Günter Eichs "Träume" - Ein Hörspiel der besonderen Art


Hausarbeit, 2012

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die extratextuelle Besonderheit der Träume
2.1 Produktion und Publicity
2.2 Rezeption
2.2.1 Hörerreaktion
2.2.2 Publizistische Reaktion
2.3 Distribution
2.4 Zusammenfassung

3 Die intratextuelle Besonderheit der Träume
3.1 Kurzinhalt und Form der Träume
3.2 TextuelleÄnderungen
3.3 Dersechste Traum
3.3.1 Interpretation und Vergleich mit den anderen Träumen
3.3.2 Zusammenfassung desVergleichs

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

Einleitung

Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht! / Bleibt wach, weil das Entsetzliche näher kommt. / Auch zu dir kommt es, der weit entfernt wohnt in den Stätten, wo Blut vergossen wird, / [...] / Wenn es heute nicht kommt, kommt es morgen, / aber sei gewiß (sic!).1

Das Hörspiel Träume von Günter Eich, das erstmals im Jahr 1951 vom NWDR Hamburg ausgestrahlt wurde, verstört noch immer. Auch über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg hat es nichts von seiner - auch politischen - Aktualität eingebüßt. Bereits zum Zeitpunkt der Sendung traf es, von der heftigen Reaktion der Zuhörer ausgehend, den gegenwärtigen Nerv der Zeit. Eich riss damit Wunden auf, die, teilweise durch Verdrängung oder Verschweigung, justament dabei waren, zu verheilen. Durch seine politische Dimension sind die Eichschen Träume nach wie vor dazu geeignet, „den Hörer aus der Sofaecke aufzuschrecken“2. Die Resonanz des Publikums ist bis heute einmalig in der deutschen Rundfunkgeschichte. Die vorstehenden Ausführungen und weitere Punkte, auf die unten näher eingegangen wird, begründen die außerordentliche Stellung des Hörspiels.

Die vorliegende Hausarbeit macht die Besonderheit der Träume auf der intra- als auch der extratextuellen Ebene deutlich. Die letztgenannte Ebene wird zuerst behandelt. Hierzu gehört die Produktions-, die Rezeptions- sowie Distributionsgeschichte des Hörspiels. In diesem Abschnitt wird nach dem Grund für die negative Reaktion der Hörer gefragt. Hierfür wird die Erwartung der Zuhörer durch Einbettung des Radiostücks in die damalige Zeitgeschichte analysiert. Die Bedeutung des Rundfunks zu der Zeit wird dazu genauer untersucht. Das Eichsche Stück wird zudem inhaltlich kurz mit weiteren zu dieser Zeit entstandenen Hörspielen verglichen.

Im zweiten Teil der Arbeit, der sich mit der intratextuellen Ebene des Hörspiels auseinandersetzt, wird die Eigenartigkeit der Träume durch die exemplarische Analyse eines einzelnen Traumes hervorgehoben und so verdeutlicht. Die literaturwissenschaftliche Forschung hat sich eingehend mit den Eichschen Träumen auseinandergesetzt.3 Bei der Analyse sind jedoch die von Eich
produzierten Varianten in den Hintergrund geraten. Die Interpretation konzentriert sich wegen der Vernachlässigung in der bisherigen Forschung auf eine dieser Modifikationen. So wird anhand des sechsten Traums die Besonderheit des Hörspiels exemplarisch aufgezeigt und dieser Traum in Korrespondenz zu den anderen Träumen gesetzt. Die Hausarbeit hat zum Ziel, die Einzigartigkeit des Hörspiels herauszustellen. Das bedeutet auch, noch ungeklärte Fragen aufzuwerfen und somit neue Denkanreize zu schaffen.

