Als Flüchtlingskind in Harpstedt

Ein Erlebnisbericht über die Jahre 1945 bis 1952


Fachbuch, 2012
278 Seiten

Leseprobe

Der Inhalt

Widmung

Vorwort

Zum Autor

1.`S ist Krieg! `S ist Krieg
Die Ankunft
Die Zwangseinquartierung
In der Funkerbaracke
Das Ende des Krieges in Harpstedt
Das Ende des Krieges für ganz Deutschland
Das Leben im besetzten Harpstedt

2. Wenn Du im Herzen Frieden hast…In der Baracke
Der Umzug
Der Alltag in der Baracke
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein
Ora et labora – das liebe Geld
Haute Cousine? > Schmalhans ist Küchenmeister
„Halleluja amen“ – christliches Leben
Homo ludens – der Mensch ist Mensch, weil er spielt
Feste

3. Auf dem Weg in die Normalität
Schulbeginn 1945
1946
1947
Schicksalsjahr 1948
1949
1950
1951
1952 – Umzug nach Dünsen

Vorwort

Ich nenne mein Buch nicht einen Roman, weil ich mich an keine Regel einer literarischen Gattung halten möchte.

Ich stütze mich als Ich-Erzähler auf eigene Erinnerungen, mische sie aber mit dem, was ich von meiner Mutter, meinen Geschwistern und von Bekannten gehört habe, ich ziehe allgemein zugängliche historische Literatur heran und werte Darstellungen aus, die in Harpstedt über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen sind. Wenn ich aus diesen Büchern Fakten und Zahlen verwerte, weise ich die Fundstellen nicht jeweils nach, das würde den Lesefluss zu sehr stören. Wenn ich allerdings zitiere, dann werden die Quellen angegeben: Ich schreibe schließlich keine adlige Dissertation.

Ich danke an dieser Stelle den beiden Autoren, die sich um das Aufarbeiten der Geschichte des Fleckens Harpstedt verdient gemacht haben und wichtige Quellen für mich waren: Günter Knappmeier und Dr. Jürgen Ellwanger. (Weitere Danksagungen am Ende)

Ich mische verschiedene Darstellungsweisen, lasse den Leser an manchen Ereignissen aus unserer Familie direkt teilhaben, berichte dann als Chronist über wesentliche Geschehnisse in Harpstedt, die uns betrafen, beschreibe raffend immer Wiederkehrendes, wie die jährliche Arbeit bei den Bauern oder unsere Kinder-Spiele.

Ich schreibe über die ersten sieben Jahre nach dem Krieg, die ich als Kind in einem großen „Behelfsheim“, einer Baracke, im Marktflecken Harpstedt, etwa dreißig Kilometer südlich von Bremen, erlebt habe.

Das Buch hat drei Teile: Im ersten werden die Ereignisse bis zum Ende des Krieges geschildert – das geschieht chronologisch;

im zweiten wird der Alltag in der Baracke dargestellt – das geschieht thematisch, systematisch;

im dritten werden die wesentlichen Begebenheiten in den Jahren 1945 bis 1952 erzählt - wieder chronologisch.

Ich schiebe in die Erzählung mehrfach kleine Rückblicke auf Ostpreußen und unsere Flucht ein. Außerdem gibt es Ausblicke in spätere Zeiten, die in engem Zusammenhang mit den Ereignissen stehen oder zeigen, wie manche Erlebnisse und Erfahrungen aus der Baracke nachgewirkt haben.

Ich denke, dass viel von dem hier Berichteten in hunderten von Orten in Deutschland ganz ähnlich stattgefunden hat. Dennoch kann und will das Buch keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, es bleibt ein kleiner Ausschnitt aus meinem Leben und dem Leben der Familie Klein.

Marbella, Spanien – im September 2012

Zum Autor

Horst Kai Klein wurde am 14. August 1941 in dem kleinen Dorf Groß Lensk im Süden Ostpreußens, im deutsch-polnischen Grenzland, geboren. Der Bezirk Soldau, in dem der Ort liegt, war 1920 den Polen übergeben worden, 1939 hatte Hitler ihn wieder dem Deutschen Reich eingegliedert.

Horst erblickte also – anders als seine älteren Geschwister – in „Deutschland“ das Licht der Welt.

Im Januar 1945 ging die Familie auf die Flucht, im März 1945 kamen sie mit ihrem Pferdewagen in Harpstedt, Kreis Grafschaft Hoya, an. Sieben Jahre lebten sie in der großen Baracke am Ortsrand, zogen dann in das benachbarte Dörfchen Dünsen in ein kleines Holzhaus, von da nach Bremen, wo er sein Abitur machte.

Nach einem Studium der Geschichte und der Germanistik in Kiel wurde er dort Gymnasial-Lehrer, heiratete Hella Feder und bekam mit ihr zwei Töchter, Katja und Anja.

1982 ging die kleine Familie nach Spanien, wo die Eltern in Valencia an der Deutschen Schule als Lehrer arbeiteten und die Töchter ihre Schulausbildung abschlossen.

Ein zweiter Auslandsaufenthalt führte sie in den Süden Spaniens, nach Marbella, ein dritter in den Norden Mexikos, wo sie an der Einführung des Deutschen Sprachdiploms bei den Mennoniten mitarbeiteten.

Nach schwerer Erkrankung (erst Hella mit einem Schlaganfall, dann Horst mit einer Herzoperation) mussten sie den Schuldienst vorzeitig beenden. Sie zogen zurück nach Marbella, wo sie nun in einer Urbanisation draußen vor der Stadt ein gemietetes Haus mit Garten und kleinem Pool bewohnen. Oben auf der großen Dachterrasse, mit Blick über die Meerenge von Gibraltar nach Afrika hinüber, entstand dieses Buch.

Meine Mail-Adresse: kaiklein@telefonica.net

Ich nehme gerne Korrekturen, Ergänzungen und Kritik jeder Art entgegen, besonders gern auch Fotos.

Horst Kai Klein

Das Titelblatt (1)

zeigt die neu erbaute Schule mit der Turnhalle links – wahrscheinlich 1952 oder später. Im Hintergrund stehen die beiden Baracken mit den vielen Schuppen auf der Südseite. In der Mitte sieht man die beiden Toilettenhäuschen. Unsere Wohnung ist markiert: Es sind die vier Fenster oben rechts am Bildrand.

Im Vordergrund sieht man den Holzplatz der Sägerei Gröper.

Aus: Günter Knappmeier. Harpstedt im Wandel der Zeiten, Harpstedt 1985

Zur Einführung

Meine Eltern Leokadia Edemann und Rudolf Klein wurden kurz nach der Jahrhundertwende, 1904 bzw. 1907, als Kinder von Russlanddeutschen in Wolhynien geboren.

Wolhynien gehörte damals zum zaristischen Russland, ist heute Teil der Ukraine.

Angesichts des drohenden Krieges, bei dem klar war, dass Russland und Deutschland Gegner sein würden, wanderte Opa Klein, wie viele Russlanddeutsche, vorsichtshalber nach Ostpreußen aus. Er erwarb im südlichen Grenzgebiet zu Polen, im Bezirk Soldau, einen kleinen Hof in dem Dorf Przellenk. Man hatte dort systematisch Siedlerstellen geschaffen, um das „deutsch-germanische“ Element gegen das „polnisch-slawische“ zu stärken.

Opa Edemann teilte den Pessimismus dieser Leute nicht. Er hatte eine polnisch-russische Landadlige geheiratet und war sicher, dass sich Russen und Deutsche in Wolhynien weiterhin verstehen würden – auch im Kriegsfall.

Die Kleins überstanden den Krieg in Ostpreußen unbeschadet.

Die Edemanns wurden nach Sibirien verschleppt. Dort und auf dem Rückweg in den Wirren der Nachkriegszeit– die bolschewistische Revolution kämpfte gegen die Zarenanhänger, Polen gegen Russen – starben alle Geschwister und Oma Edemann, Opa wurde von meiner Mutter getrennt und wanderte nach Argentinien aus.

Nach dem Krieg besuchte ein Herr Witzke, Nachbar der Kleins in Przellenk, eine Verwandte in Wolhynien, wohin meine Mutter derweil zurückgekehrt war. Er suchte ein Mädchen zum Kühe hüten und fürs Grobe in Haus und Hof. Meine Mutter „bewarb“ sich, er nahm sie mit.

1920 wurde durch den Versailler Vertrag der Bezirk Soldau den Polen zugesprochen, weil es dort einen ganz wichtigen Eisenbahnknotenpunkt gab. Die Deutschen in Przellenk lebten nun also unter polnischer Herrschaft. Das ging – natürlich mit Einschränkungen - ganz gut, bis im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges die gegenseitige Hetz-Propaganda den Ton und das Zusammenleben vergiftete.

Mein Vater, der inzwischen Landmaschinenschlosser und Huf-Schmied geworden war (mit polnischer und deutscher Meisterprüfung) lernte die junge Nachbar-Magd kennen, man heiratete und bekam sieben Kinder.

Gleich nach dem Einmarsch in Polen im Jahre 1939 holte Hitler den Bezirk Soldau wieder „heim ins Reich“. Die Polen wurden enteignet, mein Vater bekam Haus und Hof und Schmiede in Groß Lensk, einem Dorf, nur drei Kilometer von Przellenk entfernt, in dem weiterhin alle seine – unsere - Verwandten wohnten.

1944 wurde unser Vater zum Volkssturm eingezogen; bei seinem letzten Urlaub zu Weihnachten baute er einen Fluchtwagen und nahm unserer Mutter das Versprechen ab, sofort zu fliehen, wenn die Russen nach Ostpreußen hereinkämen.

In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 1945 war es soweit. (Am 19. marschierte die Rote Armee in Przellenk und Gr. Lensk ein.)

Auf dem Pferdewagen saßen unsere Mutter, schwer krank, unser Dienstmädchen Olla, wir Kinder Erna (*1931), Erich (*1933), Artur (*1935), Rudi (*1937), Irmgard (*1938), Horst (*1941) und Edith (*1944).

Am 23. März erreichten wir Harpstedt, einen Marktflecken südlich von Bremen, den man uns in der Flüchtlingsverteilungsstelle in Munsterlager als vorläufige neue Heimat zugewiesen hatte. Mit der Einfahrt nach Harpstedt beginnt mein Bericht.

1. `S ist Krieg! `S ist Krieg! O Gottes Engel wehre, Und rede du darein! `S ist leider Krieg - und ich begehre, Nicht schuld daran zu sein! (Matthias Claudius. Kriegslied)

Die Ankunft

„Da, seht mal, Harpstedt! Harpstedt, Kreis Grafschaft Hoya!“ Rudi hatte, vorn im Wagen an der offenen Plane stehend, als erster das Ortsschild entdeckt.

„Wir sind da, Gott sei Dank“, sagte Mutti und faltete die Hände wie zum Gebet.

„Wir sollten uns nicht zu früh freuen, wer weiß, was uns da erwartet“, bremste Olla die Euphorie, Olla, Olga Neumann, die in Groß Lensk in unserem Haus und auf unserem Hof als Dienstmädchen - „Magd“ sagte man damals noch - gearbeitet hatte und mit uns auf die Flucht in den Westen gegangen war.

„Egal, jetzt hat die Fahrerei wohl erst einmal ein Ende.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(3) Das Bild zeigt den ehemaligen Schulleiter und Archivar Günter Knappmeier mit dem damaligen Ortsschild in „seiner“ Koems-Archiv-Scheune

Der Morgen des 23. März 1945 war grau, aber es war glücklicherweise trocken. In der letzten Nacht hatte es heftig geregnet, aber wir hatten Glück gehabt, man hatte uns in Nordwohlde einen Platz neben der Mühle an der Dorfstraße unter einem weit ausladenden Schuppendach angewiesen, so dass unser Wagen und auch die Pferde nicht unter dem Unwetter zu leiden hatten.

Wir waren die letzte Strecke auf der Landstraße von Bassum her durch schönen Kiefernwald mit Birken am Straßenrand gefahren, die ein wenig an Ostpreußen erinnerte, nun standen links und rechts die ersten Häuser des Ortes, der für die nächsten Jahre unsere „Heimat“ werden sollte. Unsere Mutter hatte an diesem letzten Fluchtmorgen für alle die guten Hosen und Pullover herausgeholt und selbst ein dickes, etwas elegantes Woll-Kleid angezogen, Olla auch. Wir wussten ja nicht, was uns erwartete und wollten vorsichtshalber einen guten, gepflegten Eindruck machen – bei wem auch immer.

An der ersten Kreuzung am Ende der Bassumer Straße wartete ein Wehrmachtssoldat, der uns nach links winkte – offensichtlich hatte man den Flüchtlings-Treck aus Groß Lensk, Ostpreußen, von der Zentralstelle in Munsterlager, wo wir drei Tage vorher übernachtet hatten, in Harpstedt angemeldet. Olla hatte einige Mühe, den Wagen auf dem Kopfsteinpflaster der sehr abschüssigen Bahnhofsstraße (heute „Amtsfreiheit“) abzubremsen und auf der rechten Fahrbahnseite zu halten.

Nachdem wir die Delme überquert hatten, ging es die Burgstraße hinauf, und an der nächsten Kreuzung stand ein zweiter Soldat, der uns sagte, wir hätten wieder links abzubiegen und seien dann nach hundert Metern am Ziel, auf dem Marktplatz vor der Kirche.

Der Platz war groß, winterkahle hohe Linden wuchsen an den Straßen, an denen zweistöckige Bürgerhäuser, Geschäfte und Gasthäuser standen. An der vierten Seite grenzte eine niedrige Natursteinmauer den Bereich vor der Kirche ab, auf dem alte Grabkreuze zu sehen waren.

Zwei Soldaten, ein Gefreiter und ein einfacher Schütze, wiesen unsere zehn Fuhrwerke ein, die sich eng nebeneinander in einer Reihe aufstellten. Der Gefreite befahl uns, von den Wagen herunterzusteigen. Und da standen wir nun, ein Häuflein von Menschen, müde, dünn geworden durch die schlechte Ernährung unterwegs, aber voller Erwartung auf das, was nun kommen würde.

Der Gefreite stellte sich vor die Mitte der Reihe, hob die Hand, so dass alle still wurden und ihn ansahen. „Obersturmbannführer Gunst, unser Ortsgruppenleiter, wird Sie nun begrüßen und willkommen heißen.“ Aus dem Gasthaus an der Ecke des Marktplatzes, dem Vereinslokal der NSDAP und der SA, kam ein großer drahtiger Mann in der hellbraunen Nazi-Uniform. Er baute sich vor uns auf, schlug die Hacken zusammen, riss den rechten Arm zum deutschen Gruß empor, rief „Heil Hitler“ und begann dann seine Rede.

„Liebe Volksgenossinnen und Volksgenossen aus dem Osten. Ich heiße Euch in meiner Eigenschaft als Hoheitsträger der Partei hier in unserem schönen Harpstedt herzlich willkommen. Wir haben unsere Bauern angewiesen“ - er wechselte zum „Sie“ über – „Ihnen fürs erste eine Unterkunft zu gewähren, bis wir eine andere Lösung gefunden haben. Lange werden Sie hier ja nicht bleiben. Wenn unser Führer und unsere heldenhafte Wehrmacht erst einmal die Bolschewiken aus Ihrem schönen Ostpreußen vertrieben und den Endsieg errungen haben, dann werden Sie auf Ihre Höfe und in Ihre Häuser zurückkehren und sich rächen können an den Polen und Russen, die schuld daran sind, dass Sie flüchten mussten. Im Laufe des Nachmittags werden Frauen und Männer kommen und je nach ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten eine Familie aussuchen und mitnehmen. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie auf den Bauernhöfen nach Kräften mithelfen und sich ansonsten so verhalten, wie wir es von deutschen Volksgenossen gewohnt sind. Zuerst einmal aber lädt die Gemeinde Sie zu einem Essen in dem Gasthaus Hotel Stadt Bremen ein. Wenn Sie sich bitte in einer Viertelstunde bereithalten! Ein Soldat wird Ihnen den Weg zeigen, es ist nicht weit. Und morgen erscheinen Sie dort ab zehn Uhr mit all ihrer Habe zu einer Entlausung!“ Er schlug wieder die Hacken zusammen, hob nochmals die Hand zum Hitlergruß, machte eine zackige Kehrtwendung und verschwand.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(4) Hotel Stadt Bremen – lange vor dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Essen – es hatte eine dicke Erbsensuppe gegeben, die aber viel besser geschmeckt hatte als das, was wir unterwegs selbst in verlassenen Häusern gekocht oder aus den Wehrmacht-Goulasch-Kanonen bekommen hatten, zumal es auch für jeden ein Würstchen gab - kehrten alle auf ihre Wagen zurück und das gespannte Warten begann. Die Bauern im Ort und in der näheren Umgebung hatten den Auftrag bekommen, Flüchtlingsfamilien zu übernehmen und ihnen eine Unterkunft zu gewähren, hatten aber – zumindest in dieser frühen Zeit im März - bei der Auswahl ein Mitspracherecht eingeräumt bekommen. Als dann in den nächsten Wochen insgesamt sieben Transporte mit Vertriebenen eintrafen und die Einwohnerzahl von 1846 bei Kriegsbeginn auf nun 3344 hochtrieb, war es mit dieser Rücksicht vorbei und der Bürgermeister nahm zusammen mit dem Ortsgruppenleiter und dem Ortsbauernführer Zwangseinweisungen vor.

