Briefe aus Militär- und Kriegszeit

"Jetzt weiß ich, was Militär heißt"


Fachbuch, 2012
103 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Beitrag von Anna Glöggl Hinrichs: Die Tiroler Kaiserjäger

A. Militärzeit in Wien
I. Von Brixen nach Wien
II. Erste Eindrücke von Wien
III. Antwortschreiben des Urgroßvaters
IV. Ende der Rekrutenzeit
V. Nachrichten aus der Heimat
VI. Aufenthalt in Mauer
VII. Zurück in die Rennwegkaserne in Wien
VIII. Im Lager zu Bruck an der Leitha
IX. Aufstieg zum Offiziersdiener
X. Stadelbau zu Hause
XI. Neuer Dienst und ein besonderes Ereignis
XII. Wichtige Neuigkeiten
XIII. Urlaub steht kurz bevor
XIV. Militär Grundbuchblatt – Teil 1

B. Ereignisse in Bildern nach dem Militär
XV. Primiz von P. Sebastian OSB
XVI. Hausbau
XVII. Hochzeit
XVIII. Foto der jungen Familie
XIX. Eucharistischer Kongress in Wien
XX. Schützenfest in Platt

C. Kriegszeit 1914 –
XXI. Das Kriegsjahr 1914
XXII. Das Kriegsjahr 1915
XXIII. Das Kriegsjahr 1916
XXIV. Militär Grundbuchblatt – Teil 2

D. Der letzte Lebensabschnitt
Brief an Josef
Großvater als Vorsteher
Großvater als Bauer
Brief an Anton
Primiz von P. Stefan OSB
Abschied von einem ereignisreichen Leben
Schlussgedanke

Anhang

Dank

Autor

Quellen, Literatur und Bildnachweis

Vorwort

Von unseren Vorfahren hat mein Vater oft erzählt, und ich staunte immer über sein großes Wissen in Bezug auf die Geschlechter im ganzen Tal, sein Gedächtnis reichte zurück bis an den Beginn des 19. Jahrhunderts. Es waren besondere Augenblicke für mich, wenn er das Fotoalbum und eine Reihe von alten Lichtbildern aus der Kommode seiner Kammer holte und angeregt von den darauf festgehaltenen Menschen und Ereignissen berichtete. Insbesondere beeindruckte mich aber, mit welcher Hochachtung und mit welchem Respekt er immer von seinem Vater sprach. Gerade dessen Militärdienst in Wien als Kaiserjäger erwähnte er des Öfteren und auch, dass er in seinen späteren Lebensjahren noch nach Wien gefahren ist, um die alte Kaiserstadt zu sehen und nachempfinden zu können, warum sein Vater diese Stadt so gepriesen und wohl auch geliebt hat.

Als ich im Schrein, der ursprünglich auf dem Dachboden in Magfeld stand, eine Schachtel mit Briefen des Großvaters aus seiner Militär- und Kriegszeit entdeckte und die vielen anderen Briefe aus jener Zeit, die mein Bruder Luis nun in Verwahrung hält, entschloss ich mich dazu, sie zu transkribieren, mich dann auf Spurensuche nach Wien zu begeben, entsprechendes Dokumentationsmaterial sowie Fotos zu sammeln, um schließlich diese kleine Schrift zu verfassen.

Im ersten Hauptteil der Schrift wird der Briefwechsel zwischen dem Großvater und seinem Bruder Georg auf Magfeld nach Themen geordnet und kurz kommentiert wiedergegeben.

Zuvor steht aber noch ein Beitrag über die Tiroler Kaiserjäger von Anna Glöggl Hinrichs, in dem die Autorin nach einem kurzen geschichtlichen Überblick die politisch-militärische Bedeutung dieser Elitetruppe der K. u. K. Monarchie erläutert.

Nach der in Bildern präsentierten Übergangszeit wird im zweiten Hauptteil der Briefwechsel zwischen Großvater und Großmutter in den Kriegsjahren 1914 – 1916 in einer ausgewählten Form präsentiert, während aus seinen letzten Lebensjahren nur noch zwei Briefe sowie mehrere bildhafte Darstellungen gezeigt werden.

Das Hauptziel dieses kleinen Buches besteht nicht darin, einen wissenschaftlichen Beitrag zu leisten, es soll vielmehr eine Hommage an meinen Großvater sein, auf dessen Spuren ich mich in Wien begeben und dessen Briefe ich mit großer Freude gelesen und transkribiert habe. Das Eintauchen in seine Welt empfand ich äußerst spannend und erweckte immer wieder meine Neugierde darüber, wie er wohl weiterhin zu den Geschehnissen in der Heimat, die ihm übermittelt wurden, Stellung nehmen wird.

Zur leichteren Lektüre habe ich die Diktion ohne jeglichen Inhaltsverlust an die heutige Schreibweise angepasst.

Einleitung

Josef Pamer erblickte am 13. August 1872 zu Untermagfeld in Platt i. P. das Licht der Welt. Väterlicherseits lassen sich die Ahnen bis zum Jahre 1620 in Fartleis zurückverfolgen, von wo die ersten zwei Bauern, Onkel und Neffe Veit Pamer, stammten. Sie kauften 1659 den Untermagfeldhof und vererbten ihn dann innerhalb der Familie weiter, in deren Besitz er bis heute steht.

