sie ihre Bedeutung.

Hier sei wieder an die epistemologische Gegenüberstellung von Wirklichkeit und Realität erinnert: Zwar können rein theoretisch verschiedene Annahmen getroffen werden, z.B. wie die menschliche Verdauung funktioniert, und daraus eine Konklusi- on gezogen werden. Aber natürlich wird eine solche Theorie, einmal in der Praxis angewandt, zeigen, ob sie funktioniert, sprich, ob ein Mensch damit zu heilen ist oder nicht. Trifft zweiteres zu, so können wir vom Scheitern dieser Theorie sprechen. Funktioniert sie aber, so ist dies noch lange keine Rechtfertigung ihrer allgemeinen Gültigkeit (im Sinne der Abbildung der Wirklichkeit). Dementsprechend kann auch keine absolute Verbindlichkeit, sondern nur eine relative erbracht werden.

Was macht also ein Wissenschaftler, wenn er vorgibt Wissenschaft zu betreiben70 ? Er ist von etwas überzeugt - und produziert aufgrund dieser Überzeugung Wissen. Die Hypothese, die Annahme von der der Wissenschaftler überzeugt ist, ist relativ - das Wissen, das auf dieser Hypothese, dieser Annahme aufbaut, ist verbindlich. Be- wegen wir uns innerhalb eines Überzeugungssystems (und das tun wir fast immer), so sind wir der Verbindlichkeit verpflichtet - doch haben wir auch immer die Möglich- keit aus diesem Überzeugungssystem herauszusteigen und es aus relativer Distanz zu betrachteten und neu zu überdenken. Erst durch diese relative Distanz wird uns implizit Unbewusstes explizit bewusst. Erst durch relative Distanz gelangen wir zu Erkenntnis - und durch Erkenntnis zu Entwicklung. Interkultureller Austausch kann dabei eine wertvolle Unterstützung sein.

2.1.4 Verfremdung (Strangification): Zur Erkenntnisproduktion im CR

Wie oben schon erwähnt, müssen laut Konstruktivem Realismus zwei Ansprüche er- füllt sein, um von Wissenschaftlichkeit sprechen zu können: jener an Funktionalität und jener an Erkenntnis. Es lässt sich fragen, was der CR unter Erkenntnis versteht, wenn er schon auf eine Definition von Erkenntnis im Sinne einer Abbildung verzichtet? Die Methode der Verfremdung (auch Strangification genannt) wird es zeigen:

„In weiterer Konsequenz hat WALLNER ein Hermeneutik-ähnliches Verfahren entwickelt, das er »STRANGIFICATION« (Verfremdung) nennt: Dabei nimmt er ein Aussagensy- stem X, das in einem Kontext K steht aus K heraus und stellt es beispielsweise in einen Kontext R. […] Mit dieser Methode wird der Wissenschaftler veranlasst, seine Aussagen, seine Satzsysteme, die eine Theorie ausmachen, in einen Kontext zu stellen, der dieser Theorie fremd ist. Aus diesem neuen und heterogen-strukturierten Kontext wird schließ- lich das ursprüngliche Satzsystem betrachtet, beurteilt etc. STRANGIFICATION bedeutet somit das Verlassen der Denkweise einer wissenschaftlichen Disziplin.

Dieses Verfahren ermöglicht (ohne auf metatheoretische Instanzen zurückgreifen zu müssen) die Freilegung impliziter Voraussetzungen des bearbeiteten Forschungsfeldes, die vielen Wissenschaftlern oft selber nicht bewusst sind - in den meisten Fällen kann dies sogar Relativierung des ursprünglichen Wissens bewirken. […] Immerhin ist es durch STRANGIFICATION möglich, mehr Einsicht in die Methodologie einer Wissen- schaft zu bekommen, als wenn Arbeitsmethoden bloß instrumentalisiert werden.

Fazit:

STRANGIFICATION kann also selbstreflexions-motivierend und erkenntnis-fördernd auf Mikro-Welten-Konstrukteure wirken. STRANGIFICATION ist somit als Instrument oder Werkzeug zu betrachten, mit dem wissenschaftliches (Selbst)Erkennen und (Selbst)Verstehen gelingen kann.“71

Metaphorisch und dennoch pragmatisch könnte Verfremdung auch folgendermaßen beschrieben werden: Betrachten wir den Ritus des Mittagessens (statt „Aussagensy- stem“ scheint hier der Begriff „Handlungsmuster“ besser geeignet) und stellen uns vor, wir würden in ein fremdes Land (= fremder Kontext), z.B. China, reisen und dort zu Mittag essen. Was fällt uns dabei auf? Zuerst einmal sicher, dass in China Stäb- chen und bei uns Messer und Gabel als „Hilfswerkzeuge“ bei der Nahrungsaufnahme verwendet werden. Auch die Zubereitung von Speisen ist eine völlig andere. Auf- grund dieser Erfahrung werden uns vorher selbstverständliche und teils auch unbe- wusste Bestandteile (= implizite Voraussetzungen) des Mittagessens bewusst - und somit auch implizite Voraussetzungen unserer Kultur. Verfremdung ist eine Form der Selbstreflexion, der Selbsterkenntnis - das Vertraute, das Eigene kann im Spiegel des Fremden, des Anderen reflektiert und erkannt werden.

-Durch Verfremdung wird Wissenschaft zu einem „In-Beziehung-Setzen“ auf inhaltlicher Ebene, zu einem „In-Beziehung-Treten“ auf zwischenmenschlicher.
-Erkennen ist ein Weiterentwickeln des eigenen Standpunktes.
-Kommunikation und Austausch sind für Verfremdung (Strangification) notwen- diger Bestandteil bei der Erkenntnisgewinnung.
-Strangification heißt: ‚Sich an anderem spiegeln’
-„Ich (= Vertrautes/die eigene Kultur) kann mich nur durch dich (= Fremdes / andere Kultur) selbst erkennen und weiterentwickeln.“

-Durch die Auseinandersetzung mit Fremdem kann Vertrautes in neuem Licht betrachten werden:

- Verfremdung (Strangification) als Inspirations-Verfahren: Fremdes in- spiriert Vertrautes zu überdenken, zu entwickeln und neu zu gestalten > Ideengewinnung
- Verfremdung (Strangification) als Motivations-Verfahren: Fremdes, Neues, das inspirierende Einsichten über das Eigene bringt, motiviert das eigene Produkt, die eigene Theorie weiterzuentwickeln, d.h.: kon- krete Schritte zur Umgestaltung zu setzen > konkrete Handlungsmo- tive
- Verfremdung (Strangification) als Transformations-Verfahren: Fremdes, das zu neuen Ideen inspiriert, zu verändernden Handlungen (z.B. Mei- nungsänderung) motiviert, gibt die Möglichkeit, das Eigene (die eigene Disziplin, das eigene Modell) zu transformieren und entwickeln > Transformationsprozess
-Im Sinne von Verfremdung (Strangification) beginnt Veränderung immer im eigenen Kontext, d.h. bei uns selbst.

Erst durch die Methode der Verfremdung (Strangification) kann die weiter oben er- wähnte Differenzierung und Abgrenzung von Mikrowelten und somit die Spezialisie- rung von Wissenschaft aufgehoben werden: durch sie wird es möglich, die unter- schiedlichsten Mikrowelten miteinander zu vernetzen, in dem sich die eine jeweils an der anderen reflektiert. Durch andere Mikrowelten werden Einsichten in die Überzeu- gungen und Strukturvoraussetzungen der eigenen Mikrowelt erst möglich. Im Kon- struktiven Realismus wird daher - im Unterschied zu instrumentalisierender, univer- salisierender und erklärender - von verfremdender Interdisziplinarität gesprochen72.

2.2 Konzept der Entscheidungsgesellschaft - Bewusstsein im Kollektiv

2.2.1 Was kann Wissenschaft für das Bewusstsein der Gesellschaft leisten?

Durch die im vorigen Abschnitt vorgenommene 73 konstruktiv-realistische Konzeptuali- sierung von Wissenschaft wurde offensichtlich, dass voraussetzungsloses Wissen zu erbringen nicht möglich ist. Wissenschaft kann demnach auch nicht jene Instanz sein, die für die Hervorbringung endgültigen Wissens verantwortlich ist. Projekte, die die- ses Ziel verfolgten, wie etwa der Wiener Kreis74, scheiterten daran. Wenn Wissen- schaft aber Wirklichkeit - um es in einem konstruktiv-realistischen Terminus auszu- drücken - nicht entdeckt, sondern Realität vielmehr erst selbst konstruiert, so stellt sich aus wissenschaftstheoretischer Sicht die Frage, welchen Beitrag sie für die Ge- sellschaft leistet? Fischer, der Entwickler des Konzepts der Entscheidungsgesell- schaft, das im Folgenden behandelt wird, gibt im Zusammenhang mit dieser Frage- stellung zu bedenken:

„Kehren wir zurück zur Situation der Gesellschaft. Die Diagnose war, dass der Zusammen- halt der Gesellschaft durch Regelungsmechanismen erfolgt mit dem Anspruch, dass diese durch wissenschaftliches Wissen gestützt werden. In dem Ausmaß, in dem diese Stütze fragwürdig ist, müssen wir uns daher von der Illusion verabschieden, dass es außerhalb von uns selbst eine Instanz gibt, die uns sagt, was wir tun sollen, eine Instanz, die in der Lage ist, von außen Gemeinsamkeit herzustellen. Nachdem wir das integrierende Außen in Form von Göttern und Königen bereits verabschiedet haben - zumindest in der Funktion der Gesellschaftsintegration - scheint es nun so zu sein, dass auch das Wissen über die jeweilige ‚Sache’ diese Funktion nicht erfüllen kann. Nach einer ‚Glaubensgesellschaft’, in der Entscheidungen an höhere Mächte delegiert wurden, an die man geglaubt hat, an Pro- pheten, Religionen und deren Vertreter, Kirchen, Kaiser und Könige, ist nun auch eine ‚Wissensgesellschaft’ fragwürdig geworden. Eine Wissensgesellschaft glaubt, ihre Ent- scheidungen durch Erkennen der Wirklichkeit und durch zweckrationale Überlegungen (et- wa der Optimierung) treffen zu können. Wie für die Glaubensgesellschaft der Glaube die synthetisierende Kraft ist, ist das für eine Wissensgesellschaft das Wissen. Aber gerade das kann sie - wenn die Grenzen objektiver Wissenschaft erkannt sind - nicht leisten.“75

Fällt nun ein gemeinsamer Bezugspunkt, der die Funktion der Gesellschaftsintegrati- on leisten könnte (wie etwa objektives Wissen in einer Wissensgesellschaft) weg, so

stellt sich die Frage, wie in einer solchen Gesellschaft Verbindlichkeit und damit ein- hergehend Verantwortung erzeugt werden können? Eine Gesellschaft, die keinen außerhalb von ihr stehenden Bezugspunkt kennt, hat ihre Taue von der Pier gelöst. Ein solches Schiff treibt entweder auf die offene See oder seine Crew navigiert es, mit einem klar definierten Ziel, einer Vision vor Augen. Eine solche Gesellschaft kann

- laut Fischer - folgendermaßen konzeptualisiert werden:

„Ich plädiere - als Zukunftsvision - für ein Konzept, das ich „Entscheidungsgesellschaft“ nen- ne. Eine solche Gesellschaft ist sich bewusst, dass sie die Verantwortung für ihr Entscheiden und Tun nicht oder nur in untergeordneten Fällen delegieren kann (z.B. an Mechanismen und Experten). Sie weiß über die prinzipielle Unbeantwortbarkeit grundsätzlicher Fragen und trifft dennoch Entscheidungen. Die Herausforderung, der sich eine Entscheidungsgesellschaft stellt, lautet: gemeinsame Entscheidung trotz gewusster Unsicherheit, trotz Kenntnis der Tat- sache, das mit den Entscheidungen Risiko verbunden ist. Sie weiß, dass es nicht primär die Sachzwänge sind, die die Entscheidungen bestimmen, sondern die mehr oder weniger be- wusst gesetzten Ziele, das Wollen. Einigkeit kann auch nicht durch objektive Argumente er- zwungen werden, sondern ist selbst eine Entscheidung, insbesondere für ein Für- und Mit- einander.“76

2.2.1.1 Selbstverantwortung

Eine Entscheidungsgesellschaft ist unabhängig, sie kann selbst entscheiden, welche Ziele sie ansteuert. In dieser Unabhängigkeit muss sie aber radikale Selbstverant- wortung für ihr Tun übernehmen77. Genauso wie Wissenschaft für die Konstruktion ihrer wissenschaftlichen Realitäten selbst verantwortlich ist, ist auch eine Entschei- dungsgesellschaft für die Konstruktion gesellschaftlicher Realitäten selbst verant- wortlich. „Wenn man etwas will und in diesem Sinn entscheidet, muss man dafür ge- radestehen“78.

Der Begriff der Selbstverantwortung wurde schon im Zusammenhang mit dem Kon- struktiven Realismus im vorigen Kapitel erwähnt: Dort wurde darauf hingewiesen, dass Wissenschaftler selbstverantwortlich sind für das Wissen, das sie schaffen. Denn sie entdecken keine Wirklichkeit oder Wahrheit, die unabhängig von ihnen exi- stiert und auf die sie sich berufen könnten. Vielmehr konstruieren Wissenschaftler Mikrowelten - sie erfinden Realität. Darauf weist auch der Wissenschaftstheoretiker Wallner hin, wenn er meint:

„Wichtiger jedoch ist, dass die wissenschaftlichen Konstrukte auf frei erfundenen Grundlagen beruhen. Das heißt, die Axiome, die unbezweifelbaren Sätze, auf denen wissenschaftliche Konstrukte aufgebaut werden, sind frei erfunden.“79

Wissenschaft ist - wie wir vorhin schon gesehen haben - nicht mehr jene Instanz, die Wahrheit entdeckt. Im Konzept der Entscheidungsgesellschaft fragt nun Fischer einerseits welche Konsequenzen dies für die Gesellschaft, von der Wissenschaft ein Teilbereich ist, als Ganzes hat. Andererseits fragt er aber auch, welcher neue Stel- lenwert aufgrund dessen der Wissenschaft zugeordnet werden soll. Am Begriff der Selbstverantwortung kann nun einer der Unterschiede zwischen dem Konstruktiven Realismus und dem Konzept der Entscheidungsgesellschaft aufgezeigt werden: Der CR beschäftigt sich mit den Folgen von wissenschaftlichem Handeln, verstanden als ein Konstruieren von Realität, auf einer wissenschaftsinternen Ebene - was heißt dies etwa für interdisziplinäre Forschungsprojekte? Das Konzept der Entscheidungs- gesellschaft untersucht vielmehr den Stellenwert und die Aufgabe, die der Wissen- schaft im Kontext einer Gesellschaft, die auf Entscheidungen basiert, zukommen. Die ethische Frage „Was liegt innerhalb der Grenzen unseres Verantwortungsberei- ches?“ spielt allerdings sowohl wissenschaftsintern als auch -extern eine Rolle.

2.2.1.2 Selbstorganisation

Mit radikaler Selbstverantwortung ist auch Selbstorganisation verbunden - eine Entscheidungsgesellschaft muss sich selbst organisieren. Wie bei der konstruktiv- realistischen Konzeption von Wissenschaft, so fehlt auch der Entscheidungsgesell- schaft jenes Zentrum (z.B. Götter), um das herum sich ihre gesellschaftlichen Struk- turen aufbauen würden. Eine Entscheidungsgesellschaft muss sich demnach selbst- bewusst organisieren - es muss sich dabei logischerweise um eine Form der ent- hierarchisierten Organisation handeln, da ja das Zentrum fehlt. Dies gilt im Übrigen ebenso für eine Wissenschaft im Sinne des Konstruktiven Realismus.

Wie können wir aber nun das Bewusstsein der Gesellschaft bzw. kollektives Bewusstsein im Vergleich zu individuellem Bewusstsein verstehen? Wie kann sich Gesellschaft reflektieren, wie kann sie sich selbst ins Gesicht blicken?

2.2.2 Individuelles Bewusstsein

„Bewusstsein eines Individuums bedeutet, dass der individuelle instinktive Lebensvollzug, das unbewusst Ablaufende, vom Individuum selbst beobachtet wird. Dieses muss sich dafür gewissermaßen außer sich stellen, sich ansehen, insbesondere die Grenze des Selbst. Selbstdifferenz und Selbstdistanz sind dafür nötig.“80

Die bisherigen Ausführungen haben darauf hingewiesen, dass unmittelbare Einsicht in die Wirklichkeit nicht möglich ist. Demnach hat auch ein Individuum nicht die Mög- lichkeit sich seiner selbst unmittelbar bewusst zu sein - denn unmittelbare (Selbst- )Erkenntnis kann nicht erbracht werden. Es braucht das Andere, das Fremde, an dem sich das Individuum reflektieren und erkennen kann - erst dadurch wird Selbst- distanz herstellbar. Den Weg zu dieser Selbstdistanz beschreibt der Konstruktive Realismus über die Methode der Verfremdung. Mikrowelten können sich demnach nur selbst reflektieren, wenn sie mit anderen zu kommunizieren beginnen. Übertra- gen auf Individuen bedeutet dies, dass sie sich erst selbst erkennen können, wenn sie mit anderen in Verbindung treten. Erst dann werden die vorher unbewussten Grenzen des Selbst bewusst - erst dann kann überhaupt von Bewusstsein (so wie es Fischer in obigem Zitat beschreibt) gesprochen werden.

Daraus folgt, dass die Inhalte der Selbstbeobachtung maßgeblich von der Warte, der Position abhängen, von der aus sich das Individuum beobachtet. Oder anders formuliert: Die Offenbarungen der Selbsterkenntnis und der daraus abgeleiteten Identität, die sich das Individuum gibt, hängen davon ab, mit wem das Individuum was spricht: (Selbst-)Erkenntnis ist kontextabhängig.

Die Voraussetzungen für individuelles Bewusstsein sind also Instanzen der Selbst- beobachtung, die nicht unmittelbar im Individuum selbst liegen. Diese Instanzen müssen erst hergestellt werden. Kein Mensch kann sich ins Gesicht blicken - dies wird erst durch einen Spiegel möglich. Erweitern wir nun diese Metapher, so können wir sagen, dass es die Umwelt eines Individuums ist, an der es sich reflektieren kann. Durch seine Umwelt kann das Individuum zu sich in Distanz treten und sich seiner selbst bewusst werden. Die besagte Umwelt dient quasi als Spiegel zur Selbstrefle- xion - wenn wir nun aber diese Metapher weiterverfolgen, so muss sich das Indivi- duum notgedrungen fragen: „Was hat das, was ich da im Spiegel (in meiner Umwelt) erblicke mit mir zu tun?“

2.2.3 Kollektives Bewusstsein

Sich selbst beobachten heißt auch sich selbst In-Frage-Stellen81. Etwas In-Frage- Stellen heißt, dass etwas nicht so sein muss, wie es ist, sondern auch anders sein könnte. Fischer dazu:

„Was bedeutet dies nun übertragen auf soziale Systeme? Bewusstsein haben bedeutet für ein soziales System zunächst, dass es selbst, der naive Ablauf und die Grenze zur Umwelt, Gegenstand der Beobachtung durch das System werden. Beobachter sind dabei die Mit- glieder des Systems. Allerdings zumindest ab jener Größe des Systems, bei der nicht mehr jeder mit jedem kommunizieren kann, ist eine Spezialisierung zweckmäßig: die Auszeich- nung von einigen Systemmitgliedern, die sich auf die Beobachtungsaufgabe konzentrieren und sich für diese Aufgabe in einer Distanz zum sonstigen Geschehen befinden müssen. In Trainingsgruppen stellt man Personen phasenweise für solche Aufgaben frei, Firmen enga- gieren Berater von außen, die dadurch in einem erweiterten Sinn Systemmitglieder werden. In Bezug auf die Gesellschaft insgesamt geht man davon aus, dass Wissenschaften, Medi- en und Künste eine Beobachtungsaufgabe haben.“82

Die Instanzen der Selbstbeobachtung in einer Gesellschaft sind also spezialisierte „In-Frage-Steller“. Ihre Aufgabe ist es nicht, einem sozialen System zu sagen „wo es lang geht“. Ziel solcher Beobachtergruppen ist vielmehr, durch das Aufzeigen von Möglichkeiten, den Horizont eines sozialen Systems zu erweitern. Denn „wo es lang geht“ hat das jeweilige soziale System letztlich selbst zu entscheiden.

2.2.3.1 Verfremdung als Selbsterkenntnismethode kollektiven Bewusstseins

Um es mit konstruktiv-realistischem Vokabular auszudrücken: Beobachtergruppen sind quasi die Kontexte, in die gesellschaftliche Systeme „verfremdet“ werden - sie sind die Spiegel an denen sich ein soziales System reflektieren kann. Die Gruppe der Profi-Beobachter versucht, indem sie blinde Flecken sichtbar werden lässt, neue (Selbst-)Bezüge herzustellen. An dieser Stelle kann nun auf die Aufgabe, die De Sauvage der Philosophie zuschreibt, nämlich „weite Brücken zu schlagen“83, verwie- sen werden: überträgt man diese Aufgabe ins Konzept der Entscheidungsgesell- schaft, so kann Philosophie bzw. Philosophieren hier eine vermittelnde Instanz zwi- schen Wissenschaft, Künsten (im Sinne von Reflexionsmedien) usw. und Gesell- schaft einnehmen.

Da kollektives Bewusstsein ein Prozess ist, „der sich bei großen Systemen zwischen spezifisch beauftragten Beobachtern und dem ganzen System abspielt und dessen Inhalte variieren"84, kann auch von der Konstruktion von Gesamtentwürfen seitens der Beobachtergruppen und der Dekonstruktion dieser Entwürfe durch das soziale System gesprochen werden: „Bewusstsein eines sozialen Systems ist ein Wechsel- spiel von selbstbeobachtender Konstruktion letzten Endes ganzheitlicher Selbst- Entwürfe und nachfolgender Dekonstruktion eben dieser Entwürfe."85 Wobei viel- leicht noch zu erwähnen ist, dass dieser Prozess von Konstruktion und Dekonstrukti- on ein kreativer ist: denn die ganzheitlichen Selbstentwürfe stellen Interpretationen der Wirklichkeit dar - sie haben keinen abbildenden Charakter86.

2.2.3.2 Individuelles vs. kollektives Bewusstsein

Kollektives Bewusstsein darf aber nicht als die Summe der individuellen „Be- wusstseine“ einer Gesellschaft verstanden werden. Das wäre zu kurz gegriffen. Vielmehr handelt es sich beim kollektiven Bewusstsein um die Ausbildung einer ge- meinsamen Identität, eines „Wir“-Gefühls, wenn man so möchte. Kollektives Be- wusstsein transzendiert die Summe der individuellen „Bewusstseine“. In der Um- gangssprache würde kollektives Bewusstsein bedeuten, dass Menschen dann mit- einander leben und nicht nur nebeneinander. Es werden dann gemeinsame Ent- scheidungen getroffen, und zwar im Hinblick auf das Ganze. Das Konzept der Ent- scheidungsgesellschaft liefert für die Ausbildung eines solchen kollektiven Bewusst- seins gewissermaßen einen Organisationsplan. Denn um Individuen zu einer Ge- meinschaft zu organisieren, ist eine gewisse Form der Organisation notwendig. Um Gemeinschaft herzustellen, sieht das Konzept der Entscheidungsgesellschaft sog. Beobachter- bzw. Expertengruppen vor. Diese informieren das soziale System und bieten ihm Gesamtentwürfe an, anhand derer sich dieses Kollektiv als Kollektiv be- wusst wird. Die daran angeschlossene kollektive Selbstreflexion unterscheidet sich dahingehend von der individuellen, als dass bei der kollektiven die Frage „Wollen wir es so, wie es ist?“87 gestellt wird und bei der individuellen die Frage „Will ich es so, wie es ist?“.

2.2.3.3 Konsequenzen für eine Philosophie, die im Kontext einer Entscheidungsgesellschaft steht

Was lässt sich aus diesen Ausführungen über Philosophie zusagen? Es ist zweierlei:

1. Philosophie kann Bezüge zwischen der Wissenschaft, Künsten usw. und der Gesamtgesellschaft herstellen (transdisziplinäre Vermittlungsinstanz)
2. und Philosophie kann jene Instanzen, nämlich wissenschaftliche Disziplinen, miteinander vernetzen, die Gesamtentwürfe für die Gesellschaft anbieten (in- terdisziplinäre Vermittlungsinstanz)

Streng genommen ist Philosophie in dem hier ausgeführten Konzept einer Entschei- dungsgesellschaft keine Wissenschaft mehr. Sie stellt vielmehr eine vermittelnde In- stanz dar: d.h., dass es nicht genügt, wenn Wissenschaften und Künste Gesamtent- würfe von einer Gesellschaft konstruieren. Diese müssen auch der Gesellschaft na- hegebracht werden, damit sie sich darin überhaupt wiederfinden kann. Oder anders gesagt, die wissenschaftlichen Gesamtentwürfe müssen aus der Wissenschaftsspra- che in eine allgemein verständlichere Alltagssprache übersetzt werden - sonst gibt

es kein „Wiederfinden“ im Gesamtentwurf. Und hier kann Philosophie helfen: sie kann helfen die Bilder und Aussagen eines Reflexionsmediums (z.B. Wissenschaft oder Künste) zu interpretieren, d.h. Bezüge zur lebensrelevanten Praxis einer Ge- meinschaft herstellen. Philosophieren heißt also hier, die konstruierten Gesamtent- würfe zu interpretieren, sodass sie einen Bezug zum sozialen System ergeben, dass sie darstellen möchten. Um eine sinnvolle Verbindung zwischen einem Gesamtent- wurf und dem sozialen System herstellen zu können, ist beispielsweise folgende Frage dienlich: die Mitglieder einer Gesellschaft können sich bei der Interpretation eines Gesamtentwurfes (der sie ja reflektiert) fragen „Was hat das (der Gesamtent- wurf) mit uns (Gesellschaft) zu tun?“88. Hier gewinnt ein Gesamtentwurf an Relevanz, hier wird er für die Gesellschaft integrationsfähig - denn hier wird eine Bedeutung, eine Beziehung zwischen Entwurf und Gesellschaft aufgebaut.

Die Frage „Was hat das [der Gesamtentwurf] mit uns [Gesellschaft] zu tun?“89 ist auch für die hier leitende Forschungsfrage ‚Welche Rolle spielen Überzeugungen im konstruktivistischen Denken?’ von Relevanz. Mittels des Reflexionsprozesses, der durch obige Frage ausgelöst wird, können die Voraussetzungen, auf denen eine Ge- sellschaft fußt, bewusst werden. Diese Voraussetzungen - sozusagen das Frame- work einer Gesellschaft - können in einer Entscheidungsgesellschaft aber keine un- umstößlichen (Natur-)Gesetze sein. Denn diese zu erkennen ist laut dem Konzept der Entscheidungsgesellschaft nicht möglich (siehe weiter oben: die Gründe weshalb eine Wissensgesellschaft obsolet ist). Es sind vielmehr die kollektiven Überzeugun- gen, die durch diese Form der Selbstreflexion bewusst werden. Erkennt eine Ent- scheidungsgesellschaft ihre Voraussetzungen, so ist sie auch fähig diese abzuän- dern - sie entscheidet sich für ein anderes Framework. Überzeugungen spielen also in einer Entscheidungsgesellschaft eine zentrale Rolle. Sie zu erkennen und abzu- ändern, hat eine Veränderung der Gesellschaft zur Folge, die auf ihnen beruht.

2.3 Das Klagenfurter Prozessethische Beratungsmodell - Ethik in der Gruppendynamik

2.3.1 Dialogdialektik

So wie im Kapitel 1.2.1 Die Krise der Philosophie und im vorangegangen Philosophie eine zentrale Rolle spielte, so auch in diesem. Denn grundsätzlich kann die Tätigkeit des Philosophierens auch im Sinne einer Dialogdialektik verstanden werden, die der Philosoph Peter Heintel auf folgende Weise skizziert:

„Dialogdialektik lässt sich wie folgt beschreiben: Im ersten Schritt wird allen bestehenden Meinungen, Festlegungen, Normen, Autoritäten, Bestimmungen die philosophische Diffe- renz entgegengehalten. Sie werden ins Nichts gestellt. Die philosophische Haltung, die dabei erforderlich ist, besteht in Voraussetzungslosigkeit, Unbefangenheit, Angstfreiheit und Autonomie. In dieser Konfrontation mit dem Nichts werden alle bestehenden Mei- nungen in die Aporie geführt, grundsätzlich also aufgezeigt, dass sie nichtig sind. Ihr gel- tender Anspruch (ihre Autorität, ihre Absolut-Setzung) wird relativiert und abgebaut, in- dem ihm dreierlei nachgewiesen wird: erstens, dass er nicht für alle, alles und überall gilt (es gibt keine inhaltliche Feststellung, die universelle Geltung haben kann), zweitens, dass er auf individueller oder kollektiver Entscheidung beruht, und drittens, dass er Wich- tiges und Unwichtiges ausschließt, nicht beachtet oder verdrängt.“90

Der Philosophierende trägt das Nichts an Aussagen, Meinungen, Autoritäten usw. heran, d.h. er stellt prinzipiell Gegebenes in Frage. Lassen die Teilnehmer an einer Selbstreflexion das Herantragen des Nichts (das prinzipielle „In-Frage-Stellen“) an ihre Standpunkte zu, so erhalten sie im Gegenzug die Möglichkeit zu sich selbst in Distanz treten zu können. Erst aus dieser kann das Eigene betrachtet und daran die Frage gestellt werden „Was hat das alles mit uns zu tun?“91 - und genau der Prozess, der zu dieser Frage führt, wird in dieser Arbeit auch als philosophische Supervision begriffen: ein „Zu-sich-selbst-in-Distanz-Treten“, welches mit Perspektivenerweiterung und der Chance auf Weiterentwicklung einhergeht.

2.3.1.1 Querverweis zur Methode der Verfremdung

An dieser Stelle soll kurz ein Querverweis zur Methode der Verfremdung erfolgen, da auch sie - ebenso wie das Herantragen des Nichts an Bestehendes - eine Methode der Selbstreflexion ist. Der Unterschied zwischen dem Herantragen des Nichts und der Methode der Verfremdung besteht darin, dass bei der Verfremdung etwas Be- stehendes aus seinem herkömmlichen Umfeld genommen und in einen neuen, frem- den Kontext gesetzt wird. In diesem neuen Kontext lässt sich dann beobachten, wie das Verfremdete im Vergleich zum herkömmlichen Umfeld reagiert. Mit diesem Ver- fahren lassen sich neue Einsichten über Bestehendes herausfiltern. Beim Herantra- gen des Nichts an Bestehendes werden ebenso neue Einsichten hervorgebracht, wird Selbstreflexion vollzogen. Allerdings lautet die Frage dabei nicht „Wie wäre das Bestehende in einem anderen Umfeld?“, so wie bei der Methode der Verfremdung, sondern „Wie wäre es, wenn das Bestehende überhaupt nicht ist?“. Die Methode der Verfremdung ist daher vielleicht fruchtbarer, um etwas Bestehendes weiterzuentwic- keln. Das Herantragen des Nichts scheint geeigneter, um generell neue Wege aus- findig zu machen.

Beide Ansätze - sowohl die Methode der Verfremdung als auch das „Herantragen des Nichts“ - sind imstande implizite, vorausgesetzte Überzeugungen explizit als Überzeugungen bewusst zu machen. D.h. beide Ansätze können vorausgesetzte Annahmen als solche ausweisen. Sie können aufzeigen, dass das, was vorausgesetzt wird, letztlich nicht auf einer allgemeingültigen, weil unabhängigen Wahrheit basiert, sondern, dass das Vorausgesetzte auf Annahmen beruht. Hier sei wieder auf Wallner verwiesen, wenn er meint:

„Die Basis für das wissenschaftlich Brauchbare ist eine geniale Leistung, aber sie ist eine Erfindung.“92

Nun aber wieder zurück zur Dialogdialektik: Im ersten und zweiten Schritt der Dialogdialektik geht es noch nicht darum, die Frage „Was hat das alles mit uns zu tun?“93 zu beantworten. Es geht darum, sich der oben angesprochenen Relativität des eigenen Standpunktes bewusst zu werden:

„Bereits der erste Schritt der Dialogdialektik enthält somit den zweiten in sich: die Eröff- nung der philosophischen Differenz, das Hineinhalten aller Bestimmung ins Nichts. Der Relativierungsprozess selbst geschieht aber nicht in der bloßen Gegenüberstellung. Die- se würde nicht nur zu nichts führen, sie würde in der leeren Entgegensetzung nur die be- stehende Wahrheit affirmieren. Vielmehr wird der Meinung und der autorisierten Wahr- heit gegenübergestellt, was aus ihr herausfällt, worin ihre Begrenzung besteht, was sie ausschließt, wovon sie selbst bestimmte Negation ist, denn alle inhaltliche Wahrheit wird als inhaltliche ständig vom Nichts begleitet. Bestimmte Negation ist sie aber bloß gegen- über Seiendem, also gegenwärtig und in der Vergangenheit Bestehendem, sie ist auch Negation von Möglichkeiten, Bewegungen, Entwicklungen, Zukünftigem. Die bestimmte Negation sammelt also das Nicht-Wahre, Unbestimmte, die Restposten, das Mögliche, das Erwünschte. Insofern werden in ihr höchst unterschiedliche Inhaltsreihen auftreten. Jede inhaltliche Wahrheit ist umgeben von einer Fülle bestimmter Negationen, mit denen selbst sich wiederum ein Universum an Bestimmungen differenzieren ließe.“94

In diesem zweiten Schritt geht es um die Erarbeitung eines relativen Selbstbezuges, d.h. um die Entwicklung eines spielerischen, spontanen und kreativen Neuzugangs zum eigenen Standpunkt. Einfach ausgedrückt heißt das, dass das, was vorher noch so ernst vertreten wurde mit distanzierter Gelassenheit betrachtet wird. Um aber aus diesem relativen Selbstbezug einen konkreten Umsetzungsschritt ableiten zu können, bedarf es noch eines weiteren Schritts im Zuge der Dialogdialektik:

„Im ersten und zweiten Schritt kommt also keine Basis, kein sicheres Ufer in Sicht. Ent- weder versinkt man in den absoluten Skeptizismus oder Nihilismus […] oder in den un- endlichen Regress von Gegenüberstellungen und der Reproduktion der Verstandesbe- stimmungen. Daher muss eine Entscheidung fallen: Nicht jede bestimmte Negation ist für ein sinnvolles neues Ergebnis gleich wichtig. Es muss zu einer Negation der Negation kommen. In ihr wird entschieden, was an Ausgeschlossenem, Möglichem, Erwünschtem berücksichtigt werden soll und mit der ursprünglichen Wahrheit zu versöhnen ist.“95

In der Dekonstruktion des Gesamtbildes (die Konstruktion desselben gehört ja eben- so zu den Aufgaben des Philosophierenden), d.h. in der „Negation der Negation“96, wird durch die Teilnehmer an der Selbstreflexion, „entschieden, was an Ausge- schlossenem, Möglichem, Erwünschtem berücksichtigt werden soll und mit der ur- sprünglichen Wahrheit zu versöhnen ist“97. In diesem Schritt werden also die Ergeb- nisse der Selbstreflexion in die ursprüngliche Situation, die es zu reflektieren galt, reintegriert. Dieses Reintegrieren gibt letztlich auch Aufschluss darüber und ist Feedback dafür, ob und wie der Philosoph als Supervisor in seinem „In-Frage- Stellen“ die Supervisanden zu neuen Einsichten und Perspektiven führte.

