Textnahe Interpretation „kognitive Hermeneutik“


Seminararbeit, 2012

23 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Allgemeines zur Textinterpretation
Mehr als nur der Text
Zur Wort- und Begriffsgeschichte
Die Kunst der Interpretation – Enthistorisierung des Texts?

I Kognitive Hermeneutik
1. Erklärung der Begriffe
1.1 Was bedeutet Hermeneutik
1.2 Was bedeutet kognitiv
1.3 Bedeutung: kognitive Hermeneutik
1.3.1 Aneignende Perspektive
1.3.2 Kognitive Perspektive
2. Regeln und Empfehlungen für die kognitive Textarbeit
2.1 Basis- Analyse
2.2 Charakterisierung der Textwelt

II Basis – Interpretation und Optionenkonkurrenz
1. Zu den fünf Deutungsoptionen

B) Sandmann – W. Preisendanz
Plädoyer für das Unentscheidbarkeitskonzept (Option 3a)

„Wenn wir nun aber den Geist des gesammten Alterthums nur durch seine Offenbarungen in den Werken der Schriftsteller erkennen können, diese aber selbst wieder die Erkenntnis des universellen Geistes voraussetzen, wie ist es möglich, da wir immer nur das eine nach dem anderen, nicht aber das Ganze zu gleicher Zeit auffassen können, das Einzelne zu erkennen, da dieses die Erkenntnis des Ganzen voraussetzt?[1]

A) Allgemeines zur Textinterpretation

Der New Criticism hinterließ als dauerhaftes Erbe die Techniken der textimmanenten Literaturinterpretation (close reading) wie den Glauben, dass der entscheidende Test für jede kritische Vorgehensweise in der Frage liegt, ob sie zu noch vollständigeren und noch mehr Einsicht gewährenden Interpretationen von Einzelwerken führt. Mit Beginn der 1960er- Jahre bot allerdings eine Reihe neuer theoretischer Richtungen und Diskurse wie Phänomenologie, Linguistik, Psychoanalyse, Marxismus, Strukturalismus, Feminismus und Dekonstruktion einen zunehmend breiteren konzeptuellen Rahmen zum Nachdenken über Literatur und andere Erzeugnisse der Kultur, als dies der New Criticism tat.[2]

*

Die Psychoanalyse hat Einfluss auf die Literaturwissenschaft sowohl als Interpretationsverfahren als auch als Theorie zu Begriffen wie Sprache, Identität und Subjektivität. Einerseits stellt sie zurzeit neben marxistischen Ansätzen eine der einflussreichsten hermeneutischen Strömungen dar; sie bietet eine autoritative Metasprache bzw. ein wissenschaftliches Begriffsinventar, das sich auf literarische Werke wie

auch auf Situationen mit dem Interesse anwenden lässt, dass man versteht, was ‚wirklich’ geschieht.[3]

*

In Foucaults Darstellung zeigt sich, dass gerade der Versuch, die Wahrheit über den Menschen herauszufinden, dazu geführt hat, dass ‚Sexualität’ zum Geheimnis der menschlichen Natur gemacht wurde.[4]

*

In Derridas Sicht machen Rousseaus Texte wie viele andere deutlich, dass dem Leben nicht Zeichen und Texte beigefügt sind, die es nachträglich darstellen, sondern dass wir uns vielmehr das Leben selbst schon als zeichendurchtränkt vorstellen müssen, als etwas, das durch Bedeutungsprozesse zu dem gemacht wird, was es ist. Texte mögen zwar so tun, als sei Wirklichkeit der Bedeutungsbildung vorgeordnet, doch zeigen sie stattdessen, wie Derrida einprägsam als „il n’y a pas de hors-texte“ formuliert, es nichts außerhalb des Texts gibt: Immer, wenn man meint, aus den Zeichen und dem Text herauszugelangen in die ‚Wirklichkeit’ selbst, findet man nichts anderes vor als noch mehr Text und noch mehr Zeichen, Ketten von Supplementen.[5]

*

Ist es nun so, dass Schrift durch Hinzufügung von etwas Wesentlichem, das zuvor gefehlt hat, Rede vervollständigt, oder ist es eher so, dass sie lediglich etwas hinzufügt, ohne das Rede genauso gut funktionieren

würde? Rousseau charakterisiert die Schrift wiederholt als bloße Hinzufügung, als unwesentliches Extra, ja sogar als „Krankheit der Rede“: Die Schrift bestehe aus Zeichen, die die Möglichkeit des Missverstehens allererst eröffneten, weil sie in Abwesenheit des Sprechers gelesen würden, der weder erklärend noch korrigierend eingreifen könne. Doch obwohl er die Schrift als unwesentliches Extra

bezeichnet, behandeln seine Werke sie in Wirklichkeit so, als würde sie etwas, das in der Rede fehlt, vervollständigen oder ergänzen: Schrift wird wiederholt dazu eingesetzt, Mängel der Rede – wie etwa die Möglichkeit des Missverstehens – zu kompensieren.

