Wu-wei im Westen

Genese, Funktion und Rezeption des Daodejings


Hausarbeit, 2012

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Themeneinführung und Abgrenzung
1.2. Quellen- und Forschungslage

2. Laozis Daodejing
2.1. Urheberschaft und Entstehung
2.2. Form und Aufbau
2.3. Inhalt und Begriffe
2.3.1. Dao und De
2.3.2. wu-wei
2.3.3. Qi und Ying & Yang

3. Daoismus im Westen
3.1. Muster der Daoismusrezeption
3.1.1. Gesundheit und Medizin
3.1.2. Lebensweisheiten und Lebensführung

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Themeneinführung und Abgrenzung

„Asiatische Religiosität wird nicht übernommen aus Gründen einer leibfeindlichen Askese und antimaterialistischen Spiritualität, sondern zum Zwecke einer gesunden Balance zwischen Körper und Seele […].“[1]

Die Religionen und Philosophien Asiens, vorrangig der Buddhismus und der Daoismus[2] , wurden und werden in der westlichen Welt überwiegend positiv rezipiert. Strukturen und Elemente außereuropäischer Religionen konnten sich im Laufe der Zeit zu einem festen Bestandteil alternativer Religiosität der westlichen Kultur entwickeln. Der Historiker Ulrich Linse beschreibt in seinem einleitenden Zitat treffend die Ausrichtungstendenz der gegenwärtigen Rezeption asiatischer Religionen. Besonders der Daoismus, als Philosophie und Religion Chinas, bietet dem einzelnen Individuum die Möglichkeit der Verfeinerung des eigenen Körper und Geistes.[3] Das Werk Daodejing[4] , welches dem alten Meister Laozi[5] zugeschrieben wird, hat die chinesische Philosophie und Religion tiefgehend beein-flusst und gilt als grundlegender Bestandteil des Daoismus. Das zweite Kapitel beschäftigt sich somit explizit mit dem Daodejing, seiner Entstehung und Ur-heberschaft, seinem Aufbau und Inhalt sowie seinen zentralen Begrifflichkeiten und Aussagen, welche auch die westliche Rezeption beeinflusst haben. Neben dem Daodejing gilt auch das Nanhuanjing („Buch vom südlichen Blütenland“) als weitere bedeutsame Schrift des Daoismus. Diese Kompilation metaphorischer Texte und Parabeln aus dem späten 4. bis frühen 2. Jahrhundert v.Chr. wird traditionell dem Philosophen Zhuangzi[6] zugeschrieben. In vieler Hinsicht stellt das Nanhuanjing eine Weiterentwicklung der Gedanken des Laozi dar. Auch auf das Werk des Zhuangzi detailliert einzugehen, würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit überschreiten. Im dritten Kapitel werden Muster der westlichen Daoismus-rezeption aufgezeigt, wobei der Fokus hierbei auf den Kategorien Medizin und Gesundheit sowie Lebensweisheiten und Lebensführung gerichtet ist. Abschließend und ausblickend wird versucht zu erklären, warum sich der Daoismus im Westen nach wie vor derartiger Beliebtheit erfreut. Im Zuge dessen wird jedoch auch die damit verbundene Problematik der Trivialisierung des Daoismus aufgezeigt.

1.2. Quellen und Forschungslage

Da das Daodejing als älteste und grundlegende Schrift des Daoismus anzusehen ist, diente sie dementsprechend als Quellengrundlage dieser Arbeit. Gearbeitet wurde mit zwei verschiedenen Editionen: Eine Neuauflage[7] der in Deutschland 1911 erstmals publizierten Übersetzung des Daodejings durch den protestantischen Pfarrer und Missionar Richard Wilhelm sowie eine jüngere Edition[8] aus dem Jahr 2008 des Philosophen Hilmar Klaus. Seine Übersetzungen fußen auf einer wortgetreuen Basis-Übersetzung des chinesischen Originals nach Wang Bi und werden zusätzlich sinngemäß in eigenen Worten wiedergegeben. Eine synoptische Gegenüberstellung der chinesischen wortgetreuen und der deutschen poetischen Übersetzung sowie wissenschaftliche Ergänzungen in Bezug auf die chinesischen Schriftzeichen machen dieses Werk zu einer umfangreichen und aufschlussreichen Quellenedition.

