Untersuchung von Herta Müllers "Niederungen"

Schreiben in der rumänischen Diktatur und Müllers Auseinandersetzung mit der banatschwäbischen Herkunft


Hausarbeit, 2011
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Herta Müller und ihre banatschwäbische Identität im sozialistischen Rumänien
2.1 Die rumäniendeutsche Minderheit und der Begriff der Minderheitenliteratur
2.2 Das sozialistische Rumänien, die Banater Autorengruppe und der Adam Müller-Guttenbrunn Kreis
2.3 Herta Müller und die Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe der banatschwäbischen Vätergeneration

3. Das Erbe Müller-Guttenbrunns sowie der soziale und der topogra- phische Raum der „Niederungen“
3.1 Die Demontage der traditionellen banatschwäbischen Erzählung
3.2 Soziale Beziehungen in den „Niederungen“
3.3 Der topographische Raum in den „Niederungen“

4. Poetologie sowie Stil und Wirkung von Müllers Prosa

5- Zusammenfassung

6. Inhaltsverzeichnis
6.1 Quellen
6.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Herta Müller, die Liternaturnobelpreisträgerin des Jahres 2009, stammt aus dem rumänischen Banat und gehört der deutschsprachigen Minderheit der Banater Schwaben an. Mit ihrem ersten Erzählband „Niederungen“, der 1982 im sozialistischen Rumänien und im Jahr 1984 in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht wurde, schaffte sie den literarischen Durchbruch. Eine Erzählung, nämlich „Das schwäbische Bad“, wurde schon im Mai 1981 in einer regionalen Zeitung abgedruckt und provozierte einen riesigen Skandal, da sich viele Leser durch Müllers Kritik an den Banater Schwaben persönlich angegriffen fühlten.[1] In den „Niederungen“ setzt sich die Autorin mit ihrer eigenen Herkunft auseinander und entwirft ein literarisch verfremdetes Bild ihrer eigenen Kindheit. Den Tod des Vaters zum Anlass nehmend befasst sich die Autorin mit der Reziprozität zwischen ihrer damaligen Umgebung und der eigenen Identität.[2] Diese Wiederauf-arbeitung der eigenen Kindheit kann auch als „therapeutisches Schreiben“ bezeichnet werden.[3] Schon der Buchtitel „Niederungen“ spielt einerseits auf die Banat-Ebene an, andererseits übt dieser aber auch Kritik an der banatschwäbischen Mentalität und dem traditionalistischen Weltbild der Banater Schwaben.[4] Im zweiten Kapitel wird zunächst auf die Minderheitenthematik eingegangen und anschließend untersucht, inwiefern die Autorin durch das Schreiben in der rumänischen Diktatur und durch die Nähe zur Aktionsgruppe Banat sowie ihrer Mitgliedschaft im Adam Müller-Guttenbrunn Kreis beeinträchtigt wurde. Im dritten Abschnitt des zweiten Kapitels wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung der banatschwäbischen Identität in Müllers Literatur zukommt. Der Fokus wird hierbei vor allem auf den Generationenkonflikt sowie auf die Verstrickungen der Vätergeneration im Nationalsozialismus gelegt.[5] Im ersten Abschnitt des dritten Kapitels wird dagegen untersucht, wie Müller mit dem literarischen Erbe der traditionellen Literatur des Banats umgeht und welchen Raum diese in den „Niederungen“ einnimmt. Anschlie-ßend werden die sozialen Beziehungen in den „Niederungen“ genauer betrachtet, wohingegen sich der dritte Abschnitt mit der Bedeutung des topographischen Raumes befasst. Das vierte Kapitel beschäftigt sich sowohl mit der Wahrnehmung als auch mit dem Verhältnis zwischen Realität und Phantasie. Anschließend wird untersucht, wie Müller ein Gefühl der Entfremdung beim Rezi-pienten hervorruft, was ihren Stil auszeichnet und mit welchen Stilmitteln Müller arbeitet. In der abschließenden Zusammenfassung werden die im Verlauf dieser Arbeit festgestellten Ergebnisse nochmals erläutert.

