Handelspolitik bei strategischen Rohstoffen

Am Beispiel von Seltenen Erden und Germanium


Bachelorarbeit, 2012
52 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorie der Handelspolitik
2.1 Außenhandelspolitik, Protektionismus und Freihandel
2.1.1 Begriffe und Definitionen
2.1.2 Strategische Handelspolitik: Die Brander-Spencer-These
2.2 Instrumente strategischer Handelspolitik
2.2.1 Tarifäre Maßnahmen
2.2.2 Nicht-tarifäre Maßnahmen

3 Strategische Rohstoffe und existierende Exportrestriktionen
3.1 Merkmale strategischer Rohstoffe
3.2 Untersuchung ausgewählter strategischer Rohstoffe
3.2.1 Seltene Erden
3.2.1.1 Gegenwärtige Marktsituation
3.2.1.2 Exportrestriktionen Chinas
3.2.2 Germanium
3.2.2.1 Gegenwärtige Marktsituation
3.2.2.2 Exportrestriktionen der Förderländer

4 Nicht-kooperative Handelspolitik im Rohstoffsektor
4.1 Einfluss einer Exportsteuer auf nachgelagerte Sektoren
4.2 Zolleskalation und effektiver Protektionssatz
4.3 Gleichgewicht der nicht-kooperativen Handelspolitik
4.4 Bewertung des Modells

5 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wettbewerb zwischen zwei Unternehmen

Abbildung 2: Die Folgen einer europäischen Subvention für Airbus

Abbildung 3: Wettbewerb zwischen zwei Unternehmen: Ein alternativer Fall

Abbildung 4: Die Ableitung der Importnachfrage des Auslands

Abbildung 5: Auswirkungen des Exportzolls

Abbildung 6: Auswirkungen einer Exportquote

Abbildung 7: Wirtschaftl. Bedeutung/Versorgungsrisiko von Rohstoffen für die EU..19

Abbildung 8: Der Exportzoll bei einem großen Land

Abbildung 9: Auswirkung eines Exportzolls auf die nachgelagerte Industrie

Abbildung 10: Senkung der Zölle auf Rohstoffe für den nachgelagerten Sektor

Abbildung 11: Preise ausgewählter Seltener-Erden-Oxide, 2007 - 2011 VII

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Die drei Hauptförderländer bei ausgewählten Rohstoffen 2011

Tabelle 2: Chinesische Exportquoten bei Seltenen Erden (in Tonnen)

Tabelle 3: Zukünftige Rohstoffnachfrage für ausgewählte Zukunftstechnologien VI

Tabelle 4: Vergleich der Kritikalität von Rohstoffen in Studien VI

1 Einleitung

Rund ein Fünftel der weltweit gehandelten Güter sind natürliche Ressourcen1. Ein Großteil davon sind nicht-erneuerbare mineralische und fossile Rohstoffe. In Förder- länder, bei denen Exporte weitestgehend auf Rohstoffe beschränkt sind, wird dem Handel mit diesen große Bedeutung beigemessen.2 Die meisten Länder können ih- ren Rohstoffbedarf allerdings nicht durch eigene Vorkommen decken. Die Versor- gung auf den internationalen Rohstoffmärkten stellt für Rohstoffimporteure wie Deutschland eine große Herausforderung dar. Deutschland ist bei einer beträchtli- chen Anzahl von Rohstoffen, darunter hauptsächlich mineralische und kohlenstoff- haltige, importabhängig.3 Diese werden in der Industrie zur Herstellung von hoch- technologischen Produkten, Kraftfahrzeugen sowie für neue Umwelttechnologien eingesetzt. Dabei ist eine sichere Versorgung nicht nur zur Erhaltung der bisherigen Produktion, sondern auch für die Entwicklung neuer Technologien, essentiell.4 In 2011 erzeugt das produzierende Gewerbe (ohne Baugewerbe), welches Rohstoffe zur Produktion von Gütern benötigt, etwa 25% des deutschen Bruttoinlandspro- dukts.5 Daran wird die Notwendigkeit einer sicheren Versorgung mit Rohstoffen, als Vorrausetzung für industrielle Wertschöpfung und folglich für Beschäftigung, Investi- tionen und gesamtwirtschaftliches Wachstum, deutlich.6

