Rückkehr der Armenfürsorge? Die ambivalente Rolle der Tafeln in Deutschland


Hausarbeit, 2012
28 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Die Entwicklung der Armenfürsorge bis hin zum modernen Sozialstaat in Deutschland

3) Die Tafeln
3.1 Die Entwicklung der Tafeln
3.2 Die Nutzer oder Kunden der Tafel
3.3 Das Bürgerschaftliche Engagement bei den Tafeln

4) Diskussion: Die Ambivalenz der Tafeln
4.1 Die „Überflussgesellschaft“
4.2 Vom Sozialstaat zurück zur Armenfürsorge?
4.3 Perspektiven

5) Fazit

Literaturverzeichnis

Erklärung

1. Einleitung

„Für eine Million Menschen in Deutschland sind die Tafeln eine existenzielle Notwendigkeit. Sie helfen ihnen zu überleben; sie helfen natürlich nicht, aus der Armut herauszukommen. Wer hat überhaupt ein Interesse daran, dass sich die Verhältnisse ändern, […]?“ (Rammer 2010, S. 163)

Dieses Zitat schildert treffend die Problematik der Tafeln. In Deutschland gibt es flächendeckend verteilt in jeder größeren Stadt eine Tafel. Dementsprechend viele Menschen werden von ihnen versorgt. Doch woran liegt die scheinbar notwendige Existenz der Tafeln? Weswegen kann unser Sozialstaat sich nicht ausreichend um Bedürftige kümmern, sodass Tafeln überflüssig wären? Ruht er sich etwa nur auf dem Bestehen der Tafeln aus?

Für die vorliegende Arbeit mit dem Titel „Rückkehr der Armenfürsorge? Die ambivalente Rolle der Tafeln in Deutschland“ sind vorab die Themen ´Fürsorge´ und ´Tafeln´ intensiv betrachtet worden. Im zweiten Kapitel wird die Entwicklung der Armenfürsorge vom Mittelaltertum bis zur heutigen Zeit beschrieben, um den Leser[1] über damalige und heutige Verhältnisse der Hilfen aufzuklären und zum Denken anzuregen, inwieweit auch heute, vor allem durch die Tafeln, vielleicht wieder zurück auf die Einrichtung der Armenfürsorge gegriffen wird.

Im darauf folgenden dritten Kapitel werden die Tafeln mit ihren verschiedenen grundlegenden Aspekten vorgestellt: Wie entwickelten sich die Tafeln von Beginn an bis zu ihrer großen Anzahl heute? Wer nutzt das Angebot und warum tut er dies? Und zuletzt in diesem Abschnitt wird auf das Bürgerschaftliche Engagement bei den Tafeln eingegangen, dass ihre Existenz erst ermöglicht. Wer engagiert sich dort aus welchen Gründen?

Im letzten thematischen Kapitel wird das Thema der Tafeln und das soziale System in Deutschland kritisch beleuchtet. Die Verfasserin macht die oben angedeutete (Rück-) Entwicklung des dortigen Versorgungssystems deutlich und beschäftigt sich auch mit weiteren Aspekten, zum Beispiel über die Herkunft der gespendeten Lebensmittel. Weshalb können so viele Menschen mit übrig gebliebenen Nahrungsmitteln versorgt werden? Woher kommen die Massen?

Zum umfassenden Thema der Tafeln gehört auch die Rolle der Unternehmer und Sponsoren. Aus Gründen des ansonsten zu großen Umfangs dieser Arbeit hat die Verfasserin sich jedoch dazu entschieden, dieses sowie das Thema des Vergleichs der Arbeit bei den Tafeln mit der professionellen Sozialen Arbeit nicht als einzelnes Kapitel weiter auszuführen.

Im vierten Abschnitt werden schließlich die Perspektiven der Tafeln aufgezeigt. Welche Lösungsstrategien könnten die Situation zwischen Tafeln und Sozialstaat entschärfen? Was wäre zukünftig denkbar, möglich oder realistisch?

Das Ziel dieser Arbeit ist es, einen Überblick über die Tafel-Situation in Deutschland zu geben, wie es dazu kam und wo dabei die positiven und negativen Aspekte zu sehen sind.

