Mit dem Erscheinen des zweiten Romans „Schoßgebete“ von Charlotte Roche im August
2011 wurde wie bereits bei der Veröffentlichung ihres ersten Buches „Feuchtgebiete“
eine brisante öffentliche Diskussion darüber geführt, ob und in welcher Art und Weise
man gesellschaftliche Tabuthemen wie etwa dem ungeschönte Sexualleben der Frau in
der Literatur diskutieren darf. Die detaillierten Schilderungen der Autorin wurden von
vielen Personen als zu provokant empfunden und galten als reine Inszenierung von
Schockmomenten, um mediale Aufmerksamkeit zu erlangen.
Die feministischen Denkansätze, die sich in beiden Romanen finden lassen und die sich für
die natürliche Schönheit der Frau aussprechen, wurden demgegenüber nur selten
thematisiert. Dabei spielt die Ästhetik des Weiblichen in der Geschichte der Helen Memel,
die Protagonistin in „Feuchtgebiete“ und Elizabeth Keil, der Hauptfigur in „Schoßgebete“
eine wichtige Rolle, die in Anbetracht von gesellschaftlichen Zwängen, Partnerschaften
und auch dem eigenen Selbstwertgefühl neu diskutiert werden muss.
Die folgende Arbeit wird die Ansichten der beiden Frauen genauer untersuchen und
gegenüberstellen. Der Fokus liegt hierbei auf den geschlechtsspezifischen vorgestellten
Schönheitsidealen. Weiterhin wird der Zusammenhang zwischen Hygiene und
Attraktivität näher beleuchtet, der besonders im ersten Buch eine ganz zentrale Rolle
spielt. Abschließend soll noch einmal resümiert werden, wie sich die vermittelten
Vorstellungen von Schönheit in dem Schreibstil der Autorin wiederfinden. Können also
Bücher, die unschöne Themen wie Körperausscheidungen und mangelnde Intimhygiene
abhandeln, überhaupt schöne Literatur sein? Die in den Büchern verwendeten Wörter,
Redewendungen aber auch die Syntax werden bei dieser finalen Analyse eine
wesentliche Rolle spielen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Grundsätzliches zu den Romanen „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“
1.1 Inhaltsangaben
1.1.1 Feuchtgebiete
1.1.2 Schoßgebete
1.2 Wirkung der Romane in der Öffentlichkeit
2. Geschlechtsspezifische Schönheitsvorstellungen
2.1 Die Schönheit des Mannes
2.2 Die Schönheit der Frau
3. Hygiene und Sexualität
4. Schönheit und Sprache
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die feministisch geprägten Schönheitsideale in den Romanen „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ von Charlotte Roche. Ziel ist es, die gesellschaftlichen Diskurse über den weiblichen Körper, die Rolle von Hygiene sowie die Bedeutung von Sprache in diesen Werken kritisch zu hinterfragen und die Position der Protagonistinnen zwischen gesellschaftlichem Anpassungsdruck und natürlichem Selbstverständnis darzustellen.
- Analyse der geschlechtsspezifischen Schönheitsvorstellungen
- Die Wechselwirkung von Körperhygiene und sexueller Attraktivität
- Einfluss gesellschaftlicher Normen auf das weibliche Selbstbild
- Die Funktion der ungeschönten, realistischen Sprache als Tabubruch
- Gegenüberstellung von natürlicher Ästhetik und künstlichem Schönheitswahn
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Schönheit des Mannes
In beiden Romanen wird der Schönheit des Mannes kein wichtiger Stellenwert in der Beziehung zwischen Mann und Frau eingeräumt. So wird nie auf typische Attraktivitätsmerkmale eingegangen, wie etwa eine sportliche Figur oder die Größe des Penisses, obwohl dem Geschlechtsverkehr ein sehr großer Platz in den Büchern zukommt. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass das Aussehen eines Mannes kein wichtiges Thema für die Protagonisten und so wohl auch für die Autorin zu haben scheint. Explizit wird dieser Umstand in dem Roman „Schoßgebete“ beschrieben:
Mein Mann sieht überhaupt nicht gut aus. Also mit Aussehen hat Liebe schon mal überhaupt nichts zu tun. Fickt euch alle mit eurem: Mein Traummann soll so und so aussehen, Sternzeichen, Größer, Haarfarbe, nein, so geht Liebe nicht. (SG 32f)
Diese Abneigung gegenüber bevorzugten Stereotypen widerspricht Elizabeth Keil aber dennoch, indem sie zugibt, dass besondere körperliche Eigenheiten einen Mann doch auffällig und interessant machen. So beschreibt sie ausführlich eine Art von Überbein an dem Ellenbogen ihres Mannes und eine Narbe an dessen Wangenknochen, an deren Stelle ein Hautkrebs-Melanom entfernt wurde.
