1 Einleitung
„Am Vormittag des 16. April 2002 ereignet sich während der schriftlichen Abiturprüfungen im Erfurter Gutenberg-Gymnasium eine bis dahin unfass- und unvorstellbare Tat: Der 19-jährige ehemalige Schüler Robert S. betritt mit einer Sporttasche das Schulgebäude. In der Toilette im Erdgeschoss zieht er sich schwarze Kleidung an sowie eine Maske über den Kopf und bewaffnet sich. Danach bewegt er sich zielsicher und systematisch durch das Schulgebäude und tötet in nur zehn Minuten zwölf Lehrer, zwei Schüler und jeweils eine Sekretärin und einen Polizisten. Am Ende tötet er sich selbst.“
Ähnliche Nachrichten von derartigen Taten sind bisher nur durch die Medien bekannt und erscheinen eher weit entfernt. Es gilt vielmehr als ein spezifisches Problem der USA, wie beispielsweise die weltweit aufsehenerregendste Tat an der Columbine High School. Nachdem jedoch mit den Städten Erfurt, Emsdetten und Winnenden erschreckende Ereignisse mit blutigen Spuren assoziiert werden, steht fest, dass auch in Deutschland Taten dieser Art möglich sind. Obwohl solche krisenhafte Ereignisse nur selten vorkommen, ist ihre Anzahl in den letzten Jahren stetig gestiegen. Diese grausamen Taten, über die immer wieder in den Medien berichtet wird, haben großes Entsetzen und Ratlosigkeit allerorts ausgelöst und sich dauerhaft in das Gedächtnis der Gesellschaft eingebrannt. Es ist also von Bedeutung sich mit der Thematik des School Shootings auseinander zu setzten und die Bevölkerung zu sensibilisieren. Wenn die Medien von grausamen, brutalen und furchtbaren Taten sprechen, beschreiben diese Worte ausschließlich das Handeln, nicht die Gründe. Die öffentlichen Diskussionen fokussieren den psychischen Zustand, der zumeist männlichen Täter, konzentrieren sich auf deren Medienkonsum, insbesondere die gewalthaltigen Videospiele, und thematisieren den Zugang sowie den Gebrauch von Waffen. Es erweckt den Anschein, als würden die sozialen Voraussetzungen sowie die tatauslösenden Beweggründe der Täter eher außer Acht gelassen werden. Darüber hinaus gewinnt zunehmend die Frage an Bedeutung, warum Jugendliche gerade an Schulen solch tödliche Gewalttaten ausüben. So werden solche Taten im Englischen als School Shootings bezeichnet, womit im Deutschen der Begriff der Schulschießerei gemeint ist.
Die nachstehende fachwissenschaftliche Bachelorarbeit thematisiert diese Frage und beschäftigt sich demnach ausschließlich mit Taten, die sich an Schulen ereignen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffserklärung
2.1 Amoklauf
2.2 School Shootings
3 Taten
3.1 Das Ausmaß von School Shootings – Internationaler Kontext
3.1.1 Zeitliche Verteilung der School Shootings
3.1.2 Opfer von School Shootings
3.1.3 Tatausgang von School Shootings
3.2 Täter
3.2.1 Männliche School Shooter
3.2.2 Anzahl der School Shooter
3.2.3 Alter der School Shooter
3.2.4 Waffen
3.3 School Shootings in Deutschland
4 Die Lebensphase Jugend
4.1 Das Jugendalter
4.2 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
4.3 Psychosoziale Entwicklung
4.4 Identitätsentwicklung
4.4.1 Die Familie
4.4.2 Schulen und Ausbildungsinstitutionen
4.4.3 Die Peer-Group
5 Ursachen, Hintergründe und Entstehung
5.1 Gesellschaftliche, familiäre und soziale Hintergründe
5.1.1 Gesellschaftliche Aspekte
5.1.2 Familiäres Umfeld
5.1.3 Soziales Umfeld
5.2 Unauffälliges Erscheinungsbild des School Shooters
5.3 Psychopathologische Auffälligkeiten
6 Tatort Schule
6.1 Schulen als Bedingungsrahmen
6.1.1 Der Selektions- und Leistungsdruck der Schule
6.1.2 Soziale Kontrolle durch die Schule
6.1.3 Mitschüler
7 Medien
7.1 Bedeutung gewalthaltiger Medien
7.2 Gesteigertes mediales Interesse
8 Prävention
8.1 Ansätze zur Prävention und Intervention
8.2 Präventionsmöglichkeiten in der Schule
8.2.1 Primärprävention
8.2.2 Sekundärprävention
8.2.3 Tertiärprävention
9 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen und Hintergründe von Amokläufen an Schulen (School Shootings), um zu analysieren, warum Jugendliche ausgerechnet Bildungseinrichtungen als Tatort wählen und welche Rolle psychosoziale Faktoren sowie der schulische Kontext dabei spielen.
- Phänomenologische Abgrenzung von Amoklauf und School Shooting
- Entwicklungspsychologische Belastungen in der Lebensphase Jugend
- Die Schule als Tatort: Leistungsdruck, soziale Kontrolle und Rolle der Mitschüler
- Einfluss gewalthaltiger Medien und mediale Wahrnehmung
- Präventionsansätze im schulischen Bereich
Auszug aus dem Buch
6.1.1 Der Selektions- und Leistungsdruck der Schule
Schulen sind Spiegelbilder der Gesellschaft und drücken somit die Strukturbedingungen der Gesamtgesellschaft aus. Damit sind sie Zuträger für die Vorgaben und Bedürfnisse einer bestimmten politischen und gesellschaftlichen Situation.