Der Vater von Josef Pamer, unser Urgroßvater, trug ebenfalls den Namen Josef und erbte den Hof 1871 in der siebten Generation. Er vermählte sich im selben Jahr mit Kreszenz Hofer vom Untersteinerhof in Pfelders. Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor, nämlich Josef, Georg, Benedikt, Alois (P. Sebastian) und Maria. Ende dieses Jahrzehnts traf die Familie ein schwerer Schicksalsschlag: Innerhalb eines knappen Jahres starben drei Mitglieder der Familie, darunter auch die noch junge Mutter, welche kurze Zeit vorher das fünfte Kind geboren hatte. Nach zwei Jahren gelang es dem Vater – mit Hilfe des Herrn Pfarrers – wieder eine Frau zu finden, mit Namen Maria Pichler, die die Rolle als Mutter und Wirtschafterin im Haus übernahm und auch noch zwei Kindern, Hans und Barbara, das Leben schenkte.

Über Josefs Kindheit ist wenig bekannt, nur dass er mit Erfolg die Volksschule besucht und gut abgeschlossen hat, was für die damalige Zeit nicht so selbstverständlich war. Aus dem Militär Grundbuchblatt ist nämlich ersichtlich, dass wenige seines Jahrgangs einen solchen Abschluss und damit eine Grundausbildung erlangt haben.

Über seine Jugendzeit ist überliefert, dass der Vater mit ihm als dem zukünftigen Hoferben viel strenger war als mit seinen jüngeren Geschwistern, die anders als er eine Ausbildung als Chorsänger bekommen und im Kirchenchor mitsingen konnten. Auch ließ ihn der Vater den später in Wien erworbenen Anzug, der modern geschneidert war, daheim nicht tragen – der Sohn stand bereits im 24. Lebensjahr! – und ordnete an, dass der Dorfschneider ihn nach dem im Land üblichen traditionellen Schnitt abänderte.

Der hier in Auszügen veröffentlichte Briefverkehr aus der Militärzeit in Wien und der Kriegszeit in Meran wirft irgendwie auch ein Licht auf die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse und auch auf die Lebenseinstellung der Menschen jener Zeit. Es ist wohl selten, dass bei einer einfachen Bauernfamilie ein derart reger Briefverkehr stattgefunden hat und beinahe vollständig erhalten geblieben ist, vor allem wenn man bedenkt, dass zweimal ein Umzug von einem alten in ein neues Haus erfolgt ist, nämlich 1905 und 2007.

Die Militärzeit bei der Elitetruppe der Kaiserjäger in Wien empfand mein Großvater nicht so erlebnisreich und positiv, wie von meinem Vater manchmal dargestellt wurde, sondern sie war für ihn eine harte Lebensschule, verbunden mit vielen Entbehrungen und dem Heimweh, der Sehnsucht nach seiner Familie und seinem Zuhause. In mehr als einem Dutzend Briefen beleuchtete er diese Zeit der unterschiedlichen Dienste als Kaiserjäger in den 1890er Jahren in Wien Im Ersten Weltkrieg wird Großvater zum Wachdienst bei der „Eisenbahn Sicherungs-Abteilung / Meran“ eingeteilt, da er das 40ste Lebensjahr überschritten hatte und so vom Frontdienst verschont blieb. Die vielen erhaltenen Briefe zeugen von der ständigen Sorge um Frau und Kinder zu Hause, um die Wirtschaft am Hof und die Organisation der Arbeit und der Dienstboten. Er gibt gewissenhaft Aufträge und Anleitungen an die Frau weiter, sodass sie in Haus und Hof, in Stadel und Stall und auf Bergwiesen sowie im Wald die Führung übernehmen und alles unter Kontrolle halten kann. Man fragt sich, wie eine Frau mit fünf kleinen Kindern zwischen zwei Monaten und sieben Jahren auf einem großen Hof ohne Elektrizität, ohne Maschinen dies alles schaffen kann? Diese großartige Frau hat es geschafft.

Wie aus dem Militär Grundbuchblatt ersichtlich ist, wurde dem Großvater in den letzten zwei Kriegsjahren durchgehend Urlaub vom aktiven Kriegsdienst gewährt, sodass er sich von da an ganz der Familie, der Arbeit am Heimathof und seinen Aufgaben in der Pfarrgemeinde und im Gemeindeausschuss von Platt widmen konnte.

Die Tiroler Kaiserjäger

Die Elitetruppe des österreichischen Heeres

Anna Glöggl Hinrichs

Regimentsgründung

In den Jahren 1814/ 1815 tagte der Wiener Kongress um eine politische und territoriale Neuordnung in Europa herbeizuführen. Die Macht Kaiser Napoleons I. war gebrochen, Österreich gewann an Bedeutung im damaligen Europa – nicht zuletzt durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses. Es bekam unter anderem das adriatische Küstenland, Dalmatien, Venedig und mit Mailand das sogenannte Lombardo-Venetianische Königreich. Zur Sicherung der neuen Grenzen erkannte man die Notwendigkeit von ständig verfügbaren Truppen.