An dieser Stelle wird angemerkt, dass sich die verwendete Literatur zu den Themenfeldern der Tafel auf zwei Herausgeber beschränkt (LORENZ und SELKE). Der Verfasserin waren zum aktuellen Zeitpunkt keine anderen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zugänglich.

2. Die Entwicklung der Armenfürsorge bis hin zum modernen Sozialstaat in Deutschland

Das Denken über das Thema ´Armut´ und der Umgang mit Armut waren, im Mittelalter noch ein ganz anderes, als es heute ist. Als arm galten damals die Menschen, die Nahrung, Kleidung oder sonstiges Materielles nicht aus eigenen Mitteln beschaffen konnten, sondern durch Betteln ganz selbstverständlich erhielten. Dies erfolgte jedoch ohne jegliche Ansprüche auf Hilfe und war somit abhängig von der Hilfsbereitschaft anderer. Zugleich waren sie in der Gesellschaft des Mittelalters sogar willkommen, denn die Klöster konnten so im Sinne ihres Glaubens wohltätiges und gütiges Helfen aufzeigen. Im Gegenzug hatte der Arme ein Gebet für die Almosengeber zu halten (vgl. Brückmann 1991, S. 8-9).

Bei der damaligen Fürsorge galten drei Prinzipien:

a) Die Subsidiarität, bei der jeder für das Bestreiten seines Lebens selbst verantwortlich war. Nur im Ausnahmefall gewährten die Fürstentümer oder die Zünfte Hilfen.
b) Die Individualisierung, bei der Hilfen individuell, nicht auf Rechtsansprüche basierend, gegeben wurden. Sie waren also stets unsicher und zusätzlich mit sozialer Ausgrenzung verbunden.
c) Das Heimatprinzip besagte, dass jede Gemeinde lediglich für ihre auch dort geborenen Bedürftigen zuständig war. Dies gilt noch heute in der kommunalen Selbstverwaltung durch die Sozialhilfe.
Insgesamt war die Armenfürsorge folglich überwiegend privatisiert, unorganisiert und unstrukturiert (vgl. Sachße, Tennstedt 1980, S. 330).

Im späten Mittelalter beziehungsweise in der frühen Neuzeit wandelte sich das Bild der Armen und damit auch die Armenfürsorge: Bettler waren gegenwärtig lästig, galten als Störfaktor der Wirtschaft und wurden als ein soziales Problem wahrgenommen (vgl. Sachße 1998, S. 34).

Ursachen der Wandlung waren äußere Umstände, wie beispielsweise das Ende des Feudalismus, der Anfang des Kapitalismus und die religiösen Reformationen (vgl. Brückmann 1991, S. 16, 18). Unterschieden wurden die Armen daraufhin zwischen Arbeitsunfähigen, denen weiterhin Hilfe zukommen sollte und Arbeitsunwilligen, welche selbstverschuldet arm waren und zum Arbeiten gebracht werden sollten (vgl. Fischer 1982, S. 33). Um dem Problem Herr zu werden, wurden Instanzen installiert, um eine kontrollierte kommunale Fürsorge für das Bettlerwesen durchzuführen, die unter anderem die Bedürftigkeit definierte, kategorisierte und damit Kriterien abgrenzte, wann Hilfe geleistet wurde und wem sie gelten sollte. Diese Hilfe wurde weiterhin von freiwilligen Almosen finanziert. Festgelegt wurde ferner, dass jede Gemeinde und Stadt für ihre Armen selbst verantwortlich war (vgl. Brückmann 1991, S.16, 18). SACHßE beschreibt dies ganz einfach wie folgt: „Die Rationalisierung der Fürsorge ist von ihrer Bürokratisierung begleitet.“ (Sachße, Tennstedt 1980, S. 331)