Eine Familie nach der anderen wurde abgeholt: Adolf Radtke kam mit seiner Frau und seinen Kindern zu einem ein Bauern am Nordrand des Ortes, Mutter Else Wesner wurde mit ihren Kindern vom Bauern Grote mitgenommen, Frau Rossol mit ihren Kindern fand eine Bleibe, ebenso Else Krempin…Es wurde leer um uns. Alle konnten mit ihren Wagen einem Bauern folgen, der sie ausgesucht hatte und nun mit dem Fahrrad vor ihnen herfuhr oder mit auf dem Kutschbock Platz nahm. Alle?

Die blasse Wintersonne verschwand hinter den Häusern, die den Marktplatz säumten. Unser hoher Planwagen stand einsam auf dem nun leeren Platz, die beiden Pferde zerrten ungeduldig an der Deichsel. Erich warf ihnen eine Handvoll Heu hin, das letzte, das wir noch in einem Sack auf dem Wagen hatten. Auf der Straße liefen Leute vorbei, erledigten ihre Einkäufe für das Abendessen, schauten neugierig, aber nicht besonders interessiert zu uns herüber. Die großen Geschwister gingen auf dem Markplatz umher und dann in die benachbarten Straßen hinein, froh, nicht mehr still und untätig auf dem Wagen sitzen zu müssen, auf dem Olla neben Mutti die Stellung hielt und sich um Edith und mich kümmerten, die auf dem Wagen geblieben waren. Mutti war verzweifelt.

„Ich hab es ja gleich gesagt, uns will keiner, wir sind zu viele, wir bleiben übrig.“ Olla versuchte sie zu trösten. „Es wird schon noch jemand kommen. Die müssen uns nehmen. Meinst du denn, die andern haben sich freiwillig eine Familie ins Haus geholt? Irgendjemand wird sich schon erbarmen.“

Sie täuschte sich. Die Sonne war inzwischen untergegangen, es wurde langsam dunkel auf dem großen Platz unter den hohen Linden. Zuerst kam Erna mit Irmgard von ihrem kleinen Erkundungsgang um die Kirche und zwischen den alten Grabsteinen zurück, dann auch die drei Jungen, die sich interessiert die Auslagen in den Geschäften angesehen hatten – unendlich lange schien es ihnen her, dass sie zuletzt in Heinrichsdorf und Soldau und Litzmannstadt Kleidungsstücke und Brotlaibe und Wurst in Schaufenstern gesehen hatten.

Unsere Mutter empfing sie weinend. „Seht ihr, es ist genauso gekommen, wie ich gesagt habe, keiner will uns. Was sollen wir denn bloß machen?“

„Denen wird schon etwas für uns einfallen“, versuchte Erna sie zu beruhigen, „der Mensch mit der Uniform hat doch gesagt, wir würden alle hier untergebracht.“

„Der hat gut reden. Aber Reden nützen uns nichts, Hilfe brauchen wir.“

Sie rief Erich an den Wagen heran und sagte: „Geh doch mal rüber zum Gasthaus und such den Ortsgruppenleiter. Und frag ihn, ob er nicht etwas für uns tun kann. Wir können doch hier nicht nächtigen.“

Erich war skeptisch. „Meinst du, dass ausgerechnet der uns helfen wird? Hast du nicht gesehen, der trägt das goldene Parteiabzeichen. Das ist doch ein strammer Nazi, sonst wäre er auch nicht Ortsgruppenleiter geworden.“

Unsere Mutter korrigierte ihn: „Das heißt noch lange nicht, dass er ein schlechter Mensch ist und nicht hilfsbereit. Papa war auch in der Partei und sogar Ortsbauernführer, und wie oft hat er den Leuten geholfen!“

„Aber Mutti, unser Papa war doch kein richtiger Nazi, wie oft habt ihr gesagt…“

„Sei still und geh schon!“

„Aber…“

„Geh, wir können später über Papa reden!“

Wie Recht Erich mit der Einschätzung des Ortsgruppenleiters gehabt hatte, erfuhr ich erst, als ich 2012 das Buch von Jürgen Ellwanger, „12 Jahre Harpstedt im Nationalsozialismus“, erschienen in Harpstedt 2006, las. (Das Buch wird im Folgenden mit „Ell, NS“ + Seitenzahl zitiert, um den Lesefluss nicht groß zu unterbrechen.) Wilhelm Gunst, ein Dentist, war 1931 aus Bayern nach Harpstedt gekommen und ganz früh in die Nazi-Partei eingetreten, weshalb er auch das Goldene Abzeichen als einer der ersten Hunderttausend Mitglieder tragen durfte. Er war sehr schnell zum Ortsgruppenleiter aufgestiegen, hatte am Gemeinderat, dem Ortsbauernführer und dem Bürgermeister vorbei eine große Machtfülle auf sich vereinigt, aktiv an der Beseitigung der Harpstedter Juden mitgearbeitet, sich beim Mobbing gegen den Pastor Schulz hervorgetan, der sich dann erschoss, als er keinen Ausweg mehr wusste. Ellwangers Urteil über diesen Mann, der uns hier empfangen hatte, lautet: „Dem Tenor der Erinnerungen nach sind der Ortsgruppenleiter Gunst und auch seine Ehefrau wenig beliebt gewesen. Die Angst vor Nachteilen bestimmte das Verhalten gegenüber Gunst, nicht Ansehen und Respekt“. (Ell, NS, S.44) Gunst flüchtete rechtzeitig vor dem Einmarsch der Engländer – und Ende 1945 konnte er bereits wieder in der Pfalz eine Praxis eröffnen; die Entnazifizierung hatte eine ehemalige Freundin beim französischen Gouverneur für ihn erledigt. (Ell, NS, S.43)

Unter der Tür des Gasthauses kam Erich der Ortsgruppenleiter entgegen, seine Mütze unter dem Arm. Bevor Erich ihn ansprechen konnte, setzte er seine Mütze auf und sagte: „Ich sehe schon, ihr seid immer noch da. Hat euch keiner haben wollen?“

„Nein, Mutti sagt, wir sind wohl zu viele, uns will keiner.“

„Das wollen wir doch mal sehen.“

Die Zwangseinquartierung

Mit großen Schritten stürmte der Ortsgruppenleiter auf unseren Wagen zu, Mutti sah ihm mit einer Mischung aus Angst und Hoffnung entgegen. „Kommen Sie, Frau Klein, ich bringe Sie zu Frau Johannes, deren Haus ist nur zweihundert Meter weg. Sie wohnt allein mit ihrer Tochter Elfriede in dem großen Haus, da ist Platz.“

Er drehte sich um und ging die Lange Straße hinunter. Olla ergriff die Zügel, schnalzte mit der Zunge – und zum letzten Mal, so dachten wir - setzte sich unser Wagen in Bewegung. Erna und Irmgard waren aufgestiegen, die Jungen liefen neben den Pferden her. Der Uniformierte bog in die Burgstraße ein und blieb schon nach wenigen Minuten vor einem großen Bauernhaus stehen, Olla hielt den Wagen an. Er klopfte recht laut an die Tür, eine Frau, etwas älter als unsere Mutter, öffnete.

„Guten Abend, Frau Johannes. Ich habe hier die Familie Klein, die wird bei Ihnen einquartiert.“ Frau Johannes schaute auf die drei Jungen, dann auf den Wagen, wo hinter dem Kutschbock Erna und Irmgard durch die Plane sahen. „Aber Herr Gunst, Herr Ortsgruppenleiter, das geht doch nicht. Das sind ja sieben Leute, wo soll ich denn hin mit denen?“

„Es sind sogar noch zwei mehr, noch ein kleiner Junge und ein Baby.“

„Aber das ist doch völlig unmöglich, ich kann höchstens die Stube frei machen, die anderen Räume brauchen wir selbst.“

Der Ortsgruppenleiter wandte sich an unsere Mutter: „Tut mir leid, Frau Klein, aber ich fürchte, das muss ich akzeptieren. Ich teile Ihre Familie auf. Sie bleiben hier mit den drei Töchtern und dem Kleinen, Ihr Dienstmädchen und die drei größeren Jungen bringe ich nebenan bei Elvers unter, das ist nur zwei Häuser weiter.“

Er stieß auch bei Elvers auf Ablehnung, sie waren nicht bereit, ein Zimmer für die Flüchtlinge freizumachen, lediglich die Diele stellten sie zur Verfügung, da könnten Olla und die Jungen schlafen.

Im Jahre 2012 besuchte ich wieder einmal Harpstedt. Ich stellte mein Auto auf dem Markt ab, dort, wo wir vor 67 Jahren mit unserem Pferdewagen gestanden und auf einen gnädigen Bauern gewartet hatten. Ich hielt Ausschau nach einem älteren Menschen, jemanden in meinem Alter also, den ich fragen wollte, wer damals der Besitzer des Gasthauses an der Ecke, des Hotels Stadt Bremen, (wie ich fälschlicherweise glaubte), gewesen war, in dem wir unsere Erbsensuppe bekommen hatten. (Inzwischen weiß ich von meinem Bruder Erich, dass ich das falsche Gasthaus für dasjenige hielt, in dem wir unser Empfangsessen bekommen hatten.) Vor dem jetzt modern ausländisch aufgemachten Etablissement war ein Gärtner dabei, die Gewächse um den Baum zu stutzen und das kleine Beet zu reinigen. Das war mein Mann! Nach kurzem Wortwechsel stellte sich heraus, dass ich Hans Bädeker angesprochen hatte, der Name war mir geläufig, Erich und auch Artur hatten mit ihm Kontakt gehabt, er kannte natürlich auch die Familie Klein. Claus Küver habe der Besitzer des Gasthauses geheißen – nun, wo ich den Namen hörte, erinnerte ich mich auch wieder daran.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(5) Dieses Gebäude (linker Teil), das Gasthaus Horstmann > Küver > Strachovitz hielt ich fälschlicherweise immer für das Hotel Stadt Bremen, in dem wir das Empfangsessen erhielten

Wir plauderten ein wenig über die Zeit nach dem Krieg und wie es ihm inzwischen ergangen sei, und er wies mit der Hand die Lange Straße hinunter in die Mullstraße hinein. „Gut geht es mir. Das braune Haus gleich vorn rechts, das ist meins.“ Ich war überrascht, dieses Haus hatten mir meine Geschwister als das von Johannes ausgewiesen. Ich erzählte ihm also von unserer damaligen Zwangseinweisung bei Johannes und Elvers, und er korrigierte mich: Die beiden Familien hatten ihre Häuser nicht in der Mullstraße, sondern in der Burgstraße, ja sicher sei er bereit, mir diese Häuser zu zeigen. Wir gingen das kleine Stück die Lange Straße hinunter und dann zeigte er auf die Häuser. Das Haus der Elvers sei allerdings total umgebaut und aufgestockt worden, das Haus mit dem Reisebüro sei es, das habe nichts mehr mit dem zu tun, war dort bei Kriegsende gestanden habe. Auch das Johanneshaus sei natürlich grundlegend renoviert, dort lebe noch die Tochter, Elvers seien schon vor Jahren verstorben. Zwischen den beiden Häuser habe es früher die Autowerkstatt Dissen gegeben – daran konnte ich mich wieder erinnern.

Ich brachte das Auto zur Wasserburg, in der ich ein Zimmer hatte, und machte mich zu Fuß auf den Weg zurück zu den beiden Häusern.

Ich klingelte am Eingang und eine freundliche kleine Frau öffnete. Es war Elfriede Wöbse, geborene Johannes, die Tochter von damals. Ich erklärte, wer ich sei und trug mein Anliegen vor. Aber natürlich könne ich mir das Haus ansehen und auch alles fotografieren, was ich wolle. Nein, sie erinnere sich nicht an die Einquartierung, hatte aber in Erzählungen davon gehört.

Die alte Diele war verschwunden, die ganze Front des Hauses wurde von einem großen Wohn-Esszimmer eingenommen. Die Stallungen waren in einen Anbau verbannt worden, der Eingang lag nun an der Seite. Alles war gut bürgerlich und gediegen ausgestattet. Natürlich hatte damals alles ganz anders ausgesehen, aber genauso natürlich wird Frau Johannes damals ihre gute alte Stube ebenso wertgeschätzt haben wie heute Frau Wöbse ihre neue. Und schlagartig wurde mir klar, was es für sie bedeutet haben musste, dass man hier fremde Menschen hineingesetzt hatte, die auch noch die Küche und die Toiletten mitbenutzten, und die sicher auch noch Ungeziefer mitbrachten, Läuse womöglich. Mir wurde bewusst, dass der Groll, den ich die ganzen Jahre dieser Familie gegenüber empfunden hatte, ungerecht gewesen war, die eigene elende Situation hatte blind gemacht für die Probleme, die wir diesen Familien mit unserer Anwesenheit bereiteten. Ich schämte mich für den Groll und bat im Stillen um Verzeihung, hatte (und habe) nun volles Verständnis dafür, dass man uns nicht mit offenen Armen aufgenommen und besonders freundlich behandelt hatte.

Als ich mit meinen Geschwistern über meinen Buch-Plan sprach und den Besuch bei Frau Wöbse erwähnte, betonten auch sie, dass sie inzwischen die damalige Reaktion der Frauen Johannes und Elvers gut verstehen könnten. „Stell dir vor, der Bürgermeister käme und möchte Asylanten bei uns einquartieren. Wir würden sicher auch nicht gern unser Wohnzimmer an diese Leute hergeben.“

Ich würde mir wünschen, dass Frau Wöbse diese Erklärung liest und uns verzeihen kann.

Olla lenkte den Wagen auf den freien Platz neben dem Johannes-Haus. In der nächsten halben Stunde waren alle damit beschäftigt, zuerst die Betten und dann die wenigen Habseligkeiten, die wir mitgenommen hatten, vom Wagen zu holen und durch die Fronttür hineinzubringen – damals waren die beiden Häuser noch richtige dörfliche Bauernhäuser. Hinten im Haus waren die Kühe und Schweine untergebracht – man roch sie in allen Zimmern zu jeder Zeit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(6) Das Johanneshaus damals

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(7) Die jetzt völlig umgebauten Häuser; das erste (Johannes) und das dritte (Elvers) waren unsere Quartiere

Zu Elvers kamen nur vier Federbetten und eine Waschschüssel, alles andere wurde in der Diele der Frau Johannes in eine Ecke gestapelt, die Betten breiteten wir auf dem Teppich im Wohnzimmer aus, das gleich linker Hand neben der Diele lag. In beiden Häusern zeigte man uns dann die Toilette auf dem Hof und schärfte uns ein, sie ja sauber zu verlassen. „Wofür halten die uns denn? Wir sind doch keine Wilden“, schimpfte unsere Mutter.

„Den Wagen können Sie heute Nacht hinter dem Haus auf dem Hof stehen lassen. Binden Sie die Pferde einfach hinten an, morgen finden wir eine andere Lösung.“

„Wie ist es mit dem Essenkochen? Ich müsste für die kleine Edith unbedingt eine Flasche Milch heißmachen.“

„Wenn wir abends fertig sind, können Sie in die Küche gehen, hier auf der anderen Seite der Diele. Ich lasse das Herdfeuer dann für Sie an.“

„Danke.“

„Die war ja fast freundlich“, meinte Mutti, als sie in unser Zimmer zurückkam.

„Vielleicht hat sie ja eingesehen, dass sie sich mit uns abfinden muss“, vermutete Erna.

„Warten wir’s ab…“

An diesem ersten Abend aßen alle noch zwei Scheiben Brot mit der letzten Leberwurst, die wir noch auf dem Wagen gehabt hatten, dann fielen alle ins „Bett“. Glücklich waren wir nicht, aber doch zufrieden, erst einmal angekommen zu sein und nicht mehr auf dem engen Wagen nächtigen zu müssen.

Am nächsten Morgen wurden nach kurzer Katzenwäsche in einer Schüssel die Betten und alle Kleidungsstücke wieder auf den Wagen geladen und es ging zurück auf den Platz vor dem Hotel Stadt Bremen, wo ein Entlausungstrupp der Wehrmacht bereit stand und auch schon unsere ersten Mit-Flüchtlinge eingetroffen waren. Es gab kaum Zeit, erste Erfahrungen auszutauschen, aber eines wurde uns schnell klar: Wir hatten es am schlechtesten getroffen, alle anderen wohnten ein Stück weit draußen auf richtigen Bauernhöfen, wo sie Platz hatten und bei der Arbeit in den Ställen und auf den Feldern würden arbeiten können – und sollen.

