Zur gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit und ihren Folgen - Die diglossische Situation und Konsequenzen der Diglossie am Beispiel des Judenspanischen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

45 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

INHALT

I EINLEITUNG

II ZUR GESELLSCHAFTLICHEN MEHRSPRACHIGKEIT UND MÖGLICHEN KONSEQUENZEN DER DIGLOSSISCHEN SITUATION
1 Diglossie und Bilinguismus
1.1 Definition der Diglossie nach Ferguson und Fishman
1.2 Abgrenzung der Diglossie zum Bilinguismus
1.2.1 Definition des Bilinguismus
1.2.2 Typologie des Bilinguismus
1.3 Kritik an den Definitionen und Ergebnissen
2 Zum Sprachkonflikt
2.1 Definition des Sprachkonfliktes
2.2 Zur Sprachpolitik
2.3 Konsequenzen des Sprachkonfliktes

III Ein Beispiel für eine diglossische Situation und ihre Konsequenzen: DAS Judenspanisch
1 Zur Sprache des Judenspanischen
2 Das Judenspanisch unter dem Aspekt der Diglossie
2.1 Die Domänen des Judenspanischen und ihre Funktionen
2.2 Beschreibung der Diglossischen Situation
3 Das Judenspanisch aus der Perspektive des Bilinguismus: Versuch einer Typologisierung des Bilinguismus des Judenspanisch
4 Folgen der diglossischen Situation für das Judenspanisch in seiner Umwelt

IV RESÜMEE

Bibliographie

I Einleitung

Die Arbeit befaßt sich mit dem Thema der gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit und den Konsequenzen, die sich aus den in Kontakt miteinander stehenden Sprachen ergeben. Die diglossische Situation sowie die Konsequenzen der Diglossie werden anhand des Beispiels des Judenspanischen untersucht und diskutiert.

In einem ersten, theoretischen Teil steht das Phänomen der Diglossie, v.a. im Hinblick auf seine Folgen (Sprachkonflikt) im Vordergrund. Zunächst wird mit der Darstellung der wichtigsten Definitionen auf den Terminus eingegangen, auch in Abgrenzung zum Begriff des Bilinguismus. Ziel des theoretischen Teils ist es, sowohl verschiedene Verhältnisse zwischen Diglossie und Bilinguismus herauszuarbeiten als auch eine Typologie des Bilinguismus zusammenzustellen, um diese allgemeinen Konstrukte in einem zweiten Teil auf ein konkretes Beispiel zu übertragen.

Auf gleiche Weise sollen die Konsequenzen einer diglossischen Situation untersucht und anhand des Beispiels diskutiert werden: Kommt es im Falle des Judenspanischen zu einer Aufgabe der Sprache? Welche Domänen gehören zum Judenspanischen und welche Funktion besitzt die Sprache für die Sprecher?

Das Judenspanische stellt ein besonderes Beispiel für eine diglossische Situation dar. Einerseits steht die Sprache in starker Verbindung zur Religion und Kultur der Sephardim. Andererseits ist die Diversifizierung des Judenspanischen zu bedenken. Auch muß sein Stand als Minoritätensprache in die Überlegungen mit einfließen. Es wird der Frage nachgegangen, wie diese Aspekte auf die Entwicklung der Sprache einwirken und welche Folgen sich daraus für das Judenspanische als Sprache in einer diglossischen Gesellschaft ergeben. Im zweiten Abschnitt der Arbeit geht es daher um die Analyse der diglossischen Situationen, in denen das Judenspanische steht, aber auch um eine Definition des Judenspanischen selbst. Ziel ist es, anhand des Beispiels einer Minderheitensprache zu verdeutlichen, wie es im Falle einer gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit zur Aufgabe der Sprache bis hin zu ihrem Tod kommen kann und welche Faktoren eine solche Entwicklung beschleunigen.