Die Schule nimmt eine doppelte Funktion ein: einerseits übernimmt sie die Vermittlung von gesellschaftlich relevantem Wissen sowie die Förderung und den Ausbau von sozialen Kompetenzen. Hierbei stehen, neben der Wissensvermittlung, das Erlernen von gesellschaftlich gültigen Normen und Werten, wie Pünktlichkeit, Aufmerksamkeit, Disziplin und Respekt sowie das Erproben von sozialen Rollen und Verhaltensmustern im Vordergrund. Ziel ist es, die Schüler zu autonomen und selbstbewussten Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen, die die geltenden Normen und Werte achten. Andererseits erfolgt, durch den Selektionsmechanismus der Notenvergabe, eine frühzeitige soziale Positionierung. Das hat zur Folge, dass zukünftige Marginalisierungs- und Ausschließungsprozesse vorweggenommen werden.
Für den Zugang zum Arbeitsmarkt nimmt die Bedeutung von Bildungsabschlüssen immer mehr zu, sodass die Bedrohung durch schulische Misserfolge stetig steigt. Nicht vorhandene schulische Qualifikationen begünstigen demzufolge die Gefahr des sozialen Ausschlusses und die Reduktion von Lebenschancen. Basierend auf der Gegebenheit, dass die School Shooter in den meisten Fällen als Einzelgänger mit einer sozialen Randposition gelten, stellt sich die Frage, inwiefern der schulische Misserfolg als Ursache für deren Ausschluss und für ihr späteres School Shooting von Bedeutung ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Thema der School Shootings, Problemstellung und Zielsetzung der Bachelorarbeit.
2 Begriffserklärung: Definition und Abgrenzung der Termini Amoklauf und School Shooting zur präzisen Einordnung der Taten.
3 Taten: Analyse internationaler Daten sowie spezifischer Fälle in Deutschland unter Berücksichtigung von Tätereigenschaften und Tatwaffen.
4 Die Lebensphase Jugend: Darstellung der entwicklungspsychologischen Anforderungen im Jugendalter, insbesondere Identitätsbildung und soziale Einbindung.
5 Ursachen, Hintergründe und Entstehung: Untersuchung familiärer, sozialer und psychologischer Faktoren, die in Kombination mit narzisstischen Persönlichkeitszügen zur Tatplanung beitragen können.
6 Tatort Schule: Analyse des Einflusses von Leistungsdruck, sozialer Kontrolle und Mitschülern auf die Entstehung von Rachefantasien.
7 Medien: Diskussion der Bedeutung von gewalthaltigen Medien und der Wirkung medialer Berichterstattung auf potenzielle Nachahmungstäter.
8 Prävention: Erläuterung von Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention als Möglichkeiten zur frühzeitigen Identifikation und Intervention an Schulen.
9 Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage unter Berücksichtigung der untersuchten Risikofaktoren.
Schlüsselwörter
Amoklauf, School Shooting, Jugendphase, Identitätsentwicklung, Schulische Gewalt, Leistungsdruck, Narzisstische Persönlichkeitsstörung, soziale Isolation, Medienkonsum, Prävention, Schulversagen, Mobbing, Täterprofil, Sozialisation, Psychopathologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit setzt sich mit dem Phänomen der School Shootings auseinander und analysiert, warum jugendliche Täter Schulen als Tatort für ihre Gewalttaten wählen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die Definition der Begriffe, die psychologische Lebensphase Jugend, die Schule als Tatort, der Einfluss von Medien sowie Möglichkeiten der Prävention.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, innere und äußere Beweggründe zu identifizieren, die Jugendliche zu solchen Taten verleiten, und ein Verständnis für die Eskalationsprozesse zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine fachwissenschaftliche Literaturanalyse, die auf aktuellen Studien, polizeilichen Statistiken und psychologischen Erkenntnissen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Bestandsaufnahme der Taten, eine Analyse der Entwicklungsphase Jugend, Ursachenforschung im familiären und sozialen Umfeld, eine Untersuchung des Schulkontexts sowie des Medienkonsums.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Amoklauf, School Shooting, Identitätsentwicklung, Leistungsdruck, soziale Randposition und Prävention.
Warum wählen Täter oft die Schule als Tatort?
Die Schule wird als Ort wahrgenommen, an dem Täter durch Notengebung, Selektionsdruck und Ablehnung durch Mitschüler Stigmatisierung und Demütigung erfahren, was zu Hass gegen diese Institution führt.
Spielen gewalthaltige Medien eine Rolle bei der Entstehung von Taten?
Ja, laut der Arbeit können gewalthaltige Medien als Risikofaktor dienen, indem sie Gewaltfantasien verstärken und Täter in eine fiktive Welt der Allmacht flüchten lassen, wobei sie jedoch nicht als alleinige Ursache gelten.
- Quote paper
- Hanna Horn (Author), 2012, Amoklauf - Warum begehen Jugendliche in Schulen Amokläufe?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201236