Im Umgang mit Läusen hatte die Wehrmacht Erfahrung. Alle, die damals in Kasernen und Notunterkünften an der Front und auch im Hinterland nächtigen mussten, waren nicht frei von diesen Quälgeistern. Da half auch peinlichste Sauberkeit nicht wirklich. Kaum war man sie einmal für ein paar Tage los, holte man sie sich aus den Strohsäcken der nächsten Unterkunft wieder auf die Köpfe und in die Kleidung. Wir hatten bereits in der zweiten Nacht unserer Flucht in einer Turnhalle in Straßburg an der Grenze zu Westpreußen intime Bekanntschaft mit diesen Winzlingen gemacht. Soldaten – ein Zug Pioniere – hatten reichlich Stroh auf den Hallenboden geschüttet, auf dem dann alle Insassen unserer (damals noch ) elf Wagen zusammen mit den Soldaten schliefen – wir waren diese neuen kleinen Untermieter nie wieder ganz losgeworden.

Zwei Soldaten kamen mit großen Spitzen voller DDT-Puder auf den Wagen, bedeckten die Betten und alle Kleidungsstücke und die Wände der Wagen mit diesem aggressiven Gift und dann auch uns, indem sie die Kleidung am Kragen anlupften und vorn und hinten eine solide Dosis hineinspritzten, dann auch in die Hosen. Unsere Köpfe bekamen eine Spezialbehandlung – mit feinen Kämmen wurden die Läuse und Nissen entfernt und dann die Haare mit einer übelriechenden Flüssigkeit gewaschen. Offenbar waren die Chemikalien recht wirkungsvoll: Läuse waren fortan kein Problem mehr für uns, wenn sich auch mal ab und an eine fand…

Gleich nach der Rückkehr ging Mutti zusammen mit Olla zum Gemeindebüro. Der „Amtshof“ war ein schöner, wenn auch etwas heruntergekommener zweistöckiger Fachwerkbau auf einer Insel, umflossen von der Delme und einem Burggraben. Der Beamte schrieb alle Kinder als wohnhaft bei Johannes ein. „Wenn ich die Jungen bei Elvers eintrage, weiß ich nicht, wen ich dort als Erziehungsberechtigten nennen soll. Aber für Frau Olga Neumann brauchen wir einen eigenen Meldeschein.“

Anmeldung bei der polizeilichen Meldebehörde.Am 23. März 1945 sind zugezogen nach Harpstedt, Gfsch.Hoya, Burgstraße Nr.11 bei Johannes… Letzte Wohnung Groß Lensk.

Klein, Leokadia, verh., Ehefrau, 25.07., Geburtsort Taratschin, Russland, ev.

Klein, Erna, ledig, Kind, 5.8.31, Geburtsort Przellenk, Russland (das war falsch: Polen wäre die richtige Angabe), Staatsangehörigkeit DR (also Deutsches Reich) ev.

Erich, 2.11.33 – sonst Gänsefüßchen

Arthur, 21.4.35, -„-

Rudi, 2.2.37, -„-

Irmgard, 16.11.38. –„-

Auf Blatt 2 folgten: Horst, 14.8.41, Geburtsort Groß Lensk, Deutsches Reich,

Edith, 2.3. 44 – Gänsefüßchen.

Mutti unterschrieb mit„Klein, Leokadia“in Sütterlin-Schrift auf der Zeile des Hauseigentümers, aber das störte nicht, in diesen Tagen gab es auf der Meldebehörde so viel zu tun, dass man gern fünf gerade sein ließ.

Mutti fragte: „Bekommen wir bei Ihnen auch Marken? Wir müssen dringend etwas zu essen einkaufen.“

„Bei mir nicht, aber gehen Sie mit diesem Meldeschein in das Zimmer 107, dort wird man Ihnen dann Bezugsmarken geben. Und wahrscheinlich brauchen Sie auch Brennmaterialien. Mein Kollege kann Ihnen einen Flüchtlingsausweis ausstellen, damit bekommen Sie dann bei Oberförster Lamprecht oder in der Försterei Wilkening einen Sammelschein für Holz.“

Mit den Marken in der Hand und dem Geld in der Tasche, das sie aus Groß Lensk mitgebracht hatte, gingen die beiden Frauen erst einmal einkaufen – ein Sechs-Pfund-Brot, Margarine und ein großes Glas Marmelade brachten sie mit. Da Frau Johannes die Küche inzwischen verlassen hatte, konnten sie Wasser kochen und damit einen Kaffee, einen Muckefuck, aufbrühen. Auf dem Wohnzimmertisch breiteten sie nun eine der mitgebrachten Tischdecken aus, die mit den blauen Blumen, auf die unsere Mutter besonders stolz war. „Die Blumen hat unser Papa selbst gezeichnet. Und ich habe sie dann ausgestickt.“ Obwohl alle froh waren, wieder in einer geheizten Stube an einem richtigen Tisch zu sitzen, blieb die Stimmung gedämpft. „Wie soll denn das hier werden? So können wir doch auf Dauer nicht leben. Und die Jungens nebenan, das geht doch nicht“, klagte Mutti. Wie Recht sie hatte, zeigte sich bereits wenige Minuten später. Rudi stand vor der Tür und klopfte. Frau Johannes machte auf.

„Ich möchte zu meiner Mutti!“

„Komm rein, aber nur kurz und ausnahmsweise, du wohnst nebenan.“

Mutti ging mit Rudi hinüber zu Elvers. Dort hatte Olla für jeden zwei Scheiben Brot mit Marmelade geschmiert und sie hatten sie, auf ihren Betten sitzend, hungrig verschlungen. Kaffee hatten sie nicht kochen können. Mutti ging noch einmal zurück in die Johannes-Küche, aber sie kam zu spät. „Ich brauche jetzt den Herd, um das Mittagessen vorzubereiten. Es muss doch wohl reichen, wenn Sie einmal Wasser kochen.“

„Aber meine Kinder nebenan…“

„Um ihre Kinder nebenan sollen sich die Elvers kümmern!“

Mutti schossen die Tränen in die Augen, aber sie unterdrückte ihren Ärger und kehrte in unser Zimmer zurück.

Eine halbe Stunde später ging sie mit Erich nach draußen auf die Straße und fragte eine Frau, die gerade vorbeikam, ob sie wisse, wo der Bauer Grote wohne. „Grote, ja da haben Sie es gar nicht weit. Gehen Sie da vorne an der Kreuzung die Mullstraße runter. So nach zweihundert Metern gleich rechts, der erste Hof, das sind Grotes.“ Mutti bedankte sich und ging mit Erich los.

Erich nutzte gleich die Gelegenheit, an das abgebrochene Gespräch über Papa anzuknüpfen. „Aber ihr habt doch immer gesagt, Hitler sei an unserem Unglück schuld, an der Flucht und den Bomben und den vielen Toten. Ihr habt ihn doch sogar den Antichristen genannt.“

„Das stimmt, das ist er auch. Alles was im Alten Testament über den Antichrist steht, trifft auf ihn zu.“

„Aber wenn er der Antichrist ist, warum ist Papa dann in seine Partei eingetreten?“

„Weil wir am Anfang nicht wussten, was für ein Verbrecher er ist.“

„Und wie habt ihr das gemerkt?“

Mutti kam nicht mehr zum Antworten, sie waren beim Grote-Hof angekommen. Dort liefen viele Leute draußen herum, auch Frau Wesner.

„Na, wie habt ihr es denn getroffen?“ war ihre erste Frage.

„Schlimm! Wir wohnen auf zwei Stellen. Wir können kaum kochen. Man zeigt uns deutlich, dass man uns nicht haben will. Und ihr?“

„Wir haben Glück gehabt. Wir haben oben eine richtige kleine Wohnung für uns.“

„Und wo kocht ihr?“

„Die Küche unten ist riesengroß, der Herd auch. Den können wir jederzeit benutzen.“

„Ihr Glücklichen. Und was ist mit euren Pferden und dem Wagen?“

„Die Pferde stehen im Stall. Die wird der Bauer mit benutzen. Und der Wagen ist erst einmal hinten im Obstgarten abgestellt.“

„Ist da vielleicht noch Platz für unseren Wagen?“

“Ich denke schon, wart, ich frag den Bauern.“

Schon nach zwei Minuten kam sie mit dem Bauern Grote zurück, der Mutti und Erich freundlich begrüßte. „Willkommen in unserem schönen Harpstedt. Ich habe von Frau Wesner gehört, was Sie hinter sich haben und hoffe, Sie werden sich hier wohl fühlen.“

„Dann muss sich aber einiges ändern.“

„Wieso?“

„Na ja, unsere Familie ist getrennt. Wir wohnen bei Johannes und bei Elvers und das ist natürlich gar nicht angenehm.“

„Das tut mir Leid, aber vielleicht kann ich ja ein bisschen helfen. Frau Wesner hat mir erzählt, Sie hätten Probleme mit Pferd und Wagen.“

„Ja, sie stehen im Augenblick im Hof von Johannes, können dort aber auf keinen Fall bleiben.“

„Dann bringen Sie die doch hierher, wir haben Platz genug und helfen gern.“

„Danke, wir kommen gleich.“

„Und wenn Sie Milch brauchen, schicken Sie einfach abends jemanden herüber. Die Kanne sollte aber in einer Tasche versteckt sein!“

Auf dem Rückweg bohrte Erich weiter. „Sag doch, Mutti wann…?“

„Das hat gedauert. Du weißt doch, dass unser Bezirk Soldau damals nach dem ersten Krieg an Polen gekommen ist. Wir in Przellenk und Groß Lensk natürlich auch. Da waren alle sehr böse und niemand in unserem Dorf wollte polnisch werden.“

„Und das ging einfach so? Ihr konntet Deutsche bleiben?“

„Na ja, man musste eine Erklärung unterschreiben und hatte dann nicht alle Rechte wie die Polen.“

„Und das reichte den neuen Land-Besitzern?“

„Nicht so ganz. Es gab schon Probleme. Du weißt doch, dass Erna in der Schule zuerst nur auf Polnisch unterrichtet wurde. Alle Schüler mussten Polnisch lernen. Und auch in der Kirche war Deutsch verboten. Der Pastor musste polnisch predigen und alle mussten polnisch singen.“

„Ja daran kann ich mich noch erinnern, aber was hat das mit unserem Papa zu tun?“

Sie waren inzwischen bei Johannes angekommen, Mutti und Olla spannten die Pferde wieder vor den Wagen, fuhren ihn hinüber zu Grotes, stellten ihn neben den von Wesners und ließen die beiden Pferde auf der Weide am Haus frei. Das Gras war zwar noch nicht sehr hoch, aber die Pferde fühlten sich offensichtlich in ihrer endlich wieder erworbenen Freiheit recht wohl, rannten umher, jagten sich, blieben dann stehen und rupften von dem kümmerlichen Gras, was sie zwischen die Zähne bekommen konnten. Die beiden Frauen gingen zufrieden zurück – zumindest dieses Problem war erst einmal gelöst.

Zum Glück war das Wetter schön, so dass es allen Kindern nichts ausmachte, sich außerhalb des Hauses aufzuhalten. Die Großen liefen im Ort umher, sahen sich die Geschäfte an, die zwar nur noch Kriegsware ausstellen konnten, aber im Vergleich zu dem, was sie in den letzten Monaten gesehen hatten, war das doch der reinste Luxus. Im Bäckerladen sah man große Brotlaibe, Graubrot und Schwarzbrot und sogar ein paar Brötchen – Kuchen gab es nicht. In dem Fleischwarenladen gleich an der Ecke waren ein paar Würstchen aufgehängt und ein wenig Mett lag auf einem Teller – aber viel mehr konnte man mit den wenigen Marken ja sowieso nicht kaufen, die Fleischration war sehr gering, und nicht einmal die einem zustehende Menge war immer im Laden zu erhalten.

In der Mull-Straße fanden sie einen Fischladen, in dem sie eine große Tonne mit eingelegten Heringen sahen. Viele Frauen gingen hier ein und aus und sie alle trugen schwere Tüten davon. Sie erzählten Mutti von ihrer Beobachtung – und Mutti ging hin und kam auch mit einer Tasche voller Heringe nach Hause. Damit war das - wenn auch späte - Mittagessen organisiert, ohne dass man Frau Johannes anbetteln musste, etwas in der Küche kochen oder warm machen zu müssen: Brot mit Salzhering war zwar nicht gerade eine Delikatesse, aber man wurde satt davon. Abends würde man wieder fragen und dann wohl eine Milchsuppe kochen.

Erna brachte einen genau abgezählten Anteil nach nebenan zu den Elvers, und dann setzten sich alle um den Tisch herum. „Komm Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Amen“, betete Mutti, und dann zeigten alle, dass sie einen gesegneten Appetit hatten. Schon nach wenigen Minuten waren von den Heringen nur noch die Gräten, die Köpfe und die Schwänze übrig.

Als es dunkel geworden war, machten sich Erich und Artur auf den Weg. In der großen Einkaufstasche stand eine Milchkanne mit gut schließendem Deckel, die zwei Liter fasste. Damit gingen sie zum Bauern Grote, der ihnen die noch warme Milch einfüllte, die 20 Pfennig in Empfang nahm und ihnen noch einmal einschärfte, niemandem von dem Milchkauf zu erzählen und niemandem den Tascheninhalt zu zeigen, damit niemand mitbekam, dass er „schwarz“ Milch verkaufte. Die Milch musste abgeliefert werden, die Gemeindeverwaltung teilte sie dann den offiziellen Milchläden zu, nur die durften auf Marken die Milch an die Kundschaft ausliefern. Zwar verkauften viele Bauern – oder gar alle – einen Teil der Milch auch schwarz wie die Grotes und man sah im Flecken geflissentlich darüber hinweg, aber man wusste ja nie, hatte Herr Grote betont, ob nicht doch irgendein missgünstiger Mensch zum Ortsbauernführer laufen und Anzeige erstatten würde. Der Ortsbauernführer Klenke galt zwar – im Gegensatz zum Ortsgruppenleiter Gunst - als umgänglicher Mensch, der es möglichst vermied, einem Bürger Schwierigkeiten zu machen, aber man wusste ja nie, ob er immer seine schützende Hand über die kleinen Sünder gegen die engen Verordnung des Reichnährstandes mit seiner Blut-und Boden-Ideologie halten konnte.

Frau Johannes hatte erlaubt, dass zum Abend alle zu uns herüberkommen. Nun saß also die gesamte Familie um den Tisch herum und wartete. Mutti ging in die Küche, goss die Milch in einen großen Kochtopf, den wir aus Lensk mitgebracht hatten, öffnete die Tüte Mehl, die auch noch zu unseren unterwegs gekauften Vorräten gehörte, schüttete etwas Wasser in eine Schüssel, machte sich die Hände gut nass, langte dann mit diesen Händen ins Mehl, hielt die mehligen Hände über den Milchtopf und rieb die Handflächen gegeneinander, so dass kleine längliche „Würstchen“ und Klümpchen entstanden. Diese unregelmäßigen Klümpchen fielen in die kochende Milch, und nachdem sie den Vorgang viele Male wiederholt hatte, entstand in dem Topf die einfache Milchsuppe, die wir „Satschirken“ nannten. Sie wurde ein wenig gesüßt – Zucker war rar und daher kostbar - und kam dann auf den Tisch. Von Satschirken war niemand so recht begeistert, aber man konnte sie gut essen, besser als Sago oder dünnen Reis, und niemand hatte die Idee, sich zu beklagen – in dieser angespannten Situation schon gar nicht.

Mutti und Erna erledigten in der Küche den kleinen Abwasch, sorgten dafür, alles in bester Ordnung und vollständig sauber zu hinterlassen, um Frau Johannes keinen Grund zu irgendwelchen Beschwerden zu geben. Danach holte Mutti – wie möglichst jeden Abend - ihre Bibel hervor und las eine Passage aus dem Neuen Testament, aus Matthäus 24, aus der Predigt Jesu über die Endzeit.

„Und Jesus verließ den Tempel und wollte weitergehen. Und seine Jünger traten hinzu, um ihm die Bauten des Tempels zu zeigen. Er aber begann und sprach zu ihnen: Seht ihr nicht dieses alles? Wahrlich ich sage euch: Hier wird kein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerstört würde. Wenn ihr nun den ‚Gräuel der Verwüstung’, von dem durch den Propheten Daniel geredet worden ist, an heiliger Stätte stehen seht, dann sollen die in Judäa ins Gebirge fliehen; wer auf dem Dach ist, soll nicht hinabsteigen, um seine Habe aus seinem Haus zu holen, und wer auf dem Feld ist, soll nicht zurückkehren, um seinen Mantel zu holen. Wehe aber den Schwangeren und Stillenden in jenen Tagen! Betet aber, dass eure Flucht nicht in den Winter oder auf den Sabbat falle! Denn dann wird eine große Drangsal sein, wie von Anfang der Welt bis jetzt keine gewesen ist.“

Mutti schloss die Bibel, legte sie beiseite und seufzte tief. „Ja, auch in vielen deutschen Städten ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Und unsere Flucht ist in den Winter gefallen und große Drangsal haben wir erlebt. Aber der Herr hat seine Hand über uns gehalten und uns gerettet und bis hier gebracht. Lasset uns beten, damit er uns auch jetzt nicht verlässt!“ Sie fiel auf die Knie und legte die Hände vor das Gesicht. Alle Kinder falteten ihre Hände und senkten den Kopf. „Herr im Himmel“, begann Mutti mit leiser Stimme, „wir danken Dir für Deine Güte und Hilfe, mit der Du uns durch alle Mühsal geführt hast. Sieh uns an in unserer neuen Not. Die Bauersfrau will uns nicht. Die Familie ist getrennt. Wir haben ein Dach über dem Kopf, aber so können wir doch nicht leben. Wir bitten Dich, Herr, erbarme Dich unser und schicke uns noch einmal Hilfe, damit wir alle zusammen diese schwere Zeit aushalten können. Schau gnädig auf uns herab, Herr Jesus, hilf uns und gib uns Frieden.“

Sie erhob sich und setzte sich wieder an den Tisch. „Nun lasset uns singen! ‚Bis hierher hat mich Gott gebracht’“. Dieses Lied kannten alle, Edith und ich allerdings nur vom Zuhören: „Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte,…bis hierher mir geholfen./ Hilf fernerhin mein treuer Hort, hilf mir zu allen Stunden, hilf mir an all und jedem Ort….“ Das zweite Lied kannte sogar ich auswendig. Das sangen wir mit lauter Stimme: „Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden, der…“

Mutti schickte die Jungen und Olla aber noch nicht zu Elvers zurück, sondern sagte: „Erich hat mich gefragt, warum Papa damals in die Partei eingetreten ist. Obwohl Hitler doch der Antichrist ist. Ich werd euch das mal erklären.“

Alle schauten Mutti erstaunt an, in Ostpreußen hatte man nie in Anwesenheit der Kinder über solche Fragen gesprochen, aber nun nach der Flucht schien es Mutti sinnvoll, genau das zu tun. Sicher würden die Großen nach ihrem Vater und seiner Haltung zum Führer gefragt werden. Sie sollten dann nicht ganz unwissend dastehen. Wenn wir Kleinen das alles nicht verstünden – schaden würde es uns schon nicht.