2 Die extratextuelle Besonderheit der Träume

2.1 Produktion und Publicity

Das Eichsche Hörspiel entstand für die Teilnahme an einem vom Bayerischen Rundfunk ins Leben gerufenen Wettbewerb im August 1950. Bei diesem Wettbewerb war es jedoch nicht erfolgreich.4Eich arbeitete zu dieser Zeit mit mehreren Rundfunkanstalten zusammen5, so auch bereits mit dem NWDR Hamburg, bei dem er es schließlich einreichte. Bereits die Schnelligkeit der Aufnahme des Hörspiels war außergewöhnlich: „Das Manuskript lief ein, wurde gelesen und ging sofort in die Produktion. Das hat es noch nie bei uns gegeben.“6, bemerkte die damalige NWDR-Dramaturgin Gerda von Uslar. Die Träume wurden am 19.04.1951 um 20:50 Uhr beim NWDR Hamburg ausgestrahlt.7

Vor der Sendung wurde der Hörer in der Presse über die Träume informiert.8Dass ein Hörspiel Erwähnung in anderen Medien, insbesondere der Zeitung fand, ist für die Zeit der 50er-Jahre bemerkenswert.9Eine solche Vorankündigung in anderen Medien war zu diesem Zeitpunkt erstmalig in der Geschichte des Hörspiels.10Die Zeitschrift „Der Spiegel“ veröffentlichte den Artikel Mörderische Angelegenheit, mit dem der Hörer auf ein besonderes akustisches Ereignis eingestellt wurde. Mit Blick auf den zweiten Traum, in dem es um das Schlachten eines Kindes zu vermeintlich medizinischen Zwecken geht, wurde bereits darauf hingewiesen, dass das Hörspiel eine „auch an

Erwachsenen-Nerven gehende Angelegenheit“11sei. Doch der Regisseur Fritz Schröder-Jahn warb mit seinerfolgenden Prognose:

Sie werden es nicht bereuen. Es ist das beste Hörspiel, das wir seit langem hatten, und ich glaube nicht, daß (sic!) wir in diesem Jahr noch ein besseres bekommen werden,12 nochmals kräftig für das Eichsche Hörspiel und stellte damit erneut die Besonderheit der Träume heraus. Auch Eich war sich der Wirkung seines Stücks bewusst. Er wollte „den Hörer aus seiner Sofaecke auf[...]schrecken“ und begrüßte „Proteste [...] als ein Zeichen der Beunruhigung“.13Der Sender stellte sich auf einen solchen Protest mit der Schaltung von Hörertelefonen ein, des Weiteren wurde ein „lebhafte[r] Hörerbrief-Eingang“14erwartet. Mit der Erwähnung, dass das Hörspiel bereits in anderen Metropolen wie London und Paris vorläge, wurde die Einmaligkeit des Stücks wiederum betont.

2.2 Rezeption

2.2.1 Hörerreaktion

Die Erwartung der Rundfunkanstalt wurde nicht enttäuscht: Bereits während der Sendung kam es zu Beschwerdeanrufen vonseiten der Hörer.15Besonders der zweite Traum, auf dessen Unappetitlichkeit bereits in dem Spiegel-Artikel hingewiesen wurde, erregte die Gemüter.16Es wurden Forderungen nach Inhaftierung des Dichters und Zensur laut.17

Sagen Sie mal, was für’n Mist verzapfen Sie heute abend (sic!) schon wieder im Rundfunk. Das ist ja zum Kotzen! Hängen Sie sich Ihre ganzen Hörspiele an’n Nagel, wissen Sie. Schweinemäßig ist das!

Solcherlei verbale Ausbrüche bekam der Regisseur, der die Telefonanrufe entgegennahm, zu hören. Nach der Sendung hagelte es Protestbriefe.18Der NWDR hatte Menschen ins Studio eingeladen, um direkt nach derAusstrahlung über das Stück zu diskutieren. Die Einschätzung der Studiogäste war positiv.19Dieses negative Verhalten des Publikums vor den Radiogeräten setzt eine Enttäuschung der Hörererwartung voraus. Es wurde zwar bereits im Spiegel­Artikel das Unangenehme des Hörspiels, insbesondere das des zweiten Traums, herausgestellt. Die Beschwerden der Anrufer lassen jedoch darauf schließen, dass sie sich im Vorfeld nicht eindringlicher mit dem Hörspiel beschäftigten, denn sie bezogen sich hauptsächlich auf eben jenen zweiten Traum. Künftig wird davon ausgegangen, dass die Hörer nicht wussten, was sie erwartete.

Bereits der Titel des Hörspiels ist irreführend. Der Begriff „Traum“ hat eine breite Assoziationskette. Ein Traum kann im positiven Sinne eine Wunschvorstellung oder eine Vision sein, im negativen eine Illusion, Utopie oder gar Selbsttäuschung. Zu der Zeit der Sendung des Hörspiels befand sich Deutschland im Aufschwung. Die Städte wurden wieder aufgebaut, es wurde emsig auf das Wirtschaftswunder hingearbeitet. Man stelle sich vor, zu dieser Zeit wird ein Hörspiel mit dem Titel Träume angekündigt: Die Hörer dürften dabei eher an eine verheißungsvolle Vision Deutschlands denn an Schreckens- bzw. Alpträume gedacht haben.

