Einen wichtigen Beitrag zur Genese und Etablierung der Parteiensysteme Westeuropas leisteten die beiden Sozialwissenschaftler Seymour M. Lipset und Stein Rokkan mit ihrer Cleavage-Theorie (Lipset/Rokkan 1967), wonach cleavages soziale und politische Trennlinien der Gesellschaft darstellen, die sich im Parteiensystem widerspiegeln und dort institutionalisiert werden. Dabei sind Parteien das Produkt dieser sozialstrukturellen Konflikt- und Spannungslinien, die die Gesellschaft entlang der cleavages in verschiedene Gruppen teilt (vgl. Decker 2011: 39). Lipset und Rokkan stellen dabei die viel zitierte These der eingefrorenen Parteiensysteme auf: „The party systems of the 1960’s reflect, with few but significant exceptions, the cleavage structure of the 1920’s” (Lipset/Rokkan 1967: 50). Betrachtet man nun die Entwicklung des deutschen Parteiensystems, so kann man Deutschland gewiss zu den besagten wenigen, doch signifikanten Ausnahmen zählen (vgl. von Alemann 2003: 101). Doch wie ist es dann um die Erklärungskraft des Cleavage-Modells für das moderne deutsche Parteiensystem bestellt? Eine mögliche Erklärung für den Wandel des Parteiensystems gibt dabei die Theorie des amerikanischen Politologen Roland Inglehart. In Folge eines tiefgreifenden Wertewandels sei ein dauerhafter Gegensatz zwischen ‚alter‘ und ‚neuer‘ Politik entstanden. Inglehart bezeichnet die Anhänger der neuen Politik als Postmaterialisten, die sich nun für Partizipation und Selbstverwirklichung einsetzen und nach und nach die Materialisten als Anhänger der alten Werte und Normen, allen voran materielle und physische Sicherheit, ersetzen. Genau mit dieser offenen Frage, die auch in der gegenwärtigen Literatur kontrovers diskutiert wird, beschäftigt sich die vorliegende Arbeit: Ist der von Inglehart postulierte Gegensatz zwischen Materialismus und Postmaterialismus ein neues cleavage, also ein dauerhafter, eigenständiger und institutionalisierter Konflikt, welches den auftretenden Wertewandel und den Wandel des Parteiensystems erklärt (vgl. Mielke 2001: 87-88)?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklung des deutschen Parteiensystems und der Konfliktlinien
2.1 Das historische Konfliktlinienmodell nach Lipset/Rokkan
2.2 Konfliktlinien im deutschen Parteiensystem nach 1945
3. Die „Stille Revolution“?
3.1 Ingleharts Theorie
3.2 Empirische Überprüfung der These
3.3 Kritik an der Theorie Ingleharts
4. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob der von Roland Inglehart postulierte Gegensatz zwischen Materialismus und Postmaterialismus als neues, dauerhaftes Konfliktlinienmodell (Cleavage) betrachtet werden kann, das den Wandel des deutschen Parteiensystems hinreichend erklärt.
- Analyse der klassischen Cleavage-Theorie nach Lipset und Rokkan.
- Untersuchung der Entwicklung des deutschen Parteiensystems nach 1945.
- Detaillierte Vorstellung und empirische Überprüfung der Inglehartschen Wertewandeltheorie.
- Kritische Reflexion über die Anwendbarkeit des Modells auf moderne politische Strukturen.
- Integration von Ingleharts Erkenntnissen in ein zeitgemäßes, zweidimensionales Konfliktlinienmodell.
Auszug aus dem Buch
3.1 Ingleharts Theorie
Der amerikanische Politikwissenschaftler Roland Inglehart hat mit seiner Theorie der „Stillen Revolution“ eine der meist beachteten Erklärungsversuche für die Ursachen des gesellschaftlichen Wertewandels in den siebziger Jahren vorgelegt. So könne man die Werte eines Menschen als Struktur sehen, die sein Denken und Handeln leiten (Inglehart 1977: 29) und der Wertewandel sei gewissermaßen die Übersetzung von Strukturbeziehungen in Wandlungstendenzen (vgl. Meulemann 1996).
Dabei fußt die Theorie Ingleharts auf der Bedürfnispyramide des amerikanischen Psychologen Adam Maslow (vgl. Maslow 1943), wonach sich die Vielfalt menschlicher Bedürfnisse auf fünf hierarchisch geordnete Bedürfnisebenen reduzieren lässt: Physiologische Grundbedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse, Soziale Bedürfnisse, Wertschätzungsbedürfnisse, Selbstverwirklichung.