Nach der Rückkehr Tirols zu Österreich im Jahre 1814 begann man unverzüglich mit der Neuaufstellung eines Tiroler Jägerkorps, das zunächst aus einem Bataillon bestand, später aber auf drei Bataillone erweitert wurde. Inhaber des Korps wurde Feldmarschallleutnant Franz Philipp Fenner von Fenneberg, wovon sich auch die zeitweilige Bezeichnung „Fennerjäger“ ableitete.

Am 17. Mai 1815 befahl Kaiser Franz I. dem Gouverneur der eben wieder gewonnenen Länder Tirol und Vorarlberg, Ferdinand Graf von Bissingen, die Rekrutierung eines Jägerregiments aus wehrfähigen Männern Tirols auf dem Wege der Konskription vorzubereiten. Die Soldaten dieses Regiments in der Stärke von 50000 Mann rekrutierten sich nun durch die Konskription, darüber hinaus aber auch durch die Übernahme von 1400 Mann aus dem ehemaligen Fennerjägerkorps und von 600 Soldaten, welche nach Ende der Napoleonischen Kriege wieder in ihre Heimat zurückkehrten.

Die Dienstzeit betrug anfangs 12 Jahre, später 8 – 6 Jahre bei angemessener Bezahlung der Soldaten. Der Bitte der Tiroler Landstände, nicht nur die Mannschaft, sondern auch die Offiziere nur aus Tirol und Vorarlberg zu verpflichten, wurde vom Kaiser unter Hinweis auf die Pflicht „zur Verteidigung des gesamten Reiches“ nicht entsprochen. Am 15. Oktober 1815 wurde dem Gouverneur von Tirol, Graf von Bissingen, ein Stiftsbrief übermittelt mit genauen Angaben zur Aufstellung des Regiments. Der 16. Jänner 1816 wird als Geburtstag der Kaiserjäger gefeiert, da begann tatsächlich die Aufstellung des Regiments.

Gliederung

33 Jahre lang blieb die Organisation des Regiments unverändert, bis im Jahre 1849 eine Umformierung in sechs Bataillone zu vier Kompanien und ein Bataillon zu sechs Kompanien vorgenommen wurde. 1859 wurde ein einzusätzliches 8. Bataillon aufgestellt. Im Jahre 1863 erfolgte abermals eine Umstrukturierung: das Regiment hatte nunmehr sechs Bataillone zu je sechs Kompanien und ein Depotbataillon, aus dem im Mobilmachungsfall ein siebtes Bataillon entstehen sollte. Wegen der schwer überschaubaren Masse der Soldaten kam es zu einer bedeutungsvollen Neuordnung: Mit 1. Mai 1895 wurde das Personal durch Zuweisung aus der Feldjäger Truppe auf 16 Bataillone verstärkt und das Regiment in vier Jäger Regimenter zu je vier Bataillonen aufgegliedert. Die neu aufgestellten Regimenter erhielten die Bezeichnung Kaiserliches und Königliches 1., 2., 3. und 4. Tiroler Jäger Regiment „Kaiserjäger“. Regimentsinhaber war stets der Kaiser persönlich. Auch hatten alle vier Regimenter die gleiche Adjustierung und ergänzten sich gleichmäßig aus dem Territorialbereich des XIV. Korps in den drei Ergänzungsbezirken Innsbruck, Brixen und Trient:

1. Regiment: Stab, II., III. und IV. Bataillon in Innsbruck, I. Bataillon in Bregenz und Ersatzbataillon in Innsbruck.
2. Regiment: Stab, I., II. und IV. Bataillon in Wien, III. Bataillon und Ersatzbataillon in Brixen.
3. Regiment: Stab, III. und IV. Bataillon in Trient, 1. Bataillon in Riva, 2. Bataillon in Rovereto und Ersatz Bataillonskader in Trient.
4. Regiment: Stab, II., III. und IV. Bataillon in Linz, I. Bataillon und Ersatz Bataillon in Hall in Tirol.

Aufgaben und Zielsetzungen

Außer an unmittelbar militärischen Kampfeinsätzen waren die Kaiserjäger sowohl am Ausbau von militärisch wie auch zivil nutzbarer Infrastruktur beteiligt: Von Löweneck (Levico) im Suganerland aus legten die Kaiserjäger in den 70er und 80er Jahren des 19. Jh. den „Kaiserjägersteig“ an, der auf die Hochebene von Lusern und der Sieben Gemeinden führt und an der Malga Monterovere endet.

Die Kaiserjäger waren demnach keine Gebirgstruppe, sondern eine reguläre Infanterie. Als solche hatte sie gut ausgebildetes Friedenspersonal, welches z. B. während des Feldzuges in Galizien regelrecht aufgeopfert wurde und daher nicht mehr im gleichen Umfang ersetzt werden konnte. In der Schlacht von Gorlice Tarnow verlor das II. Regiment fast 80 Prozent seiner Soldaten durch Gefallene, Verwundete und Vermisste. Das IV. Regiment verlor zu der Zeit 1.300 Mann.

