Architektur als Herrschaftslegitimation bei Nero

Eine Interpretation von Sueton, "Vita Neronis", Kap. 31, 1 - 2


Hausarbeit, 2008
15 Seiten, Note: 2,5
Agnes Thiel (Autor)

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

I. TEIL: Lateinischer Text und Übersetzung (Kap. 31, 1 – 2)

II. TEIL: Historischer Hintergrund

III. TEIL: Literarische und historische Interpretation

Schlussbemerkungen

Literatur

1. Einleitung

Diejenigen, die sich mit Nero auseinandersetzen, haben unweigerlich P. Ustinov als Nero in Quo Vadis (1951)[1] vor Augen. Auch dieser Film ist geprägt von den Aussagen antiker Autoren wie Sueton, Tacitus und Cassios Dio.[2] Sueton zeichnet nüchtern ein recht negatives Bild von Nero. Ins Auge fällt allerdings der Kontrast zwischen Kap. 10, dem Tugendkatalog, der wohl das erste Jahrfünft widerspiegelt,[3] und dem 26. Kap, einer Art Lasterkatalog Neros. Überhaupt haben die Kapitel 26 - 57 das Bild Neros bis heute maßgeblich bestimmt.[4] In dieser Arbeit soll im Mittelpunkt das Kap. 31 (1 – 2) stehen, in dem die Bautätigkeit Neros thematisiert wird. Sueton sieht in ihr ein hervorstechendes Merkmal der Verschwendungssucht Neros. (31,1) Wir werden prüfen, ob er damit Nero gerecht wird. Dabei kann es nicht ausbleiben den riesigen Gebäudekomplex, die Domus Aurea, genauer zu betrachten. Deshalb soll zunächst (I. TEIL) die Stelle 31 (1-2) dem Wortlaut und in der Übersetzung angegeben werden. Im Anschluss daran (II. TEIL) zeigen wir die literarischen und historischen Bezüge auf, um anschließend (III. TEIL) diese Stelle näher zu interpretieren. Die Schlussbemerkungen fassen die Ergebnisse zusammen. Beginnen möchten wir aber mit einem Blick auf den Schriftsteller Sueton, wie ihn die moderne Forschung sieht.