Der sicheren Rohstoffversorgung stehen Rohstoffmärkte gegenüber, bei denen eine verstärkte Volatilität und enorme Preisschwankungen zu beobachten sind.7 Der Preis vieler Rohstoffe steigt, kurzzeitig unterbrochen durch die Finanzkrise, ungemein an. Verglichen mit dem Preisniveau in 2003 steigen die Preise von Blei um das Achtfa- che, von Zink und Kupfer um das Fünffache und von Erdöl um das Vierfache.8 Die gegenwärtige Tendenz ist auf eine Reihe von Veränderungen in den globalen Ange- bots- und Nachfragemustern, sowie kurzfristigen Schocks auf den Märkten der Roh- stoffe zurückzuführen. Durch das weltweite Wirtschaftswachstum zwischen 2002 und 2008 werden insbesondere in den Schwellenländern wie China, Brasilien und Indien

Rohstoffe sehr viel stärker nachgefragt.9 „China ist heute der größte Verbraucher bei allen wesentlichen Rohstoffen mit Ausnahme von Erdöl und Erdgas.“10

Neben einer dynamischen Nachfragesituation sind die internationalen Rohstoffmärk- te darüber hinaus durch eine Vielzahl von Handels- und Wettbewerbsverzerrungen gekennzeichnet. Rohstoffförderländer beschränken gezielt die Ausfuhren von Roh- stoffen, um die eigene Rohstoffversorgung zu sichern und ihren Unternehmen einen Vorteil im internationalen Wettbewerb zu verschaffen.11 Gemäß der EU-Kommission gibt es weltweit über 450 Exportrestriktionen, wobei über 400 verschiedenartige Rohstoffe betroffen sind.12 Ein derzeit häufig diskutiertes Beispiel hierfür sind die Elemente der Seltenen Erden.13

Aufgrund der Wichtigkeit einer sicheren Rohstoffversorgung für rohstoffverarbeitende, produzierende Industrien, setzt sich diese wissenschaftliche Arbeit mit aktiven handelspolitischen Maßnahmen bei strategischen Rohstoffen auseinander. Dabei sollen folgende Forschungsfragen analysiert und beantwortet werden:

Was sind strategische Rohstoffe, welche Merkmale müssen sie aufweisen und wo werden sie überwiegend eingesetzt?

Welche strategischen Rohstoffe sind von Handelsbeschränkungen betroffen und welche Arten von Beschränkungen existieren in diesem Zusammenhang? Welche Länder setzen Handelsbeschränkungen ein und was sind deren Motive diese einzuführen?

Welche Strategien können rohstoffarme Länder verfolgen, um zum Schutz der eigenen Industrie eine sichere Rohstoffversorgung zu gewährleisten?

Das zweite Kapitel deckt als Grundlage die handelspolitische Theorie ab, in der unter anderem mit der Brander-Spencer-These eine Begründung für eine strategische Handelspolitik erfolgt. Der Schwerpunkt des Kapitels liegt auf den relevanten außen- handelspolitischen Instrumenten. Das dritte Kapitel befasst sich mit strategischen Rohstoffen und existierenden Handelsbeschränkungen. Zum einen werden die we- sentlichen Merkmale strategischer Rohstoffe identifiziert und zum anderen zwei stra- tegische Rohstoffe auf Beschränkungen hin untersucht. Im vierten Kapitel soll mo-

dellhaft die Strategie von Rohstoffexporteuren hinsichtlich der Einführung von Beschränkungen ermittelt, sowie eine mögliche Strategie von rohstoffarmen Ländern analysiert werden. Ein mögliches Gleichgewicht, welches sich bei nicht-kooperativer Handelspolitik im Rohstoffsektor einstellt wird dabei vorgestellt. Mit einer Bewertung des Modells wird das Kapitel abgeschlossen.

2 Theorie der Handelspolitik

In diesem Kapitel werden theoretische Grundlagen der Handelspolitik erläutert. Im ersten Unterpunkt sollen die Begriffe Handelspolitik, Protektionismus und Freihandel voneinander abgegrenzt werden. Daraufhin wird die strategische Handelspolitik anhand der Brander-Spencer-These erörtert. Die Vorstellung wesentlicher Instrumente der strategischen Handelspolitik schließt das Kapitel ab.

2.1 Außenhandelspolitik, Protektionismus und Freihandel

Nachfolgend werden diese Begrifflichkeiten definiert.