„Alles ging damit los“, begann sie, „dass Hitler in seinen Reden immer gesagt hat, er holt alle Deutschen heim ins Reich. Damit hat er auch uns gemeint, die Deutschen aus Soldau.“

„Und – hat er?“, fragte Artur, der immer mit besonderem Eifer bei den Pimpfen, der Vorstufe zur Hitlerjugend, mitgemacht hatte. Für ihn war das Sport und Spaß und Abenteuer gewesen und er hatte die Leute, die ihm diesen Spaß ermöglichten, immer sympathisch gefunden.

„Ja“, antwortete Mutti, „wenn auch nicht sofort. Aber als er die Regierung übernommen hatte, hat er weiter versprochen, dass er diesen Schandvertrag zerreißt.“

„Welchen Schandvertrag meinte er denn?“ wollte nun Erich wissen.

„Na den, den sie damals nach dem ersten Krieg in Frankreich gemacht haben. Wo sie beschlossen haben, dass Deutschland alleine Schuld am Weltkrieg hat und dass wir dafür büßen müssen. Ein Drittel des Landes haben sie uns doch weggenommen, auch unser schönes Soldau. Und zahlen mussten wir, bis Hitler damit Schluss machte.“

„Und ihr fandet es gut, dass Hitler alles Land für Deutschland zurückhaben wollte, oder?“

„Natürlich. Wir waren froh. Und Papa ist dann ja auch gleich in die Partei eingetreten. Er schwärmte für den Führer.“

„Deshalb hat er sich ja auch sofort einen Hitlerbart wachsen lassen“, fügte Erna an.

„Und die Haare über den Ohren hat er kahl schneiden lassen wie Hitler“, sagte Olla, „das machten damals fast alle Männer in Przellenk und Lensk, dann sah man gleich, wer den Führer unterstützt.“

„Und wie ging es dann weiter?“ drängte Erich.

„Na ja, du weißt ja, dass er dann die Polen aus Soldau verjagt hat. Wir waren endlich wieder die Herren im eigenen Lande. Dann gab´s in der Schule wieder deutschen Unterricht und wir bekamen unser Haus in Lensk und Papa endlich seine eigene Schmiede.“

„Das war doch alles schön und richtig, ich verstehe immer noch nicht, warum Hitler dann der Antichrist sein soll“, war Erichs

Kommentar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(8) Ostpreußen1934: Unser Vater mit neuem Haarschnitt und Hitlerbart, Mutti, Erna und Erich

„Erinnert ihr euch, wie vor zwei Jahren fast alle aus Przellenk und Lensk nach Litzmannstadt gefahren sind?“

„Ja“, sagte Erna, „und sie kamen mit schönen Möbeln und Geschirr und Kleidern zurück, ich hätte auch gern so etwas gehabt. Warum habt ihr nicht auch dort eingekauft?“

„Weißt du, was das für Sachen waren, die man dort so billig verkauft hat?“

„Nein, was…?“

„Die hatte man den Juden weggenommen!“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(9) Ostpreußen, der Vorplatz unserer Schmiede in Przellenk, vorn Familie Klein

„Aber man kann doch nicht den Leuten einfach ihre Sachen wegnehmen, selbst wenn es nur Polen und Juden waren“, protestierte Erich. „Wie haben die denn dann gelebt?“

„Gelebt? Gar nicht! Erinnert ihr euch noch an die Besuche von diesem Soldaten aus Plettenberg, dem Onkel Paul? Dieser Paul hat unserem Papa etwas erzählt, über KZs, über Lager für die Juden. Er hat mit seinem Lastwagen Essen und andere Sache da hingebracht. Dort hat er Juden gesehen, halb verhungert, dünn wie Gespenster. Und er hat die Öfen gesehen, in denen sie die Toten verbrannt haben. Das Lager hat gestunken, hat er gesagt, die ganze Umgebung auch.“

Erna mischte sich ein: „Unser Papa hatte ja schon früher Schlechtes über die Naziregierung gehört. Gottlieb Rapp war aus Österreich nach Hause gekommen und hatte schlimme Sachen über sie erzählt. Dass Hitler so langsam ein Diktator wurde und dass er die Juden schlecht behandeln ließ, das hatte er Papa gesagt.“

Mutti nahm ihren Bericht wieder auf. „Da wussten wir, was die Nazis mit den Juden machen. Vergast hat Hitler sie, totgeschlagen, erschossen und dann verbrannt in diesen Krematorien.“

„Und habt ihr nichts dagegen getan?“

„Was sollten wir denn dagegen tun? Wer dumme Fragen gestellt hat oder geschimpft, war selbst schnell in so einem Lager. Wir konnten höchstens hier den paar Juden helfen, die wir kannten.“

„Und habt ihr…?“

„Erinnert ihr euch, dass Papa abends oft mit einer Tasche voll Essen und Getränken zu Onkel Ferdinand…“

Es klopfte an der Tür. „Könnten Sie so langsam aufhören mit dem lauten Reden? Und die vier sollten dann auch langsam rüber gehen.“

Frau Johannes stand in der Tür….

Wir gingen früh schlafen, weil uns in dem kleinen Zimmer sowieso kaum Raum für irgendwelche Aktivitäten blieb – drüben in der Diele schon gar nicht - und waren morgens bereits wach, als die Frühjahrssonne durchs Fenster schien. Irmgard wurde losgeschickt, um ein neues Brot zu kaufen; sie sollte auch fragen, ob man Leberwurst oder Mettwurst bekommen konnte. Sie ging bei Elvers vorbei und holte sich Artur, allein mochte sie in dem noch fremden Ort nicht herumlaufen und schon gar nicht einkaufen.

Nach dem Frühstück, zu dem jeder zwei Scheiben Brot mit Leberwurst bekam – sie war grob und sehr fettig, schmeckte aber dennoch allen - kam Erich zu Johannes herüber. „ Können wir ein bisschen im Ort herumlaufen, Mutti?“

„Ja, geht nur, aber seid zum Mittagessen um zwölf wieder hier!“

„Was gibt es denn heute?“

„Ich weiß noch nicht, wir haben noch ein paar Kartoffeln und braune Bohnen, ich mach’ wohl einen Bohneneintopf.“

„Oh ja, prima“, war Erichs Antwort, der Eintöpfe besonders gern mochte und immer einen Esslöffel Essig hineintat, worauf er aber an diesem Tag würde verzichten müssen.

Erna hatte keine Lust, mitzugehen, sie wollte versuchen herauszufinden, ob es hier Schulunterricht gab, Mutti hatte ja dafür gesorgt, dass alle Schulsachen auf die Flucht mitgenommen wurden, um gleich wieder mit dem Unterricht weitermachen zu können. Irmgard schloss sich den Jungen an, wir beiden Kleinen blieben wieder bei Olla und Mutti.

Gegen elf war Erna wieder zurück und die anderen kamen auch rechtzeitig zum Essen. Erna berichtete. „Ich habe auf der Straße Frauen gefragt und sehr unterschiedliche Auskünfte bekommen. Einige erzählen, die Volksschule auf dem Amtsacker ist durch eine Bombe zerstört worden, es gibt keinen Unterricht, andere sagen etwas von einer RAD-Baracke, in die man umgezogen ist. Ich hab´ dann ein Mädchen in meinem Alter gefragt, und die hat mir gesagt, es gibt im Augenblick gar keinen Unterricht, weil man Angst hat, die RAD-Baracke könnte bombardiert werden, und außerdem sind alle Lehrer zur Wehrmacht eingezogen worden.“

„Und was ist mit einer Oberschule?“ wollte Erich wissen. Erna hatte in Ostpreußen bereits auf dem Gymnasium in Soldau Unterricht gehabt und Erich war auch schon dort angemeldet worden, er hoffte also ganz fest, dass sie beide hier gleich auf einer höheren Schule weitermachen bzw. anfangen könnten.

„Nein“, sagte Erna, „es gibt in Harpstedt keine Oberschule, wohl aber in Delmenhorst, da kann man mit dem Zug hinfahren. Aber niemand weiß, was dort im Augenblick los ist, wahrscheinlich ist die Schule auch geschlossen. Nun weiß ich gar nicht, wie das mit unserer Ausbildung weitergehen soll. Was wird nur mit uns werden?“

„Das ist ja wirklich nicht schön“, kommentierte Mutti, „aber du verstehst, dass ich im Augenblick andere Sorgen habe!“

In diesem Moment klopfte es an der Tür und wir hörten, wie Frau Johannes nach vorn ging und öffnete. Eine Männerstimme begrüßte sie, dann hörte man Frau Johannes laut reden. Wir verstanden fast nichts, merkten aber an dem erregten Ton, dass es wohl um uns und unsere Einquartierung ging.

Nach wenigen Minuten betraten drei Uniformierte das Wohnzimmer, zwei in der braunen Parteiuniform, einer im Feldgrau der Wehrmacht. An seinem Hals baumelte ein Ritterkreuz. Der zweite war der uns schon bekannte Ortsgruppenleiter Gunst, der dritte stellte sich nach zackigem Gruß vor: „Heil Hitler, Sturmbannführer Klenke, ich bin der Ortsbauernführer in der Gemeinde“ – und mit der Hand auf den Ritterkreuzträger zeigend: „Major Johannsen, er ist gerade auf Genesungsurlaub hier, den Obersturmbannführer dürften Sie ja bereits kennen.“

Mutti und Olla grüßten mit „Guten Tag“, fügten aber angesichts der erstaunt-empörten Blicke hinzu: „Heil Hitler!“ Erna sagte gar nichts.

„Wir sind hier, um uns zu erkundigen, wie es mit Ihrer Einquartierung klappt. Funktioniert alles? Fühlen Sie sich wohl?“

„Wohlfühlen? Nein, davon kann nicht die Rede sein! Ich glaube, Frau Johannes…“

„Frau Johannes hat uns schon ihr Leid geklagt, wir wollen Ihre Meinung hören!“

Bevor Mutti noch etwas sagen kann, ergriff Erna das Wort: „Ich finde es nicht richtig, wie man uns hier behandelt. Wir haben alles verloren, kaum mehr als das nackte Leben gerettet, und diese Frau und ihre Tochter…“

„Lass man, Erna!“ fiel Mutti ihr ins Wort, „die Frau hat es auch nicht leicht, sie weiß nicht, was mit ihrem Mann ist und…“

„Ich möchte Sie bitten, über Ihre Situation zu sprechen und nicht die der Frau Johannes, die kennen wir selbst“, unterbrach sie nun der Ortsgruppenleiter Gunst.

Mutti bemühte sich um Ruhe: „Wir haben es ja hier warm und trocken und können uns auch was kochen, aber dass meine Jungens nicht bei uns sind, das ist schrecklich. Das halte ich nicht aus. Ich möchte, dass wir alle zusammen sind. Haben Sie nicht eine andere Bleibe für uns, egal wie klein sie ist, aber zusammen möchten wir wohnen.“ Sie konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen herunterliefen.

Die drei Männer schauten sich an. „Ich glaube“, sagte der Ortsgruppenleiter, „mir fällt da etwas ein. Sagen Sie, Klenke, steht nicht die kleine Funkerbaracke hinter Wittgräfes leer?“

„Jawoll, die Funker sind umgezogen in den Garten des Forstmeisters Lamprecht. Die Baracke ist tatsächlich frei. Aber sie ist sehr klein und schlecht isoliert, da kann man eigentlich nicht…“

„Das tut nichts“, unterbrach ihn Mutti schnell, „wenn es nur etwas für uns alle ist. Wir werden da schon fertig.“

„Wir schau ‘n mal, was sich machen lässt, liebe Frau Klein“, mischte sich nun der Ritterkreuzträger ein, „wir melden uns wieder bei Ihnen.“

In der Funkerbaracke

Die kleine Baracke lag geduckt unter Obstbäumen, ein schmaler Weg mit struppigem Gras führte von dem breiten Feldweg zu ihr hin. Gärten breiteten sich hier aus, Obstgärten und Gemüsegärten mit sauber gezirkelten Beeten, die jetzt aber kahl und schwarz unter der blassen Sonne lagen. Nur hundert Meter entfernt – nach Süden hin – standen die Bürgerhäuser des Fleckens und die Post, die in dunklem Klinker erbaut war. Im Nordwesten gab es die Wirtschaftsgebäude eines Bauernhofes, und auch das Dach des großen Wohnhauses war zu sehen.

„Bis jetzt stehen nur wenige Möbel drin“, erklärte der Ortsgruppenleiter, „zwei Feldbetten, ein Tisch und ein paar Stühle, ein Wehrmachtspind aus Blech. Geheizt haben die Funker mit einem kleinen runden Kanonenofen, ein Schornstein ist ja zum Glück vorhanden. Ich werde Anweisung geben, dass die Wehrmacht noch einen Spind und noch zwei Betten bringt, mehr passt ja hier nicht rein.“

„Vier Betten reichen ja auch“, versicherte Mutti, „wir sind ja nur acht.“

„Aber Mutti“, protestierte Erich, „wir sind doch neun!“

„Ach so, das habt ihr nebenan ja gar nicht mitgekriegt“, klärte Olla ihn auf, „ich werde hier nicht mit euch wohnen.“

„Aber warum denn nicht?“

„Ich bin so alt, dass ich arbeiten gehen muss. Ein Bauer Eiskamp war vorhin schon da und hat mit mir geredet, ich helfe euch nur noch beim Einziehen hier, gegen sechs holt er mich schon ab.“

„Du wirst uns fehlen, Olla.“

„Es ist ja nicht weit, ich komme euch am Wochenende immer besuchen.“

„Versprochen?“

„Versprochen!“

Der Ortsgruppenleiter mischte sich wieder ins Gespräch. „Das Rote Kreuz kann Ihnen bestimmt einen Herd besorgen, damit Sie auch kochen können. Den anderen Ofen werfen wir dann raus.“

„Wie ist es mit Wasser?“

„Da vorn am Weg gibt es eine Pumpe, die für die Gärten genutzt wird. Die ist jetzt nicht mehr zugefroren. Und hinter der Baracke steht ein kleines Plumpsklo. Mit Eimer. Wenn Sie wollen, dass er immer abgeholt wird, müssen sie im Gemeindebüro Bescheid sagen.“

Das mit der Pumpe draußen und dem primitiven Klo störte niemanden: In Ostpreußen hatten wir auch kein Wasser im Haus gehabt, nur einen Brunnen im Hinterhof, aus dem man das Wasser mit einem Eimer an langer Kette hochholen musste, und das Klo war auch nicht viel besser gewesen. Statt eines Eimers hatte es aber eine Jauchegrube gegeben, die zusammen mit der Gülle der Tiere geleert werden konnte. Hier gab es aber wenigstens elektrisches Licht, in Lensk hatten wir nur Petroleumlampen gehabt, Strom gab es dort nur in den Unterkünften der Instandsetzungskompanie, die man im Ort eingerichtet hatte, und in dem großen Gut. Erst 1944 hatte man dafür die Leitungen bis ans Dorf gelegt und mit der Elektrifizierung begonnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(10) Ostpreußen, unser Haus mit dem Zieh-Brunnen. Am Brunnenrand der Informant „Onkel Paul“. Die dritte Frau von links ist Tante Anna, rechts mit Kleinkind Tante Ella.

