Die vorliegende Diplomarbeit beschäftigt sich mit dem alltagsweltlichen Phänomen intentionalitätsdiskursiver Kommunikationspraxis und fokussiert v.a. auf motiventlarvende Sprachspiele, als integralem Bestandteil im kommunikativen Haushalt (Luckmann 1986) einer bestimmten lebensstilistischen Kommunikationsgemeinschaft. Als sprachlicher Ausdruck der Kommunikationskultur einer männlichen Peer-Group, beschreibt der empirische Gegenstand dieser Untersuchung die genuinste Form sozialer Interaktion: informelle, i.e. aufgabenentbundene und nicht institutionalisierte Konversation unter Adoleszenten. Das analytische Erkenntnisinteresse gilt den vielfältigen lebensweltlichen Kommunikationsstrategien, durch welche Akteure1 Handlungsabsichten und –ziele thematisieren, problematisieren und verhandeln. Intentionalität emergiert nicht als handlungsprimordialer oder transzendentaler Wert, sondern vielmehr als dynamische und gemeinschaftlich konstruierte/-bare Größe von spezifisch pragmatischer Relevanz. D.h. die Sinnhaftigkeit sozialen Handelns wird erst durch einen sozialen Ratifikationsprozess konstituiert und Sprechhandlungen nachträglich als bedeutungsvoll ausgewiesen. Im Zuge dessen findet ein Wettstreit um die definitorische Hoheit über explizit artikulierte Wirklichkeitskonzeptionen und inhärente Identitätsansprüche statt. Die Deutungsmacht über intentionale Handlungsbegründung repräsentiert hierbei eine mächtige Ressource zur Askription lokaler Identitäten. Soziale Handlung wird dabei als genuine Manifestation respektive als Indikator für lokale Identität veranschlagt (Coulter 1989). Das Anliegen dieser Arbeit gilt letztendlich der Synthetisierung formallogischer Strukturmerkmale, sowie soziologisch relevanter Funktionalitäten intentionalitätsdiskursiver Sprachpraxis. Dabei müssen die Eigenarten adoleszenter Gesprächspraxis berücksichtigt werden, welche es schlichtweg verunmöglichen den Maßstab idealisierter Diskurstheorien (i.e. Habermas 1981; Searle 1996) anzulegen. Eine analytische Annäherung an das Phänomen intentionalitätsdiskursiver Praxis ist nur durch eine Analyse konkreter Kommunikationspraxis möglich. Aus diesem Grunde ist diese Forschungsarbeit empirisch konzeptualisiert und bedient sich der Ethnographischen Gesprächsanalyse (Deppermann 1999) als hermeneutischem Analyseinstrument.
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Inhaltsverzeichnis
0. VORWORT
I. METHODOLOGISCHE GRUNDLEGUNGEN
1. Die Ethnomethodologie
1.1. Begriffsbestimmung und Entwicklungsgeschichte
1.2. Die „Ethno-Methoden“ der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit
2. Die Ethnomethodologische Konversationsanalyse
2.1. Begriffsbestimmung und Entwicklungsgeschichte
2.2. Die Ethnomethodologische Grundhaltung der Konversationsanalyse
2.3. Die Indexikalität und sequentielle Implikativität von Darstellungen („accounts“)
2.4. Analytisches Interesse und methodische Prinzipien
3. Die ethnographische Gesprächsanalyse am Gegenstand Jugendsprache
3.1. Die Ethnographische Gesprächsanalyse
3.1.1. Eine reflexive Kritik der Ethnomethodologie
3.1.2. Zur Methodik einer ethnographischen Gesprächsanalyse
3.2. Begriffsbestimmung „Jugendsprache“
3.3. Jugendsprachforschung in der Soziolinguistik
3.4. Zur Methodik der Untersuchung adoleszenter Kommunikationskultur in Peer-Groups
II. THEORETISCHER BEZUGSRAHMEN
