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René Girard und seine mimetische Theorie

Erläutert an William Shakespeares "A Midsummer Night's Dream"

Titel: René Girard und seine mimetische Theorie

Hausarbeit , 2011 , 31 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Nils Marvin Schulz (Autor:in)

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Zunächst erscheint es als äußerst sinnvoll, das Zentrum von René Girards Theorie, nämlich die Mimesis, genauer zu definieren. In dieser Arbeit wird Mimesis bzw. Nachahmung ohne einen damit direkt verknüpften Denkvorgang im Sinne Émile Durkheimers definiert:
„Es liegt Nachahmung vor, wenn einer Handlung unmittelbar die Vorstellung einer ähnlichen, von einem anderen vorher vollzogenen vorausgeht, ohne daß [sic!] sich zwischen Vorstellung und Ausführung explizit oder implizit irgendein Denkvorgang einschaltet, der diese Handlung ihrem Wesen nach durchdringt.“1
Platon lässt sich in seinem „Staat“2 im Zuge einer Abstufung anhand des Stuhlbeispiels sowie den folgenden Passagen eher abfällig über Mimesis bzw. Nachahmung aus. Es gebe drei Stühle, wobei nur der von Gott geschaffene erste Stuhl tatsächlich der wahrhaft Seiende sei und sowohl der vom Handwerker geschaffene als auch der vom Maler porträtierte bloße Abbilder darstellen.
Nichtsdestotrotz geht Platon in seinem Dialog sogar so weit, den Maler, der stellvertretend für die Kunst steht, als Nachahmer des vom Handwerker angefertigten Scheinbildes zu bezeichnen3. Damit wertet der die Mimesis mit Sorge betrachtende Platon die Mimesis ab und charakterisiert diese als negativ. Doch im Unterschied zu Platon wertet dessen Schüller, Aristoteles, die Mimesis weniger negativ. Die Nachahmung sei dem Menschen angeboren und unterscheide jenen von den Tieren. Des Weiteren lerne der Mensch durch Mimesis und habe Freude daran.4 Doch ebenso wie Platon beschränkte Aristoteles das Ausmaß der Mimesis auf reine Repräsentationen und Äußerlichkeiten wie Gestik und Mimik, sodass der Bereich der Aneignungsmimesis in der geistigen Tradition Europas bis in die Gegenwart ausgeklammert wurde.
[...]
1 Émile Durkheimer: Der Selbstmord. Übersetzt aus dem Französischen von Sebastian und Hanne Herkommer. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, Bd. 431), 1983, S.132.
2 Platon: Der Staat. Übersetzt und herausgegeben von Karl Vretska. Stuttgart: Reclam Verlag (ND der bibliographisch ergänzten Ausgabe von 2000), 2008 (im Folgenden zitiert als „Platon, Staat“).
3 Vgl. ebd., S.434ff bzw. 10. Buch, 597b-598b.
4 Vgl. Aristoteles: Poetik. Griechisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann. Stuttgart: Reclam Verlag (ND der bibliographisch ergänzten Ausgabe von 1994), 2005, S.11 bzw. Poet. 4, 1448b5-15.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Die vier Ebenen des „Sommernachtstraumes“

