Wirtschafts- und Unternehmensethik


Seminararbeit, 2002

17 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
1.1 Betrachtung einer Entwicklung: Wirtschafts- und Unternehmensethik
1.2 Zielsetzung dieser Arbeit

2. Notwendigkeit von Unternehmensethik.

3. Unternehmerische Handlungsspielräume im Marktprozess

4. Unternehmensethische Ansätze.
4.1 Theoretische Beschreibung und Abgrenzung der Ansätze
4.2 Problematisierung funktionalistischer Wirtschaftsethik

5. Konzeptionalisierung von Unternehmensethik
5.1 Gesetzliche Regelungen und Ethik
5.2 Praktische Instrumente der Unternehmensethik
5.3 Umsetzung von Unternehmensethik: Selbstregulierung oder Zwang?

6. Fazit

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

1.1 Betrachtung einer Entwicklung: Wirtschafts- und Unternehmensethik

Der Gegensatz der wirtschaftswissenschaftlichen Leitfigur des „homo oeconomicus“ zum e-thischen Ideal des „homo moralis“ beherrscht seit jeher die Diskussion um Wirtschafts- und Unternehmensethik. Lassen sich unternehmerische Gewinnerzielung und ethisch korrektes Handeln miteinander vereinbaren oder widersprechen sie sich per se?

Umwelt- und Lebensmittelskandale, Insidergeschäfte von Managern, mangelhafte Si-cherheitsstandards bei Fluglinien, Kraftwerksbetreibern oder in der Chemieindustrie, Diskriminierung von Frauen und gesellschaftlich schwächer Gestellten bis hin zu Kinderar-beit westlicher Unternehmen in der „Dritten Welt“ - die Aufzählung solcher Missstände ließe sich beliebig fortsetzen - geben Anlass genug für die Annahme dieser Unvereinbarkeit. Egoistisches Handeln im Sinne von „Eigenwohl über Gemeinwohl“ bei Unternehmern wie rücksichtslose Massenentlassungen, Verdrängungskämpfe oder Wirtschaftskriminalität un-termauern die sozialdarwinistische Theorie als Beschreibung von vielen Wirtschaftsprozessen, wie sie auch im Manchester-Liberalismus getreu dem Motto „The fit-test will survive“ zum Leitbild erhoben wurde.1 Es passt in dieses Bild, dass die ersten Entwürfe zu einer Wirtschaftsethik von Georg Wünsch aus dem Jahr 1927 klanglos verhallten und schnell vergessen wurden.

Erscheinen da heute von Unternehmenschefs heruntergebetete Vokabeln wie „Corporate Social Responsibility“, „Stakeholder-Balance-Management“ oder „Corporate Citizenship“, wie sie beispielsweise auf dem von Wirtschaftsverbänden organisierten Kongress Anfang April 2001 in München zu hören waren, nicht gerade heuchlerisch?

Dieser Trend zum scheinbaren oder wahrhaftigen Ethik-Bekenntnis in Unternehmen ist keineswegs neu: Seit Mitte der 70er Jahre vollzieht sich ausgehend von den USA unter dem Stichwort „Business-Ethics“ ein grundlegender Wandel: Lehrstühle und Forschungsinsti-tute zur Wirtschafts- und Unternehmensethik, Seminare für Führungskräfte kamen mit etwa zehnjähriger Verspätung auch in Westeuropa und Deutschland in Mode (Gründe für den Zeit-versatz liegen u.a. im hiesigen System der sozialen Marktwirtschaft). Für Jäger belegen die Akzeptanz und Bedeutung des Deutschen Netzwerks Unternehmensethik, von Fachzeitschrif-ten zur praktischen Unternehmensethik oder des „Center for Corporate Citizenship“ unter Führungskräften, dass das Bedürfnis nach ethisch geprägtem Wirtschaften in den Führungs-

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etagen offenbar selbst erwächst.1 Bedeutet ethische Reflexion für einen Wirtschaftler und Unternehmer, der sich am Markt behaupten, Gewinne erzielen und gegenüber Konkurrenten obsiegen will, also plötzlich doch nicht mehr nur eine Verschwendung von Ressourcen im Sinne von Zeit und Geld sondern sogar einen ökonomischen Vorteil?