Ich wusste damals noch nicht, dass ich genau zwanzig Jahre später zu Beginn meiner Ehe noch einmal mit ebensolchen sanitären Bedingungen leben sollte wie hier in der Fliegerbaracke – länger als ein Jahr. Wir hatten früh geheiratet, meine Frau Hella arbeitete in Bremen, ich studierte noch in Kiel, wir fanden die Trennung höchst unerfreulich; und als unsere Tochter Katja auf die Welt kam, suchte ich in Kiel eine Wohnung, bekam ein Gartenhaus im benachbarten Kronshagen angeboten, das spottbillig und hinreichend groß war, aber das einen Pferdefuß besaß, den gleichen Fuß wie unsere Funkerbara>

Mutti ergriff die Hand des Ortsgruppenleiters: „Danke, Herr Gunst, Sie hat Gott geschickt…“

Er entzog ihr die Hand. „Lassen Sie den Herrgott aus dem Spiel! Und für Sie bin ich immer noch der Obersturmbannführer, Frau Klein!“

Ein paar Stunden später hatten wir unsere wenigen Habseligkeiten mit Pferd und Wagen herübergeholt – die Baracke lag nur ein paar Minuten von den Johannes- und Elvershäusern entfernt. Mutti hatte sich bei den beiden Frauen bedankt, hatte aber nur ein kurzes „Wiederseh’n“ geerntet. Damit war die Zwangseinquartierung bereits nach einer Woche beendet – alle Beteiligten atmeten erleichtert durch.

Die Bettenfrage war schnell geregelt. Auf die ersten beiden Strohsäcke kamen die vier Jungen, Erna und Irmgard schliefen in dem dritten Bett des kleineren der beiden Zimmer, Mutti und Edith belegten das vierte Eisenbett, das in der Wohnküche unter das Fenster geschoben worden war. Die Spinde reichten für die paar Kleidungsstücke aus, das Geschirr und die restlichen Sachen wurden in eine Ecke gestapelt.

„Vielleicht kriegen wir ja noch mal einen Küchenschrank. Bis dahin muss es so gehen.“

„Und was machen wir mit den Pferden? Und dem Wagen?“

„Der Gunst hat gesagt, wir sollen bei dem Bauern fragen.“

Frau Wittgräfe, eine Frau in Muttis Alter, und ihr wohl siebzigjähriger Vater, der alte Wulferding, den die meisten „Wiehnachtsmann“ nannten, wie wir in den nächsten Tagen und Wochen mitbekamen, empfingen Erna und Mutti recht freundlich, als sie vorn an der großen Dielentür des Bauernhauses klopften. „Der Gunst hat uns schon Bescheid gesagt, dass Sie in die kleine Baracke ziehen, Frau Klein. Wir wollen Ihnen gerne helfen, dass Sie sich hier wohl fühlen. Willkommen bei uns!“

„Danke. Wir müssten als erstes einen Platz für unsere Pferde und den Wagen finden.“

„Das ist ganz einfach. Die Pferde kommen zu uns in den Stall, wenn Sie wollen, und für den Wagen haben wir Platz unter dem großen Vordach.“

„Das wäre ja schön…“

„Und wenn ich die Pferde für die Feldarbeit mitbenutzen kann, sollen Sie auch etwas dafür haben.“

„Aber…“

„Lassen Sie man, Frau Klein, ich denke da so an ein Schwein, das ich für sie mit groß füttere. Eins oder auch zwei im Jahr könnten Sie doch gewiss brauchen, bei den vielen Kindern.“

Bisher hatte Herr Wulferding geredet, nun sprach Frau Wittgräfe weiter: „Und um Milch machen Sie sich auch mal keine Gedanken, die können Sie jeden Morgen und Abend hier bei uns holen. Wenn eins der Kinder hinten durch den Garten kommt, dann sieht das keiner. Braucht ja niemand zu wissen. Und bezahlen müssen sie die auch nicht, sie können uns ja dafür bei der Feldbestellung und bei der Ernte helfen, wenn Sie davon etwas verstehen.“

„Natürlich, wir hatten ja in Ostpreußen auch einen Hof…“

„Ach und noch was“, übernahm der alte Wulferding nun wieder das Wort, „ wir haben hier noch manchmal Bombenalarm. Dann kommen Sie man zu uns in den Keller. Ich zeige Ihnen gleich den Eingang. Hier, durch diesen Schuppen müssen Sie gehen.“

Er führte uns zu einer soliden Tür, hinter der eine Treppe nach unten ging. „Das ist zwar kein bombensicherer Keller, aber besser als Ihre Holzbaracke. Wenn wir keinen Volltreffer abbekommen, dann hält er schon. Ach“, fügte er noch hinzu, „wie machen Sie das mit dem Goldeimer?“

Mutti verstand nicht. „Goldeimer?“

„Na, mit Ihrer Toilette!“

„Die sollen wir bei der Gemeinde anmelden, dann wird der Eimer regelmäßig geleert.“

„Das kostet aber Geld. Das können Sie sich sparen. Bringen Sie den man auf unseren Misthaufen. Auf ein bisschen Scheiße mehr oder weniger kommt es nicht an.“

Erna zuckte zusammen. Solche Wörter waren in unserer Familie tabu, sündig. Sie schaute Mutti an, aber die blieb ganz gelassen. „Danke, das werden wir dann so machen.“

Bereits am nächsten Tag stand ein normaler weißer Küchenherd in der kleinen Baracke und auch einen Schrank hatte das Rote Kreuz auftreiben können. Nun waren wir eingerichtet und konnten der Zukunft mit Zuversicht ins Auge sehen.

Mutti hatte ein Stück durchwachsenen Speck und Kartoffeln bei Wittgräfes kaufen können, am Abend gab es eine große Pfanne voller gut schmeckender Bratkartoffeln. Jeder bekam eine Tasse frischer Milch dazu.

Erich war es wieder, der Mutti erinnerte. „Jetzt haben wir doch erst einmal Ruhe, kannst Du nicht erzählen, wie das mit Papa und den Juden in Lensk weiterging?“

„Ja, das kann ich. Die einzigen Juden in der Nähe, die wir gekannt haben, waren die Leßmanns, die Mühlenbesitzer. Die hatten ein großes Haus neben der Mühle und noch ein zweites in Kongresspolen.“

Erna unterbrach Mutti: „Ich bin oft mitgefahren, wenn wir Korn zu dieser Mühle gebracht haben, und Frau Leßmann hat dann meistens Tee gekocht, wir haben zusammen gesessen und uns was erzählt, die waren nett, die Leßmanns, gar nicht so, wie man uns die Juden in der Schule immer beschrieben hat…“

„Zuerst nahmen die Nazis der Familie die Mühle weg“, griff Mutti den Faden wieder auf, „dann gab es Verbote, sie konnten kein Essen mehr kaufen. Da sind dann Papa und sein Bruder, Euer Onkel Ferdinand, über den Fluss gegangen und haben ihnen Kartoffeln und Brot und andere Esswaren gebracht. Aber eines Nachts trafen sie die Familie nicht mehr an: Die Leßmanns waren abgeholt worden, sie sollen dann auch im KZ gestorben sein.“

„Aber die Leßmanns waren doch drei Brüder“, erinnerte sich Erich.

„Das stimmt“, bestätigte Mutti, „der eine hatte in Lautenburg eine Gaststätte, der andere eine Sägemühle. Was aus denen geworden ist, weiß ich nicht. Ferdinand hat uns nur erzählt, dass er diesen beiden auch geholfen hat. Aber ob er sie hat retten können, das weiß ich nicht.“

„Haben die Nazis nur die Juden schlecht behandelt?“ fragte Erich weiter.

„Nein, auch die Polen und die Russen hatten natürlich unter ihnen zu leiden. Das waren ja nun auch Untermenschen. Es war nicht leicht, etwas für diese armen Leute zu tun. Ihr kennt doch noch den alten Streck – die sind ja nicht mit auf die Flucht gekommen – der hat sich getraut. Der hat einen Polen aus unserem Dorf versteckt. Der sollte zur Zwangsarbeit ins Reich. Monatelang hat er ihn versteckt, erst in seinem Heuschober, dann in seiner Scheune oben im Stroh. So etwas haben wir nicht gemacht.“

„Aber Mutti, hat Papa nicht dem Arkadiusch auch geholfen?“ protestierte Erna.

„Ja, das stimmt. Ihr werdet euch vielleicht nicht mehr erinnern“, wandte sie sich an uns jüngere Kinder, „aber neben Chinek und Janeck hatten wir eine kurze Zeit einen russischen Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter. Arkadiusch hieß er. Diesem hat unser Papa schon nach drei Tagen gesagt, >da ist deine Heimat< und mit der Hand in die aufgehende Sonne gezeigt. Am nächsten Tag war der Arkadiusch verschwunden. Unser Vater wartete drei Stunden, bis er zur Dorf-Polizei ging. Zum Glück kam niemand auf die Idee, dass der Ortsbauernführer sich getraut hat, einem Russen zu helfen.“

„Und wie war das mit unserer Frau Savatzke?“

„Ach ja! Die junge Frau Savatzke war ja Polin. Die wollte man gleich 1940 als Zwangsarbeiterin ins Reich schicken. Sie hat unsere Familie gut gekannt, weil sie für euch Mädchen und für mich Kleidung genäht hat. Sie hat auch mal auf euch Kinder aufgepasst. Sie kam zu mir gelaufen, ich sollte ihr helfen. Ich bin dann zum Radtke und hab ihn gefragt, ob ich sie nicht als Hausmädchen anstellen kann. >Wir können doch nicht alle Polen behalten<, hat er mir gesagt. Ich bin dann noch zwei Mal bei ihm gewesen. Sie durfte dann als Schneiderin für uns arbeiten und blieb in Lensk.“

Bei einer Reise nach Polen / Ostpreußen im August 1993 besuchten wir die alte Frau Savatzke und wurden von ihr und ihrer Tochter aufs Freundlichste bewirtet. Sie wohnte immer noch in dem Haus in Groß Lensk, das sie erhalten hatte, nachdem Lensk im Frühjahr 1945 wieder einmal die Besitzer gewechselt hatte und nun wieder polnisch war. Die Tochter sprach ein paar Worte Deutsch, Erna hatte ihr Polnisch noch nicht ganz verlernt, so dass sogar eine kleine Unterhaltung zustande kam. Frau Savatzke erinnerte sich natürlich gut an unserer Mutti und auch an die großen Geschwister.

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(11) Polen 1993: In der Wohnung der Frau Savatzke. Von links: Traute und Thale, Horst, Erna, Frau Savatzke und ihre Tochter

Das Kriegsende in Harpstedt

Der Ort, in den uns unsere Flucht geführt hatte, etwa dreißig Kilometer südlich von Bremen gelegen, war schon im vierten Jahrtausend vor Christi Geburt besiedelt gewesen, wie man durch die Entdeckung einiger Großsteingräber und des berühmten Sonnensteines, den man vor dem Amtshof aufgestellt hat, weiß.

An einem günstigen Übergang über die Delme entstand dann eine Ansiedlung, die im 8.Jahrhundert n.Chr. von Bremen aus christianisiert wurde. Die Bremer Erzbischöfe waren bis zum Ende des 15. Jahrhunderts die Herren über dieses Gebiet.

Im Jahre 1203 erscheint erstmals der Name „Harpenstede“, abgeleitet vom Plattdeutschen „Harpe“ = Harfe, die heute unter dem Sonnenstein im Wappen des Ortes auftaucht. Die Erzbischöfe waren es, die 1360 die Burg, die man an der Stelle gebaut hatte, wo heute der Amtshof steht, den Grafen von Hoya übertrugen, die damit Lehnsmänner der Bremer und Herren der Harpstedter wurden. Im Jahre 1396 hatten die Burgherren, also die Hoyaer Grafen, den Bürgern das Abhalten von Märkten erlaubt, und daraus war die Bezeichnung „Marktflecken“ entstanden, zum Zeichen, dass hier Marktrecht galt, also eine eingeschränkte Art von Stadtrecht. Die Burg war als Wasserburg an der Delme gebaut worden. Man hatte durch ein Wehr, das man gleich zum Antreiben einer Wassermühle benutzte, den kleinen Fluss aufgestaut und durch Aushub den aufgestauten Wasserlauf zu einem Burggraben erweitert und vertieft.

Dem kleinen Ort wurde eine sehr unruhige Geschichte zuteil; abseits der großen Verkehrswege des Mittelalters konnte er sich nicht so recht entwickeln, lag den Herren, die es besaßen, nicht sehr am Herzen und wurde daher mehrfach als Pfand- und Tauschobjekt verwendet. So geriet es im 15. Jahrhundert an den Dänen Graf Moritz und wurde 1547 von Graf Anton, der bereits Oldenburg und Delmenhorst besaß, erobert und durch ihn evangelisch-lutherisch, was es bis in die Gegenwart geblieben ist. In dieser Zeit wurde dort auch eine erste Schule gegründet, die der Pastor betreute, und entsprechend wurde auch der Unterricht in Kirchenräumen gehalten. Ab 1690 war Harpstedt Sitz einer so genannten Hauptschule, zu der auch die Kinder aus den umliegenden Dörfern gehen mussten oder konnten.

Der Flecken kam dann durch Verträge unter den Herrschenden im Deutschen Reich zu Braunschweig, dann 1714 zu Hannover, dessen König damals auch König von England war – Länder wurden unter den Adligen hin und her geschoben wie heute Autos oder Häuser.

1739 gab es eine große Katastrophe. Da der Ort, wie damals üblich, weitestgehend aus Holz gebaut war und enge verwinkelte Gassen hatte, konnte ein Brand von den 114 Häusern 89 zerstören; nur 25 blieben stehen. Auch die Kirche, die Pfarrhäuser und Teile der Schloss-Burg-Bauten verbrannten.

Man war schlau und nutzte die Katastrophe zu einem radikalen Neubeginn: Das sowieso baufällige Schloss wurde abgerissen, und auf seinen Fundamenten errichtete man das Fachwerkgebäude, das heute noch steht (wenn auch von Grund auf restauriert) und den Amtshof, also den Sitz der Verwaltung enthält.

Der ganze Ort wurde neu konzipiert: Nach den Erkenntnissen moderner Architektur legte man breite Straßen an, die sich rechtwinklig kreuzten. Damals diente das vor allem der Feuersicherheit, heute freut man sich, auf diese Weise einen recht gut fließenden Verkehr im Ort zu haben.

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(12) Oben am Bildrand etwas links von der Mitte standen die Baracken (Pfeil), ziemlich genau in der Mitte weist der Pfeil auf unsere erste Unterkunft bei Johannes. Ganz am rechten Bildrand, 3-4 cm von unten, stand im Grünen die Funkerbaracke

Auch die Kirche, die evangelische Christuskirche, baute man neu in barockem Stil; sie wurde 1753 geweiht.

Erst im Jahre 1848 erhielt der abseits liegende Ort eine regelmäßige Postversorgung, und 1912 gab es eine Eisenbahnverbindung mit Delmenhorst, die aber nie über eine Kleinbahn hinauskam.

Im Jahre 1921 wurde die Schule vollständig von der Kirche getrennt – man plante einen Neubau, da die Gebäude auf dem Amtshof zu klein geworden waren. Am heutigen Rädekerweg, wo es aus dem Ort hinausgeht in den Wald und zum alten Sportplatz, sollte sie stehen. Aber obwohl 1938 fertige Zeichnungen vorlagen, kam es nicht zu dem Neubau, man hätte wegen der nahen Delme zu viel Stahlbeton für das Fundament gebraucht: Bunker waren angesichts des geplanten nahen Krieges wichtiger.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Ort mehrfach bombardiert und erlitt schwere Zerstörungen, die allerdings in kürzester Zeit wieder beseitigt werden konnten.

In den Jahren, in denen wir dann in Harpstedt lebten, war der Ort noch in einem dörflichen Zustand. Überall standen Fachwerkhäuser und viele der Gebäude waren Bauernstellen, d.h. die Bewohner lebten noch mit dem Vieh unter einem Dach. Die Straßen waren mit Kopfsteinen – auch Lesesteine genannt, weil sie einfach auf den Feldern aufgelesen wurden – gepflastert. Die Bürgersteige hatten noch keine Platten, zwischen den kleinen Steinen gab es teils offene, teils abgedeckte Rinnen,– ich dokumentiere das am einfachsten mit einem Bild aus dem Knappmeierbuch (S.102)

Erst viele Jahre nach unserer Zeit erhielt Harpstedt als Luftkurort das heutige Stadtbild. Viele alte Häuser mussten weichen, viele Bäume an den Straßen verschwanden und machten Parkbuchten Platz – nicht alle Harpstedter waren von dieser radikalen Modernisierung begeistert – ich gehörte dazu, wenn ich aus Bremen wieder einmal den Ort meiner Kindheit besuchte und betrachtete.

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(13) Die Lange Straße vor dem Umbau Harpstedts zum Luftkurort (Bild-Kommentar von Knappmeier)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten (14) Ein anderer Teil der Langen Straße. Hier gab es noch Bäume, wie in vielen Straßen

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(15) Die moderne Lange Straße, rechts das Geschäft Lampe

Im Februar und März 1945 eroberten die Russen den ganzen deutschen Osten und stießen bis an die Oder vor. Die Amerikaner und Engländer besetzten das linksrheinische Deutschland, am 7. März gewannen die Amerikaner mit der Eroberung der Brücke bei Remagen einen Brückenkopf rechts des Rheins, den sie bis zum 22. März auf 50 km Breite ausbauten. An diesem Tag kapitulierte Mainz. Am 24. März erzwangen die Engländer bei Wesel den Übergang über den Rhein:

Das ist der historische Hintergrund des Zeitpunktes - des 23. März - an dem unser kleiner Treck aus Ostpreußen in Harpstedt endgültig sein Ende fand.