Im Herbst 1915 wurden die Kaiserjäger und Landesschützen an die Front gegen Italien verlegt, um diese zu stabilisieren. Ein hoher Prozentsatz bestand aus Trentinern, „Welschtiroler“ genannt. Der Rest setzte sich aus Tirolern und Angehörigen aus anderen Teilen der Monarchie zusammen. Trotz der vielen italie­nischsprachigen Jäger kam es bei den Kämpfen gegen das Königreich Italien zu so gut wie keinen Fahnenfluchten.

Uniformierung

Die Kaiserjäger trugen von der Gründung an eine hechtgraue Uniform mit grünen Aufschlägen. Beim Hechtgrau handelte es sich um die erste dem Gelände angepasste Uniformfarbe. Sie hielt sich über ein Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg und ist 1908 sogar als „Farbe der Zukunft“ für die gesamte Österreichisch-Ungarische Infanterie eingeführt worden.

Die Uniformierung der Jägertruppe war bis auf kleine Details für alle gleich. Als Paradekopfbedeckung dient der Hut aus mattschwarzem Filz. Der Waffenrock der Jäger war aus hechtgrauem Tuch, hatte Achselspangen, Achselwülste, Kragen und Ärmelaufschläge von grasgrüner Farbe. Die Knöpfe aller Jägerformationen waren gelb und mit Bataillonsnummer versehen.

Literatur

- Dirrheimer, Günther: Das k. u. k. Heer 1895. Wien 1983
- Haager, Christian et al: Tiroler Kaiserjägerbund: Tiroler Kaiserjäger seit 1816 – die Geschichte der Tiroler Eliteregimenter; Gründung – Einsätze – Ausrüstung/ herausgegeben von Tiroler Kaiserjägerbund und Alt-Kaiserjägerclub Innsbruck; Innsbruck 1991
- Huter, Franz: Ein Kaiserjägerbuch 1- Die Kaiserjäger und ihre Waffentaten. Innsbruck 1980
- Zöllner, Erich: Geschichte Österreichs von den Anfängen bis zur Gegenwart. Wien – München 1979
- Weblink: Österreich-Ungarns bewaffnete macht 1900 – 1914 (http://www.mlorenz.at)

A. Die Militärzeit in Wien

I. Von Brixen nach Wien

„Abends ging es fort die ganze Nacht hindurch, bis wir am Freitagmorgen in Wien ankamen.“

Die wichtigsten Kommandostellen für die Tiroler Kaiserjäger waren Hall in Nordtirol, Brixen in Südtirol und Trient in Welschtirol. Großvater erhielt den Befehl, am 01.10.1893 in Brixen einzurücken. Im ersten Brief (15. Oktober 1893) berichtet er über den Aufenthalt dort, die Weiterreise nach Wien und den Tagesablauf in der Kaserne.

In Brixen sind wir bis zum 3. Oktober geblieben. Zu tun hatten wir da nichts, das Essen mussten wir uns selbst kaufen und geschlafen haben wir die Nacht auf Stroh. Am 3. Oktober Nachmittag begann unsere Abreise, wir gingen zu Fuß bis zur Franzensfestung. Von dort sind wir um 5 Uhr abgefahren durchs Pustertal, die ganze Nacht sind wir gefahren. Am Mittwoch um sechs Uhr früh kamen wir in Villach an, wo wir den ganzen Tag und die Nacht geblieben sind. Am Donnerstag früh fuhren wir von Villach ab durch Kärnten und die Steiermark, wo wir in Bruck (an der Mur) fast den ganzen Nachmittag geblieben sind. Um 7 Uhr Abends ging es fort die ganze Nacht hindurch bis wir am Freitagmorgen in Wien ankamen und von da in die Rennweg-Artillerie Kaserne. Es ist dies eine sehr große Kaserne. Im Zimmer, in dem ich bin, schlafen im Ganzen 29 Mann. Gar so teuer ist es hier nicht, das Krügl Bier in der Kantine kostet 7 Kreuzer …

Zu arbeiten hat man von Morgens 5 Uhr bis Abends 9 Uhr, aber sonst gar so streng haben wir es noch nie gehabt. Bis 7 Uhr muss man putzen und abstauben, von 7 bis 11 Uhr wird exerziert, dann ist man bis 1 oder 2 Uhr in der Kaserne... Von 2 Uhr an wird wieder exerziert bis gegen Abend. Wenn man in die Kaserne kommt, sind die Schuhe zu nageln und zu wichsen. Das Krawattl muss jeden Abend aufgemacht und sonst alles ordentlich hergerichtet werden, dass man nicht vom Schlaf gestört wird. Schule haben wir jeden Abend eine Stunde oder auch länger...

II.Erste Eindrücke von Wien

„Am Abend war alles schön beleuchtet wie bei uns das Heilige Grab am Karfreitag“ Im zweiten Brief (12. November 1893) zeigt der Großvater seine Bewunderung, ja seine Begeisterung über die Größe und den Glanz der Stadt Wien; zugleich deutet er aber auch schon an, dass der Militärdienst bei dieser Elitetruppe kein Zuckerschlecken ist.