2.1.1 Begriffe und Definitionen

Die Außenwirtschaftspolitik, als Teilgebiet der allgemeinen Wirtschaftspolitik einer Volkswirtschaft, verfolgt die Erreichung gesamtwirtschaftlicher Ziele: Preisniveausta- bilität, hoher Beschäftigungsstand, stetiges und angemessenes Wirtschaftswachs- tum, Außenwirtschaftliches Gleichgewicht.14 Dabei kann die Außenwirtschaftspolitik weiter in die Außenhandels- und Zahlungsbilanzpolitik, Währungspolitik sowie die Integrationspolitik aufgegliedert werden. Die Außenhandelspolitik (kurz Handelspoli- tik) umfasst alle Maßnahmen, welche sich auf den internationalen Handel mit Gütern, Dienstleistungen und Rohstoffen auswirken.15 Der Staat, welcher in diesem Kontext häufig als nationale öffentliche Organisationen16 bezeichnet wird, initiiert handelspoli- tische Maßnahmen in der heimischen Volkswirtschaft mit dem Ziel der Wohlstandserhöhung.17

Die Handelspolitik beinhaltet zur Beeinflussung der Außenhandelsbeziehungen di- vergente Leitbilder, Ziele und Instrumente. Aus gesamtwirtschaftlicher Sichtweise können Freihandel und Protektionismus unterschieden werden. Der Freihandel ist durch einen generellen Abbau von Handelsbeschränkungen und dem damit verbun- denen vollständigen Verzicht auf staatliche Interventionen gekennzeichnet.18 Im Ge- gensatz umfasst eine protektionistische Außenhandelspolitik gezielte staatliche Ein- griffe, um den Außenhandel des betrachteten Landes zu steuern. Dabei können Maßnahmen sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite angesetzt werden. Zielsetzung ist die heimische Industrie durch Beschränkungen von Importen zu schützen, sowie die Exportindustrie durch bewusste Maßnahmen zu fördern.19

Diese Maßnahmen beeinflussen die Erwartungen inländischer Unternehmen, welche sich ihrerseits auf die Erwartungen ausländischer Unternehmen auswirken. Diese Interdependenzen sind der Auslöser für die Begründung einer aktiven strategischen Handelspolitik, welche im nachfolgenden Gliederungspunkt anhand eines Beispiels erläutert wird.20

2.1.2 Strategische Handelspolitik: Die Brander-Spencer-These

Durch die Verfolgung einer strategischen Handelspolitik, und dem damit verbunde- nen Einsatz protektionistischer Instrumente versucht ein Land seine Wohlfahrt zu steigern. Dabei wird davon ausgegangen, dass der Freihandel für das Land kein Wohlfahrtsoptimum schaffen kann und daher staatliche Eingriffe notwendig sind. Durch die Ausweitung komparativer Vorteile können inländische Unternehmen öko- nomische Renten generieren (rent creation) und dadurch eine Wohlfahrtssteigerung herbeiführen. Die andere Alternative ist es, Renten aus dem Ausland ins Inland um- zulenken (rent shifting).21 Diese letztgenannte Möglichkeit wird nun im folgenden Beispiel aufgezeigt.

Die von Brander und Spencer in den 1980er Jahren entworfene These lässt sich un- ter Zuhilfenahme eines simplen Beispiels anschaulich verdeutlichen. Es konkurrieren zwei Unternehmen (Boeing und Airbus), die jeweils in einem Land (USA und Europa) angesiedelt sind, miteinander. Beide Unternehmen können ein neues Produkt, einen Super-Flieger, produzieren. Dabei ist es jedem Unternehmen nur möglich das Flug- zeug entweder ganz oder gar nicht herzustellen.22 Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die Verschiebung der Gewinne in eines der beiden Länder. Dabei liefern beide Unternehmen ihren Super-Flieger ausschließlich in ein drittes Land. Das Drittmarkt- Modell hat den erheblichen Vorteil, dass nur die Interaktionen auf diesem Markt be- rücksichtigt werden müssen und somit Rückkoppelungen auf die Wohlfahrt der Kun- den in Europa und den USA vernachlässigt werden können. Der Gewinn des Unter- nehmens eines Landes, abzüglich der Kosten für eine staatliche Subvention, ist der Maßstab für einen nationalen Vorteil.23

Abbildung 1 zeigt die möglichen Entscheidungsalternativen der beiden Unternehmen. Dabei geben die Zeilen jeweils eine bestimmte Entscheidung bei Boeing wieder, die Spalten entsprechend die Entscheidungen bei Airbus. Zusätzlich enthält jede Box zwei Informationen: im blauen Feld die Erträge von Airbus, im weißen Feld die Erträ- ge von Boeing.

