Funktionaler Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland


Hausarbeit, 2009
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analphabetismus
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Ausmaß

3. Ursachen des funktionalen Analphabetismus
3.1 Individuelle und familiäre Ursachen
3.2 Schule als Ursache

4. Auswirkungen des funktionalen Analphabetismus
4.1 Gesellschaftliche und berufliche Auswirkungen
4.2 Psychische Auswirkungen
4.3 Erfahrungsbericht

5. Alphabetisierungsarbeit
5.1 Präventionsmaßnahmen
5.2 Alphabetisierungskurse
5.3 Alphabetisierung von Migranten

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

„Analphabetentum in der Bundesrepublik Deutschland [...] ist nicht erschreckend wegen des absoluten Ausmaßes des Problems, sondern wegen der Tatsache, daß das Problem überhaupt existiert“ (Ryan 1981, 15). Diesem Zitat werden viele Menschen zustimmen, ist doch das Lesen und Schreiben aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Doch obwohl es mittlerweile ein alltägliches Kulturgut geworden ist, gibt es erschreckend viele Analphabeten. Sie leben mitten unter uns und sind doch isoliert. Ausgegrenzt aus einer Gesellschaft, weil sie die Grundfertigkeiten Lesen und Schreiben nicht beherrschen. Aber wie kommt es dazu, dass es eine gebildete Gesellschaft nicht schafft, jedes Mitglied zu alphabetisieren? Was sind die Folgen für die Betroffenen und mit welchen Mitteln kann etwas gegen das Analphabetentum unternommen werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit.

Zunächst wird in Kapitel 2.1 der Begriff des Analphabetismus näher bestimmt und differenziert betrachtet. Es soll geklärt werden, ab wann ein Mensch als alphabetisiert gilt und was unter funktionalem Analphabetismus zu verstehen ist. Anschließend wird in Kapitel 2.2 ein kurzer Blick auf das Ausmaß des Analphabetismus geworfen, sowohl weltweit, als auch national. Das dritte Kapitel widmet sich den möglichen Ursachen für die Entstehung des Analphabetismus. Hier werden individuelle, familiäre und schulische Faktoren näher erläutert. Im vierten Kapitel werden die Auswirkungen des Analphabetismus auf die Betroffenen dargestellt. Die gesellschaftlichen, beruflichen und psychischen Auswirkungen werden in den Kapiteln 4.1 und 4.2 vorgestellt und durch einen exemplarischen Erfahrungsbericht im darauf folgenden Kapitel veranschaulicht. Im fünften Kapitel werden mögliche Präventions- und Alphabetisierungsmaßnahmen vorgestellt. Das Kapitel 5.1 arbeitet verschiedene Möglichkeiten der Prävention heraus, die eine Entstehung von Analphabetismus verhindern könnten. Bei den Alphabetisierungsmaßnahmen liegt das Hauptaugenmerk auf der Durchführung von Alphabetisierungskursen und deren spezifischen Besonderheiten. Was in den Kursen, aber auch schon davor zu beachten ist, wird in Kapitel 5.2 vorgestellt. Zusätzlich werden in Kapitel 5.3 die Besonderheiten bezüglich der Alphabetisierung von Migranten herausgearbeitet. Im Vergleich zur Alphabetisierung muttersprachlicher Analphabeten bringt die Arbeit mit ausländisch stämmigen Analphabeten weitere Probleme mit sich, welche in diesem Abschnitt behandelt werden. Den Abschluss bildet eine resümierende Schlussbetrachtung.

2. Analphabetismus

2.1 Begriffsbestimmung

Um sich dem Untersuchungsgegenstand anzunähern, ist zunächst eine Bestimmung des Begriffs Analphabetismus erforderlich. Ursprünglich bezeichnete der Begriff „Analphabet“ einen Menschen, der keine Buchstaben kennt. Nach Döbert zählen diese Personen heute zu der Gruppe der totalen, oder auch primären Analphabeten. Dazu gehören Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die durch ihre Beeinträchtigung nicht in der Lage sind, Schriftsprachkenntnisse zu erwerben sowie solche, die keine Schule besucht und nie Lesen und Schreiben gelernt haben (vgl. Döbert/Hubertus 2000, 20).

Davon zu unterscheiden ist der sekundäre, oder funktionale Analphabetismus. Hierzu zählen Personen, die trotz Erfüllung der Schulpflicht kaum schreiben und lesen können, weil sie diese Fähigkeiten weitgehend wieder verloren haben (vgl. Döbert/Hubertus 2000, 20; Kramer 1997, 5).

Feldmeier nimmt in diesem Bereich noch eine weitere Differenzierung vor. Danach hat ein funktionaler Analphabet zwar die Schule besucht, „kann sich aber schriftlich nicht in dem Maße mitteilen, wie es in seiner Umgebung erforderlich wäre“ (Feldmeier 2004, 107). Im Unterschied dazu sind sekundäre Analphabeten nur ungenügend alphabetisiert worden und haben ihre schriftsprachlichen Kenntnisse aufgrund von Unsicherheit wieder verlernt (vgl. Feldmeier 2004, 107). Zusätzlich erwähnt er noch die „Umalphabetisierung“, die Menschen betrifft, die in einem nicht lateinischen Schriftsystem lesen und schreiben können und welche nun in einem lateinischen Schriftsystem alphabetisiert werden (vgl. Feldmeier 2004, 107 f.).

