Macht, Subjekt und Geschlecht zwischen Butler, Lacan und Irigaray

Eine Betrachtung mit Tove Soiland


Seminararbeit, 2011

23 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Judith Butler: Gender, Performativität und die Heteronormativität der Psychoanalyse

2. Butler liest Lacan: der Vorwurf des Androzentrismus und Phallozentrismus

3. Tove Soiland liest Butler: Die Unvereinbarkeit von gender und Psychoanalyse

4. Tove Soiland liest Luce Irigaray liest Lacan: Frauenmarkt, Hom(m)osexualität und die Frage nach dem weiblichen Subjekt

5. Tove Soiland: Zentrale Gemeinsamkeiten und Divergenzen bei Butler und Irigaray

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Fasst man Geschlecht, wie es in der Konzeption von gender in den Sozialwissenschaften mittlerweile der Brauch ist, als soziale Kategorie, so stellt sich unweigerlich die Frage, wie denn Subjekte dazu gebracht werden, Geschlechterrollen so sehr zu verinnerlichen, dass sie als quasi-natürliche Eigenschaft erscheinen, als Teil der persönlichen Identität, als welche sie auch lange Zeit angesehen wurde. Nicht selten verweist diese Frage auf einen natürlichen, materiellen Rest, der sich der Dekonstruktion von gesellschaftlichen Normen widersetzt, und der in der Dichotomie von gender und sex persistiert. Sex stünde in dieser Konzeption als das biologische Geschlecht, während gender die den beiden existenten Geschlechtern zugeschriebenen Rollenerwartungen und kulturell vorgeschriebenen Über- und Ausformungen der biologischen Körper bezeichnet. Diese werden als historisch, als kontingent und somit veränderbar angesehen, und auf dieser Ebene tut sich ein breites Feld von Dekonstruktion, Subversion Neuaushandlung auf. Die engen Grenzen der tradierten Rollenbilder wurden längst gesprengt, und sind zwar immer noch reaktionäre Kräfte am Werk, die sich ihrer Rekonstruktion widmen, so gibt es wohl genauso viele, die sich in ihrer Überschreitung üben.

Das Spiel mit den Geschlechterrollen ist durchaus gesellschaftsfähig, nicht nur deren Austauschbarkeit, sondern auch ihre Pluralisierung hat in die Praxis der alltäglichen Selbstdarstellung Einzug gehalten und damit auch in jenen Gesellschaftsbereichen, die das Repertoire und die Requisiten dieser Inszenierungen der Geschlechterpluralität bereitstellen: die Mode, Literatur, Film und Lifestyle-Welten. Immer mehr wird auch der Körper selbst zum Ziel dieser Stilisierung, wird verändert und geformt, und auch das biologische Geschlecht, sex, bildet hier keine Grenze mehr. Die körperliche Basis ist keine feste, auch sie ist dekonstruierbar. Doch bleibt die Frage: Wie stehen diese Rollen, diese mannigfaltigen, kulturellen, historisch veränderbaren Verhaltensweisen, Körperlichkeiten und Accessoires der Geschlechtsrepräsentationen denn überhaupt in Beziehung zu dem, was wir als Subjekt bezeichnen? Gibt es einen unveränderbaren Kern des Ich, die Identität, oder gehen wir vollkommen in diesem Set aus Stilisierungen auf? Gibt es ein Subjekt, das aus diesen möglichen Identitäten wählt? Oder werden diese erst zu dem verdichtet, was wir als Subjekt bezeichnen? Gibt es dieses Subjekt als solches überhaupt, und wenn ja, ist es überhaupt als solches fassbar?