Streng haben wir es jetzt freilich, aber in der Rekruten Abteilung geht es halt nicht anders... Am Allerheiligentag durfte ich das erste Mal spazieren gehen, es haben da nur die Besten ausgehen dürfen. Da habe ich den Zentralfriedhof besucht, es ist dies ein ungemein großer Friedhof, wo die Toten von ganz Wien begraben werden. Da ist es sehr schön gewesen. Am Abend ist alles schön beleuchtet worden wie bei uns das heilige Grab am Karfreitag …

Wir haben nicht gar so strenge Hauptleute, beim 10. Bataillon haben sie es viel schlechter als wir.

Am Allerheiligentag haben wir im großen Kasernenhof eine Feldmesse gehabt, da ist viel Militär dabei gewesen, auch haben wir dabei den schon bei der Assentirung1 (in Brixen) abgelegten Eid nochmals erneuert. Nach dem Eid ist eine Defilierung vor sehr vielen Offizieren erfolgt. Da war es heikler als bei der Defilierung vor der Hofburg in Innsbruck. Am Allerseelentag haben wir in der Rennweg Pfarrkirche einer Messe mit Predigt beigewohnt; auch haben wir noch zweimal an einem Nachmittag eine Predigt angehört. Aber ansonsten kann man nicht zur Kirche gehen, weil an Sonntagen Vormittag immer etwas zu tun ist, dass man daran gehindert ist. Doch nach der Rekruten Abteilung wird sich das schon ändern.

Geld hab ich auch bald keines mehr. Zuerst hat man schon sehr viel Geld gebraucht, um das Notwendigste einzukaufen. Der Kaffee am Morgen ist nicht schlecht und zu Mittag bekommt man auch genug zu essen, aber für das Abendessen muss man sich etwas kaufen. Wenn man den ganzen Tag herumlaufen muss, hat man halt oft Hunger. Die Zeit reicht natürlich nicht, in die Stadt hinaus zu gehen, um etwas zu essen. Ich denke, man wird sich daran gewöhnen, dass man den Hunger nicht mehr spürt. Ich bitte euch, meine lieben Eltern, schickt mir ein wenig Geld, dass ich mir etwas kaufen kann. Ich werde schon darauf achten, dass ich nicht so viel brauche. Auch bitte ich euch, mir warme Socken zu schicken und vergesst nicht, den Namen hinein zu machen, denn sonst bekommt man nach der Wäsche nicht mehr die richtigen zurück...

Pamer Josef, Kaiserjäger, 8. Bataillon, 32. Kompanie in Wien

III.Antwortschreiben des Urgroßvaters

„Du sollst nicht die geschundene Rippe haben, wenn du zurückkommst.“Die Rolle des Berichterstatters aus der Heimat hat eigentlich der jüngere Bruder Josefs, Georg, übernommen. Auf den Brief vom 12.11. 1893 antwortet jedoch der Vater selbst gleich am 19.11. Es ist der einzige, der vom Urgroßvater erhalten ist. Deshalb – aber auch weil er interessant und originell ist – soll er in voller Länge wiedergegeben werden.

Lieber Josl

Wir haben deinen Brief richtig erhalten und haben Gott sei Lob gesehen, dass du gesund und zufrieden bist. Wir haben freilich auch gesehen, dass du es jetzt streng und hart hast, aber die Rekruten Abteilung wird bald vorüber sein, dann wirst du es wohl leichter bekommen.

Wir sind auch alle Gott sei Dank gesund und zufrieden. Das Wetter war bisher sehr gut, dass noch nie ein solcher Herbst gewesen ist. Gestern wurde es nebelig, Nachmittag fing es an zu regnen und zu schneien. Die Nacht hat es wohl einen Ritz2 gemacht, dass es jetzt recht unfreundlich ist. Das Gleichnis hat es wohl, noch mehr zu schneien. Es hat halt 14 Tage zu früh geschneit, denn wir hätten Arbeit genug gehabt.

Der Raffl ist auch gekommen am Allerheiligentag. Er hat es auch nicht gar so gelobt in Bregenz. Mit dem Raffl haben wir völlig alleweil bei den Steinen gearbeitet, Steine außerg’schossen haben wir viele. Wenn es kalt wur, müssen wir sie zusammenziehen. Sonst hätten wir noch das Ofenholz zusammen zu tun und Flöckn zu tragen. Das wird eine harte Arbeit werden3. Von Weg machen wurde allerdings nichts.

Neues gibt es in Platt gar nichts. In St. Leonhard ist Montagmorgen wieder ein Haus und ein Stadel abgebrannt beim Boidnhoiser dort unter dem Schloss droben. Den Tockter (Lockengeier) haben sie eingesperrt, weil er seine Alte hat gewollt abschlagen und den Nachbarn gedroht hat, alles anzuzünden. Er kann, wie man sagen hört, drei oder vier Jahre kriegen.

Die Socken haben wir vorher noch nicht verschickt, aber jetzt auf die Post gegeben. Du kannst sehen, wie lange es dauert, und wenn du etwa Strümpfe brauchst oder sonst etwas, so schreib nur herauf. Geld schicken wir dir sechs Gulden, einen Gulden hat dir die Barbara geschickt. Wenn du es gar hast, so schreib nur wieder, und gar so zu sparen brauchst du einmal nicht. Was du notwendig brauchst, musst du lei essen, damit du nicht die geschundene Rippe hast, wenn du dann kommst ...