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Dieser und anderen Fragen soll in dieser Arbeit nachgegangen werden, Meinungen und Bei-träge verschiedener Wissenschaftler zum Thema dargeboten werden. Kann man wirklich von einem Sinneswandel in den Führungsetagen sprechen und wenn ja, wodurch begründet er sich? Zur Klärung dieser Frage möchte ich jedoch erst auf verschiedene theoretische Ansätze der Wirtschafts- und Unternehmensethik sowie dahinter stehende Motive eingehen. Grund-sätzlich soll in diesem Zusammenhang beleuchtet werden, warum überhaupt eine Wirtschafts-und Unternehmensethik in unserer Gesellschaft von Nöten ist und ob den wirtschaftlichen Entscheidungsträgern genug Handlungsspielräume innerhalb der Zwänge und des Drucks, den das wirtschaftliche System so wie wir es in unserer Gesellschaft vorfinden, für eine ethische Ausgestaltung ihrer Entscheidungen zur Verfügung stehen. Später wird darauf eingegangen, wie Unternehmensethik in der Praxis implementiert und angewandt werden kann, allerdings auch, wo heutige Probleme und vielleicht Lösungsperspektiven liegen.

Vorweg sei erwähnt, dass die begriffliche Unterscheidung von Wirtschafts- und Unternehmensethik lediglich auf verschiedene (Prozess-)Ebenen hinweist. Der Ansatzpunkt von Wirtschaftsethik auf makroökonomischen Ebene ist aber mit den Aufgabenfeldern von Unternehmensethik auf vornehmlich mikroökonomischer Ebene vergleichbar. In beiden Fällen handelt es sich um Interessenskollisionen zugrunde liegende Ordnungsfragen, die Ethik behandeln soll, deshalb werden die beiden Begriffe hier austauschbar verwendet.

2. Notwendigkeit von Unternehmensethik

Gäbe es in unserer Gesellschaft keine Interessenskonflikte zwischen unternehmerischem Han-deln und gesellschaftlichen Wert- und Moralvorstellungen, benötigte man keine Gesetze und auch keine Wirtschafts-/Unternehmensethik. Da die Realität, wie eingangs erwähnte Beispiele belegen, aber anders aussieht, sind Regulierungsmechanismen offensichtlich erforderlich.

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Die Ursache für eine Vielzahl von Konfliktsituationen stellen negative externe Effekte der ökonomischen Handlungen von Unternehmern bzw. Konsumenten mit sozialen und öko-logischen Kosten für unbeteiligte Dritte dar. Nach der neoklassischen Wirtschaftstheorie ist das entscheidende Charakteristikum für externe Effekte, dass es sich um Auswirkungen von ökonomischen Handlungen handelt, die marktmäßig nicht abgegolten und verrechnet werden. Dieser Mangel an Märkten und die somit fehlenden Regelungsmechanismen verursachen Probleme. Diese entstehen insbesondere dann, wenn Eigentumsrechte nicht oder nur unzurei-chend definiert sind.1 Beispiele wie die übermäßige Nutzung von Allgemeingütern durch Einzelne, Verschwendung oft kostenloser natürlicher Ressourcen wie Luft und Wasser, aber auch die miserablen Arbeitsbedingungen der Arbeiter im Zeitalter der Industrialisierung zeu-gen von solchen negativen Handlungskonsequenzen, unter denen die Verursacher meist nicht selbst leiden und welche die Marktmechanismen nicht per se verhindern können.

Gesetze, Rechtsgrundlagen und Unternehmensverfassungen wirken über die Festsetzung von Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Handelns hierbei konfliktregulierend, lassen aber Steuerungs- und Koordinationsdefizite offen. Nachteile rechtlicher Regelungen werden nach Gerum allgemein von folgenden Punkten bestimmt:2

- Gesetze lassen Steuerungsdefizite rechtstechnischer Natur offen, denn sie müssen abstrakt formuliert sein und können nicht Einzelfälle abbilden. Die mangelnde Spezifizierbarkeit bzw. Zielgenauigkeit kann ledig- lich mit reflexiven Regelungen (z.B. Vermittlungsausschuss, Tarifverhandlungen) umgangen werden. - Die Neuigkeit auftretender Problemfälle, die in noch keinem bisherigen Gesetz berücksichtigt worden sind, kann Recht nicht bewältigen (time-lag-Problem).

