„Analphabetentum in der Bundesrepublik Deutschland [...] ist nicht erschreckend wegen des absoluten Ausmaßes des Problems, sondern wegen der Tatsache, daß das Problem überhaupt existiert“ (Ryan 1981, 15). Diesem Zitat werden viele Menschen zustimmen, ist doch das Lesen und Schreiben aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Doch obwohl es mittlerweile ein alltägliches Kulturgut geworden ist, gibt es erschreckend viele Analphabeten. Sie leben mitten unter uns und sind doch isoliert. Ausgegrenzt aus einer Gesellschaft, weil sie die Grundfertigkeiten Lesen und Schreiben nicht beherrschen. Aber wie kommt es dazu, dass es eine gebildete Gesellschaft nicht schafft, jedes Mitglied zu alphabetisieren? Was sind die Folgen für die Betroffenen und mit welchen Mitteln kann etwas gegen das Analphabetentum unternommen werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Analphabetismus
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Ausmaß
3. Ursachen des funktionalen Analphabetismus
3.1 Individuelle und familiäre Ursachen
3.2 Schule als Ursache
4. Auswirkungen des funktionalen Analphabetismus
4.1 Gesellschaftliche und berufliche Auswirkungen
4.2 Psychische Auswirkungen
4.3 Erfahrungsbericht
5. Alphabetisierungsarbeit
5.1 Präventionsmaßnahmen
5.2 Alphabetisierungskurse
5.3 Alphabetisierung von Migranten
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des funktionalen Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland, beleuchtet dessen Ursachen sowie die gravierenden gesellschaftlichen, beruflichen und psychischen Folgen für die Betroffenen und erörtert Ansätze zur Prävention und Alphabetisierung.
- Begriffsbestimmung und Ausmaß des funktionalen Analphabetismus
- Einflussfaktoren durch familiäres Umfeld und schulische Bildungsbiografien
- Strategien zur Bewältigung des Alltags durch Betroffene und ihre Angehörigen
- Didaktisch-methodische Konzepte in Alphabetisierungskursen
- Herausforderungen bei der Alphabetisierung von Migranten
Auszug aus dem Buch
4.1 Gesellschaftliche und berufliche Auswirkungen
Durch die steigenden Anforderungen in der Gesellschaft können viele jugendliche Analphabeten keine Berufsausbildung durchlaufen (vgl. Kramer 1997, 19). Während die Menschen früher auch als ungelernte Arbeitskraft die Möglichkeit hatten, einen Arbeitsplatz zu finden, gibt es heute kaum noch einen Arbeitsplatz ohne schriftsprachliche Anforderungen (vgl. Döbert/Hubertus 2000, 54). Die Gründe für die gestiegenen Anforderungen sind neue Techniken und Arbeitsweisen. Nur wer die Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen beherrscht, kann auf die sich schnell verändernden Anforderungen in der Arbeitswelt angemessen reagieren (vgl. Kramer 1997, 17). Auch ältere Analphabeten, die schon länger berufstätig sind, erleben diese Ausgliederung aus dem Berufsleben. Bei der Schließung von Firmen, der Umsetzung von Rationalisierungsmaßnahmen oder der Veränderung ihres Arbeitsplatzes sind sie besonders gefährdet, ihre Arbeit zu verlieren (vgl. Döbert/Hubertus 2000, 67).
Auch im privaten Bereich steigen die Anforderungen. Bedienungsanleitungen, Waren- und Preisvergleich im Supermarkt, bargeldloser Zahlungsverkehr, Vertragsabschlüsse, Versandhandel und das Ausfüllen von Formularen sind ohne Lese- und Schreibfähigkeit schwer möglich (vgl. Drecoll 1981, 32). Wo früher ein Schaffner Auskunft gegeben hat, stehen heute Fahrkartenautomaten, die viele Analphabeten vor ein großes Problem stellen (vgl. Döbert/Hubertus 2000, 54). Dies sind nur einige Bereiche, in denen das Lesen und Schreiben unerlässlich geworden ist. Um trotzdem in der Gesellschaft zu recht zu kommen, haben viele Analphabeten Alltagsstrategien entwickelt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung erläutert die Relevanz des Themas und definiert den Rahmen der Untersuchung sowie die methodische Vorgehensweise.
2. Analphabetismus: Hier wird der Begriff des funktionalen Analphabetismus definiert und das statistische Ausmaß des Problems weltweit sowie in Deutschland betrachtet.
3. Ursachen des funktionalen Analphabetismus: Dieses Kapitel analysiert individuelle, familiäre und schulische Faktoren, die zur Entstehung von Lese- und Schreibdefiziten beitragen können.
4. Auswirkungen des funktionalen Analphabetismus: Der Fokus liegt auf der beruflichen Ausgrenzung, psychischen Belastungen und den täglichen Bewältigungsstrategien der Betroffenen, illustriert durch einen Erfahrungsbericht.
5. Alphabetisierungsarbeit: Hier werden präventive Ansätze sowie Konzepte für Alphabetisierungskurse und die speziellen Bedürfnisse von Migranten vorgestellt.
6. Schlussbetrachtung: Dieses abschließende Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit gesellschaftlicher Maßnahmen zur Teilhabe.
Schlüsselwörter
Funktionaler Analphabetismus, Schriftsprache, Alphabetisierung, Bildungsdefizite, Stigmatisierung, Integrationspolitik, Präventionsmaßnahmen, Erwachsenenbildung, Migranten, soziale Isolation, Lernberatung, Arbeitswelt, Teilhabe, Schriftspracherwerb, Alltagsbewältigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt das Problem des funktionalen Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland, seine Ursachen, Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen sowie mögliche Lösungsansätze.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Definition des Analphabetismus, die Rolle von Schule und Elternhaus bei der Entstehung, die Bewältigungsstrategien im Alltag sowie die Gestaltung von Alphabetisierungskursen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für die Lebenssituation funktionaler Analphabeten zu schaffen und die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen und bildungspolitischen Auseinandersetzung mit dem Thema aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung eines exemplarischen Erfahrungsberichts (Gesprächsprotokoll), um die theoretischen Aspekte zu veranschaulichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Ursachen von Analphabetismus, dessen Auswirkungen auf Beruf und Psyche sowie die Möglichkeiten und Herausforderungen der Alphabetisierung – insbesondere für Migranten – detailliert dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem funktionaler Analphabetismus, Bildungsdefizite, soziale Isolation, Alphabetisierungskurse und Integrationsherausforderungen.
Welche Rolle spielt die Schule bei der Entstehung von Analphabetismus?
Die Schule wird als ein entscheidender Ort identifiziert, an dem mangelnde Förderung, negative Erfahrungen mit Lehrkräften und ein fehlender pädagogischer Fokus Lernstörungen begünstigen können.
Warum ist die Alphabetisierung von Migranten besonders komplex?
Die Komplexität ergibt sich aus der enormen Heterogenität der Teilnehmer hinsichtlich Nationalität, Muttersprache und Vorkenntnissen, was eine differenzierte Alphabetisierungsarbeit erschwert.
Was sind laut dem Erfahrungsbericht typische Alltagsstrategien Betroffener?
Betroffene nutzen Strategien wie Delegation, Vermeidung von Schriftsituationen und Täuschung (z. B. Vortäuschen einer Sehschwäche), um ihre Unzulänglichkeit im Umfeld zu verbergen.
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- Andrea Harings (Author), 2009, Funktionaler Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201331