2.3.1.2 Querverweis zum Konzept der Entscheidungsgesellschaft

Wie vielleicht schon bemerkt wurde, spielt sowohl beim Konzept der Entscheidungs- gesellschaft als auch bei der Dialogdialektik das Entscheiden eine tragende Rolle: Obwohl sich beide Ansätze mit dem Thema Selbstreflexion auseinandersetzen, blei- ben sie dennoch nicht beim „Sich-selbst-Reflektieren“ stehen, sondern versuchen Umsetzungsschritte aus der vorangegangenen Reflexion abzuleiten. Diese können wiederum nicht durch Reflexion zustande kommen, sondern nur durch Entscheidung. Diese Vorgangsweise, d.h. der Einbezug von Entscheidungen in einen Entwick- lungsprozess, kommt bei der Methode der Verfremdung nicht explizit zum tragen. In ihr geht es in erster Linie um die Produktion von Erkenntnis und nicht darum, wie denn nun die gewonnenen Erkenntnisse für die Weiterentwicklung des eigenen Standpunktes verwendet werden können.

2.3.2 Das Klagenfurter Prozessethische Beratungsmodell

Aus den vorangegangenen Ausführungen zur Dialogdialektik scheint es für den weiteren Verlauf wichtig folgende Punkte festzuhalten:

Es lässt sich an alles das Nichts herantragen. Der Anspruch auf absolute, ewig-gültige Wahrheiten kann nicht gestellt werden.

Da aber durch die Relativierbarkeit von allem die Gefahr droht im Nichts und in der Relativität zu versinken, müssen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Diese Gegenmaßnahmen lauten „Entscheidungen treffen“. Bewusst getroffe- ne Entscheidungen ermöglichen konkretes Handeln und lassen konkrete Lö- sungen für konkrete Probleme Realität werden. Auch wenn wir wissen, dass

diese Lösungen keine endgültigen sind und immer wieder sterben und neu geboren werden müssen.

Es könnte nun der Eindruck entstehen, dass wir Menschen und somit auch die in der Wissenschaft Tätigen in einer Welt leben, die von Beliebigkeit und Willkür durch- drungen ist. Eine der Konsequenzen daraus wäre ein Werterelativismus: Jeder kann das tun, wonach ihm gerade der Sinn steht, ohne auf andere Rücksicht nehmen zu müssen. Denn die Instanz der Beurteilung darüber, welche Handlungen „gut“ bzw. „böse“ sind fehlt.

Doch stellen wir nun diese Vorstellung von einer solchen Welt auf den Kopf, so ist es letztlich der Mensch und nicht die Welt, der an alles das Nichts und die relative Betrachtung herantragen kann. Er ist es auch, der Entscheidungen trifft, aus mehreren Möglichkeiten eine auswählt und wiederum vom Nichts, vom Unkonkreten zum Konkreten zurückkehrt (bzw. zurückkehren muss, da er sonst in den Wogen der Unbestimmtheit treibt, wie ein Stück Holz auf offener See). Widmen wir uns also nun für eine Weile dem Wesen Mensch und der Art und Weise, wie es im Klagenfurter Prozessethischen Beratungsmodell begriffen wird.

2.3.2.1 Der Flügelaltar

Heintel skizziert das Bild des Menschen folgendermaßen98:

„Es unterscheidet drei Teile. Der „Würde“ der Thematik entsprechend haben wir als Bild und unterstützende Vorstellung einen gotischen Flügelaltar anzubieten. Am linken Flügel von Betrachterseite aus steht der Mensch, und zwar in seinem Wesen vorgestellt. Die hier nicht weiter zu begründende These lautet, dass über sein Wesen ontologisch nichts Feststehendes auszusagen ist mit einer Ausnahme: der Mensch ist ein Differenz-, ein Widerspruchswesen. (Bereits die früher erwähnte Tatsache, dass er sich selbst immer auch „aufgegeben“ ist, zeugt davon. Er ist ein bestimmtes Sein - historisch, kulturell, bio- logisch und er steht in Differenz zu diesem Sein; er will z.B. etwas anderes sein oder werden. In der Ethik gibt es den bekannten Unterschied zwischen Sein und Sollen; Nor- men, Wertsetzungen, so sahen wir, richten sich auch immer wieder gegen ungewolltes Sein. Weil sie aus letzterem nicht direkt abgeleitet werden können - also Sollenscharak- ter haben - müssen sie auch besonders ausgezeichnet werden. Es ist uns etwas wertvoll, weil es nicht selbstverständlich ist. Fazit: die Ethik verdankt ihre Existenz dem Differenzund Widerspruchswesen Mensch, wäre es nicht, bedürfte es ihrer nicht).

Widersprüche, Differenzen führen unmittelbar zu Konflikten, zu Unterschieden, die geregelt werden müssen. Die mittlere Tafel des Flügelaltars ist der Ort der Konflikte und der Regelungsformen; hier ist auch der von Beratung. Fehlt noch die rechte Tafel. Sie enthält die jeweiligen Lösungen der in Widersprüchen verursachten Konflikte. Also lautet die erste Antwort auf die Sinn- und Aufgabenfrage: Werte, Normen sind Antworten auf Widersprüche, die sich meist zunächst in Konflikten geäußert haben.“99

2.3.2.1.1 Konsequenzen des Flügelaltars

Der Mensch als ein Differenzwesen bringt Widersprüche hervor. Diese führen zu Konflikten, die wiederum in Lösungen temporär aufgehoben sind. Betrachten wir den Menschen aus dieser Perspektive, so ergibt sich daraus dreierlei:

a) Der Mensch ist auf Entwicklung ausgerichtet. Wir können Stabilität hier als ei- ne Phase bezeichnen, in der der Veränderungsprozess quasi temporär „entschleunigt“ wurde.

b) Um Lösungen zu verwirklichen und um nicht nur im Bereich des Möglichen zu verweilen, muss der Mensch Entscheidungen treffen. Nun lässt sich natürlich fragen, wie der Mensch seine Entscheidungen trifft, an was er sich orientiert, wenn es keine absolute, ewige Instanz gibt, die ihm Auskunft geben könnte. Aber ganz egal vor welcher Entscheidung der Mensch steht, er möchte immer die richtige Wahl treffen - und um die richtige Wahl treffen zu können, muss er vorher die „Frage nach dem Guten“ stellen. Vor Entscheidungen fragen wir uns deshalb auch: „Wollen wir es […] so, wie es ist; ist es gut für uns?“100. Ganz egal wie die Antwort darauf ausfällt, es handelt sich dabei um ein ethi- sches Unterfangen, eben die „Frage nach dem Guten“101. Dem Menschen, in der Konzeption eines Differenzwesens, passiert Ethik also nicht zufällig - ganz im Gegenteil: sie ist wesentlicher Teil von ihm.

c) Wie vorhin schon erwähnt, kann auf die „Frage nach dem Guten“ keine end- gültige Antwort gegeben werden. Der Mensch muss diese Antwort immer wie- der neu formulieren, diese Antwort immer wieder neu hervorbringen - und na- türlich zuvor die Frage immer wieder neu stellen. Was das Gute ist, muss (in- dividuell wie auch kollektiv) wiederholt neu entschieden werden. Ob das, was am Ende eines solchen Entscheidungsprozesses steht, auch wirklich das Gu- te ist, das wei ß niemand - aber man ist zumindest (temporär) davon ü ber- zeugt. Und hier sind wir an einer wichtigen Schnittstelle angelangt: an jener zwischen Ethik und Glaube, bzw. „Überzeugt-Sein“. Der Mensch wei ß nie, ob das, was er für das Gute hält, auch wirklich das Gute ist (denn sonst wäre es ewig und allgemein gültig), aber er ist davon ü berzeugt (zumindest temporär).

Nehmen wir diese drei Punkte nun noch näher unter die Lupe und betrachten wir, was sie im Bereich Selbstreflexion leisten können:

ad a)

Einer der grundsätzlichsten Widersprüche des Menschen scheint jener zwischen Entwicklung bzw. Veränderung und Stabilität bzw. Dauerhaftigkeit zu sein. Einerseits streben wir nach langfristigen Lösungen, nach Sicherheit und Resistenz - nach „ewigem Leben“. Andererseits aber wollen oder müssen wir uns nach einiger Zeit fragen, ob wir bestimmte Herausforderungen nicht noch besser oder anders lösen könnten (an diesem Punkt lassen wir bestehende Lösungen vergehen, sie absterben). Die Frage nach dem Besseren impliziert aber grundsätzlich die Frage nach dem Guten, d.h. das ethische Motiv liegt hier schon auf der Hand: Entwicklung braucht Ethik. Soll nun Selbstreflexion dazu verwendet werden, um Verbesserungen hervorzubringen, um (Weiter-)Entwicklung zu ermöglichen, darf das ethische „In-Frage- Stellen“ dabei nicht unterschätzt werden. Heintel dazu:

„Im selbstreflexiven Akt der Praxisdistanzierung ist immer die Frage nach dem Guten versteckt; ohne dass wir sie unbedingt und von vorneherein im Auge haben, macht sie sich bemerkbar. Supervision in diesem Sinne ist daher nie bloß ein Darüber-Denken und rationales Beurteilen (funktionale Sachzwangadäquatheit), sie stellt - wenigstens indirekt

- immer auch die Frage: „Wollen wir es (die Praxis) so, wie es ist; ist es gut für uns“? Das Sittlich-Gute an die „reine“ Differenz der Selbstreflexion zu binden, hat viele Vorteile, die uns die anfangs in vier Punkten aufgezeigte Skepsis nehmen könnten: Das Ethisch-

Gute, Sittliche ist inhaltlich nicht vorgegeben, durch die Differenz wird aber die Frage nach ihnen eröffnet.“102

ad b)

Wenn, wie oben schon erwähnt, Ethik wesentlicher Teil des Menschen ist, dann hat er ihr auch dementsprechend Raum zu geben - ansonsten verwehrt er sich seines eigenen Entwicklungspotentials. Selbstreflexion scheint in dieser Hinsicht ein angemessener Zugang, um diesem Anspruch Rechnung zu tragen - so Heintel:

„Es muss dafür gesorgt sein, dass Ethik stattfinden kann („Bedingung der Möglichkeit“). So formal, abstrakt diese auch klingt, ihre Anerkennung impliziert weitreichende Folgerungen. Es müssen Orte der Differenz eingerichtet werden auf denen systemtranszendierend die Frage nach dem Guten überhaupt individuell und kollektiv gestellt werden kann („Wollen wir das so, wie wir es uns eingerichtet haben“).“103

Diesen Raum der ethischen Selbstreflexion hat Kant schon in seinem Kategorischen Imperativ gefordert - allerdings nur für Individuen, denn er geht in seiner Konzeption des Sittlichen auch vom autonomen individuellen Gewissen aus: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“104. Heintel hält dem entgegen, dass die Welt nicht nur aus Individuen, sondern auch aus Gruppen und Kollektiven besteht - individuelle Selbstreflexion ist daher zu wenig, er fordert auch eine kollektive:

„Wie werden Gesellschaften für sich selbst verantwortlich und nicht nur das Individuum? Wie ist kollektive Autonomie herstellbar, sodass auch Institutionen, Gesellschaften, Gruppen so etwas wie ein Gewissen bekommen, das sie wie ich behaupte, derzeit per definitionem nicht haben?“105

Selbstreflexion und damit einhergehend auch Supervision scheint hier ein Arrange- ment zu sein, das die existentielle Forderung nach Orten der Ethik nicht nur auf indi- vidueller, sondern auch auf kollektiver Ebene einlösen kann: „Supervision im Sinne

eines ethischen Auftrages ist mit tätig bei der Entwicklung eines autonomen kollektiven Gewissens“.106

ad c)

Lösungen bestimmter Konflikte können keinen Endgültigkeitscharakter erheben - selbst wenn es manchmal den Anschein hat. Der Grund, weshalb diese zeitlich be- grenzten Lösungen aber dennoch Funktionalität aufweisen können, ist vor allem das „Überzeugt-Sein“ davon. Jede Handlung braucht eine Maxime, einen Leitgedanken von dem der Handelnde überzeugt ist, dass er ihn durch seine Ausführung an das gewünschte Ziel bringt. Der Wille zu einer bestimmten Handlung verkörpert wieder- um das Vertrauen an das dahinter stehende Motiv. Fehlt der Glaube an ein Motiv, wird dessen Umsetzung scheitern. (Temporäre) Lösungen von (ethischen) Fragestel- lungen können nur solche sein, wenn ihnen auch dementsprechendes Vertrauen entgegengebracht wird, wenn man von ihrer Wirksamkeit überzeugt ist: das „Über- zeugt-Sein“ als die wirkende Kraft hinter erarbeiteten Lösungen.

Was lässt sich aus einem solchen Verständnis von Überzeugungen im Hinblick auf Selbstreflexion bzw. Supervision im Allgemeinen und auf das Klagenfurter Prozess- ethische Beratungsmodell im Speziellen ableiten? Wenn etwa in einem Selbstreflexi- onsprozess Ethik eine tragende Rolle spielt, dann deshalb, weil hier gefragt wird „Wollen wir es (die Praxis) so, wie es ist; ist es gut für uns?“107. Egal, ob aber nun in- dividuelles oder kollektives Gewissen diesen Selbstreflexionsprozess antritt, die „Frage nach dem Guten“ kann nur unter Einbeziehung unseres jeweiligen (Lebens- )Weltbildes gestellt werden - denn nur dadurch können wir sagen, was für uns gut ist und was nicht. Dieses Weltbild aber, und das haben wir schon im Kapitel über den Konstruktiven Realismus bemerkt, ist kein gegebenes, sondern vielmehr ein konstru- iertes: es basiert auf Überzeugungen und Annahmen. Wenn nun das Klagenfurter Prozessethische Beratungsmodell darauf hinweist, dass ethische Fragestellungen impliziter Bestandteil von Selbstreflexion sind, dann soll hier darauf hingewiesen werden, dass ethische Fragestellungen und vor allem ihre Beantwortung abhängig sind vom Überzeugungssystem des Individuums bzw. des Kollektivs, das sich diese Fragen stellt.

2.3.2.2 Spirituelle Selbstreflexion

Wenn ethische Fragestellungen abhängig sind vom Überzeugungssystem, vom Weltbild einer Gruppe oder eines Individuums, dann spielt dabei nicht nur die „Frage nach dem Guten“, sondern auch die „Frage nach dem Sinn“, der hinter einem sol- chen Weltbild steht bei Selbstreflexionsprozessen eine wichtige Rolle. Wir können davon ausgehen, dass jeder Mensch, jede Gesellschaft und jede Kultur Sinnzusam- menhänge herstellt, in denen das eigene Dasein eingebettet ist - ein Ergebnis davon wäre beispielsweise das kollektive wie individuelle Selbstverständnis: Das Weltbild von Kulturen, genauso wie das von einzelnen Menschen spiegelt die Position wider, in der das eigene Dasein in Bezug zur Umwelt gesehen wird. Fragen wie „Wer sind wir, woher kommen wir und wohin gehen wir?“ sind fundamentale Fragen an das Le- ben als solches und an den Sinn dahinter. Das Klagenfurter Prozessethische Bera- tungsmodell versucht zu zeigen, dass darauf keine endgültigen, nur temporäre Ant- worten gegeben werden können. Es sei deshalb darauf verwiesen, dass diese Fra- gen ob ihrer nicht endgültigen Beantwortbarkeit in den Bereich des kollektiven wie persönlichen Glaubens hineinreichen. Marshall und Zohar sehen darin auch den An- knüpfungspunkt zum Begriff der Spiritualität, im Sinne der menschlichen Fähigkeit der Sinnsuche und Sinngebung:

„Mit SQ [Anm.: spirituelle Intelligenz] meine ich die Intelligenz mit deren Hilfe wir Sinn- und Wertprobleme angehen und lösen; die Intelligenz, mit deren Hilfe wir unsere Hand- lungen und unser Leben in einen größeren, reichhaltigeren Sinnzusammenhang stellen; die Intelligenz, mit deren Hilfe wir abschätzen können, ob ein Handlungsablauf oder Le- bensweg sinnvoller ist als ein anderer. Der SQ ist das notwendige Fundament dafür, dass sowohl IQ als auch EQ wirkungsvoll funktionieren. […] Spirituelle Intelligenz ist die Intelligenz der Seele. Es ist die Intelligenz, mit deren Hilfe wir uns selbst heilen und ein Ganzes aus uns machen. So viele von uns leben mit dem Gefühl schmerzlicher Zersplit- terung. Wir sehnen uns nach etwas, dass der Dichter T.S. Eliot »eine Art tieferer Vereini- gung, tieferer Gemeinschaft« genannt hat, doch finden wir dafür in unserem ichbezoge- nen Selbst oder in den gegebenen Symbolen und Institutionen unserer Kultur nur wenige Ressourcen. SQ beruht auf jenem innersten Teilbereich des Selbst, der mit einer Weis- heit jenseits des Ichs oder des bewussten Denkens verbunden ist. Es handelt sich um die Intelligenz, mit deren Hilfe wir nicht nur bereits bestehende Werte erkennen, sondern auch kreativ neue Werte entdecken. Spirituelle Intelligenz ist nicht kulturabhängig oder wertgebunden. Sie folgt nicht aus bestehenden Werten, sondern schafft vielmehr überhaupt erst die Möglichkeit, Werte zu haben.“108

Wenn wir nun wieder zum Klagenfurter Prozessethischen Beratungsmodell zurück- kehren, so lässt sich ethische Selbstreflexion um spirituelle Selbstreflexion erweitern: Durch das „In-Frage-Stellen“ werden zwar bestehende Sinnzusammenhänge aufge- löst, aber in weiterer Folge auch wieder neue hergestellt - die eben momentan „mehr Sinn haben“. Denn sonst wird im Konflikt, im Widerspruch stehen geblieben. Und da- nach trachtet das Wesen Mensch nicht, vielmehr möchte es sich in einem Ganzen begreifen (vgl. dazu auch die Ausführungen von Heintel zum Begriff des Universa- lismus im Kapitel 1.2.3 „Philosophieren - eine organisierende Tätigkeit“).

Der Mensch strebt nach Sicherheit und Geborgenheit, weil er nicht nur ein rationales, sondern auch ein empfindendes Wesen mit emotionalen Bedürfnissen ist. Jeder von uns strebt nach einer „heilen Welt“, nach einem Ganzen. Um diese „heile Welt“ zu realisieren, stellen wir uns die „Frage nach dem Guten“. An dieser Frage zeigt sich ein weiteres Mal, dass das Bedürfnis nach Ethik ein sehr zentrales des Menschen ist - es begleitet ihn quasi ständig, bei jeder Handlung, bei der er zu entscheiden hat, welche der gegebenen Möglichkeiten die bessere sei. Natürlich kann dabei eine oft vorhandene Zielgerichtetheit nicht von der Hand gewiesen werden. D.h. die „Frage nach dem Guten“ wird hier zur „Frage nach dem Guten in Bezug auf was ?“. Kant nennt dies den hypothetischen Imperativ109.

Der kategorische Imperativ hingegen betrifft ein Handeln ohne die Bezugnahme auf einen anderen Zweck110: die „Frage nach dem Guten“ um des Guten willen. Da die „Frage nach dem Guten“ nicht endgültig inhaltlich gefüllt werden kann, weil nicht ob- jektivierbar, fällt sie in den Bereich des Glaubens, des „Überzeugt-Seins“. Hier sind wir bei der Verbindung von Spiritualität und Emotionalität angelangt: Ethik als jene Handlungen verstanden, die das wovon wir ü berzeugt sind, dass es das Gute ist, realisieren. Und das Gute hat dabei nicht nur eine rationale, zweck-logische Seite, sondern auch eine emotionale und eine spirituelle (denn das Gute muss ja auch Sinn machen). Eine emotionale, weil wir das Gute erfahren und spüren möchten, eine spi- rituelle, weil wir an das Gute glauben, davonüberzeugt sind, weil wir Sinn darin fin- den.

Die unabdingbare „Frage nach dem Guten“ („Wollen wir es so wie es ist; ist es gut so?“) lässt uns nicht nur nach dem Sinn unseres individuellen, sondern auch nach dem kollektiven (Lebens-)Sinn fragen. Dies ist wie weiter oben schon erwähnt eine spirituelle Frage111 - eine spirituelle Selbstreflexion. Und die Frage nach dem kollek- tiven Sinn des Daseins verweist auf etwas Positives - im Gegensatz zur Sinnlosig- keit als etwas Negativem.

Durch die Frage nach dem Guten und der damit einhergehenden kollektiven Selbst- reflexion wird es uns auch nicht nur möglich die Situation, in der wir uns befinden in Frage zu stellen. Vielmehr können und müssen wir uns durch das Bedürfnis nach - zumindest temporären - Lösungen eine Zukunftsperspektive erarbeiten. Wir müssen uns sozusagen eine Vision kreieren, etwas Übergeordnetes, Transzendentes, das nicht nur Sinn für das Individuum, sondern auch für das Kollektiv hat. Im kollektiven Fragen nach dem Guten kann auch der gemeinsame Wille zum Guten entstehen. Der gemeinsame Sinn, den wir uns dabei kreieren, die kollektive Vision, ist dann so- zusagen die spirituelle Komponente: sie gibt Vertrauen und Hoffnung (auf das Gute) und lässt uns uns als Teil eines größeren Ganzen erfahren. In der „Frage nach dem Guten“ liegt also das Potenzial, das uns kollektiv dazu befähigt an eine bessere Le- benssituation zu glauben: eine bessere Welt ist möglich. Diese Idee kann uns kollek- tiv dazu motivieren diese Vision auch zu realisieren. Im Glauben an die Vision kön- nen wir sozusagen Kraft schöpfen und uns als Teil von etwas Übergeordnetem, Transzendentem begreifen.

Nach diesen Ausführungen kann nun auch die Frage „Was hat das alles mit uns zu tun?“112 wieder aufgegriffen werden: wir können damit unsere (Lebens-)Welt als ein Werk betrachten, dessen „Mit-Schöpfer“ wir sind - und wir müssen deshalb dafür auch die Verantwortung übernehmen113. In der kollektiven Überzeugung vom Guten

aber wird es uns möglich nach Verbesserungs- und Veränderungsstrategien in Be- zug auf uns und unsere (Lebens-)Welt zu suchen. Wenn es einen kollektiven Glau- ben an das Gute gibt - ganz gleich welchen Inhalts dieser auch ist - so gibt dies dem Individuum die Möglichkeit auch an dieser Vision teilzuhaben. Es fällt ihm dann leich- ter auch an das Gute in seiner Lebenswelt zu glauben und darauf zu vertrauen. Die kollektive Überzeugung vom Guten hilft uns aber nicht nur unsere Situation zu reflek- tieren, diese und somit auch uns in Frage zu stellen, sondern es wird durch den Glauben an das Gute möglich, Widersprüche besser auszuhalten. Es wird möglich auf ihre - wenn auch temporäre - Lösung zu vertrauen. Es wird möglich sich auf Entwicklungen einzulassen, selbst wenn dies heißt, dass man sich für eine bestimm- te Zeit Konflikten aussetzt.

Alltag (Gesundheit, Beziehungen, Beruf) erfährt eine Erweiterung oder Veränderung.“ (Roethlisberger, 2006b : 48)

2.4 Die Trilogos-PsyQ-Methode - Integrale, Personenzentrierte Selbstreflexion

2.4.1 Bewusstseinsentwicklung im Alltag

Im vorigen Kapitel haben wir vom Klagenfurter Prozessethischen Beratungsmodell als einer Form der Bewusstseinsentwicklung gehört, die sich an der Praxis orientiert („Wollen wir es so [die Praxis], wie es ist?“). Anhand dieser Frage wird der Ist- Zustand, die konkrete Lebenssituation eines Menschen oder einer Gemeinschaft analysiert und - bei Bedarf - verändert, indem Handlungsmuster, Überzeugungen, Umgebungen verändert werden. Praxisorientiert ist auch die Methode, der wir uns nun widmen wollen: die Trilogos-PsyQ-Methode. Im Zuge dieser Methode wird der Alltag, die vertraute Lebenswelt von Menschen, als eine effiziente Ressource für Persönlichkeits- und Bewusstseinsentwicklung sowie zur Selbstreflexion begriffen:

„Das tägliche Leben fasse ich als Lebensschule auf. Ich lerne im Umgang mit meinen Mitmenschen, ich lerne an den Herausforderungen im Berufsleben und ich lerne in der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen meines Körpers und seinem Befinden. Es sind meines Erachtens auch diese drei »Lebensschulmeister« in den »Fächern« Be- ziehung, Beruf und Gesundheit, die uns täglich zur seelisch-geistigen Entwicklung in der Materie, im praktischen Alltag motivieren - indem sie mit ihren Forderungen an uns tre- ten und uns auffordern, aktiv zu werden und uns mit ihnen auseinander zusetzen.“114

Linda Roethlisberger, die Entwicklerin der Trilogos-PsyQ-Methode, stellt hier den All- tag - die unmittelbare Lebenswelt - als ein Lernfeld dar. Sie fordert damit etwas, was uns vielleicht anfangs sonderbar erscheinen mag: nämlich etwas zu reflektieren und „In-Frage-Stellen“, an das wir so gewöhnt sind, dass es eigentlich nicht der Rede wert scheint. Worin würde also der Profit liegen, wenn wir an unseren nervigen Vor- gesetzten, an unsere oberflächlichen Freundschaften und unsere chronische Neben- höhlenentzündung denken und uns fragen: „Was hat das eigentlich auch mit uns zu tun?“115. Diese Frage fand schon an früheren Stellen in dieser Arbeit, im Zusammen- hang mit Selbstreflexion, einige Male Erwähnung - so auch hier bei der Trilogos- PsyQ-Methode: auch hier kann man durch diese Frage zu sich und seiner Lebens- welt in Distanz treten und sie aus einem neuen Blickwinkel betrachten - jener Pro-

zess, den Fischer als Bewusstsein bezeichnet116. Der Unterschied zu Fischers Kon- zept eines kollektiven Bewusstseins und der Trilogos-PsyQ-Methode liegt aber darin, dass bei zweiterer nicht in erster Linie Wissenschaften oder Künste als Spiegel zur Selbstreflexion dienen, in den die Gesellschaft blickt, sondern es sind die alltäglichen Herausforderungen („Schaffe ich es heute einmal pünktlich zur Arbeit zu kommen?“), die Qualität der Beziehungen („Warum werde ich immer wieder von meinem Partner verlassen?“), das körperliche Befinden („Warum geht mein Schnupfen nicht mehr weg?“) anhand deren sich ein Mensch reflektieren und sich fragen kann „Was hat das alles mit mir zu tun?“ - „Welche Einsichten ergeben sich daraus über mich, mei- ne Verhaltensmuster, meine Ängste, meine Überzeugungen usw.?“.

In diesem Zusammenhang ist außerdem zu erwähnen, dass das Konzept der Ent- scheidungsgesellschaft auf die Entwicklung und Ausbildung eines kollektiven Be- wusstseins abzielt - und dieses kollektive Bewusstsein ist mehr als die Summe der individuellen „Bewusstseine“ in einem Kollektiv. Die Trilogos-PsyQ-Methode hinge- gen versucht Bewusstseinsentwicklungsprozesse von Individuen zu fördern, wie auch aus den oben angeführten, alltagsorientierten Fragen ersichtlich wird - damit das Individuum möglichst rasch „über sich selber hinaus wachsen kann“.

2.4.2 Symbolische Lebenswelt

Wenn wir nun oben erwähnte Spiegelfunktion auf unsere Lebenswelt übertragen, so erhält diese symbolischen Charakter, d.h. sie verweist auf etwas, das über sie selbst hinausreicht: im Außen, in unserer Umwelt wird das widergespiegelt, was in uns - in Form von Haltungen, Überzeugungen, Ängsten, Hoffnungen usw. - liegt. „Wir strah- len unser Inneres, unser […] Bewusstsein auf unsere Außenwelt aus.“117 Und unsere Lebenswelt reflektiert unsere „Ausstrahlung“. Sie verweist auf etwas anderes als auf sich selbst - nämlich auf uns. Die Welt, in der wir leben wird so zu unserem Produkt, wir haben letztlich die Verantwortung dafür zu übernehmen, denn wir haben sie kreiert (vgl. „radikale Selbstverantwortung“118 ). Roethlisberger dazu:

„Der Mensch […] schafft sich durch sein Wahrnehmen, Denken und Handeln seine eige- ne Welt in der Welt. Er schafft sich seine eigene Realität mit seiner subjektiven Ausdeu- tung der Wirklichkeit. Da er dies tut, wird er zum Schmied seines Glücks, seines Schick- sals.“119

Ähnlichkeiten zum Konstruktiven Realismus scheinen hier auf: auch bei der Trilogos- PsyQ-Methode konstruiert der Mensch seine Realität, auch hier hat er selbstverant- wortlich zu handeln, auch hier ist Erkenntnis nur in Form von Selbsterkenntnis mög- lich. Ein wichtiger Unterschied zwischen dieser Methode und dem Konstruktiven Realismus ist aber dennoch zu beachten: Während der Konstruktive Realismus sei- nen konstruktiven Ansatz auf hauptsächlich wissenschaftstheoretische Bereiche ein- grenzt (Konstruktion wissenschaftlicher Theorien, Modellbildung usw.) erstreckt sich das Anwendungsgebiet der Trilogos-PsyQ-Methode auf die menschliche Lebenswelt.

2.4.3 PsyQ - der Persönlichkeitsquotient

Was passiert aber nun, wenn wir diese Methode ernst nehmen und uns beispielsweise an unserer gegenwärtigen Arbeitssituation reflektieren und uns fragen, was das mit uns zu tun haben könnte? Roethlisberger meint dazu:

„Das Verhalten zu Arbeitskollegen oder Vorgesetzten und damit auch deren Verhalten zu uns verändert sich unweigerlich, wenn sich unsere Einstellung, unsere persönliche Haltung verändert. […] Das Motto: »Erkenne dich selbst, dann erkennst du die anderen« bekommt einen neuen Stellenwert.“120

An dieser Stelle sei an Paul Watzlawick erinnert, der meint „Man kann nicht nicht kommunizieren“121. Bezogen auf obiges Zitat heißt dies, dass wir stets irgendein Verhalten gegenüber unseren Arbeitskollegen an den Tag legen (müssen). Dies kann ein positives oder auch ablehnendes, negatives bzw. neutrales, indifferentes sein. Aber dass wir uns auf irgendeine Weise verhalten, steht fest - und dieses Ver- halten kommuniziert mit unserer Umwelt, ob wir wollen oder nicht. Das „Nicht-nicht- Kommunizieren“ ist aber nur eine von mehreren „Nicht-nicht-Aktivitäten“ des Men- schen. In diesem Zusammenhang definiert die Trilogos-PsyQ-Methode folgende drei Bereiche, die die Persönlichkeit eines Menschen charakterisieren: es ist sein Denken (rationale Intelligenz/IQ), sein emotionales Wahrnehmen (emotionale Intelligenz/EQ) und seine Fähigkeit zu Glauben bzw. die Fähigkeit des „Überzeugt-Seins“, sein spiri- tuelles Gewahrsein (spirituelle Intelligenz/SQ). Natürlich denkt, fühlt, glaubt nicht je- der Mensch dasselbe, sondern jeder etwas anderes, so wie auch jeder eine andere Persönlichkeit hat. Und das, was ein Mensch denkt, fühlt und glaubt ist natürlich auch abhängig von der Kultur, aus der er stammt, vom sozialen Umfeld, in dem er lebt, von der Natur, die ihn umgibt. D.h. jede Kultur, jede Gemeinschaft hat auch ihre eigenen Wege des Denkens, ihre eigene Art des emotionalen Wahrnehmens, und ih- re speziellen Formen des Glaubens - diese kulturelle Vielfalt findet etwa ihren Aus- druck in Künsten, in Wissenschaften, in Religionen, in Wirtschaftssystemen usw. Das Gemeinsame an dieser kulturellen Vielfalt ist aber, dass alle Kulturen und Mitglieder über eine rationale, eine emotionale und eine spirituelle Intelligenz verfügen (wobei es in der einen Kultur vielleicht eine stärkere Ausprägung im rationalen und bei einer anderen im spirituellen Segment gibt). Auch beim einzelnen Menschen kann die ra- tionale Intelligenz stärker ausgeprägt sein als die spirituelle, aber sie ist dennoch vorhanden: wenn jemand an nichts glaubt, so glaubt er ans Nichts, an den Zufall - und somit glaubt er wiederum an etwas, er ist wiederum von etwas überzeugt. Er kann also ebenso „nicht nicht glauben“.