Für die Quellenanalyse des Daodejings, welche sich mit Form, Aufbau, Inhalt und Urheberschaft beschäftigt, wurde mit Literatur von Kaltenmark,[9] Möller[10] und Reiter[11] gearbeitet, die als Experten in der Daoismus-Forschung gelten. Mit Laozi, als wohl fiktiven Urheber des Daodejings, beschäftigt sich Martina Darga[12] eingehend in ihrem Buch. Für die Definition daoistischer Begriffe wurde zusätzlich auf ein explizites Lexikon[13] zurückgegriffen. Eine prägnante Gesamtdarstellung des Daoismus, verfasst von Hanne Chen[14] sowie eine Abhandlung über den Daoismus von Philip Clart[15] , waren weiterhin hilfreich.

Über die Rezeption des Daoismus im Westen wurde mit der komplexen und fundierten Schrift von Oliver Grasmück gearbeitet sowie mit einer publizierten Hochschulschrift von Gunhild Häusle-Paulmichl[16] und einem kritischen Aufsatz von Heinz Pohl.[17] Einen Überblick über die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) lieferte das „Wörterbuch Naturheilkunde“ von Pschyrembel.[18] Der Einfluss des chinesischen Medizin- und Gesundheitsverständnisses und deren Einflüsse auf den Westen wurde mit Hilfe eines Diskussionsbeitrages[19] von Jörg Kastner über die TCM in Deutschland dargelegt. Der Buchmarkt zum Thema Daoismus weist eine fast unüberschaubare Fülle an Literatur unterschiedlicher Genre auf, so dass im Vorfeld dieser Arbeit eine strikte Selektion stattfand: Bücher, welche zur Kategorie Esoterik gezählt werden, wurden nicht für die wissenschaftliche Dar-legung von Sachverhalten benutzt, sondern nur als Beispiele für Bereiche west-licher Rezeptionsmuster aufgeführt.

2. Laozis Daodejing

2.1. Urheberschaft und Entstehung

Der Daoismus ist in seiner Namensgebung durch den zentralen Begriff Dao bestimmt, dem verschiedene Bedeutungen zukommen.[20] Historisch betrachtet entwickelten sich zwei Richtungen des Daoismus. So wird zwischen dem philosophischen Daoismus (Dao-chia) und dem sich später daraus entwickelnden religiösen Daoismus (Dao-chiao) differenziert.[21] Der Unterschied dieser beiden Strömungen besteht darin, dass der religiöse Daoismus unter anderem das Erlangen der physischen Unsterblichkeit zum Ziel hat. Dies soll durch praktische Anwendungen, wie zum Beispiel der Meditation oder auch der Alchemie, erreicht werden.[22] Der philosophische Daoismus beruft sich auf die Werke Laozis und Zhuangzis und begründet sich durch deren Verschriftlichung. Der grundlegendste Unterschied der beiden Richtungen besteht darin, dass der philosophische Daoismus nicht die bewusste Erlangung der Unsterblichkeit zum Ziel hat, sondern eine mythische Vereinigung mit dem Dao anstrebt, die zu einer Beständigkeit und Unversehrtheit der Ordnung führt.[23] Hierzu dienen Atem- und Bewegungsübungen unter Berücksichtigung der kosmischen Kräfte, um den Energiefluss im Körper zu stärken. Trotzdem muss betont werden, dass die Übergänge beider Strömungen fließend sind und sich stark überschneiden. Der religiöse Daoismus adaptierte solche Praktiken und Vorstellungen und verlieh Laozi als Urheber dessen im 2. Jahrhundert n.Chr. den Status einer Gottheit.[24]

Bereits seit dem 4. vorchristlichen Jahrhundert geben chinesische Quellen, besonders philosophische Schriften aus daoistischen und konfuzianischen Kreisen, Auskunft über Laozi. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Bild der Gestalt Laozis stetig erweitert und bereichert, so dass er bis heute in seiner komplexen Gesamtheit als Philosoph, Meister, Weiser, Unsterblicher und schließlich als Gott und Urvater des Daoismus angesehen und verehrt wird.[25]

