In seinem Spätwerk „Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie“ macht Edmund Husserl den Begriff der Lebenswelt zu einem zentralen Gegenstand seiner Phänomenologie. Für Husserl ist die Lebenswelt der „eigentliche, der ursprungsechte Sinn“, der selbstverständliche , unbefragte Boden allen wissenschaftlichen und alltäglichen Handelns.
Husserl machte mit der Thematisierung des „Lebenswelt“ Begriffs „zum ersten Mal in der Geschichte der Philosophie etwas zum Problem, was bis dahin gar nicht gesehen wurde.“ Durch einen Versuch der Reduktion und der Einführung der Epoché gegenüber den positivistischen Wissenschaften, welche er durch ihre „Idealisierung“ für die Krisis in den Wissenschaften verantwortlich macht, weist er auf das radikale Problem hin, welches „wie eine solche Naivität tatsächlich als lebendige historische Tatsache möglich wurde und immerfort wird, wie eine Methode, die wirklich auf ein Ziel, die systematische Lösung einer unendlichen wissenschaftlichen Aufgabe, ausgerichtet ist und dafür immerfort zweifellos Ergebnisse zeitigt, je erwachsen konnte und dann durch die Jahrhunderte hindurch immerfort nützlich zu fungieren vermag, ohne daß irgendjemand ein wirkliches Verständnis des eigentlichen Sinnes und der inneren Notwendigkeit solcher Leistungen besaß.“
Die Lebenswelt und das damit inbegriffene Problem der Mathematisierung der Natur sowie die Analyse der Lebenswelt gehören zu den bekanntesten Untersuchungen Husserls und wurden auch außerhalb der Philosophie zum Beispiel in der Soziologie bekannt, unter anderen durch Niklas Luhmann und seine Kommunikation als Operation sozialer Systeme innerhalb der Systemtheorie.
Husserls Beschreibung der Krisis erhebt den Anspruch mit der „Geschichtlichkeit wissenschaftlicher Theorien und ihrem Verhältnis zum konkreten, historischen Leben“4 eine Beschäftigung zu betreiben, welche weit über eine rein empirische Analyse hinausgeht.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Idee der Lebenswelt vor der „Krisisschrift“
a. Ideen I
b. Ideen II
2. Die Lebenswelt in der „Krisisschrift“
a. Die Konzeption der Lebenswelt
i. Die Krisis der europäischen Wissenschaften
ii. Die Besinnung zur Geschichte
iii.Die Mathematisierung der Natur
b. Die Lebenswelt als Ursprung der Wissenschaften
c. Unterscheidung zwischen Lebenswelt und idealisierter Welt
d. Vorwissenschaftliche Erfahrung versus wissenschaftliche Welt
3. Zugangsweisen der Lebenswelt
a. Die Epoché
b. Die transzendentale Reduktion
4. Probleme der Lebenswelt
5. Fazit/ Aussicht
Literaturverzeichnis
Häufig gestellte Fragen
Was versteht Edmund Husserl unter dem Begriff „Lebenswelt“?
Die Lebenswelt ist für Husserl der selbstverständliche, unbefragte Boden allen wissenschaftlichen und alltäglichen Handelns. Sie ist der „ursprungsechte Sinn“, der jeder Idealisierung vorausgeht.
Warum spricht Husserl von einer „Krisis der europäischen Wissenschaften“?
Husserl sieht die Krisis in der zunehmenden Mathematisierung und Idealisierung der Natur durch die positivistischen Wissenschaften, wodurch der Bezug zum konkreten, menschlichen Leben verloren gegangen ist.
Was ist die Funktion der „Epoché“ in der Phänomenologie?
Die Epoché ist ein Verfahren der Enthaltung von Urteilen gegenüber den positivistischen Wissenschaften, um den Blick wieder auf die reine vorwissenschaftliche Erfahrung der Lebenswelt zu lenken.
Wie hängen Lebenswelt und Mathematisierung der Natur zusammen?
Husserl analysiert, wie die moderne Wissenschaft die Natur durch mathematische Formeln „idealisiert“ und damit die ursprüngliche, sinnlich erfahrbare Lebenswelt überdeckt.
Welchen Einfluss hatte Husserls Lebenswelt-Begriff auf andere Disziplinen?
Besonders in der Soziologie fand der Begriff großen Anklang, beispielsweise bei Niklas Luhmann im Rahmen seiner Systemtheorie und der Kommunikation als Operation sozialer Systeme.
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- Maik Wöhlert (Author), 2012, Der Begriff der Lebenswelt in Edmund Husserls „Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202048