Über Sigmund Freuds "Das Unbehagen in der Kultur"

Inwieweit steht die Kultur mit dem Glück des Menschen im Einklang und welches Zeugnis kann der Kultur auf Grundlage dieses Verhältnisses ausgestellt werden?


Seminararbeit, 2002
19 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Wesen der Kultur
2.1. Die Beschaffenheit der Kultur
2.2. Die ethischen Grundsätze
2.2.1. Das Subjekt und die ethischen Maxime
2.2.2. Die ethischen Prinzipien der Gesellschaft

3. Menschliche Strebungen und kulturelle Anforderungen
3.1. Der `Erostrieb´ und das gesellschaftliche Verständnis der Liebe
3.2. Der Aggressionstrieb und das Gebot der Nächstenliebe
3.3. Kulturentwicklung vor dem Hintergrund der menschlichen Triebeigenschaften

4. Der Ausgang des Konfliktes zwischen Mensch und Kultur: Das Schuldgefühl
4.1. Ebene des Subjekts
4.2. Kultureller Überbau

5. Schlussbetrachtung

Literatur

1. Einleitung

Diese Hausarbeit thematisiert die Entstehung, die Ausbildung und den Entwick- lungsverlauf der abendländischen Gesetze der Ethik der Erdenbürger seit Enste- hung der Menschenart bishin zur Betrachtung der neuzeitlichen Gestalt dieser hu- manistischen Ideale, welche den Entwicklungsstand bis in die dreißiger Jahre des

vorigen Jahrtausends widerspiegeln. Der Zugriff auf diesen Themenkomplex erfolgt

durch Rückgriff auf die Perspektive des Individuums, die in der Psychoanalyse ihre

wissenschaftliche Entsprechung findet. Grundlage dieser Art von Untersuchung der

Kulturentwicklung und Kulturbetrachtung sind die Forschungen eines Urvaters der

Psychoanalyse: Sigmund Freud. Freud stellt in seinem Werk `Das Unbehagen in der

Kultur´ zentrale Begriffe der Psychoanalyse dar und überträgt diese auf die benann-

ten Sinnfragen nach der Kultur, welche von ihrem Gegenstand her in den Erkennt-

nisbereich der Philosophie fallen. Freud selbst bezeichnet sein Unterfangen im `Un-

behagen in der Kultur´ als ein „[…] Versuch zur Übertragung der Psychoanalyse auf die Kul-

turgemeinschaft […]“[1]. Gerade hierdurch wird dem Buch ein besonderer Wert verlie-

hen und dass weil Freud Perspektiven der Philosophie aufhellt, die ansonsten von dieser Disziplin eher vernachlässigt werden. „Aufklärung tut not, was die subjektive Seite

der kulturellen Lebenswelt betrifft, das Schicksal der menschlichen Sinnlichkeit. Aufklärung muß es

geben darüber, wie kulturelle Normen und individueller Lebensentwurf zueinander stehen und wie die hier aufspürbaren Reibungspunkte jene Basis betreffen, für die Freud den Begriff der `Trieb-

schicksale´ gewählt hat. Aufzuarbeiten ist die Problematik der Kultur im Subjekt […]“[2]. Aus die- sem Grunde ist die betitelte kulturtheoretische Schrift Ausgangspunkt dieser Haus- arbeit. Im Rahmen der Überlegungen von Freud, der die ethische Satzung der Menschheit und ihre historische Herleitung in Bezug zum einzelnen Individuum und der Mechanik seines Handelns setzt, die starken Einfluss auf die Weltanschau- ung des Einzelnen ausübt und auf seine Ziele, die er im Laufe seines Lebens zu er- reichen gedenkt, dem Streben nach Glück, einwirkt, drängt sich die Beschäftigung mit der Beziehung zwischen Kultur und Individuum geradezu auf. Aus diesem Zu- sammenhang ergibt sich diezentrale Fragestellungdieser Arbeit, die auf eine Be- urteilung der Kultur abzielt: Inwieweit steht die Kultur mit dem Glück des Men- schen im Einklang und welches Zeugnis kann der Kultur auf Grundlage dieses Ver- hältnisses ausgestellt werden?

Um eine Bewertung der Kultur unter psychoanalytischen Gesichtspunkten anzustel-

len, ist eine Darstellung dessen, was Kultur im Hinblick auf diese Betrachtungswei-

se ausmacht, notwendig. Im Anfangsteil dieser Arbeit steht deshalb eine grobe

Skizzierung der Kultur. Der Beschreibung der Beschaffenheit der Kultur folgt die

Benennung der ethischen Grundsätze derselben. Zuerst wird von der Perspektive des Individuums ausgegangen. Anschließend folgt ein Überblick über die ethischen Prinzipien der Gesellschaft. Im dritten Teil schließt sich dem die eigentliche Analy- se der Kultur an. Den Strebungen des Individuums, welche auf das Ziel des Men- schen, dem Trachten nach Glück mit einwirken, wird der Bau der Kultur und ihre