1000 Grüße von uns allen; auch von der Rosa, unserer Diern, und die Barbara und die Basl Anna lassen dich auch schön grüßen.

Lebe wohl

Dein Vater

IV.Ende der Rekrutenzeit

„Du hast dich ausgezeichnet und kannst Offiziersdiener werden“ In der letzten Phase der Rekrutenzeit empfand Josef den Dienst und die Ausbildung als eine besonders drückende Last. Doch mit dem kurz bevorstehenden Akt der definitiven Eingliederung in die Elitetruppe (Justizierung) erhofft er sich zu Recht einen lockereren Dienst, mehr Ruhe und Freizeit.

Er schreibt am 26. November 1893: Wir haben es jetzt immer sehr streng, den ganzen Tag muss man exerzieren und herumlaufen, dass man am Abend fast nimmer gehen kann. Aber auch da hat man noch keinen Frieden, denn man muss Gewehrgriffe machen, die mir ganz zuwider sind, und an den Feiertagen hat man auch keine Ruhe, es ist immer etwas zu tun. Ich hoffe, es wird bald besser werden. Diese Woche haben wir die Justizierung, dann ist die Rekruten Abteilung endlich zu Ende. Wir werden dann in die Züge eingeteilt, ich komme in den ersten Zug, da wird es schon besser gehen. Mit dem Lernen hatte ich keine Schwierigkeiten, aber jene, die sich schwer tun beim Lernen, haben es nicht zu gut. Einige sind da dabei, die schon gar nichts derlernen. Ja, vor dem Einrücken hat man gar keine Ahnung, was man alles lernen muss...

Im Brief vom 17. Dezember 1893 entgegnet ihm Georg, nachdem er über einige Neuigkeiten berichtet hat u.a.:

„... Wir haben gesehen, dass du es sehr streng gehabt hast. Nun sind wir aber froh, dass du dich ausgezeichnet hast und sogar Offiziersdiener werden kannst...“

Das hier abgebildete „Instruktionstuch für die Kais. König. Fußtruppen“ zeigt in Miniatur, was die Kaiserjäger alles lernen und genauestens wissen mussten:

Oberer Streifen: die Kaiserhymne

Streifen rechts: die Hornsignale (von unten): Vorwärts, Rückwärts, Rechts, Links, Schnellschritt, Laufschritt, Halt, Rechter Flügel.

Linker Streifen: Linker Flügel, Schießen, Feuer-Einstellen, Sturmsignal, Reiterei, Auflösen, Vergatterung, Alarm.

Im Kreis um den Doppeladler (von oben im Uhrzeigersinn): Militär-Maria-Theresia-Orden, Militär-Verdienstkreuz, Leopold-Orden, Silberne Tapferkeits-Medaille II. Cl., Silberne Tapferkeits-Medaille I. Cl., Kriegsmedaille, Orden der eisernen Krone, Goldene Tapferkeitsmedaille.

Oberhalb von Doppeladler u. Kreis mit Medaillen: Das Werndl-Gewehr (Modell 1873) mit allen Bestandteilen.

Im unteren Teil: die Theorie des Schießens detailliert dargestellt.

Im untersten Streifen sind alle nummerierten Figuren kurz erklärt.

Dieses „Dokument“ habe ich von meinem Vater bekommen, der es gut und sicher in seiner Kammer verwahrt hielt.

V.Nachrichten aus der Heimat

„Mich freut es immer zu erfahren, was sich zu Hause und im Dorf ereignet.“Die Briefe, die Josef von Jänner bis Mai 1894 an die Familie nach Hause geschrieben hat, sind leider nicht mehr erhalten. Zum Glück hat er die an ihn nach Wien gesandten Briefe alle aufbewahrt, die auf seine Fragen eingehen und über seine Befindlichkeit einige Informationen liefern. So muss Josef zu Weihnachten 93/94 unter Heimweh gelitten haben und recht niedergeschlagen gewesen sein, wenn Georg am 2. Jänner 1894 schreibt: „... es geht diese Zeit schon vorbei, sei nur nicht gar so verzagt ... muntere dich nur auf und sei wieder lustig und nimm nicht alles so schwer...“

Ende Jänner/ Anfang Februar wird er mindestens zwei Wochen sich im Spital aufgehalten haben. Der Grund dafür ist nicht angegeben, weil aber nach der Rückkehr in die Kaserne und der regulären Dienstweiterführung darüber kein Wort mehr verloren wurde, ist es wahrscheinlich nichts Ernstes gewesen.

Über den Aufenthalt in Mauer, wo es Josef besser gefallen hat als in Wien, wird er sicher ausführlich berichtet haben.

Auch ist er der Bitte Georgs („Schick uns doch bald ein Porträt von dir“) nachgekommen, ließ ein Foto anfertigen und sandte es nach Hause. Dieses ist das erste Foto überhaupt, das es von ihm gibt. Er befand sich im 22. Lebensjahr.

Nun eine Auswahl der Nachrichten von zu Hause im Winter und Frühjahr 1894.

