Nachdem der zweite Weltkrieg ausgewütet hatte und sich erzwungener Friede in Europa breit machte, waren die Verlierer mit schweren Bürden belastet. Eine dieser Bürden war die Verpflichtung ihrer Vergangenheit schonungslos in das erschreckende Antlitz zu schauen und den Versuch zu unternehmen, diese in irgendeiner Form ansatzweise zu ,,bewältigen". Der Begriff Vergangenheitsbewältigung wurde für diesen Umstand in Deutschland geprägt.
Was Vergangenheitsbewältigung im Einzelnen bedeutet und welche Ausformungen dieses Konzepts sich feststellen lassen, darüber soll diese Arbeit einige Auskünfte geben. Ziel der Arbeit wird sein, nach einer einführenden, grob skizzierten Darstellung der stattgefunden und immer noch stattfindenden Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Italien in zwei getrennten Teilen, letztendlich eine zusammenführende Betrachtung der zwei Länder und ihrem Umgang mit der Vergangenheit in einem vergleichenden Abschnitt zu leisten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Vergangenheitsbewältigung in Deutschland
Vergangenheitsbewältigung in Italien
Vergleich Deutschland – Italien
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den unterschiedlichen Umgang mit belastenden Perioden der Vergangenheit in Deutschland und Italien und setzt diese in einen wissenschaftlichen Vergleich, um die Intensität und Qualität der jeweiligen Aufarbeitungsprozesse zu analysieren.
- Historische Entwicklung der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Italien.
- Vergleich der nationalen Gründungsmythen und deren Einfluss auf die Erinnerungskultur.
- Analyse der Rolle von Schuld- und Schamkultur in beiden Gesellschaften.
- Diskussion über die Auswirkungen politischer Regime auf die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte.
Auszug aus dem Buch
Vergangenheitsbewältigung in Italien
Die Betrachtung der Vergangenheit war auch (und ist es immer noch) in Italien Anstoß historischer Debatten. Relativ unstrittig wird allerdings das Bild Italiens als eine aus dem Wiederstand geborene Republik in der Gesellschaft anerkannt. Wie lässt sich das erklären und ist dieses Bild so eindeutig wie es erscheint? Nachdem die Alliierten in Süditalien gelandet waren dauert es nicht lange bis Mussolini 1943 abgesetzt wird (vom König, auf Ansinnen der eigenen „Partei“) und ins Gefängnis wandert. Drei Wochen später wird Mussolini von deutschen Truppen befreit und bildet eine Gegenregierung in Norditalien, die an der Seite Deutschlands verbleibt.
Anfang 1944 dann formiert sich ein Komitee der nationalen Befreiung (Comitato di Liberazione Nazionale – CLN) aus mehrheitlich Kommunisten und Sozialisten mit einigen linksliberalen und katholischen Kräften, die sich gegen den König und die von den Alliierten eingesetzte Regierung wenden. Wenig später ist Mussolinis Schicksal endgültig besiegelt, eine Großoffensive der Alliierten Truppen zerschlägt seinen Machtbereich, auf der Flucht in die Schweiz wird er am 28.4.1944 von kommunistischen Partisanen erschossen. In den folgenden Jahren der Neuorientierung stellt sich heraus, dass die Einheit der anti-faschistischen Kräfte in politischer und militärischer Hinsicht als ein wesentliches Fundament der folgenden Demokratie angesehen wird. Die Wiederstandsbewegung wird als ein Grundpfeiler der Identitätsbildung des Nachkriegs-Italien etabliert. Das gesamte italienische Volk sollte moralisch entlastet werden, und da die Schmach der Niederlage tief war, fielen diese Verdrängungsmechanismen auf fruchtbaren Boden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in den Begriff der Vergangenheitsbewältigung und Darlegung des methodischen Vorgehens für den Vergleich beider Länder.
Vergangenheitsbewältigung in Deutschland: Analyse der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in BRD und DDR sowie der Auswirkungen der Wiedervereinigung.
Vergangenheitsbewältigung in Italien: Untersuchung des italienischen Umgangs mit der faschistischen Ära und der Identitätsbildung durch den Widerstand.
Vergleich Deutschland – Italien: Gegenüberstellung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der zeitlichen Intensität und Qualität der Vergangenheitsbewältigung.
Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse mit der These, dass das Ausmaß der Aufarbeitung in direktem Verhältnis zur jeweiligen historischen Kriegsschuld steht.
Schlüsselwörter
Vergangenheitsbewältigung, Deutschland, Italien, Nationalsozialismus, Faschismus, Erinnerungskultur, Aufarbeitung, Identitätsbildung, Historikerstreit, Widerstand, Holocaust, Schuld, Schamkultur, Demokratie, Zweiter Weltkrieg.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Umgang Deutschlands und Italiens mit ihrer jeweiligen belasteten Vergangenheit nach dem Zweiten Weltkrieg und analysiert, wie diese Prozesse die heutige gesellschaftliche Identität beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Definition von Vergangenheitsbewältigung, die Unterschiede zwischen Schuldkulturen und Schamkulturen sowie die politische Instrumentalisierung von Geschichte in beiden Staaten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, durch einen systematischen Vergleich der Aufarbeitungsstrategien in Deutschland und Italien zu ergründen, warum die Intensität der Auseinandersetzung mit der Geschichte in beiden Ländern so unterschiedlich verläuft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine vergleichende Analyse angewandt, die begriffstheoretische Ansätze mit historischen Beschreibungen kombiniert, um Parallelen und Divergenzen in den gesellschaftlichen Diskursen beider Länder herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die historischen Pfade der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland (BRD/DDR) und Italien detailliert skizziert, gefolgt von einer analytischen Gegenüberstellung beider Ansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Vergangenheitsbewältigung, Erinnerungskultur, Nationalsozialismus, Faschismus, historische Aufarbeitung und Identitätsbildung.
Wie unterscheidet sich der italienische Ansatz vom deutschen?
Während Deutschland durch die Schwere seiner Verbrechen unter einem starken Singularitätspostulat steht, neigte Italien dazu, sich stärker über den Mythos des antifaschistischen Widerstands und den Status als "Mitläufernation" zu definieren.
Welche Rolle spielt die Wiedervereinigung für die deutsche Aufarbeitung?
Die Wiedervereinigung zwang Deutschland dazu, die unterschiedlichen Strategien der Vergangenheitsbewältigung zwischen der BRD und der DDR kritisch zu prüfen und die unvollständige Aufarbeitung im Osten in den neuen Gesamtprozess zu integrieren.
- Arbeit zitieren
- Caspar Borkowsky (Autor:in), 2001, Vergangenheitsbewältigung - Deutschland und Italien im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2013