„IQ + EQ + SQ = PsyQ (Die Möglichkeit des individuellen, schöpferischen [sowie kollektiven] Potentials)“122: der PsyQ, der sog. Persönlichkeitsquotient, als eine Verbindung von Rationalität, Emotionalität und Spiritualität verweist nicht nur auf die Fähigkeiten eines Menschen, sondern auch auf sein mit-schöpferisches, kreatives Entwicklungspotential. Wie kann aber nun dieses Potential genutzt und aktiviert werden? Dazu folgende nähere Ausführungen:

„Unser Bewusstsein lässt sich in drei Bereiche unterscheiden, die ich zusammenführen möchte: rationale Gedankenwelt, emotionale Gefühlswelt und spirituelle Glaubenswelt. […] Der Weg der ganzheitlichen Weiterentwicklung geht über die drei beschriebenen

Bewusstseinsstufen oder -ebenen und führt sie zusammen. Die Fragen: Was denke ich? Was fühle ich? Was glaube ich? sind die grundlegenden Fragen, die uns hier beschäfti- gen. Ich nenne sie »trilogische« Fragen, weil sie diese drei Bewusstseinsstufen berück- sichtigen und sich auf drei logischen Ebenen bewegen: der Vernunft, dem Gefühl, und dem Glauben. Sie bringen uns dazu, darüber nachzudenken, wer wir sind.“123

Vernunft, Gefühl und Glaube bringen uns dazu, darüber nachzudenken, wer wir sind: d.h. diese drei Bewusstseinsbereiche motivieren uns zur Selbstreflexion. Auch hier lassen sich wiederum Bezüge zum Bewusstseinsbegriff von Fischer herstellen124: Bewusstsein entwickelt sich durch Selbstreflexion („darüber nachzudenken, wer wir sind“125 ). Die Definition von Bewusstsein im Kontext der Trilogos-PsyQ-Methode un- terscheidet sich von der von Fischer, als dass bei ersterer Bewusstsein eine Untertei- lung bzw. Erweiterung erfährt: eben der von IQ, EQ und SQ, deren Verbindung und Integration die Persönlichkeit eines Menschen ausmachen. Sehen wir uns deshalb eine genauere Beschreibung dieser drei Bereiche von Roethlisberger an.

„EQ in der Trilogischen Medialität: Was fühle ich? In der Trilogischen Medialität bietet der EQ die Möglichkeit, persönliche Gefühls- und Gemütsbewegungen als schöpferi- sches Potenzial erleben zu können: Innere Eindrücke wollen sich ausdrücken. Der Emo- tionale Quotient (EQ) bietet dem Menschen die Möglichkeit, intuitiv mit dem Herzen se- hen zu lernen und Gefühle bewusst wahrzunehmen. Er beschreibt die Fähigkeit des Mit- gefühls und der Verantwortung. Qualitäten wie das Bewusstsein und die Kontrolle der ei- genen Gefühle sowie Einfühlungsvermögen machen es möglich, Emotionen zu steuern. Selbstwahrnehmung, Selbstkontrolle, Motivation und soziale Kompetenz wird möglich.

IQ in der Trilogischen Medialität: Was denke ich? In der Trilogischen Medialität be- deutet der Intelligenzquotient, der IQ, die Fähigkeit, intuitiv dem eigenen Menschenvers- tand Vertrauen zu schenken. […] Durch Erfahrung entwickelt er sich seinen persönlichen Anlagen gemäß und wirkt als rationales Korrektiv unseres Denkens und Handelns. […] Alles was gesagt und getan wird, muss zuerst einmal gedacht werden. Das gilt für das Brot, das gebacken wird, für die Brücke, die konstruiert werden soll oder die Ferien, die geplant werden. […] Der IQ zeigt sich in der Fähigkeit, begründen und formulieren zu können - es geht um die intellektuellen Fähigkeiten einer Person - es geht darum, Auf- gaben mit Hilfe des Denkens zu lösen. […] Unsere Einstellungen, Entscheidungen, Taten, Gewohnheiten können wir hier bewusster erschaffen.

SQ in der Trilogischen Medialität: Was glaube ich? In der Trilogischen Medialität be- deutet der SQ, das Glaubenspotenzial - unseren Glauben und unser Vertrauen - in der persönlichen Wahrnehmung bewusst machen zu können. Die spirituelle Intelligenz stellt Fragen nach dem Lebenssinn, Zweck und Nutzen. Durch Sinn- und Wertfragen wird das Leben in einen größeren Zusammenhang gestellt. Das Selbstbewusstsein festigt sich. Der SQ gewährleistet, dass IQ und EQ sinn- und wirkungsvoll eingebettet sind in ein spi- rituelles Ganzes.“126

Von diesen drei Bereichen ist es wahrscheinlich der SQ, der am wenigsten geläufig ist. IQ, aber mittlerweile auch EQ sind zu sehr weit verbreiteten Begriffen - beson- ders im Zusammenhang mit sog. Assessment-Centers - geworden. Der SQ, das spi- rituelle Potenzial des Menschen, dagegen findet erst in letzter Zeit immer mehr Be- achtung, da Forschungen auf diesem Gebiet mehr und mehr zeigen, dass es in der menschlichen Natur liegt, umfassende und ganzheitliche Sinnzusammenhänge (z.B. Gott als der unbewegte Beweger) herzustellen, an die geglaubt und auf die vertraut wird127. Wie in obigem Zitat schon erwähnt, geht es darum, dass der Mensch nach dem Sinn seines Daseins fragt und sich in diesem Fragen auch Antworten zu geben versucht. Mit SQ ist nicht gemeint, dass es einen Lebenssinn gibt (z.B. einen Gott) den alle zu entdecken haben, auf den alle hinzuarbeiten haben. Vielmehr ist mit spiri- tueller Intelligenz jenes Potenzial des Menschen angesprochen, das ihn dazu befä- higt, sich seinen Lebenssinn selbst zu kreieren. Natürlich ist das nicht in dem Sinn gemeint, dass wir uns jederzeit einen beliebigen Lebenssinn erfinden können: hier würde die Verbindlichkeit, der Glaube daran und das Vertrauen darauf fehlen. Und genau dieser Punkt ist für den SQ entscheidend: das Vertrauen und der Glaube an einen bestimmten Sinnzusammenhang. Obwohl natürlich bestimmte Sinnzusammen- hänge auch aufgelöst und transformiert werden können. Auch das ist mittels spirituel- ler Intelligenz möglich, nämlich dann, wenn ein Sinnzusammenhang als sinnlos er- scheint, wenn das Vertrauen darauf schwindet.

Wenden wir uns hier kurz dem Nihilismus zu, also jener Position, die davon ausgeht, dass es keine verbindlichen Sinnzusammenhänge gibt, dass das Leben und die Welt in der es stattfindet, prinzipiell sinnentleert und sinnlos ist. Auf den ersten Blick scheint vielleicht der Nihilismus jener des SQ diametral entgegen gesetzt. Doch bei näherer Betrachtung lassen sich beide aufeinander beziehen: Vertritt der Nihilismus den Standpunkt, dass es nichts Endgültiges, nichts Verbindliches gibt, so ist auch

dies ein allumfassender Bezugspunkt, auch hier wird - wie beim SQ - ein allumfassender Zusammenhang hergestellt. Die Nichtigkeit als fortlaufende Konstante. Der Nihilismus kann auch als die radikalste Form des „In-Frage-Stellens“, des Zweifelns an allem angesehen werden. Doch auch für den spirituellen Quotienten ist das Zweifeln und „In-Frage-Stellen“ von entscheidender Bedeutung: nur so können Sinnzusammenhänge bewusst verändert werden.

2.4.3.1 Bezug zum Klagenfurter Prozessethischen Beratungsmodell

An dieser Stelle sei an einen fundamentalen Dualismus der menschlichen Existenz erinnert: an jenen zwischen Vertrauen und Zweifeln. Um die Verbindung von diesem Gegensatzpaar zur spirituellen Intelligenz besser aufzeigen zu können, wollen wir uns kurz an das Klagenfurter Prozessethische Beratungsmodell und das darin vor- gestellte Menschenbild erinnern: es wurde gesagt, dass der Mensch grundsätzlich ein Widerspruchswesen ist - er befindet sich an einem Ort und möchte doch an ei- nem anderen sein usw. Durch die Fähigkeit zur Reflexion erhält der Mensch ver- schiedene Handlungsmöglichkeiten und Perspektiven - und dennoch muss er sich für eine davon entscheiden. „Also lautet die erste Antwort auf die Sinn- und Aufga- benfrage: Werte, Normen sind Antworten auf Widersprüche, die sich meist zunächst in Konflikten geäußert haben.“128 Der Konflikt, der Zweifel muss also letztlich in einer Lösung enden, wenn wir zum Handeln kommen wollen, auch wenn diese Lösung ei- ne temporäre ist - also eine, die wiederum der Reflexion unterzogen werden kann. Doch beides - sowohl das Bezweifeln und Reflektieren eines Sinns, als auch das Vertrauen darauf - haben etwas gemeinsam: den Sinn an sich. Da nun jeder Mensch auf eine gewisse Weise das Bedürfnis hat, einen allumfassenden Sinnzusammen- hang, sprich ein Weltbild, in das er eingebettet ist und in dem er sich wiederfindet, herzustellen, ist er auch mit dem Sinn an sich und mit dem Vertrauen darauf und dem Bezweifeln desselben beschäftigt. Der Mensch kann sich - aufgrund seiner Er- fahrung und seines Wissens einen Lebenssinn, ein Weltbild kreieren, auf das er ver- traut. (Wenn wir uns die drei bisher erwähnten Ansätze des Konstruktiven Realismus, des Konzeptes der Entscheidungsgesellschaft und des Klagenfurter Prozessethi- schen Beratungsmodels ansehen, dann kann der Mensch genau genommen auch gar nichts anderes als auf ein Weltbild, eine von ihm kreierte Realität, vertrauen bzw. daran glauben - da das absolute Wissen um dieselbe nicht möglich ist).

2.4.3.2 Spirituelle Entwicklung - der Transformationsprozess des Sinns

Es können aber nun gewisse Ereignisse (z.B. eine Lebenskrise) eintreten, die den Menschen an seinem ihm vertrauten Weltbild zweifeln lassen - er stellt es radikal, in seiner ganzen Tragweite und nicht nur theoretisch in Frage. Doch auch dabei geht es letztlich um einen Sinn, auf den vertraut werden will: Zweifeln als ein Zeichen dafür, dass das aktuelle „Sinngebungs-Angebot“ nicht den Bedürfnissen dieses Menschen entspricht. Um beim Bild des Flügelaltars zu bleiben: bei der Reflexion, beim „In- Frage-Stellen“ eines Sinns streift der Sinn selbst seine materielle, konkrete Daseins- form ab - er transzendiert und vergeistigt sich zur Daseinsform von Möglichkeiten („Was hat von all den Möglichkeiten, die mir bewusst sind, für mich Sinn?“). Es ist dies auch der Ort, an dem sich Sinn verändern und entwickeln kann (Reflexion als der Transformations-Prozess von Sinn) - ein Sinnzusammenhang wird sinnlos. Er entleert sich seiner selbst, ähnlich der Libelle, die ihren Panzer abstreift: hier ist zwar noch sehr gut ihr Aussehen, ihre Form und Struktur zu erkennen, das Lebendige ist aber schon entwichen. Ein entscheidender Schritt allerdings ist die „Wiederge- burt“ des (transformierten) Sinns: der Mensch muss sich nach einer Phase der Re- flexion für eine konkrete Daseinsform, ein Weltbild entscheiden, sonst kann er nicht handeln - und er muss auf diese konkrete Sinngebung vertrauen. Denn ein Sinn an dem gezweifelt wird, kann kein gutes Motiv zum Handeln sein, kann nicht als Vision dienen, die verwirklicht werden soll. In diesem Transformationsprozess des Sinns, der hier noch sehr theoretisch, später aber lebenspraktischer dargestellt wird, ver- schwindet zwar die konkrete Erscheinungsform, aber nie der Sinn als solcher. Um aber nicht in einer der Phasen dieses Prozesses stecken zu bleiben, braucht es Dreierlei:

-das Los-lassen von Bestehendem („In-Frage-Stellen“/“Reflexion“),
-das Ein-lassen auf einen bestimmten, neuen Sinnzusammenhang (Vertrau- en/die Überzeugung, dass der aktuelle, konkrete Sinn momentan stimmig ist)
-und es braucht Geduld: gerade in Phasen, in denen der Sinn vom „Dies- seits“ ins „Jenseits“ schreitet, in denen er nicht konkret greifbar (obschon vor- handen) ist, braucht es Geduld - vertrauende Geduld - die einem hilft das Ungewisse (der Sinn, der in dieser Phase die Erscheinungsform unterschied- lichster Möglichkeiten annimmt) auszuhalten. Und gerade dies ist manchmal nicht so einfach, denn „In einer spirituellen Krise wird der ganze Sinn und viel- leicht Wert unseres Lebens in Frage gestellt.“129

Wir werden vielleicht feststellen, dass wir unseren Lebenssinn im Laufe unseres Le- bens schon öfter verändert haben. Den allumfassenden Sinnzusammenhang aus dem heraus wir uns begreifen, haben wir schon mehrmals weiterentwickelt haben. Das Weltbild, das wir als Kinder hatten, entspricht wahrscheinlich dem, das wir jetzt vertreten, in vielerlei Hinsicht nicht mehr. Wahrscheinlich erinnern wir uns auch an einige schwierige Lebensphasen, an Krisen, in denen wir das, an dem wir bis dahin festhielten, aufgaben oder sogar aufgeben mussten, in denen wir lernen mussten uns selbst und unsere Lebenswelt neu zu ordnen. Eine treue Weggefährtin des Zwei- fels ist dann oftmals die Verzweiflung. Nichts scheint dann in unserem Leben noch von Sinn beseelt zu sein. Und dennoch ist der Sinn als solcher ständig da, wenn auch in einer transzendierten, vergeistigten Form im Sinne von Möglichkeiten. Wir werden es dann vielleicht auch schon am eigenen Leib verspürt haben, dass es oft eine Weile dauert, bis wir wieder neuen Mut fassen können, bis wir wieder auf einen neuen Lebenssinn vertrauen. Doch wenn wir dieses Vertrauen wieder erlangt haben, dann steigt der Sinn aus seiner Daseinsform des Möglichen wieder herab ins konkre- te Leben und beginnt sich erneut zu entfalten. Und je mehr wir uns darauf einlassen, desto mehr prägt er uns und unsere Lebenswelt. Auf diese Weise können wir den allumfassenden Sinn unseres Daseins, den wir zu kreieren fähig sind (SQ) als eine Art Anker betrachten, der zwar bei aufgewühlter See nicht zu sehen und oft nicht zu orten ist, der aber dennoch da ist und uns davor bewahrt ziellos und ohnmächtig auf dem Meer dahinzutreiben. Auf die Frage aber, weshalb der Mensch nun seinen Le- benssinn transformiert bzw. zu transformieren hat, wäre eine mögliche Antwort: da- mit sich „das in jedem Menschen vorhandene Potenzial »selbstverantwortliches Menschsein« offenbart und entfaltet“130. D.h., wenn wir uns einen Lebenssinn kreie- ren würden, der stets gleich bliebe, dann würden wir nicht nur unser Weltbild nicht verändern, sondern würden uns auch selbst kaum weiterentwickeln. Natürlich kann ein solches Weiterentwickeln auch im Zuge einer Lebenskrise einsetzen, die wiederum mit Angst, mit Unsicherheit verbunden ist. Doch „wenn wir unseren SQ nutzen, können wir mit Ungewissheit leben und dennoch ein inneres Gleichgewicht finden. Wir können nicht trotz der Ungewissheit kreativ leben, sondern gerade weil sie da ist. Ungewissheit kann uns inspirieren, weil sie Bedingungen schafft, unter denen wir eine Entscheidung treffen müssen. Sie gibt uns Freiheit und schafft Voraussetzungen dafür, dass wir Verantwortung übernehmen“131.

2.4.3.3 Interkulturelle Aspekte von SQ

Mittels SQ ist es uns also möglich, Visionen und Werte zu kreieren von denen wir überzeugt sind - mittels SQ ist es möglich, dem einzelnen wie kollektiven Leben Sinn zu verleihen132. Marshall und Zohar dazu:

„Es handelt sich um die Intelligenz, mit deren Hilfe wir nicht nur bereits bestehende Werte erkennen, sondern auch kreativ neue Werte entdecken. Spirituelle Intelligenz ist nicht kulturabhängig oder wertgebunden. Sie folgt nicht aus bestehenden Werten, sondern schafft vielmehr überhaupt erst die Möglichkeit, Werte zu haben.“133

Wenn wir einen Blick auf die kulturelle Vielfalt dieser Welt werfen fällt uns auf, dass in unterschiedlichsten Kulturen Spiritualität - als ein transzendenter Sinn (z.B. Allah) - eine wichtige Rolle spielt: Der jeweilige Sinn prägt das Weltbild, das Wertesystem und das soziale Gefüge einer Kultur - ohne diesen Sinnzusammenhang würde es die jeweilige Kultur nicht in ihrer spezifischen Form geben. Die Vielfalt spiritueller Ausdrucksformen - die uns gerade in Zeiten der Globalisierung bewusst wird - wirft natürlich die Frage auf, welches Glaubenssystem denn nun das wahre ist. Welcher ganzheitliche Sinn ist der richtige? In einer säkularisierten Welt wurde diese Frage so beantwortet, dass jeder Standpunkt als akzeptabel galt. Allerdings mit dem großen Nachteil, dass das Glauben oder Vertrauen auf einen höheren Daseinsgrund als be- liebig und letztlich als sinnlos begriffen wurde. Zahlt es sich da also überhaupt noch aus, an etwas zu glauben? Auf der anderen Seite gelingt es uns aber auch nicht nicht zu glauben. Und genau hier setzt der SQ an: er ist quasi die Bedingung der Möglichkeit, dass wir überhaupt an etwas glauben können, er ist die Voraussetzung, dass wir uns einen allumfassenden Sinn kreieren können. Glaubensinhalte, wie sie etwa das Christentum oder der Islam lehren, sind erst die Folge der Aktivierung des SQ. Spirituelle Intelligenz ist also transkonfessionell - und analog zur Kommunikation: wir kommunizieren zwar in unterschiedlichen Sprachen, aber wir kommunizieren, denn „Wir können nicht nicht kommunizieren“134. Unterschiedliche spirituelle Ansätze stellen demnach eine gewisse Vielfalt an kreativen Ausdrucksformen menschlichen Potenzials dar, sie stellen eine Vielfalt an Ausdrucksformen „inkarnierten“ Sinns dar.135

Aber woher kommen dieses Bedürfnis und die Fähigkeit ganzheitliche Sinnzusam- menhänge herzustellen, Visionen zu kreieren und sich einen Lebenssinn zu geben? Ist dies inspiriert von einem höheren Wesen - oder ist es ein evolutionäres Zufalls- produkt? Erinnern wir uns an dieser Stelle an den Konstruktiven Realismus. Er geht davon aus, dass jede Theorie ein Aussagensystem darstellt, das letztlich auf An- nahmen beruht, die ab einem gewissen Punkt nicht mehr weiter begründbar sind136. Betrachten wir in diesem Zusammenhang nun obige Fragen, so müssen wir zu dem Entschluss kommen, dass es letztlich sinnlos ist, hier mit rationaler Begründung ans Werk zu gehen. Versuchen wir es also anders: Wie sieht es etwa mit der emotiona- len Erlebbarkeit von Spiritualität aus? Denn Berichte über Transzendenz-Erlebnisse, transpersonale Erfahrungen (z.B. das „Sich-verbunden-Fühlen“ mit einem höchsten Bewusstsein), oder Kontakte mit Ahnen, mit Verstorbenen usw. gibt es zur Genüge und wir gelangen hier auch in Gefilde, die teilweise auch mit dem Begriff „Paranor- male Phänomene“ bzw. „Esoterik“ bezeichnet werden137. Das „Sich-verbunden- Fühlen“ mit etwas, das wir hier kurz Höchstes Bewusstsein nennen wollen (es kann auch als Gott, Allah usw. bezeichnet werden), fördert das Vertrauen in einen umfas- senden Sinnzusammenhang und den sich daraus ergebenden Lebenssinn. SQ wird also hier mit EQ verbunden. Der IQ kommt dann zum Zug, wenn es um die Interpre- tation von z.B. transpersonalen Erfahrungen geht: „Wie beurteile ich dieses Erlebnis im Hinblick auf Alltag? Welche Handlungsmotive leite ich daraus ab, welche Ver- änderungen nehme ich deshalb vor?“. Roethlisberger dazu: „Diese Synthese von Verstand, Gefühl und Glauben […] wird im Spiegel der Umwelt des Wahrnehmenden bewusst erfahrbar: die Dreiteiligkeit wird zur Einheit integriert.“138 Die Integration bzw. Verbindung der drei Ebenen von IQ, EQ und SQ wird also mittels Selbstreflexion („Spiegel der Umwelt“) vollzogen. Die Folge davon ist Bewusstseinsentwicklung, Freisetzung menschlichen Potenzials, die zur Erlangung von dreifacher Kompetenz führt. Roethlisberger wiederum dazu:

„Spirituelle Kompetenz ist die Fähigkeit, sich mit dem Höchsten und dem Innersten zu verbinden, es ist unser Glaube.

Emotionale Kompetenz ist die Fähigkeit, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und sich darüber Rechenschaft abzulegen.

Intelligenz-Kompetenz schließlich ist die Fähigkeit, bewusst Entscheidungen zu fällen und die eigenen Taten und Worte zu begründen.“139

Die Integration und Entwicklung dieser drei Bereiche wiederum fördert - laut Roethlisberger - den PsyQ, das persönliche Potential des Menschen:

„Wenn der persönliche PsyQ aktiviert ist, können wir durch innere regelmäßige Arbeit und durch Selbsterkenntnisse, die wir umsetzen lernen, nach und nach das ganze schöpferische Gut zur […] Entfaltung bringen: natürliche, uns allen eigene, geistige Fä- higkeiten. Der bewusste Mitschöpfer [Anm.: seiner Realität und Lebenswelt] arbeitet dann an seiner Individuation, integriert diese immer leichter in den Alltag und er freut sich über die verantwortungsvolle Kooperation mit anderen. Er erlangt dann Kompetenz im Menschsein: Das ermöglicht eine sinnvolle Selbstschöpfung, Selbststeuerung und eine bewusste Lebensgestaltung.“140

Was kann an dieser Stelle über diese Form der Bewusstseinsentwicklung gesagt werden? Einer der wichtigsten Punkte scheint, dass durch die Anerkennung, Förde- rung und Synthese von Verstand (rationale Intelligenz), Gefühl (emotionale Intelli- genz) und Glaube (spirituelle Intelligenz) menschliche Potenziale zur Entfaltung gebracht werden, die „eine sinnvolle Selbstschöpfung, Selbststeuerung und eine bewusste Lebensgestaltung“141 zur Folge haben. Bleibt nur die Frage, auf welche Weise, durch welche Art von Training die Entfaltung des menschlichen Potenzials (PsyQ) gefördert werden kann?

2.4.4 Das Trilogos-PsyQ-Training

Die Entfaltung des menschlichen Potenzials, im Sinne der Dreiheit von IQ, EQ und SQ als PsyQ, wird im Kontext der Trilogos-PsyQ-Methode mittels sogenannten Ima- ginations- oder Fantasiereisen angeregt. Am TRILOGOS Institut von der Leiterin Lin- da Roethlisberger während 20 jähriger Arbeit entwickelt, stellt das sog. Trilogos- PsyQ-Training eine spezielle Form von Imaginationsreisen dar (in der Fachsprache werden Imaginations- bzw. Fantasiereisen gelegentlich auch katathym-imaginatives Bilderleben genannt). Das Trilogos-PsyQ-Training zielt darauf ab, den PsyQ, das Po- tenzial eines Menschen mehr und mehr - durch Selbstreflexion in Bezug zum Alltag - zu entfalten:

„Fantasiereisen sind innere Wahrnehmungen durch bewusstes Imaginieren oder Visualisieren. […] Sinn und Zweck von Imaginations- oder Fantasiereisen bestehen darin, Erlebnisse zu verstehen und sie in Bezug zu unserem Leben zu setzen, um sie dort kreativ nutzbar zu machen: Wir können so Probleme analysieren und verarbeiten, wir können erfahren, wie wir sie bewältigen können und dadurch zu mehr Selbsterkenntnis gelangen. Die Deutung, aber auch die bewusste Lenkung von herbeigeführten oder spontan geäußerten Bildern des Träumenden helfen dabei.“142

Imaginations- bzw. Fantasiereisen sind Visualisierungstechniken, wie sie auch aus dem Autogenen Training bekannt sind: Ein Übungsleiter führt eine Gruppe in einen entspannten physischen und psychischen Zustand und gibt ihnen dann Suggestionen, wie beispielsweise folgende:

„In unserer Phantasie machen wir jetzt einen langen Spaziergang durch eine kalte Win- terlandschaft. Der gefrorene Boden unter unseren Füßen knirscht. Unser Atem scheint in der glasklaren Luft fast zu frieren - doch wir stellen fest, dass wir warm eingepackt sind, eingehüllt in unseren dicken Mantel. Wir wandern leichten Fußes über Stock und Stein - völlig unbeschwert und unbelastet. Wir genießen den Frieden der Natur - die Ruhe hier draußen, weitab vom Alltagslärm. In der Ferne entdecken wir plötzlich ein großes Lagerfeuer an einem offenen Feld.“143

Diese Fantasiereise, die hier in Form eines imaginierten Spaziergangs dargestellt wird, führt dann zu einem wichtigen Symbol. Das kann ein Hindernis auf dem Weg sein, es kann ein Geschenk in einer Schatzkiste sein, ein bestimmter Baum am We- gesrand - der Vielfalt an Möglichkeiten sind hier keine Grenzen gesetzt. Aber auf alle Fälle wird dieses Symbol dann während der Reise immer intensiver wahrgenommen, auf Details geachtet und seine Bedeutung immer wichtiger. Am Ende einer solchen Imaginationsreise wird das Symbol herangezogen und zuerst gefragt „Was hat das mit mir zu tun?“. Die anderen Gruppenteilnehmer sind dann eingeladen zu diesem Symbol zu assoziieren („Was kommt mir etwa zu einem Diamantring in den Sinn, den mein rechter Nachbar erträumt hat?“). Auf diese Weise erhält derjenige, der das Symbol erträumte, eine Vielfalt an Interpretationsmöglichkeiten. Und diese versucht er im Anschluss in Bezug zu seinem Alltag zu setzen. Wichtig ist dabei der Grund- satz „Es gibt so viele Interpretationen der Wahrheit, wie es Menschen und Medien gibt!“144. Diese Art des Interpretierens und Assoziierens wird im Trilogos-PsyQ- Training auch Symbolische Kommunikation genannt.

2.4.4.1 Symbolische Kommunikation

„Symbolische Kommunikation im trilogischen Sinn bedeutet freies Assoziieren und individuelle Auseinandersetzung mit den Symbolen, die wir während einer Fantasierreise wahrnehmen. Das Interpretieren der Symbole - ich nenne das Symbolsprache - kann wie die Muttersprache erlernt werden. Symbole auf dem inneren Weg werden so immer schneller erfasst und deren Deutung in den Alltag einbezogen, denn meistens teilen sich uns in ihnen wichtige Dinge mit - sie fungieren fast so wie praktische Lebensschullehrer und werden oft erst in der Umsetzung im Alltag verstanden.“145

Das assoziative Kommunizieren über Symbole kann - laut Roethlisberger - als In- terpretieren derselben verstanden werden. D.h., die in einer Imaginationsreise er- träumten Symbole (etwa ein goldener Schlüssel) werden im Anschluss den anderen Gruppenteilnehmern mitgeteilt, damit diese dazu assoziieren können. Was fällt bei- spielsweise jemandem zu einem goldenen Schlüssel ein? Einer sagt nun „Mir fällt dazu der Schlüssel zum Herzen ein.“. Der, der den goldenen Schlüssel erträumte kann sich nun fragen „Wie sieht es eigentlich mit meiner Emotionalität in meinem All- tag aus? Wie bringe ich sie zum Ausdruck - habe ich Scheu davor?“. Einem anderen Gruppenteilnehmer fällt zum goldenen Schlüssel intuitiv folgende Frage ein „Stehst Du (Anm.: gemeint ist der Träumer) momentan vor einem Problem, von dem Du nicht so recht weißt, wie Du es lösen sollst? Und kann es sein, dass Du bisher versucht hast, das Problem nur mit dem Kopf, d.h. dem Verstand zu lösen und wenig darauf geachtet hast, was Dir aus dem Bauch heraus dazu in den Sinn gekommen ist?“. Der Angesprochene kann nun dem Fragenden einerseits klares Feedback geben - steht er vor einem ungelösten Problem und versuchte er bis jetzt dieses mit dem Verstand zu lösen oder nicht? Der Fragende kann so seine Intuition, sein unmittelbares Ge- wahrsein von Impulsen, die in ihm auftauchen, überprüfen. Andererseits aber kann der Angesprochene durch die Frage eine wichtige Anregung erhalten, denn vielleicht wird ihm tatsächlich erst jetzt bewusst, dass er bisher nur mit dem „Kopf“ sein Pro- blem bearbeitet hat und das, was ihm bisher intuitiv und unmittelbar dazu eingefallen ist, völlig missachtete, weil es ihm nicht logisch, nicht vernünftig genug erschien. Durch diesen assoziativen und intuitiven Zugang zu den erträumten Symbolen kann die eigene Lebenswelt aus neuen Blickwinkeln betrachtet werden, neue Selbster- kenntnisse und Bezüge zum Alltag ergeben sich146. Diese Form der Selbstreflexion, d.h. sich spiegeln in Symbolen, schließt an das weiter oben erwähnte Kapitel 2.4.2 Symbolische Lebenswelt an - auch hier wird gefragt „Was hat das (Symbol) mit mir zu tun?“. Roethlisberger sieht in der Symbolischen Kommunikation auch den „Schlüssel zur Persönlichkeitsentwicklung“147:

„Die Denkschulung, die mittels der Symbolischen Kommunikation über die wahrgenom- menen Symbole betrieben wird, will motivieren, selber wieder mit Worten zu spielen, zu assoziieren und die Bodenhaftung darüber nicht zu verlieren sowie das eigene Vertrauen in sich und sein schöpferisches Potenzial wieder wahrzunehmen, zu stabilisieren oder als Ressource für Neues zu nutzen: Ideen sowie Ziele können visualisiert und immer erfolgreicher ganzheitlich umgesetzt werden.“148

„Diese Herangehensweise entspricht auch der Auseinandersetzung von Hugo Caviola, der in seinem Buch »In Bildern sprechen. Wie Metaphern unser Denken leiten« (Caviola, 2003) die Ansicht vertritt, dass Intuition ebenso wie die Wissenschaften in ihrem Kern sprach- bzw. bildgebunden und demzufolge schöpferisch ist. Die in Symbolen und Meta- phern angelegte Kreativität verbindet demnach Kunst (Emotion, individuelle Ethik und Bewusstsein) und Wissenschaft (Rationalität, individuellen Verstand und Bewusstheit). Diese Erkenntnis wurde in das Trilogos-PsyQ-Training integriert. Die Symbolische Kom- munikation wird als Mittel zum Zweck erkannt und eingesetzt, da die seelisch-geistige, mediale Entwicklung des Menschen zutiefst geprägt ist durch das Wechselspiel zwischen innerer und äußerer Kommunikation sowie zwischen innerer und äußerer Führung.149

2.4.4.2 8-Stufen-Aufbau des Trilogos-PsyQ-Trainings

Im Gegensatz zu anderen Formen von Imaginationsreisen (etwa dem klassischen Autogenen Training) steht beim Trilogos-PsyQ-Training die Verbindung von Rationa- lität, Emotionalität und Spiritualität im Vordergrund. Wir werden anhand des 8- stufigen Aufbaus einer Fantasiereise nun sehen, wie dies zum Ausdruck kommt.