normativen Setzungen gegenübergestellt. Dieses geschieht ein Mal mit Hinblick auf die Liebe. Hier wird das gesellschaftliche Verständnis mit der Theorie des Erostrie- bes konfrontiert. Eine anderes Mal wird ein kulturell dominierendes Dogma, das Gebot der Nächstenliebe, mit einem zentralen Trieb des Menschen, der Aggres- sionsneigung, verglichen. Im vierten Teil findet ein Ausgleich zwischen den Gegen- sätzen von Kultur und Mensch statt, die zuvor, im dritten Teil der Arbeit, aufgelistet wurden. Dieser letzte Teil beinhaltet schließlich die Analyse des Konflikts zwischen Mensch und Kultur, welcher im Schuldgefühl Ausdruck findet, wobei der Blick wiederum sowohl auf die Ebene des Subjekts als auch auf den dazu entsprechenden kulturellen Überbau gerichtet wird. Die Quintessenz der zentralen Gesichtspunkte dieser Kulturbetrachtung fließen in die Schlussbetrachtung dieser Hausarbeit ein.

2. Das Wesen der Kultur

2.1. Die Beschaffenheit der Kultur

Zur Bestimmung des Wesens der Kultur erklärt Freud, „daß das Wort `Kultur´ die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen bezeichnet, in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und die zwei Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen gegen die Natur

und die Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander.“[3]Ein wichtiger Aspekt der

Kultur umfasst daher „[…] alle Tätigkeiten und Werte, die dem Menschen nützen, indem sie ihm die Erde dienstbar machen, ihn gegen die Gewalt der Naturkräfte schützen.“[4]Erste kulturel-

le Verrichtungen waren der Gebrauch von Werkzeugen, die Zähmung des Feuers und der Bau von Wohnstätten. In einem späteren Stadium der Kulturentwicklung vervollkommnete der Mensch seine motorischen und sensorischen Organe, indem er an ihre Stelle etwas anderes setzte. Beispielsweise entwickelte der Mensch Mo- toren, die ein vielfaches seiner Muskelkraft leisteten oder Ferngläser, die seine Sichtweite erhöhten. Für diese Errungenschaften des Menschen führt Freud den Terminus des `Kulturerwerbs´ ein.[5]Bestimmte Bereiche blieben dem Wunsch des

Menschen nach Allmacht und Allwissenheit vorenthalten. Diese Gebiete schrieb er

den Göttern zu, die deshalb die `Kulturideale´ des Menschen verkörpern.

2.2. Die ethischen Grundsätze

Die moralischen Prinzipien der Kultur betrachtet Freud in zweierlei Hinsicht. Eine

erste Ebene geht von der Perspektive des Subjekts aus und eine zweite Betrach-

tungsrichtung stellt die sittlichen Postulate der Kultur in einen allgemeineren Kon- text.

2.2.1. Das Subjekt und die ethischen Maxime

Freud dekliniert die sittlichen Werte einer Kultur sehr detailliert aus der Tiefe der subjektiven Ebene des Individuums heraus. Ausgangspunkt ist der Mensch selbst, seine eigenen Ziele und Absichten im Leben. Dazu gehört in erster Linie das Stre-

ben nach Glück. Für die Umsetzung dieses Ziels, glücklich zu sein, führt Freud

zwei Verfahren auf: „Dies Streben hat zwei Seiten, ein positives und ein negatives Ziel, es will einerseits die Abwesenheit von Schmerz und Unlust, andererseits das Erleben starker Lustgefühle.“[6]In der Lebensführung des Menschen sind diese beiden Wege zum Glück oftmals in- einander verwickelt. Die Methode der Lustgewinnung visiert die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse an. Die Praktiken der Unlustvermeidung setzen an dem Punkt an von woher das Unglück droht. Die größte Unlustquelle rühre von den so- zialen Beziehungen der Menschen untereinander her. Demzufolge konzentrieren sich hier die menschlichen Strategien zur Zurückweisung von Leid: „Gewollte Ver- einsamung, Fernhaltung von anderen ist der nächstliegende Schutz gegen das Leid, das einem aus menschlichen Beziehungen erwachsen kann.“[7]Weiterhin kann sowohl Unlustvermeidung als auch Lustgewinn durch den Konsum von Rauschmitteln beziehungsweise che- mische Intoxikation herbeigeführt werden, „[…] die uns unmittelbare Lustempfindungen verschafft, aber auch die Bedingungen unseres Empfindungslebens so verändert, daß wir zur Auf- nahme von Unlustregungen untauglich werden.“[8]Eine weitere Form von Leid droht da- durch, dass die Außenwelt die Sättigung der Bedürfnisse der einzelnen Subjekte verweigert. Diese Teile des Leidens sollen durch die Einwirkung auf die Triebre- gungen selbst abgewendet werden. „In extremer Weise geschieht dies, indem man die Triebe ertötet, wie die orientalische Lebensweisheit lehrt und die Yogapraxis ausführt.“[9]Ein ähnlicher Effekt tritt ein, wenn der Mensch seine Triebregungen ermäßigt und dem Realitäts- prinzip unterwirft, dass heißt dem Machbaren anpasst, weil dadurch die Unbefriedi- gung der verwehrten Bedürfnisse als nicht so schmerzlich empfunden wird. Da- neben kann Leidabwehr durch Libidoverschiebung stattfinden. Diese Technik ver- schiebt die ursprünglichen Triebziele des Menschen, indem sie diese durch neue zu ersetzen sucht. Auf diese Weise trifft die Versagung der ureigenen menschlichen Bedürfnisse das jeweilige Individuum nicht mehr. Der Lustgewinn kann dann aus Quellen psychischen und intellektuellen Schaffens oder aus der Berufsarbeit ge- wonnen werden. Ebenso wie die Libidoverschiebung versetzt die Kunst den Men- schen in Unabhängigkeit gegenüber der Außenwelt, indem Befriedigung in inneren psychischen Vorgängen vorgefunden wird. Das Wohlgefallen, welches die Kunst im Individuum hervorruft „[…] wird aus Illusionen gewonnen, die man als solche erkennt ohne