Der Rundfunk im allgemeinen und das Hörspiel im speziellen hatte nach dem zweiten Weltkrieg eine herausragende Bedeutung in Deutschland. Der Fernsehapparat war zu dieser Zeit noch nicht existent, die Theater waren durch den Krieg zerstört und noch nicht wieder aufgebaut, die Verlagsarbeit wurde zunächst zögerlich wieder aufgenommen.20Zudem kam es zu einer Bevorzugung von Werken ausländischer Autoren aufgrund des „kulturellen Nachholbedarfs“.21Nach dem Krieg war das Radio das Medium mit der weitesten Reichweite, es wurde außerdem intensiv genutzt, denn es war auch für Menschen mit geringem Einkommen erschwinglich.22In Deutschland gab es zu Beginn der 50er-Jahre ca. 10 Millionen gemeldete Rundfunkgeräte, die Hälfte davon lag allein im Sendegebiet des NWDR.23Die Hörspiele waren „Oase[n] der inneren Einkehr“ und sollten, im Gegensatz zur hektischen Arbeitswelt, entspannen und unterhalten.24Gesendet wurden sie regelmäßig an festen Wochenterminen zur Hauptsendezeit um 20:15 Uhr, in der Hörspiel­Hochzeit der 50er-Jahre sogar täglich, manchmal auch mehrmals am Tag. Durch die Einplanung des Hörspiels wie einen Theaterbesuch und die Abschirmung vom übrigen Alltag avancierte das Hörspiel zu einer besonderen kulturellen Veranstaltung, der aufmerksam gefolgt werden musste.25In den 1950er-Jahren kam es zu einer Blütezeit der Hörspiele,26bis zu 40 % der Radiobesitzer rezipierten diese.27Jährlich liefen mehr als 1.000 Hörspiele über den Äther, davon waren 100 bis 120 Ursendungen.28Die Form des Hörspiels etablierte sich schließlich auch kulturell und wurde so literarisiert: Das Feuilleton berichtete über die Radiostücke, sie wurden gleichsam als Bücher veröffentlicht.291963 entstand die erste große Hörspiel-Geschichte, Das Hörspiel von Heinz Schwitzke.30Den Autoren der Stücke war es möglich, davon zu leben. Sie, unter anderem auch Günter Eich, wurden an die Sender gekoppelt, an die sie regelmäßig neue Hörspiele liefern sollten.31Der Aufschrei des Publikums ist jedoch nicht nachvollziehbar, wenn man das Eichsche Stück in eine Reihe mit den zu dieser Zeit ebenfalls veröffentlichten Hörspielen stellt.32Hierbei stellt sich heraus, dass der Hörer zu der Zeit eine Behandlung und Aufarbeitung mit dem Nationalsozialismus durchaus gewohnt war.33Eine Begründung für die negative Rezeption müsste daher eher auf formaler denn auf inhaltlicher Ebene gesucht werden. Da sich Eich mit seinen Hörspielen jedoch nicht ausschließlich mit Themen des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzt, wir die Untersuchung der inhaltlichen Ebene nicht außen vor gelassen. Der Inhalt der Träume ist provozierend und lässt den Hörer zuweilen übel aufstoßen. Es wird daher davon ausgegangen, dass die Träume inhaltlich trotzdem eine Besonderheit darstellen, der folgend im zweiten Teil dieser Arbeit näher nachgegangen wird.

[...]


1 Eich, Günter: Träume. In: Gesammelte Werke. Bd 2: Die Hörspiele I. Hrsg. v. Karl Karst. Frankfurt am Main 1991, S. 383.

2 Eich über die Intention seines Hörspiels. In: Mörderische Angelegenheit. Der Spiegel vom 18.04.1951, S. 32.

3 Umfängliche Interpretationen der Träume geben beispielsweise Oppermann, Michael: Innere und äußere Wirklichkeit im Hörspiel Günter Eichs. München 1990. / Schmitt-Lederhaus, Ruth: Günter Eichs „Träume“. Hörspiel und Rezeption. Frankfurt am Main 1989 und Goß, Marlies: Günter Eich und das Hörspiel der fünfziger Jahre. Untersuchung am

Beispiel „Träume“. Frankfurt am Main 1988.