II Zur gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit und möglichen Konsequenzen der diglossischen Situation

1 Diglossie und Bilinguismus

1.1 Definition der Diglossie nach Ferguson und Fishman

Die Diglossie ist ein Terminus aus der Soziolinguistik und wurde 1959 von FERGUSON erstmals in die Diskussion gebracht.[1] Nach FERGUSON bezeichnet er die Koexistenz zweier (oder mehrerer) Varietäten[2] derselben Sprache in einer Gesellschaft, z.B. einer Standardsprache und eines regionalen Dialektes. Diese beiden Varietäten stehen in einem bestimmten Verhältnis zueinander, da sie von einigen Sprechern unter verschiedenen Bedingungen und abhängig von der jeweiligen Sprachdomäne verwendet werden.[3] Jede Varietät nimmt innerhalb der Gesellschaft durch ihre funktionell voneinander differenzierte Verwendung eine definierte Rolle ein. FERGUSON beschreibt das Verhältnis der beiden Varietäten, indem er eine Einteilung in eine hochkodifizierte und offizielle Varietät und eine in nicht-offiziellen Situationen verwendeten Varietät vornimmt. Erste bezeichnet FERGUSON als „high variation“ (kurz H-Varietät), die zweite im Gegensatz dazu als „low variation“ (L-Varietät).[4] Das Phänomen der Diglossie ist nach FERGUSON ein relativ stabiles. Um die beiden Varietäten zu unterscheiden, gibt der Autor verschiedene Kriterien an, anhand derer jeweils zu untersuchen ist, ob es sich bei einer Varietät in einer Situation der Mehrsprachigkeit in einem bestimmten Gebiet um eine H- oder eine L-Varietät handelt. Im weiteren werden diese Kriterien kurz zusammengefaßt und diskutiert.