In diesem Marktflecken herrschte noch Ruhe, fast Frieden – wenn man die Bombenangriffe ignoriert - hier hatte man es bisher nicht für nötig gehalten, einen Volkssturm einzuberufen, der Feind war ja weit weg, kriegerische Auseinandersetzung auf dem heimischen Boden hatte es bisher natürlich nicht gegeben, und man rechnete auch für die Zukunft nicht damit.

In Harpstedt war die Welt noch „in Ordnung“, die Parteiorganisation der NSDAP funktionierte weiterhin, hier wurde noch geplant und befohlen – und gehorcht, wenn auch manchmal widerwillig, wie wir am Beispiel unserer Einquartierung hatten erleben können.

Wir verlebten in unserer kleinen Baracke einen sonnigen und fast friedlichen März. Für die ersten Tage hatten wir von Wittgräfes etwas Holz und auch Torf bekommen, das wir mit ihrem kleinen Handwagen zu uns in die Funker-Baracke hinüberbrachten und draußen an der Wand unter dem überstehenden Dach aufstapelten, so dass es auch bei Regen einigermaßen trocken blieb. Nun galt es aber, eigenes Brennholz zu besorgen.

Mutti und Erna machten sich also auf in die Försterei Wilkening, die am anderen Ende des Fleckens im Wald gelegen war, und erhielten dort ohne Probleme einen Sammelschein. Der berechtigte uns dazu, aus den Harpstedter Wäldern Abfallholz zu holen. Die Waldarbeiter fällten im Herbst und im Winter Bäume, vor allem Kiefern und Fichten, und nur die Stämme wurden an die Sägereien im Flecken und an die umliegenden Dörfer verkauft oder ins Ruhrgebiet verfrachtet, wo sie als Grubenholz in den Bergwerken gebraucht wurden. Übrig blieb das sogenannte Kopfholz, also die Baumkronen mit den dünnen Ästen, und die Baumstumpen, die man einfach in der Erde stecken ließ. Die Forstverwaltung war ganz froh, dass es Leute gab, die an diesen Abfällen interessiert waren; auf diese Weise wurde der Wald „aufgeräumt“, das Kleinholz verschwand, die Stubben wurden gerodet, und man konnte dann auf sauberer Fläche neue Bäume anpflanzen.

Wittgräfes liehen uns ihren Handwagen und auch eine Axt und eine Bügelsäge, ein Beil hatten wir aus Ostpreußen mitgebracht; es hatte uns unterwegs oft gute Dienste geleistet, wenn wir grobes Holz kleinhacken mussten, um ein Feuer zum Kochen anmachen zu können. Damit ausgerüstet, begaben sich Mutti und Artur und Erich in den Wald beim Brammer Moor: Man hatte uns gesagt, dort gebe es einen frischen kleinen Kahlschlag, den sie nach kurzem Suchen auch fanden. Mutti hatte beim Laufen durch die Waldwege gesehen, dass unter den hohen Kiefern niedrige Sträucher wuchsen, die um diese Jahreszeit noch nicht einmal Ansätze von Blättern zeigten. „Da, schaut mal Jungens, das sind Blaubeersträucher. Hier werden wir Blaubeeren pflücken kommen. Wir müssen mal fragen, ob wir die im Flecken auf dem Markt verkaufen können.“

Die Forstarbeiter hatten die gefällten Bäume bereits von den Ästen befreit, die Kronen abgesägt und waren nun dabei, mit schweren Rückepferden die Stämme zu den Waldwegen zu ziehen, wo sie gelagert und dann von Treckern auf Anhänger gezogen und abtransportiert werden sollten. Sie wiesen Mutti freundlich auf eine Ecke hin, in der noch viele und dicke Zweige herumlagen, und unsere drei Holzholer machten sich an die Arbeit. Mutti sägte die dicken Äste in etwa zwei Meter lange Stücke, Erich hackte mit der Axt die großen Zweige ab, Arthur zerhackte die Zweige zu Kleinholz – das würde man zum Feueranmachen gut gebrauchen können. Sie legten dann die dicken glatten Stämmchen auf den Wagen, steckten senkrecht lange Stöcke an die Seiten und packten anschließend den Wagen hoch mit den dünneren Zweigen voll und sicherten die Fuhre mit einer alten Wäscheleine. Mutti und Erich ergriffen die Deichsel, Artur schob von hinten den schwer gewordenen Wagen. Das Stück über den Waldboden war anstrengend, einmal musste sogar ein Forstarbeiter helfen, als ein Rad in ein Wasserloch geriet, aber als sie erst einmal den festen Waldweg und dann die Bassumer Straße erreicht hatten, ging es leicht.

Nach gut vier Stunden waren sie zu Hause und luden ihre Beute ab. Im Garten fand sich ein ordentlicher Hackklotz und ein wackeliger Sägebock: Noch am selben Tag wurden die dicken Äste in ofengerechte Stücke von etwa dreißig Zentimetern zersägt und an der Wand aufgeschichtet, die Zweige wurden ganz fein gehackt und im Flur untergebracht.

Diese Holzaktion wurde in den kalten Monaten wöchentlich zweimal wiederholt. Als die größte Kälte im Mai vorbei war, reichte es, wenn wir einmal fuhren, in den Monaten, in denen wir das Holz nur noch zum Kochen brauchten, machten sich unsere Holzholer, oft die drei Jungen allein, nur noch alle zwei Wochen auf den Weg.

An einem der nächsten Abende war Mutti – wie inzwischen üblich – wieder bei unserem Bauern nebenan. Sie hatten sich darauf verständigt, dass sie Frau Wittgräfe beim Melken unterstützte; dafür bekamen wir dann täglich morgens und abends zwei Liter Milch, bei Bedarf auch mehr. Man war bei der gemeinsamen Arbeit inzwischen zum Du übergegangen. Das Melken strengte zwar die Hände und auch die Unterarme an, war aber sonst geruhsam zu nennen: Man konnte sich dabei gut unterhalten, wenn man in zwei Metern Abstand auf seinem Melkschemel hockte und den Milchstrahl in den unter das Euter gestellten Eimer spritzte.

„Ich habe dich noch gar nicht gefragt, Hermine, was eigentlich mit deinem Mann ist“, begann Mutti ein Gespräch, vor dem sie sich bisher immer gescheut hatte.

„Mein Mann ist tot, gefallen. Er ist an der Front in Ostpreußen schwer verwundet worden. Wir konnten ihn noch im Lazarett besuchen, aber gesund wurde er leider nicht mehr.“

„Das ist ja schrecklich, mein herzliches Beileid für dich und deine Töchter – und auch für Deinen Vater. Hoffentlich ergeht es meinem Rudolf nicht auch so!“

„Ist er denn auch noch an der Front, Lokadja?“ „Lokadja“ war die übliche Form, in der unsere Mutter angesprochen wurde.

„Das wissen wir nicht, er ist nicht Wehrmachts-Soldat, nur Volkssturmmann. Seit seinem Weihnachtsurlaub haben wir nichts mehr von ihm gehört.“

Und dann erzählte Mutti, was sich in den letzten Monaten vor der Flucht bei uns und für uns in Ostpreußen abgespielt hatte – nach dem Melken und Abendessen ging sie noch einmal zu Frau Wittgräfe zurück, um ihren kleinen Bericht abzuschließen.

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(16) Unser Vater als Schlosser-Geselle, etwa 1930

Vor dem Krieg war unser Vater nicht besonders politisch interessiert oder gar aktiv gewesen. Gleich nach dem Deutschwerden im Jahre 1939 gab es dann auch in unserem Kreis Neidenburg Nazipropaganda auf breitester Front mit massiver Werbung für die NSDAP, die keinen Zweifel daran ließ, dass jeder anständige deutsche Mann in die Partei gehörte, zumal wenn er einen Betrieb hatte wie unser Vater. Er trat dann auch gleich in die Partei ein, sowohl aus Begeisterung für die Wohltat, dass man uns Deutsche wieder heim ins Reich geholt und mit Haus und Schmiede ausgerüstet hatte, als auch aus einfachem Kalkül: Man hatte deutlich gemacht, dass Nichtparteimitglieder schneller mit einem Einsatz als Frontsoldat zu rechnen hatten, selbst wenn sie nicht mehr ganz jung waren.

Unser Vater wurde dann zum Blockleiter befördert, für etwa ein halbes Jahr machte man ihn auch noch zum Ortsbauernführer, weil der bisherige Amtsinhaber Wrede Probleme im Rahmen der Ablieferungspflicht der Bauern hatte und vorübergehend abgesetzt worden war. In Neidenburg war er seit Anfang 1944 auch Vorsitzender der Handwerker-Innung Landmaschinenschlosser. „Ja, mein Rudolf war damals ein richtiger Hitleranhänger und hat viel für die Partei getan, aber lange hat ihm das nicht geholfen.“

Der Landmaschinenschlosser-Meister und Ortsbauernführer Rudolf Klein wurde nicht zur Wehrmacht eingezogen, weil mehrere günstige Faktoren zusammenkamen: Er war Parteimitglied mit Funktionen. Er war kinderreich. Die Landwirtschaft musste funktionieren, und er hatte für die ganze Umgebung die landwirtschaftlichen Maschinen in Schuss zu halten, war also kriegswichtig, unabkömmlich an der „Heimatfront“. Das alles hatte Bedeutung und Geltung, so lange sich der Krieg – im deutschen Sinne – gut entwickelte, d.h. die deutschen Truppen siegreich nach vorn marschierten und die Front weit weg war von deutschem Boden. Als besagte Front dann aber bedrohlich näher kam, d.h. die Rote Armee siegreich nach vorn marschierte und sich bedrohlich dem Deutschen Reich näherte, da zählten plötzlich

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(17) Unser Vater als Volkssturmmann 1944

alle diese Faktoren nicht mehr: Jeder zwischen 16 und 60 (die Ausnahmen wurden immer seltener), der ein Gewehr oder einen Spaten halten konnte, hatte ‚Soldat’ oder Volkssturmmann zu werden.

Mit dem 16.10.1944 war die Schonung für ihn vorbei – er hatte sich zu einem Ausbildungslehrgang „zwecks Sonderausbildung bekannter Nahbekaempfungsmittel“ in Allenstein einzufinden.

Dieser Befehl war für unsere Familie ein Schock und bedeutete das Ende der friedlichen Idylle in Haus und Hof und Schmiede in Groß Lensk. „Diese Einberufung ist eine Strafe, die Strafe Gottes dafür, dass wir mit dem Bösen paktiert haben: Hitler ist der Antichrist. Für diesen Antichristen haben wir Partei ergriffen – und nun straft Gott uns dafür“, so legte Mutti ihre Weltsicht der Frau Wittgräfe dar.

Im Kreis Neidenburg wurden vier Kompanien aufgestellt. Die zweite Kompanie hatte unser Bezirk Soldau zu stellen – hier wurde unser Vater eingegliedert. Eingesetzt wurde er weit im Osten, in Grabnick, etwa 40 km von der Grenze entfernt. Sie errichteten Panzersperren, hoben dazu tiefe Gräben aus, zu kämpfen hatten sie nicht.

Vom zweiten Weihnachtstag bis Silvester bekam er Heimaturlaub. In diesen Urlaubstagen fuhr er nach Soldau und kaufte ein, viel Material für die Schmiede, weil er sicher war, gleich nach dem Krieg den Betrieb wieder weiter betreiben zu können. Unser Vater hatte in all den Kriegsjahren jeden Gedanken an Flucht weit von sich gewiesen. Er gehörte zu denjenigen, die fest an den Endsieg glaubten, wusste man doch unklar etwas von Wunderwaffen, die bereits erprobt wurden und mit denen man trotz allem den Sieg würde erzwingen können.

Im Herbst 1944 stand es um diesen Sieg allerdings recht schlecht. Am 21. August 1944 drangen russische Soldaten in Ost-Ostpreußen ein, besetzten den kleinen Ort Nemmersdorf. Als deutsche Truppen zwei Tage später das Dorf wiedereroberten - ich zitiere jetzt aus dem Buch von Guido Knopp. „Die große Flucht“ –„bot sich ihnen ein grausames Bild: Alle, die Nemmersdorf nicht rechtzeitig verlassen hatten, (die meisten waren am Vortag geflüchtet) waren brutal ermordet worden. Die grausame Bilanz der ersten Konfrontation russischer Kampfverbände mit deutscher Zivilbevölkerung lautete: 26 Tote, unter ihnen Frauen, Kinder und Alte. Sofort lief Goebbels Propagandamaschinerie auf Hochtouren. Deutsche wie ausländische Zeitungen berichteten wenig später vom ‚Massaker in Nemmersdorf’ und sparten dabei nicht an Details: ‚vergewaltigte Frauen und Kinder’, ‚brutal hingerichtete Greise’. Die Wochenschau brachte Bilder, die sich für immer in das kollektive Gedächtnis der entsetzten Kinobesucher eingraben sollten."

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(18) Nemmersdorf. Zahlreiche Historiker gehen davon aus, dass dieses Bild nachträglich „gestellt“ worden ist – die Fakten werden allerdings nicht bestritten

Diese Informationen haben auch die Volkssturm-Einheiten (und damit auch unser Vater) zu sehen bekommen, denn Goebbels hatte Anweisung gegeben, die „sowjetischen Gräuel in der Öffentlichkeit stärker in den Vordergrund zu rücken“…So titelte dann auch der Völkische Beobachter am 27.Oktober: „Das Wüten der sowjetischen Bestien – Furchtbare Verbrechen in Nemmersdorf“. Ziel dieser Pressekampagne war es, den Widerstandswillen der Soldaten und des Volkssturms zu stärken, doch – ich zitiere noch einmal Knopp – „mit seiner Nemmersdorf-Kampagne hatte sich der sonst so wirkungsvoll agierende Propagandaminister verrechnet: Statt den Widerstandswillen zu stärken, brach unter der Bevölkerung Panik aus. In den Wochen nach… Nemmersdorf setzte in Ostpreußen eine erneute, unkontrollierte Fluchtbewegung ein…“

Diese Ereignisse in Nemmersdorf haben ein Umdenken bei unserem Vater bewirkt, wie er bei seinem Weihnachtsurlaub erzählte.

„Im Nachhinein müssen wir Goebbels eigentlich dankbar sein für seine Propaganda-Aktion, denn erst sie hat es möglich gemacht, dass die Flucht unserer Familie zumindest halbwegs gut vorbereitet wurde: Als Rudolf zu dem schon erwähnten Urlaub aus seinem Standort Grabnick nach Hause kam, war sein Entschluss gefasst. >Du wartest auf niemanden, wenn hier gesagt wird, es wird geflüchtet, dann bloß weg!< hat er zu mir gesagt. Er gab nicht eher Ruhe, bis ich ihm fest versprochen habe, sofort zu flüchten, wenn wir hören, dass die Russen in der Nähe sind. Wir sollten soweit nach Westen fahren, bis wir sicher sein konnten, dass die Russen uns dort nicht mehr erreichen können.“

Und damit eine solche Flucht auch stattfinden konnte, ging er gleich in die Schmiede, um einen Wagen vorzubereiten. Ein normaler großer Erntewagen mit Sitzbock und Holzrädern, die mit einem Eisenreifen umgeben waren, wurde ausgewählt. Dieser Kastenwagen war etwa fünf Meter lang, der Boden zwei Meter breit, die Seitenbretter hatten oben einen Abstand von vielleicht 2,5 Meter. Darüber baute er zusammen mit unseren beiden Polen, die die Arbeit dann eigenständig abschlossen, aus verzinkten Blechen, die er in Soldau zusammen mit allerlei Flacheisen erstanden hatte, ein rund gewölbtes Dach, so dass man in der Mitte des Wagens stehen konnte und alles trocken bleiben würde.

„Er konnte nicht wissen, dass bereits knapp drei Wochen später die Stunde des Aufbruchs da war - deutlich früher, als er und selbst die größten Schwarzseher angenommen hatten. Aber das werde ich dir ein andermal erzählen.“

In der Endphase des Krieges wurde es dann noch einmal ungemütlich bei uns in der Funkerbaracke, als die neuerlichen Bombenangriffe der Engländer begannen und die Front unaufhaltsam näher rückte. Ich erzähle hier einige Ereignisse der letzten zwei Kriegsmonate in Harpstedt, die wir Kinder damals zwar nicht in allen Einzelheiten mitbekamen, von denen wir aber betroffen waren und unter denen wir zum Teil auch zu leiden hatten.

Im April drang die zweite englische Armee vom Wesel aus nach Osten vor, ein Teil spaltete sich ab und fuhr und marschierte nordwärts in Richtung auf Bremen. Am 4. April 1945 erreichten sie niedersächsisches Gebiet, am 7. war bereits die Nachbargrafschaft Diepholz erobert. Himmler gab den Befehl heraus, „alle männlichen Personen zu erschießen“, deren Haus eine weiße Flagge zeigte, aber das erschreckte die Harpstedter nicht. Überall wurden weiße Tücher aus den Fenstern gehängt, denn alle waren an einer kampflosen Übergabe des Ortes interessiert, damit die Häuser und Straßen nicht noch im allerletzten Moment in sinnlosen Kämpfen zerstört wurden.