Über die Arbeit am Hof schreibt Georg am 2. Februar d. J.:

Die Eschen haben wir wohl noch alle umzuhacken und auch den Birnbaum, der keine Frucht mehr bringt. Mist weg zu führen brauchen wir nur mit dem Pferd allein fast ein halbes Jahr ...

Und am 1. April d. J. berichtet er:Bei uns ist schon bald aper und so geht jetzt die harte Arbeit an. Ich bin auch drei – vier Wochen mit dem Ross gefahren. Über Ulfas hinauf habe ich überall Mist gefahren und Trinkgeld hat es auch abgegeben. Damit kann ich mir schon einen Bock kaufen, vielleicht gar einen Wasserbock ...

In den Briefen vom 1. und 18. Februar informiert Georg auch über den Dienstbotenwechsel, der ja um Lichtmess immer erfolgt ist.

Die Dienstboten halten heuer viel auf die Schlenglfeiertage... Zuerst will ich bei uns anfangen: Der Raffl geht heuer Schweine tragen nach Ötztal; die Rosa geht nach Brand hinein; bei uns kommt die Hansele Filomena, da werden wir etwa nicht den schlechteren Tausch haben... Der Ebner Ander geht zum Hiener Klaus herab; von diesem wirst du auch in aller Kürze einen Brief bekommen; Im Widum ist ein Troter Bua von Walten drinnen, ich weiß nicht wie er es etwa in der Kirche machen wird. Bis Georgi tut es noch der Schulmeister, wo er nachher hingeht, weiß ich nicht. Das Prischer Hansele hat jetzt wohl auch einen Knecht bekommen; Dirn hat er keine; von Martini bis Lichtmess hat er niemand gehabt. Beim Wirt ist der Branter Luis Knecht und Posttrager zugleich; er ist schon seit Martini drinnen ...

Am 4. März berichtet Georg über die Musterung, bzw. Neure­krutierung in Passeier:Jetzt will ich dir wohl einige nennen, die das Glück haben, Kaiserjäger oder Landesschützen zu werden. Ganz genau bin ich nicht informiert; im Ganzen haben sie halt 23 gekalten4. Platter Buabm, die halt in Platt Kirchen gehen, haben sie keinen brauchen können; der Branter Georg ist auch gut davon gekommen. Pfelderer haben sie zwei gekalten ...

Im Brief vom 1. April erwähnt er noch ein wichtiges Ereignis, das sich in Passeier zugetragen hat:

Am Mittwoch haben die Mooser ein großes Fest gehabt. Der Bamer Franz hat Neue Messe gehalten. Da ist es sehr schön gewesen und viele Leute aus dem Tal sind gekommen Das Scheibenschießen wurde damals landauf landab sehr gepflegt. Jedes Dorf, ja sogar kleine Fraktionen wie Breiteben besaßen einen Schießstand, denn ab dem 18. Lebensjahr war es für die Burschen auch Pflicht, jährlich ein gewisses Pensum an Schießübungen zu absolvieren. Es war aber auch eine recht beliebte Freizeitbeschäftigung, bei der man sich unterhalten, im Konkurrenzkampf messen und beim sog. „Bester Schießen“ – eine Art Preisschießen – bei entsprechendem Erfolg auch Geldpreise erhalten konnte. Georg schreibt am 1. Juli 1894 seinem Bruder nach Wien, nachdem er die freudige Mitteilung gemacht hatte, dass der Vater beim Egger in Meran ein neues Gewehr angeschafft hat:

Wir haben schon viermal damit geschossen. Der Vater schießt heuer alles zu Brocken; in die 20 Kreise hat er immer ...

VI.Der Aufenthalt in Mauer

„Die Flucht aus der Riesenkaserne im Zentrum Wiens, die frische Landluft und die wohltuende Ruhe“ … geben Josef wieder neuen Mut und lassen ihn aufleben.

Mauer war im 19. Jh. ein beliebter Ausflugsort, ein ländlich geprägter Vorort von Wien mit ausgesprochenem Dorfcharakter.

Seit der Josefinischen Ära (Ende des 18. Jhs.) bis zum Ende der Monarchie blieb Mauer auch ein Garnisonsort, der durch die Schießstätte im Maurer Wald Bekanntheit erlangte.

Die hier abgebildete Kaserne war der Standort für die Maurer Garnison, welche ursprünglich den Jesuiten gehörte. Nach der im Jahre 1773 erfolgten Auflösung des Ordens bezog das Österreichische Militär dieses Gebäude.

Großvater fühlte sich in dieser damals noch idyllischen Landschaft viel wohler als in Wien, auch weil das Exerzieren, der Wachdienst und die Schießübungen viel lockerer gehandhabt wurden als in Wien.

Am 5. Juni 1894 schreibt er:

Wir sind schon am 25. Mai von Mauer abgezogen; da hätte es mir viel besser gefallen als hier in Wien. Man hat in Mauer nicht so viel exerzieren müssen wie hier und an den Feiertagen hatte man doch Ruhe ... ganz anders als hier, wo man kaum Zeit bekommt in die Kirche zu gehen ...

Dem Ort Mauer blieb bis in die Zwischenkriegszeit herauf der Dorfcharakter erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden von den 50er bis in die 80er Jahre herauf Wohnhaussiedlungen der Gemeinde Wien errichtet, wodurch die ursprüngliche dörfliche Struktur von Mauer verloren gegangen ist. Es gehört heute zum 23. Wiener Bezirk Liesing.