Es ist dieser Schnittpunkt zwischen Subjekt und Gesellschaft, an dem sich Sozialwissenschaften und Psychoanalyse treffen und miteinander in Auseinandersetzung treten, doch scheint der Graben zwischen diesen Theorien nicht allzu leicht zu überwinden zu sein. Tove Soiland zeigt in ihrem Buch die Probleme auf, die der löbliche Versuch eines solchen Unternehmens aufwirft, wie ihn prominent Judith Butler unternommen hat. Diese geht zur Klärung der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Geschlecht und Subjekt an Lacans Subjekttheorie heran, jedoch mit ihrem ganz spezifischen Hintergrund, was dazu führt, dass ihre Auseinandersetzung in eine Art Dekonstruktion der Psychoanalyse mündet, wobei jener der Vorwurf gemacht wird, Subjektwerdung in der Tradition heterosexueller Normierung zu konstruieren. Das Verdienst Tove Soiland ist es, gezeigt zu haben, dass dieses Ergebnis sich aus Butlers spezifischem theoretischem Hintergrund ergibt, mit dessen Begriffsrepertoire sie Lacan nur bis zu einem gewissen Punkt folgen kann. Denn ihre Begriffe von Macht, Geschlecht und Subjekt sind mit den Konzepten Lacans kaum in Einklang zu bringen. Tove Soiland zeigt dann, dass eine feministische Auseinandersetzung mit Lacan, wie sie Luce Irigaray betrieben hat, zu ganz anderen Schlüssen kommt, und somit eine Art Zwischenposition zwischen Strukturalismus und Dekonstruktion einnimmt. Beide, Butler und Irigaray wollen die tradierten geschlechtlichen Positionen überwinden, bewerkstelligen dies aber auf zwei völlig unterschiedlichen Wegen, die auf einer unterschiedlichen Lacan-Auslegung beruhen (Soiland 2010: 14). Irigaray bleibt dabei näher an Lacan als Butler, aber, und dies ist auch ein zentrales Anliegen von Soiland, der Vorwurf des Essentialismus und Biologismus, der Irigaray aufgrund ihrer Arbeit mit dem Begriff einer sexuellen Differenz gemacht wurde, treffe diese nicht.

In dieser Arbeit sollen die Positionen Butlers und Irigarays gegenüber gestellt werden, wie sie Soiland in ihrem Buch konturiert. Den Ausgang bildet dabei Judith Butler und ihre Kritik an Lacan, die sie in „Körper von Gewicht“ formuliert. Das erste Kapitel führt in Butlers Theorie der Performativität, ihre Autoritätskritik und den Vorwurf an die Psychoanalyse als solche ein, während das zweite Kapitel auf ihre Lektüre Lacans zum Spiegelstadium und der Bedeutung des Phallus eingeht. Anschließend soll Soilands Kritik an Butler wiedergegeben werden und in Folge die Gegenüberstellung mit Irigaray. Welche Konzepte Lacans sind für die beiden Autorinnen von Bedeutung, und wie unterscheiden sich ihre Auslegungen seiner Schriften in Bezug auf das Verhältnis von Subjekt und Geschlecht und worin sind sie sich eventuell einig? Diese sich entwickelnden Punkte werden im letzten Kapitel noch einmal zusammengefasst. Das Fazit soll zum Abschluss noch einmal die eingangs gestellten Fragen aufgreifen und diskutieren.

1. Judith Butler: Gender, Performativität und die Heteronormativität der Psychoanalyse

Mit ihrem Buch „Körper von Gewicht“ (1997) unternimmt Judith Butler den Versuch, die These, dass Geschlecht sozial konstruiert sei, auch auf die Körperlichkeit auszuweiten. Zuvor hatte sich eine Zweiteilung in sex als biologisches und gender als soziales Geschlecht etabliert, wobei die feministische Diskussion sich auf die Auseinandersetzung um gender und somit auf hegemoniale Rollenzuschreibungen im Rahmen einer heteronomen Geschlechtsnorm und deren Dekonstruktion und Subversion konzentrierte. Die Biologie blieb dabei weitgehend außen vor, während sich um den Begriff gender ein großer Komplex an wissenschaftlicher und politischer Geschäftigkeit entwickelte. Butlers Unternehmen, die Körper in den Fokus zu Rücken, verdankt sich nicht zuletzt einer Absage an einen „linguistischen Monismus“, einer Auffassung wonach ohnehin alles Sprache, alles Diskurs sei und das biologische Geschlecht bloße Fiktion (1997:27). Der Diskurs bleibt für Butler nicht ohne materielle Folgen, und so ist ihr Buch auch als eine Verhandlung zwischen den Positionen des Idealismus und des Materialismus zu lesen (ebd. S. 35). Außerdem bedeutet für Butler diese Konzeption auch eine Absage an einen herkömmlichen Konstruktivismus, der als strenger Determinismus aufgefasst wird, ohne freilich jedoch einem Essentialismus das Wort zu reden. Vielmehr formuliert sie in einer Zwischenposition einen Begriff von Materie als

„ein Prozeß der Materialisierung, der im Laufe der Zeit stabil wird, so daß sich die Wirkung von Begrenzung, Festigkeit und Oberfläche herstellt, den wir Materie nennen“ (ebd., S. 32; Hervorh. J.B.).