Erstens besitzen H und L, wie bereits angedeutet, spezifische Funktionen, die sich teilweise - allerdings nur sehr selten - überlappen, teilweise jedoch scharf voneinander getrennt sind. Die Funktionen sind bestimmten Domänen, Situationen und Personen zugeordnet, zu denen u.a. die Kirche, anweisende Gespräche mit Kellnern und Angestellten, politische Reden, Nachrichten, die Konversation in der Familie gehören. Anhand der Zuordnung der Varietäten zu den Domänen und der Bereiche ihrer gemeinsamen Anwendung bzw. der scharfen Abtrennung ist es möglich, ein Diagramm der Kultur einer Gesellschaft und Sprachgemeinschaft zu zeichnen. Im Hinblick auf das Beispiel des Judenspanischen im zweiten Teil dieser Untersuchung muß darauf hingewiesen werden, daß die religiöse Domäne in den unterschiedlichen Gesellschaften meist der H-Varietät zugeordnet ist - nicht so im Fall des Judenspanischen. Zweitens definieren sich H und L durch ihr unterschiedliches Prestige, d.h. die gesellschaftliche Bewertung von Sprachen/Varietäten. Die H-Varietät besitzt ein hohes, die L-Varietät meist ein niedriges Prestige. Die Bewertung von seiten der Gesellschaft ist auf die soziale Zugehörigkeit der Sprecher zurückzuführen, deren Attribut die Varietät darstellt.[5] Ein dritter Aspekt der Unterscheidung stellt das literarische Erbe dar. Hinter der H-Varietät steht meist ein bedeutender literarischer Korpus, der einen festen Bestandteil der Kultur der jeweiligen Gesellschaft darstellt. Elemente dieses Korpus fließen in die literarische Produktion (ebenfalls in der H-Varietät) ein. Daneben kann zwar eine literarische Produktion in der L-Varietät existieren, doch wird diese als kulturell weniger relevant eingestuft. Interessant wäre es, bereits hier die Folgen der diglossischen Situation nach FERGUSON zu überdenken und anzunehmen, es komme zu einer Form von L als Standard. Die H-Varietät würde zu einer ‚Gelehrtensprache‘ werden, die allein von einer kleinen Elite (beispielsweise auf der Universität) gesprochen würde. Die Frage in bezug auf das Judenspanisch kann vorausgeschickt werden: Kann die Unterscheidung nach dem literarischen Erbe im Hinblick auf diese Sprache aufrecht erhalten werden? Ein vierter Faktor ist der der Aquisition. Die L-Varietät wird bereits in der Kindheit auf ‚natürliche‘ Weise gelernt, indem mit den Kindern auf dieser Varietät gesprochen wird. Die Verwendung der H-Varietät ist hingegen Ergebnis einer formalen Unterweisung.[6] Fünftens spielt die Standardisierung der Varietät eine Rolle, indem zumeist die H-Varietät deskriptive und normative Studien und grammatikalische Regelwerke vorweisen kann, wohingegen für die L-Varietät derlei Studien und Regelwerke in geringerer Zahl oder überhaupt nicht existent sind. Die Normierung und Standardisierung der H-Varietät beruht z.T. darauf, daß in ihr nur wenige orthographische Variationen vorhanden sind. L weist eine Vielzahl an Möglichkeiten der Aussprache auf, beispielsweise durch die Existenz mehrerer regionaler L-Varietäten.[7] Ein weiterer Aspekt ist nach FERGUSON die Stabilität der diglossischen Situation, da sie sich über mehrere Jahrhunderte hinweg in einer Gesellschaft erhalte. Da der Autor Diglossie als Verhältnis zwischen zwei Varietäten einer Sprache definiert und nicht, wie beispielsweise FISHMAN, als Koexistenz zweier Sprachen in einer Gesellschaft, zielen einige Kriterien der Unterscheidung auf die Differenz zwischen diesen beiden Varietäten ab. Da es sich in dem im zweiten Teil folgenden Beispiel um das Judenspanische handelt, das zwar Varietäten aufweist, aber aus einer dem Land fremden Sprache entstanden ist, entfallen diese Kriterien in ihrer Bedeutung für eine Definition im Sinne FERGUSONs. Natürlich muß im weiteren gefragt werden, ob es sich beim Judenspanischen in den jeweiligen Ländern, Türkei, Amerika, Israel, Frankreich, u.s.w., um eine Diglossie oder um eine Form des Bilinguismus handelt. Die weiteren Kriterien nach FERGUSON betreffen die Aspekte der Grammatik, der Phonologie und des Lexikons. Gerade in der grammatikalischen Struktur der Varietäten sieht der Autor die größte Unterscheidung. Die H-Varietät weist dabei eine komplexere Struktur in den Bereichen des Genus, des Kasus, der Morphophoneme und der Rektion auf. Verallgemeinernd läßt sich dieser Aspekt unter folgender Aussage fassen, so daß er auf die erweiterte Definition der Diglossie - der Koexistenz zweier Sprachen in einer Gesellschaft - nach FISHMAN zutrifft:

It is certainly safe to say that in diglossia there are always extensive differences between the grammatical structures of H and L.[8]

Den Bereich der Phonologie als Definitionskriterium sieht FERGUSON als problematisch an, da die Differenz zwischen H-Varietät und L-Varietät sowohl sehr groß als auch sehr gering sein kann.[9] Im Lexikon liegt ein letztes Kriterium. Da die beiden Varietäten unterschiedliche Funktionen haben, besitzen sie zum größten Teil auch ein voneinander differierendes Lexikon. Das Lexikon der H-Varietät besteht aus technischen, kultivierten Ausdrücken und bleibt ohne Äquivalent in der L-Varietät, die vor allem populäre und folkloristische Ausdrücke beinhaltet. Auch dieses Lexikon ist zum großen Teil ohne Äquivalent in H. Zugleich existiert ein großer Bereich des gemeinsamen Lexikons, dessen Vokabeln und Formen eine Bandbreite an Variationen aufweisen. Eine Einteilung könnte durch die Begriffe ‚formal‘ und ‚informal‘ vorgenommen werden. Der Übergang zwischen beiden Teilen ist fließend.