3) Zwischenmenschliche Beziehungen und Girards trianguläres Beziehungsmodell

3.1 Grundlegendes zur mimetischen Theorie bzw. zur mimetischen Krise

3.2 Girards trianguläres Beziehungsmodell in der Phase der Aneignungsmimesis (I)

4) Die Eskalation der mimetischen Krise und der Sündenbockmechanismus

4.1 Die aufkommende mimetische Krise in der Phase der Gegenspielermimesis (II)

4.2 Der Weber Bottom als Personifikation der mimetischen Krise

4.3 Die Eskalation der mimetischen Krise und der Sündenbockmechanismus

5) Ritus und Mythos im „Sommernachtstraum“

5.1 Die Sommersonnenwende als Ritual

5.2 Mythische und magische Figuren in „A Midsummer Night’s Dream”

5.3 Der Mythos im Allgemeinen und jener von Pyramus und Thisbe

5.4 Die Funktion des Mythos im Shakespeareschen Werk und die Wiedervereinigungsmimesis (III)

6) Zusammenfassung und eigene Anmerkungen

7) Anhang

7.1 Modell I – Dreieck des Begehrens

7.2 Modell II – Begehren und Beziehungskonstellationen in „A Midsummer Night’s Dream”

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit untersucht William Shakespeares „A Midsummer Night’s Dream“ unter Anwendung der mimetischen Theorie von René Girard. Ziel ist es, die Mechanismen des mimetischen Begehrens, die Eskalation zur mimetischen Krise sowie die Funktion des Sündenbockmechanismus innerhalb des Stücks zu dekonstruieren und aufzuzeigen, wie sich diese Prozesse in der Handlung widerspiegeln.

  • Grundlagen der mimetischen Theorie nach René Girard.
  • Analyse der zwischenmenschlichen Beziehungen und des triangulären Begehrensmodells.
  • Untersuchung der mimetischen Krise auf verschiedenen Ebenen des Dramas (Liebende, Handwerker, Phantastik).
  • Bedeutung von Ritus, Mythos und Sündenbockmechanismus als Lösungsstrategien für die Krise.
  • Interpretation der Wiedervereinigungsmimesis und der Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung.

Auszug aus dem Buch

3.2 Girards trianguläres Beziehungsmodel in der Phase der Aneignungsmimesis (I)

In diesem Abschnitt wird auf das Beziehungsmodell Girards detaillierter eingegangen, indem es anhand des „Sommernachtstraumes“ erläutert wird. Dabei wird insbesondere die Welt der vier Liebenden (E2) genauer beleuchtet und danach gefragt, inwiefern dieses Modell funktioniert.

Für die folgenden Anmerkungen bezüglich des „Sommernachtstraumes“ ist es von großer Wichtigkeit festzustellen, dass Girard die Liebestrankthematik in seinen Ausführungen völlig ausblendet. Girard setzt vor allem in Bezug auf die Welt der vier jungen Aristokraten eine Vorgeschichte voraus, in der der Liebestrank noch keine Rolle spiele und darüber hinaus mache sich Shakespeare generell über die fortwährenden Verschleierungen bezüglich des mimetischen Begehrens lustig. Täuschende Anschuldigungen wie beispielsweise ein repressives System, ein herrischer Vater oder Sonstiges lenken die Aufmerksamkeit von Problemen im Innern einer Gruppe fälschlicherweise auf eine nicht vorhandene Einwirkung von außen. Girard erklärt all jenes dergestalt, dass der englische Dramatiker das Stück habe codieren müssen, da es für eine Hochzeit am Hofe Königin Elisabeths I. aufgeführt worden sei. Das Kernstück des Girardschen Beziehungsmodells bildet das Dreieck des Begehrens bzw. Verlangens. Nimmt man beispielsweise ein gleichschenkliges Dreieck, so befindet sich links unten das Subjekt, welches etwas oder jemanden begehre (A). Doch, wie oben erwähnt, habe dieses Begehren nichts mit reiner Bedürfnis- oder Trieberfüllung zu tun. Demgegenüber befindet sich die in diesem Modell wichtigste Person, da es folgende Funktionen meist gleichzeitig im Bezug auf das begehrende Subjekt ausübe: Diese Person sei zugleich Mediator bzw. Vermittler des begehrten Objekts, Modell bzw. Vorbild des Verlangens, Rivale und das Hindernis auf dem Weg zum Objekt der Begierde (B).

Zusammenfassung der Kapitel

1) Einleitung: Definition der zentralen Begriffe Mimesis und Nachahmung im Sinne von Émile Durkheim und René Girard sowie Einordnung des Forschungsgegenstands.

2) Die vier Ebenen des „Sommernachtstraumes“: Gliederung des Dramas in vier Handlungsstränge: Hof, Liebende, Handwerker und die phantastische Welt.

3) Zwischenmenschliche Beziehungen und Girards trianguläres Beziehungsmodell: Erläuterung der mimetischen Krise und des triangulären Begehrensmodells am Beispiel der Figur Helena.

4) Die Eskalation der mimetischen Krise und der Sündenbockmechanismus: Analyse der Gegenspielermimesis und der Rolle von Bottom sowie Puck als Sündenbock innerhalb des Stücks.