1.Stufe: Körperentspannung

Es beginnt mit der Entspannung des physischen Körpers. „Sinn der Entspannung ist es, körperliche Blockaden aufzulösen und Ihre Hirnwellen in den entspannten AlphaZustand zu transformieren […]. Das autogene Training arbeitet mit Vorstellungen von Wärme und Schwere. In formelhaften Sätzen geben Sie Ihrem Körper die entsprechende Aufforderung, wie: »linker Arm ganz warm und schwer«“150

2. Stufe: Gedanken und Gefühle zur Ruhe kommen lassen

Erst wenn der Körper in einen angenehmen Zustand gelangt ist, werden auch die Gedanken und Emotionen zur Ruhe gebracht. „Folgende Vorstellungen können Ih- nen dabei helfen: […] Der blaue Vorhang: Ziehen Sie in Ihrer Vorstellung einen gro- ßen blauen Vorhang von links nach rechts zu. Alle Gedanken und Probleme schic- ken Sie mit Ihrem Ausatmen hinter den Vorhang. […] Über den Atem: Lassen Sie bewusst über den Atem los. Vielleicht hilft Ihnen dabei auch der Satz: »Für meine wichtigen Gedanken habe ich später Zeit.«“151

3. Stufe: Visualisierung

Dann führt der Leiter die Teilnehmer in eine imaginative Traumlandschaft, z.B. auf eine Almwiese, dort werden sie motiviert etwas zu visualisieren, etwa eine Berghütte, oder eine Kuh, vielleicht auch eine farbige Blume oder einen Vogel:

Visualisation ist die Technik, sich etwas Geistiges vor allem bildlich und plastisch vorzu- stellen und über einen längeren Zeitraum im Bewusstsein zu halten. Sie ist das beste Hilfsmittel, die eigene Kreativität zu aktivieren und bewusst träumen zu lernen. Hier wird man aktiv, weil der gedankliche Fokus auf ein Objekt gerichtet ist, das wir dann passiv wahrnehmen: dieser Vorgang ist »aktiv-passiv«. Mit erlebten und geträumten Symbolen, Fantasien, Märchen, Metaphern, Analogien, Gleichnissen und Zeichen beginnt dann die Symbolische Kommunikation.“152

Erinnert sei hier an den schon zuvor erwähnten Spaziergang durch eine Winterland- schaft:

„In unserer Phantasie machen wir jetzt einen langen Spaziergang durch eine kalte Win- terlandschaft. Der gefrorene Boden unter unseren Füßen knirscht. Unser Atem scheint in der glasklaren Luft fast zu frieren - doch wir stellen fest, dass wir warm eingepackt sind, eingehüllt in unseren dicken Mantel. Wir wandern leichten Fußes über Stock und Stein - völlig unbeschwert und unbelastet. Wir genießen den Frieden der Natur - die Ruhe hier draußen, weitab vom Alltagslärm. In der Ferne entdecken wir plötzlich ein großes Lager- feuer an einem offenen Feld.“153

In dieser 3. Stufe werden vor allem die sog. inneren, medialen Sinne aktiviert: so wie über unsere fünf äußeren Wahrnehmungskanäle „sehen“, „hören“, „riechen“, „fühlen“, „schmecken“, verfügen wir auch über inneres „sehen“, „hören“, „riechen“, „fühlen“, „schmecken“ und „wissen“. D.h. bei der Technik der Visualisation wird das innere, mediale Sehen aktiviert - in gleicher Weise können wir uns aber nicht nur Dinge oder Landschaften vorstellen, sondern auch hören usw. Ein kleines Beispiel: man stellt sich das Gezwitscher von Vögeln vor und kann es innerlich „hören“. Über die Technik der inneren, medialen Wahrnehmung verfügt zwar jeder Mensch, aber so wie auch bei den äußeren Sinnen fällt es manchem leichter innerlich zu sehen bzw. zu hören usw. „Ziel ist - wie bei unseren fünf physischen Sinnen -, möglichst ganzheitlich, ausgewogen alle unsere fünf seelisch-geistigen, medialen Sinne unserer Wahrneh- mung - letztlich unsere Intuition - bewusst erleben und nutzen zu können.“154

4. Stufe: Verbinden mit der göttlichen Energie und Begr üß ung des geistigen Helfers

„Jeder Denkprozess besteht aus einzelnen Gedanken. Aus den Gedanken entsteht un- sere Meinung, eine Überzeugung. Eine Überzeugung geht immer einher mit einem Ge- fühl und wird von ihm gespeist. Ein Gefühl lässt uns etwas erahnen oder gar glauben: Ein Glaubenssatz bildet sich. Sie sehen: Zum Denken gehört das Fühlen, und beide werden zur Grundlage des Glaubens: IQ, EQ und SQ gehören zusammen. Hier erleben wir die Realität des Numinosen, des Göttlichen, die Einheit, das, was den persönlich- keitsbildenden Quotienten, den PsyQ ausmacht. Das Spirituelle gibt uns den Rahmen, innerhalb dessen wir uns mit dem höchsten persönlichen sowie dem höchsten überper- sönlichen Bewusstsein, dem Göttlichen, verbinden. Dieses höchste Bewusstsein steigt als schöpferische Kraft aus dem menschlichen Bewusstsein auf - und lädt zum Wahr- nehmen und Denken ein.“155

Das Erleben von Spiritualität ist eines der wesentlichen Merkmale der Trilogos-PsyQ- Methode. Und wie weiter oben schon erwähnt, wird Spiritualität bei dieser Form des katathym-imaginativen Bilderlebens nicht als etwas verstanden, das an eine Religion oder ein spezielles Glaubenssystem gebunden wäre - sie wird hier als etwas transkonfessionelles begriffen und orientiert sich an dem, was ein Mensch denkt, fühlt und glaubt. Aus diesem Grund fordert der Leiter bei dieser Stufe die Teilnehmer auf, sich mit dem zu verbinden, an das sie glauben, auf das sie vertrauen: das kann für manche Gott sein, für andere Allah, für wieder andere das höchste Bewusstsein, das Nichts oder das Universum etc. Ziel dieser Stufe ist, transpersonales Vertrauen zu stärken, das „Sich-verbunden-Fühlen“ und -Wissen zu intensivieren, um mehr und mehr aus diesem Vertrauen Kraft schöpfen zu können. Schon allein diese Stufe kann im Anschluss der Übung zur Selbstreflexion dienen: „Wie fühle ich eigentlich Spiritualität, wie nehme ich das wahr, an was ich glaube?“

Neben dem Aktivieren des SQ, kommt bei dieser Stufe noch eine zweite Hilfe hinzu: der sogenannte „geistige Helfer“.

„Der geistige Helfer und/oder die geistige Helferin, Symbol für eine bedingungslose Kraft aus Liebe und Licht, steht im inneren, nonverbalen oder telepathischen Kontakt mit Ihnen und begleitet Sie, sofern Sie bereit dazu sind. Am Anfang jeder Fantasiereise verbinden Sie sich mit der göttlichen Urkraft. Sie achten darauf, dass Sie sich in dieser Verbindung geschützt, geführt und geborgen fühlen. Im Kontakt mit Ihrer inneren Stimme wird Ihnen bewusst, dass sich symbolisch gesehen Ihr »Schutzengel« oder Ihr »Höheres Selbst«, das sozusagen der Datenspeicher der eigenen Anlagen und Erinnerungen ist, auf die Zusammenarbeit als »Götterbote«, als Abgesandter Gottes, Buddhas, Allahs oder wie auch immer Sie das höchste Bewusstsein nennen, oder einfach als Informationsvermitt- ler mit Ihnen freut. Ich nenne diese Informationsvermittler >geistige Helfer und/oder gei- stige Helferin<.“156

Die „geistigen Helfer“ dienen während der Fantasiereise als persönliche Schutz- und Wegbegleiter und symbolisieren die männlichen und/oder weiblichen psychischen wie auch die spirituellen Kräfte des Träumers. Wie, wen und was jemand als einen solchen wahrnimmt, hängt wiederum vom jeweiligen Glaubenssystem eines Men- schen ab: der eine bezeichnet ihn als „Schutzengel“, der andere als „Höheres Selbst“, wieder jemand anderer nimmt den geistigen Helfer einfach als gute Kraft wahr, die ihn während der Bilderreise begleitet. Die geistigen Helfer haben während der Visualisation die Funktion, uns zu inspirieren, uns intuitiv Bedeutungen und Inter- pretationen zu Symbolen zu geben - auf diese Weise fällt es einem Übenden leich- ter, sein bewusstes rationales Denken für eine Weile „auszuschalten“ und in einer „passiv-aktiven“ Haltung einfach einmal wahrzunehmen, was ihm in den Sinn kommt. Manchmal will aber die Vorstellung, dass nun „wirklich“ ein geistiger Helfer da ist nicht so recht gelingen:

„Werden Sie nicht ungeduldig, wenn Sie keine spektakulären Visionen haben. Alles ist Übung und Entwicklung. Heißen Sie Ihren geistigen Helfer oder die spirituelle Kraft und Liebe herzlich willkommen, und freuen Sie sich auf die Zusammenarbeit. Nehmen Sie im inneren Dialog das Gespräch mit »ihm« oder »ihr« auf. Auch wenn Sie noch nichts »sehen«, »hören« oder »fühlen«, vertrauen Sie darauf, dass Ihr geistiger Helfer bei Ihnen ist und Sie ihn deutlich wahrnehmen werden, wenn die Zeit dafür reif ist.“157

Die Vorstellung eines geistigen Helfers zeigt im weiteren Verlauf der Bilderreise, dass wir uns etwas schaffen und vorstellen können, das dann wiederum imstande ist, uns zu helfen und von uns in gewisser Weise unabhängig ist. D.h. wir sind fähig et- was zu kreieren, das einen Eigenwert hat und uns Unterstützung bietet. Hier stellt sich dann natürlich die Frage, wie gut wir unsere Konstruktionen eigentlich kennen. Denn wir durchschauen die Geschöpfe vielleicht gar nicht alle, die wir schaffen.

5. Stufe: Reise mit dem geistigen Helfer

Bei dieser Stufe wird dann - beispielsweise auf dem Spaziergang in der Winterland- schaft - ein Geschenk oder ein Symbol gefunden. Es liegt am Trainierenden selbst, was er da genau sieht, hört, schmeckt, fühlt, riecht: vielleicht entdeckt er einen Dia- mantring, vielleicht bekommt er einen Farbimpuls geschenkt usw. Die Möglichkeiten sind vielfältig und hängen von der Phantasie und Spontanität des Träumenden ab. In diesem Punkt liegt die eigentliche intuitiv-kreative Leistung: wenn der Leiter dann sagt „Wir stehen nun vor einem für uns ganz besonderen Baum“, so wird sich am Ende der Bilderreise herausstellen, dass jeder seinen Baum anders beschreibt - eben weil jeder von einem anderen Baum geträumt hat. Jeder kreierte sozusagen seinen eigenen in seiner Vorstellung - oder anders: Jeder ließ sich „passiv-aktiv“ von seinem geistigen Helfer - von seinem tiefsten Unbewussten - inspirieren. Und diese Vorstellung wird im Trilogos-PsyQ-Training - ergänzend zum katathym-imaginativen Bilderleben noch mit der spirituellen Kraft - als kreative Eigenleistung verstanden, die auf symbolische Weise Informationen über den bereithält, der sie geschaffen hat. Kurz: der erträumte Baum gibt Auskunft aus dem Unbewussten über den Träumen- den selbst. Wie weiter oben schon erwähnt wurde, werden diese Symbole dann als „Spiegel“ zur Selbstreflexion herangezogen, anhand derer sich der Träumende fra- gen kann „Was hat das mit mir zu tun?“.

Wichtig zu erwähnen ist auch noch, dass der geistige Helfer während dieser Stufe immer um Rat gefragt werden kann, wenn etwa die Bedeutung des erträumten Sym- bols nicht ganz klar ist. Er dient hier auch als Quelle der Inspiration, besonders wenn man während der Bilderreise nicht nur für sich selbst, sondern auch für ein anderes Mitglied aus der Übungsgruppe arbeitet - denn dies ist eine weitere Besonderheit des Trilogos-PsyQ-Trainings im Vergleich zu anderen Ansätzen des katathym- imaginativen Bilderlebens: während der Bilderreise erarbeitet man nicht nur Symbole für sich selbst, sondern beispielsweise auch für andere Gruppenteilnehmer, etwa seinen rechten Sitznachbarn (sofern dies in der Übung vorgesehen ist). Diese Sym- bole werden dann in der Austauschrunde (8. Stufe) auf assoziative und intuitive Wei- se ausgetauscht (nähere Ausführungen dazu später bei der Beschreibung der 8. Stu- fe).

6. Stufe: Umkehr

Bei dieser Stufe wird zum Ausgangspunkt der Bilderreise zurückgekehrt, d.h., dorthin, wo beispielsweise der Spaziergang begonnen hat. Auf dem Weg zurück gibt es für die Trainierenden die Möglichkeit, alles was noch unklar ist, mit dem geistigen Helfer zu besprechen, sich noch einmal inspirieren zu lassen - um immer leichter intuitiv erkennen zu können.

7. Stufe: Abschied und Rückkehr in den Wachzustand

Dies ist die letzte Stufe der Bilderreise. Hier wird vom geistigen Helfer wieder Abschied genommen und durch entsprechende Suggestionen des Leiters werden die Teilnehmer wieder aus dem meditativen Zustand herausgeführt. Die inneren, medialen Sinne werden wieder „geschlossen“. Wichtig ist hier, dass alle wieder gut in einen bewussten Wachzustand zurückkehren.

„Lassen Sie sich ausreichend Zeit, sich wieder zu »schließen« und zu »schützen«. Dazu stellen Sie sich beispielsweise einen Schutzmantel aus Licht vor, den Sie sich überziehen. Dieser Schutzmantel hat die gleiche Wirkung wie das Amen nach einem Gebet. […] In aller Ruhe erinnern Sie sich jetzt an Ihren physischen Körper. Ganz langsam lassen Sie ihn aufwachen. Werden Sie sich all Ihrer Körperteile wieder bewusst. Sie atmen zwei- bis dreimal tief ein und aus, strecken und recken sich und sind wieder ganz da auf Ihrem Stuhl - frisch und wach.“158

8. Stufe: Verarbeitung und Deutung

Die 8. Stufe dient zum Austauschen und Besprechen des in der Bilderreise Erlebten. Der Gruppenleiter übernimmt dabei eine moderierende Rolle und lässt einen Teil- nehmer nach dem anderen über seine erträumten Symbole erzählen. Im Anschluss an jede Erzählung können die anderen Gruppenteilnehmer einerseits darüber auf kreative Weise assoziieren und interpretieren, was ihnen zu den einzelnen Symbolen einfällt - andererseits gezielte Fragen stellen, um anhand des klaren Feedbacks die eigene Wahrnehmung, ihre Intuition, zu überprüfen und letztlich zu trainieren. Blei- ben wir dazu bei unserem „Baum“-Beispiel: Der Gruppenleiter kann hier fragen, was den Teilnehmern zum Tannenbaum einfällt, den ein Gruppenteilnehmer erträumt hat. Ein anderer Teilnehmer meint dazu, dass ein Tannenbaum ja Nadeln hat und dass diese denjenigen stechen, der den Baum unvorsichtig angreift. Der Teilnehmer, der diese Assoziation hat, kann nun denjenigen, der den Tannenbaum erträumte, fragen, ob er ein Mensch ist, der verletzend auf andere reagiert, wenn ihm jemand zu nahe- tritt. Der Angesprochene kann nun bejahen oder verneinen - und dies gibt dem Fra- genden wiederum Auskunft über seine assoziative und intuitive Wahrnehmung. Der- jenige, der diese Assoziation erhalten hat, hat nun einen Impuls anhand dessen er sein Verhalten, seinen Alltag usw. reflektieren und daraus lernen kann. Diese Form des assoziativen und intuitiven Befragens umfasst drei wesentliche Punkte:

Die Gruppenteilnehmenden werden in einen gemeinsamen Kommunikations- prozess geführt, indem einerseits jemand, der ein Symbol erträumt hat, neue Ideen dazu durch die anderen Teilnehmer erhält. Denn diese assoziieren zu diesem.

Und andererseits können diese anderen Gruppenteilnehmer durch das Feedback, das sie vom Befragten auf ihre Ideen erhalten, ihre assoziativen und intuitiven Fähigkeiten überprüfen und trainieren.

Durch das Trainieren der assoziativen und intuitiven Fähigkeiten, also durch die Fähigkeit darauf zu achten, was einem zu einem Symbol unmittelbar und spontan in den Sinn kommt, erwachsen meist völlig neue Bezüge zu Lebens- themen wie etwa Beruf, Beziehungen, oder Gesundheit159. Und zwar nicht deshalb, weil der Zugang zu solch neuen Bezügen ein völlig anderer ist. Na- türlich ist in einem solchen Austauschprozess nie vorhersehbar, welche Er- gebnisse am Schluss vorliegen. Aber ähnlich wie bei der Methode der Ver- fremdung (die auch hier implizit vorhanden ist, weil Symbole und Aussagen in den Interpretationskontext der anderen Gruppenteilnehmer gestellt werden), so können durch die „verrücktesten“ Assoziationen die fruchtbarsten Bezüge hergestellt werden - der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt.

Wie vorhin schon erwähnt, gibt es aber auch Übungen im Trilogos-PsyQ-Training in denen man nicht nur Symbole für sich selber erträumt, sondern auch für jemand an- deren aus der Gruppe. Das Austauschverfahren in der Feedbackrunde ist im Prinzip dann so, als wenn jemand nur für sich selbst gearbeitet hat - außer, dass man nun nicht erzählt, was für Symbol man für sich selbst bekommen hat, sondern welches für den rechten Nachbarn beispielsweise. Auch hier können wiederum die anderen Gruppenteilnehmer dazu assoziieren und der, für den geträumt wurde, kann alle Ideen als wertvolle Impulse aufnehmen und sich überlegen, was alles er damit - z.B. im Hinblick auf seinen Beruf - anfangen kann. Er kann und soll sogar demjenigen Feedback geben, der für ihn das jeweilige Symbol erträumt hat: erstens werden da- durch neue Bezüge auch für die anderen Gruppenteilnehmer ersichtlich und zwei- tens bekommt derjenige, der das Symbol erträumte, auch konkretes Feedback.

Wenn dann alle ihre Symbole, die sie für sich selbst und/oder für ihren Nachbarn erträumt hatten, der Gruppe mitgeteilt haben und die Gruppe dazu wiederum assoziierte, dann führt der Gruppenleiter alle nochmals in einen Selbstreflexions-prozess und fordert die Gruppe auf, Folgendes zu tun:

„Ich möchte euch jetzt noch mal kurz bitten still zu werden. Wir erinnern uns an den In- halt des Buches, den wir entweder für uns oder für unseren rechten Nachbarn erhalten haben. Welche Bedeutung hat er für uns ? Welche Bezüge lassen sich zu unserem Alltag herstellen? Wir versuchen diese Erkenntnisse in drei Worten zusammenzufassen - wie lauten diese Worte?

Zum Schluss erinnern wir uns kurz daran, was wir anderen an Ideen und Assoziationen weitergegeben haben. Was könnten diese Ideen und Assoziationen auch mit uns zu tun haben? Können wir da sinnvolle Bezüge herstellen, und wenn ja, wie formulieren wir sie für uns? Dann lassen wir alles wieder los und öffnen die Augen.“160

Bei dieser Stufe wird also letztlich alles, was an andere an Assoziationen, Ideen und erträumten Symbolen weitergegeben wurde, zu sich selbst zurückgenommen. „Was hat das alles mit uns zu tun?“161: diese Frage ist entscheidend beim Trilogos-PsyQ- Training. Aus folgendem Grund: Wenn ich für meinen rechten Nachbarn in der Übungsgruppe einen Baum erträume, so hat dieser Baum nicht nur etwas mit mei- nem Nachbarn zu tun, sondern auch mit mir - denn schließlich habe ich ihn ja er- träumt.

Den 8-stufigen Aufbau des Trilogos-PsyQ-Trainings zusammenfassend, bleibt zu sagen, dass diese Form des katathym-imaginativen Bilderlebens in einen Selbstreflexions- und Lernprozess leitet, der

1. die Teilnehmer ihre intuitive Wahrnehmung trainieren lässt: durch die Feedbackrunde und die darin kommunizierten Assoziationen und Fragen kann sich ein Teilnehmer fragen „Wieso kommt gerade mir diese Assoziation - was hat sie mit mir zu tun? Auf welche Weise nahm ich die Assoziation, die Idee wahr - wie spielten dabei meine intuitiven Wahrnehmungen zusammen - hatte ich eher ein Gefühl, oder kam mir plötzlich ein Bild in den Sinn? Wie formulierte ich dann diese Idee, das Gefühl oder das Bild - habe ich mich vielleicht missverständlich ausgedrückt und konnte deshalb der angesprochene Gruppenteilnehmer nichts damit anfangen?“.

2. Gleichzeitig gewinnt jeder zu seinen erträumten Symbolen neue Ideen und In- terpretationen hinzu, anhand derer er sich und seine Lebenswelt überden- ken kann. Er kann so seinen Horizont erweitern, Dinge in seinem Leben ver- ändern und seine Persönlichkeit und sein Bewusstsein entwickeln. 3. Durch die Bezüge zum Alltag, die sich mit Hilfe der Symbole und Bilder der Fantasiereise herstellen lassen, kann sich der Übende auch fragen, wie und ob er die erlebte Spiritualität während dieser Imaginationsreise auch im All- tag erfährt, was sie für ihn dort bedeutet und ob sie ihm hilft, die neu erarbeite- ten Ideen des Trainings auch umzusetzen. Der persönliche SQ wird hier ein weiteres Mal einer Reflexion unterzogen und kann auf diese Weise zur Entfaltung gebracht werden.

2.4.5 Erfahrungsberichte zur Trilogos-PsyQ-Methode

Da die Trilogos-PsyQ-Methode für eine Verbindung von Rationalität, Emotionalität und Spiritualität steht und in dieser Synthese die Entfaltung des Persönlichkeitspo- tenzials von Menschen fördert, scheint eine theoretische Auseinandersetzung zwar hilfreich, aber nicht ausreichend. Nun ist vorliegende Arbeit zu einem hohen Grad ei- ne rationale Reflexion. Aber in dieser Reflexion werden ebenso die Grenzen des Ra- tionalen bewusst. Kann man die Grenzen des Rationalen ausloten, so wird man auch offen für Neues, für Anderes, das nicht rational erfassbar ist. Aus diesem Grund möchte ich in diese Arbeit auch einen Erfahrungsbericht - einen Bericht darüber, wie ich Sitzungen und Trainingseinheiten des Trilogos-PsyQ-Trainings (im Zuge der For- schungen für diese Arbeit) empfunden und was ich daraus gelernt habe - einfügen. Dies hat mehrere Gründe: ein wichtiger Bestandteil dieses Ansatzes ist das bewuss- te Wahrnehmen und Schulen des EQ (Emotionalität). Wie dies vonstattengeht, möchte ich anhand meiner eigenen Erlebnisse schildern, die ich während meiner mehrmaligen Forschungsaufenthalte am TRILOGOS Institut hatte. Dasselbe gilt für den SQ (Spiritualität), auch hier wäre eine rein theoretische Auseinandersetzung zu kurz gegriffen. Wobei eine solche natürlich ihre Berechtigung hat, aber es ist dann nur ein „Beäugen“ von Spiritualität aus der Warte des IQ. Das Erleben von Spirituali- tät ist etwas anderes. Das emotionale „Sich-Einlassen“ auf Spiritualität unterscheidet sich vom bloßen „Darüber-Nachdenken“. Über die Verbindung von IQ, EQ und SQ theoretisch zu reflektieren ist eine Sache - sie zu erleben, sich darauf einzulassen eine andere. Die Erfahrungsberichte dazu finden sich im Anhang, sie sollen weiteren Aufschluss darüber geben, wie dieses Training wirkt, erlebt wird und auch wie kon- struktivistisches Denken im Bereich der Persönlichkeits- und Bewusstseinsschulung Anwendung findet. Die Berichte dienen also dazu, einerseits ein klareres Bild dieser Methode vermitteln zu können. Andererseits ist ihr Inhalt auch für das Verständnis der weiteren nun folgenden Ausführungen von Vorteil, weil er hilft, diese Methode nicht nur auf einer abstrakt-theoretischen, sondern vor allem praktischeren Ebene zu betrachten. Aus diesem Grund finden sich zwei Erfahrungsberichte inklusive Inter- pretation und Auswertungen im Anhang dieser Arbeit. Sie finden sich deshalb im Anhang, weil sonst der Rahmen der Reflexion über die Trilogos-PsyQ-Methode gesprengt werden würde.

2.4.5.1 Trilogos-PsyQ-Training für Teams

Beim vorhin ausgeführten Klagenfurter Prozessethischen Beratungsmodell wurde erwähnt, dass Gruppendynamik darin eine zentrale Rolle spielt. Wie sieht es aber nun mit dem Trilogos-PsyQ-Training aus, wenn es um dessen Anwendung in Teams geht? Würde das Trilogos-PsyQ-Training in Teams (z.B. interdisziplinäre Gruppen) eingesetzt, so könnten sich die einzelnen Teammitglieder dabei noch einmal von einer vielleicht gänzlich neuen Seite kennen lernen und einander völlig neue Ideen und Interpretationen bzgl. der wahrgenommenen Symbole „schenken“. Roethlisberger meint zur Anwendung des Trilogos-PsyQ-Trainings in Teams:

„Die Symbolsprache ist ein Hilfsmittel auf dem Weg zur Individuation (= Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit über die gesamte Lebensspanne) und gleichzeitig bietet sie jedem Trilogos-PsyQ-Trainer die Möglichkeit, mit dem Team das unerschöpfliche Potential effizient und konstruktiv zu nutzen, um gemeinsame Ziele besser erarbeiten zu können zum Beispiel bei der gemeinsamen Erfindung eines Produkts, beim gemeinsamen Führen eines Unternehmens, beim gemeinsamen Schaffen einer bestimmten Arbeitssituation. Dadurch entsteht eine Verbindung aus rational-geistigem Bewusstsein und mystischem Bewusstsein, das transpersonal ist.“162

Natürlich geht es in diesem Training um mitunter sehr persönliche Angelegenheiten, was vielleicht nicht jedermanns Sache ist. Da stellt sich zuerst die Frage, ob ein Team, d.h. eine Gruppe, die längerfristig zusammenarbeitet, bereit ist, sich auf sol- che Prozesse einzulassen. Aber wenn der Entschluss dazu gefasst ist, dann erhalten die einzelnen Teammitglieder die Möglichkeit sich betreffend ihres Persönlichkeits- typs besser kennenzulernen: „Wo stelle ich etwa Ähnlichkeiten mit meinem Kollegen fest, könnten diese Ähnlichkeiten der Grund dafür sein, weshalb wir öfter Ärger mit- einander haben - weil er genau das an mir kritisiert, was ich an ihm zu bemängeln habe?“. Die im Anhang angeführten Erfahrungsberichte sollen zeigen, wie gegensei- tiger Austausch zwischen Gruppenteilnehmern und die damit einhergehende Selbstreflexion in der Praxis dieses Trainings angewendet wird.

In diesem Zusammenhang muss aber auch noch darauf hingewiesen werden, dass bei diesem Training in Teams nicht nur das individuelle Bewusstsein reflektiert und entwickelt werden kann. Auch das kollektive: „Was ist unser gemeinsames Ziel, wo- für wollen wir uns entscheiden?“. Auch dafür kann diese Form der Selbstreflexion eingesetzt werden. Denn die während eines Trainings erarbeiteten Symbole und Bil- der können - so, wie sie in Bezug zum Alltag eines Gruppenmitglieds gesetzt werden können - auch in Bezug zum Team, zur Gemeinschaft gesetzt werden. Eine Gruppe kann auf diese Weise (durch die kreativ erarbeiteten Ideen und Assoziationen) ihren gemeinsamen Sinn, ihr gemeinsames Ziel, das sie verfolgt, aufs Neue hinterfragen und neue Handlungsperspektiven kreieren.

2.4.5.2 Intuitions- und Selbstreflexionstraining

An dieser Stelle sei noch auf zwei wesentliche Punkte bei der Beschreibung der Tri- logos-PsyQ-Methode hingewiesen: dieses Training kann als Intuitionsschulung ver- standen werden, bei dem es darum geht, sich auf seinen Nachbarn/Kollegen und seine „Ausstrahlung“ einzulassen (siehe Erfahrungsberichte im Anhang). D.h. es geht darum, die Persönlichkeit des Nachbarn auf unmittelbare, intuitive Weise wahr- zunehmen (es wird ja kein Verhalten des Nachbarn analysiert, sondern Symbole für bzw. über ihn erträumt). Dieses Wahrnehmen des anderen ist aber nur eine Seite der Medaille. Die andere ist folgende: ich habe, wie im Anhang beschrieben, meinem rechten Sitznachbarn erzählt, was ich für ihn erträumt hatte. Der Nachbar war recht angetan von der Geschichte, die ich ihm mitteilte. D.h. er konnte etwas damit anfan- gen und sich selbst darin wiederfinden. In diesem „Sich-Wiederfinden“ spiegelte er sich im Inhalt meiner Bilderreise und konnte dadurch alte wie neue Bezüge zu sei- nem Alltag und seinem Verhalten herstellen. Kurz: durch den Inhalt meiner Bilderrei- se wurde bei ihm ein Selbstreflexionsprozess ausgelöst. Jetzt könnte ich mir natür- lich denken „Sehr gut habe ich hier intuitiv wahrgenommen“. Doch wird im Zuge die- ses Trainings nicht hier stehen geblieben. Im nächsten Schritt hatte ich nochmals al- les zu vergegenwärtigen, was ich für den Nachbarn erträumte, wie ich es ihm erzähl- te und was ich dazu assoziierte. Und dann hatte ich mir die Frage zu stellen „Was hat das alles auch mit mir zu tun?“. D.h. ich konnte nun alles, was ich meinem Nach- barn mitteilte wieder zu mir zurücknehmen und mich selbst daran reflektieren. Wie im obigen Beispiel beschrieben, konnte ich durch diese Form der Selbstreflexion tat- sächlich Altbekanntes wieder bewusst machen und auch neue Bezüge zu meinem Alltag herstellen. Und dies entspricht auch dem Ziel dieses Trainings, so Roethlis- berger:

„Das Trilogos-Konzept […] nutzt […] die Frageform im PsyQ-Training zur Selbstreflexion, Selbsterkenntnis und letztlich zur Selbsterziehung. Das Tor zur Entfaltung der individuellen Kompetenz oder inneren Reife (PSYK) wird geöffnet.“163

Zum Thema Selbstreflexion im Trilogos-PsyQ-Training lässt sich also sagen, dass dieses Training genau deshalb als Persönlichkeitsschulungsmodell bezeichnet wer- den kann, weil sich durch die im obigen Zitat erwähnte Frageform vielfältige Bezüge zur eigenen Lebenswelt, zu eigenen Verhaltensmustern und dem Alltag herstellen lassen. Mittels dieser Bezüge wird es möglich, sich selbst - sein kreierendes Verhal- ten - in Frage zu stellen, ein neues Licht auf das Leben, den Beruf, die Beziehungen, die Gesundheit usw. zu werfen und durch die erträumten Symbole auch Ideen an die Hand zu bekommen, wie und was man verändern könnte. Roethlisberger dazu:

„Durch die Prozessorientierte Gruppenarbeit im Trilogos-PsyQ-Training werden die eigenen medialen Fähigkeiten entfaltet und in das Alltagsleben integriert, so dass sie der Persönlichkeits- und Bewusstseinsbildung dienen. Neues, Bekanntes und Fremdes motivieren die Selbstreflexion: Ein natürliches Gleichgewicht zwischen Selbsteindruck und - ausdruck, Selbstachtung und Würdigung, Standfestigkeit und Flexibilität, Toleranz und Respekt für sich und den anderen entsteht.“164

2.4.5.3 Transpersonale und integrale Wahrnehmungsschulung im Kontext der Trilogos-PsyQ-Methode

„Mit »Symbolischer Kommunikation« - basierend auf autogenemen Training und ka- tathym-imaginativem Bilderleben - ist das Erlernen der Symbolsprache gemeint: Außer- oder innersinnliche Erlebnisse schaffen Bezüge zu psychologischen, parapsychologi- schen und transpersonalen Wahrnehmungsebenen. Diese wiederum dienen im Alltag der Selbstreflexion und dadurch der Selbsterkenntnis: Rationalität (IQ), Emotion (EQ) sowie Spiritualität [...] (SQ) kommen in Synthese. Dadurch entwickelt sich der Persönlichkeits- bildende Quotient (PsyQ) und damit die Bewusstheit des Mit-Schöpfers (PsyK).“165

Transpersonale Erfahrungen (wie Kontakte zu einem Jenseits, zu Ahnen, zu einem höheren Bewusstsein, z.B. sogenannten Gotteserfahrungen) sind Teil fast jeden spi- rituellen Ansatzes, gleich aus welcher Kultur er auch stammen mag. Dass es solche Erfahrungen gibt, kann als unbestritten angenommen werden. Ob allerdings ein sol- cher Kontakt dann auch tatsächlich stattgefunden hat oder ob es sich um eine sub- jektive Einbildung handelte, ist eine andere Frage166. Auch werden hier Bereiche an- gesprochen, die aus der sog. Esoterik bekannt sind. Also jenem Bereich, der rational nicht erfassbar scheint und der sog. übernatürliche, übersinnliche Phänomene bein- haltet. Wie sollen aber nun solche transpersonalen Erfahrungen beurteilt und vor al- lem nutzbar gemacht werden? Um dieser Frage weiter nachzugehen führe ich im Anhang bei der Bilderreise 2 Teile aus einer Visualisierungsübung aus, an der ich ebenso während meiner Forschungen an der Trilogos-PsyQ-Methode teilnahm. Es handelt sich dabei um einen Erfahrungsbericht, der- in leicht überarbeitete Form - auch in der Publikation „Die Trilogos-PsyQ-Methode“167 erschienen ist.