4 Schmitt-Lederhaus, S. 24.

5Wagner, Hans-Ulrich: Günter Eich und der Rundfunk. Essay und Dokumentation. Potsdam 1999, S. 82 f.

6 Mörderische Angelegenheit, S. 32.

7Wagner, S. 95.

8Wie beispielsweise in dem bereits genannten Spiegel-Artikel, als auch in der „Hörzu“ und anderen Zeitschriften. Wagner, S. 232.

9 Karst, Karl: „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt.“ Günter Eichs Hörspiel Träume. In: Günter Eich. Nach dem Ende der Biographie. Hrsg. v. Peter Walther. Berlin 2000, S. 63.

10Wagner, S. 96.

11Mörderische Angelegenheit, S. 32.

12Ebd.

13Ebd.

14Ebd.

15Schmitt-Lederhaus, S. 29 ff.

16Ebd., S. 32.

17Vgl. ebd., S. 29 ff. Schmitt-Lederhaus gibt die Rezeptionsgeschichte des Hörspiels detailliert wieder.

18Oppermann, S. 42.

19Schmitt-Lederhaus, S. 38.

20Goß, S. 20.

21Ebd.

22Oppermann, S. 40.

23Ebd. Das Sendegebiet des NWDR erstreckte sich auf Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig Holstein und Hamburg.

24Ebd., S. 35.

25Ohde, Horst: Das literarische Hörspiel - Wortkunst im Massenmedium. In: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bd. 10: Literatur in der BRD 1945-1967. Hrsg. v. Ludwig Fischer. München, Wien 1986, S. 470.

26Schmitt-Lederhaus, S. 18.

27Krug, S. 47.

28Ebd., S. 50.

29Ebd., S. 51 ff.

30Ebd., S. 52. Heinz Schwitzke war von 1951 (allerdings erst nach der Ausstrahlung der Eichschen Träume) bis 1971

Leiter der Hörspielabteilung des NWDR / NDR. So hat er das deutsche Hörspiel wesentlich geprägt. Er war außerdem Mitherausgeber der ersten Gesamtausgabe von Eich im Jahr 1973. Oppermann, S. 33 / Wagner, S. 90.

31Ohde, S. 475. Entgegen den Darstellungen in dem Artikel Mörderische Angelegenheit werden in aktuellen Berichten über das Hörspiel die guten Verdienstmöglichkeiten mithilfe der Radiostücke gepriesen, wie z. B. bei Wagner, S. 85 und Ohde, S. 475.

32Bei dieser Untersuchungen wurden die von Eich in den Jahren von 1949 bis 1953 rezipierten Hörspiele, die größtenteils im Bayerischen Rundfunk liefen, ausgewertet. Vgl. Eich, Günter: Taschenkalender 1949 bis 1954. Deutsches Literaturarchiv Marbach, zur Verfügung gestellt von Prof. Dr. phil. Berbig, Humboldt-Universität zu Berlin. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Inhalte der Hörspiele zwischen den einzelnen Sendern nicht sonderlich voneinander unterscheiden. Immerhin kam es z. B. auch zum Austausch von Hörspielen zwischen den einzelnen

Rundfunkanstalten.

33Bereits vor Ausstrahlung der Träume wurden bereits Hörspiele gesendet, die sich mit Heimkehrerschicksalen, Widerstandskämpfern und Problemen des Mitläufertums auseinandersetzten, wie z. B. Walter Kolbenhoffs An einem dieser Tage (BR, Ursendung am 17.03.1950) oder Alfred Anderschs Biologie und Tennis (BR, Ursendung am 23.06.1950).

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Details

Titel
Günter Eichs "Träume" - Ein Hörspiel der besonderen Art
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Ilse Aichinger - Günter Eich. Korrespondenzen.
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V201931
ISBN (eBook)
9783656285205
ISBN (Buch)
9783656285274
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Günter Eich, Träume, Hörspiel, NWDR
Arbeit zitieren
B.A. Julia Hans (Autor), 2012, Günter Eichs "Träume" - Ein Hörspiel der besonderen Art, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201931

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