Ausgehend von Abbildung 1 stellt sich folgende Situation ein. Jedes Unternehmen könnte bei alleiniger Produktion Gewinne in Höhe von 150 Einheiten erwirtschaften. Wenn Airbus und Boeing produzieren, realisieren beide jeweils einen Verlust von 10 Einheiten. Nun stellt sich die Frage, welches Unternehmen sich die Gewinne aneig- net. Die Antwort ist abhängig davon, welches Unternehmen schneller produziert. Fer- tigt Boeing den Super-Flieger beispielsweise mit einem kleinen Vorsprung, fehlt der Produktionsanreiz für Airbus. Dieser Fall ist in der oberen rechten Box der Abbildung 1 dargestellt. Boeing erzielt einen Gewinn von 150 Einheiten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wettbewerb zwischen zwei Unternehmen

An diesem Punkt greift die Brander-Spencer-These. Die Europäische Regierung bie- tet Airbus nach dieser These Subventionen, um die Produktion wieder aufzunehmen. Erhält Airbus Subventionen in Höhe von 50 Einheiten, verändert sich die Ertragslage des europäischen Unternehmens.24 Dies illustriert die Abbildung 2. Airbus erwirt- schaftet nun beim Bau des Super-Fliegers einen Gewinn, selbst wenn Boeing eben- falls produziert. Hingegen verändert sich die Lage für Boeing unverkennbar. Wenn das US-Unternehmen weiter produziert bedeutet dies Defizite in Höhe von -10 Ein- heiten. Folglich verschiebt sich der Vorteil und Boeing wird vom Markteintritt abge- schreckt. Die europäische Subvention schränkt somit den Nutzen des frühen Baube- ginns Boeings stark ein und verhilft Airbus einen strategischen Vorteil zu erlangen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Folgen einer europäischen Subvention für Airbus

Als Resultat verlagert sich das Gleichgewicht von der oberen rechten Box der Abbil- dung 1 zur unteren linken Box der Abbildung 2. Die zeigt, dass Airbus durch die Sub- ventionen 200 Einheiten Gewinn realisiert. Im vorherigen Fall ohne Subventionen sind es 0 Einheiten Gewinn. Boeing produziert dagegen nicht. Der Vorteil für Europa beläuft sich demgemäß auf dem Gewinn von Airbus abzüglich der Subventionen, die die europäischen Steuerzahler aufwenden müssen. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Subventionen den Ertrag inländischer Unternehmen erhöhen, während, ausländische Konkurrenz vom Markteintritt abgehalten wird. Somit ist der Effekt der Subvention eine Verschiebung von strategischen Vorteilen zwischen den konkurrierenden Unternehmen.25 Folglich beeinflusst die Europäische Handelspolitik die Erwartungen des ausländischen Unternehmens, welche wiederum eine Änderung dessen Optimalverhaltens nach sich ziehen. Infolgedessen werden die Interaktionen von in- und ausländischen Unternehmen zum Vorteil des Inlands beeinflusst. Diese Konstellation bildet den Kern der strategischen Handelspolitik.26

Eine logische Folgerung aus diesem Beispiel wäre, dass erfolgreiche strategische Außenhandelspolitik durch staatliche Interventionen generell herbeigeführt werden kann. Ein Eingriff Europas führt zu einer deutlichen Gewinnsteigerung eines europäi- schen Unternehmens, zu Ungunsten eines ausländischen Mitbewerbers. Demzufolge steigert sich die europäische Wohlfahrt auf Kosten der Wohlfahrt der USA.27 Bei den bisherigen Überlegungen wird nicht berücksichtigt, dass bei den jeweiligen Regie- rungen unvollkommene Informationen vorliegen können. Außerdem besteht eine Un- sicherheit bei der Antizipation der Verhaltensweise der Konkurrenz. Darüber hinaus bleibt auch das Risiko von Vergeltungsmaßnahmen des Auslands ungeachtet.28