Maßgebende Kenntnisse über Laozis Lebensgeschichte vermittelt die Biographie des chinesischen Historikers Sima Qian, die um ca. 100. v.Chr. entstand.[26] Laut Sima Qians Aufzeichnungen war Laozi ein Zeitgenosse des Konfuzius (551-479 v. Chr.) und stammte aus der Ortschaft Quren der Provinz Hu in Chu.[27] Lange Zeit war Laozi als Archivar am königlichen Hof tätig, bis er wegen Unstimmig-keiten sein Amt niederlegte.[28] Er zog Richtung Westen und verfasste an einer Gebietsgrenze auf Bitten des dortigen Wächters, etwas Schriftliches für die Nachwelt festzuhalten, eine Schrift über das Dao und seine Wirkkraft. Nach der Fertigstellung des Werkes zog Laozi weiter.[29] Hier verlieren sich seine weiteren Lebensspuren.[30] Laozis Historizität ist jedoch nicht zweifelsfrei gesichert. Seine Biographie setzt sich aus mehreren Elementen zusammen, die letztendlich historisch nicht überzeugt und eher einer Legendenbildung zuzuschreiben ist.[31] Eine Vielzahl der Forscher schließt aus, dass Laozi ein Zeitgenosse des Konfuzius gewesen sein konnte, da der Entstehungszeitpunkt des Daodejings viel später gewesen sein musste. Besonders in westlichen Forschungskreisen neigt man dazu, die Entstehungszeit des Daodejings etwa auf das ausgehende 4. bis beginnende 3. Jahrhundert v.Chr. zu datieren.[32] Zudem ergaben die Forschungen, dass der Text weder stilistisch noch inhaltlich ein einheitliches Werk ist, so dass es an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten verfasst sein musste.[33] Es kann davon ausgegangen werden, dass bereits eine mündliche Überlieferungslinie existierte, bevor das Daodejing verschriftlicht wurde.[34] Letztendlich erscheint das Buch als eine Sammlung philosophischer Sprüche und Weisheiten daoistischer Schulen, die im Laufe der Zeit entstanden sind und erst im 3. Jahrhundert v.Chr. seine endgültige Form als Daodejing annahmen.[35] Es ist durchaus denkbar, dass die Person Laozi seitens daoistischer Kreise als Urheber des Daodejing eingesetzt wurde, um ihrer Schule mit einem bedeutendem Stifter mehr Gewicht zu verleihen.[36] Demnach dürfte das Namenselement lao, welches „alt“ bedeutet und Laozi somit als „alten Weisen“ bzw. „alten Meister“ charakterisiert, eher der Fiktion entsprechen als einem tatsächlichen Namen gleichen. Manche traditionelle Schulen schreiben ihm zudem ein Alter von 160 bis 200 Jahren zu, was zusätzlich an seiner Historizität zweifeln lässt.[37] Wenn auch die physische Existenz Laozis als fiktiv betrachtet werden kann, findet er in der (Forschungs),- Literatur, unter Berücksichtigung und Hinweisung dessen, der Einfachheit halber als Urheber des Daodejings Eingang. Laozis Werk trägt jedoch erst seit dem 3. Jahrhundert n.Chr. den Titel Daodejing, was sich in etwa mit „Der Klassiker vom Dao und seiner Wirkkraft“ übersetzen lässt. Vorab hieß es schlicht nach seinem Verfasser „Laozi“.[38] Das Buch „Laozi“ existierte in China bereits in verschiedenen Versionen. Erst die kommentierte Version von Wang Bi (226-249) aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert gilt als Fundament und Wegbereiter des Laozi-Textes zum endgültigen Werk Daodejing.[39]

[...]


[1] Zitiert nach: Grasmück, Oliver: Geschichte und Aktualität der Daoismusrezeption im deutschsprachigen Raum (Religionen in der pluralen Welt. Religionswissenschaftliche Studien Bd. 2), Münster 2004, S. 50.

[2] Weitere Schreibweise: Taoismus.

[3] Vgl. Grasmück, 2004, S. 50.

[4] Weitere Schreibweisen: Daode jing, Tao Te King, Tao Te Ching.