Materie ist somit nicht etwas Vorgängiges sondern etwas Gewordenes, und dieses Werden, dieser Prozess unterliegt bestimmten Regeln, die nicht ahistorisch, sondern kontingent sind. Mit dieser Konzeption schließt Butler ausdrücklich an Foucaults Konzept der produktiven Effekte der Macht an. Butlers Vorstellung von Konstruktivismus widerspricht somit der Ansicht, dass einer aufgefundenen Natur kulturelle Definitionen auferlegt würden (ebd., S. 24), dass also einem existierenden biologischen Geschlecht die sozialen Geschlechtsnormen quasi übergestülpt würden, denn diese Ansicht lässt zwei recht unbefriedigende Lösungen der Problematik zu: Entweder ist das (bereits geschlechtlich markierte) Subjekt einer diktatorischen Zuschreibung der Geschlechtsnorm unterworfen oder es kann zwischen den vorhandenen Normen wählen. Für Butler ist die Annahme des Geschlechts aber auf keinen Fall ein willkürlicher Akt eines wählenden Subjekts, das außerhalb (oder besser gesagt vor der Norm) steht, aber auch nicht eine einmalige Zuschreibung unter die ein Subjekt unterworfen wird und das so einen bloßen Befehl einer äußeren Autorität befolgt. Subjektwerdung und die Adaption der Geschlechternorm sind vielmehr in einem komplexen Prozess verwoben, in dem Normen gefestigt und gleichzeitig die Bedingungen der Möglichkeit der Entstehung des Subjekts geschaffen werden.

Um die beiden Kategorien von Geschlecht, sex und Gender, zu verknüpfen und den Prozess der Materialisierung von Körpern zu fassen, zieht Butler in Anlehnung an Derrida das Konzept der Performativität heran, das für das Entstehen von materiellen Tatsachen durch Sprache steht. Bezogen auf Geschlechtlichkeit bedeutet es, dass nicht nur soziale Rollen, sondern auch Körper diskursiv geformt werden, und zwar durch eine „sich ständig wiederholende und zitierende Praxis“ (Butler 1997: 22). Der oben angesprochene Prozess der Materialisierung wird übersetzt in den Prozess eines „geschlechtlich-Werdens“ [gendering], der eng mit dem Vorgang der Subjektwerdung verknüpft ist:

„Der Prozeß in dem eine körperliche Norm angenommen, angeeignet oder aufgenommen wird, wird neu gedacht als etwas, was im strengen Sinne nicht von einem Subjekt (Hervorh. J. B.) durchgemacht wird, sondern als etwas, durch das das Subjekt, das sprechende „Ich“ gebildet wird, nämlich dadurch, daß ein solcher Prozeß der Annahme eines Geschlechts durchlaufen worden ist“ (ebd., S. 23).

Was im Zuge dieses iterativen Prozesses wiederholt wird, sind kulturelle Normen, die bestimmte Identifizierungen ermöglichen und andere ausschließen. Die Norm in Bezug auf Geschlecht bedeutet eine heterosexuelle Matrix, also männlich und weiblich, und alles andere ist das Verworfene, das Ausgeschlossene (ebd., S. 22). Die Möglichkeit Subjekte zu definieren, bedeutet für Butler also auch immer zu definieren, was nicht Subjekt sein kann, denn alles was außerhalb dieser zweigeschlechtlichen Matrix steht, dem bleibt dieser Status verwehrt, weil es schlicht und einfach keine Konstruktion gibt, die diese Leerstelle füllen würde.