Obwohl es keine allgemein gültige Definition des Analphabetismus gibt, ist die Bestimmung des funktionalen Analphabetismus der UNESCO weithin anerkannt. Danach „gilt eine Person als analphabetisch oder illiterat, die nicht fähig ist, eine kurze einfache Bemerkung über ihr Alltagsleben verstehend zu lesen und zu schreiben“ (Kramer 1997, 5). Dabei sind unterschiedliche Maßstäbe zu beachten. In einigen Ländern der Dritten Welt reicht es aus, seinen Namen schreiben zu können, um als Alphabet zu gelten, während dies in den westlichen Industriestaaten ein eindeutiges Zeichen für Analphabetismus ist (vgl. Kramer 1997, 5).

Um diese verschiedenen Anforderungen zu berücksichtigen, schlägt Drecoll eine Erweiterung der Definition vor:

Funktionaler Analphabetismus bedeutet die Unterschreitung der gesellschaftlichen Mindest anforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache, deren Erfüllung Voraussetzung ist zur sozial streng kontrollierten Teilnahme an schriftlicher Kommunikation in allen Arbeits- und Lebensbereichen (Drecoll 1981, 31).

Die vorliegende Arbeit richtet sich im Folgenden nach dieser Definition des funktionalen Analphabetismus[1] .

2.2 Ausmaß

Das tatsächliche Ausmaß des funktionalen Analphabetismus ist schwer zu bestimmen. Ein Grund für das Fehlen von verlässlichen Zahlen ist die ungenaue Definition. Es gibt keine festen Kriterien dafür, ab welchem Grad von Lese- und Schreibfähigkeit ein Mensch als Alphabet gilt (vgl. Döbert/Hubertus 2000, 26). Eine weitere Ursache sind Probleme bei der Erhebung der Daten. Viele Analphabeten entziehen sich aus Scham freiwilligen Befragungen (vgl. Döbert/Hubertus 2000, 28).

Schätzungen der UNESCO gehen weltweit von etwa 885 Millionen erwachsenen Analphabeten aus. Am meisten betroffen sind dabei die Dritte-Welt-Staaten (vgl. Kramer 1997, 6). Doch auch in den Industriestaaten existiert das Problem des Analphabetismus. In der Bundesrepublik Deutschland sind nach Schätzungen etwa vier Millionen Menschen betroffen, was 6,3% der Bevölkerung entspricht (vgl. Döbert/Hubertus 2000, 29). Analphabetismus ist also durchaus ein globales Problem, das auch in Deutschland nicht unterschätzt werden sollte. Mit der Frage, wie es zu einem so hohen Anteil an Analphabeten kommen konnte, beschäftigt sich das folgende Kapitel.

3. Ursachen des funktionalen Analphabetismus

3.1 Individuelle und familiäre Ursachen

Bei der Entstehung des funktionalen Analphabetismus können mehrere Ursachen eine Rolle spielen. Die Krankheit eines Schülers oder eine Lern-, Seh-, Hör- bzw. Artikulationsschwäche kann dazu führen, dass der Schulbesuch ohne Erfolg bleibt und keine ausreichende Lese- und Schreibkompetenz erworben wird (vgl. Kramer 1997, 14). Desweiteren finden sich die Ursachen daneben im Elternhaus. Eine zerrüttete Familie in finanziell schwierigen Verhältnissen, gepaart mit Desinteresse und Vernachlässigung dem Kind gegenüber, kann zu psychischen Problemen des Kindes führen. Das hat häufig eine Demotivation beim Lernen zur Folge. Eine Förderung durch die Eltern findet hingegen selten statt (vgl. Döbert/Hubertus 2000, 44). Dies bestätigen auch die Thesen von Marie-Louise Oswald, nach denen funktionale Analphabeten häufig aus Familien mit hoher Kinderzahl und geringer finanzieller Absicherung stammen. Hinzu kommen oft erschwerte Lebensbedingungen wie die Scheidung der Eltern, Alkoholkonsum oder familiärer Streit, was im schlimmsten Fall zu psychischen Störungen, in jedem Fall aber zu einer unharmonischen Kindheit führt (vgl. Oswald 1981, 53).

Auch das Leseverhalten der Eltern spielt eine Rolle. Mit der steigenden Visualisierung der Lebenswelt gibt es in vielen Familien keine Lese- und Schreibvorbilder mehr. Die Entstehung von funktionalem Analphabetismus wird dadurch begünstigt (vgl. Kramer 1997, 15). Wichtig ist auch das eigene Leseverhalten. Wenn nach Beendigung der Schulzeit nur noch elektronische Medien genutzt werden, kann das Lesen und Schreiben wieder verlernt werden (vgl. Kramer 1997, 16).

[...]


[1] In der vorliegenden Arbeit ist auch mit dem Begriff Analphabetismus immer der funktionale Analphabetismus gemeint. Analphabeten im Sinne einer anderen Definition sind explizit gekennzeichnet.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Funktionaler Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Veranstaltung
Kultur- und Landeskunde
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V201331
ISBN (eBook)
9783656273844
ISBN (Buch)
9783656274759
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medien, Kommunikation, Didaktik, Fremdsprachen, Analphabetismus, Migration, Alphabetisierung, funktionaler Analphabetismus, Alphabetisierungskurse
Arbeit zitieren
Andrea Harings (Autor), 2009, Funktionaler Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201331

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Funktionaler Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden