Die Innovationen Engelbert Kaempfers in der Japandarstellung gegenüber Francisco de Xavier

Unter besonderer Berücksichtigung der Religionsdarstellung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Europas präjesuitisches Japanbild

III. Francisco de Xavier
III.1 Das Leben Francisco de Xaviers
III.2 Japan, wie Xavier es vorfand
III.3 Das Religionsbild, das Xavier gezeichnet hat

IV. Engelbert Kaempfer
IV.1 Das Leben Kaempfers
IV.2 Eine kurze Geschichte der Geschichte Japans
IV.3 Japan während Kaempfers Aufenthalt
IV.4 Die Religionen Japans in Kaempfers Überlieferung

V. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Literatur

Quellen

I. Einleitung

Engelbert Kaempfer gilt als der Mann, dem das Europa der Aufklärung ein Japanbild zu verdanken hat, das dieser geistesgeschichtlichen Epoche auch gerecht wird. Ein Vorbild soll er allen Reisenden künftiger Generationen gewesen sein, der erste wahre Forschungs reisende, der Vater der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Japan. Sein Hauptwerk über Japan kam allerdings erst lange nach seinem Tode in deutscher Sprache auf den Markt. Wie kam es zu dieser Wirkung? Weshalb ist er in Deutschland dann relativ unbekannt? Und, vor allem, worin genau unterschied sich seine Begegnung mit dem Land der aufgehenden Sonne von denen bisheriger Japanreisender?

Diese Japanreisenden, die vor Kaempfer waren, waren zunächst portugiesische Händler. Doch schon bald wurde die Kirche auf diesen weißen Fleck auf ihrer Christenheits-Weltkarte aufmerksam und schickte ihre Missionare aus, die mit ihren Briefen und Berichten den Eindruck, den der Europäer von Japan hatte, prägen sollten. Als der erste und wichtigste Missionar in dem Inselreich gilt der hl. Francisco de Xavier, der Schutzpatron aller Missionare und Missionen. Seine Briefe sollen seines Einflusses und seiner breiten Rezeption wegen exemplarisch für die Generierung des Japanbildes hundert Jahre vor Kaempfer untersuchen werden.

Im Umfang dieser Arbeit beschränkt, setze ich als Schwerpunkt des Vergleichs die Schilderung der Religion in Japan fest. Beide, Xavier und Kaempfer, haben sich mit den religiösen Verhältnissen im japanischen Kaiserreich auf unterschiedliche Weise auseinandergesetzt und auf verschiedene Art davon berichtet. Xaviers Briefe liegen in deutscher Übersetzung vor. Kaempfers „Geschichte und Beschreibung von Japan“, die vielfach übersetzt und aufgelegt wurde, untersuche ich in der Fassung unter der Herausgeberschaft von C.W. Dohm von 1777-1779. Grundlegende Literatur für die Rezeption Asiens in Europa vor Kaempfer sind die Standardwerke von Boxer und Lach, für das Kapitel über den Lemgoer die einschlägigen Werke der deutschen Engelbert-Kaempfer-Forschung der letzten dreißig Jahre, und für die Geschichte Japans liegen mir das zwar schon 1968 veröffentlichte, aber in der Forschung zur älteren japanischen Geschichte immer noch aktuelle „Das Japanische Kaiserreich“ von J.W. Hall und – für die „Innenperspektive“ – eine Monographie des japanischen Historikers Inoue zu Grunde.

Die beiden Hauptkapitel, „Francisco de Xavier“ und „Engelbert Kaempfer“, enthalten jeweils eine kurze Biographie und Werksgeschichte der Person und die Quellenanalyse. Ein Abschnitt dazwischen gibt einen Überblick über die politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse in Japan zum Zeitpunkt vor und während des Japanaufenthaltes der jeweiligen Person, um einen Einblick in das Japan zu haben, das die Männer vorfanden, und um eine breitere Basis historischer Kenntnisse zu sichern. Im Kapitel zu Kaempfer ist zudem noch ein Abschnitt zur Quellengeschichte zu finden.

Einleiten möchte ich jedoch mit einer Geschichte der Japanrezeption von Marco Polo bis zur Ankunft Xaviers.

II. Europas präjesuitisches Japanbild

Erste Erwähnung in Europa findet Japan in den Aufzeichnungen Marco Polos. Dieser schreibt von einem Land östlich des von ihm besuchten Chinas, das Cipangu oder Chipangu [1] heißt. Das ist wohl seine Umschrift des chinesischen Jihpenkuo, „Land der aufgehenden Sonne“. Einige Autoren verweisen auf dieses Cipangu, ohne Genaueres darüber zu wissen und tragen zur Legendenbildung bei. Jahrhunderte bleibt der Begriff einer für ein neues Eldorado, ein mythisches reiches Land jenseits der bekannten Welt. Die einzigen Fakten, die etwa um 1500 auftauchen, sind Berichte über japanische Piraten zwischen China und Malakka.[2]

Unsere Bezeichnung Japan für das Land, das in seiner Landessprache 日本 Nippon oder Nihon heißt, stammt aus einem Dokument von Tomé Pires (königlicher Kommissionär in Malakka von 1512-1515), der „Suma Oriental“ von frühstens 1513. Darin schreibt er, dass Jampon größer sei als die Lequios (i.e. die zu der Zeit von Japan unabhängigen Ryūkyū-Inseln), und auch der König sei größer als deren König. Die einzige Erwähnung der Religion in diesem Text: „Er ist ein heidnischer König, ein Vasall des Königs von China.“[3] Ansonsten verliert Pires nur noch kurze Worte darüber, dass die Japaner nicht viel mit den Chinesen handeln, weil sie keine guten Seefahrer seien, und dass die Leute der Lequjos R eisen zum Handel mit Fischnetzen und Stoffen dorthin unternehmen.[4]

Diese kurze Notiz blieb lange Zeit die genauste Beschreibung Japans in Europa. Ein Wendepunkt ist wohl mit der „Entdeckung“ Japans durch portugiesische Seefahrer, die 1543 durch einen Sturm an die japanische Küste getrieben wurden. Im Jahr darauf erscheint der erste (indirekte) Erfahrungsbericht eines Europäers aus Japan. Garcia de Escalante Alvardo schreibt einen Bericht, der auf den Erzählungen von Pero Diez basiert. Escalante beschreibt die geografische Lage Japans, schreibt, dass die Japaner weder Schwert noch Lanze kennen würden (was falsch war), dass sie wie die Chinesen schreiben (was stimmte), dass sie Zucker hätten (falsch), dass sie wenig Gold, dafür aber viel Eisen hätten (wahr), und einiges mehr, wobei er stets Vergleiche (z.B. bei der Kleidung und der Architektur) mit Europa oder sogar amerikanischen Indianern anstellt.[5]

Ein wichtiger Bericht über die japanische Kultur, mit dem sich Francisco de Xavier auf seine Reise vorbereitete – denn er gab ihn in Auftrag – ist der des Händlers Jorge Alvarez. Obwohl Alvarez nie mehr als etwa neun Meilen landeinwärts gereist ist, bietet sein Bericht ein umfassendes Bild seiner Umgebung, d.h. der Stadt Yamagawa auf der Südinsel Kyūshū. Er schreibt über den Aufbau der Stadt, die Physiognomie der Japaner, ihre Sitten und Gebräuche, ihre Ernährung, die Land- und Viehwirtschaft und, mit besonderer Rücksicht auf seinen Auftraggeber, ihre Religion.[6]

Erstmals taucht in diesem Begriff der Begriff Bonze für einen buddhistischen Geistlichen auf, den Alvarez aus der japanischen Bezeichnung 坊主 bōzu entlehnte. Über diese weiß er zu berichten, dass sie viele ihrer heiligen Schriften, Riten und Praktiken von den Chinesen übernommen haben. Auch lesen und schreiben sie wie die Chinesen, sprechen aber eine andere Sprache. Die männlichen Ordensmitglieder rasieren sich die Köpfe, leben vegetarisch und tun zu bestimmten Zeiten gemeinsam Dienst. Die Frauenorden sind von den Männerorden getrennt. Die buddhistischen Priester und Mönche leisten ihren gesellschaftlichen Beitrag vor allem durch das Beten für die Kranken und das Abhalten von Totenfeiern und verdienen sich ihren Unterhalt mit Betteln oder niederen Diensten.[7] Diese Berichterstattung beweist, dass Alvarez sich durchaus eingehend als Beobachter und in Gesprächen mit der Materie auseinandergesetzt hat.

Er hat auch erkannt, dass in Japan drei religiöse Traditionen vorherrschen: zum einen der Buddhismus und der Konfuzianismus (der in Alvarez' Bericht nicht erwähnt wird), die aus China kamen, und zum anderen der originär japanische Shintō 神道[8] . Alvarez benannte diese Religion nicht beim Namen, sondern schrieb von „anderen Priestern, die anderen Götzen huldigen und nicht dem gleichen Orden des Landes angehören“[9] Diese Götzen würden sie in Tabernakeln aufbewahren und nur zu Feiertagen herausholen.[10] Die Shintōpriester würden sich wie Laien kleiden und Schwerter tragen. Dies ist ein eindeutiges Zeichen für die Zugehörigkeit zur Samurai-Klasse. Als Erkennungszeichen trügen sie Rosenkränze. Mit diesen Rosenkränzen, so ist zu vermuten, meint Alvarez womöglich die sog. Kubikake no magatama 首かけの勾玉, Zeremonialketten für besondere Anlässe. Das einzige Shintō-Götzenbildnis, das der Händler zu Gesicht bekommen hat, beschreibt er als hässlich und schlecht proportioniert.[11]