In der Ausgangslage erwirtschaften Airbus und Boeing bei einer Produktion jeweils einen Verlust von -10 Einheiten (Abbildung 1, obere linke Box). Nun wird angenom- men, dass sich dies aufgrund unvollkommener Informationen nachweislich als irrtüm- lich herausstellt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Wettbewerb zwischen zwei Unternehmen: Ein alternativer Fall

Wie in der oberen linken Box in Abbildung 3 dargestellt, erwirtschaften Boeing tat- sächlich 10 Einheiten und Airbus -45 Einheiten. Bei einer gleichbleibenden europäi- schen Subvention von 50 Einheiten wird Airbus mit der Produktion beginnen. Boeing macht nun allerdings, anders als bisher angenommen, ebenfalls Gewinn. Boeing bleibt trotz des Markteintritts von Airbus auf dem Markt und erzielt einen Gewinn von 10 Einheiten. Ein langfristiges Gleichgewicht stellt sich demzufolge in der linken obe- ren Box der Abbildung 3 ein. Der europäische Nettonutzen der Subvention ist nega- tiv. Durch diese Fehlannahme unterstützt Europa langfristig eine ineffiziente Indust- rie.29

Die Entscheidung, ob ein strategisches handelspolitisches Eingreifen sinnvoll ist, setzt eine präzise Bewertung des vorliegenden Sachverhalts voraus. Dabei stellt sich die Frage, ob die, zur erfolgreichen Anwendung dieser These, erforderliche Daten- menge überhaupt erfasst werden kann.30 Insgesamt gesehen, gehen wichtige Impul- se von der strategischen Handelspolitik aus, doch angesichts der empirischen und praktischen Schwierigkeiten ist die Optimalität des Freihandels nicht entkräftet.31 Seinerzeit tätigt der US-Ökonom Robert E. Baldwin eine zutreffende Aussage: „The new trade theorists are very much aware of the practical limitations of their argu- ments, and they believe that, as a rule of thumb, free trade is the best policy for countries to follow“.32

Mit Hilfe des vorangegangenen Beispiels wird eine mögliche Begründung für eine aktive strategische Handelspolitik auf einem duopolistischen Markt gegeben und darauffolgend ihre Gültigkeit kritisch hinterfragt. Die Auswirkungen handelspolitischer Maßnahmen bei Rohstoffen auf nachgelagerte Industrien, welche den Rohstoff als Produktionsfaktor einsetzen, bleiben bei diesem Modell unberücksichtigt. Daher wird im vierten Kapitel modellhaft gezeigt, welche Auswirkungen ein protektionistisches Verhalten bei Rohstoffen haben kann.

2.2 Instrumente strategischer Handelspolitik

Dieses Kapitel befasst sich mit Instrumenten, mit denen eine strategische Außen- handelspolitik umgesetzt und deren Ziele verfolgt werden können. Da in der vorlie- genden Arbeit strategische Rohstoffe als Schwerpunkt betrachtet werden, sollen im Folgenden ausschließlich Maßnahmen, die bei Rohstoffen Anwendung finden, vor- gestellt werden.

Seit geraumer Zeit widmen handelspolitische Entscheidungsträger, zur Erreichung bestimmter Zielen, Exportbeschränkungen eine hohe Aufmerksamkeit. In diesem Zusammenhang werden Exportrestriktionen definiert als Maßnahmen, die direkt den Export beeinflussen. Typische Werkzeuge zur Exportbeschränkung sind Exportzölle und Abgaben, Exportverbote, Exportquoten, Exportkontingente, Exportlizenzen und Minimumausfuhrpreise.33

2.2.1 Tarifäre Maßnahmen

In der Regel setzen Länder vornehmlich Exportzölle, -steuern und -abgaben als ta- rifäre protektionistische Maßnahmen ein. Zu den tarifären Maßnahmen können auch verordnete Minimumausfuhrpreise gezählt werden. Exportzölle treten in der Regel in Form von Wertzöllen oder spezifischen Zöllen auf. Beim Wertzoll erhebt das Export- land einen festgesetzten Prozentsatz des Warenwertes als Gebühr. Im Gegensatz dazu bezieht sich der spezifische Zoll auf die Mengeneinheit (z.B. Gewicht, Stück- zahl), die charakteristisch für die zu exportierenden Waren ist. Folglich ist pro Men- geneinheit eine fixe Abgabe zu entrichten.34 Alle Arten von Exportzöllen steigern die Kosten für den Export und senken aufgrund dessen das Exportvolumen.35