2.4.6 Persönliche Entwicklung

Was den zweiten wesentlichen Punkt dieses Trainings anbelangt, so wird dem Leser vielleicht aufgefallen sein, dass ich sehr viel Persönliches (vor allem im Anhang) bei der Beschreibung dieses Trainings schildere. Das mag in einer wissenschaftlichen Arbeit eventuell etwas sonderbar wirken, doch ist mir bei der Aufarbeitung und Un- tersuchung der Trilogos-PsyQ-Methode aufgefallen, dass ohne die Schilderung der persönlichen Erfahrungen im Zuge der Übungen, diese Methode nicht adäquat zu beschreiben ist - besonders im Hinblick auf das emotionale Empfinden und die Selbsterkenntnis, die daraus erwachsen. Da ich regelmäßig innerhalb eines Zeitrau- mes von fünf Jahren Trainingseinheiten besucht habe, erlaube ich mir auch an dieser Stelle eine kurze Schilderung meiner persönlichen Entwicklung und Veränderung in dieser Zeit: durch diese Form der Selbstreflexion konnte ich lernen, mir die Hinter- gründe meiner Ängste und Befürchtungen - wie sie jeder Mensch kennt - bewusst zu machen und bewusst zu verändern. Das geht natürlich nicht immer so leicht wie es vielleicht klingen mag. Aber wenn man bereit ist, sich eine zweite oder sogar eine dritte und vierte Chance zu geben, dann wird ein Licht am Ende des Tunnels sichtbar. Das Wichtigste ist nur, nicht aufzugeben. Gerade charakterliche Stärken, wie etwa Selbstverantwortung zu übernehmen (was das konstruktivistische Denken quasi a priori impliziert, aber leider nur allzu oft theoretisch und oberflächlich artikuliert wird) oder neuen Mut zu fassen, auch nachdem der dritte Versuch gescheitert ist (also in etwas Vertrauen setzen, was ebenso zentraler Bestandteil konstruktivistischer An- sätze ist, wie wir später noch sehen werden) gehören da zu meinen „Hausaufgaben“. Wurden aber diese Bereiche, wie eben Selbstverantwortung oder Vertrauen, einmal in mein Leben, in mein Bewusstsein integriert, so veränderte sich dadurch auch mei- ne Persönlichkeit. Sie entfaltete sich mehr und mehr, könnte man auch sagen, denn Dinge oder Aufgaben, die mir zuvor noch unangenehm, lästig oder schmerzhaft er- schienen, waren plötzlich kein Problem mehr. Kurz gesagt, die Persönlichkeit ent- wickelt sich durch das längerfristige, regelmäßige Praktizieren des Trilogos-PsyQ- Trainings, als einer Form der Selbstreflexion. Insbesondere, weil es eine integrative, d.h. alle Bewusstseinsebenen (IQ, EQ und SQ) einschließende Methode ist, die Menschen ganzheitlich - in Bezug zu verschiedenen „inneren“ sowie „äußeren“ Be- wusstseinsebenen - wahrzunehmen versucht. D.h. die dabei angestrebte Selbstre- flexion zielt auf Bewusstwerdung von nicht eingestandenen Gefühlen oder Überbeto- nung des Verstandes oder destruktiv-hemmender Glaubenssätze ab. Wer dann auch bereit ist, sich nach einer solchen Selbsterkenntnis zu verändern, sprich: sich auf Entwicklung einzulassen, der hat plötzlich das Gefühl, dass „die Schultern leichter werden“, befreit von überflüssigem Ballast. Aus eigener Erfahrung kann ich also sa- gen, dass es in einem solchen Prozess der inneren Befreiung vor allem die Kreativi- tät und die Intuition sind, die da befreit werden. Man hat auf einmal das Gefühl, dass „Kopf, Herz und Hand“ mehr und mehr in Einklang kommen - was natürlich nicht heißen soll, dass damit jeglicher Lebensauftrag verschwunden wäre, weil die „end- gültige Erleuchtung“ eingesetzt hat und man sich über diese Welt erhaben fühlt. Nein, vielmehr habe ich den Eindruck, dass durch das regelmäßige Training der Verbin- dung von Gefühl (EQ), Verstand (IQ) und Glaube (SQ) eine noch tiefere Bejahung des Lebens - und vor allem des eigenen Lebens (PsyQ) - bewirkt wird. Achtung und Respekt vor dem Leben, Bescheidenheit und Gnade und dadurch Tugendhaftigkeit bekommen einen neuen Stellenwert. Man erlebt, wie sich auf wundersame Weise das eigene Bewusstsein und so die Persönlichkeit und der Charakter mehr und mehr entfalten.

Bewusstseinsentfaltung, induziert durch die Trilogos-PsyQ-Methode, stellt einen in- tegrativen Prozess dar: alle Ebenen menschlichen Bewusstseins werden einbezogen und entwickelt. Konstruktivistisches Denken spielt dabei eine wichtige Rolle, denn es gilt ja, die persönlichen Überzeugungen eines Menschen ausfindig zu machen und sie zu transformieren, indem sich dieser Mensch bewusst wird, dass es sein Glaube, seine Überzeugung ist, durch die er die Welt um ihn, seine Lebenswelt hervorbringt - seine Gefühle, sein rationales Denken, sein Handeln und Verhalten hängen davon ab. Selbstverantwortung und Selbstbewusstsein spielen in diesem Modell - ebenso wie bei den drei hier schon erwähnten Konstruktivismen - eine wichtige Rolle. Der Unterschied zu den schon erwähnten liegt allerdings darin, dass Bewusstseinsent- wicklung nicht in erster Linie auf einer wissenschaftlichen (CR), noch auf einer ge- sellschaftlichen (Konzept der Entscheidungsgesellschaft) und auch nicht auf einer gruppendynamischen (Klagenfurter Prozessethisches Beratungsmodell) Ebene vo- rangetrieben wird, sondern auf einer persönlichkeitsbildenden (vom PsyQ zum PSYK [= persönliche Kompetenz]): die kreativ-schöpferischen und gestalterischen Poten- tiale des Menschen werden hier vor allem für die Bildung seines Charakters genutzt.

2.5 Zusammenfassung der Reflexion und Konsequenzen, die daraus erwach- sen

2.5.1 Selbstreflexion - Bewusstsein - Selbstverantwortung

2.5.1.1 Selbstreflexion

Wenn wir uns die vier hier vorgestellten Modelle ansehen und uns fragen, welche Gemeinsamkeiten sie vorweisen, so kommen wir zu folgendem Schluss: Sie alle weisen einen konstruktivistischen Ansatz auf, d.h. sie gehen davon aus, dass es kei- ne absolute Wirklichkeit gibt, die wir imstande sind abzubilden. Die Konsequenz dar- aus ist, dass der Mensch seine Realität vielmehr erst selbst hervorbringt. Er tut dies - gemäß den vier hier vorgestellten Modellen - in Form von Selbstreflexion: Durch Infragestellen seiner selbst und seiner Umwelt erweitert er sein Interpretations- und Handlungsspektrum, er verändert seine Realität, indem er ihr neue Bedeutungen zuweist, indem er sich zu ihr in Distanz setzt. Durch Selbstreflexion kommt weitere (Selbst-)Erkenntnis zustande und dadurch wiederum wird Entwicklung möglich. Ins- besondere der Konstruktive Realismus zeigt durch die Methode der Verfremdung ei- nen gangbaren Weg auf, wie durch Selbstreflexion Erkenntnis erbracht werden kann, ohne dass letztere im Sinne einer Abbildung der Wirklichkeit verstanden werden müsste. Implizit kommt die Methode der Verfremdung auch bei allen anderen drei hier ausgeführten Ansätzen zur Anwendung - denn auch bei ihnen wird Vertrautes, Altbekanntes in neue Kontexte transferiert und auf diese Weise Erkenntnis erbracht: beim Konzept der Entscheidungsgesellschaft sind es Wissenschaften und Künste, beim Klagenfurter Prozessethischen Beratungsmodell sind es Möglichkeiten, welche die Praxis in Frage stellen und bei der Trilogos-PsyQ-Methode sind es die lebens- weltlichen Kontexte eines Menschen, die ihn über sich selbst reflektieren lassen und zum ethischen Handeln motivieren. Ohne alle vier hier erwähnten Ansätze auf die Methode der Verfremdung reduzieren zu wollen, ist dennoch festzustellen, dass sie alle Erkenntnis als das Ergebnis eines Prozesses verstehen, der nichts mit einer Ab- bildung von Wirklichkeit zu tun hat, sondern sich selbstreflexiv gestaltet. Die Umwelt bzw. fremde Kontexte können dabei als eine Art „Spiegel-bild“ verstanden werden und nicht als ab-bild-bare Entitäten.

2.5.1.2 Bewusstsein

Die Fähigkeit zur (Selbst-)Reflexion, d.h. die Fähigkeit etwas infrage zu stellen, hat jemand, wenn er über Bewusstsein verfügt. Fischer formuliert dies mit folgenden Worten: „Bewusstsein eines Individuums bedeutet, dass der individuelle instinktive Lebensvollzug, das unbewusst Ablaufende, vom Individuum selbst beobachtet wird. Dieses muss sich dafür gewissermaßen außer sich stellen, sich ansehen, insbeson- dere die Grenzen des Selbst“168. Wenn sich nun alle vier hier vorgestellten Ansätze mit Selbstreflexion beschäftigen, so kommen wir zu einer weiteren Konsequenz, nämlich, dass sich auch alle vier mit Bewusstsein auseinandersetzen. Bei der Trilo- gos-PsyQ-Methode, die von ihrer Entwicklerin Linda Roethlisberger als eine Methode für Persönlichkeits- und Bewusstseinsschulung bezeichnet wird und beim Konzept der Entscheidungsgesellschaft, das den Begriff des kollektiven Bewusstseins näher ausführt, ist dies explizit der Fall (wobei individuelles Bewusstsein, mit dem sich die Trilogos-PsyQ-Methode auseinandersetzt, vom kollektiven Bewusstsein, wie es das Konzept der Entscheidungsgesellschaft tut, strikt zu unterscheiden ist. Kollektives Bewusstsein entspricht nicht der Summe der individuellen „Bewusstseine“ einer Ge- meinschaft). Aber auch das Klagenfurter Prozessethische Beratungsmodell, welches darauf abzielt, kollektives ethisches (Selbst-)Bewusstsein zu initiieren („Wollen wir es [die Praxis], so wie es ist, ist es gut für uns?“) und der Konstruktive Realismus, der das Selbstverständnis von Wissenschaft, aber implizit auch das von Kulturen thema- tisiert, beschäftigen sich mit Bewusstsein, zumal sie Methoden der Selbstreflexion in ihr Zentrum stellen.

Bewusstsein als Ergebnis jener Tätigkeit, sich selbst zu reflektieren und infrage zu stellen, bedeutet - durch die damit einhergehende Perspektivenerweiterung - dass sich in diesem Prozess auch immer etwas verändert („wir nehmen uns und unsere Lebenswelt anders wahr, nachdem wir uns der Selbstreflexion unterzogen haben“). Das Ergebnis von Selbstreflexion ist Entwicklung („etwas ist nachher nicht mehr so wie es vorher war“). Bewusstsein ist also in einem ständigen Werden begriffen, weil es sich immer wieder aufs Neue reflektieren kann: wir könnten beim Begriff des Be- wusstseins (so wie er hier definiert wird) auch von einem Entwicklungsprozess spre- chen, dessen Grenzen nicht abzusehen sind (zumindest seine theoretischen nicht).

Im Konstruktiven Realismus erweitert sich das disziplinäre Bewusstsein durch inter- und transdisziplinäre Kooperationen unter Anwendung der Methode der Verfremdung: ein Lernprozess für die einzelnen Disziplinen, der durch Selbstreflexion initiiert wird. Die Methode der Verfremdung bietet hier Einsichten in die eigene Disziplin, in ihre Voraussetzungen und Annahmen, durch die vor allem das Selbstverständnis von Wissenschaftlern verändert wird. Es handelt sich dabei quasi um wissenschaftliche Bewusstseinsentwicklung. Gleichzeitig beschreibt der Konstruktive Realismus aber auch interkulturelle Selbstreflexionsprozesse durch die das kulturelle Selbstver- ständnis infrage gestellt und die Grundfesten einer Kultur, im Sinne ihrer fundamen- talen Überzeugungen und Annahmen, mehr und mehr erkannt werden können. Ebenso wird diese Form der kulturellen Bewusstseinsentwicklung durch die Methode der Verfremdung bewerkstelligt.

Das Konzept der Entscheidungsgesellschaft thematisiert den Begriff eines kollektiven Bewusstseins - in Abgrenzung zum individuellen. Es thematisiert nicht, so wie der Konstruktive Realismus, das Selbstverständnis von Wissenschaft, sondern unter- sucht ihre Funktion im Kontext einer sog. Entscheidungsgesellschaft: jener sozialen Einheit, der Fischer kollektives Bewusstsein zuspricht. Wissenschaft, genauso wie den Künsten, wird in einer Entscheidungsgesellschaft die Aufgabe übertragen, einer Gesellschaft jene Voraussetzungen und Annahmen bewusst zu machen, auf denen sie basiert. Auf diese Weise gelangt Gesellschaft zu Bewusstsein und kann Ent- scheidungen treffen - denn dies muss sie tun: ihr fehlt nämlich gänzlich jene Instanz (wie z.B. Götter oder absolutes Wissen), die diese Entscheidungen fällen könnte. An dieser Stelle wird also auch beim Konzept der Entscheidungsgesellschaft ihre kon- struktivistische Komponente sichtbar: So wie laut Konstruktivem Realismus ein Ab- bilden der Wirklichkeit nicht möglich ist, so ist auch im Konzept der Entscheidungs- gesellschaft ein solches nicht einlösbar - eine Konsequenz daraus ist dann eben ei- ne Entscheidungsgesellschaft, die ihre Entscheidungen selbst treffen, ihre Umwelt selbst gestalten und auch verantworten muss.

2.5.1.3 Selbstverantwortung

Bei allen vier Ansätzen kommt dem Begriff der Selbstverantwortung große Bedeu- tung zu. Sowohl wissenschaftliches als auch ethisches, gesellschaftliches und indivi- duelles Handeln muss selbst verantwortet werden - denn es fehlt wiederum die ex- terne Instanz, die dies übernehmen könnte: dies scheint eine weitere Konsequenz, die aus dem Konstruktiven Realismus und dem Konzept der Entscheidungsgesell- schaft sowie aus dem Klagenfurter Prozessethischen Beratungsmodell und der Trilo- gos-PsyQ-Methode abzuleiten ist. Wenn wir aber hier kurz generell konstruktivisti- sches Denken als solches heranziehen, dann kommt uns vielleicht zuerst der Ge- danke in den Sinn „Wenn wir alles selbst konstruieren und realisieren, dann brau- chen wir keine Ethik mehr, es gibt ja dann auch keinen Gott oder eine ähnliche Be- gründung, weshalb ein bestimmtes Verhalten verwerflich sein soll“. Aber wenn nun Handlungen im Kontext eines sozialen Systems, etwa einer Gesellschaft, betrachtet werden, so lässt sich sehr wohl nach dem Grund, nach der Begründung eines Ver- haltens fragen. Und hier wird es dann problematisch, denn es bleibt keine externe Instanz oder eine absolute Wahrheit, auf die wir uns hinausreden und der wir die Verantwortung zuschieben könnten. Konstruktivistisches Denken verlangt also nach radikaler Selbstverantwortung.

Diese Selbstverantwortung wird ebenso verlangt, wenn wir nun einen Blick auf das Klagenfurter Prozessethische Beratungsmodell werfen: Der Mensch wird hier als ein Wesen dargestellt, der letztlich Entscheidungen treffen muss. Und diese Entschei- dungen bieten temporäre Lösungen, denn endgültige sind auch laut diesem Modell nicht zu erbringen. Und somit muss auch die Frage nach dem Guten selbstverant- wortlich beantwortet werden. Wenn wir an dieser Stelle nochmals die Trilogos-PsyQ- Methode aufgreifen, so lässt sich in Zusammenhang mit dem Begriff Selbstverant- wortung aufzeigen, welche Auswirkungen ein nicht selbst-verantwortliches Handeln hat: Bei der Trilogos-PsyQ-Methode wird davon ausgegangen, dass der Mensch in seiner Lebenswelt das wiederfindet, was er an Überzeugungen und Annahmen in sich trägt. D.h. wenn er sich seiner Verantwortung entzieht, dann wird sich auch sei- ne Lebenswelt dementsprechend gestalten. Er ist dann nicht mehr der Gestalter sei- ner Realität, sondern lebt sprichwörtlich un-bewusst. Diese Konsequenz lässt sich auf jeglichen Konstruktivismus schlechthin übertragen: Wir können keine Realität konstruieren ohne dafür die Verantwortung zu übernehmen - wir müssen selbstbewusst-sein.

Entscheidet man sich dafür, den Begriff der Selbstverantwortung ins konstruktivisti- sche Denken zu integrieren, so ergeben sich weitere Folgen, die hier Erwähnung fin- den sollen:

Selbstorganisation: Wie schon ausführlicher im Kapitel über den Konstrukti- ven Realismus erwähnt, verlangt die Aussage „Wir konstruieren unsere Reali- tät“ nach Selbstorganisation. Denn die Instanz einer Wirklichkeit, die wir im- stande wären abzubilden und auf die wir uns berufen könnten, fehlt. Toleranz: Mit dem Begriff der Toleranz ist gemeint, dass es im konstruktivisti- schen Denken keine Position, keine Meinung gibt, die als absolut angesehen werden könnte. Aussagen und Standpunkte sind relativ und nicht ewig gültig. Dies hat zur Folge, dass wir offen gegenüber anderen Weltanschauungen, Haltungen und somit Kulturen sein müssen - selbst wenn wir diese nicht ver- treten bzw. für gut erachten. Offenheit ist auch deshalb gefragt, weil wir von anderen über uns selbst lernen können - sie unterstützen uns dabei, uns selbst weiterzuentwickeln. (Von anderen zu lernen spielt vor allem bei der Me- thode der Verfremdung und beim Trilogos-PsyQ-Training eine wichtige Rolle.) Bescheidenheit: Da es im konstruktivistischen Denken keinen absolut richti- gen Standpunkt gibt, sondern nur unterschiedliche - und diese gleichzeitig und nebeneinander - sind wir auch aufgefordert uns in Bescheidenheit zu üben: Konstruktivismen zeigen auf, dass unsere Erkenntnisse und Meinungen keine Allgemeingültigkeit und „Omnipotenz“ beanspruchen können. Die in die- ser Arbeit erwähnte Dialogdialektik macht auf wunderbare Weise deutlich, welches Selbstverständnis wir von unseren Meinungen und Überzeugungen haben sollten: sie sind nicht ewig gültig, sondern temporär: es werden also noch Standpunkte und Überzeugungen folgen, die unsere jetzigen ablösen und revidieren - eine bescheidene Haltung gegenüber anderen scheint also dienlich und angebracht.

Respekt: Die oben erwähnten Folgen - im Sinne auch von ethischen Werten (Bescheidenheit, Toleranz, Selbstverantwortung usw.) - führen letztlich zum Schluss, dass im konstruktivistischen Denken Respekt gefordert werden kann: Respekt anderen gegenüber, aber auch Respekt gegenüber sich selbst. Re- spekt gegenüber anderen (z.B. gegenüber einer anderen wissenschaftlichen Disziplin), weil sie einem dabei helfen können, sich selbst weiterzuentwickeln (die eigene Umwelt als Mittel zur Selbsterziehung). Respekt gegenüber sich selbst, weil man sich letztlich für eine bestimmte Haltung, einen Standpunkt entscheiden muss (vgl. das Model des Flügelaltars) - die eigene Meinung hat Gültigkeit, selbst wenn auch keine ewige. Aber sie ist gleichwertig mit anderen.

Was in diesen Ausführungen als weitere Folgen von Selbstverantwortung im konstruktivistischen Denken erwähnt wurde, sind übrigens Werte, die der Dalai Lama als spirituell bezeichnen würde:

„Wenn ich hier das Wort «spirituell» gebrauche, meine ich damit die grundlegend guten Eigenschaften der menschlichen Natur: Warmherzigkeit, Verantwortungsgefühl, Auf- richtigkeit, Disziplin und Intelligenz, die von einer positiven Motivation gesteuert wird.“169

Die oben angeführten menschlichen Werte, die laut Dalai Lama durchaus als spiritu- ell zu verstehen sind, werden durch konstruktivistische Ansätze mehr und mehr er- kennbar und können in den Vordergrund treten. Sie zu erkennen ist aber eine Sache, sie zu verwirklichen und danach zu handeln eine andere. Was aber für die Konstruk- tion einer (wert-vollen) Realität notwendig ist, dazu mehr im nächsten Kapitel.

Allerdings muss an dieser Stelle noch auf Folgendes hingewiesen werden: Es wäre nur die halbe Wahrheit, würde hier behauptet werden, die oben erwähnten Konse- quenzen sind unmittelbare und notwendige Schlüsse, die sich im Zuge konstruktivi- stischen Denkens ergeben. Nein, so einfach ist es leider nicht. Denn konstruktivisti- sches Denken sieht primär den Menschen als Schöpfer seiner Realität an. Er kann sich auch für eine Realität entscheiden, in der er sich als „selbstgesetzgebend“ und „alleinherrschend“ versteht. Man kann sich auch für eine Realität entscheiden, in der der, die oder das andere als völlig nichtig erklärt wird. Einer solchen Position ent- spricht der sog. Solipsismus. Ethik wird dann überflüssig. Diese Betrachtung kon- struktivistischen Denkens ist sozusagen die „zweite Seite der Medaille“. Welche die Richtige ist, ist nicht logisch abzuleiten, sondern zu entscheiden. Es wird also ersicht- lich, dass auch konstruktivistisches Denken in sich dialektisch ist. Aus dieser Dialek- tik führt letztlich nur eine Entscheidung. So kommt auch oben erwähnte Selbstver- antwortung und die damit verbundenen ethischen Konsequenzen im konstruktivisti- schen Denken nur dann zum Tragen, wenn man sich zuvor für eine Vielfalt an Standpunkten entschieden hat. Erst wenn man davon ausgeht, dass es eine Vielzahl an Menschen gibt, die eigenständig denken können und gewissermaßen unabhängi- ge Entitäten bilden, die sich vernetzen können, erst dann kommen auch oben er- wähnte ethische Prinzipien zum Tragen. Fällt diese Entscheidung aber nicht, werden sie auch nicht wirksam.

2.5.2 Wir können „nicht nicht glauben“

2.5.2.1 Selbsterfüllende Prophezeiungen und ihre Folgen

„Als im März 1979 die kalifornischen Zeitungen mit sensationellen Berichten über eine bevorstehende, einschneidende Benzinverknappung aufzuwarten begannen, stürmten die kalifornischen Autofahrer die Tankstellen, um ihre Benzintanks zu füllen und mög- lichst gefüllt zu halten. Dieses Vollfüllen von 12 Millionen Benzintanks (die bis zu diesem Zeitpunkt im Durchschnitt 75% leer gewesen waren) erschöpfte die enormen Reserven und bewirkte so praktisch über Nacht die vorhergesagte Knappheit, während das Bestre- ben, die Brennstoffbehälter möglichst voll zu halten (statt wie bisher erst bei fast leerem Tank aufzufüllen), riesige Wagenschlangen und stundenlange Wartezeiten an den Tank- stellen verursachte und die Panik erhöhte. Als die Aufregung sich legte, stellte sich her- aus, dass die Benzinzuteilung an den Bundesstaat Kalifornien kaum vermindert worden war. Hier versagte das herkömmliche Ursachendenken. Die Knappheit wäre nie eingetre- ten, hätten die Medien sie nicht vorausgesagt. In anderen Worten: Ein noch nicht einge- tretenes (also zukünftiges) Ereignis löste Wirkungen in der Gegenwart (den Sturm auf die Tankstellen) aus, die dann ihrerseits erst das vorhergesagte Ereignis Wirklichkeit werden ließen. In diesem Sinne determinierte hier also die Zukunft - und nicht die Vergangenheit - die Gegenwart.“170

Mit diesem Zitat beginnt Watzlawick seine Ausführungen über sogenannte selbster- füllende Prophezeiungen in seinem berühmten Werk „Die Erfundene Wirklichkeit“171. Er möchte damit in erster Linie auf das gewohnte Ursache-Wirkung-Denken und sei- ne Grenzen hinweisen. D.h., dass wir zumeist davon ausgehen, dass eine Ursache in der Vergangenheit eine Wirkung in der Gegenwart hervorbringt. Mit dem Beispiel der Ölknappheit in Kalifornien möchte er aber verdeutlichen, dass es nicht nur Erei- gnisse in der Vergangenheit sind, die unsere Gegenwart beeinflussen, sondern auch Ereignisse in der Zukunft. Nun gibt es aber viele Prophezeiungen und die wenigsten davon treten ein. Bei selbsterfüllenden Prophezeiungen verhält es sich jedoch an- ders - es sind ja Prophezeiungen, die sich (selbst) erfüllen. Was ist aber der Grund dafür - was ist die Ursache für das Eintreten solcher Prophezeiungen? Watzlawick argumentiert hier folgendermaßen:

„Nur wenn eine Prophezeiung geglaubt wird, das heißt, nur wenn sie als eine in der Zukunft sozusagen bereits eingetretene Tatsache gesehen wird, kann sie konkret auf die Gegenwart einwirken und sich damit selbst erfüllen. Wo dieses Element des Glaubens oder der Überzeugung fehlt, fehlt auch diese Wirkung.“172

Die Überzeugung als der Grund dafür, eine Prophezeiung Realität werden zu lassen - das „Überzeugt-Sein-von-etwas“ als die Voraussetzung, es zu verwirklichen. Eine Erkenntnis, die weitreichende Folgen in sich birgt. Im weiteren Verlauf seines Artikels beschreibt Watzlawick unterschiedliche Beispiele für selbsterfüllende Prophezeiun- gen173. Eines aus dem Feld zwischenmenschlicher Konflikte, wo Ehepartner davon überzeugt sind, dass der jeweils andere Schuld an der Beziehungskrise hat. Ein wei- teres über ein Experiment im Schulunterricht: Lehrer wurden über die Intelligenz der Schüler informiert, die ab dem kommenden Schuljahr in ihrer Klasse sitzen werden - mit dem Ergebnis, dass die Schüler mit der scheinbar höheren Intelligenz im weite- ren Verlauf des Semesters tolle Fortschritte machten, obwohl ihre angebliche Intelli- genz zuvor nie wirklich geprüft wurde, d.h. die Lehrer glaubten an die „Tatsache“, dass eben ganz bestimmte Schüler über ein größeres Potenzial an Intelligenz verfüg- ten - und diese „Tatsache“ erfüllte sich. Auch Beispiele aus der Biologie und anderen Naturwissenschaften finden Erwähnung. Obwohl die Beispiele aus sehr unterschied- lichen Bereichen stammen, so ist ihnen dennoch eines gemein: das Moment des „Überzeug-Seins“, das eine mögliche Realität Wirklichkeit werden lässt. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll dieses Moment als die menschliche Überzeugungs- kraft bezeichnet werden. Denn sie ist etwas typisch Menschliches und sie ist eine Kraft, weil sie etwas bewirkt - eine ganze Realität sogar.

Jetzt gelingt es uns aber nicht immer so einfach mit dem „Überzeug-Sein“ vom Ein- treten einer bestimmten Zukunft aufzuhören und nur mehr die Fakten zu beachten. Denn es sind ja genau die Fakten, die im konstruktivistischen Denken so stark ange- zweifelt werden. Wie etwa der Konstruktive Realismus in seinem Objekt-Methode- Zirkel aufzeigt, beruhen auch die wissenschaftlichen Tatsachen auf Überzeugungen. Genau genommen heißt das aber, dass wir um das Moment des „Überzeug- Seins“ gar nicht herum kommen. Und wenn der Mensch - im Kontext konstruktivisti- scher Ansätze - selbstverantwortlich entscheiden und handeln muss, weil die exter- ne Instanz (z.B. Gott) dafür nicht bereit steht, dann muss er auch selbstverantwortlich und somit selbstreflexiv mit seinen Überzeugungen umgehen, denn diese spielen ei- ne entscheidende Rolle, wenn es um das Konstruieren und Kreieren einer Realität geht. Hier auszuführen, wie dies im Detail mit dem Hervorbringen eines Ereignisses durch vorangegangene Überzeugungen funktioniert, würde freilich den Rahmen die- ser Arbeit sprengen. Auch wird es letztlich nicht bewiesen werden können. Aus den Beispielen von Watzlawick's Artikel läßt sich aber erkennen, dass es eine Menge Faktoren sind, die durch das „Überzeugt-Sein-von-etwas“ in Bewegung kommen und zusammenspielen: zuerst die persönliche Interpretation eines Menschen, dann die Kommunikation und der Austausch darüber mit anderen und vor allem die daraus re- sultierenden Entscheidungen und Handlungen dürften einige, aber bei weitem nicht alle Komponenten beim Gestalten von Realität sein. Und ganz im Sinne von Watzla- wick oft zitiertem Ausspruch „Wir können nicht nicht kommunizieren“ läßt sich hier - wenn auch in einem profaneren Sinn - sagen: „Wir können nicht nicht glauben“.

2.5.2.1.1 Zur Dialektik von Überzeugung und Zweifel

Ist jemand von einer Idee oder Aussage überzeugt, dann glaubt er an die Richtigkeit und Wichtigkeit derselben. Da dieser Glaube aber keine absolute Gewissheit gibt, kann die Idee oder Aussage auch angezweifelt werden. Das Anzweifeln von Über- zeugungen bietet einerseits den Vorteil, dass man sich einer Überzeugung als Über- zeugung bewusst wird. D.h. man wird sich dabei gewahr, dass es sich um keine Tat- sachen handelt („Es könnte auch anders sein“). Andererseits kann durch das An- zweifeln eine Veränderung an Überzeugungen eintreten und damit auch eine Wei- terentwicklung derselben. Weshalb wird aber eine Überzeugung angezweifelt? Weil man von der Richtigkeit einer anderen Idee oder Aussage überzeugt ist bzw. die Richtigkeit einer anderen Idee oder Aussage zumindest in Erwägung zieht. Das Anzweifeln von Überzeugungen führt dann in weiterer Folge dazu, dass bestimmte Überzeugungen durch andere abgelöst werden. Das Anzweifeln von Überzeugungen führt also wiederum zu Überzeugung bzw. ist durch andere Überzeugungen motiviert. Eine dialektische Bewegung scheint hiermit in Gang gebracht. Überzeugung und Zweifel bedingen sich also gegenseitig.

2.5.2.2 Die Rolle von Überzeugungen im Kontext konstruktivistischen Denkens

Auch wenn in den vorangegangenen Kapiteln schon mehrmals auf die Forschungsfrage dieser Arbeit, nämlich „Welche Rolle spielen Überzeugungen im konstruktivistischen Denken?“ eingegangen wurde und darauf bereits Antworten gegeben und Konsequenzen daraus abgeleitet wurden, wird hier noch einmal explizit auf diese Frage Bezug genommen.

Im Kontext konstruktivistischen Denkens kann der Mensch also „nicht nicht glauben“. D.h. er braucht bestimmte Überzeugungen und Annahmen um etwas konstruieren zu können. Diese Annahmen und Überzeugungen (im Englischen auch beliefs oder be- lief systems genannt) bilden eine treibende Kraft, um Realität hervorzubringen - Überzeugungen als eine realisierende Kraft, könnten wir sagen. Wobei in vielen kon- struktivistischen Beiträgen der Begriff der Überzeugung nicht als solch eine potentia erkannt wird.

Vielfach wurde diese Erkenntnis, dass es mehr die Überzeugung von einer Wahrheit sei, die diese Wirklichkeit werden lässt, als ihre „tatsächliche“ Existenz, in folgende Richtung gedeutet: das „Überzeugt-Sein-von-etwas“ sei mehr eine Schwäche des Menschen, die ihn in seiner (Selbst-)Wahrnehmung irre führt und ihn in eigentlich nicht vorhandene Realitäten verbannt. Der Begriff des Aberglaubens sei hier als Stichwort erwähnt: Menschen glauben dabei an etwas und sind von etwas überzeugt, das es eigentlich nicht gibt, z.B. Dämonen oder Naturgeister. Meiner Ansicht nach wird in einer solchen Ausdeutung der menschlichen Überzeugungskraft erstens de- ren unglaubliches Potenzial verkannt und zweitens auch übersehen, dass wir aus der

Tätigkeit des „Überzeug-Seins“ gar nicht „herausspringen“ können. Natürlich können Überzeugungsinhalte stark variieren und natürlich kann keiner dieser Überzeugungsinhalte für sich Absolutheits- und (metaphysischen) Wahrheitsanspruch stellen - denn wer kann schon sagen, welche Überzeugung die an sich richtige ist. Wer vermag ein solches Urteil zu treffen?

Wenn konstruktivistische Ansätze also davon ausgehen, dass wir unsere Realität selbst hervorbringen, sie konstruieren, kreieren und auf unsere Weise interpretieren und dies auch noch mit dem Phänomen der sog. selbsterfüllenden Prophezeiungen (selffulfilling prophezies) untermauern, dann müssen auch die Folgerungen daraus konsequent abgeleitet werden. Eine dieser Folgerungen dabei lautet eben, dass alle Menschen, ganz gleich aus welcher Kultur und aus welchem beruflichen Umfeld stammend, von etwas überzeugt sein müssen. Vielmehr noch: dass der Grund für das Bild, das sie sich von der Wirklichkeit machen, im „Überzeug-Sein“ von diesem Bild liegt. Das ist grundsätzlich nichts Verwerfliches, es ist eine wertfreie Feststellung, meine ich - entgegen vieler unterschwelliger Abwertungen in diversen konstruktivi- stischen Beiträgen. Der eine ist überzeugt von der Richtigkeit des sozial- darwinistisch geprägten Satzes „Der Stärkere kommt durch“, der andere glaubt an böse Geister. Daran ist prinzipiell nichts Problematisches oder Minderwertiges zu finden. Schwierig wird es nur dann, wenn einer von beiden meint, dass seine Sicht der Dinge die absolut wahre und wirkliche sei - nicht nur für ihn, sondern auch für al- le anderen. Dann verkennt nämlich auch er, dass er zuallererst einmal an etwas glaubt, dass dann erst - für ihn - Realität wird, durch sein „Überzeugt-Sein-davon“. Wenn wir aber unser „Überzeugt-Sein-von-etwas“ auch als solches akzeptieren, dann ist das nichts Problematisches. Ganz im Gegenteil, dann erkennen wir es als eine Kraft mittels der wir Realitäten kreieren können (für die wir dann selbst die Ver- antwortung zu tragen haben). Die pessimistische Haltung, die manche Vertreter von konstruktivistischen Ansätzen einnehmen, indem sie zeigen, dass es Dinge gar nicht wirklich gibt, sondern dass sie nur in den Köpfen von Menschen existieren, die davon überzeugt sind, möchte ich hier in eine optimistische Vision umkehren - quasi die Münze wenden und ihre zweite Seite betrachten.

2.5.2.3 Die Re-Konstruktion von Spiritualität im Kontext konstruktivistischen Denkens

Wenn nun der Mensch „nicht nicht glauben“ kann, d.h., wenn es ihm nicht möglich ist, von nichts überzeugt zu sein, dann ergibt sich daraus folgende Konsequenz in Bezug zum sog. SQ, zur spirituellen Intelligenz, nämlich: Der Mensch ist fähig - laut SQ - allumfassende, ganzheitliche Sinnzusammenhänge herzustellen174 (z.B. Weltbilder mit einem transzendenten Sinn, etwa einem Gott und ähnlichem). Der wichtige Punkt ist aber, dass dieser allumfassende Sinn, der hier konstruiert wird, nicht auf einer theoretischen Ebene hängen bleiben kann. D.h. es muss an ihn geglaubt werden, man muss davon überzeugt sein. Ansonsten bleibt er eine bloße Idee, ein bloßer Gedanke ohne Wirkung. „Von-etwas-Überzeugt-Sein“ ist hier die treibende Kraft, die zur Verwirklichung von Spiritualität beiträgt, damit sie sich in unserem Leben über- haupt manifestieren kann.