Die Parteileitung sah das allerdings ganz anders: In den ersten Apriltagen wurden in Harpstedt und in den umliegenden Dörfern nun doch noch Volkssturmeinheiten aufgestellt. Man errichtete aus gefällten Bäumen Panzersperren auf den Zufahrtstraßen und auch in der Langen Straße und der Mullstraße an der Brücke über den kleinen Steinbach. Hier sollten dann die feindlichen Panzer gestoppt und mit Panzerfäusten vernichtet warden.

Am 5. April besetzte eine Gruppe des Volkssturms die Panzersperre in der Langen Straße. Dem Lehrer Grimsehl, (der in den nächsten Jahren einer der wichtigsten Wohltäter für unsere Familie werden sollte), wurde die Bedienung des Telefons übertragen und er notierte über die Ereignisse am 7. April:

„Am Nachmittag war der Volkssturm aufgefordert worden, sich um 20. Uhr auf dem Marktplatz zum Einsatz zu sammeln. Wohin uns der Befehl führen sollte, blieb Vermutungen überlassen. Da der Feind sich bis in die Nähe Harpstedts vorgeschoben hatte, lag die Annahme nahe, dass sein Vordringen verhütet, mindestens aber erschwert werden sollte. Wie man höheren Orts sich die Ausführung dachte, blieb ein Geheimnis. Uns wurde klar, dass die Begegnung mit dem Feind uns in eine hoffnungslose Lage bringen würde, in der die Gefangenschaft oder der Tod nur das Ergebnis sein konnten.

Wie es gekommen ist, dass von Mund zu Mund weitergegeben wurde, dem Befehl nicht zu folgen, weiß ich nicht. Es dürfte die Erkenntnis wohl allen Beteiligten aufgegangen sein, dass hier etwas völlig Nutzloses gefordert wurde.

Die Dunkelheit brach an. Ich begab mich mit einem Herrn Krohn…auf den Marktplatz und stellte seine absolute Leere fest. Da blitzte plötzlich eine Taschenlampe vor mir auf. An der Stimme erkannte ich den Abteilungsführer Heinrich Volkmer, der sich erkundigte, wo die Volksstürmler seien. Wir konnten ihm darauf keine Antwort geben und zogen uns in unsere Wohnungen zurück.

Damit hatte sich der Bruch mit dem alten Regime vollzogen. Hier lag offensichtlich Gehorsamsverweigerung, wenn man will, Landesverrat vor.“ (Aus Jürgen Ellwanger. Schwierige Zeiten. Harpstedt zwischen Kriegsende und Währungsreform. Harpstedt 2002. S.14 f. Das Buch wird im Folgenden verkürzt mit Ell, SZ + Seitenzahl zitiert.)

Wie man sieht, gab es in Harpstedt durchaus Zivilcourage und nicht nur blinden Gehorsam bis zum bitteren Ende.

Als sich am nächsten Tag bei uns herumsprach – zuerst noch hinter vorgehaltener Hand – dass es Männer gewagt hatten, sich klaren Anweisungen der Partei zu widersetzen und als dann deutlich wurde, dass diese Tat keine Konsequenzen nach sich zog, ahnten und hofften wir alle, dass damit die Tage der Nazis wohl gezählt sein dürften. Wir hofften das umso mehr, weil wir nicht wussten, wo sich unser Vater in diesen Tagen aufhielt, wahrscheinlich irgendwo in Ostpreußen, das inzwischen fast vollständig von den Russen erobert worden war. Ob er gleich nach dem Zusammenbruch eine Möglichkeit finden würde, zu uns nach Harpstedt zu kommen? Oder steckten die Russen auch die sehr jungen und die schon älteren Männer des Volkssturms in Kriegsgefangenenlager? Wir ahnten nicht, dass alle unsere Überlegungen müßig waren: Unser Vater war genau in diesen Tagen, am 4.4.1945, gestorben, „gefallen“ sagte man damals euphemistisch, als könnte ein so Gefallener bei nächster Gelegenheit wieder aufstehen.

Die gleiche Zivilcourage wie Grimsehl und seine Leute zeigte mancher Harpstedter auch, als in den Schlusswirren Soldaten in den Ort kamen, die ihre Einheit verlassen hatten und nur eines wollten: nach Hause. Solche Leute mussten der Partei gemeldet werden. Sie galten natürlich als Deserteure und wurden auch noch in den allerletzten Kriegstagen unerbittlich an die Wand gestellt oder öffentlich erhängt. Überall konnte man Hingerichtete mit dem Schild um den Hals hängen sehen: „Wir sind Deserteure und haben bekommen, was wir verdienen.“ Zum Glück blieb uns Kindern ein solcher Anblick erspart.

Viele Harpstedter versteckten diese Soldaten, halfen mit ziviler Kleidung und mit Essen weiter. Auch Erich und Artur kamen eines Abends nach Hause und erzählten, sie hätten einer Gruppe von Soldaten geholfen, indem sie ihnen sagten, welche Wege sie wählen und welche Stellen sie meiden mussten, um nicht den wachsamen „Kettenhunden“ der Wehrmacht in die Hände zu fallen. Sie hatten ihnen geraten, nicht durch den Flecken zu gehen, weil die Brücke am Amtshof über die Delme Tag und Nacht bewacht war, sie sollten den Ort südostwärts umgehen, bis sie die Delmewiesen erreichten, die Delme dann auf der schon von weitem gut zu erkennenden Schwarzen Brücke überqueren und sich danach in den Wäldern in Richtung Bremen fortbewegen, in Dünsen, Klosterseelte und weiter nordwärts seien die Wälder groß und dicht genug, um sich gut zu verstecken. Sollten sie auf der Schwarzen Brücke Soldaten sehen, müssten sie eben noch weiter nach Südosten ausweichen und dann durch die Delme waten, sie war nicht tief und stellte keine Gefahr dar.

Die meisten der in Harpstedt stationierten Wehrmachtssoldaten und RAD-Einheiten waren Ende März abgezogen worden, stundenlang hatten wir an der Kreuzung beim Schuhhaus Schnepel gestanden und den in Richtung Bahnhof marschierenden Soldaten, Dienstverpflichteten, Arbeitsmaiden, Angehörigen der Organisation Todt zugesehen, die anfangs noch diszipliniert und in guter Ordnung, dann aber als wilde Trupps durchzogen, mit Fahrrädern, Pferdefuhrwerken, Kinderwagen - ohne Ordnung und Disziplin, Verwundete dabei, Abgerissene, Zurückflutende von der sich auflösenden Front im Westen Deutschlands. Viele Arbeitsmaiden wurden noch im letzten Moment zur Flak abgeordnet, andere schafften es, sich bei Bauern als Magd zu tarnen, zu verstecken - und entkamen so dem Schicksal, als Kriegsteilnehmer aufgegriffen und in ein Gefangenenlager gesteckt zu werden.

Als am 8. April britische Panzer im nahen Bassum einfuhren, schreckten wir in Harpstedt hoch. Nördlich des Fleckens musste es eine Riesenexplosion gegeben haben, man sah Feuerschein und Rauch, begleitet von ohrenbetäubendem Explosionslärm. Abziehende deutsche Pioniere hatten begonnen, in der Munitionsanstalt im nahen Dünsen die Werkshallen und einen Teil der eingelagerten Bomben zu sprengen. Der Boden brannte ihnen aber schon so unter den Füßen, dass sie einen Großteil dem Feind überließen: Die Engländer brachten diese Bestände Wochen später auf eine Waldlichtung, und deutsche Kriegsgefangene mussten sie dort sprengen (Ell SZ, S.14) – das ist der Ort, den wir in den nächsten Jahren aufsuchten, um die Bombensplitter aus dem Sand zu buddeln und zu verkaufen – aber davon später.

Am 9. April waren immer noch Soldaten in Harpstedt; sie verfügten über einige Halbkettenfahrzeuge. Drei davon standen in der Burgstraße und in der Langen Straße. In der Nacht zuvor hatte der letzte deutsche Harpstedter Panzer in der Winkelsetter Straße die anrückenden Engländer beschossen, drei Fahrzeuge zerstört und einige Soldaten getötet. Diese „Heldentat“ machte den Engländern deutlich, dass sich Harpstedt trotz der weißen Tücher in vielen Fenstern nicht kampflos ergeben wollte, und die Reaktion hatte große Ähnlichkeit mit dem, was wir wohl alle aus dem Anti-Kriegs-Film „Die Brücke“ kennen. Um das Risiko bei einem Angriff zu verringern, wurde Harpstedt erst einmal mit Bomben eingedeckt.

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(19) Eines der Halbkettenfahrzeuge der deutschen Wehrmacht

An diesem 9. April 1945 waren unsere Mutter und Erich unterwegs zur Post, als sie gegen drei Uhr zunehmend lautes Motorengebrumm hörten. „Das sind doch Flugzeuge“, meinte Erich. „Die kommen von Westen.“ Sie blieben stehen und schauten zum Himmel hoch und sahen Flugzeuge auf Harpstedt zukommen. „Eins, drei, fünf, sechs“, zählte Erich. „Die Sirenen heulen ja nicht, das sind wohl unsere Flugzeuge“ beruhigte Mutti. Sie wusste nicht, dass durch den Stromausfall im Ort auch die Sirenen nicht funktionierten, so etwas wie Notstromaggregate hatte man damals noch nicht - und sie gingen weiter. Als die Maschinen über ihnen waren, schaute Erich hoch und suchte die Balkenkreuze unter den Tragflächen. „Da sind Kreise und Ringe“ rief er aufgeregt, „das sind Engländer!“ Die britischen Jagdbomber kamen von Wildeshausen her angeflogen. Sie zogen eine Schleife über dem Flecken und kehrten dann zurück. „Die schmeißen Bomben ab“, schrie Mutti, als sie sah, wie die erste Bombe ausgeklinkt wurde und schräg auf den Ort hinunterstürzte. „In den Graben, schmeiß dich hin“, schrie sie Erich zu, und beide suchten in dem flachen Straßengraben Deckung, so gut es ging. Die erste Bombe schlug einen Kilometer entfernt neben dem Haus von Grimsehl ein und beschädigte es schwer, die zweite landete ganz in der Nähe von Erich und Mutti, sie krachte in das Wählamt an der Post, das explodierte und in Flammen aufging, und richtete auch am Postgebäude selbst Schaden an. Mutti schrie auf und hielt ihre Hand hoch, von der Blut herabtropfte. Ein Splitter hatte ihr den Handrücken aufgerissen.

Während die Bomber noch einmal drehten und den südlicheren Teil des Ortes unter Feuer nahmen, rannten die beiden los, zurück zum Bauern Wittgräfe. Wie sie richtig vermutet hatten, trafen sie uns alle in dem Luftschutzkeller unter dem Schuppen an, in dem auch Bauer Wulferding und Frau Wittgräfe mit ihren beiden Töchtern, ihrem Bruder und dem polnischen Landarbeiter saßen. Mit einem Stoff-Fetzen wurde die Hand meiner Mutter notdürftig verbunden – die kleine Narbe behielt sie ihr Leben lang. Mehrfach hörten wir die Bomben jaulen und dann das Krachen der Einschläge, sie schienen aber alle ein Stück weit entfernt zu sein.

Nach wenigen Minuten herrschte Stille, es gab (natürlich) keine Entwarnung durch die Sirenen. Wir warteten deshalb lange, um sicher zu gehen, dass die Bomber wirklich weg waren, dann verließen wir den Bunker und schauten hinüber zum Flecken, in dem an vielen Stellen dicke Rauchschwaden zum Himmel aufstiegen: Neun Bomben waren insgesamt eingeschlagen und hatten große Schäden angerichtet. Fünf Menschen waren dabei gestorben, viele Verwundete brachte man zu den Sanitätern der Wehrmacht, wo sie ärztlich versorgt wurden. Die meisten hatten Splitter abbekommen oder waren von herabstürzenden Haustrümmern getroffen worden. (Ell SZ, S.31f)

Es war der dritte Bombenangriff in diesem unsäglichen Krieg gewesen.

An diesem denkwürdigen Tag gab es eine weitere Aktion des Ungehorsams von Harpstedtern, die großen Schaden verhütet hat.

Die abrückenden deutschen Soldaten hatten an den beiden Brücken der Amtsfreiheit bei der Wasserburg Sprengladungen angebracht, eine an der Brücke über die Delme, eine an der kleinen Brücke über den Abfluss des Burggrabens.

Der Kommandeur der Muna hatte die vier Bomben von je 150 kg Sprengkraft unter den beiden Brücken befestigt, etwa sechzig Zentimeter in der Länge und 35 im Durchmesser maßen diese Biester. Der Führer des 3. Volkssturmzuges, der Forstmeister Burchard Lamprecht, hatte den Befehl, die Bombe direkt vor Eintreffen der Engländer zu zünden. Er wusste aber – wie andere auch – dass ein Loch in der Straße die Engländer nur für ein Stündchen aufhalten würde. In Dünsen, wo die Brücke über die Beeke gesprengt worden war, hatten die Engländer mit einem Bergepanzer Sand in das nur einen Meter tiefe Flussbett geschoben und waren dann mit ihren Panzern problemlos hinübergefahren. Er wusste außerdem, dass sich der verantwortliche Sprengmeister der Muna bereits vor einigen Tagen „abgesetzt“ hatte, wie man das Verschwinden der Verantwortlichen aus den Reihen der Nazis zu nennen pflegte. Und er wusste drittens, dass eine Sprengung nicht nur die beiden Brücken zerstören würde, sondern auch die Häuser in der Umgebung, vor allem die Wassermühle mit ihren Einrichtungen zur Stromversorgung Harpstedts.

Das alles wussten natürlich auch die Bewohner der Mühle, die Familie Freese, die am direktesten betroffen gewesen wären und in deren Garage die Zündvorrichtungen für diese Bomben lagerten. Daher hat Frieda Freese das Dynamit für die Zünder in die Delme geworfen und die Zündschnüre in einem Fass versteckt - und Herr Lamprecht hat den Befehl nicht ausgeführt, sondern zusammen mit weiteren Helfern die Bomben entfernt und in der Delme versenkt. (Ell, SZ, S. 34 f)

Aber nicht überall und immer war eine solche Gesinnung ton- und handlungsbestimmend. Konrad Knolle berichtet von den letzten Kriegstagen im Dreiangel, und ich war erschüttert – wenn auch nicht sehr überrascht - was ich da von einem unserer Mitflüchtlinge aus Lensk lesen musste.

„Als erste Flüchtlinge kam eine Familie aus Ostpreußen zu uns. Der Mann war ein überzeugter Hitleranhänger. Er versuchte gleich, die Zügel auf dem „herrenlosen“ Hof in die Hand zu nehmen. Die beiden französischen Kriegsgefangenen und unsere Ukrainerin, die auf unserem Hof Dienst taten, sowie Agnes (Lüdeke aus Scholen) und Mutter wurden nach Strich und Faden schikaniert. Die braune Uniform war des Flüchtlings Berufskleidung.

Morgens, gegen 10.00 Uhr am 10. April kamen über das Heideland mehrere Panzer bis zum Hof Klenke gefahren. Iwers, einer der französischen Gefangenen auf unserem Hof, nahm „die Zügel in die Hand“. Mit unserem Ostpreußen kam es zum Eklat. Der Franzose vergrub mehrere Wertsachen von uns unter dem Holzschuppen, steckte ein weißes Bettlaken aus dem Bodenfenster und gab uns Verhaltensregeln. Unser Flüchtling widersetzte sich, er glaubte an einen Gegenangriff der Deutschen und drohte dem Franzosen mit Konsequenzen. Dieser setzte sich kurzentschlossen aufs Fahrrad und fuhr den Panzern entgegen. „Seht, es sind deutsche, der Kriegsgefangene hebt die Hände“, so der Flüchtling. Iwers kam zurück und berichtete, es seien englische Einheiten. Voll Entsetzen, kleinlaut geworden und in Windeseile versteckte unser Flüchtling nun Uniform und Embleme der Nazizeit in der Scheune. Wir fanden später beim Dreschen vieles wieder.“ (Ell SZ, S.49) Ich schämte mich, als ich das las. Es war eine Art „Fremdschämen“ für einen Ostpreußen, den wir gut kannten. Offenbar hatte er immer noch nichts dazugelernt – Zeit wurde es nun wirklich so langsam.