Sueton lebte von ca. 70 – 130 n. Chr. Hippio, seine Heimatstadt, war seit 46 n. Chr. römisch geworden.[5] Er kommt aus begüterten Verhältnissen, der Vater war Berufsoffizier. Um die Jahrhundertwende ging er wohl nach Rom. Dort erwartete ihn ein wechselndes Schicksal mit Höhen und Tiefen. Arbeitete er zunächst als Rechtsanwalt, so begann sein Aufstieg mit einer Intervention durch Plinius d. J. bei Kaiser Traian. Ab ca. 113 n. Chr. trat er in den kaiserlichen Dienst ein, zunächst als a studiis (Sachverständiger) und wohl späterhin als a bibliothecis. Unter der Herrschaft von Hadrian gewann er die privilegierte Stellung des ab epistulis. Seine Aufgabe bestand darin, Briefe für den Kaiser zu entwerfen, die dieser dann nur noch unterschreiben musste. Auch wenn er dieses Amt später verlor, so gehörte er doch eine lange Zeit zu den „bestinformierten Personen im ganzen Kaiserreich“. Aufgrund dieser Quellennähe ist er der wichtigste Biograph der Kaiserzeit. Er gehört zu den „größten Kaiser-Experten“.[6] Seine Kaiserbiographien beginnen mit Caesar, dem Ahnherr des julisch-claudischen Hauses. Nicht umsonst lautete die offizielle Kaisertitulatur Imperator Caesar Augustus. Nero stand mehrfach mit Caeser und Augustus in verwandtschaftlicher Linie.[7] Dabei schrieb Sueton nicht wie Tacitus aus Sicht der senatorischen Geschichtsschreibung, sondern vielmehr aus Sicht des Kaiserhauses. Deshalb gibt es auch wenig Anzeichen für eine „oppositionelle Haltung“.[8] Ihm stand in die Bibliothek und im Archiv hervorragendes Material zur Verfügung, was sich vor allem in den ersten fünf Biographien auch niederschlägt. Dadurch hatte er einen kaum zu überschätzenden Wissensvorsprung. Dabei wollte Sueton nicht etwa ein literarisches Kunstwerk schaffen, sondern er breitet eine Reihe von (Skandal)Geschichten, Fakten etc. aus, auf die sich der geneigte Leser selbst einen Reim machen kann. „Dem Leser wird geradezu ein kultur- und sittengeschichtliches Kaleidoskop präsentiert.“[9] Darüber vergisst man, dass er oftmals einen fast unbeteiligten Chronisten mimt. Er entwickelt eine Art Psychogramm der einzelnen Kaiser und befriedigt damit die Wünsche seines Publikums, worauf sich sein großer Erfolg gründet. Er schuf damit einen neuen Typus von Kaiserbiographien.[10] Nach Fr. Leo habe er hierbei die alexandrinische Form verwendet und sie auf politische Persönlichkeiten transferiert;[11] W. Steidle zeigte allerdings,[12] dass sich Sueton nach dem römischen Publikumsgeschmack gerichtet habe. Das römische Volk sah eben in den Kaisern öffentliche Persönlichkeiten, über die man nicht genug wissen konnte.[13] Deshalb habe man sich für die Gesamtheit der Existenz des Oberpatrons Roms interessiert, ohne strikt zwischen „privat“ und „öffentlich“ zu scheiden. Dabei verwende Sueton immer das gleiche Schema: er beginne chronologisch, gebe nähere Auskunft über Herkunft, Familie, Geburt und den religiösen Vorbedeutungen. Im Anschluss daran gebe er Informationen über die Vorzeit des Regierungsantritts. Außerdem ordne Sueton sein Material nach Rubriken: Kriege, Gesetze, Finanzen, Verwaltung, Bautätigkeiten, durchdrungen von positiven und negativen Eigenschaften. Die historischen Zusammenhänge werden hierbei oft auseinander gerissen oder künstlich zusammen geflochten. Diese suetonische „Schubladentechnik“[14] hat Vor- und Nachteile. Beides sollte weder unter- noch überbewertet werden.

I. TEIL:Lateinischer Text und Übersetzung von Kap. 31 (1 – 2)

(1) Non in alia re tamen damnosior quam in aedificando domum a Palatio Esquilias usque fecit, quam primo transitoriam, mox incendio absumptam restitutamque auream nominauit [...] uestibulum eius fuit, in quo colossus CXX pedum staret ipsius effigie; tanta laxitas, ut porticus triplices miliarias haberet; item stagnum maris instar, circumsaeptum aedificiis ad urbium speciem; rura insuper aruis atque uinetis et pascuis siluisque uaria, cum multitudine omnis generis pecudum ac ferarum.
(2) in ceteris partibus cuncta auro lita, distincta gemmis unionumque conchis erant; cenationes laqueatae tabulis eburneis uersatilibus, ut flores, fistulatis, ut unguenta desuper spargerentur; praecipua cenationum rotunda, quae perpetuo diebus ac noctibus uice mundi circumageretur; balineae marinis et albulis fluentes aquis.

Übersetzung von Kap. 31 (1 – 2)

(1) Jedoch bei nichts anderem war er verschwenderischer als beim Bauen; er erbaute einen Palast vom Palatin bis zum Esquilin; zuerst nannte er ihn «Durchgangshaus»[15] , später, als er vom Brand zerstört und wieder aufgebaut worden war, «Goldenes Haus». Über seine Ausmaße und seine Ausstattung wird es genügen, folgendes auszuführen: Er hatte eine Vorhalle, die war so hoch, dass ein Riesenstandbild mit Neros Abbild von 120 Fuß Höhe darin stand, und seine Weite war so gewaltig, dass er dreifache Säulengänge von tausend Fuß hatte. Ebenfalls gab es einen See, der wie ein Meer aussah und von Bauten umgeben war, um den Anschein von Städten zu erwecken. Dazu kamen ländliche Gegenden, in denen Felder mit Weingärten, Weiden und Wälder sich abwechselten mit einer Menge von Haus – und Wildtieren jeder Art.