Die ständige Wiederholung der Norm bewirkt, dass sie den Anschein des Ahistorischen trägt und als naturgegeben wahrgenommen wird. Das Prozesshafte selbst, sowie die Regeln der Materialisierung bleiben verborgen. Die heterosexuelle Matrix wird als natürliche aufgefasst, weil sie immer und immer wieder zitiert wurde, wobei die Referenz des Zitates nicht mehr nachvollziehbar ist. Mit der Zeit erreicht das, was die Norm beschreibt einen (scheinbaren) ontologischen Status, von dem es so aussieht, als wäre er der Ursprung der Norm. Gerade darin besteht die Macht des Diskurses, wenn es heißt, dass er hervorbringt, was er benennt.

Der hegemoniale Diskurs wiederholt also Konventionen, die ihren Status als Konvention verschleiern und produziert dabei positive Identifizierungen, aber auch Verwerfungen. Und gerade diese Verwerfung, so Butler, ermöglichen die De- und Neukonstruktion von Normen, ohne dass diese jedoch davor gefeit seien selbst Ausschließungen zu produzieren. Der Diskurs trägt also sein subversives Potenzial immer mit, und genau dieses Ausgeschlossene muss von außen nach innen getragen, muss artikuliert werden, um die Konstruiertheit der Geschlechternorm aufzuzeigen und die heterosexuelle Matrix als in der Zeit gewordene zu identifizieren und zu dekonstruieren.

Die Triade Macht, Subjekt und (körperliches, materielles) Geschlecht ist also prozesshaft verwoben, wobei Macht Subjekt und Geschlecht durch einen spezifischen Zugriff ermöglicht, sie formt und zur Existenz bringt. Oder um mit Butler Foucault zu zitieren, in dessen Auffassung

die regulierende Macht die Subjekte produziert, die sie kontrolliert, nach der Macht nicht bloß äußerlich auferlegt ist, sondern als das regulierende und normative Mittel arbeitet, mit dem Subjekte gebildet werden“ (Butler 1997: 49).

Um dem Zusammenspiel von Geschlecht und Subjektivität auf die Spur zu kommen, möchte Butler mit Hilfe der psychoanalytischen Theorie die Frage klären, wie im Prozess der Entstehung des Subjekts Körperlichkeit, Geschlechtlichkeit und Ich integriert werden. Welche Rolle spielt die weibliche bzw. männliche Morphologie bei der Herausbildung eines Konzeptes von sich selbst? Butler sagt, dass sie für dieses Ansinnen das Wertvolle der Psychoanalyse urbar machen will, ihr zweites, damit einhergehendes Projekt besteht aber darin, die Heteronormativität der strukturalen Psychoanalyse, vor allem Lacanscher Prägung, herauszustellen und einer Kritik zu unterziehen und ihr Konzept der Performativität der psychoanalytischen Auffassung von der Annahme des Geschlechts gegenüberzustellen.

Denn auch in der Lacanschen Psychoanalyse, so Butler, wird Geschlecht als durch Sprache geschaffen angesehen, jedoch ist sei sie hier eine Wirkung der symbolischen Struktur, die sich in einer bestimmten Entwicklungsphase konstituiert (ebd.). Obwohl Butler hier eine Art Determinismus in der Konzeption dieser Wirkung als einem einzigen, unwidersprüchlichen Akt sieht, ist es ist aber nicht so sehr dieser Vorgang, der Butlers Kritik auf sich zieht, sondern die Auffassung der symbolischen Struktur an sich, die als unveränderlich, als ahistorisch und vorausgesetzt gelte. Mit all dem, was sie über die Norm in Anlehnung an Foucault gesagt hat, greift sie die Lacansche strukturale Psychoanalyse an als einen hegemonialen Diskurs und verortet in der symbolischen Struktur jene heterosexuelle Matrix, die die Geschlechterdichotomie und den Ausschluss alles anderen zementiert.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Macht, Subjekt und Geschlecht zwischen Butler, Lacan und Irigaray
Untertitel
Eine Betrachtung mit Tove Soiland
Hochschule
Universität Wien  (Philosophie )
Veranstaltung
Zum Verhältnis Geschlecht und Identität
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V201280
ISBN (eBook)
9783656277910
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
macht, subjekt, geschlecht, butler, lacan, irigaray, eine, betrachtung, tove, soiland
Arbeit zitieren
BA MA Sandra Kerschbaumer (Autor), 2011, Macht, Subjekt und Geschlecht zwischen Butler, Lacan und Irigaray, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201280

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