Die durch den Zoll entstehenden Preis- und Mengenänderungen können durch eine Partialanalyse dargestellt werden. Dabei wird ein Teilbereich der Volkswirtschaft, der Exportgutsektor, betrachtet. Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass der Staat seine Zolleinnahmen ausnahmslos für zusätzliche Ausgaben nutzt.36 Es sei angenommen, dass zwei Länder (Inland und Ausland) beide ein Gut nachfragen und produzieren. Das Gut ist zwischen beiden Ländern mobil. Zusätzlich liegt bei beiden

Ländern in der produzierenden Industrie vollständiger Wettbewerb vor, sodass die Angebots- und Nachfragekurven Funktionen des Marktpreises sind.37 Des Weiteren wird der Wechselkurs als konstant angenommen. Folglich kann der Preis in inländischer Währung gemessen werden.38

Auf diesem Markt kommt es zum internationalen Handel, falls sich die Preise in den Ländern vor Aufnahme des Außenhandels unterscheiden. Es wird unterstellt, dass vor Beginn des Außenhandels der Preis für das Gut im Inland niedriger ist als im Ausland. Kommt es nun zum Außenhandel, so wird das Inland das Gut ins Ausland transportieren, da der Auslandspreis den Inlandspreis übersteigt. Dieser Export senkt den Auslandspreis und lässt den Inlandspreis ansteigen, bis die Preisdisparität aus- geglichen ist.

Mit der Ableitung der Importnachfragekurve des Auslands und der Exportangebotskurve des Inlands ist es möglich den Weltpreis und das Handelsvolumen zu bestimmen. Die Ableitung erfolgt anhand ihrer gegebenen heimischen Angebots- und Nachfragekurve. Das Exportangebot vom Inland ist der Produktionsüberschuss, welcher die von den Inlandskonsumenten nachgefragte Menge übersteigt. Umgekehrt ist die Importnachfrage des Auslands die nachgefragte Gütermenge, welche die bereitgestellte Angebotsmenge übersteigt.39

Abbildung 4: Die Ableitung der Importnachfrage des Auslands

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Krugman u.a. (2012), S. 276.

Abbildung 4 präsentiert die Importnachfrage des Auslands. Bei einem Preis von p1 bieten ausländische Produzenten A*1 an, jedoch beträgt die Nachfrage der ausländi- schen Konsumenten nach dem Gut N*1. Somit ergibt sich eine Importnachfrage des Auslands von N*1 - A*1. Bei p2 in der Abbildung 4 steigt die Angebotsmenge auf A*2 an. Die Nachfrage der Konsumenten sinkt dabei auf N*2. Dadurch sinkt auch die Im- portnachfrage auf N*2 - A*2. Diese Preis-Mengen-Beziehungen sind im rechten Graph der Abbildung 4 gekennzeichnet. Die Importnachfragekurve NIM verläuft fallend, da mit zunehmendem Preis die nachgefragte Importmenge sinkt. Im Punkt p* befinden sich A* und N* im Gleichgewicht. Folglich ist dort die Importnachfragekurve gleich Null. Analog hierzu kann auch die, in Abbildung 5b dargestellte, Exportangebotskur- ve AEX des Inlands hergeleitet werden, worauf an dieser Stelle allerdings verzichtet wird.

Der Weltmarkt in Abbildung 5b stellt im Schnittpunkt der Importnachfragekurve NIM und der Exportangebotskurve AEX das Weltgleichgewicht dar. Das Preisniveau im Weltgleichgewicht ist pw.

Für die Analyse der Preis- und Mengenänderungen wird nun davon ausgegangen, dass das Inland einen spezifischen Exportzoll pro Mengeneinheit z einführt. Die Ab- bildung 5 zeigt die Auswirkungen der Einführung des Exportzolls. Ohne einen Zoll liegt der Gleichgewichtspreis sowohl im Inland als auch im Ausland bei pw, das heißt in Punkt 1 der Abbildung 5b. Führt das Inland nun einen Exportzoll ein, sind die An- bieter erst bereit das Gut vom Inland ins Ausland zu liefern, wenn der Auslandspreis den Inlandspreis um mindestens z übersteigt. Falls kein Export des Gutes stattfindet entsteht im Inland ein Angebotsüberhang und im Ausland ein Nachfrageüberhang. Aus diesem Grund wird der Inlandspreis so lange sinken und der Auslandspreis so lange steigen, bis die Preisdiskrepanz bei z angelangt ist.40 Dies wird in Abbildung 5 deutlich. Der Preis im Inland sinkt auf pz, konträr dazu steigt der Preis im Ausland auf p*z = pz + z an. Die inländischen Konsumenten erhöhen darauf ihre Nachfrage, wo- gegen die inländischen Anbieter ihre Angebotsmenge senken. Diese Veränderung bewirkt eine Verschiebung auf der Exportangebotskurve (Bewegung von Punkt 1 zu Punkt 3 auf der AEX-Kurve). Im Ausland erhöhen die Produzenten ihr Angebot und die Konsumenten verringern ihre Nachfrage aufgrund des gestiegenen Preises. Folg- lich findet hier eine Verschiebung auf der Importnachfragekurve statt (Bewegung von