- Präventions- und Vollzugsdefizite von Recht:

Gesetze sprechen Individuen als verantwortliche Instanzen an, können diese aber gerade durch verbreitete Arbeitsteilung in Großunternehmen und die sich dadurch ergebende organisatorische Verantwortungsdiffusität nicht mehr erreichen, so dass die Präventionswirkung von Recht leidet und eine Überwachung der Einhaltung von Gesetzen fast unmöglich wird.

- Die Reichweite von Recht und Gesetzen - meist auf Nationalstaaten beschränkt - vermag globalökonomi- sche Konflikte nicht mehr zu regeln.

- Recht und Markt üben eine moralische Entlastungsfunktion auf die Handelnden aus. Konflikte ergeben sich oft, wenn Handlungen legal, aber nichtsdestotrotz unethisch bzw. illegitim sind.

Andere, diese Nachteile teilweise vermeidende Wege zur Internalisierung von externen Effek-ten umfassen neben der ausreichenden Definition von Eigentumsrechten, die jedoch im Fall von Allgemeinbesitz kaum möglich ist, die Verwendung von Pigou-Steuern (z.B. Steuern auf Verschmutzung), die Errichtung von Märkten für den externen Effekt oder die Regelung und Übertragung von Eigentumsrechten auf andere Arten.1 Wichtig ist, dass möglichst alle im be-trieblichen Produktionsprozess benötigten Ressourcen, und zwar auch die als öffentliche Güter kostenlos oder zumindest aus Unternehmenssicht entscheidungsirrelevant günstig zur Verfügung stehenden Inputfaktoren (wie beispielsweise Luft), in die Produktionsfunktionen und damit auch in die Kalkulationen der Unternehmen eingehen und Berücksichtigung finden. Über den Preis kann so zumindest ein reflektierterer Verbrauch und schonenderer Umgang mit Ressourcen bewirkt werden, als dies heute noch vielfach der Fall ist (Beispiel Flugben-zin), wenngleich dies natürlich nicht automatisch mit ethischem Handeln gleichzusetzen ist. Selbiges gilt für alle im Betrieb erzeugten Emissionen, die preislich zumindest so bewertet sein müssen, dass zumindest adäquate Kompensationsmaßnahmen - sofern dies möglich ist -davon finanziert werden können und ein Anreiz zum Emissionsschutz für die Unternehmen selbst besteht. Erreicht wird der beschriebene Preismechanismus vom Grundgedanken her beispielsweise über die Ökosteuer, wenngleich zu viele Ausnahmen die Regelung ad absur-dum führen. Ein anderes marktinternes Instrument ist der Handel mit Emissionszertifikaten.

Eine Wirtschafts- und Unternehmensethik muss ihre Funktion als Korrektiv und Er gänzung zum Markt2 und zu Gesetzesregelungen haben, um dadurch externe Effekte in Form von Konflikten und divergenten Interessen im Wirtschaftsprozess zu vermeiden. In ihrer praktischen Ausgestaltung sollte sie das Management dazu bewegen, die externen Effekte ihrer Tätigkeit zu identifizieren, kritisch zu beurteilen und adäquat zu handeln.3

3. Unternehmerische Handlungsspielräume im Marktprozess

Das ökonomische Modell des vollkommenen Marktes bzw. des vollständigen Wettbewerbs schreibt dem rational denkenden und auf Gewinnmaximierung zielenden Unternehmer quasi ein einziges Handlungsmuster vor: Der als Preisnehmer fungierende Unternehmer legt seine optimale Produktionsmenge so fest, dass die Grenzkosten gleich dem Preis sind.4