[5] Weitere Schreibweisen: Laotse, Lao-zi, Lao-tzu, Lao Tse.

[6] Weitere Schreibweisen: Zhuang Zhou, Dschuang Dsi.

[7] Wilhelm, Richard (Hg.): Laotse. Tao te king. Text und Kommentar (Diedrichs´Gelbe Reihe Bd. 19: China), Düsseldorf/ Köln 1978.

[8] Klaus, Hilmar (Hg.): Das Tao der Weisheit. Laozi – Daodejing, Aachen 2008.

[9] Kaltenmark, Max: Lao-tzu und der Taoismus, Frankfurt am Main/ Leipzig, 1996.

[10] Möller, Hans-Georg: In der Mitte des Kreises. Daoistisches Denken (Verlag der Weltreligionen Bd. 15), Berlin 2010.

[11] Reiter, Florian C.: Lao-tzu. Eine Einführung, Wiesbaden [2005].

[12] Darga, Martina: Laotse, Kreuzlingen/ München 2003.

[13] Fischer-Schreiber, Ingrid (Hg.): Das Lexikon des Taoismus, München 1996.

[14] Chen, Hanne: Daoismus erleben, Bielefeld 2001.

[15] Clart, Philip: Die Religionen Chinas, Göttingen 2009.

[16] Häusle-Paulmichl, Gunhild: Daoismus und Zen-Buddhismus auf dem Weg in den Westen (Europäische Hochschulschriften, Reihe 20: Philosophie Bd. 607), Frankfurt am Main 2000.

[17] Pohl, Karl-Heinz: Spielzeug des Zeitgeistes. Zwischen Anverwandlung und Verwurstelung. Kritische Bestandsaufnahme der Daoismus-Rezeption im Westen, in: Awe, Thomas/ Thesing, Josef (Hgg.): Dao in China und im Westen. Impulse für die moderne Gesellschaft aus der chinesischen Philosophie, Bonn 1999, S. 24-47.

[18] Pschyrembel, Willibald: Wörterbuch Naturheilkunde und alternative Heilverfahren mit Homöopathie, Psychotherapie und Ernährungsmedizin, 2. Auflage, Berlin/ New York 2000.

[19] Kastner, Jörg: Kontroversen in der Qualitätssicherung zur Akupunktur und Traditionellen Chinesischen Medizin in Deutschland, in: Fiedermutz-Laun, Annemarie/ Pera, Franz u.a. (Hgg.): Zur Akzeptanz von Magie, Religion und Wissenschaft (Worte-Werke-Utopien. Thesen und Texte Münsterischer Gelehrter Bd. 17), Münster 2002, S. 245-249.

[20] Siehe hierzu Kapitel 2.3.1.

[21] Vgl. Häusle-Paulmichl, 2000, S. 14.

[22] Ebd.

[23] Vgl. Möller, 2001, S. 30.

[24] Ebd.

[25] Vgl. Darga, 2003, S. 11.

[26] Vgl. Darga, 2003, S. 11.

[27] Entspricht dem heutigen Luyi in der Provinz Henan. Siehe hierzu Darga, 2003, S. 11.

[28] Vgl. Chen, 2001, S. 22.

[29] Vgl. Darga, 2003, S. 12.

[30] Vgl. Clart, 2009, S. 73.

[31] Vgl. Darga, 2003, S. 12.

[32] Vgl. Kaltenmark, 1996, S. 30.

[33] Vgl. ebd., S. 32.

[34] Vgl. Darga, 2003, S. 49.

[35] Vgl. ebd., S. 33.

[36] Vgl. ebd., S. 15.

[37] Vgl. Clart, 2009, S. 72-73.

[38] Vgl. Darga, 2003, S. 48.

[39] Vgl. ebd., S. 49.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Wu-wei im Westen
Untertitel
Genese, Funktion und Rezeption des Daodejings
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V201391
ISBN (eBook)
9783656273332
ISBN (Buch)
9783656273530
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Daoismus, Daodejing, Laozi, Taoismus, Ying Yang, TCM, Tao
Arbeit zitieren
Mette Bartels (Autor), 2012, Wu-wei im Westen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201391

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