[...]


1 Natürliche Ressourcen sind definiert als nicht-erneuerbare Rohstoffe zuzüglich Forst- und Fischerei- produkten.

2 Vgl. Ruta/Venables (2012), S. 1.

3 Vgl. Babies u.a. (2011), S. 7.

4 Vgl. Franke (2011) S. 5.

5 Vgl. Wellmer (2012), S. 7.

6 Vgl. BDI (2010), S. 4.

7 Vgl. Europäische Kommission (2011), S. 2.

8 Vgl. Wellmer (2012), S. 6.

9 Vgl. Europäische Kommission (2011), S. 2.

10 Wellmer (2012), S. 6.

11 Vgl. BDI (2010), S. 4.

12 Vgl. Europäische Kommission (2008), URL siehe Literaturverzeichnis.

13 Vgl. Gassmann (2012), URL siehe Literaturverzeichnis.

14 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie, URL siehe Literaturverzeichnis.

15 Vgl. Pollert u.a. (2009), S. 127 und vgl. Rogall (2006), S. 323.

16 Länder der Europäischen Gemeinschaft haben ihre gesetzgeberische Kompetenz in der Außenhandelspolitik an die Europäische Union abgegeben.

17 Vgl. Luckenbach (2010), S. 27.

18 Vgl. Büter (2010), S. 14.

19 Vgl. Koch (2006), S. 122.

20 Vgl. Welzel (1998), S. 2f.

21 Vgl. Dieckheuer (2001), S. 184.

22 Vgl. Krugman u.a. (2012), S. 380.

23 Vgl. Spencer/Brander (2008), S. 5.

24 Vgl. Krugman u.a. (2012), S. 381.

25 Vgl. Spencer/Brander (2008), S. 6.

26 Vgl. Welzel (1998), S. 3.

27 Vgl. Krugman u.a. (2012), S. 382.

28 Vgl. Maennig/Wilfling (1998), S. 250 und Krugman u.a. (2012), S. 382.

29 Vgl. Maennig/Wilfling (1998), S. 250f.

30 Vgl. Krugman u.a. (2012), S. 382f.

31 Vgl. Maennig/Wilfling (1998), S. 253.

32 Baldwin (1992), S. 826.

33 Vgl. Kim (2010), S. 5f.

34 Vgl. Korinek/Kim (2010), S. 11.

35 Vgl. Kim (2010), S. 6.

36 Vgl. Maennig/Wilfling (1998), S. 167.

37 Vgl. Krugman u.a. (2012), S. 275.

38 Vgl. Maennig/Wilfling (1998), S. 167.

39 Vgl. Krugman u.a. (2012), S. 275.

40 Vgl. Ebenda, S. 277.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Handelspolitik bei strategischen Rohstoffen
Untertitel
Am Beispiel von Seltenen Erden und Germanium
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Volkswirtschaftslehre und Recht)
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
52
Katalognummer
V201657
ISBN (eBook)
9783656339144
ISBN (Buch)
9783656339755
Dateigröße
1359 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Handelspolitik, Handel, Rohstoffe, Strategisch, China, strategische Rohstoffe, Ressourcen, Gefangenendillema, Politik, Außenhandel, Außenhandelspolitik, Rohstoff, Ressource, knappe Ressource, Protektionismus, Freihandel, nicht-kooperative Handelspolitik, Exportrestriktionen, Restriktionen, Exportbeschränkungen, Exportverbot
Arbeit zitieren
Manuel Forster (Autor), 2012, Handelspolitik bei strategischen Rohstoffen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201657

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