FERGUSON kommt in seiner Untersuchung zu folgender Definition:

DIGLOSSIA is a relatively stable language situation in which, in addition to the primary dialects of the language (which may include a standard or regional standards), there is a very divergent, highly codified (often grammatically more complex) superposed variety, the vehicle of a large and respected body of written literature, either of an earlier period or in another speech community, which is learned largely by formal education and is used for most written and formal spoken purposes but is not used by any sector of the community for ordinary conversation.[10]

Er versucht zugleich eine Abgrenzung zu dem Phänomen der Standardvarietät neben regionalen Dialekten und macht dies an der Rolle der Standardvarietät fest. Diese differiert in den einzelnen Sprechergemeinschaften. H wird hier, in der „Standard-mit-Dialekt“-Situation, im Gegensatz zur Diglossie jedoch auch in gewöhnlichen Konversationen angewendet. Zudem muß Beachtung finden, daß die Diglossie nicht auf geographische Regionen oder Sprachfamilien beschränkt ist. Ein Beispiel, das mit der Situation des Judenspanischen kompatibel ist, stellt Latein im Gegensatz zu den romanischen Sprachen dar. Latein bezog sein Prestige lange Zeit aus seiner Anwendung im religiösen Bereich, bis die romanischen Sprachen durch eine Sprachpolitik vermehrt in den literarisch-geistigen Bereichen verwendet wurden. Auch das Judenspanische basiert auf der Schrift und einem geistig-religiösen Korpus. Es gibt demnach durchaus L-Varietäten innerhalb verschiedener Gesellschaften, die bestimmte H-ähnliche Funktionen aufweisen (und die aus ihrer - ehemaligen - religiösen Funktion resultieren):

Second, we may mention Latin and the emergent Romance languages during a period of some conturies in various parts of Europe. The vernacular was used in ordinary conversation but Latin for writing or certain kinds of formal speech. Latin was the language of the Church and its literature, Latin had the prestige, there were striking grammatical differences between the two varieties in each area, etc.[11]

Mit diesem Beispiel wird auf mögliche Konsequenzen eines Sprachwandels in einer diglossischen Gesellschaft hingewiesen, die im weiteren noch an Bedeutung gewinnen. Eine aktuelle Situation mit einer L-Varietät, die verschiedene H-Kriterien aufweist, kann daraus resultieren, daß diese L-Varietät zuvor eine H-Varietät war, jedoch im Bereich der Literatur beispielsweise ihre Funktion abtrat. Oft weisen Varietäten H-Kriterien auf, die in der Domäne der Religion verwendet wurden (vgl. Syrisch, Koptisch, Sanskrit, Latein, Ladino).

Zusammenfassend werden nun die Bedingungen aufgeführt, die eine Diglossie erst ermöglichen. Mit einer der Sprachen der Gemeinschaft muß ein Korpus an Literatur verbunden sein, der entweder als Quelle der literarische Produktion oder als Medium zur Vermittlung der für die Gemeinschaft relevanten Werte dient. Die Literalität ist in einer diglossischen Gemeinschaft nur einer kleinen Elite vorbehalten, was auf die Verteilung der Varietäten und ihre soziale Zugehörigkeit hindeutet. Zudem muß die Situation für eine längere Zeit stabil sein.