Zwei Dinge sollen in diesem Abschnitt über die „Re-Konstruktion von Spiritualität im Kontext konstruktivistischen Denkens“ vor allem aufgezeigt werden: 1. Durch die bisherige Reflexion, die in dieser Arbeit vollzogen wurde, lässt sich einerseits erkennen, dass die Rolle von Überzeugungen eine fundamentale im konstruktivistischen Denken einnimmt. Darauf aufbauend und oben erwähnte Definition von Spiritualität einbeziehend, lässt sich folgern, dass, und auch wie

Spiritualität im Kontext konstruktivistischen Denkens möglich ist. Spiritualität muss nicht aus dem Kontext konstruktivistischen Denkens als eine Form von Aberglauben verbannt werden, sondern kann, in Form der oben erwähnten

Definition des sog. SQ, integriert werden. Spiritualität kann also als eine Form des „Überzeugt-Seins-von-einem-allumfassenderen-Sinn“ verstanden werden. 2. Der Begriff des Glaubens kann in Zusammenhang mit oben erwähnten Aus- führungen nicht synonym mit dem der Überzeugung verwendet werden, da ersterer in der deutschen Sprache eine eher religiöse Konnotation aufweist. Doch aus der vorangegangenen Reflexion ist es sehr wohl zulässig den Be- griff des Glaubens als eine „Sonderform“ menschlicher Überzeugungskraft zu verstehen. Denn glaubt ein Mensch an einen Schöpfer, aus dessen Kraft er entstanden ist, dann ist er auch von seiner Existenz ü berzeugt.

2.5.2.4 Die Vielfalt der Kulturen als kreativer Ausdruck menschlichen Potenzi- als

Wenn wir nun mit diesem Satz „Der Mensch kann nicht nicht glauben“ auf das interkulturelle und interreligiöse Feld blicken, so entdecken wir dort zuerst eine große Vielfalt an spirituellen Ansätzen und religiösen Weltbildern. Mit einem konstruktivistischen Bewusstsein aber ist es uns möglich zu erkennen, dass der Mensch von etwas überzeugt sein muss und dass die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit, die wir im interkulturellen und interreligiösen Bereich entdecken, nichts anderes ist als die kreative Ausdrucksform menschlichen Bewusstseins. D.h. unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Religionen stellen unterschiedliche Ausdrucksformen jener potentia dar, die hier Überzeugungskraft genannt wird.

2.5.2.5 Philosophieren als Instrument für interkulturellen Dialog

Die Fähigkeit zu philosophieren und zu reflektieren ist ein wichtiges Instrument, um in einen interpersonellen, interdisziplinären, interkulturellen oder interreligiösen Dialog zu treten - das im Kapitel „Die Krise der Philosophie“ erwähnte Verständnis von Phi- losophieren als verbindende Tätigkeit kann hier seine Anwendung finden. Vorausset- zung ist natürlich die Bereitschaft für einen solchen Dialog. Und wichtig ist, sich un- terschiedliche, gegensätzliche Meinungen anzuhören und aufgrund dieser Meinun- gen und Argumente die eigene Position infrage zu stellen (vgl. weiter oben „Respekt“, „Toleranz“ usw.) und zu reflektieren. „The Cultural Wealth of the World is its Diversity in Dialogue”175 steht in der UNESCO Declaration on Cultural Diversity. Wenn wir aber zu einem solchen philosophischen Dialog bereit sind, so wird es uns möglich unser eigenes Glaubenssystem, unsere eigenen Überzeugungen durch andere zu überdenken. Wir müssen dann natürlich bereit sein, uns selbst infrage zu stellen (vgl. weiter oben „Bescheidenheit“). Das Ergebnis davon ist, dass wir uns unserer Über- zeugungen und Glaubenssätze bewusst werden - wir werden uns keiner absoluten Wahrheit bewusst. Unsere Überzeugungen erhalten ihre Wirkung aus unserem „Überzeugt-Sein-von-ihnen“ und nicht aus einer „fundierten Tatsache“, selbst wenn dies oft der Fall zu sein scheint.

2.5.3 Die Rolle von Überzeugungen im Kontext der vier vorgestellten Modelle

Im folgenden Abschnitt werden die Antworten und Erkenntnisse in Bezug auf die diese Arbeit leitende Forschungsfrage „Welche Rolle haben Überzeugungen im konstruktivistischen Denken?“ nochmals zusammengefasst und die wichtigsten Erkenntnisse hervorgehoben.

Weiter oben, im Abschnitt „Die Re-Konstruktion von Spiritualität im Kontext konstruk- tivistischen Denkens“, wurde aufgezeigt, wie durch die Reflexion der dieser Arbeit vorangehenden Forschungsfrage Spiritualität in den Kontext konstruktivistischen Denkens wieder integriert werden kann. Da diese Erkenntnis in diesen Zeiten, in de- nen vielerorts von Spiritualität die Rede ist, von einer gewissen Aktualität zeugt, wird auch im Folgenden versucht, die Rolle von Spiritualität als einer Sonderform menschlichen „Überzeug-Seins“ im Kontext der vier Modelle näher zu beleuchten.

2.5.3.1 PsyQ: Persönlichkeits- und Bewusstseinsentwicklung, die auf Spiritualität und Selbstreflexion beruht

Die Konsequenz - im Hinblick auf den Begriff Spiritualität - für die Trilogos-PsyQ- Methode ist, dass bei dieser Methode Menschen sich einer Selbstreflexion unterzie- hen, sodass sie durch andere Menschen, andere Assoziationen und intuitive Ideen, ihre eigenen Überzeugungen und ihre eigenen Glaubenssätze reflektieren können, um diese gegebenenfalls auch zu ändern. D.h. z.B. dort wo vorher an die Angst ge- glaubt wurde, wird es plötzlich möglich, an die Hoffnung zu glauben - weil eben der Glaube an etwas verändert werden kann. Nur ist es eben vorher wichtig, sich dieses Glaubenssatzes als solchem bewusst zu werden. Erst dann können wir etwas verän- dern an uns und in unserer Umwelt, erst dann können wir überholte Abhängigkeiten „ab-hängen“ und neue - in immer „freiwilligerer Abhängigkeit“ - konstruieren. Auf diese Weise kann unser menschliches Potenzial mehr und mehr zur Entfaltung ge- langen. Denn der Mensch kann sich Stück für Stück seiner Blockaden und Hinder- nisse entledigen oder transformiert diese dank dessen Widerstand, Widerspruch, Protest etc. Spiritualität kommt hier insofern zum Tragen, als dass Menschen, die sich der Selbstreflexion im Zuge der Trilogos-PsyQ-Methode unterziehen, ihren all- umfassenden Sinnzusammenhang in ihrem Leben in Frage stellen bzw. diesen durch die vorangegangene Selbstreflexion neu entwerfen. Dass Spiritualität bei der Trilogos-PsyQ-Methode eine tragende Rolle spielt, sollte durch die obige Beschreibung dieser Methode klar zum Ausdruck gebracht worden sein, zumal der Begriff PsyQ als das menschliche Potential oder das schöpferische Gut, mittels der die Verbindung der drei Komponenten IQ/Rationalität, EQ/Emotionalität und SQ/Spiritualität gemacht, und integral verstanden werden kann176.

2.5.4.2 Konstruktiver Realismus: Wissenschaft - eine Tätigkeit, die auf Überzeugungen beruht?

Im Konstruktiven Realismus wird es im Zuge des Objekt-Methode-Zirkels schon an- gedeutet: Wissenschaft beruht auf Annahmen, auf Überzeugungen. Wissenschaftler, die von Ergebnissen und Einsichten ihrer Forschung überzeugt sind, haben keine Tatsachen oder Wahrheiten entdeckt, sondern es ist vielmehr ihr Glaube, der diese Einsichten für sie Realität werden lässt. Die geniale Leistung des Konstruktiven Rea- lismus liegt aber nicht nur in der Erkenntnis, dass Wissenschaften letztlich auf An- nahmen beruhen, sondern darin, dass Wissenschaft deshalb nicht in sich zusam- menbrechen muss - Erkenntnis ist dennoch möglich, auch wenn nicht im Sinne einer wirklichkeitsabbildenden Tätigkeit: die Methode der Verfremdung als ein Verfahren, bei dem (Selbst-)Erkenntnis hervorgebracht wird und implizite Voraussetzungen ex- pliziert werden.

Das Potenzial der in uns wirkenden Überzeugungskraft darf aber auch in den Wis- senschaften nicht unterschätzt werden, denn es ist Voraussetzung für das Konstruie- ren von Realität und somit von Mikrowelten. „Die Basis für das wissenschaftlich Brauchbare ist eine geniale Leistung, aber sie ist eine Erfindung.“177 Wenn Wissen- schaft auf Annahmen beruht und diese frei erfunden bzw. frei wählbar sind, dann ist es letztlich nur das „Überzeug-Sein“ von diesen Annahmen, das sie und das, was daraus folgt, mehr und mehr Realität werden lässt. Die Grundannahmen der traditio- nellen chinesischen Medizin und der modernen europäischen Medizin sind sehr un- terschiedlich. Wir können jetzt sagen, dass beide auf frei erfundenen Annahmen be- ruhen - dem ist grundsätzlich auch nichts entgegenzuhalten - allerdings werden wir auch zugestehen müssen, dass es ab einem bestimmten Punkt nicht mehr ausreicht, das eine oder andere Medizinsystem nur mehr als bloße theoretische Möglichkeit anzusehen. Es würde uns an der Verbindlichkeit fehlen, die uns mit ruhigem Gewis- sen mit diesem System weiterarbeiten lässt. Zumindest müssen wir von der Funktio- nalität dieses Systems überzeugt sein - wenn diese Überzeugung fehlt, verschwin- det auch unser Vertrauen darauf. Überdies wäre es unverantwortlich, wenn Ärzte mit Methoden arbeiteten, von denen sie nicht überzeugt sind. Die Verbindlichkeit hängt also von Faktoren ab, von denen wir überzeugt sind (z.B. die Funktionalität eines Sy- stems). D.h. auch in den Wissenschaften nimmt menschliche Überzeugungskraft ei- ne wichtige, ja eigentlich entscheidende Rolle ein. Allerdings wird dies gegenwärtig noch nicht auf diese Weise wahrgenommen. Würde die Rolle unserer Überzeugun- gen in den Wissenschaften erkannt und bewusst eingesetzt, so würde sich Wissen- schaft ein weiteres Mal verändern. Anzeichen dafür gibt es aber schon, im Bereich der Quantenphysik etwa - der Film „What the Bleep do we (k)now?“178 kann als Wegweiser in diese Richtung gewertet werden.

Eine weitere Konsequenz aus diesen Ausführungen ist natürlich, dass das „Über- zeugt-Sein-von-etwas“ eine realitätsbewirkende Kraft darstellt. Wenn das „Über- zeugt-Sein-von-etwas“ eine der Hauptursachen für das Hervorbringen von Realität ist, dann verlangt dies - insbesondere von Wissenschaftlern - ein hohes Maß an Selbst- verantwortung. Die im Kapitel „Krise der Philosophie“ angesprochene Spezialisie- rungstendenz scheint spätestens hier völlig fehl am Platz, denn in einer Wissenschaft in der menschliche Überzeugungskraft als Potenzial angesehen wird, müssen Dinge in einem größeren Zusammenhang gesehen werden, um die Auswirkungen der Rea- lität, die konstruiert wird, abschätzen zu können. An dieser Stelle scheint nun Philo- sophie, als ein Instrument für den geistigen Brückenbau, für das „Verbindung- herstellen“ eine sehr nützliche Sache - denn Verbindungen brauchen wir, um Zu- sammenhänge herzustellen. Philosophieren als eine einerseits selbstreflexive Tätig- keit, die aber andererseits darauf abzielt die Welt in ihrer Verbundenheit zu erfas- sen179. Und hier kommt der SQ, der spirituelle Quotient als die Fähigkeit allumfas- sende, ganzheitliche Sinnzusammenhänge hervorzubringen, zum Tragen: Mit einer integrativen, allumfassenderen Sicht, in der nicht nur rationales Denken, sondern auch emotionales Empfinden und spirituelle Überzeugung mehr und mehr an Bedeu- tung gewinnen, wird es der Wissenschaft möglich, ihre Produkte und Erkenntnisse in einen reichhaltigeren, ganzheitlicheren Kontext zu stellen. Auf diese Weise kann sie über sich selbst hinauswachsen und Bezüge - über die Grenzen der Wissenschaft hinweg - zur Gesellschaft herstellen. Der Konstruktive Realismus bietet - besonders im Hinblick auf den Wissensaustausch zwischen scientific communities unterschied- licher Kulturen - eine solide Basis, zumal er die vielfältigsten Wissensformen auf ei- ne gemeinsame Ebene stellt. Er tut dies, indem er zeigt, dass alle Wissensformen auf Annahmen und Überzeugungen beruhen und dass das verfremdende Lernen voneinander eine äußerst brauchbare Methode der Erkenntnisgewinnung darstellt. Die Frage, ob wissenschaftliches Tätigsein auch etwas Spirituelles an sich hat, ist freilich etwas kühn und überspitzt formuliert. Doch stellt man sich in diesem Zusam- menhang die Frage, inwieweit in den Wissenschaften allumfassende Weltbilder kon- struiert werden, von denen dann ihre jeweiligen Vertreter überzeugt sind, so ist die Idee von Wissenschaft als einer spirituellen Tätigkeit gar nicht so weit hergeholt.

2.5.4.3 Überzeugungen und ihre Rolle im Konzept der Entscheidungsgesell- schaft

„Die Herausforderung, der sich eine Entscheidungsgesellschaft stellt, lautet: gemeinsame Entscheidung trotz gewusster Unsicherheit, trotz Kenntnis der Tatsache, dass mit den Entscheidungen Risiko verbunden ist. Sie weiß, dass es nicht primär die Sachzwänge sind, die die Entscheidungen bestimmen, sondern die mehr oder weniger bewusst gesetzten Ziele, das Wollen.“180

Wenn wir obiges Zitat von Fischer näher ansehen, dann hat sich das kollektive Be- wusstsein, genauso wie das individuelle Bewusstsein, Ziele zu stecken - es schafft seine Realität, indem es Gewisses erreichen will. Das, was es erreichen will, wird vorher entschieden (deshalb auch der Begriff Entscheidungsgesellschaft). In einer Wissensgesellschaft stand das Wollen nicht sosehr im Vordergrund, vielmehr war es hier das Wissen selbst, das die Funktion der Gesellschaftsintegration übernommen hat - denn Wissen war gleichzusetzen mit Tatsachen und um Tatsachen herum soll- te Gesellschaft organisiert sein. Auch bei einer Glaubensgesellschaft spielte das Wollen keine allzu große Rolle, denn Götter gaben die Gesellschaftsordnung vor, die Priester vermittelten.

Doch in einer Entscheidungsgesellschaft erlangt das Wollen eine umso größere Be- deutung: „Was wollen wir; wofür wollen wir uns entscheiden?“. Wollen setzt Be- wusstsein voraus - man muss sich seiner Möglichkeiten bewusst sein, um sich für eine davon entscheiden zu können. Nun genügt aber das Wollen alleine nicht - ob- wohl es schon ein erheblicher Schritt ist, aus einer Vielfalt an Möglichkeiten eine auszuwählen, die man will. Doch hat man sich für einen Weg entschieden und will ihn gehen, aber ist davon überzeugt, dass man nicht fähig ist ihn zu gehen (obschon man ihn gehen möchte), dann nützt auch das Wollen nichts. Der Weg wird nicht zum gewünschten Ziel führen.

Das Konzept der Entscheidungsgesellschaft hat seine Wurzeln im konstruktivisti- schen Denken und die Besonderheit an diesem Konzept ist, dass es den konstrukti- vistischen Ansatz auf soziale Einheiten (Gesellschaft) überträgt. Es kommt zu dem Ergebnis, dass Gesellschaft - in einem konstruktivistischen Kontext gesehen - radi- kale Selbstverantwortung übernehmen muss, weil sie selbst ihre eigene Realität her- vorbringt181. Und um diese Realität selbstverantwortlich gestalten zu können, muss sie regelmäßig Entscheidungen treffen. Wenn wir uns aber an dieser Stelle an Watz- lawicks selbsterfüllende Prophezeiungen erinnern, im Speziellen an das Beispiel von der Ölknappheit, für die die Bevölkerung von Kalifornien selbst verantwortlich war, dann gelangen wir zu folgender Frage: „Welche Rolle spielen Überzeugungen in ei- ner Entscheidungsgesellschaft?“.

Zuerst denkt man sich vielleicht, dass Glauben in einer Entscheidungsgesellschaft überhaupt keine Rolle spielt, so wie er dies etwa in einer Glaubensgesellschaft tat, die aber nun überholt scheint. Doch dürfen wir hier eines nicht vergessen: Entschei- den kann nur jemand, der über Bewusstsein verfügt, jemand der sich seiner selbst und somit der Möglichkeiten, die er hat, bewusst ist. Ob seine Entscheidung aber die richtige ist - und zwar in einem objektiven Sinn - das kann ihm niemand sagen. Zu- mindest laut dem Konzept der Entscheidungsgesellschaft nicht, das, wie gesagt, auf einem konstruktivistischen Ansatz beruht. Eine Entscheidungsgesellschaft „weiß über die prinzipielle Unbeantwortbarkeit grundsätzlicher Fragen und trifft dennoch Entscheidungen. Die Herausforderung, der sich eine Entscheidungsgesellschaft stellt, lautet: gemeinsame Entscheidung trotz gewusster Unsicherheit, trotz Kenntnis der Tatsache, das mit den Entscheidungen Risiko verbunden ist“182 meint Fischer. Das Beispiel der kalifornischen Ölknappheit zeigt, dass es quasi kollektives ‚Unbewusst- sein’ war, das eine kollektive Realität Wirklichkeit werden ließ. Der Grund weshalb diese Knappheit eintrat, war aber - wie Watzlawick beschreibt - auf das kollektive ‚Überzeug-Sein’ der amerikanischen Bürger zurückzuführen. D.h. wären die kaliforni- schen Einwohner nicht vom Eintreten eines solchen Ereignisses überzeugt gewesen, dann wäre es auch nicht so gekommen.

Was mit dem Begriff kollektives „Unbewusstsein“ gemeint ist, das soll kurz anhand des Begriffs des kollektiven Bewusstseins gezeigt werden: von kollektivem „Unbe- wusstsein“ möchte ich deshalb in obigem Beispiel sprechen, weil sich die Kalifornier nicht bewusst waren, dass sie sozusagen gemeinsam an einem zukünftigen Ereignis konstruktiv mitwirkten. Das kollektive Bewusstsein in einer Entscheidungsgesell- schaft wiederum muss sich dessen bewusst sein, dass die kollektive Überzeugtheit von einer Sache auch ihr Eintreten bewirken wird. Dies heißt einerseits, dass das, was kollektiv gewollt wird, auch kollektiv geglaubt werden muss - ansonsten wird nach einem Ziel gestrebt, von dem man überzeugt ist, dass man es gar nicht errei- chen kann. Wenn also das bewusste Wollen, das zentraler Bestandteil des Konzepts der Entscheidungsgesellschaft ist, dazu beiträgt, dass wir unsere Realität selbstver- antwortlich und konstruktiv gestalten können, dann ist das „Überzeugt-Sein“ von dem, was gewollt wird, jener Faktor dafür, dass wir eine selbstverantwortliche und bewuss- te Realität nicht nur gestalten können, sondern es auch tatsächlich tun.

An dieser Stelle möchte ich eine Unterscheidung einführen, nämlich jene zwischen Utopie und Vision: eine Utopie ist eine Vorstellung (z.B. von der kollektiven Zukunft), deren Verwirklichung man sich zwar wünscht, aber von der man gleichzeitig auch überzeugt ist, dass sie nicht Realität wird (ein gutes Beispiel dafür sind etwa Zeitrei- sen, d.h. das beliebige Wechseln zwischen Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft). Eine Vision hingegen nenne ich etwas, das gemeinsam gewollt und an das auch geglaubt wird - d.h. etwas von dem man überzeugt ist, dass es eintreten wird. Wird in einer Entscheidungsgesellschaft das Potenzial des „Überzeugt-Seins-von-etwas“ (an- )erkannt, so können Visionen bewusster realisiert werden. Auch der Begriff der Spiritualität kommt hier erneut zum Tragen: Visionen als allumfassende Sinnzusammenhänge, an die geglaubt wird183.

Der Unterschied einer Entscheidungsgesellschaft im Vergleich zur Glaubensgesell- schaft in Bezug auf den Glaubens ist Folgender: In einer Glaubensgesellschaft durfte der Inhalt des Glaubens nicht hinterfragt werden - dies kam Blasphemie gleich. In einer Entscheidungsgesellschaft jedoch ist diese Art der Reflexion sogar notwendig, denn hier muss zuerst entschieden werden, welche Vision gewählt und an welche geglaubt werden möchte. „Wir können nicht nicht glauben“ - und aus diesem Grund stehen in einer Entscheidungsgesellschaft auch das „Überzeugt-Sein-von-etwas“ und Selbstreflexion in einem unaufhörlichen Wechselspiel: einerseits sind wir uns unserer Überzeugungen als eines realitätsbewirkenden Faktors bewusst und andererseits müssen wir uns, um uns dessen überhaupt bewusst sein zu können, selbst reflektie- ren und in Frage stellen. Aber das Pendel schwingt auch wieder zurück: es kann nicht in einer fortdauernden Reflexion und einem Bewusstwerden von Möglichkeiten verweilt werden, es muss eine Entscheidung fallen184, eine Entscheidung, die gewollt wird und von der man überzeugt ist. Klar ist, dass diese Entscheidung wiederum hin- terfragt werden kann und muss, aber auf diese Weise werden wir uns auch in einer Entscheidungsgesellschaft des Widerspruchswesens Mensch bewusst. Mehr dazu aber nun im Folgenden.

2.5.4.4 Überzeugungen im Kontext des Klagenfurter Prozessethischen Beratungsmodells

Das im vorangegangenen Kapitel erwähnte Spannungsfeld zwischen menschlicher Überzeugungskraft und Selbstreflexion finden wir im Klagenfurter Prozessethischen Beratungsmodell - genauer gesagt bei der Konzeption des sog. Flügelaltars - wieder: Der Mensch ist ein Widerspruchswesen (vgl. Ist- versus Soll-Zustand), er kann seine Situation reflektieren, sich seiner Möglichkeiten bewusst werden und daraufhin eine Entscheidung treffen. Er kann für ein Problem eine Lösung finden, doch wird diese Lösung nur von temporärer Dauer sein - eben weil der Mensch ein Widerspruchswesen ist und alles Gegebene in Frage stellen kann, um es letztlich zu verbessern. Das Grundmotiv der Lösungsfindung stellt in diesem Modell die Frage bzw. die Suche nach dem Guten dar.

Wie sieht es aber nun hier mit Überzeugungen aus? Welche Rolle spielen sie in die- sem Modell? Das Besondere am Klagenfurter Prozessethischen Beratungsmodell ist, dass sich die Wirklichkeitsgestaltung vordergründig an der Frage nach dem Guten orientiert („Wollen wir es so, die Praxis, wie es ist?“185 ). Nun kann es natürlich sein, dass die Praxis nicht dem Idealzustand entspricht. Durch Reflexion kann ein Bild entworfen werden, wie sie denn nun sein soll, die Praxis. Der dabei erarbeitete Soll- Zustand, die Lösung, wartet aber noch auf die Realisierung. Vor allem stellt sich an diesem Punkt die Frage, ob man überhaupt davon überzeugt ist, die Lösung realisie- ren zu können. Hier sei wieder an die vorhin schon erwähnte Unterscheidung von Vi- sion und Utopie erinnert. Ist man davon überzeugt, dass die Lösung Wirklichkeit werden kann? Ist das Kollektiv dazu bereit, an die Realisierung der Vision zu glauben?

Wahrscheinlich wird das Kollektiv, eine Gruppe usw. bereit sein, an die Realisierung der Vision zu glauben, sofern die Vision Sinn macht. Und wenn wir nun hier wieder- um von Sinn sprechen, so sei auch wieder an den Begriff der Spiritualität erinnert, der ja als ein Herstellen eines allumfassenden Sinnzusammenhangs verstanden wird. Ethik, Glauben und Spiritualität stehen also im Klagenfurter Prozessethischen Bera- tungsmodell in engem Zusammenhang: die Realisierung des Guten (Ethik), hängt davon ab, ob man davon auch überzeugt ist. Diese Überzeugung wiederum richtet sich danach, ob das, was als Gut definiert wird, auch in einem größeren Zusammen- hang Sinn macht (Spiritualität).

Wenn also im Klagenfurter Prozessethischen Beratungsmodell der Mensch als ein Wesen dargestellt wird, das sich seine Lösungen auf bestimmte Fragen immer wie- der aufs Neue erarbeitet, sich seine Realität somit selbst gestaltet, dann kommt auch in diesem Modell dem Begriff der Überzeugungskraft eine besondere Bedeutung zu: der Mensch muss von seinen temporären Lösungen überzeugt sein, ansonsten stellen sie keine Lösungen für ihn dar.

2.5.4.5 Fazit der Reflexion

Welche Schlüsse können nun abschließend aus vorliegender Arbeit gezogen werden, welches Fazit ergibt sich? Nun, zum einen sollte die Rolle von Überzeugungen bzw. die der menschlichen Überzeugungskraft im Kontext konstruktivistischen Denkens als realitätsbewirkender Faktor klargestellt worden sein. Einfach ausgedrückt bedeu- tet dies, dass es zuerst des „Überzeug-Seins“ von einer Realität bedarf, um sie dann auch Wirklichkeit werden lassen zu können. Da die vier reflektierten Modelle aus sehr unterschiedlichen Bereichen konstruktivistischen Denkens stammen, konnte ei- nerseits gut aufgezeigt werden, welche Rolle Überzeugen prinzipiell im konstruktivi- stischen Denken spielen. Andererseits wurde auch ersichtlich, welchen Stellenwert Überzeugungen beim konzeptionellen Aufbau der einzelnen Modelle haben.

Im Konstruktiven Realismus etwa ist keine wissenschaftliche Realität möglich, wenn ihr nicht bestimmte Annahmen und Überzeugungen vorausgehen. Im Kontext der Tri- logos-PsyQ-Methode verhält es sich ähnlich: die bewusste Gestaltung menschlicher Lebenswelt kann nur gelingen, wenn man sich seiner persönlichen Überzeugungen bewusst ist. Auch im Konzept der Entscheidungsgesellschaft kommt der menschli- chen Überzeugungskraft eine essentielle Bedeutung zu: für eine bestimmte Möglich- keit kann sich ein Kollektiv nur entscheiden, wenn es von ihr auch überzeugt ist. Und auch die Frage nach dem Guten, die im Klagenfurter Prozessethischen Beratungs- modell eine zentrale Funktion hat, kann nur beantwortet werden, wenn man von et- was überzeugt ist, dass es das Gute ist - zumindest temporär. Kurz: der Stellenwert von Überzeugungen ist bei allen vier Modellen ein fundamentaler. In weiterer Folge gilt dies für konstruktivistisches Denken überhaupt.

Versucht man sämtliche konstruktivistischen Theorien und Ansätze auf einen ge- meinsamen Nenner zu bringen, so könnte man diesen Nenner mit folgendem Satz - als quasi der Essenz konstruktivistischen Denkens - formulieren: Der Mensch ist nicht imstande Wirklichkeit zu entdecken, denn immer wenn er dies glaubt zu tun, konstruiert er vielmehr Realität. Stimmt man diesem Satz als einem gemeinsamen

Nenner sämtlicher konstruktivistischer Richtungen zu, dann stellt sich natürlich die Frage, womit denn der Mensch da eigentlich Realität konstruiert? Und hier kommen wir wieder zur Rolle der Überzeugungen zurück: Im Kontext konstruktivistischen Denkens wird aufgrund von Überzeugungen und durch Überzeugungskraft (d.h. dem „Überzeugt-Sein-von-etwas“) Realität konstruiert.

Die Konzeption konstruktivistischen Denkens bedarf also unweigerlich der Überzeugung - ohne sie wäre konstruktivistisches Denken nicht möglich. Dass damit auch der Begriff der Spiritualität im konstruktivistischen Denken wieder integrierbar wird (und nicht notwendigerweise als Aberglaube entlarvt werden muss), stellt ein weiteres Ergebnis dieser Arbeit dar.

Im Laufe der Arbeit gab es auch immer wieder Querverweise und Bezüge zu interkul- turellen Belangen und konstruktivistischem Denken. Der Konstruktive Realismus wurde beispielsweise auch als interkulturelle Wissenschaftstheorie bezeichnet, da er imstande ist, unterschiedlichste Wissensformen miteinander zu vernetzen und auf eine gemeinsame Ebene zu stellen. Es wurde daran sehr gut ersichtlich, dass kon- struktivistisches Denken von Grund auf dazu geeignet ist, vielfältigste Meinungen, Ansichten und Standpunkte in einen kommunikativen Austausch und Dialog zu füh- ren. Dass der Dialog im konstruktivistischen Denken prinzipiell gefordert und geför- dert wird, kann deutlich bei der Analyse der vier hier vorgestellten Modelle erkannt werden: Es ist ersichtlich beim CR, der auf eine Vernetzung und Vielfalt der Wissens- formen abzielt. Es ist erkennbar beim Konzept der Entscheidungsgesellschaft, wel- ches des Dialoges im Kollektiv bedarf, um eine Entscheidung zu treffen. Auch bei der Trilogos-PsyQ-Methode ist es zu erkennen, da in der Austauschrunde des Trainings ein Dialog zur Selbstreflexion integriert ist. Und ebenso beim Klagenfurter Prozess- ethischen Beratungsmodell wird dies ersichtlich, wo die Frage nach dem Guten in ei- nem gruppendynamischen Kommunikationsprozess ausagiert wird. Bei all diesen Modellen wird deutlich, dass konstruktivistisches Denken für einen Meinungsaus- tausch auf gleichwertiger Ebene hervorragend geeignet ist, da es im konstruktivisti- schen Denken grundsätzlich keine Meinung gibt, die einen größeren Wahrheitsan- spruch stellen könnte, als eine andere. Mit diesen Gedanken wird nun im nächsten Kapitel versucht aufzuzeigen, was sich mit den vier Modellen und konstruktivisti- schem Denken überhaupt im interkulturell praktischen Handeln bewerkstelligen lässt.

3 Ausblick: Integratives Bewusstsein im 21. Jahrhundert

Das nun folgende Kapitel bildet den Schluss dieser Arbeit und gleichzeitig soll es auch ein Anfang sein: es wird damit versucht, aus den vorangegangenen Konse- quenzen ein Konzept bzw. einen praxisorientierten Ausblick zu entwickeln. Dieses Konzept trägt den Titel „Integratives Bewusstsein im 21. Jahrhundert“ und es zielt darauf ab, konstruktivistisches Denken mehr und mehr für den Bereich der interkultu- rellen Vernetzung nutzbar zu machen. Der Konstruktive Realismus leistete in dieser Hinsicht schon große Beiträge. An seine genialen Ansätze zur Vernetzung von Kultu- ren sind daher die Aussagen in den nun folgenden ersten Abschnitten angelehnt. In weiterer Folge wird ein Bogen vom Begriff der Kulturen zum Begriff des Individuums bzw. zum individuellen Bewusstsein gespannt und wieder zurück zum kollektiven Bewusstsein: mit dem Ergebnis, dass nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Kulturen zur Selbstreflexion fähig sind und dass sie dieser auch bedürfen, sofern sie nach Entwicklung streben (vgl. Konzept der Entscheidungsgesellschaft). Es wird da- bei aufgezeigt, dass unterschiedliche Kulturen unterschiedliche Lösungen auf die Frage nach dem Guten (Ethik) hervorbringen (vgl. Klagenfurter Prozessethisches Be- ratungsmodell). Konstruktivistisches Denken gewinnt hier einmal mehr an Bedeutung. Auch die Rolle von Spiritualität im interkulturellen Kontext findet in diesem Konzept Erwähnung. Es wird gezeigt, wie die Vielfalt und Vernetzung von Glaubensformen, die wir derzeit auf diesem Globus vorfinden, durch konstruktivistisches Denken - durch eine konstruktivistische Lebenshaltung könnten wir fast sagen - gefördert und weiterentwickelt werden kann. Nicht zuletzt die Trilogos-PsyQ-Methode zeigt hier neue kreative Wege auf, wie sich das Individuum durch seine persönliche Überzeu- gungshaltung weiterentwickeln und dennoch von anderen Menschen mit anderen Überzeugungen und Werten lernen kann. Doch nun zum Anfang dieses Ausblicks.

3.1 Globalisiertes 21. Jahrhundert

„Wie können unterschiedliche Kulturen mit einander - in Gemeinschaft - leben?“ So lautet eine der zentralen Fragen unserer Gegenwart. Eine Frage, die in Zeiten der Globalisierung an immer größerer Bedeutung gewinnt, zumal das Neben einander von Kulturen mittlerweile zur alltäglichen Realität geworden ist. Nicht nur in den Bal- lungszentren Europas, auch in der europäischen Peripherie sind meist mehrere, ein- ander fremde Kulturen anzutreffen. Jede mit ihren eigenen Traditionen, mit ihren ei- genen Werten, mit ihrem spezifischen Wissen, mit ihrem jeweiligen Überzeugungs- system. Es ist deshalb eine der dringlichsten - und bisher nicht gelösten - Heraus- forderungen unserer Zeit, Möglichkeiten, Perspektiven anzubieten, wie ein Vernetzen von Kulturen, von Wissensformen, Wert- und Glaubenssystemen - kurz: ein Mit ein- ander - vollzogen werden kann. Stellen wir uns dieser Aufgabe nicht, so wird das Fremde immer auch das Böse bleiben, das mittlerweile schon vor der eigenen Tür haust.