III. Francisco de Xavier

III.1 Das Leben Francisco de Xaviers

Don Francisco de Yasu y Xavier[12] kam am 7. April 1506 im baskischen Königreich Navarra zur Welt. Er wurde 1622, 70 Jahre nach seinem Tod in China, heiliggesprochen und gilt als Patron der Seefahrer und Missionare. Sein besonderes Verdienst ist die Begründung der christlichen Missionsarbeit in Ostasien und der jesuitischen Mission überhaupt.

[...]


[1] Boxer zitiert Polo mit Chipangu und transkribiert das Chinesische mit Jihpenkuo, Lach benutzt Cipangu und Jih-pên kuo, vgl. Boxer, Colonel Hugh: The Christian Century in Japan 1549-1650, Berkeley / Los Angeles 1967, S. 1 (im Folgenden zitiert als: „Boxer: The Christian Century“) und Lach, Donald: Asia in the Making of Europe. Volume I: The Century of Discovery, Book two. Chicago / London 1965, S. 651 (im Folgenden zitiert als: „Lach: Asia“). Leider liegt mir die Polo-Quelle nicht vor und bin ich nicht genug mit der chinesischen Sprache und ihrer Transkription vertraut, als dass ich mich auf eine Variante verlassen könnte.

[2] Vgl. Boxer: The Christian Century, S. 6.

[3] Tomé Pires: Japan. In: Boxer, Colonel Hugh: The Christian Century in Japan 1549-1650, Berkeley / Los Angeles 1967, S. 11. Nach: Cortesão, Armando (Hg.): The Suma Oriental of Tomé Pires, Vol. I, 128-131. Übersetzung aus dem Englischen von mir.

[4] Boxer: The Christian Century, S. 10f.

[5] Lach: Asia, S. 655f.

[6] Lach: Asia, S. 657-660.

[7] Lach: Asia, S. 659.

[8] Bisweilen ist auch, vor allem in der älteren Forschung und Literatur, vom „Shintoismus“ die Rede.

[9] Zitiert und übersetzt nach Lach: Asia, S. 659.

[10] Zur Geschichte des Miteinanders der Religionen in Japan s. Hammitzsch, Horst: Religion: Die Hauptströmungen im religiösen Bereich Japans. In: Hammitzsch, Horst (Hg.): Japan-Handbuch, Wiesbaden 1981, Sp. 1515-1542.

[11] Lach: Asia, S. 659.

[12] Die Schreibweise variiert von Autor zu Autor. Bautz schreibt z.B. Francisco de Jassu y Javier (Bautz, Friedrich Wilhelm: Art. Franz Xaver. In: BBKL Bd. II (1990), Sp. 109 (Im Folgenden zitiert als: „Bautz: Franz Xaver.“)). Woanders findet man auch den Namen Francisco Javier de Jassu y Azpilcueta (Schäfer, Joachim: Art. Franz Xaver. In: Ökumenisches Heiligenlexikon (2010), <http://www.heiligenlexikon.de/BiographienF/Franz_Xaver.htm>, Zugriff: 27.08.2010.) An beiden Belegen sieht man auch die eingedeutschte Form Franz Xaver. Aufgrund dieser Unsicherheitsfälle bleibe ich bei Francisco de Xavier.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Innovationen Engelbert Kaempfers in der Japandarstellung gegenüber Francisco de Xavier
Untertitel
Unter besonderer Berücksichtigung der Religionsdarstellung
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Europa und Asien im Zeitalter der Aufklärung: zur Geschichte des Eurozentrismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V202257
ISBN (eBook)
9783656284888
ISBN (Buch)
9783656286684
Dateigröße
678 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Engelbert Kaempfer, Japan, Francisco de Xavier, Franz Xaver, Lemgo, Spanien, Mission, Missionierung, Jesuit, Jesuitenorden, Frühe Neuzeit, Christentum, Shinto, Shintoismus, Buddhismus, Tenno, Daimyo, Tokugawa, Shogun, Forschungsreise, Religion, Geschichte Japans, Tomé Pires, Jorge Alvarez, Ziet der streitenden Reiche, sengoku-jidai, Konfuzianismus, Deshima
Arbeit zitieren
B.A. Marek Firlej (Autor), 2010, Die Innovationen Engelbert Kaempfers in der Japandarstellung gegenüber Francisco de Xavier, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202257

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