Für Rousseau ist sein ‚wahres’ inneres Ich anders als das Ich, das sich in Gesprächen mit anderen offenbart, und er braucht die Schrift, um die irreführenden Zeichen seiner Rede zu supplementieren.[6]

*

Das Formale steht ganz unzweifelhaft im Vordergrund, eine glasklare Form. Wenn wir um Auskunft gefragt, und wir werden gefragt, werden wir redlich, mit Rede und Regung, bemüht, wir gehen eine Beziehung ein. Präzise Sätze, Auskunft korrekt. Das Gleichgewicht aus Information und Interesse, bemüht, ist es das Gleichgewicht unserer Tage?

*

Mehr als nur der Text

Wer Literaturdebatten in den Feuilletons aufmerksam verfolgt, weiß, dass es dabei nur selten um Literatur, um den Text allein geht. Der deutsch- deutsche Literaturstreit um Christa Wolfs „was bleibt“ etwa

war nicht bloß eine Auseinandersetzung um Wolfs literarischen Text, sondern bestand aus ideologischen Grenzmarkierungen. In der Debatte um Günter Grass’ „Beim Häuten der Zwiebel“ ging es weniger um den literarischen Text, denn um die Glaubwürdigkeit eines Autors. Und die kritischen Auseinandersetzungen mit Peter Handkes Texten, um ein weiteres Beispiel zu nennen, waren oft eher politisch motiviert denn ästhetisch.

„’Der Text, der Text allein’, sagt man uns, aber den Text allein gibt es nicht“, wusste schon Roland Barthes.

Man kann nicht über den Gegenstand Text an sich sprechen oder schreiben, sondern nur über die eigene Lektüre, denn nur über diese ist der Text greifbar. Insofern haben Literaturkritiker nicht nur mit dem Text zu tun, sondern auch mit sich selbst. Dann steht ein Text nie im luftleeren Raum, sondern in einer wie auch immer (ästhetisch, politisch, ideologisch, religiös...) gestalteten und den Text und die Lektüre prägenden Welt.

Da man, wie Wittgenstein lehrt, die Sätze überwinden muss, um die Welt richtig zu sehen, kann hier auf derlei intellektuelle Theorieverirrung nicht eingegangen werden, und wenn schon, dann höchstens mit Donald Duck: Seufz!“

Zuerst aber sei in diesem Rahmen auf Wilhelm Dilthey (*18. Nov. 1833 bei Wiesbaden + 1. Okt. 1911 i. Seis Südtirol), hauptsächlich in der akademischen Philosophie bekannt, sei auf seine Veröffentlichung der Studie „Das Erlebnis und die Dichtung“ eingegangen.

Dilthey ging es in seiner Philosophie um eine Hermeneutik der gesamten menschlichen Existenz. Unter Hermeneutik verstand er „das Verstehen dauernd fixierter Lebensäußerungen“, das heißt, er wollte die gesamten menschlichen Erfahrungen in ihrer geschichtlichen Entwicklung darstellen.

[...]


[1] Friedrich Ast: Grundlinien der Grammatik, Hermeneutik und Kritik. Landshut: 1808. 179 f

[2] Culler: p. 177

[3] Culler: p. 184

[4] Culler: p. 18

[5] Culler: p. 25. Supplement: etwas, das vervollständigt oder hinzufügt.

[6] Culler: p. 21 – 22

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Textnahe Interpretation „kognitive Hermeneutik“
Hochschule
Universität Wien  (GERMANISTIK)
Veranstaltung
PS Neuere deutsche Literatur: E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann.
Note
1
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V202429
ISBN (eBook)
9783656306610
ISBN (Buch)
9783656306948
Dateigröße
1111 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
textnahe, interpretation, hermeneutik
Arbeit zitieren
Mechthild Podzeit-Lütjen (Autor:in), 2012, Textnahe Interpretation „kognitive Hermeneutik“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202429

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