Politainment in Deutschland: Die eigenartige Symbiose von Politik und Unterhaltung


Hausarbeit, 2012

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politik im Unterhaltungsformat: Politainment
2.1. Unterhaltende Politik oder politische Unterhaltung?
2.2. Exkurs: Entwicklung der Medienexpansion
2.3. Funktionen
2.4. Die zentralen Charaktermerkmale
2.4.1. Inszenierung
2.4.2. Emotionalität
2.4.3. Simplifizierung und Stereotypisierung
2.4.4. Dynamisierung
2.4.5. Fiktion

3. Das Fernsehen als politische Informationsquelle
3.1. Politische Talkshows
3.1.1. Charakteristika
3.1.2. Kritik an der Politikvermittlung durch TV-Shows

4. Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jauch, Plasberg oder Christiansen als „Mutter“ des Polittalks: Woche für Woche inszenieren sich Politiker in vermeintlich politisch informativen Talkshows. Dabei geht es aber vorrangig nicht um die Erklärung komplexer Zusammenhänge o.ä., sondern meistens darum, den Zuschauer zu unterhalten.

In den letzten drei Jahrzehnten gewann die ambivalente Beziehung von Politik und Medien immer mehr an Bedeutung. Die meisten Politik- bzw. Kommunikationswissenschaftler sind sich darüber einig, dass zwar die Politik zunehmend medialisiert wird, doch wie sich diese kontroverse Beziehung auswirkt und in welchem Umfang, darüber wird immer noch stark diskutiert.[1] Auffallend ist der steigende Trend hin zu mehr Unterhaltungselementen in Informations- und Nachrichtensendungen. Dörner bezeichnet die „Omnipräsenz massenmedial inszenierter Unterhaltungsangebote“[2] sogar als wichtiges Charakteristikum der heutigen Gesellschaft.

In der vorliegenden Hausarbeit im Rahmen meines B.A. Sozialwissenschaften Studiums an der Universität Augsburg für das Seminar „Politik und Kommunikation“ werde ich versuchen, die tatsächliche Relevanz von Unterhaltung für die Politik darzustellen. Dabei werde ich die Begriffe Infotainment und Politainment wie Synonyme verwenden, da der Umfang für eine explizite Unterscheidung nicht ausreichen würde.

Nach der Begriffsklärung und Definition von Politainment, werde ich in Kapitel 2.2. den geschichtlichen Verlauf der Unterhaltungskultur in Form von Infotainment-Formaten skizzieren. Anschließend werden die Funktionen und Charaktermerkmale der Politik im Unterhaltungsformat dargestellt. Nach einer genaueren Betrachtung des Fernsehens als Medium der Politik, werde ich noch Talkshows charakterisieren und mit einer kurzen Kritik und einem Fazit meine Hausarbeit abschließen.

2. Politik im Unterhaltungsformat: Politainment

Politainment wird - wie bereits angekündigt - in dieser Hausarbeit als Anlehnung an den Begriff Infotainment verstanden. Er vereinigt Politik und Entertainment, sprich Unterhaltung, unter einem Dach, wobei die Grenzen beider Elemente miteinander eine Symbiose eingehen und verschmelzen:[3]

„Politainment bezeichnet eine bestimmte Form der öffentlichen, massenmedial vermittelten Kommunikation, in der politische Themen, Akteure, Prozesse, Deutungsmuster, Identitäten und Sinnentwürfe im Modus der Unterhaltung zu einer neuen Realität des Politischen montiert werden.“[4]

Der Mediennutzer und Wähler wird also zunehmend von den Strukturen des Politainment geprägt und auch beeinflusst.