2. Herta Müller und ihre banatschwäbische Identität im sozialistischen Rumänien

2.1 Die rumäniendeutsche Minderheit und der Begriff der Minderheitenliteratur

Vor der Auseinandersetzung mit der banatschwäbischen bzw. der rumäniendeutschen Identität Herta Müllers ist es wichtig, sich zunächst mit dem Minderheitenstatus an sich zu befassen. Die rumäniendeutsche Minderheit ist einerseits geographisch in den rumänischen Kulturraum eingebettet, andererseits aber auch aufgrund der deutschen Sprache und Kultur an das deutsche Sprachgebiet gekoppelt.[6] Durch die Zugehörigkeit Rumäniens zum sowjetischen Einflussbereich ergab sich für die rumäniendeutsche Minderheit eine Spracharmut, die sich ebenfalls auf die Literatur niedergeschlagen hat. Vor allem die Auffrischung an der lebendigen deutschen Sprache wurde dadurch unmöglich.[7] Diese Problematik hat Müller gelöst, indem sie sich an der rumänischen Sprache, deren Redewendungen, Liedern und Gedichten bediente.[8] Ferner hat sich insbesondere im Banat eine Literatur mit regionaler Prägung, ähnlich einer Heimatliteratur, entwickelt. Diese hat üblicherweise die Aufgabe, die ethnische Identität der Minderheit zu sichern.[9] Deleuze und Guattari schreiben der Minderheitenliteratur drei Merkmale zu: Ihr komme ein generell politischer Charakter zu, sie sei sprachlich deterritorialisiert und überdies werde der Minderheitenliteratur ein Kollektivwert zugeschrieben, was sie ihrer Individualität beraube.[10] Doch Müller wird, ähnlich wie Kafka, kaum in Verbindung mit der Minderheitenliteratur gebracht. Sie werden viel mehr als fester Bestandteil der deutschen Literatur angesehen. Dies schreibt Bozzi vor allem der ethnozentrischen Vorgehensweise zu, die unter dem Etikett der Minderheitenliteratur literarische Werke abwerte und ausgrenze. Diesem Prinzip der binären Strukturen entziehe sich Müller aufgrund ihrer Kritik am banatschwäbischen Wertesystem und deren im Traditionalismus verhaftetem Weltbild. Damit wird der Begriff der Minderheitenliteratur gänzlich infrage gestellt.[11] Richard Wagner, einer der Führungsfiguren der AGB und Müllers späterer Ehemann, betont darüber hinaus sogar, explizit „[…] gegen die bestehende rumäniendeutsche Literatur ge-schrieben [zu haben].[12] Damit kommt dieser Art von Literatur der Charakter einer Anti-Minder-heitenliteratur bzw. einer „Anti-Heimatliteratur“[13] zu. Durch diese Konstruktion einer Anti-Idylle stehen die banatschwäbischen Autoren den Kritischen Dorfgeschichten nahe, die insbesondere in der Nachkriegszeit in Österreich und der Schweiz angesiedelt und vor allem von Franz Innerhofer und Thomas Bernhard dominiert wurden.[14]

2.2 Das sozialistische Rumänien, die Banater Autorengruppe und der Adam Müller-Guttenbrunn Kreis

Herta Müller setzt sich in den „Niederungen“ explizit mit ihrer Jugend im rumänischen Banat auseinander. Doch inwiefern wird die Autorin durch das Schreiben in der sozialistischen Diktatur und durch die Nähe zur Aktionsgruppe Banat (AGB) sowie der Mitgliedschaft im Adam Müller-Guttenbrunn Kreis (AMG) beeinträchtigt?