Mit FISHMAN und GUMPERZ verändert sich die Definition der Diglossie in der nordamerikanischen Forschung.[12] FISHMAN sucht einen Austausch zwischen den Konstrukten Bilinguismus und Diglossie als Gegenstände einerseits der Psycholinguisten und andererseits der Soziolinguisten, wobei er Diglossie als gesellschaftlichen Bilinguismus definiert.[13] FISHMAN spricht im Zusammenhang mit Diglossie von Sprachen, seltener von Varietäten. Er erweitert den Begriff der gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit um verschiedene sprachliche Situationen. FISHMAN ist dabei folgender Ansicht:

(...) daß Diglossie weder nur in mehrsprachigen Gesellschaften, die offiziell verschiedene „Sprachen“ anerkennen, noch lediglich in Gesellschaften, die Volkssprachen und klassische Varietäten verwenden, vorhanden ist, sondern auch in Gesellschaften, die verschiedene Dialekte, Register oder funktional differenzierte Sprachvarietäten irgendwelcher Art benützen.[14]

Dieses Konzept von Diglossie, das auf GUMPERZ zurückgeht, verändert er dahingehend, daß er die Bedingung der genetischen Verwandtschaft zwischen den beiden „Sprachen“ innerhalb der diglossischen Situation aufhebt. Jede Gesellschaft, in der zwei Sprachen/Varietäten/Register mit unterschiedlichen Funktionen existieren, sind nach seiner Definition diglossische Gesellschaften. So finden sich in jeder einigermaßen komplexen Gesellschaft diglossische Erscheinungsbilder.

Verschiedene Verhaltensweisen, Eindrücke und Wertbegriffe konstituieren eine Sprache, eine Sprachvarietät, einen Dialekt oder ein Register innerhalb einer Gesellschaft, während die andere Sprache, Sprachvarietät, der andere Dialekt oder das andere Register von differierenden Verhaltensweisen, Eindrücken und Wertbegriffen unterstützt werden. Dabei gelten beide Konstituenten als legitimiert, d.h. sie entwickeln durch ihre Unterschiede keine konfliktbesetzte Situation. FISHMAN geht weniger auf den Gebrauch der Sprachen/Varietäten/Register und auf die Steuerung der Bedingungen, unter denen eine funktionale Zugehörigkeit entsteht ein, sondern vielmehr auf das Verhältnis zwischen Diglossie und Bilinguismus. Er stellt ein Schema mit vier möglichen Verbindungen zwischen den beiden Formen auf und gibt dazu Beispiele.[15] Folgende vier Konstrukte lassen sich nach FISHMAN feststellen:

a. Diglossie und Bilinguismus: Diese Form der gesellschaftlichen und individuellen Mehrsprachigkeit existiert in Ländern, in denen ein großer Teil der Bevölkerung sowohl die eine als auch die andere Sprache/Varietät spricht. Oft ist nicht nur die H-Varietät als offizielle Sprache anerkannt. Die Sprecher der Gemeinschaft bedienen sich der einen oder anderen Varietät ihrer Funktion nach. Auf der Ebene gesellschaftlicher und zwischenmenschlicher Interaktion herrscht eine verbreitete, stabile Mehrsprachigkeit vor.
b. Bilinguismus ohne Diglossie: Diese Situation stellt keine gesellschaftliche Mehrsprachigkeit dar.
c. Diglossie ohne Bilinguismus: Eine derartige Situation kommt v.a. in wirtschaftlich sehr schwachen Staaten vor. Meist leben hier Gruppen am Rand des gesellschaftlichen Spektrums, die mit einem stark begrenzten sprachlichen Register auskommen.
d. weder Diglossie noch Bilinguismus: Eine Gesellschaft, in der weder Diglossie noch Bilinguismus vorkommen, ist allein als theoretisches Konstrukt denkbar (möglich wäre sie ausschließlich in sehr kleinen isolierten Gruppen).

Unter Kapitel II muß im Zusammenhang mit den oben ausgeführten Konstrukten nach FISHMAN untersucht werden, ob eine dieser Situationen auf das Beispiel des Judenspanischen in den verschiedenen „Exil“-Ländern zutrifft.

