Ökologische Probleme in der ehemaligen Sowjetunion


Seminararbeit, 1994

13 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

I. Vorwort

1. Historische Hintergründe

2. Ökologiebewegungen in der ehemaligen Sowjetunion

3. Ideologische Hintergründe und Sinneswandel

4. Maßnahmen der Regierungen

5. Maßnahmen der Umweltkontrolle

6. Schlußfolgerungen

II. Nachwort

7. Literatur

Vorwort

"Wir leben in einer einmaligen neuen, geologisch hervorragenden Epoche. Der Mensch verarbeitet durch seine Tätigkeit, und seine bewußte Einstellung zum Leben die Erdkruste - die geologische Sphäre des Lebens, die Biosphäre. Er führt sie in einen neuen geologischen Zustand über: Durch seine Arbeit und sein Bewußtsein wird die Biosphäre in die Noosphäre verwandelt."

W. Wernadski, (1863-1945)

1. Historische Hintergründe

Nach der Oktoberrevolution 1917 im Zuge des wirtschaftlichen Aufbaus der Sowjetunion begann 1929 mit dem ersten Fünfjahresplan unter Stalin die großangelegte Industrialisierung der Sowjetunion. Parallel dazu startete seine politische Initiative der Eliminierung von Elementen der Bourgeosie und traf auch die Techniker. Das führte zur Rekrutierung neuer Technikereliten, wobei Studenten aus der Arbeiterklasse gegenüber anderen Gesellschaftsschichten - oft unabhängig von der Begabung - der Vorzug gegeben wurde. Dieser gesellschaftliche Umbauprozeß ging mit einer Ideologisierung der Wissenschaft einher. Das Prinzip "Alles für den Menschen, alles im Dienste des Menschen" bestimmte den Aufbau der modernen Sowjetunion. Die ersten Fünfjahrespläne waren dabei primär auf den Ausbau der Schwerindustrie bedacht. Diese Tendenz wurde durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges noch verstärkt.

Der Aufbau einer konsumentenorientierten Leichtindustrie wurde auch nach dem zweiten Weltkrieg, aufgrund des Kalten Krieges stark vernachlässigt. Zudem zeigte das System der Fünfjahrespläne mit seiner Orientierung auf quantitatives Wachstum mit nur geringer Berücksichtigung der qualitativen Verbesserung seine Schwächen. Ebenso wurde neben dem Ausbau der Schwerindustrie durch das nukleare Wettrüsten eine sehr große Nuklearindustrie mit weitgehenden Sonderrechten aufgebaut.

Nebenher führte die Ideologisierung der Wissenschaft bis zum Ende der Chrustschow-Ära 1965 zur Technikanwendung unter Mißachtung der naturwissenschaftlichen Grundregeln. Führende Vertreter waren etwa der Biologe Lyssenko, der mit einer Art Neolamarkismus die sowjetische Pflanzenzüchtung revolutionieren wollte. Sein Aufstieg wäre ohne ideologische Unterstützung durch die Nomenklatura undenkbar gewesen. Oder etwa W. Wernadski, der mit seinem Begriff der Noosphäre bzw. Nootechnosphäre als eine vollkommen, vom Menschen geschaffene Umwelt und logische evolutionäre Weiterentwicklung der Biosphäre für die kommunistische Ideologie mißbraucht wurde. Seine Ideen wurden als wissenschaftliche Legitimierung für großangelegte Umweltveränderungen in der ehemaligen Sowjetunion, wie etwa für die Idee der Umleitung von sibirischen Flüssen zur Baumwollplantagenbewässerung in den regenarmen Gebieten Zentralasiens herangezogen. Die Zeit der Stagnation unter Breschnew konnte an den bestehenden Strukturen nur wenig ändern. Die Gedanken Wernadskis erfreuten sich auch noch nach Ende der Sowjetunion großer Bewunderung durch führende Mitglieder der Akademie der Wissenschaften.

2. Ökologiebewegungen in der ehemaligen Sowjetunion

Den Begriff Umweltschutz im westlichen Sinne gibt es in der ehemaligen Sowjetunion erst seit der zweiten Hälfte der 70er Jahre. Naturschutz im Sinne von Landschaftsschutz hatte jedoch eine lange Tradition in der ehemaligen Sowjetunion. Bereits mit der Machtübernahme Lenins wurde Naturschutzpolitik ein fixer Bestandteil.

Die "Gesellschaft für Naturschutz" wurde bereits 1924 gegründet, und stellte eine der KPdSU eingegliederte Organisation dar. Ihre Aufgabe war es den Gedanken des Naturschutzes auf alle Ebenen der Gesellschaft zu verbreiten. Diese Gesellschaft war allerdings auch in die Erarbeitung von Gesetzen miteingebunden. Lokale Komitees wurde gegründet. Einen politischen Faktor stelle diese Bewegung nicht dar. Sie war zu sehr in die Strukturen der KPdSU eingebunden, und wurde insbesonders unter Stalin in ihrer Rolle eingeschränkt.