1. Zum Verhältnis von Sprache und Kommunikation
1.1. Zur Problematik der epistemischen Konzeptualisierung von Realität
1.2. Zur sprachlichen Konstruktivität von Wirklichkeit
1.3. Kritik des Kommunikationsmodells von Sprache
2. Zum Verständnis kommunikativer Intentionen & bedeutungsvollen Handelns
2.1. (Bewusstseins-)theoretische und praktische Intentionalitätskonzeption
2.2. Handlungstheoretische Reflexionen
2.2.1. Handlung und Intention in der philosophischen Handlungstheorie
2.2.2. Handlungen als kommunikative Synthese von Fremd- und Selbstzuschreibung
2.3. Zum Bedeutungsverständnis menschlicher Artefakte und menschlichen Handelns
2.4. Kritik des kognitivistischen und psychologistischen Bedeutungsverständnisses
2.5. Intersubjektivität qua Partizipation an einem gemeinsamen Bedeutungshorizont
2.6. Kommunikative Intentionen und Sprachverständnis
3. Strategische Interaktion und Motivaushandlung
3.1. Aufrichtigkeit als rhetorische Größe
3.2. Manifeste und verborgenen Intentionen oder die Problematik der Rekonstruktion „wahrer“ Handlungsmotive
3.3. Ausdrucksspiele als Form strategischen Handelns
3.4. Die soziale Konstruktion personaler Identität
3.5. Motivdiskurse als Identitätsdiskurse
4. Scherzkommunikation
4.1. Bedeutungsverschiebung in der Scherzkommunikation
4.2. Zum Verhältnis von Humor und Höflichkeit in privater Scherzkommunikation
4.3. Die drei häufigsten Formen konversationellen Scherzens (Fiktionalisierung, Frotzelei & Ironie)
4.4. Zur Entwicklung eines pragmatischen Bedeutungsverständnismodells am Beispiel kommunikativer Ironie
4.4.1. Relevanz-, Substitutionstheorie und Psycholinguistik
4.4.2. Pragmatische Ironietheorie
III. FALLANALYTISCHE UNTERSUCHUNGEN
1. Der Datenkorpus
2. Fallanalyse „Absahnen“
2.1. Transkript „Absahnen“ (Juk 24-4)
2.2. Kommunikative Verfahren der Realisierung von Intentionalitätsdiskursen/Motiventlarvungen
2.2.1. Zur Genese/Kontextualität intentionalitätsdiskursiver Aktivität
2.2.2. Ein argumentationstheoretischer Exkurs
2.2.3. „Absahnen“ als argumentationslogischer Diskurs
2.2.4. Pragmatische Schlussfolgerung am Beispiel „THS“ (Z.56-66)
2.2.5. Kommunikative Argumentationsmuster und pragmatische Intentionalitätszuschreibung
2.2.6. Rhetorisches Stilmittel der direkten Redewiedergabe („oratio recta“)
2.2.7. Kommunikative Gegenmaßnahmen zur Abwehr gesichtsbedrohlichem Potentials
2.3. Interaktionsdynamik
2.3.1. Zur Interaktionsstruktur & kommunikativen Modalität
2.3.2. Zur Funktionalität von argumentativen Intentionalitätsdiskursen
3. Fallanalyse „Kreuz und Quer“
3.1. Transkript „kreuz und quer“ (Juk 24)
3.2. Kommunikative Verfahren der Realisierung von Motiventlarvung
3.2.1. Zur Genese/Kontextualität intentionalitätsdiskursiver Aktivität
3.2.2. „KuQ“ als alltagspsychologischer Diskurs
3.2.3. Motiventlarvung über Identitätsdekonstruktion
3.2.4. „KuQ“ als bildungsstilistischer Diskurs
3.2.5. Rhetorisches Stilmittel der Ironie
3.2.6. Kommunikative Gegenmaßnahmen zur Abwehr gesichtsbedrohlichen Potentials
3.3. Interaktionsdynamik
3.3.1. Zur Interaktionsstruktur & kommunikativen Modalität
3.3.2. Zur Funktionalität von alltagspsychologischen und ironischen Intentionalitätsdiskursen
4. Fallanalyse „shots“
4.1. Transkript „shots“ (Juk)
4.2. Kommunikative Verfahren der (Nicht-)Realisierung von Motiventlarvung
4.2.1. Zur Genese/Kontextualität intentionalitätsdiskursiver Aktivität