In der Realität finden sich dagegen eher oligopolistische Marktstrukturen. Hier beein-flusst das Handeln des einen Akteurs das Verhalten des andern - strategische Handlungen verändern den Markterfolg wie auch die Marktstruktur. Diese strategische Unternehmensführung ist Aufgabe des Managements, das durch das Aufspüren von Handlungsspielräumen und geschickter Ausfüllung dieser der Unternehmung günstige zukünftige Wettbewerbspositionen verschaffen soll. Ein Unternehmen lebt nicht von standardisierbaren und automatisierbaren Entscheidungen wie bei der ingenieursgemäßen Bedienung eines technischen Apparates, son-dern fordert den Handelnden immerzu Wertentscheidungen ab, die auch in einem ethischen Kontext ausgestaltet werden können1. Wie von jedem anderen Bürger darf vom Unternehmer dann auch die ethische Reflexion seines Handelns und - falls nötig - Selbstbegrenzung 2 er-wartet werden. „Ethische Sensibilität“ als „Frühwarnsystem“ verschafft ihm sogar Vorteile im Erkennen von zukünftig auftretenden Konfliktsituationen und neuen Interessenskonstellatio-nen sowie deren wirtschaftlichen Folgen.3

Selbst in den seltenen Situationen, in denen man von annähernd vollkommener Konkurrenz sprechen kann, bleiben trotzdem noch genug Spielräume zur ethischen Ausgestaltung ökonomischer Handlungen.4 So wird beispielsweise der gesamte Bereich der Unternehmensorganisation und Personalführung nicht direkt von sachlich-technisch optimierbaren Marktmechanismen beeinflusst. Nach Weber liegen überall dort, wo in der Organisationsgestaltung Menschen beteiligt sind, soziale Gestaltungsaufgaben vor, die nicht den direkten Marktzwängen unterliegen5. Trotzdem werden Menschen von Vorgesetzten oft „frontal“ geführt, anstatt ihnen einen Führungsraum bereitzustellen, in dem das Unternehmensziel nicht nur wirksamer, sondern auch menschlicher erreicht wird.

Ebenso ist die wirtschaftswissenschaftliche Situation des reinen Tausches nicht der Normalfall unserer wirtschaftlichen Beziehungen zu unseren Mitmenschen. Nicht alles, was wir zu unserem ökonomischen Vorteil ausnutzen könnten, nutzen wir. Marktfremde Gesichts-punkte spielen häufig eine primäre Rolle und sind Bestandteil der marktlichen Interaktion.

[...]


1 Vgl. JÄGER, ALFRED: „Unternehmensethik, Unternehmenspolitik und Verantwortung“. In: HANS LENK, MATTHIAS MARING (Hrsg.): Wirtschaft und Ethik. Stuttgart 1992; S. 271.

1 Vgl. JÄGER, ALFRED: a.a. O.; S. 271.

1 Vgl. VARIAN, HAL: Grundz ü ge der Mikroökonomik. München 1995; S. 531 ff.

2 Vgl. GERUM, ELMAR: „Unternehmensführung und Ethik“. In: HANS LENK UND MATTHIAS MARING: Wirtschaft und Ethik. Stuttgart 1992; S. 255 f.

1 Vgl. VARIAN, HAL: a.a.O.; S. 551.

2 Vgl. GERUM, ELMAR: a.a.O.; S. 258.

3 Vgl. ALBACH, HORST: Management in a dual society. Future look on European management education. Brüssel 1986; S. 15.

4 Vgl. VARIAN, HAL: a.a.O.; S. 361.

1 Vgl. JÄGER, ALFRED: a.a.O.; S. 278.

2 Vgl. JÄGER, URS: F ü hrungsethik. Mitarbeiterf ü hrung als Beg ü nstigung humaner Leistung. Bern/Stuttgart/Wien 2001; S. 116.

3 Vgl. GERUM, ELMAR: a.a.O.; S. 260.

4 Vgl. RUDOLF KÖTTER: „Unternehmensethik - Ethik oder Theorie der rationalen Konfliktbewältigung?“. In: BLASCHE, SIEGFRIED (Hrsg.): Markt und Moral. Die Diskussion um die Unternehmensethik. Bern/Stuttgart/Wien 1994; S.132-133.

5 Vgl. WEBER, THEODOR: Ö konomische Sachzwänge und unternehmerisches Handeln. Bamberg 1998; S. 282.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wirtschafts- und Unternehmensethik
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Philosophie)
Note
1.0
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V20186
ISBN (eBook)
9783638241403
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirtschafts-, Unternehmensethik
Arbeit zitieren
Malte Sunderkötter (Autor), 2002, Wirtschafts- und Unternehmensethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20186

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