2.1. Unterhaltende Politik oder politische Unterhaltung?

Politainment kann aber noch aus einem anderen Blickwinkel untersucht werden: Die Unterscheidung zwischen unterhaltender Politik und politischer Unterhaltung ist in der Medienrealität eng miteinander verbunden. Unterhaltende Politik liegt laut Dörner[5] immer dann vor, wenn politische Akteure auf Instrumente der Unterhaltungsmaschinerie zurückgreifen, um Macht zu erwerben und Stabilität zu erzeugen. Ein Beispiel dafür wäre der Wahlkampf, bei dem Prominente in die Öffentlichkeit treten, um bestimmte Politiker zu unterstützen. Genau andersherum verhält es sich mit der politischen Unterhaltung. Hier verwendet die Unterhaltungsindustrie politische Akteure und Themen, um ihre Produkte für den Rezipienten interessanter zu gestalten. Als Produkt kann eine Talkshow, Nachrichtensendung aber auch Serie fungieren, die mit Hilfe von einem politischen Zusatz, sei es eine Figur oder ein Ereignis, ihre fiktionale Bildwelt aufbauen und so Zuschauer generieren kann. Und darum geht es in der Fernsehlandschaft am meisten: Wer die höchste Quote hat, gewinnt. Aus dieser Perspektive betrachtet bietet Politainment für Politik und Unterhaltungsapparat Vorteile. Am Auftritt des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder in der Daily-Soap „Gute Zeiten Schlechte Zeiten“ lässt sich dies gut erklären: Für den Politiker bot sein Auftritt die Möglichkeit, neue Wählerschaften zu erschließen. Die Zielgruppe der Serie bilden die 14- bis 49-Jährigen, wobei die meisten Zuschauer aber unter 30 sind[6] , welche über die konventionellen Kanäle politischer Kommunikation nicht so leicht erreichbar wären. Schröder betrieb also unterhaltende Politik. Die Produktionsfirma der Soap dagegen konnte für diese spezielle Episode mit einer besonders hohen Einschaltquote rechnen. Mit der Technik der politischen Unterhaltung haben sie so einen Gewinn erwirtschaftet.

2.2. Exkurs: Entwicklung der Medienexpansion

„Das, was uns hierzulande noch neu und fremd vorkommt, hat in den USA schon eine lange Tradition.“[7]

Zugegeben, so ganz neu ist Infotainment den Zuschauern in Deutschland 2012 nicht mehr, doch im Vergleich zu den USA kann man unser Land schon als spätentwickelt bezeichnen. Vielleicht liegt es daran, dass Unterhaltung hierzulande lange Zeit als trivial bezeichnet wurde und für die breite Masse, den Pöbel bestimmt war. Im Gegensatz zu Amerika mussten die Unterhaltungsangebote immer um Legitimität kämpfen, Politik wurde durchgehend als ernste und seriöse Angelegenheit betrachtet, was nach Deutschlands‘ NS-Vergangenheit auch nicht verwunderlich scheint. Zudem sahen sich viele Nationen ihrer medialen Identität durch Amerika beraubt, wurden sie vom amerikanischen Kulturimperialismus geradezu überrollt.[8]

Anfang des 20. Jahrhunderts steigerte sich die USA im Bereich Film und Fernsehen durch den Aufstieg Hollywoods zur weltweit führenden Nation und gilt bis heute als „the inventor of the infotainment industry“[9] . Mit Ende des 2. Weltkrieges verbreiteten sich die ersten Versuche von Fernsehen explosionsartig über die ganze Welt. Mitte der 1950er Jahre fand ein struktureller Umbruch im amerikanischen TV statt, der alles revolutionieren sollte. Anstatt auf das bisher vorherrschende Sponsoring-System setzte man nun auf den direkten Verkauf von Werbezeiten. Der theoretisch einzige öffentlich-rechtliche Sender in den USA, das Public Broadcasting Service Network, welches von Institutionen und Universitäten betrieben wurde, fuhr nur Marktanteile bis zu 3% ein, weswegen die großen Networks ABC, NBC, CBS und später FOX auf Einnahmen durch platzierte Werbeunterbrechungen im Fernsehprogramm setzten. Als Maxime galt die Steigerung der Zuschauerzahl und damit die Möglichkeit, möglichst hohe Einnahmen aus der Werbung zu erzielen. Da die meisten Zuschauer aber auf seichte Art und Weise unterhalten werden wollten, wurden anspruchsvolle Sendungen, die z.B. Politisches betrafen, ins Nachtprogramm verbannt.[10] Die genannte Kommerzialisierung wurde in den 1990er Jahren von einer zunehmenden Politisierung begleitet, aber auf eine unterschwellige Art: In Serien wie der „Cosby Show“, den „Simpsons“ und diversen Sitcoms wurden dem Publikum politische Inhalte vermittelt. Thematisch wie personell konnte das Politische in dieser Form repräsentiert und somit langsam zur Normallage werden.[11] Dennoch wurden mehr Unterhaltungsformate als politische Themen gesendet, bzw. die „hard news“ mussten zu Gunsten der „soft news“ zurückstecken. Die Gestaltung des Politainments seitens der politischen Akteure erhielt mit dem Wahlkampf Bill Clintons in den Jahren 1991 und 1992 eine neue Qualität.[12] Er suchte die Nähe zu Hollywoodstars und trat in diversen Talkshows u.a. bei MTV auf, um sich möglichst volksnah zu präsentieren. Ein ähnliches Beispiel lässt sich mit Gerhard Schröder auch in Deutschland finden. Als 1995 dann der O.J. Simpson Prozess in den USA ins Rollen kam, gab dieser Rechtsstreit eine „dream story for a new-media era“[13] ab. Es bleibt also festzuhalten, dass die deutsche Medienlandschaft - und auch die anderer Staaten – nachhaltig vom amerikanischen Fernsehen nach dem zweiten Weltkrieg geprägt wurde. Nicht nur die allgemeine Lebensweise, sondern besonders politische Einstellungen und Werteausrichtungen waren von der Modernisierung und Verwestlichung durch die USA betroffen.