Einhergehend wurden die Bettler durch äußere Zeichen, wie eine Armbinde, regelrecht markiert, um sie als hilfeberechtigt kenntlich zu machen, was nun auch der Beginn der Ausgrenzung dieser Personen in der jeweiligen Gesellschaft war. Zusätzlich wurden ihnen die Bürgerrechte genommen und Betteln ohne Markierung war ab diesem Zeitpunkt verboten (vgl. Brückmann 1991, S. 21-24). Unterstreichend wird an dieser Stelle betont, dass die eben beschriebene Armenfürsorge stigmatisierend wirkte und das Hilfesystem noch immer keine Rechtsansprüche barg: „Ihr Ziel ist nicht die gezielte Hilfe für Einzelne oder Gruppen, sondern die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung; […]“. (Hering 2007, S. 28)

Da, dass das Fürsorgesystem keine Problemlagen analysierte, um gegen die Armut zu wirken, breitete sie sich in Folge von Krankheiten und anderen Gründen auch weiterhin aus (vgl. ebenda, S. 29). Als Steigerung der bisherigen Abneigungsentwicklung gegenüber den Bettlern wurden in der Epoche des Absolutismus Zucht- und Arbeitshäuser anstelle der bisherigen Armen-und Waisenhäuser errichtet, um die nicht-arbeitenden, undisziplinierten Minoritäten in den Städten von der Straße zu entfernen. Doch stellten diese neuen Institutionen entgegen der ursprünglichen Idee, den Bedürftigen zu helfen, einen Freiheitsentzug und einen Versuch zur Arbeitserziehung dar. In diese Häuser wurden Senioren, ´Verrückte´, Bettler, Waisenkinder und andere Minderheiten der Gesellschaft wurden dorthin verbannt, um Gehorsam und Fleiß gelehrt zu bekommen. Sie wurden in den Zuchthäusern zur Arbeit sowie verschiedenen anderen Tätigkeiten, die ihnen von der Kommune zugewiesen wurden, gezwungen. Von außen wirkten sie für andere Menschen abschreckend und ebenfalls disziplinierend - einer Warnung gleichend (vgl. Sachße, Tennstedt 1980, S. 333).

Anfang des 19.Jahrhunderts, nach der Französischen Revolution, verarmten viele Menschen obwohl sie arbeiteten, was konträr zu den bisherigen Annahmen stand, Armut käme durch Faulheit (vgl. Brückmann 1991, S. 35). Es wurden neue Regelungen getroffen, um dem Pauperismus (Massenarmut) entgegenzuwirken. Beispielhaft zu nennen ist hier, dass nun die Gemeinden, in denen gelebt wurde, für die Fürsorge zuständig waren, demgemäß folgte eine Abwandlung des oben beschriebenen Heimatprinzips (vgl. Hering 2007, S. 30). Auch die Städtezuwanderung trug nicht zur Verbesserung der Arbeitslage bei, sodass Mitte des 19. Jahrhunderts schließlich das Elberfelder System eingeführt wurde, welches die Armenfürsorge an die neuen Bedingungen anpassen sollte: die Armenverwaltung wurde dezentralisiert, es wurden für verschiedene Stadtbezirke jeweils ehrenamtliche Armenpfleger berufen, die sich, an dieser Stelle zu betonen, individuell um kleinere Gruppen der Bedürftigen kümmerten. Ein weiterer Aspekt des Elberfelder Systems war das Prinzip ´Hilfe zur Selbsthilfe´, wodurch die Unterstützung auf einen kurzen Zeitraum begrenzt wurde, um dann wieder ins Arbeitsleben und zur eigenständigen Finanzierung des Lebensunterhalts zurück kehren zu können (vgl. Sachße 1998, S. 215, 216).

[...]


[1] Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit ausschließlich die männliche Form verwendet. Das weibliche Geschlecht ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Rückkehr der Armenfürsorge? Die ambivalente Rolle der Tafeln in Deutschland
Hochschule
Hochschule Darmstadt  (Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit)
Veranstaltung
Zivilgesellschaft und Bürgerschaftliches Engagement
Note
1.3
Autor
Jahr
2012
Seiten
28
Katalognummer
V201290
ISBN (eBook)
9783656277880
ISBN (Buch)
9783656279563
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Zivilgesellschaft, Tafel, Tafelgesellschaft, bürgerschaftliches Engagement, Armenfürsorge
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Soziale Arbeit Linda Karakas (Autor), 2012, Rückkehr der Armenfürsorge? Die ambivalente Rolle der Tafeln in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201290

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