Wenn hier von der Vielfalt der Kulturen gesprochen wird, dann wird diese - auf eine gewisse Weise - schon vorausgesetzt. Nicht vergessen werden soll in diesem Zu- sammenhang deshalb die Dialektik zwischen Vielfalt und Einheit. D.h. dort wo Vielfalt verortet wird, spielt auch Einheit eine Rolle. Die große Herausforderung ist (wie sich an vielen praktischen Beispielen zeigen lässt), die Einheit in der Vielfalt entstehen zu lassen, unter gleichzeitiger Beibehaltung der Vielfalt. Das eine soll durch das andere nicht ersetzt, sondern aufgehoben werden. Eine Möglichkeit, um diesen dialektischen Brückenschlag bewerkstelligen zu können, ist Vernetzung: Im Vernetzen wird Vielfäl- tiges verbunden. Das Netzwerk ist dann aber nicht bloß die Summe der einzelnen, vielfältigen Teile, sondern im Vernetzen kommt eine neue Qualität hinzu - es wird ei- ne Einheit, eine Gemeinschaft initiiert. Doch ist wiederum diese Einheit nicht gleich- zusetzen mit einer Gleichschaltung, einer Vereinheitlichung unterschiedlichster Enti- täten.

Im Internet hat sich in den vergangenen Jahren ein neuer Trend entwickelt: Unter dem Titel „community building“ wurden Plattformen für Interessengemeinschaften gebildet. Die Fotografie-Plattform „flickr“186, genauso wie die Kurzfilm-Plattform „you- tube“187 sollen hier stellvertretend für eine Unmenge anderer community-sites er- wähnt werden. Allen diesen Plattformen ist eines gemeinsam: die „community- members“ haben ein gemeinsames Interesse (z.B. Fotografieren), einen gemeinsa- men Bezugspunkt. Er ist sozusagen der Teil, der Einheit in einer Vielfalt stiften kann. Der andere Teil, der zur Dialektik von Vielfalt und Einheit beim Phänomen des „community-buildings“ beiträgt, ist die Vielfalt. Je größer die Vielfalt der Beiträge in einer Gemeinschaft, umso größer die Gemeinschaft, umso bedeutender die Einheit, das Ganze. Nähere Ausführungen dazu aber nun im nächsten Kapitel.

3.2 Kulturelle Vielfalt und Einheit durch Vernetzung

Um Vernetzung bewerkstelligen zu können, braucht es etwas, das uns dazu motiviert - eine Vision, die uns daran glauben lässt, dass die Vielheit und Verschiedenartigkeit von Kulturen auch in einer Gemeinschaft, einer Einheit erhalten bleibt. Sogar mehr noch: dass die Gemeinschaft, also die Einheit von dieser Vielfalt, profitiert. Ko chiro Matsuura, UNESCO Director-General, bringt dies mit folgenden Worten zum Aus- druck: „The Cultural Wealth of the World is its Diversity in Dialogue“188. Kultureller Reichtum wird erst durch die Bereitschaft zum Dialog möglich. Was sind aber nun die Voraussetzungen für einen solchen Dialog? Ein wesentlicher Punkt dabei ist sicher, dass der eigene Standpunkt zwar als ein sehr wertvoller, aber nicht als der einzig gültige angesehen werden darf. Er ist natürlich gültig und wertvoll - für die Person, die Gruppe, die ihn vertritt. Aber diese Person bzw. Gruppe darf nicht davon ausge- hen, dass ihre Haltung Absolutheitsanspruch erheben kann. Dann ist Dialog nicht möglich, denn das Gegenüber hat dann prinzipiell nichts zu sagen, außer etwas, das den eigenen Standpunkt bekräftigt.

3.3 Dialog als Form von Selbstreflexion

Dialog braucht etwas anderes: es braucht den Willen sich selbst und seine Lebens- welt in Frage zu stellen. Wenn dies gelingt, d.h. wenn man fähig wird, zu sich selbst in Distanz zu treten, um sich aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, erst dann ist man fähig über sich selbst zu lernen, sich weiterzuentwickeln und zu entfalten. Der Dialogpartner ist in diesem Prozess der Selbstreflexion ein notwendiger Helfer: Durch ihn, sein Wissen, seine Meinung und Haltung wird es möglich die Dinge auch anders zu sehen. Neue Zugänge zu Altvertrautem können offenbar werden - der ei- gene Standpunkt wird reflektiert und gegebenenfalls auch abgeändert. Entwicklung ist die Folge: der bzw. die Anderen werden zur wertvollen Unterstützung, um das Ei- gene, Vertraute weiterzuentwickeln. (vgl. dazu die Methode der Verfremdung189: vertraute Aussagen in fremdem Kontext.)

3.4 Das Verbindende zwischen Kulturen

Der Dialog - im Sinne eines kommunikativen Austauschs, bei dem alle Kommunika- tionspartner als gleichwertig angesehen werden - ist eine Methode um die Vernet- zung von verschiedenen Kulturen voranzutreiben - mit dem Effekt der Weiterent- wicklung derselben. Etwas Verbindendes und somit Verbindliches fehlt aber noch. Wenn wir nun dieser Frage nach dem Verbindenden zwischen Kulturen nachgehen, so ist beim Dialog und der darauf folgenden Weiterentwicklung festzustellen, dass durch diese Entwicklung menschliches Potenzial freigesetzt wird - denn wir als Men- schen entwickeln uns dabei. Wir nehmen beispielsweise Dinge, nachdem wir sie re- flektiert haben, bewusst aus einer anderen Perspektive wahr oder reagieren darauf anders als vorher. Um etwas Verbindendes zwischen Kulturen herauszuarbeiten, soll deshalb der Begriff des Bewusstseins aufgriffen werden und zwar Bewusstsein im Sinne von Selbstbeobachtung. beispielsweise bedeutet Bewusstsein eines Indivi- duums bedeutet „dass der individuelle instinktive Lebensvollzug, das unbewusst Ab- laufende, vom Individuum selbst beobachtet wird. Dieses muss sich dafür gewisser- maßen außer sich stellen, sich ansehen, insbesondere die Grenzen des Selbst.“190 Die Konsequenz von Selbstbeobachtung und Reflexion ist, wie weiter oben schon erwähnt, Entwicklung (neue Selbstwahrnehmung) - und diese findet ihren Nieder- schlag, ihren Ausdruck in Handlungen, in Verhaltensweisen, in Werten, in Überzeu- gungen („beliefs“), in wissenschaftlichen Modellen, in technischen Errungenschaften usw. Weiter gelangen wir zu folgender Aussage: verschiedene Kulturen, Glaubens- und Wissensformen sind vielfältige Ausdrucksweisen menschlichen Bewusstseins. Da unterschiedliche Individuen, wie auch Gemeinschaften, in unterschiedlichen kul- turellen wie natürlichen Umwelten existieren, ist auch ihre Ausdrucksweise eine an- dere. Sie reflektieren auch Unterschiedliches auf unterschiedliche Art. Vielfältige Verhaltens- und Wissensformen, Werte (im übertragenen Sinn quasi die „Soft- ware“ einer Kultur: vgl. „intangible heritage“191 ) genauso wie technische Produkte, handwerklich erzeugte Artefakte, architektonische Bauten etc. (also die „Hardware“: vgl. „tangible heritage“192 ) werden hier begriffen als Ausdruck von unterschiedlichen Reflexionsprozessen menschlichen Bewusstseins. Und dieses menschliche Be- wusstsein vermag es, als etwas Verbindendes zwischen Kulturen aufzutreten - denn Kulturen sind Ausdruck für etwas typisch Menschliches: Bewusst-sein193.

3.5 Bewusstseinsentfaltung als spirituelle Entwicklung

Menschliches Bewusstsein entfaltet sich in Form verschiedener Kulturen und Ge- meinschaften (z.B. Wissenschaften). Menschliches Bewusstsein entwickelt sich, in- dem es „über-sich-selbst-hinauswächst“ (Selbsttranszendenz194 ). Das Bewusstsein muss für diese Entwicklung bestehende Sinnzusammenhänge und Konditionierun- gen auflösen, sie „In-Frage-Stellen“. Es muss „hinter-sich-lassen“195 und neue Sinn- zusammenhänge herstellen können. Die Fähigkeit zu einer allumfassenden Sinnge- bung (etwa beim Konstruieren eines Weltbildes) wird ja auch „Spirituelle Intelli- genz“ genannt196. Sie nimmt bei der Entfaltung von Bewusstsein einen besonderen Stellenwert ein, da sie (zumindest temporäre) Lösungen197 für gegebene Konflikte bietet. Bewusstseinsentwicklung ist geistige Entfaltung, ist spirituelle Transformation (spiritus = Geist): Spiritualität als ein Prozess des Bewusst-werdens - der SQ als wichtiges Hilfsmittel, dass menschlicher Geist in Verbindung mit Verstand (IQ) und Gefühl (EQ), der sich entfaltet, zum Ausdruck kommt. Spiritualität als Prozess der allumfassenden Sinngebung ist nicht gebunden an Inhalte, Aussagen, absolute Wahrheiten: sie verändert diese vielmehr. Oder besser: wir verändern und transfor- mieren uns, indem sich unser Bewusstsein, unser Geist verändert (z.B. in der Weise, wie wir in unserer Kindheit bestimmte Dinge wahrgenommen haben und wie wir sie jetzt wahrnehmen). Selbstreflexion spielt dabei eine wesentliche Rolle. Sie ist die Methode mit der wir uns und die Art, wie wir etwas wahrnehmen in Frage stellen, es reflektieren und dadurch transformieren. Durch Selbstreflexion verändern wir nicht die Welt, sondern die Perspektive aus der wir sie beobachten. Wir verändern uns und unsere Selbstwahrnehmung - und erst dadurch die Welt.

3.6 Spirituelle Super-Vision als Methode interkultureller Vernetzung

Wenden wir weiter oben erwähnte Definition von Bewusstsein auf Kulturen und Glaubens-, oder sagen wir besser Überzeugungsgemeinschaften an, so ist eine jede von ihnen wie gesagt Ausdruck menschlichen Bewusstseins. Es stellt sich dann an diesem Punkt nicht mehr die Frage „Welche die Richtige ist“, sondern in ihrer Vielfalt sind sie Ausdruck des menschlichen Potenzials - so wie dies schon die interkulturel- le Wissenschaftstheorie des Konstruktiven Realismus erkannt hat198. Die große Chance, die darin liegt, ist, dass wir voneinander über uns selbst lernen können (vgl. Methode der Verfremdung199 ). Eine Gemeinschaft kann sich an der anderen reflek- tieren und sich dabei selbst weiterentwickeln. Die Andersartigkeit der Anderen ist da- bei nicht nur hilfreich, sondern sie kann als fremder Inhalt eines gemeinsamen Be- wusstseins, oder sagen wir besser eines gemeinsamen Geistes verstanden werden. Bewusst-sein, und nicht seine Inhalte, ist das, was uns verbindet, ist das Verbinden- de: ein Geist, der loslassen kann, von seinen Inhalten und Überzeugungen Abstand nehmen, um sich seiner selbst bewusst zu werden - eine Vision für ein Bewusstsein, das sich mit sich selbst versöhnt und durch die Vielfalt seine Einheit erkennt. Eine „Super-Vision“ für ein Bewusstsein im 21. Jahrhundert.

3.7. Bewusstseinsentwicklung als integrativer Prozess

Wer nun aber denkt, Bewusstseinsentwicklung sei ein rein rationaler, intellektueller Vorgang, der irrt. Sich selbst in Frage zu stellen kann Existenzängste hervorrufen, im Zweifeln kann Verzweiflung hereinbrechen. Menschliches Bewusstsein erfährt hier seine emotionale Seite. Doch auch sie kann transformiert werden - Dank Glaube und Vertrauen - sodass in der Hoffnungslosigkeit Hoffnung einsetzt - „Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg“: Menschliche Fähig- keiten, wie auf-etwas-vertrauen, an-etwas-glauben oder etwas-einen-neuen-Sinn- geben nehmen dabei eine wichtige Rolle ein. Bewusstseinsentwicklung vollzieht sich somit nicht nur auf einer rationalen Ebene, sondern auch auf einer emotionalen (Hoffnungen, Ängste) und auf einer spirituellen (Vertrauen, Glaube, Sinngebung): „Wir streben nach der Synthese aus seelisch-geistiger und spiritueller Lebensführung (IQ/Rationalität + EQ/Emotionalität + SQ/Spiritualität = PsyQ/psychospirituelle Intelli- genz). […] Mit der Auseinandersetzung zwischen Ego und persönlichem Gewissen (IQ und EQ) und dem Bezug zum höheren Selbst (SQ) beginnt die seelisch-geistige (mental-mediale) Entwicklung in der Materie (PsyQ)“200. Integrative Bewusstseins- entwicklung ist nicht einseitig, sondern durchdringt und vernetzt alle Bewusstseins- ebenen (Rationalität, Emotionalität und Spiritualität). Die Synthese dieser Ebenen von analytischem Denken, emotionalem Gewahrsein und transpersonaler Sinnge- bung tragen zur Persönlichkeitsentwicklung von Menschen bei. Bei der Trilogos- PsyQ-Methode etwa werden nicht nur rationale Fähigkeiten (wie strategisches Pla- nen oder logisches Kalkulieren), sondern auch soziale Kompetenzen (z.B. Aufrichtig- keit, Respekt, Teamfähigkeit) sowie mental-mediale Wahrnehmung (Intuition, Inspira- tion und Imagination) gefordert und gefördert und bieten Menschen die Möglichkeit sich in ihrer Individualität zu entfalten. Bleibt hier die Frage, wo und wie diese Ganz- heit entfaltet werden soll? Die Antwort ist einfach: im und vor allem mittels dem Alltag. Für integrative Bewusstseinsentwicklung dient der Alltag als wertvolles Lernfeld, an- hand dessen sich ein Mensch fragen kann „Was hat das alles mit mir zutun?“. Unse- re Lebenswelt (Gesundheit/Beziehungen/Beruf) wird dabei zum Spiegel unserer selbst - mehr und mehr erkennen wir, dass wir unser „Inneres“ (Überzeugungen, Glaubenssätze, Ängste, Freuden usw.) nach „Außen“ tragen und es uns dort (unauf- hörlich) widerfährt. Wir erkennen dabei sozusagen unsere „Mitschöpfer-Qualitäten“ - wir gestalten unsere Realität. Integrative Bewusstseinsentwicklung - im Sinne des PsyQ - heißt also, die menschliche Existenz (sowohl beim Individuum als auch bei der Gemeinschaft) in der Fülle ihres Potenzials zu begreifen.

3.8 Integrative Bewusstseinsentwicklung als Chance für ein interkulturelles „Miteinander“

Greifen wir oben erwähnte Synthese von Rationalität, Emotionalität und Spiritualität als eine Form der integrativen Bewusstseinsentwicklung nochmals auf, so stellen wir fest, dass etwa „Spiritualität […] überall auf der Welt gelebt [wird], in allen Kultu- ren“201. Denn jeder Mensch glaubt an etwas - und sei es an die Zufälligkeit seines Daseins. Jede Kultur hat ihre Überzeugungen, ihre Regelmechanismen. Was aber dabei oft zur Schwierigkeit wird, ist die Vielfalt spiritueller Formen und Überzeu- gungssysteme. Denn unweigerlich wird dann meist die Frage gestellt, welche dieser Systeme nun die richtige und wahre ist. Antworten auf diese Frage, die mit Gewalt und Aggression erwidert wurden, gab es in der Geschichte der Menschheit genug und umso unbefriedigender waren sie. Vielleicht ist aber überhaupt die Frage im Hinblick auf die menschliche Existenz selbst mehr hinderlich als förderlich. Beson- ders in Zeiten einer globalisierten, weil interkulturell vernetzten Welt, scheint sie eher diskriminierend als integrierend zu sein. Die Frage, die sich uns hier aufdrängt, lautet: Kann es ein integratives Bewusstsein, d.h. ein Bewusstsein, das unterschiedlichste Standpunkte und somit Widersprüche in sich fassen kann, überhaupt geben? Damit ist nicht gemeint, dass dieses Bewusstsein mehrere Standpunkte gleichzeitig ein- nehmen muss, sondern dass es einen Standpunkt wählt und trotzdem andere - zu- mindest als Möglichkeiten - zulässt (insbesondere der Konstruktive Realismus zeigt hier ein sehr brauchbares Konzept, wie die Vielfalt in einer multikulturellen Gesell- schaft handhabbar gemacht werden kann). Ein integratives Bewusstsein würde also heißen, dass ein Mensch oder eine Gemeinschaft erkennt, dass jeder Mensch denkt, fühlt und glaubt (also „Mit-Schöpfer“ wird und sein kreatives Potential zum Ausdruck bringt202 ) - zwar denkt, fühlt und glaubt jeder etwas anderes, aber genau darin liegt eine große Chance der Bewusstseinsentwicklung: wir können zwar unseren eigenen Standpunkt vertreten, aber dennoch andere zulassen, weil wir davon lernen können. Eine solche Haltung hätte weitreichende Folgen, die bis in die Gefilde der Persön- lichkeitsbildung hineinreichen: wir können lernen, Anderes und Fremdes zu respek- tieren - es ist keine ideologische Bedrohung mehr. Wir können lernen, Selbstverant- wortung zu übernehmen, denn es gibt niemanden mehr, der mit Recht behaupten könnte, er habe die absolute Wahrheit gefunden - wir müssen lernen unsere eigene Wahrheit (immer wieder neu) zu finden. Und dies wiederum lässt uns Gelassenheit üben, weil jede Perspektive ihre Gültigkeit hat - auch die eigene, sie muss nicht im- mer wieder gerechtfertigt werden: andere Positionen werden nicht als „Gegenargu- ment“ betrachtet, sondern als „Inspiration“, um die eigene weiterzuentwickeln. Wir können dadurch selbst-bewusster werden, d.h. wir können mehr und mehr erkennen, was wir über andere denken, fühlen und glauben. Ein stetiger Selbstreflexionspro- zess ist die Folge, der uns immer wieder fragen lässt: „Was hat das alles [Anm.: un- sere kulturelle Umwelt, unsere sozialen Kontakte, unser Berufsalltag] denn auch mit uns selbst zu tun?“203. Eine Frage, die ja auch bei der Persönlichkeits- und Bewusst- seinsschulung der Trilogos-PsyQ-Methode eine zentrale Rolle spielt und durch die der Mensch beginnt, sich selbst in Frage zu stellen, durch die er beginnt, seine Handlungen, Erlebnisse und Überzeugungen zu reflektieren. Eine Frage, durch die er beginnt, Selbstverantwortung zu übernehmen und seinen Anlagen gemäß aus sich selbst heraus zu entwickeln. Integrative Bewusstseinsentwicklung beginnt also einerseits im Kleinen, beim Individuum. Integratives Bewusstsein hat aber auch seine Wurzeln im Großen, im Kollektiv. Es braucht dieses Kollektiv, um sich mehr und mehr entfalten zu können. Denn darauf zielt es ja ab: zu integrieren; die Vielfalt zu vernetzen, um dadurch Gemeinschaft (= Individuation, Integration, Kooperation204 ) hervorzubringen.

4 ANHANG

4.1 Erfahrungsberichte zur Trilogos-PsyQ-Methode

4.1.1 Bilderreise 1

Die nun folgende Bilderreise und die damit verbundenen Erlebnisse ereigneten sich während einer Trilogos-PsyQ-Trainingseinheit, die ich im Mai 2006 besuchte. Es ging in dieser Trainingseinheit einerseits um Selbstreflexion und andererseits um Intuitionsschulung, d.h. das unmittelbare Erfassen von Information: „Intuition kommt aus dem Mittellateinischen intuitio und bedeutet Eingebung, ahnendes Erfassen.“205. Wir werden später sehen, wie sich diese beiden Bereiche (Selbstreflexion und Intuition) verbinden lassen. Aber nun zu den erlebten Inhalten der Bilderreise, die wie im Kapitel 2.4.4.2. beschriebenen 8-Stufen-Modell des Trilogos-PsyQ-Trainings aufgebaut waren; wir beginnen hier in der Imaginationsreise bei Stufe 3.

Riesenschlange mit kleinen Flügeln

Ich erwachte vor einer Kapelle in einem Wald. Rings um mich befanden sich Berge - ich kannte diesen Ort. Ich ging in die Kapelle hinein und setzte mich auf eine der Bänke. Es dauerte nicht lange, da kam mein geistiger Helfer und lud mich auf einen Spaziergang ein. Sobald wir die Kapelle verlassen hatten, schlugen wir einen Weg ein, der tiefer in den Wald führte. Dieser Weg selbst war mit rotem Sand geebnet,ähnlich jenem, den es auf Tennisplätzen gibt. Nachdem wir eine Weile so dahin mar- schierten, kamen wir vor einem Reich, dem sogenannten „ Reich der Tiere “ an. Wir betraten es, ein intensives Erleben von Natur, von Düften, Geräuschen von Tieren und visuellen Eindrückenüberkam mich. Doch waren diese Wahrnehmungen nicht unangenehm, sondern einfach ungewöhnlich und fantasievoll.

In dieser natürlichen Umgebung sollten wir für unseren rechten Nachbarn in der Übungsgruppe arbeiten - wir sollten ein Tier für ihn wahrnehmen, das symbolisch für seine momentane Verfassung und Lebenssituation steht. Ich erblickte nun vor mir ei- ne Riesenschlange, ihre Unterseite war schwarz-wei ß gefleckt und oben war sie grün, braun, schwarz schattiert. Sie hatte stark ausgebildete Zähne, wie man sie auch von

Dinosauriern kennt, also nicht nur zwei Giftzähne oben und unten. Die Schlange jag- te mir jedoch keine Angst ein, da ich schnell bemerkte, dass sie bereit war mit mir zu kommunizieren. Ein leichtes Gefühl der Unsicherheit blieb aber dennoch. Ein mar- kantes Zeichen an ihr war, dass sich hinter ihrem Kopf zwei kleine Flügel befanden. Sie glichen jenen von Kugelfischen. Anfangs hatte ich das Gefühl, als ob diese Flü- gel etwas zu klein und verkümmert wären, weil sie ja mit ihren Flügeln nicht fliegen konnte, sondern nur ihren Kopf heben. Ich bemerkte aber dann, dass man diese Verkümmerung auch anders sehen konnte: mit ihnen konnte die Schlange ihren Kopf und einen Teil ihres Körpers bis zu vier Meter in die Höhe heben. Wenn sie das tat, sah sie ziemlich mächtig und Furcht erregend aus. So gesehen waren diese Flügelüberaus nützlich. Vielleicht hatte ich die Schlange also nur verkannt und ihre Stärke als Schwäche gewertet.

Ein weiteres wichtiges Merkmal der Schlange war, dass sie sich seitwärts fortbeweg- te. Mit der Vorwärtsbewegung hatte sie Schwierigkeiten. (Ich muss vielleicht an die- ser Stelle erwähnen, dass der Eindruck der Seitwärtsbewegungen, die leichter von- stattengingen als die nach vorne, nicht unbedingt ein bildlicher war. Vielmehr war dieser Umstand - so komisch es auch klingt - fühlbar.206 ) Doch plötzlich passierte etwas Eigenartiges mit der Schlange: ihr wuchsen Beine mit gro ß en Krallen. Sie sah nicht mehr wie eine Schlange aus, sondern eher wie ein Leguan. Es war ihr nun ein Leichtes mit ihren starken Krallen auch Bäume hinaufzuklettern - sie konnte sich al- so mit sicheren Schritten vorwärts bewegen. Gleichzeitig hatte sie aber auch noch die Fähigkeit ihre Beine einzuziehen, um sich wiederum seitwärts zu bewegen.

Nach dieser Transformation verabschiedeten sich der geistige Helfer und ich von der Riesenschlange und wir gingen weiter. Auf dem Weg trafen wir noch einen Medizinmann. Er wollte uns etwas mit auf den Weg geben - ein Geschenk - und zog aus seiner Tasche eine winzige, getrocknete Schlange, die sich selbst in den Schwanz biss. Der Medizinmann meinte, dass das ein Medikament sei und dass täglich eine schmale Scheibe abgeschnitten und eingenommen werden soll.

Mit diesem Geschenk in der Tasche wanderten wir wieder zum Ausgangspunkt der Reise zurück und ich verabschiedete mich vom geistigen Helfer.

4.1.1.1 Zur Interpretation der Bilderreise

„Der springende Punkt bei der Interpretation von Bilderreisen ist, dass die für mich richti- ge Interpretation, also das, was darin für mich wahr ist, auf emotionale Weise erfahren wird und nicht auf rationalem Wege. Rational lässt sich für mich nicht ableiten welche In- terpretation stimmt, aber vom Gefühl her kann ich sehr wohl sagen, was für mich stimmig ist und was nicht. D.h. ich kann sehr wohl unterscheiden und muss nicht jede Interpreta- tion als für mich gültig anerkennen. Für jemand anderen kann eine für mich absolut fal- sche Interpretation absolut richtig sein - die Möglichkeit dazu liegt aber nicht im rationa- len, argumentativen Bereich, sondern im emotionalen Gewahrsein.“207

Auch bei der nun folgenden Interpretation gilt, dass meine Interpretation in erster Li- nie vom Gefühl geleitet ist und ihr keine analytischen Muster zugrunde liegen. Wie weiter oben schon erwähnt, so habe ich die Inhalte der Bilderreise für meinen rech- ten Nachbarn und seine momentane Lebenssituation erarbeitet. Gleichzeitig werden ja im Trilogos-PsyQ-Training auch alle „erträumten“ Inhalte immer wieder vom Träu- menden zu sich selbst zurückgenommen und dieser kann sich dann fragen: „Was hat das alles (was ich erträumt habe) auch mit mir zu tun?“. Auf diese Weise geht es al- so in diesem Training nicht einzig darum die Lebenssituation des anderen intuitiv zu erfassen. Vielmehr wird der erträumte Inhalt herangezogen, damit sich der, für den er erträumt wurde, aber auch der, der ihn erträumt hat, daran spiegeln und selbst reflek- tieren kann (vgl. Kapitel 8-Stufen-Aufbau des Trilogos-PsyQ-Trainings. D.h. nicht nur mein rechter Nachbar kann sich fragen, was denn die Riesenschlange mit ihm zu tun hat, sondern auch ich kann mir überlegen, was dieses Tier mit mir zu tun hat. Der In- halt der Bilderreise (die Traumsymbole) wird somit zum Bindeglied zwischen den Teilnehmern einer Übungsgruppe (in dem Fall zwischen mir und meinem Nachbarn). Aber nun zur Interpretation.

4.1.1.2 Symbolische Kommunikation oder Kommunikation über Symbole

Das Interpretieren 208 der erträumten Bilder und Symbole und vor allem das Assoziieren anderen Gruppenteilnehmer zu den Symbolen wird bei der Trilogos-PsyQ-Methode, wie schon erwähnt, Symbolische Kommunikation genannt. Bezogen auf oben er- wähnte Bilderreise verlief die Symbolische Kommunikation - das Assoziieren und In- terpretieren der darin vorkommenden Symbole - folgendermaßen: Ich erzählte mei- nem rechten Sitznachbarn, was ich geträumt hatte. Er war völlig verblüfft und meinte, dass das „Aufrichten“ - sowohl in körperlicher als auch psychischer Hinsicht - schon seit seiner Kindheit ein Thema für ihn sei (die Schlange konnte ja durch ihre kleinen Flügel ihren Kopf und Vorderkörper aufrichten). Erst vor einigen Wochen musste er wieder eine Körpertherapie in Anspruch nehmen, weil seine Haltung sich so ver- schlechterte. Mit der Seitwärtsbewegung der Schlange verband er seine gegenwärti- ge Lebenssituation: er hatte vor einigen Monaten seinen Arbeitsplatz verloren und war seitdem auf der Suche nach einem neuen. In seiner derzeitigen Situation hatte er das Gefühl, als ob er sich nur seitwärts, aber nicht vorwärts bewegen würde, weil er bisher nur Absagen erhalten hatte. Auch hier fiel ihm das ständige Motivieren, das ständige Aufrichten nicht leicht. Der Sitznachbar meinte auch noch, dass die Trans- formation der Schlange, als ihr nämlich Beine mit starken Krallen wuchsen, so eine Art innerer Wunsch von ihm sei: er möchte endlich festen Griff und Halt in seinem Leben haben.

Nach einer Bilderreise im Trilogos-PsyQ-Training ist es immer üblich, dass die ande- ren Gruppenteilnehmer zum Inhalt der Bilderreise assoziieren und an die angespro- chene Person Fragen stellen können. Eine dieser Assoziationen war, dass die klei- nen Flügel nicht zum Fliegen reichen, aber die Schlange den Kopf damit heben kann. Die Frage an den Sitznachbarn war dann, ob er sich momentan in einer Situation be- finde, in der er eine seiner Fähigkeiten, von der er bisher angenommen hatte, dass sie zuwenig entwickelt sei, nun mehr und mehr von einer anderen Seite betrachte. So, als ob er etwas kann, von dem er bisher angenommen hatte, dass es zu nichts nütze und nun einsieht, dass es sehr wertvoll sei. Auf diese Frage kam als Antwort ein eindeutiges ‚Ja’, denn er lerne gerade manche Seiten von sich neu kennen und schätzen, von denen er früher meinte, dass sie zu nichts gut seien.

Alles in allem konnte mein Sitznachbar sehr viel mit den Informationen und Fragen anfangen, sich daran reflektieren und Umsetzungsschritte und Veränderungs- maßnahmen für seinen Alltag entwickeln. Er konnte durch die Bilder und Symbole, die ich für ihn erarbeitet hatte auch neue Motivation schöpfen, wie er selbst bestätig- te. Und natürlich kam auch seine Emotionalität dadurch in Bewegung: er war ergrif- fen und verblüfft, dass die Geschichte auch tatsächlich so gut zu ihm passte. Es schien für ihn eine Form der Selbsterkenntnis zu sein, die sich nicht auf bloßes ‚Nachdenken über sich selbst’ beschränkte, sondern bei der seine Gefühle, Hoffnun- gen und Ängste ebenso aktiviert und bewusst wurden. Der Nachbar war bei dieser Geschichte plötzlich „mitten drin statt nur dabei“ - er konnte sie spüren, sich selbst darin wiederfinden - er erlebte sich verbunden mit sich und seiner (Um-)Welt. Laut seinen Aussagen konnte er dadurch bei einigen Dingen in seinem Leben wieder mehr (Lebens-)Sinn erkennen und vor allem auch neues Vertrauen schöpfen. Ein solcher Prozess entspricht übrigens dem, was Marshall und Zohar unter dem Einset- zen und Verwenden des SQs verstehen209. Was den Sitznachbarn und die für ihn er- träumten Inhalte betrifft, so kann ich abschließend sagen, dass er einerseits emotio- nal berührt war: die Bilder haben ihn betroffen gemacht, verblüfft, motiviert (= Aktivie- rung des EQs). Andererseits musste er dadurch auch die Sinnfrage in seinem Leben stellen, oder zumindest Teile seines Lebens und Weltbildes aufs Neue reflektieren (= Aktivierung des IQs). Gleichzeitig fasste er aber in manche Dinge seines Lebens - wie vorhin schon erwähnt - wieder mehr Vertrauen, selbst wenn sie momentan nicht so einfach für ihn zu ertragen waren. Dadurch wurde der SQ aktiviert: Sinnkrisen werden ja auch oft als spirituelle Krisen bezeichnet, in denen man sein Leben nach dem wesentlichen Grund befragt - meist eher ungewollt als gewollt. In solchen Pha- sen tauchen dann Fragen auf, wie etwa „Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin ge- he ich?’’210. Und das sind natürlich Fragen, die man sich in einer Zeit der Arbeitslo- sigkeit unweigerlich stellt. Der IQ kam dann weiter noch zum Zug als mein Sitznach- bar sich überlegen musste, wie er seine neu gewonnenen Erkenntnisse in seinem Alltag umsetzen möchte, denn er wollte ja etwas ändern und verbessern. Und dazu brauchte er einen Plan. Hier kam dann sozusagen das rationale Handwerkszeug zum Einsatz. Das Hilfswerkzeug, das uns ermöglicht, uns selbstverantwortlich für oder gegen etwas zu entscheiden, zu wollen - zu tun oder zu lassen.

Was bedeuteten die Inhalte der Bilderreise aber nun für mich - welche Bezüge kann ich zu meiner Lebenssituation herstellen? Denn schließlich war ich es, der geträumt hat. Wie sieht es also nun mit meinen Selbsterkenntnissen aus, die ich durch diese Übung gewinnen konnte? Betrachten wir zuerst einmal das „Aufrichten“, das bei der Schlange so markant war: Ich selbst hatte nie Probleme, was das Aufrichten meines Körpers betrifft und musste dementsprechend auch nie eine medizinische Behand- lung in Anspruch nehmen. Wenn ich aber das „Aufrichten“ symbolisch und im Sinne von Motivieren begreife, z.B. nach einer Niederlage wieder Mut fassen, dann kann ich mit diesem Symbol schon mehr anfangen. In meiner momentanen Lebensphase, die gekennzeichnet ist durch den Übergang vom Studentendasein ins Berufsleben, spielt ein ständiges „Neuen-Mut-Fassen“ gerade bei der Arbeitssuche eine wichtige Rolle. Emotional geht es mir da manchmal ähnlich wie meinem Sitznachbarn, der das Gefühl hatte, als ob er sich nur seitwärts bewegen könne, aber nicht wirklich vorwärts kommt. Auch einen Umdenkprozess, was die Beurteilung meiner persönli- chen Fähigkeiten anbelangt, kann ich dabei feststellen (siehe: die Flügel der Schlan- ge, die nicht zum Fliegen da sind, sondern zum „Sich-Umsicht-Verschaffen“). Und natürlich ist in einer solchen Veränderung des Lebensalltags im übertragenen Sinn der Wunsch und das Streben vorhanden, dass „einem feste Beine mit starken Kral- len wachsen, damit man sicheren Halt bekommt“. Und in diesem Wunsch nach fe- stem Halt kann ich eine eindeutige Veränderung an mir feststellen, wenn ich an die vergangenen Jahre zurückdenke: da war mir eher nach großen Flügeln zumute, mit denen ich in geistige Sphären abheben konnte. Diesem Wunsch bin ich im Prinzip auch mit meinem Philosophiestudium nachgekommen. Nun weht aber im wahrsten Sinne des Wortes „ein anderer Wind“ - kein Aufwind, sondern einer, der mir Stand- festigkeit abverlangt. Dieses Bild, ich nenne es jetzt einfach „Nicht abheben, sondern am Boden bleiben und sich mit seinen kleinen Flügeln Umsicht verschaffen“, bietet mir eine gute Möglichkeit, mich selbst und meine momentane Lebenssituation und vor allem deren Sinn zu reflektieren. Und diese Reflexion erscheint mir wichtig, sie erfasst mich fundamental, weil sie mich und meine gegenwärtige Lebenssituation als Ganzes in Frage stellt. Und dieses In-Frage-Stellen beinhaltet natürlich einerseits ra- tionale Entscheidungen, andererseits aber auch emotionales Betroffen-sein, wie et- wa Ängste und Hoffnungen, was die Zukunft betrifft. Und darüber hinaus wird für mich auch noch eine spirituelle Ebene spürbar: im Sinne eines Vertrauens, Fragens und Suchens nach einem höheren Sinn, der über mich selbst hinausgeht - man könnte dies auch als eine transpersonale Komponente beschreiben.