5) Ritus und Mythos im „Sommernachtstraum“: Untersuchung der Sommersonnenwende, mythischer Figuren und des Mythos von Pyramus und Thisbe als rituelle Spiegelungen der Krisenbewältigung.

6) Zusammenfassung und eigene Anmerkungen: Synthese der Ergebnisse und Reflexion über Girards kulturpessimistische Theorie im Kontext moderner Säkularisierung.

7) Anhang: Visualisierung des Dreiecks des Begehrens und der Beziehungskonstellationen.

8) Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen, Hilfsmittel und Darstellungen.

Schlüsselwörter

Mimesis, René Girard, William Shakespeare, A Midsummer Night’s Dream, mimetische Krise, trianguläres Beziehungsmodell, Gegenspielermimesis, Sündenbockmechanismus, Entdifferenzierung, Sommersonnenwende, Mythos, Pyramus und Thisbe, Wiedervereinigungsmimesis, Opferselektion, Literaturwissenschaft.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert William Shakespeares Komödie „A Midsummer Night’s Dream“ mithilfe der mimetischen Theorie des Literaturwissenschaftlers und Anthropologen René Girard.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Zentrale Themen sind die menschliche Nachahmung (Mimesis), das trianguläre Begehrensmodell, die Entstehung und Eskalation mimetischer Krisen sowie die Funktion von Ritualen und Mythen in der Literatur.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?

Die Arbeit möchte aufzeigen, wie die Mechanismen der mimetischen Theorie Shakespeares Werk durchziehen und ob die Figuren des Dramas als Opfer oder Akteure in einem mimetischen Prozess verstanden werden können.

Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?

Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär auf den theoretischen Konzepten von René Girard zur Mimesis, dem Sündenbockmechanismus und der mimetischen Krise basiert.

Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert das Stück in vier Ebenen, analysiert das Begehren der Liebenden, das Handeln der Handwerker, die Rolle Pucks als potenzieller Sündenbock sowie die Bedeutung der Sommersonnenwende und des Pyramus-und-Thisbe-Mythos.

Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?

Die wichtigsten Begriffe sind Mimesis, mimetische Krise, Sündenbock, Entdifferenzierung, trianguläres Modell und Gegenspielermimesis.

Warum spielt der Mythos von Pyramus und Thisbe eine so zentrale Rolle in der Analyse?

Girard dekonstruiert diesen Mythos als ein Beispiel für einen ursprünglichen kollektiven Gründungslynchmord; im Stück dient die Aufführung dieses Mythos durch die Handwerker als ritueller Spiegel der vergangenen nächtlichen Krisen.

Welche Bedeutung kommt der Figur Puck in der Girardschen Lesart zu?

Puck wird als der zentrale Sündenbock des Stücks interpretiert, da er als "rechte Hand" Oberons sowohl das Chaos (die Krise) mitverursacht als auch durch seine Handlungen zu deren Beilegung beiträgt.

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Details

Titel
René Girard und seine mimetische Theorie
Untertitel
Erläutert an William Shakespeares "A Midsummer Night's Dream"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Einführung in die mimetische Theorie
Note
1,0
Autor
Nils Marvin Schulz (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2011
Seiten
31
Katalognummer
V201800
ISBN (eBook)
9783656277569
ISBN (Buch)
9783656279181
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mimesis mimetische Theorie René Girard Girard Shakespeare William Shakespeare Sommernachtstraum A Midsummer Night's Dream Puck Ritus Mythos Pyramus und Thisbe Beziehungsmodell mimetische Krise Eskalation magische Figuren Aneignungsmimesis Gegenspielermimesis Wiedervereinigungsmimesis Ebenen des Sommernachtstraumes Platon Aristoteles Ovid Das Ende der Gewalt Sündenbockmechanismus Sündenbock Sommersonnenwende trianguläres Beziehungsmodell Bottom Helena Hermia Demetrius Oberon Lysander Titania Begehren Beziehungskonstellationen "Der Sündenbock" Magie
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Arbeit zitieren
Nils Marvin Schulz (Autor:in), 2011, René Girard und seine mimetische Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201800
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Leseprobe aus  31  Seiten
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