Im Rahmen der KPdSU gab es neben den bereits oben erwähnten Gesellschaft noch die sogenannten blauen und grünen Parolen (Kinderorganisationen, die sich mit Wasser- und Naturschutz beschäftigten).

Grünbewegungen im westlichen Sinne, also als organisierte Bürgerbewegungen mit oppositionellen politischen Einfluß, gab es bis in die 80er Jahre nicht. Besondere Bedeutung kam daher der Literatur zu. Als Vater der Grünbewegung gilt D. Armand mit seinem Buch "Für uns und unsere Enkel" (1964). Diese Literaturzeitung (Literaturnaja Gazeta) war das "Sprachrohr" für ökologische Anliegen. Hier erschienen seit den späten 50er Jahren eine ganze Reihe von Artikeln, die sich kritisch mit dem Zustand des Baikalsees, des Ladogasees, der Meere oder den Ideen der Umleitung von sibirischen Flüssen zur Lösung des Wasserproblems in den zentralasiatischen Steppengebieten auseinandersetzten.

Als Beginn der Entstehung eines grünen Gewissens in der ehemaligen Sowjetunion gilt allgemein der Konflikt um die Zellstoffabriken am Baikalsee. Die Einmaligkeit dieses Lebensraumes durch mehr als 1000 endemische Arten und seine Größe (er gilt als die größte Süßwasserreserve der Erde) ist allgemein bekannt. Der See spielt darüber hinaus in der russischen Mythologie eine große Rolle.

1958 erschien der erste alarmierende Artikel in der Literaturzeitung über ein geplantes Wasserkraftwerk am Angara einem Zufluß des Baikalsees. Das Becken des Angara sollte auf der Abflußseite des Baikalsees durch Sprengungen auf ein Fassungsvermögen von 120 km3 erweitert werden. Die Autoren forderten stattdessen ein Naturschutzgebiet. Dem folgte ein Jahr später eine Liste der Gefahren, denen dieser See ausgesetzt war. Dies waren die Abholzung der Wälder, die Einleitung von Abwässern aus 2 geplanten, riesigen Zellulosekombinaten (200.000 m3/a), sowie die geplante Angaraerweiterung. Sechs Jahre später erscheint ein weiterer Artikel, der die Problematik neuerlich darstellt. Wobei inzwischen eines der beiden Zellulosekombinate fertiggestellt war. Die erzeugte Viskosefaser wurde im europäischen Teil der ehemaligen Sowjetunion weiterverarbeitet. Staatliche Stellen versuchen die Vorwürfe in Stellungnahmen zu widerlegen. Schließlich veröffentlicht 1966 Oleg Volkov ein Gutachten von Wissenschaftlern, daß die Bedenken bestätigte. Kläranlagen für das Zellulosekombinat wurden errichtet, allerdings war die Kapazität unzureichend. Alternativen wie die Umleitung der Abwässer in den Angara wurden diskutiert. 1980 erschien schließlich in der Literaturzeitung eine Bestandesaufnahme. Darin wurde von Natriumkarbonatablagerungen auf die umliegenden Wälder berichtet. Die Kläranlagen arbeiteten unzureichend, und sind wiederholt vollkommen ausgefallen. Die Betreiber des Kombinats bestritten die Vorwürfe. Eine Expertenrunde bestätigte allerdings, daß ca. 25 km2 des Sees ökologisch umgekippt sind. Es wurde festgestellt, daß von der Kläranlage nur die organischen Abwasseranteile geklärt werden. Weiters wurde festgestellt, daß die produzierten Fasern nach wie vor nicht die geforderte Qualität erreicht haben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Ökologische Probleme in der ehemaligen Sowjetunion
Hochschule
Universität Wien  (Politikwissenschaften)
Note
1
Autor
Jahr
1994
Seiten
13
Katalognummer
V201962
ISBN (eBook)
9783656283911
ISBN (Buch)
9783656284222
Dateigröße
369 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Seminarabeit bietet eine Abriss des ideologischen Überbaus, der historischen Entwicklung, und der wichtigsten politischen und faktischen Vorfälle der Umweltpolitik der ehemaligen Sowjetunion von 1917-1991.
Schlagworte
Sowjetunion, Umweltpolitik, Umweltprobleme, Internationale Politik, Wernadski
Arbeit zitieren
Mag. Ing. Ferdinand Kaser (Autor), 1994, Ökologische Probleme in der ehemaligen Sowjetunion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201962

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