(2) In den übrigen Räumlichkeiten war alles mit Gold überzogen, mit Edelsteinen und Perlmuscheln verziert. Die Speisezimmer hatten getäfelte Decken aus Elfenbeinplatten, die beweglich waren, damit man Blumen von oben herabstreuen konnte, und mit Röhren versehen waren, damit man Duftöl (= Parfüm) herunterspritzen konnte. Ein besonderes Speisezimmer war rund und drehte sich Tag und Nacht wie der Sternenhimmel. In den Bädern floss Wasser aus dem Meer und den Quellen der Albula.

[...]


[1] Der Film beruht auf dem Roman von H. Sienkiewicz „Quo Vadis“, der neben L. Feuchtwangers Roman „Der falsche Nero“ zu den besten literarischen Darstellungen gehört. Vgl. Literaturliste u. J. Malitz, Nero, S. 115 ff.

[2] Diese drei finden sich als Quellen in der Literaturliste S. 12. Vgl. auch M. von Albrecht, Geschichte der römischen Literatur, S. 869 – 908 (Tacitus) sowie S. 1104 – 1119 (Sueton).

[3] Vgl. H. Herrmann, Nero, S. 145 – 170.

[4] Vgl. dazu aber M. Fini, Nero. Zweitausend Jahre Verleumdung. Die andere Biographie, München 1994.

[5] Siehe dazu H. Sonnabend, Geschichte der antiken Biographie, S. 169 ff. (nächstes Zitat ebd., S. 170).

[6] H. Sonnabend, a.a.O., S. 172.

[7] Vgl. dazu Sueton, Kap. 1 – 5 und J. Malitz, a.a.O., , S. 7 ff,

[8] A. Abramenko, Zeitkritik bei Sueton, S. 80 – 94, hier S. 86.

[9] Vgl. H. Sonnabend, a.a.O., S. 175.

[10] Die Diskussion fassen gut zusammen B. Mouchova, Studie zu Kaiserbiographien Suetons, S. 9 – 15, D. Flach, Zum Quellenwert der Kaiserbiographien Suetons, S. 273 ff. und H. Gugel, Studien zur biographischen Technik Suetons, S. 11 – 22 und S. 144 ff.

[11] Fr. Leo, Die Griechisch-Römische Biographie nach ihrer literarischen Form, S. 1 – 10.

[12] W. Steidle, Sueton und die antike Biographie, S. 87 ff.

[13] H. Sonnabend, a.a.O., S. 10: „Die antike Biographie ist eine Quelle für das Leben antiker Persönlichkeiten“.

[14] Vgl. H. Gugel, a.a.O., 18 f, Fr. Leo, a.a.O., S. 5 f. und A. Dihle, Zur antiken Biographie, 139 f.

[15] Durchgangshaus deshalb, „weil der Komplex etwa 1 km Talgrund zwischen den beiden höhergelegenen Teilen umfaßte.“ So W. Kierdorf, Leben des Claudius und Nero, S. 201.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Architektur als Herrschaftslegitimation bei Nero
Untertitel
Eine Interpretation von Sueton, "Vita Neronis", Kap. 31, 1 - 2
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Klassische Philologie / Altertum
Note
2,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V202522
ISBN (eBook)
9783656288794
ISBN (Buch)
9783656289074
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
architektur, herrschaftslegitimation, nero, eine, interpretation, sueton, vita, neronis
Arbeit zitieren
Agnes Thiel (Autor), 2008, Architektur als Herrschaftslegitimation bei Nero, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202522

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