sich durch deren Abweichung von der Wirklichkeit im Genuß stören zu lassen.“[10]Die milde

Narkose der Kunst gereicht dem Menschen als Lustquelle und Lebenströstung zu- gleich. Die gründlichste Handhabe zur Mäßigung der irdischen Melancholie be- mächtigt sich von selbst der menschlichen Not, die aus der Realität resultiert. Die- ses Verfahren tilgt die unerträglichen Attribute der Wirklichkeit aus und ersetzt die- se durch neue Bedeutungsgehalte im Sinne der eigenen Wünsche. Als Handlungs- träger können die Religionen bezeichnet werden, die an den Menschen herantreten und in energischer und radikaler Form eine ihr unleidliche Seite der Welt in eine Wunschvorstellung umbilden. Denn „Eine besondere Bedeutung beanspucht der Fall, daß eine größere Anzahl von Menschen gemeinsam den Versuch unternimmt, sich Glücksversicherung und Leidensschutz durch wahnhafte Umbildung der Wirklichkeit zu schaffen. Als solchen Massen- wahn können müssen wir die Religionen der Menschheit kennzeichnen.“[11]Eine andere Strate- gie der Lebensführung hält am Streben nach positiver Glückserfüllung fest. Die Er- lösung soll durch eine Bindung an die Gegenstände der Außenwelt hergestellt wer- den. Durch Bindung an diese Objekte und aus einer Gefühlsbeziehung zu ihnen er- wächst das Glück. Es handelt sich um „[…] jene Richtung des Lebens, welche die Liebe zum Mittelpunkt nimmt, alle Befriedigung aus dem Lieben und Geliebtwerden erwartet.“[12]Weil die Liebesobjekte dem Individuum nicht immer zugänglich sind verlegt die Liebe ihre Befriedigung in innere seelische Vorgänge. Sie ist deshalb Libidoverschiebung und lenkt vom Elend der Umwelt ab. Ansonsten kann das Lebensglück überwiegend mit dem Genuss der Schönheit verschmolzen sein, […] wo immer sie sich unseren Sinnen und unserem Urteil zeigt, der Schönheit menschlicher Formen und Gesten, von Naturobjekten und Land- schaften, künstlerischen und selbst wissenschaftlichen Schöpfungen.“[13]Diese ästhetische Ein-

stellung zum Lebensziel bietet wenig Schutz gegen drohende Leiden, vermag aber

das Schicksal gelassener zu sehen, da sie eine besonders milde, berauschende Wir-

kung entfaltet.

[...]


[1]Freud, S. 106

[2]Görlich/Lorenzer, S. 24

[3]Freud., S. 55f.

[4]ebd., S. 56

[5]vgl. ebd., S. 57

[6]ebd., S. 42

[7]ebd., S. 44

[8]ebd.

[9]ebd., S. 45

[10]ebd., S. 47

[11]ebd., S. 48

[12]ebd.

[13]ebd., S. 49

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Über Sigmund Freuds "Das Unbehagen in der Kultur"
Untertitel
Inwieweit steht die Kultur mit dem Glück des Menschen im Einklang und welches Zeugnis kann der Kultur auf Grundlage dieses Verhältnisses ausgestellt werden?
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Philosophie)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V20133
ISBN (eBook)
9783638241038
ISBN (Buch)
9783638759144
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sigmund, Freuds, Unbehagen, Kultur
Arbeit zitieren
Carsten Becker (Autor), 2002, Über Sigmund Freuds "Das Unbehagen in der Kultur", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20133

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