Gegen Ende der 70er Jahre versuchte KLOSS die beiden Definitionen von Diglossie zu erweitern,[16] indem er zwischen einer Binnen- und Außendiglossie differenzierte. Die Binnendiglossie bezieht sich nach KLOSS auf genetisch verwandte Sprachformen, während die Außendiglossie eine Situation beschreibt, in der die zwei Sprachformen in einer Gesellschaft nicht genetisch miteinander verwandt sind. Im Gegensatz zu FISHMAN geht KLOSS mehr auf die individuelle Situation der Sprecher ein und charakterisiert die Diglossie dahingehend, daß für eine Definition neben der Funktionsteilung auch das Verhältnis von Bedeutung ist, das zwischen den betroffenen Varietäten im Bewußtsein des einzelnen Sprechers besteht:

[...]


[1] FERGUSON (1959). Er betitelte seinen Artikel mit dem Begriff der ‚Diglossia‘: „The term ‚diglossia‘ is introduced here, modeled on the French diglossie, which has been applied to this situation (...). Other language of Europe generally use the word for ‚bilingualism‘ in this special sense as well.“ Ebd., S. 327f.

[2] Der Begriff der ‚Varietät‘ wird in der Soziologie verwendet und bezeichnet nach FISHMAN (1975: 26) eine „Art der Sprache“. Er ist frei von jeder emotionalen und politischen Wertung. Dies impliziert, daß im Gegensatz zu diesem Begriff die Bezeichnung ‚Sprache‘ eine Wertung besitzt. Die Varietäten verschiedener geographischer Herkunft werden ‚Dialekte‘ genannt.

[3] Eine ‚Domäne‘ meint in der Linguistik ein soziologisches Konstrukt, das der Bündelung von sozialen Werten dient. Es sollen mit diesem Konstrukt institutionelle Kontexte beschrieben werden, die mit determinierten sozialen Verhaltensweisen einhergehen; vgl. u.a. DITTMAR (1973: 391). FISHMAN (1975: 36) zählt beispielsweise folgende Domänen auf: Haus, Schule und Kultur, Arbeitsplatz, Regierung und Verwaltung, Kirche.

[4] Die Beispiele, die FERGUSON (1959: 327) in seinem Artikel behandelt, sind - auf dieses Schema übertragen - klassisches Arabisch (H-Varietät) und ägyptisches Arabisch (L-Varietät), Hochdeutsch (H) und Schweizerdeutsch (L), Französisch (H) und haitisches Kreolisch (L) sowie Griechisch (katharévusa als H-Varietät und dhimotikí als L-Varietät). Für die jeweiligen Gebiete, in denen diese Varietäten eine Situation der gesellschaftliche Mehrsprachigkeit erzeugen, vgl. ebd.

[5] Das niedrige Prestige führt bis zur Stigmatisierung, also einer negativen Einstellung gegenüber Sprache und Sprechern. Die Sprecher schützen sich unbewußt durch Selbsttäuschung; FERGUSON (1959: 330) gibt dafür ein Beispiel: „Very often, educated Arabs will maintain that they never use L at all, in spite of the fact that direct observation shows that they use it constantly in all ordinary conversation.“ Vgl. auch KREMNITZ (1979: 22), der vom ‚Selbsthaß‘ spricht: „Unter Selbsthaß versteht sie [die katalanische Soziolinguistik] die Leugnung des Sprachkonfliktes durch das in diesen Konflikt implizierte Subjekt, das seine Anpassung an die A-Sprache und die durch sie vehikulierten kulturellen und sozialen Verhaltensmuster betreibt und damit seine eigenen Ausgangswerte und seine soziale Identität aufzugeben versucht.

[6] Daher wird der Grad der korrekten Anwendung, der in der L-Varietät erreicht wird, in der H-Varietät selten erreicht.