Mit dem Antritt Ceausescus als Erster Sekretär der KP Rumäniens 1965 setzte zunächst eine scheinbarere Liberalisierung ein, die ihren Höhepunkt im Jahr 1968 erreichte, als Rumänien sich weigerte, sich an der Niederschlagung des Prager Frühlings in der CSSR zu beteiligen. Darüber hinaus wurden diplomatische Kontakte mit dem Westen aufgebaut.[15] Zudem wurde eine großzügigere Förderung des Kulturlebens der Minderheiten in Rumänien eingeleitet, was sich beispielsweise in der Neuorganisation der deutschsprachigen Verlage und den zahlreichen neuen Kulturbeilagen der deutschsprachigen Tageszeitungen niederschlug.[16] Dennoch wurde auf dem kulturellen Sektor offiziell am Konzept des ideologiegefärbten Sozialistischen Realismus festgehalten, der nicht mimetisch die Realität nachbilden, sondern ein idealistisch überhöhtes marxistisch-leninistisches Wunschbild darstellen sollte.[17] Nichtsdestotrotz ist es wichtig zu bemerken, dass der Begriff des Sozialistischen Realismus unscharf blieb und weit gefasst werden konnte.[18] Die Literatur sollte weiterhin der Erziehung bzw. Gleichschaltung der Menschen dienen, was sich durch die Klarheit der Sprache, Selektionszwänge, Tabus sowie durch eine eindeutige Aussage manifestieren sollte. Die Erschaffung von Utopien stand damit weiterhin im Vordergrund,[19] was beispielsweise auf dem 1968 abgehaltenen Schriftstellerkongress bestätigt wurde.[20] Doch spätestens mit der „ kleine[n] rumänische[n] Kulturrevolution[21] Mitte des Jahres 1971 setzte der sozialistische Staat auf eine repressivere Innenpolitik, was ebenso Auswirkungen auf die Literatur hatte. So fand die Aktionsgruppe Banat am Ende dieser eher liberaleren Phase zueinander.[22]

[...]


[1] Vgl. Diana Schuster: Selbstdarstellung und Rezeption. Die Banater Autorengruppe in Rumänien und

Deutschland. [Diss. Iasi, 2004] Konstanz: Hartung-Gorre Verlag, 2004, S.75 (im Folgenden zitiert als

„Schuster, Selbstdarstellung“).

[2] Vgl. Herta Müller: „Diese Bilder trugen mir die Tage zu“. In: Sienerth, Stefan: „Daß ich in diesen Raum

hineingeboren wurde…“. Gespräche mit deutschen Schriftstellern aus Südosteuropa. München: Verlag

Südostdeutsches Kulturwerk (Veröffentlichungen des Südostdeutschen Kulturwerks A 53), 1997, S.324.

[3] Vgl. Grazziella Predoiu: Faszination und Provokation bei Herta Müller. Eine thematische und motivische

Auseinandersetzung . [Diss. Sibiu, 2000] Berlin, Bern und Frankfurt a. M.: Peter Lang Verlag (Europäische

Hochschulschrift Reihe 1, Bd.1783), 2001, S.57f (im Folgenden zitiert als: „Predoiu, Faszination“).

[4] Vgl. Gebhard Henke: Mir erscheint jede Umgebung lebensfeindlich. Ein Gespräch mit der rumäniendeutschen

Schriftstellerin Herta Müller. In: Süddeutsche Zeitung, Nr.266, 16. November 1984, S.13.

[5] Vgl. Olivia Spiridon: Untersuchungen zur rumäniendeutschen Erzählliteratur der Nachkriegszeit. [Diss. Passau,

2001] Oldenburg: Igel Verlag (Reihe Literatur- und Medienwissenschaft, Bd.86), 2002, S.161-165 (im

Folgenden zitiert als „Spiridon, Erzählliteratur“).

[6] Vgl. Predoiu, Faszination, S.17f.

[7] Vgl. Thomas Krause: Die Fremde rast durchs Gehirn, das Nichts… Deutschlandbilder in den Texten der

Banater Autorengruppe (1969-1991). [Diss. Chemnitz und Zwickau, 1997] Frankfurt a. M. u.a.: Peter Lang

Verlag (Studien zur Reiseliteratur- und Imagologieforschung, Bd.3), 1998, S.95 (im Folgenden zitiert als

„Krause, Fremde“).

[8] Vgl. Predoiu, Faszination, S.185ff.

[9] Vgl. ebd., S.18f.

[10] Vgl. Gilles Deleuze und Félix Guattari: Kafka. Für eine kleine Literatur. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag,

1976, S.24-28, zitiert nach Paola Bozzi: Der fremde Blick. Zum Werk Herta Müllers. Würzburg:

Königshausen und Neumann Verlag, 2005, S.24f (im Folgenden zitiert als „Bozzi, Blick“).