2.3. Funktionen

Politainment wird also in einem breiten Interessenssprektrum betrieben und berührt auch folgende politische Funktionen[14] :

a) Sichtbarmachen der Politik: Der Großteil der Bürger hat keinen direkten Kontakt zum politischen System und deren Akteure. Mit Hilfe des Politainment kann Politik wieder „sinnlich erfahrbar“[15] werden.
b) Generieren von Aufmerksamkeit: Durch das Platzieren von politischen Themen in Formaten der Unterhaltungsindustrie können Schnittstellen zum Bürgertum für die Möglichkeit einer Anschlusskommunikation geschaffen werden. Weiterführende Diskussionen können dabei sowohl in themenspezifischen Foren als auch daheim am Essenstisch geführt werden.
c) Konstruktion politischer Deutungsmuster: Unsere politische Realität mit allen Selbstverständlichkeiten und Normalitäten, so wie wir sie verinnerlicht haben, wird maßgeblich vom Politainment mitbestimmt.
d) Popularisierung von politischen Werten: Politainment bestimmt für die Gesellschaft den integrativen Konsensbereich einer politischen Kultur, der einen Pfeiler einer dauerhaften Demokratie darstellt.
e) Inszenierung von Handlungsmustern: In Form von Unterhaltung werden dem Bürger Identifikationsangebote geliefert, die für die eigene Handlungswelt übernommen werden können.
f) Öffnung eines emotionalen Zugangs zur Politik: Mit Hilfe von professionell gestalteten Bildern und dem damit einhergehenden Hervorrufen von Emotionalität kann sich der Wähler der politischen Welt und den Vorgängen darin näher fühlen.

[...]


[1] Jun, Uwe: Parteien, Politik und Medien. Wandel der Politikvermittlung unter den Bedingungen der Mediendemokratie; in: Maricinkowski/ Frank, Pfetsch/ Barbara (Hg): Politische Vierteljahresschrift. Politik in der Mediendemokratie, 42/2009, S.271

[2] Dörner, Andreas: Politainment – Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft, 2001, S.57

[3] Vgl. Dörner, Politainment, S.31, vgl. Wirth, 2000, S.62

[4] Dörner, S.31

[5] Dörner, Politainment, 31f

[6] http://de.statista.com/statistik/daten/studie/163817/umfrage/unique-user-von-gzszde-nach-zielgruppe/

[7] Dörner, politainment, S.45

[8] Dörner, politainment, S.46

[9] Thussu, Daya Kishan: News as entertainment, 2007, BSB, München, S.17

[10] Dörner, Politainment, S.47 und Thussu, S.22

[11] Dörner, Politainment, S.48f

[12] Dörner, S.53 und Thussu, S.27

[13] Thussu, S.28

[14] Dörner, Politainment, 33f

[15] Dörner, Politainment, S.33

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Politainment in Deutschland: Die eigenartige Symbiose von Politik und Unterhaltung
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V202087
ISBN (eBook)
9783656279709
ISBN (Buch)
9783656280712
Dateigröße
687 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
politainment, deutschland, symbiose, politik, unterhaltung
Arbeit zitieren
Franziska Hochmair (Autor), 2012, Politainment in Deutschland: Die eigenartige Symbiose von Politik und Unterhaltung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202087

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