[7] FERGUSON (1959: 332) macht auf die Konsequenzen einer Standardisierung aufmerksam: „In speech communitys which have no single most important center of communication a number of regional L’s my arise.“ In Hinblick auf das Judenspanisch mag dies von Bedeutung sein, da ein wirkliches Zentrum des Judenspanischen seit der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492 nicht mehr vorhanden ist. Die Juden der Diaspora entwickelten unter dem Einfluß der Sprache des jeweiligen Exillandes eine eigene Varietät des Judenspanischen. Diese Entwicklung beschreibt RUNGGALDIER-MORODER (2000/01: 1): „Je nach Land und Gebiet weist das Ladino starke Einflüsse von Türkisch, Griechisch, Hebräisch, Arabisch, Italienisch und vor allem auch Französisch auf. Von besonderer Bedeutung ist das Ladino des Türkischen und des Hebräischen, wobei letzteres vor allem für die heute in Israel lebenden Sephardim eine Rolle spielt. Die Variante des Ladino, die durch das Einfließen französischer Elemente entstand, wird heute als ‚franyol‘ bezeichnet.“

[8] FERGUSON (1959: 333).

[9] Beide Varietäten beruhen auf einem einzigen phonologischen System, von dem aus das System von H entweder ein Sub- oder ein Parasystem darstellt. In der Übertragung werden reine H-Einheiten, die in L in ihrer Entsprechung nicht existieren, häufig durch L-Phoneme ersetzt und viceversa.

[10] FERGUSON (1959: 336).

[11] Ebd., S. 337.

[12] Auf GUMPERZ wird im Folgenden nicht mehr eingegangen. Es soll hier nur angemerkt werden, daß er sich um eine Erweiterung der Sichtweise bemühte, indem er den Diglossiebegriff auf andere Gesellschaften übertrug (dies wird von FISHMAN noch hervorgehoben). Diese Gesellschaften, so stellte er fest, betrachteten sich selbst nicht als bilingual. Er entdeckt darüber hinaus, daß es bestimmte gesellschaftliche Strukturen gibt, die den Gebrauch einer Varietät im Gegensatz zu einer anderen steuern und untersuchte dies in der Interaktion und Kommunikation von Kleingruppen. Vgl.:

Gumperz, J. J.: Linguistic and Social Interaction in Two Communities, American Anthropologist, LXVI, 2, 137-153.

- On the Ethology of Linguistic Change, in: Bright, W. (ed.), Sociolinguistics, The Hague/Paris: Mouton, 27-49.

[13] Es entsteht eine Trennung zwischen individueller Mehrsprachigkeit (Bilinguismus) und gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit (Diglossie); vgl. KREMNITZ (1990: 29).

[14] FISHMAN (1975: 96).

[15] Siehe Anhang, S. 1ff. Bei diesen Beispielen fehlen von seiten FISHMAN sozialhistorische und gesellschaftliche Aspekte, die die einzelnen Verbindungsmöglichkeiten näher definieren; vgl. KREMNITZ (1990: 30).

[16] FERGUSONs Definition betrachtet eine genetische Verbindung zwischen den beiden Sprachformen als Bedingung für Diglossie, während FISHMAN die Diglossie sowohl auf voneinander unterschiedliche Sprachen als auch auf unterschiedliche Dialekte und Register erweitert. Vgl. Kloss, H.: Types of Multilingual Communities, Sociological Inquiry (Austin/Texas), XXXVI, 135-145, zit. nach KREMNITZ (1990: 30f.).

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Zur gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit und ihren Folgen - Die diglossische Situation und Konsequenzen der Diglossie am Beispiel des Judenspanischen
Hochschule
Universität Bremen  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar Soziolinguistik
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
45
Katalognummer
V2022
ISBN (eBook)
9783638112437
Dateigröße
839 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mehrsprachigkeit, Folgen, Situation, Konsequenzen, Diglossie, Beispiel, Judenspanischen, Hauptseminar, Soziolinguistik
Arbeit zitieren
Isabelle Schwarz (Autor), 2002, Zur gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit und ihren Folgen - Die diglossische Situation und Konsequenzen der Diglossie am Beispiel des Judenspanischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2022

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