[11] Vgl. Bozzi, Blick, S.9-28.

[12] Richard Wagner: Diskussionsbeitrag. In: Nachruf auf die rumäniendeutsche Literatur. Hrsg. von Wilhelm

Solms. Marburg: Hitzeroth Verlag, 1990, S.127, zitiert nach Schuster, Selbstdarstellung S.49.

[13] Predoiu, Faszination, S.59.

[14] Vgl. Bozzi, Blick, S.49ff.

[15] Vgl. Schuster, Selbstdarstellung, S.27ff; Ekkehard Völkl: Rumänien. Vom 19.Jahrhundert bis in die Gegen-

wart. Regensburg: Pustet Verlag (Ost- und Südosteuropa. Geschichte der Länder und Völker), 1995, S.81f (im

Folgenden zitiert als „Völkl, Rumänien“).

[16] Vgl. Spiridon, Erzählliteratur, S.115.

[17] Vgl. ebd., S.32-36.

[18] Vgl. Heinz Kneip: Regulative Prinzipien und formulierte Poetik des sozialistischen Realismus. Untersuchung-

en zur Literaturkonzeption in der Sowjetunion und Polen (1945-1956). Frankfurt a. M. u.a.: Peter Lang

Verlag, 1995, S.39.

[19] Vgl. Spiridon, Erzählliteratur, S.32-36.

[20] Vgl. Schuster, Selbstdarstellung, S.28.

[21] Hans-Heinrich Rieser: Das rumänische Banat – eine multikulturelle Region im Umbruch. Geographische

Transformationsforschungen am Beispiel der jüngeren Kulturlandschaftsentwicklung in Südwestrumänien.

[Diss. Tübingen, 1998] Stuttgart: Thorbecke Verlag (Schriftenreihe des Instituts für donauschwäbische

Geschichte und Landeskunde, Bd.10), 2001, S.128 (im Folgenden zitiert als „Rieser, Banat“).

[22] Vgl. Schuster, Selbstdarstellung, S.31-37.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Untersuchung von Herta Müllers "Niederungen"
Untertitel
Schreiben in der rumänischen Diktatur und Müllers Auseinandersetzung mit der banatschwäbischen Herkunft
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Dorfgeschichten aus dem deutschen Sprachraum
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V201748
ISBN (eBook)
9783656277859
ISBN (Buch)
9783656278436
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Angemessene Behandlung des Themas mit Schlussfolgerungen, die differenziert sind und eine gründliche Aufarbeitung des Themas bezeugen.
Schlagworte
Herta Müller, Niederungen, Schreiben in der Diktatur, Poetologie Herta Müller, Stil Herta Müller, Raum, Raum in der Erzählwelt Herta Müllers, Anti-Heimatliteratur, Demontage, Banat, Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, rumäniendeutsche Minderheit, sozialistisches Rumänien, Literaturnobelpreisträgerin, Nobelpreis, Nobelpreis für Literatur, Demontage der traditionellen Dorfgeschichte, Dorfgeschichte, deutschsprachige Minderheit, Begriff der Minderheitenliteratur, Adam Müller Guttenbrunn, Adam Müller Guttenbrunn Kreis, Zensur, Diktatur, Ceausescu, Rumänien, Banater Schwaben, Topographie, Stil, Identität, Herkunft, Vatergeneration, Zweiter Weltkrieg, Grabrede, Nationalsozialismus, Aufarbeitung der Vergangenheit, Dorf, Dorfwelt, Tanatos, Das schwäbische Bad, Anti-Heimat, Nützlichkeitsethos, soziale Kälte, Biographie, Der Teufel sitzt im Spiegel, fremder Blick, Sprache, Spiel mit der Sprache, deutscher Sprachraum, Dorfgeschichten, Nachkriegszeit, 68er, Krieg, Misshandlung, Gewalt, Moral, Alptraum, Tätergeneration, Schuld, Schuldfrage, Kindheit
Arbeit zitieren
Nils Marvin Schulz (Autor), 2011, Untersuchung von Herta Müllers "Niederungen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201748

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