Kurz und gut, die intuitiv wahrgenommenen Symbole (Riesenschlange) und vor allem die Ähnlichkeiten der Interpretation meines Sitznachbars und meiner, veranlassen dazu, miteinander in Verbindung und Kommunikation zu treten. Und weil diese Ähn- lichkeiten zum Dialog anregen, bieten sie auch die Möglichkeit, voneinander zu ler- nen. Veranlasst durch die intuitiv erhaltenen Informationen schafft man sich quasi ei- nen gemeinsamen Raum, in dem Erfahrungen und Erlebnisse ausgetauscht werden. Bei diesem Austausch werden die anderen zu einer wertvollen Hilfe und Unterstüt- zung für die eigene persönliche Entwicklung. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass es bei diesem Training nicht darum geht, die richtige Bedeutung von Symbolen he- rauszufinden oder darüber zu diskutieren, wer mit seiner Interpretationen nun Recht hat. Vielmehr sind - wie schon erwähnt - unterschiedlichste Interpretationen ein wertvolles Hilfsmittel auf dem Weg zur Selbsterkenntnis. Denn je mehr Interpretatio- nen vorhanden, umso vielfältiger die Sichtweisen aus der ich mich betrachten kann. Grundsätzlich gilt immer:

„Gemäß der Trilogischen Medialität wird mit Hilfe der angewandten Gedanken- und Gefühlssprache oder der Symbolischen Kommunikation in Bezug zu verschiedenen Bewusstseinswelten (IQ und EQ und SQ) für alle ersichtlich, dass es so viele Interpretationen der Wahrheit wie Menschen und Medien gibt.“211

4.1.2 Bilderreise 2

Toter im Schnee - eine Bilderreise

Ich befand mich in einer Kapelle - einer kleinen alten Kirche, die mittlerweile auf schlichte und moderne Art erneuert wurde (d.h. diese Kapelle gibt es wirklich). Sie ist meine Lieblingskirche und in dieser Bilderreise diente sie mir auch als mein geistiger Arbeitsplatz. Ich sa ß in einer der vorderen Bänke und komischerweise befand sich vor mir auf einem Stuhl ein blauer Gitarrenverstärker mit silbernem Stoff zum Schutz

der Boxen. Er summte auf ganz eigenartige Weise und es war dieses Summen, die ses Surren, das mich in einen ganz eigenen Bewusstseinszustand führte.

Mein Schutzbegleiter stand mir zur Seite und es wurde mir bewusst, dass ich mich mitten in den Bergen befand. Bei diesem Gedanken bekam ich plötzlich das Bild ei- nes jungen Mannes in meinem Alter - er war irgendwo in den Bergen unterwegs und wirkte etwas leichtsinnig aber auch selbstsicher. Die persönliche Einstellung die die- ser Mensch dem Leben gegenüber hatte, lautete ungefähr so: „ Ich werde der Welt durch meinen Mut und meine Kraft beweisen, dass ich etwas besonderes bin! “ Ich traf diesen Mann auf einer Almhütte auf einer Höhe von 2300m. Er teilte mir mit, dass er vor einigen Jahren bei einer Lawine tödlich verunglückt war. Es tue ihm nun sehr leid, weil er erst jetzt begreife, wie leichtsinnig er sein Leben aus der Hand ge- geben hat. Dies ist aber nicht der einzige Grund weshalb er mir erschienen ist - er meinte, ich müsse jemandem (in der Übungsgruppe) etwas ausrichten, nämlich: der junge Mann möchte sich entschuldigen und sein Verhalten damals täte ihm sehr leid. Ich spürte dabei, dass dieses damalige Verhalten Verletzungen bei anderen Men- schen hervorgerufen hatte und dass diese alten Wunden noch immer nicht geheilt waren. Er verabschiedete sich dann und kehrte in seine Welt zurück, so wie auch ich wieder in die meine.

4.1.2.1 Interpretation der Bilderreise

Das Ziel dieser Übung war es, einen Kontakt zu einem sog. nichtinkarnierten Be- wusstseinsimpuls herzustellen (eine Erinnerung an einen Verstorbenen/Kontakt zu einem Bewusstsein, das nicht mehr auf dieser Welt lebt). Eine solche transpersonale Erfahrung hängt natürlich stark vom Glaubenssystem eines Menschen ab, denn manche glauben eben an ein Leben nach dem Tod und manche nicht. Im hier be- schriebenen Ansatz wird - wie schon erwähnt - auch nicht strikt behauptet, dass ein Jenseits objektiv beweisbar wäre. Eine solche Übung wird vielmehr als Möglichkeit angeboten, anhand mit dem man sich selbst reflektieren und philosophieren kann, ob man nun daran glauben will oder nicht - aber eben nicht nur auf theoretische Weise, sondern anhand eines Erlebnisses während einer Bilderreise. Von einem Weiterle- ben nach dem Tod wird in vielen Religionen gesprochen und dieses Thema inspirier- te schon zu unterschiedlichsten theologischen und philosophischen Spekulationen. Und eben weil es sich dabei um Spekulationen handelt, fallen sie in den Bereich des Glaubens und der Spiritualität. Da das Trilogos-PsyQ-Training aber davon ausgeht, dass es so viele Interpretationen der Wahrheit wie Menschen und Medien gibt212, muss auch jeder selbstverantwortlich entscheiden, an was er glauben will. Damit durch eine solche Übung aber auch eine praxisbezogene Selbstreflexion (ein sich auch tiefenpsychologisches Einlassen auf sich selber) vollzogen werden kann, hat das Trilogos-PsyQ-Training bestimmte Spielregeln eingeführt, um solche Erfahrun- gen im Bewusstsein in einen sinnvollen Bezug zum Alltag zu setzen. Hat nun jemand in der Gruppe den Eindruck, er habe einen solchen Kontakt gehabt und eine Bot- schaft für einen anderen Teilnehmer erhalten, so müssen mindestens drei fixe An- haltspunkte gegeben sein, damit überhaupt von einem Kontakt gesprochen wird. Das können zum Beispiel das Alter des Verstorbenen sein oder sein Name, seine Todes- art oder ein bestimmtes Hobby von ihm usw. Erst wenn drei solche Anhaltspunkte gegeben sind, kann die Erfahrung als ein möglicher Kontakt mit einem nichtinkarnier- ten Bewusstseinsimpuls in Erwägung gezogen werden bzw. dann kann dies als Im- puls dienen, um sich zu überlegen, wie man denn nun selbst die theologisch- philosophische Frage eines Lebens nach dem Tod beantworten würde. Übungen dieser Art dienen eben in erster Linie der Selbstreflexion sowie natürlich der Möglich- keit, immer wieder berührt zu werden und sich dadurch verbunden mit seiner Schöp- ferkraft bewusst erleben zu können: das individuelle Potential des Menschseins, der PsyQ, kann erwachen.

In meinem oben beschriebenen Fall hatte ich nicht nur drei, sondern mehrere solcher Anhaltspunkte: es waren einerseits das Alter, in dem der Mann starb, seine Todesart, sein Charakterzug im Sinne von: „ Ich werde der Welt durch meinen Mut und meine Kraft beweisen, dass ich etwas besonderes bin! “ und das freundschaftliche, nicht verwandtschaftliche Verhältnis zu jenem Menschen in der Gruppe, dem die Nachricht galt. Dieser war dann sehr gerührt und betroffen, weil die Botschaft, die ich auszu- richten hatte, ihm aus folgendem Grund sehr ans Herz ging: Der Verstorbene war ein guter Freund der Familie, aber auch der heimliche Geliebte der Mutter - und irgend- wann war das Verhältnis nicht mehr heimlich, sondern entdeckt. Und das wiederum hätte die Familie fast entzweit. Die angesprochene Person in der Gruppe war über die Nachricht erleichtert, denn sie half ihr gewisse Dinge ruhen lassen zu können. Auf diese Weise konnte der betroffene Mensch eine noch immer offene Rechnung in seinem Leben abschließen, meinte er. Einer gegenseitigen Versöhnung stand nichts mehr im Weg.

Auch in diesem Beispiel stehen die Emotionen von Menschen im Vordergrund: die Botschaft, der Verstorbene möchte sich entschuldigen, hatte in der betroffenen Per- son „einiges in Bewegung“ gebracht. Der angesprochene Mensch erhält durch diese Form von Übung eine Möglichkeit sich selbst und seine „unerlösten“, noch nicht ab- geschlossenen Erfahrungen in neuem Licht zu betrachten, sie nochmals zu überden- ken - um vielleicht auch dadurch ein Stück mehr inneren Frieden zu finden. Solche ‚Kontakte’ mit nichtinkarnierten Bewusstseinsimpulsen müssen deshalb nicht nur als ‚Erscheinungen einer anderen Welt’ gesehen werden, sie können, wie schon erwähnt, als Medium zur Selbstreflexion herangezogen werden - und erst dadurch, als Medi- um zur Selbstreflexion, werden sie uns zu sinnvollen Hilfen in unserem Alltag. Es stellt sich dann nicht mehr nur die Frage, ob solche Erscheinungen ein Leben nach dem Tod beweisen oder nicht, es stellt sich vielmehr die Frage, an welchem Punkt wir momentan in unserem Leben stehen. Die Arbeit mit nichtinkarnierten Bewusst- seinsimpulsen dient im Trilogos-PsyQ-Training in erster Linie einer persönlichen Standortbestimmung und nicht einer Beweisführung parapsychologischer und trans- personaler Phänomene - und dies ist der Punkt in dem sich das Trilogos-PsyQ- Training von anderen spirituellen Methoden abheben möchte: es dient der Arbeit an sich selbst, ist Charakterbildung, ist Schulung von Bewusstsein und Persönlichkeit.

Da hier Persönlichkeits- und Bewusstseinschulung im Vordergrund steht, kann ich natürlich auch fragen „Was hat die Erscheinung des jungen Mannes, der in einer La- wine verunglückte, denn mit mir zu tun?“. Bei näherer Betrachtung gibt es hier eini- ges, dass mir zum Nachdenken gibt: in meiner Freizeit gehe ich oft und gerne in die Berge, auch im Winter unternehme ich fast jedes Wochenende Skitouren. Es ist ei- nerseits die Schönheit der Natur, die mich so begeistert, aber andererseits auch die Herausforderung risikoreiche Unternehmungen zu wagen. Sind diese Unternehmun- gen geglückt, so muss ich zugeben, gibt mir das die Bestätigung etwas Außerge- wöhnliches geleistet zu haben. Der Satz des Verstorbenen „ Ich werde der Welt durch meinen Mut und meine Kraft beweisen, dass ich etwas besonderes bin! “ kommt mir da bekannt vor. Er lässt mich vor allem zwei wesentliche Dinge erkennen: erstens verweist er mich auf meine Überzeugung, dass man immer zuerst etwas Besonderes leisten muss, um jemand Besonderes sein zu können. Und zweitens zeigt er mir da- durch auch die Angst, ohne besondere Leistungen auch nichts besonderes sein zu können. Stelle ich mir vor dem Hintergrund dieser beiden Erkenntnisse die Frage „Wer bin ich?“, so ertappe ich mich dabei, mich allzu oft über Leistungen zu definie- ren. Menschen, die sich aber vorwiegend über Leistungen definieren, entbehren ei- ner gewissen narzistischen Tragik nicht. Ansonsten haben sie den Eindruck, nicht liebens-würdig zu sein, so Alice Miller213.

Ich denke, an diesen Ausführungen ist gut zu sehen, auf welch fruchtbare Weise die Arbeit mit nichtinkarnierten Bewusstseinsimpulsen im Zuge des Trilogos-PsyQ- Training eingesetzt werden kann - ohne dabei gleich in spekulativ-esoterische Gefil- de abdriften zu müssen, sondern einen konkreten Realbezug (für einen Teilnehmer aus der Gruppe und zu mir selbst) bewahren und nutzen zu können. Ich möchte da- bei nicht leugnen, dass spirituelle Erfahrungen durch diese Trainingsmethode nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern ganz im Gegenteil, sogar gefördert werden. Aus meiner Warte betrachtet sind es gerade diese ganz persönlichen spirituellen Erfah- rungen, die im Trilogos-PsyQ-Training Persönlichkeits- und Bewusstseinschulung vo- rantreiben. Worauf ich hinaus möchte: es kommt entscheidend darauf an, in welchen Bezug diese spirituellen Erfahrungen gesetzt werden - ob zu rational- „objektiven“ Beweisverfahren (will man also damit etwas „beweisen“) oder eben zu unserer ganz persönlichen Alltagssituation („Was hat das auch mit mir zu tun?“). Die Ansätze, spirituelle Erfahrungen rational-‚objektiven’ Beweisverfahren zu unterziehen, sind genauso unzählig wie unfruchtbar. Wobei hier immer noch zu fragen ist, worin die Unbeweisbarkeit solcher Erfahrungen liegt: darin, weil spirituelle Erfahrungen den rational-„objektiven“ Methoden, oder die rational-„objektiven“ Methoden den Erfah- rungen nicht gerecht werden? Das Trilogos-PsyQ-Training schlägt aufgrund der Un- gelöstheit dieser Fragen einen anderen Weg ein: spirituelle Erfahrungen sollen als Spiegel benutzt werden, in denen sich Menschen „ins Gesicht blicken“ können, in denen eine persönliche Standortbestimmung möglich wird - und so letztlich die Ent- wicklung der eigenen Persönlichkeit und ihrer Glaubenssätze und Überzeugungen voranschreiten kann.

4.2 Spirituality in the Context of Constructivism English Summary

One of the major queries of our time is how to integrate spirituality into a pluralistic and globalized society. At first sight Constructivism - influenced and conceptualized by authors like Watzlawick, von Foerster, Glasersfeld214 and many more - seems to have little potential to provide answers to this question. By going into further detail some unexpected keys which open the door to postmodern spirituality might be found.

The main task of this book is to have a closer look into Constructivism. The author analyzed four constructivist models all deriving from quite different disciplines: The first model emerged in the field of intercultural philosophy of science called Construc- tive Realism215. The second can be defined as a sociocultural approach for com- munity building known as Concept for Decision-based Societies216. The third model is called ‘Klagenfurter Prozess-ethisches Beratungsmodell’217 and focuses on process- oriented ethical counselling. The fourth and last model examined in this work is the so-called Trilogos-PsyQ-Method218, a vanguard approach for personality develop- ment and the shaping of consciousness. One of the results of the conducted re- search in regards to the topic of spirituality seems to be particularly striking. The cre- ation of reality - which Constructivism assumes humans to be doing consciously or unconsciously - depends primarily on beliefs. The external world is not independent from the internal. Quite contrary, our internal beliefs are shaping the world we live in.

By way of this examination the thesis is formed that there is no reality (creation) with- out believing: We cannot not believe. Spirituality as an integral part of Constructivism comes to the fore. Spirituality in the sense of providing meaning to life is not neces- sary related to religious issues. Especially the Trilogos-PsyQ-Method procures im- pressive ‘everyday life oriented’ examples of a transreligious spirituality at hand. Fur- thermore, it demonstrates how to utilize spirituality - beside rationality and emotion- ality - as a factor for personality development and consciousness building. Closing the examination the author comes to the conclusion that spirituality is an indispensable part of human being. In the context of Constructivism the question which spiritual approach is closest to truth becomes meaningless. The doors towards intercultural spiritual awareness seem to be opened.

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Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

6 Zum Autor

Mag. Dr. Michael Noah Weiss ist Philosoph und Lehrbeauftragter im Bereich Ethik. Im Jahr 2012 schloss er die Trilogos Diplomausbildung in Zürich ab. Darüber hinaus ist er 2. Vize-Präsident der Initiative Weltethos Österreich.

[...]


1 (vgl. Wallner, 1992a)

2 (vgl. Fischer, 1999)

3 (vgl. Heintel, 2004)

4 (vgl. Roethlisberger, 2006b)

5 (Greiner, 2003 : 89f)

6 (vgl. Watzlawick, 2002)

7 (http://en.wikipedia.org/wiki/Constructivist_epistemology)

8 (Wallner, 2002 : 163f)

9 (ebd. : 162)

10 (www.wikipedia.de)

11 (de Sauvage, 2002 : 37f)

12 (ebd. : 38)

13 (ebd. : 37)

14 (ebd.)

15 vgl.: „Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“ (Wittgenstein, 1996 : 45)

16 (de Sauvage, 2002 : 37)

17 „In ihren Ursprüngen war Philosophie jedenfalls nicht die Beschäftigung von Spezialisten in abge- schiedenen Räumen, sie war eine Kulturbewegung und von Beginn an gefährlich, sie stellte Fragen, die unerhört waren, sie suchte nach Ursachen, Gründen, Verstehbarkeiten. Sie hatte keine Ehrfurcht vor Autoritäten und legte sich mit der Macht an. Religiöser und gesellschaftlicher Konsens war für sie ebenso wenig absolut verbindlich wie Sitte, Gewohnheit und Norm. Sie war Aufklärung, Erschütterung, Verderben der Jugend. […] Das Wesen der Philosophie war prinzipielle Opposition, und zwar nicht im Sinne eines bestimmten Inhalts oder Interesses, sondern im Sinne des grundsätzlichen In-Frage- Stellens, des Aufrechterhaltens einer Differenz zu allem Festgelegten, Bestimmten, Entschiede- nen.“ (Berger u. Heintel, 1998 : 15f)

18 Mit „Philosoph“ ist selbstverständlich auch die „Philosophin“ gemeint. Aus Gründen der Überschaubarkeit soll in dieser Arbeit mit der männlichen Form auch immer die weibliche gemeint sein und umgekehrt.

19 (vgl.: Fischer, 1993)

20 (Kant, 1995 : 114f)

21 (Wallner, 2002 : 98f)

22 (ebd.)

23 (ebd.)

24 (De Sauvage, 2002 : 37)

25 (ebd.)

26 (Heintel, 2005 : 120)

27 (ebd. : 121)

28 (vgl.: De Sauvage, 2002 : 37)

29 (ebd.)

30 (Heintel, 2005 : 121)

31 (ebd.)

32 (vgl. Greiner, 2005 : 114)

33 (Wallner, 1992a : 19)

34 (Berger u. Heintel, 1998 : 161)

35 (Stowasser, Petschenig u. Skutsch, 1980)

36 (Wallner, 1992a : 19)

37 (Wallner, 1992a : 12)

38 (Greiner, 2005 : 29)

39 (Wallner, 2002 : 246)

40 „Reality is understood as the domain which is the result of a processes of construction. There is no trivial relation between reality and the given world - it cannot be seen as a simple relation of mapping, but rather has to be understood as a constructive relation.” (Wallner, 1992a : 94)

41 (vgl. Watzlawick, 2002 : 14f)

42 Scheitern wird hier folgendermaßen verstanden: Ein Ziel wird definiert und Mittel gesucht um dieses Ziel zu erreichen. Gelingt es nicht, mit diesen Mitteln das Ziel zu erreichen, so gilt das Unterfangen als gescheitert. Allerdings wird hier Scheitern nicht mit Versagen gleichgesetzt - denn Scheitern ist eine sehr nützliche Methode, um zu lernen. „Aus Fehlern lernen wir“ ist ein Ausspruch in unserer Alltagssprache, der auf das Potenzial, das dem Scheitern innewohnt hinweist: Scheitern als Entwicklungshilfe.

43 (vgl. Wallner 1992a : 46f)

44 (Wallner, 1992a : 70)

45 (vgl. Wallner, 1992b : 84)

46 “Es ist unmöglich interdisziplinär zu argumentieren, wenn man nicht bereit ist, das was man mit sicherer Methode entwickelt hat, in Zweifel zu stellen […].“ (Wallner, 1992 : 14)

47 „The more experience I get about other cultures, the clearer becomes the picture about my own culture. Intercultural cooperation means to get clearer on the demarcations of one’s own culture, and by this way become tolerant. It does not mean to understand the other culture in its entire structures.“ (Wallner, 1997 : 60)

“Constructive Realism emerges recently as a new Vienna School, which in some sense is meaningful not only in the domain of philosophy of science, but also, at least for my part, in the domain of culture, especially with its concept of >strangification< being not only applicable to interdisciplinary research, but also inter-cultural understanding and inter-religious dialogue.” (Shen, 1997 : 225)

48 Als eines der unzähligen Beispiele dafür soll ein Studienlehrgang für TCM, der an der Universität Krems/Österreich angeboten wird, Erwähnung finden, der sich mit Vergleichsarbeiten zwischen TCM und TEM auseinandersetzt. Siehe dazu: http://www.postgraduate.at/MBA/Studium/Traditionelle_Chinesische_Medizin_172.htm

49 (vgl. Roethlisberger, 1999 : 103)

50 (Greiner, 2005 : 32)

51 (Greiner, ebd.)

52 (vgl. Weiss, 2004 : 37f)

53 (Greiner, 2005 : 32)

54 (Heintel, 2005 : 20)

55 Eine Annahme, die beispielsweise typisch für die abendländische Schulmedizin ist, und die auch auf ihren engen Zusammenhang mit der Kultur der abendländischen Wissenschaft verweist, lautet, dass unsere Welt auf grundsätzlichen Prinzipien, auf Universalien aufbaut. Diese Universalisierungstendenz lässt sich im Medizinsystem der TCM nicht auf eine solche Weise feststellen.

56 “Truth depends on conditions. What are the presuppositions of conditional truth? Or in different words: What is the cultural framework that allows to speak about truth? In my view the answer reads: an environment with consciousness. There is no way of speaking about truth without taking the human consciousness into account. The talk about truth that is not based on this prerequisite is fiction, be- cause for human beings it is not possible to imagine a non-conscious way of living.” (Wallner, 2005 : 11)

57 (Wallner, 1997a : 38)

58 (Greiner, 2005 : 97)

59 (ebd. : 84)

60 (ebd.)

61 (Wallner, 2002 : 246)

62 (vgl. Fischer, 1993 : 29f)

63 Funktionalität ist hier an den Begriff des Scheiterns gekoppelt - als der Gegenpol quasi: Ein Ziel wird gewählt und sein Erreichen gewollt. Mittel werden dafür ausgesucht, Wege beschritten, die ans Ziel führen sollen. Ist es möglich mit den gewählten Mitteln das Ziel zu erreichen, so haben sie ihre Funktionalität - in Bezug auf das Ziel - unter Beweis gestellt.

64 (Greiner, 2005 : 84f)

65 (vgl. Weiss, 2004 : 33f)

66 (Greiner, 2005 : 53)

67 (ebd. : 102)

68 (vgl. Wilber, 2002 : 159)

69 (Wallner, 2002 : 246)

70 (vgl. Wallner, 1992a : 12)

71 (Greiner, 2003 : 89f)

72 (vgl. Wallner, 1992a : 20f)

73 (vgl. Fischer, 1999 : 71)

74 (vgl. Neurath, 1931)

75 (ebd. : 74)

76 (ebd. : 75)

77 (vgl. Roethlisberger, 1999 : 103)

78 (Fischer, 1999 : 75)

79 (Wallner, 2002 : 246)

80 (Fischer, 1999 : 76)

81 (vgl. Fischer, 1999 : 76)

82 (ebd.)

83 (De Sauvage, 2002 : 37)

84 (Fischer, 1999 : 77)

85 (ebd.)

86 (vgl. Wallner u. Agnese, 1997)

87 (Heintel, 2003 : 37)

88 (vgl. Fischer, 1997 : 193)

89 (vgl. Fischer, 1997 : 193)

90 (Berger u. Heintel, 1998 : 74)

91 (Fischer, 1997 : 193)

92 (Wallner, 2002 : 246)

93 (Fischer, 1997 : 193)

94 (Berger u. Heintel, 1998 : 74)

95 (Berger u. Heintel, 1998 : 74)

96 (ebd.)

97 (ebd.)

98 (vgl. Heintel, 2004 : 35)

99 (ebd. : 35f)

100 (Heintel, 2003 : 37)

101 (vgl. Heintel, 2004 : 17)

102 (Heintel, 2003 : 37)

103 (Heintel, 2004 : 29)

104 (Kant, 1984 : 68)

105 (Heintel, 2004 : 19)

106 (Heintel, 2003 : 38)

107 (Heintel, 2003 : 37) 61

108 (Zohar u. Marschall, 2000 : 11f)

109 (vgl. Kant, 1984 : 67)

110 (vgl. ebd.)

111 (vgl. Zohar u. Marschall, 2000 : 11f)

112 (vgl. Fischer, 1997 : 193)

113 „Menschen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen, können ein Ausmaß an Befriedigung, Produktivität und Sinn in ihrem Leben erreichen, das weit über dem Durchschnitt liegt. Sie gestalten ihr Leben bewusster und meistern es dadurch besser, verantwortliches Entscheiden für das Ganze fällt dem Einzelnen leichter. Dadurch werden die Mit-Schöpferkräfte neu entdeckt: Der individuelle

114 (Roethlisberger, 2006a : 13f)

115 (vgl. Fischer, 1987 : 1)

116 „Bewusstsein eines Individuums bedeutet, dass der individuelle instinktive Lebensvollzug, das unbewusst Ablaufende, vom Individuum selbst beobachtet wird. Dieses muss sich dafür gewissermaßen außer sich stellen, sich ansehen, insbesondere die Grenzen des Selbst.“ (Fischer, 1999 : 76)

117 (Roethlisberger, 2006a : 19)

118 (Roethlisberger, 1999 : 103)

119 (Roethlisberger, 2006a : 11)

120 (Roethlisberger, 2006a : 19)

121 (Watzlawick, 1996 : 53)

122 (Roethlisberger, 2006b : 22)

123 (Roethlisberger, 2006a : 23f)

124 (vgl. Fischer, 1999 : 76)

125 (Roethlisberger, 2006a : 25)

126 (ebd. : 25f)

127 (vgl. Zohar u. Marshall, 2000)

128 (Heintel, 2004 : 36)

129 (Zohar u. Marshall, 2000 : 206)

130 (Roethlisberger, 2006a : 26)

131 (Zohar u. Marshall, 2000 : 220)

132 (vgl. ebd. : 18)

133 (ebd.)

134 (Watzlawick, 1996 : 53)

135 „Inkarnierter Sinn = geistiges Potential (Information), das zum Ausdruck in der physischen Welt kommen möchte - die Seele (und dadurch die Psyche des Individuums) als Medium oder Vermittler hilft dabei. Gedanken und Gefühle getragen vom Vertrauen an die eigene Wahrnehmung = innere Eindrücke kommen in Resonanz mit der äußeren Welt, drücken sich aus und schaffen dadurch BeWeg-ung: Der Mit-Schöpfer erschafft sich seine Welt in der Welt. Es ist also das ‚sich trauen’ - im Vertrauen auf die eigene Wahrnehmung - das zu Authentizität, zu innerer Reife, motiviert.“ (Roethlisberger, in einer persönlichen Korrespondenz, 2006)

136 (Wallner, 1992a : 12)

137 (vgl. Stein, 1996 : 707f)

138 (Roethlisberger, 2006 : 27)

139 (ebd.)

140 (ebd.)

141 (ebd.)

142 (Roethlisberger, 2006a : 40)

143 (Roethlisberger, 1999 : 162)

144 (Roethlisberger, 2006a : 29)

145 (Roethlsiberger, 2006a : 38)

146 (vgl. Roethlisberger, 2006a : 13f)

147 (vgl. Roethlisberger, 2006b : 8)

148 (Roethlisberger, 2006a : 38)

149 (Roethlisberger, 2006b : 8)

150 (Roethlisberger, 1999 : 149f)

151 (Roethlisberger, 2006b : 86)

152 (ebd.: 37f)

153 (ebd. : 162)

154 (ebd., 2006a : 74f)

155 (ebd. : 57f)

156 (Roethlisberger, 2006a : 38f)

157 (Roethlisberger, 2006b : 88)

158 (Roethlisberger, 2006b : 92)

159 vgl.: „Menschen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen, können ein Ausmaß an Befriedigung, Produktivität und Sinn in ihrem Leben erreichen, das weit über dem Durchschnitt liegt. Sie gestalten ihr Leben bewusster und meistern es dadurch besser, verantwortliches Entscheiden für das Ganze fällt dem Einzelnen leichter. Dadurch werden die Mit-Schöpferkräfte neu entdeckt: Der individuelle Alltag (Gesundheit, Beziehungen, Beruf) erfährt eine Erweiterung oder Veränderung.“ (Roethlisberger, 2006b : 38f)

160 (Das Zitat stammt aus einer Übung von M. Weiss, gehalten am 26.02.06 auf dem Leuenberg in Hölstein/Schweiz)

161 (Fischer, 1997 : 193)

162 (Roethlisberger, 2006b : 49)

163 (Roethlisberger, 2006b : 31)

164 (Roethlisberger, 2006b : 47)

165 (Roethlisberger, 2006 : 16f)

166 (vgl. Stein, 1996)

167 (ebd.)

168 (Fischer, 1999 : 76)

169 (Dalai Lama, 2005 : 12)

170 (Watzlawick, 2002 : 91f)

171 (vgl. ebd.)

172 (ebd. : 95f)

173 (vgl. ebd.)

174 (vgl. Roethlisberger, 2006a : 25f)

175 (Stenou, 2002 : 3)

176 (vgl. Roethlisberger, 2006b : 22f)

177 (Wallner, 2002 : 246)

178 (www.whatthebleep.com)

179 (vgl. Platon's Reich der Ideen, Aristoteles unbewegten Beweger oder Kants synthetische Einheit der Mannigfaltigkeit in der Apperzeption)

180 (Fischer, 1999 : 71)

181 (vgl. Fischer, 1999 : 74)

182 (vgl. Fischer, 1999 : 75)

183 (vgl.: SQ in Roethlisberger, 2006a : 26f)

184 (vgl. Fischer, 1999 : 75)

185 (Heintel, 2003 : 37)

186 (www.flickr.com)

187 (www.youtube.com)

188 (Stenou, 2002 : 3)

189 (vgl. Greiner, 2003 : 89f u. vgl. Wallner, 1992a : 20f)

190 (Fischer, 1999 : 76)

191 „…we can also recognize the intimate links between tangible an dintangible heritage. There has been significant progress in linking tangible and intangible forms of heritage since tangible heritage comes to life only by its interpretation through intangible forms of knowledge, art, craft and symbolism.” (Stenou, 2002 : 11)

192 (ebd.)

193 An dieser Stelle sei allerdings erwähnt, dass das hier aufgegriffene Konzept von Bewusstsein keinen Absolutheitsanspruch erhebt. Es wird nicht beabsichtigt die Lösung für ein interkulturelles Miteinander abzuliefern, sondern eine mögliche.

194 (vgl. Heintel, 2005 : 1)

195

196 (Jäger, 2000 : 29) „Mit SQ (Anm.: spirituelle Intelligenz) meine ich die Intelligenz, mit deren Hilfe wir Sinn- und Wertprobleme angehen und lösen.“ (Zohar u. Marshall, 2000 : 18.)

197 (vgl. Heintel, 2004) 125

198 (vgl. Wallner u. Agnese (1997b)

199 (vgl. Wallner, 1997a. How to Deal with Science If You Care for Other Cultures. Constructive Realism in the Intercultural World. Braumüller. Wien.)

200 (Roethlisberger, 2006a : 12f)

201 (Roethlisberger, 2006a : 172)

202 (vgl. Roethlisberger, 2006a : 37)

203 (vgl. Fischer, 1997 : 193)

204 (vgl. Roethlisberger, 2006b : 92)

205 (Roethlisberger, 2006a : 16f)

206 Hiermit möchte ich einen kurzen Querverweis zu den von Linda Roethlisberger immer wieder erwähnten fünf inneren bzw. medialen Sinnen machen: bei solchen Bilderreisen kann man nicht nur Bilder (inneres Sehen), sondern auch Gerüche (inneres Riechen), Geräusche bzw. Melodien (inneres Hören), Empfindungen (inneres Fühlen) und spontane Eingebungen (Intuition, inneres Wissen) wahrnehmen. Die medialen Anlagen oder der sinnliche Draht zur geistigen Welt erwacht. (vgl. Roethlisberger, 1999 : 196f)

207 (Weiss, 2006 : 40)

208 (vgl. Roethlisberger, 2006a : 38)

209 (Marshall u. Zohar, 2000 : 18)

210 (vgl. Roethlisberger, 2002)

211 (Roethlsiberger, 2006 : 45)

212 (vgl. Roethlisberger, 2006a : 29)

213 (vgl. Miller, 1983 : 58f)

214 (see Watzlawick, 2002)

215 (see Wallner, 1997)

216 (see Fischer, 1999)

217 (see Heintel, 2004)

218 (see Roethlsiberger, 2006b)

151 von 151 Seiten

Details

Titel
Wir können nicht nicht glauben - Menschliche Überzeugungskraft als realitätsbewirkender Faktor
Untertitel
Spiritualität im konstruktivistischen Denken
Autor
Jahr
2012
Seiten
151
Katalognummer
V201219
ISBN (Buch)
9783656272281
Dateigröße
1119 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
IQ + EQ + SQ = PsyQ® edition
Schlagworte
PsyQ, Trilogos-PsyQ-Methode, Konstruktivismus
Arbeit zitieren
Mag. Dr. Michael Noah Weiss (Autor), 2012, Wir können nicht nicht glauben - Menschliche Überzeugungskraft als realitätsbewirkender Faktor, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201219

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