4.2.2. Diskursive Vergemeinschaftungsverfahren und Exklusionsstrategien
4.2.3. Zur Statusperformanz und -Relativität von Motivdiskreditierungen
4.2.4. Subordination intentionalitätsdiskursiver Aktivität unter Fragen sozialer Gratifikation
4.2.5. Frotzelei als kommunikatives Exklusionsverfahren
4.2.6. Kommunikative Verfahren zur Abwehr gesichtsbedrohlichen Potentials
4.3. Interaktionsdynamik
4.3.1. Zur Interaktionsstruktur & kommunikativen Modalität
4.3.2. Zur Funktionalität exkludierender Intentionalitätsdiskurse
5. Fallübergreifender Vergleich
5.1. Formallogische Merkmale intentionalitätsdiskursiver Kommunikationspraxis
5.1.1. Insistenzzyklen
5.1.2. Widerspruchsverhältnis
5.1.3. Zeitlichkeit
5.2. Funktionslogische Aspekte intentionalitätsdiskursiver Kommunikationspraxis
5.2.1. Diskursive Imagekonstruktion
5.2.2. Konversationelle Vergemeinschaftungsmechanismen
5.2.3. Kommunikatives Konfliktmanagment
IV. FAZIT
1. Zur handlungstheoretischen Debatte
2. Zur gegenwärtigen Jugendkommunikationsforschung
3. Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das alltagsweltliche Phänomen intentionalitätsdiskursiver Kommunikationspraxis unter Jugendlichen. Das primäre Ziel der Diplomarbeit ist die Synthetisierung formallogischer Strukturmerkmale und soziologisch relevanter Funktionalitäten von Motiventlarvungen, die als integraler Bestandteil informeller Kommunikationspraxis in Peer-Groups fungieren, wobei insbesondere die rhetorischen Techniken der Maskierung und Enthüllung von Handlungsmotiven analysiert werden.
- Ethnographisch-gesprächsanalytische Untersuchung von Intentionalitätsdiskursen
- Analyse von Motiventlarvungen als Teil informeller Peer-Group-Kommunikation
- Interaktionsdynamische Aspekte bei der Aushandlung von Handlungsmotiven
- Konfliktvermeidungsstrategien und Gesichtswahrung in jugendlichen Interaktionen
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Zur Methodik einer ethnographischen Gesprächsanalyse
Im folgenden Abschnitt soll die gegenstandsfundierte Methodik der Ethnographischen Gesprächsanalyse (E-GA) dargestellt werden. Die E-GA ist eine Weiterentwicklung der KA gemäß der im vorangegangenen Abschnitt entwickelten Kritik der EM und fußt auf deren grundlegendem Verständnis von Wirklichkeit als sprachlich hergestellter Vollzugswirklichkeit. Die systematischen und meist routinisierten sinnkonstituierenden Gesprächspraktiken, die von den Interaktanten variiert und flexibel verwendet werden, sind konstitutiv für jegliche sprachliche Interaktion.
Gespräche zeichnen sich durch Konstitutivität, Prozessualität, Interaktivität, Methodizität und Pragmatizität aus. Nach Kallmeyer (1985) lassen sich folgende Ebenen unterscheiden, mit denen sich Sprecher notwendigerweise auseinandersetzen müssen:
Gesprächsorganisation: betrifft die formale Abwicklung des Gesprächs;
Darstellung von Sachverhalten: manifestiert sich beispielsweise in Form von Argumentationen, Beschreibungen, Erzählungen;
das eigentliche Handeln mit seinem zweckrationalen, zielorientierten Charakter;
Soziale Beziehungen zwischen den Interaktanten (Status, Macht,...etc.) sowie ihre Identitäten;
Gesprächsmodalität (Ernst, Spaß,...etc.) und die Art der stilistischen und emotionalen Partizipation/Reaktion der Beteiligten (Betroffenheit, Zurückhaltung,...etc.)
intersubjektive Verständigung und Kooperation betreffende Reziprozitätsherstellung.