VII Zurück nach Wien in die Rennwegkaserne

„Auf dem Exerzierplatz stundenlang im Laufschritt, dass man die Sterne am Himmel zählen kann“

Im Brief vom 7. Juli 1894, einige Wochen nach der Rückkehr von Mauer, berichtet Josef seinen Eltern über die Strapazen, ja Schikanen bei der Ausbildung und über das furchtbare Sturm- und Hagelgewitter in Wien.

Wir haben es jetzt so streng wie nie zuvor. Von früh morgens bis Mittag halten wir uns auf dem Exerzierplatz auf, wo man fortwährend im Laufschritt sich bewegen muss, dass man die Sterne vom Himmel zählen kann. Wir haben einen bösen Bataillonskommandanten. Wenn nicht alles geht wie er es sich vorstellt, muss es so lange gemacht werden, bis er zufrieden ist. Aber zufrieden ist er schon völlig gar nie. Kein Offizier macht es ihm recht und gut genug; dann kann es bei uns wohl gut gehen. Es ist keine Kleinigkeit bei der größten Hitze fünf Stunden oder länger zu exerzieren, und am Nachmittag geht es geschwind wieder gleich weiter. Es schaut aus wie ein Wunder, dass man dies alles aushält. An den Feiertagen Nachmittag ist es schon besser, denn da könnte man jetzt spazieren gehen. Doch da vergeht einem wohl auch die Lust zum Ausgehen, obwohl in der Stadt allerhand zu sehen wäre.

Der Alois schrieb mir, bevor er in die Heimat gegangen ist. Der kann jetzt in der lieben Heimat sein, wo es ganz anders ist. Ich werde wohl auch einmal heimgehen können mit Gottes Hilfe. Es dauert nicht mehr lange bis ein Jahr Dienst vorüber ist.

Am 28. Juli gehen wir nach Bruck a. L. hinab und bleiben bis zum 1. September drunten. Es wird ein heißer Monat sein, aber ich gehe doch lieber hinab als hier bleiben. Es ist überall besser. Hier ist es jetzt ungeheuer warm; alles stinkt vor Hitze.

Anfang Juni hat es viel geregnet, und am 7. Juni erlebten wir hier ein ganz furchtbares Wetter wie ich es noch nie gesehen habe. Ich war damals auf Burgtor-Wache. In der Früh ab halb 5 Uhr war es noch hell; und um 6 Uhr wurde es ganz Nacht. In den Häusern, wo gearbeitet wurde, haben sie Lichter angemacht. Dann auf einmal brach der Sturm los, es fing an so stark zu hageln, dass in ganz Wien auf der Seite, wo der Windsturm daherkam, alle Fensterscheiben eingeschlagen wurden. Das Laub wurde von den Bäumen heruntergeschlagen und sogar sehr große Bäume hat der Wind umgerissen. Die Ernte außerhalb der Stadt ist total vernichtet worden, der Schaden ist ungeheuer groß. Militär ist auch verunglückt bei diesem Sturm, es war Artillerie auf der Simmeringer Heide, wo auch ein sehr großer Exerzierplatz ist. Die Pferde sind alle scheu geworden, haben die Reiter abgeworfen und sind über sie hinweggerannt. Ob dann einige zu Tode kamen, weiß ich nicht, wahrscheinlich schon...

In der Zeitung „Burggräfler“ wurde darüber natürlich auch berichtet. Zwei Zitate: „... Taubeneiergroße Eisstücke prasselten nieder in einer Stärke und Menge, wie sich erfahrene Meteorologen an dergleichen nicht erinnern.“ Und weiter: „...Bei einer ausrückenden Batterie beim Arsenal scheuten die Pferde, von denen 62 verunglückt sind; 13 Mann und Offiziere wurden schwer verletzt...“

VIII.Im Lager zu Bruck an der Leitha

„Die Alten haben abgerüstet und sind nach Hause gegangen. Das war nicht fein, zusehen zu müssen, wie diese voll Freude nach Hause gehen können.“

Kurz nach der Ankunft in Bruck, am 3. August 1894, und wenige Tage nach der Abreise, am 8. September d. J., informiert Großvater in den zwei Briefen kurz über den Aufenthalt seiner Kompanie in Bruck, hebt positiv den Unterschied zu Wien hervor und artikuliert deutlich das sehnsüchtige Verlangen nach der Heimat. Er erwägt die Absicht, das selten verliehene Privileg zu erlangen, nur zwei Jahre Militärdienst leisten zu müssen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Briefe aus Militär- und Kriegszeit
Untertitel
"Jetzt weiß ich, was Militär heißt"
Veranstaltung
Heimatgeschichte
Autor
Jahr
2012
Seiten
103
Katalognummer
V201407
ISBN (eBook)
9783656273110
ISBN (Buch)
9783656274711
Dateigröße
10484 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
briefe, militär-, kriegszeit, jetzt, militär
Arbeit zitieren
Dr. Veit Pamer (Autor), 2012, Briefe aus Militär- und Kriegszeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201407

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