Mit seiner Mangelhypothese beschreibt Inglehart, dass die Prioritäten eines Menschen seine sozioökonomische Umwelt reflektieren und man immer dem jeweils rangniedrigsten unbefriedigten Bedürfnis die größte Bedeutung zumisst (Inglehart 1979: 280), „also die Erfahrung des Mangels zu materialistischen, die Erfahrung der Prosperität zu postmaterialistischen Werten prädisponiert“ (Meulemann 1996: 32). Inglehart unterscheidet nicht zwischen Werten und Bedürfnissen, sondern stellt lediglich fest, dass die Werte den jeweiligen Stand der Bedürfnisbefriedigung widerspiegeln (Decker 2011: 50). Erst wenn also die für das Überleben eines Menschen notwendigen materialistischen Grundbedürfnisse erfüllt sind, kann sich der Mensch den höheren Bedürfnissen nach sozialer Anerkennung und Selbstverwirklichung zuwenden, welche von Inglehart als postmaterialistisch betitelt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Cleavage-Theorie von Lipset/Rokkan ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Relevanz von Ingleharts Wertewandel-Theorie für das moderne deutsche Parteiensystem.
2. Entwicklung des deutschen Parteiensystems und der Konfliktlinien: Dieses Kapitel erläutert das historische Konfliktlinienmodell und zeichnet die Entwicklung des deutschen Parteiensystems bis zur Entstehung der Grünen nach.
3. Die „Stille Revolution“?: Hier wird die Theorie Ingleharts sowie deren empirische Überprüfung anhand des Inglehart-Index und kritische Einwände dazu detailliert vorgestellt.
4. Fazit und Ausblick: Das Fazit stellt fest, dass Ingleharts Theorie in einem zweidimensionalen Konfliktmodell integriert werden muss, um die aktuelle Parteienlandschaft und die zunehmende Anzahl an Mischtypen adäquat zu erklären.
Schlüsselwörter
Wertewandel, Inglehart-Index, Cleavage-Theorie, Postmaterialismus, Materialismus, Parteiensystem, Lipset und Rokkan, Stille Revolution, Mangelhypothese, Sozialisationshypothese, Konfliktlinien, Deutschland, politische Soziologie, Parteienbindung, Zweieinhalb-Parteiensystem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht den Wandel des deutschen Parteiensystems und prüft kritisch, ob Ingleharts Theorie des Wertewandels zwischen Materialismus und Postmaterialismus als neues, eigenständiges Konfliktlinienmodell fungiert.
Welche wissenschaftlichen Theorien bilden das Fundament der Analyse?
Die Arbeit basiert auf der klassischen Cleavage-Theorie von Lipset und Rokkan sowie der Theorie der „Stillen Revolution“ von Roland Inglehart, welche wiederum auf der Maslowschen Bedürfnispyramide aufbaut.
Was ist das Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Ingleharts Theorie in das bestehende Konfliktlinienmodell des deutschen Parteiensystems zu integrieren und zu klären, warum sich die gesellschaftliche Struktur und Parteienlandschaft gewandelt haben.
Welche Methode wurde zur Überprüfung der These genutzt?
Zur Überprüfung der Thesen von Inglehart wird auf Daten von EUROBAROMETER-Umfragen (1970–1997) und den sogenannten Inglehart-Index zurückgegriffen, um die Entwicklung der Bevölkerungsgruppen (Materialisten, Postmaterialisten, Mischtypen) zu analysieren.
Welche zentralen Themen werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt das historische Konfliktlinienmodell, die Entwicklung des deutschen Parteiensystems nach 1945, die theoretischen Grundlagen des Wertewandels und eine kritische Auseinandersetzung mit der Eindimensionalität von Ingleharts Ansatz.
Was sind die charakteristischen Schlüsselbegriffe der Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Wertewandel, Cleavage-Struktur, Postmaterialismus und die Dynamik des modernen Parteienwettbewerbs charakterisiert.
Warum widerlegt der Autor Ingleharts Prognose für das Ende des 20. Jahrhunderts?
Die empirischen Daten zeigen, dass die Gruppe der Postmaterialisten nicht so stark angewachsen ist wie von Inglehart prognostiziert; stattdessen ist ein deutlicher Anstieg der "Mischtypen" zu verzeichnen.
Wie lässt sich die hohe Anzahl an "Mischtypen" theoretisch erklären?
Der Autor argumentiert, dass Materialismus und Postmaterialismus zwei getrennte Dimensionen darstellen. Menschen orientieren sich oft an beiden Wertkomplexen gleichzeitig, was zu einer Wertsynthese führt.
Welche Konsequenzen zieht die Arbeit für das moderne Parteiensystem?
Es wird geschlussfolgert, dass eine zweidimensionale Betrachtung notwendig ist: Sozioökonomische Konflikte (Verteilung) und soziokulturelle Konflikte (Werte) verlaufen heute getrennt, was die Parteienlandschaft komplexer und „fluider“ macht.
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- Andreas Schmidt (Author), 2012, Materialismus vs. Postmaterialismus – ein neues Wertecleavage? , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202054