Interpretieren lässt sich diese Vorliebe für ungewöhnliche Körpermerkmale in zweierlei Hinsicht. Zum einen werden solche für besonders attraktiv empfunden, da es nur eine begrenzte Anzahl an Individuen mit solchen Merkmalen gibt. Dieser Mangel führt wiederum zu einem gesteigerten Interesse des anderen Geschlechts, um die Gene dieser Rarität an die Nachfahren weiterzugeben. Somit können auch ursprüngliche Makel plötzlich zu einem Attraktivitätsfaktor umgewandelt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die öffentliche Kontroverse um Charlotte Roches Romane und definiert das Ziel der Arbeit, die darin vorgestellten Schönheitsideale und den Zusammenhang von Körperbild und Sprache zu analysieren.
1. Grundsätzliches zu den Romanen „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“: Dieses Kapitel liefert Inhaltsangaben zu beiden Werken sowie eine Untersuchung ihrer medialen und gesellschaftlichen Rezeption.
2. Geschlechtsspezifische Schönheitsvorstellungen: Hier werden die unterschiedlichen Konzepte von Schönheit bei Mann und Frau analysiert, wobei besonders der Einfluss gesellschaftlicher Normen auf die Protagonistinnen im Vordergrund steht.
3. Hygiene und Sexualität: Dieses Kapitel widmet sich der Bedeutung von Sauberkeit als gesellschaftliche Grundvoraussetzung für Akzeptanz und der Verbindung von Körpergeruch und sexueller Lust bei Helen Memel.
4. Schönheit und Sprache: Die Analyse untersucht, wie die Verwendung von Alltagssprache und Fäkalsprache in den Romanen bewusst dazu eingesetzt wird, den Fokus vom Künstlichen hin zum Natürlichen zu verschieben.
Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Romane ein Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach natürlicher Selbstakzeptanz und dem Druck gesellschaftlicher Schönheitsideale abbilden.
Schlüsselwörter
Charlotte Roche, Feuchtgebiete, Schoßgebete, Schönheitsideale, Körperhygiene, Feminismus, Tabubruch, Weiblichkeit, Selbstbild, Sexualität, Sprache, Alltagssprache, Körperbehaarung, Identität, Körperlichkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung von Schönheitsvorstellungen und der Rolle der Körperlichkeit in den Romanen „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ der Autorin Charlotte Roche.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind geschlechtsspezifische Schönheitsideale, die gesellschaftliche Bedeutung von Hygiene, der Einfluss von Sprache auf die Wahrnehmung sowie das Spannungsfeld zwischen natürlicher Körperlichkeit und gesellschaftlichen Normen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Ansichten der Protagonistinnen bezüglich Schönheit zu untersuchen und gegenüberzustellen sowie zu analysieren, wie die Autorin durch ihre spezifische Sprachwahl die gesellschaftliche Debatte beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt die Methode der literaturwissenschaftlichen Textanalyse und vergleicht die Romane hinsichtlich ihrer thematischen Schwerpunkte und stilistischen Mittel.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Schönheitsidealen bei Männern und Frauen, die Rolle der Hygiene für das weibliche Selbstverständnis sowie eine Analyse des Schreibstils und der Sprache im Hinblick auf ihre Ästhetik.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Publikation?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Feminismus, Körperhygiene, Tabubruch, Schönheitswahn, Selbstwertgefühl und die bewusste Verwendung einer unliterarischen Sprache.
Wie unterscheidet sich die Bewertung von männlicher Schönheit in den beiden Werken?
Während „Schoßgebete“ explizit eigene, wenn auch ungewöhnliche, Schönheitskriterien für Männer reflektiert, spielt die Attraktivität von Männern im Roman „Feuchtgebiete“ für die Protagonistin Helen Memel kaum eine Rolle.
Welche Rolle spielt die Sprache bei der Vermittlung der Botschaft der Autorin?
Die Sprache dient nicht der ästhetischen Verschönerung, sondern durch den Einsatz von Alltags- und Fäkalsprache wird eine realistische Nähe zur Leserschaft erzeugt, um die Abkehr vom Künstlichen und die Akzeptanz natürlicher Körpervorgänge zu propagieren.
- Arbeit zitieren
- Tina Hellwig (Autor:in), 2011, Schönheitsvorstellungen in den Romanen „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ von Charlotte Roche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202480