Zusammenfassung der Kapitel
0. VORWORT: Einleitung in das Thema der intentionalitätsdiskursiven Kommunikationspraxis und Darlegung des Forschungsinteresses an motiventlarvenden Sprachspielen.
I. METHODOLOGISCHE GRUNDLEGUNGEN: Theoretische Fundierung der Ethnomethodologie und Konversationsanalyse sowie deren spezifische Anwendung auf den Forschungsgegenstand Jugendsprache.
II. THEORETISCHER BEZUGSRAHMEN: Diskussion des Verhältnisses von Sprache und Kommunikation sowie handlungstheoretische Reflexionen über Intentionen und Bedeutung.
III. FALLANALYTISCHE UNTERSUCHUNGEN: Empirische Analyse dreier konkreter Gesprächsausschnitte („Absahnen“, „Kreuz und Quer“, „Shots“) zur Untersuchung von Motivdiskursen und Identitätszuschreibungen.
IV. FAZIT: Zusammenfassende Einordnung der Ergebnisse in die handlungstheoretische Debatte und kritische Positionierung zur aktuellen Jugendkommunikationsforschung.
Schlüsselwörter
Intentionalitätsdiskurse, Motiventlarvung, Konversationsanalyse, Ethnomethodologie, Jugendsprache, Peer-Group, soziale Identität, Alltagskommunikation, interaktive Aushandlung, Gesprächsanalyse, Sprachspiele, Frotzelei, Ironie, Handlungstheorie, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der alltagsweltlichen Kommunikationspraxis Jugendlicher, insbesondere mit dem Phänomen, wie Absichten und Motive in Gesprächen innerhalb von Peer-Groups thematisiert, hinterfragt und verhandelt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Intentionalitätsdiskurse, motiventlarvende Sprachspiele, die soziale Konstruktion von Identität sowie die Dynamik von Interaktionen, die als Ausdruck gruppenspezifischer Kommunikationskulturen verstanden werden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist die Synthetisierung formallogischer Strukturmerkmale und soziologischer Funktionalitäten von motiventlarvenden Kommunikationsprozessen, um zu verstehen, wie Jugendliche durch diese Praktiken Status und Identität in ihren Gruppen organisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verwendet eine ethnographisch-gesprächsanalytische Methode, die auf der Ethnomethodologie und Konversationsanalyse basiert, jedoch reflexiv und empirisch um ethnographisches Kontextwissen erweitert wurde.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgen detaillierte Fallanalysen anhand von transkribierten Gesprächsausschnitten (z. B. „Absahnen“, „Kreuz und Quer“, „Shots“), in denen kommunikative Verfahren wie Ironie, Frotzelei und Motivdiskreditierung untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Intentionalitätsdiskurse, Motiventlarvung, interaktive Aushandlung, soziale Kategorisierung, kommunikative Modalität und der Peer-Group-Kontext.
Wie wird in der Arbeit mit dem Begriff der "wahren Intention" umgegangen?
Der Autor argumentiert, dass Intentionen keine privaten mentalen Fakten sind, sondern soziale Zuschreibungskategorien, die innerhalb des Gesprächs durch die Teilnehmer selbst ausgehandelt und interaktiv konstruiert werden.
Welche Bedeutung haben "Scherzkommunikation" und "Ironie" für die Analyse?
Diese Formen sind zentral, da sie es den Jugendlichen erlauben, Kritik zu äußern und soziale Normverstöße zu thematisieren, ohne dabei die sozialen Beziehungen durch direkte Konfrontation zu gefährden (face-work).
- Quote paper
- Sebastian Muthig (Author), 2003, Kommunikation unter Jugendlichen: Eine ethnographisch-gesprächsanalytische Untersuchung zur Gesprächspraxis von männlichen Mitgliedern einer Peer-Group, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20209