In der Nacht zum 10. April heulten noch einmal die Sirenen. Alle in unserer kleinen Baracke sprangen aus dem Bett, zogen eine lange Hose und eine dicke Jacke über die Schlafsachen, stiegen in die Schuhe und wollten loslaufen. „Halt!“ bremste Mutti, „wo ist denn der Horst?“ Keiner hatte ihn gesehen. Man rief laut, schaute vor die Tür – nichts. „Lauft schon in den Keller“, schickte Mutti die Kinder los, „ich suche weiter und komm dann nach.“ Mit langen Schritten rannten alle durch den dunklen Vorgarten und dann den Weg entlang zum Schuppen mit dem Bunker. Als sie unten die Kerze anmachten, sahen sie mich in der Ecke sitzen. Ich hatte beim ersten Sirenenton die Beine in die Hand genommen und war in den Keller gelaufen, ohne auch nur an warme Kleidung zu denken. Erich rannte zurück, sagte Mutti Bescheid, dass ich schon im Keller war, dann nahmen sie Strümpfe, eine Hose und meinen Mantel mit und kamen außer Atem in den Bunker zurück. „Dass du das nie wieder tust!“ wurde ich ermahnt – aber zum Glück gab es danach keine Situation mehr, in der ich panikartig den Keller aufsuchen wollte oder musste.

„Wieso ist denn der kleine Horst so schnell und ganz alleine hier in den Keller gekommen?“ wollte Frau Wittgräfe wissen.

„Der hat besonders viel Angst vor Fliegern und Bomben“, sagte Erna, „man könnte sagen, dass er ein gebranntes Kind ist, obwohl „gebrannt“ nicht ganz passt.“

Und dann erzählte sie gemeinsam mit Mutti, wie es zu dieser Angst gekommen war:

Im Februar hatten wir ganz in der Nähe der Elbe am späten Nachmittag Rast gemacht. Es ging nicht weiter, wir konnten aber auch nicht von der Straße herunter und zu einem der verlassenen Höfe fahren, weil der Schnee an beiden Seiten der Straße zu hoch lag. Nun standen also die Fuhrwerke des Lensker Trecks in einer langen Reihe auf der Landstraße. Alle blieben auf den Wagen, man hoffte, es würde noch einmal weitergehen, man müsste nicht hier auf freiem Feld übernachten. Ich quengelte, war schlecht gelaunt, kratzte mich dauernd. Mutti verstand sofort: Die Läuse plagten mich mal wieder besonders intensiv. Schon in der legendären Nacht in der Turnhalle in Straßburg war ich ein bevorzugtes Opfer dieser Blutsauger gewesen, meine Arme seien dicht an dicht mit Biss-Stellen übersät gewesen, hatte man mir erzählt.

Mutti nahm mich also vor, um möglichst viele der Quälgeister zu beseitigen. Zuerst war der Kopf dran, hier ging sie immer wieder mit dem kleinen schwarzen Läusekamm durch meine üppigen blondweißen Locken und streifte dann jeweils mit Daumen und Zeigefinger die Tiere und die Nissen, die abgelegten Eier, von den sehr eng beieinanderstehenden Zähnen. Es knackte richtig, wenn sie die kleinen Chitinpanzer mit dem Daumennagel an der Wagenwand zerdrückte. Als der Kamm endlich läusefrei blieb, zog sie mir den Pullover und das Unterhemd aus, sammelte zuerst die Tierchen ab, die auf meiner weißen Haut herumliefen, dann krempelte sie die Kleidungsstücke um und suchte auch hier alles ab, jede Naht wurde sorgfältig umgelegt, damit sie kein Versteck bieten konnte. Als letztes waren nun die Hosen dran, ich war derweil nackt, wie Gott mich geschaffen hatte, fror zwar, aber auf dem ziemlich gut geschlossenen Planwagen ließ sich das aushalten. Die Entlausung musste man durchstehen, sie half zwar nicht auf ewig, aber für einige Zeit war man frei von den Bissen, die juckende Flecken hinterließen.

Mutti war fast fertig mit ihrer unappetitlichen, aber nützlichen Arbeit, als wir alle die Köpfe hoben und lauschten. Ein fernes Brummen war zu hören: Das waren Flugzeuge, der Lautstärke nach mussten es viele sein. Uns waren diese Geräusche vertraut: Oft schon waren Flugzeuge über unsere Köpfe hinweggeflogen, meistens ziemlich hoch, deutsche Flieger mit dem Balkenkreuz unter den Flügeln, die von Westen kamen und ziemlich schnell im Osten verschwanden. Mal waren auch Flieger aus der anderen Richtung gekommen, russische, mit den roten Sternen unter den Tragflächen, einige waren auch bedrohlich weit heruntergekommen, so dass alle die Köpfe eingezogen und still vor sich hin gebetet hatten, aber es war nie etwas passiert, die Piloten hatten wohl immer erkannt, dass hier Zivilisten unterwegs waren, Flüchtlinge, nicht Soldaten.

Heute war es anders: Drei der Flieger, nein es waren keine deutschen, auch keine russischen, sie trugen Kreise mit einem dunklen Punkt in der Mitte als Kennzeichen, es waren also englische Flugzeuge, drei davon setzten nicht einfach ihren Flug nach Norden fort, sondern flogen eine lange Schleife und schwenkten dann auf unsere Landstraße ein. Wir wussten, dass englische Flieger deutsche Städte bombardierten, ohne Rücksicht darauf, dass dabei auch Frauen und Kinder in großer Zahl zu Tode kamen, und unsere Angst stieg. Als sie das Ende des langen Trecks erreicht hatten – hinter uns waren viele Wagen aus anderen ostpreußischen und westpreußischen Dörfern - belferten plötzlich die schweren Bord-Maschinengewehre los: Sie griffen den Treck an, beschossen die Wagen. Alle sprangen in Hektik hinunter, warfen sich in den Schnee des Straßengrabens, der natürlich auch keinen wirklichen Schutz bot, aber zumindest war man nicht direkt den Kugeln ausgesetzt, die die Planen der Wagen und auch unser Wellblech durchschlugen. Mutti lag mit mir im Schnee, wie alle anderen auch, aber ich war nackt, mir etwas umzuwickeln oder mich gar anzuziehen, dazu hatte die Zeit nicht gereicht.

Nachdem die drei Flieger den langen Treck überflogen hatten, kehrten sie noch einmal zurück, drehten dann aber nach Norden ab und verschwanden. Da ging so manches Stoß- und Dankgebet gen Himmel, und als Mutti mit ihrem blaugefrorenen Kind, mit mir, wieder auf dem Wagen saß, schwor sie: „Und wenn die Läuse den Jungen auffressen, nie wieder ziehe ich ihn nackicht aus.“

Wie durch ein Wunder hatte es unter uns Lenskern keine Toten und Verletzten gegeben, nur ein Pferd war getroffen worden und einige Wagen hatten Durchschusslöcher. Weiter hinten – so hörten wir am Abend, als wir die Wagen auf dem großen Hof eines leerstehenden Gutes zusammenfuhren – hatte es allerdings drei Tote gegeben, und auch weiter vorn waren mehrere Menschen von den Kugeln verletzt worden.

„Na“, kommentierte Frau Wittgräfe am Schluss der Schilderung, „nach solch einem Erlebnis soll man wohl Angst vor Fliegern haben.“

Zwanzig Jahre später holte mich die Angst noch einmal wieder ein: Ich saß 1965 in Kiel in einer Geschichtsvorlesung bei Professor Jordan, als um Punkt zehn Uhr Sirenen zu heulen anfingen. Obgleich wir alle genau darüber informiert waren, dass es sich um einen Probealarm handelte - Deutschland fürchtete einen nächsten Krieg und hatte im Rahmen der Notstandsgesetze wieder flächendeckend Sirenen installiert - lief es mir eiskalt über den Rücken. An der Totenstille und der Erstarrung der anderen Studenten merkte ich, dass nicht nur mir dieser Ton schlimme Erinnerungen weckte und gegen alle Vernunft Angstreaktionen auslöste.

Am 10. April rückten englische Panzer mit etwa tausend Mann in Harpstedt ein. Sie kamen aus Richtung Winkelsett und fuhren vorsichtig sichernd durch die Straßen, aus deren Fenster inzwischen überall weiße Tücher hingen. Es gab keinerlei Widerstand.

An der Kreuzung Lange Straße/ Logestraße hielt der Leitpanzer, und der stellvertretende Bürgermeister August Meyer (der Bürgermeister Raddatz hatte sich rechtzeitig „abgesetzt“) nutzte die Gelegenheit, mit einer weißen Fahne und einigen französischen Kriegsgefangenen an diesen Panzer heranzutreten und zu erklären, dass Harpstedt nicht verteidigt würde, sich also den Engländern ergebe. Damit war der Krieg für Harpstedt erst einmal (fast) zu Ende.(Ell SZ, S.41) Die Engländer richteten im Hause des Oberförsters Lamprecht ein Lazarett ein, auf dem Feld hinter dem Haus wurde Artillerie aufgestellt, die sich noch eine Woche lang kleine Gefechte mit einer verbliebenen deutschen Stellung bei Horstedt lieferte – dann war Ruhe.

Unsere Mutter hatte uns in den letzten Tagen nur noch ungern aus dem Haus gelassen – wir durften nur auf unserem Gelände spielen, nicht zu Wittgräfe hinübergehen und schon gar nicht in den Flecken. So erfuhren wir erst am Abend von der Harpstedter Kapitulation, als der alte Wulferding herüberkam und uns die frohe Botschaft brachte. In Harpstedt gab es keine Kämpfe mehr, auch keine Luftangriffe, aber der Krieg gegen das Deutsche Reich ging an allen Fronten weiter und forderte in dem einen Monat bis zur endgültigen umfassenden Kapitulation noch viele, unsäglich viele Tote, die noch sinnloser gestorben waren als die vielen Millionen vorher, weil inzwischen auch der letzte bornierte Nazi und Befehlshaber der Truppen verstanden haben musste, dass der Krieg für Deutschland und seine wenigen Verbündeten verloren war.

Das Ende des Krieges für ganz Deutschland

Die nachfolgenden Ereignisse, die das Ende des Krieges und den Zusammenbruch des „Tausendjährigen Reiches“ der Nazis brachten – ganze zwölf Jahre, vier Monate und acht Tage hatte der grausige Spuk gedauert, den Hitler auf tausend Jahre geplant hatte – erfuhren wir immer von Wittgräfes, die – wie fast alle deutschen Haushalte – einen Volksempfänger besaßen, das einfache Radio, das Hitler millionenfach unter das Volk gebracht hatte, damit jeder Volksgenosse seine Reden hören und den siegreichen Vormarsch der großdeutschen Heere in den alltäglichen Frontberichten verfolgen konnte. Wir hatten in Ostpreußen einen solchen Apparat nicht besessen, weil wir keinen elektrischen Strom im Haus gehabt hatten – und hier hatten wir noch keinen kaufen können.

Am 1. Mai, dem Tag der deutschen Arbeit, den die Nazis gleich 1933 zum „nationalen Feiertag“ aufgewertet hatten (um im gleichen Atemzug die Gewerkschaften zu entmachten und zu verbieten, die den Tag als internationalen Feiertag des Proletariats begingen) hatte Frau Wittgräfe unsere ganze Familie zum Abendessen eingeladen. Mutti und Erna und auch Erich und Artur hatten in den letzten Wochen bei der Frühjahrsbestellung der Felder mitgearbeitet, hatten dafür Kartoffeln und selbstgemachte Wurst und eine Speckseite erhalten, und nun sollte unsere Familie zusätzlich mit einem guten Essen belohnt werden. Für halb neun waren wir eingeladen, so spät, weil erst dann alle Tiere versorgt waren und man danach den weiteren Abend über Zeit hatte.

Mutti hatte uns Kleinen in die Zinkwanne gesteckt – die Großen hatten das Baden natürlich alleine erledigt – wir hatten die besten Sachen angezogen und waren pünktlich durch den Seiteneingang in die große Küche gegangen. Frau Wittgräfe hatte eine Hühnersuppe gekocht, in der köstlicher Eierstich schwamm und viele kleine Stücke vom Brustfleisch. Danach gab es Salzkartoffeln mit einer dunklen Soße, die für uns einen etwas fremdartigen Geschmack hatte, ein Erbsen-Bohnengemüse mit einer Mehlschwitze und dazu Fleisch, große Teller voll Schweinefleisch, wie wir es zuletzt in Lensk gegessen hatten. Die Gespräche am Tisch drehten sich um den Krieg, der immer noch kein Ende gefunden hatte. Die Russen waren inzwischen in die Vororte von Berlin eingedrungen, lange konnte es nicht mehr dauern, in dieser Hoffnung waren sich alle einig. Der Volksempfänger lief, Radio Hamburg brachte klassische Musik, die man im Hintergrund laufen ließ – sie störte niemanden. Die Uhr ging auf zehn, alle waren satt, hatten auch den Nachtisch – einen Schokoladenpudding, dick unter frischer Schlagsahne versteckt - noch geschafft und Mutti drängte zum Aufbruch, es sei für uns Kinder spät genug, auch wenn morgen niemand aufstehen und zur Schule gehen müsse. Da ertönte ein Trommelwirbel, Herr Wulferding drehte sofort das Radio lauter, denn solch ein Wirbel pflegte wichtige Sondermeldungen anzukündigen. Der Nachrichtensprecher verkündigte mit belegter Stimme: „Aus dem Führerhauptquartier wird gemeldet, dass unser Führer Adolf Hitler heute Nachmittag in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus kämpfend, für Deutschland gefallen ist. Am 30. April hat der Führer den Großadmiral Dönitz zu seinem Nachfolger ernannt. Anschließend wird Großadmiral Dönitz zum deutschen Volk sprechen.“

„Gott sei Dank“, sagte Mutti, hob die gefalteten Hände in Gesichtshöhe und schickte ein kurzes Stoßgebet gen Himmel.

„Dönitz soll sein Nachfolger sein?“ wunderte sich Erich. „ Und was ist mit Goebbels und Göhring oder Himmler?“

„Das werden wir wohl in den nächsten Tage alles erfahren, erst einmal ist es gut, dass der schlimmste Nazi tot ist“, sagte Frau Wittgräfe und alle nickten.

„Vielleicht macht der Dönitz ja gleich Frieden“, gab Herr Wulferding der allgemeinen Hoffnung Ausdruck.

Dann waren alle wieder still, weil nun die angekündigte Rede von Dönitz aus dem Lautsprecher kam:„Meine erste Aufgabe ist es, deutsche Menschen vor der Vernichtung durch den vordrängenden bolschewistischen Feind zu retten. Nur für diesen Zweck geht der militärische Kampf weiter. Soweit und solange die Erreichung dieses Zieles durch Briten und Amerikaner behindert wird, werden wir uns gegen sie weiter verteidigen und weiterkämpfen müssen…“

Nein, das klang nicht nach sofortigen Friedensschlüssen, aber auch nicht mehr nach großspurigen Eroberungswünschen und nach „Sieg-Frieden“, von dem bisher immer die Rede gewesen war. Herr Wulferding holte eine Flasche Wein aus dem Keller, und die Erwachsenen stießen auf diese überraschende und hocherfreuliche Neuigkeit an, nein Hitler weinte um diese Zeit niemand mehr eine Träne nach! Selbst Mutti, die den Genuss alkoholischer Getränke für sündig hielt, nahm einen großen Schluck – Jesus hat ja auch auf der Hochzeit von Kanaan Wasser in Wein verwandelt, dann konnte ein Glas Wein sicher nicht so sündig sein, wie die Prediger ihrer freikirchlichen Gemeinde in Ostpreußen immer betont hatten.

Heute ging eine glückliche Familie Klein in ihre Funkerbaracke zurück. Es dauerte eine Weile, bis die aufgeregten Gespräche verstummten – dann schliefen alle mit dem guten Gefühl ein, den wichtigsten ersten Mai ihres Lebens hinter sich zu haben.

Dass die Nachricht von Hitlers Tod nicht die ganze Wahrheit enthielt, erfuhren wir damals nicht - die verlogene NS-Öffentlichkeitsarbeit funktionierte bis zum Ende. Es dauerte Jahre, bis die Fakten ans Licht kamen. Hitler war schon einen Tag eher gestorben, und zwar nicht in heldenhaftem Kampf gegen die Bolschewiken, er hatte seine frisch angetraute Frau und dann sich selbst mit dem Revolver erschossen und sich somit seiner Verantwortung für den Massenmord an den Juden und für die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges entzogen.

Großadmiral Dönitz sah es dann doch als seine vordringliche Aufgabe an, den Krieg zu beenden. Klug musste das geschehen, aber auch möglichst schnell, um weitere Bombenangriffe auf deutsche Städte durch die Amerikaner und Briten und zusätzliche Opfer durch das Vorrücken der Russen zu vermeiden. Aber es gab auch Überlegungen und sinnvolle Gründe, dieses Ende noch um einige Tage hinauszuzögern. Seit Monaten war man fieberhaft darum bemüht, aus Ostpreußen und Kurland möglichst viele Soldaten und Zivilisten per Schiff nach Dänemark und Schleswig-Holstein vor den heranrückenden Russen in Sicherheit zu bringen.

Und in dem Bereich der Linie, an der westalliierte und russische Soldaten aufeinandertrafen – das war in der Nähe der Elbe – bemühten sich ganze Truppenteile, westalliiertes Besatzungsgebiet zu erreichen, denn man wusste, dass mit Zeitpunkt der Kapitulation die Kriegsgefangenschaft begann – unter den Truppen, in deren Bereich man sich gerade befand. Kein Schiff würde mehr fahren, keine Truppenbewegung westwärts wäre mehr erlaubt. Und man wusste, dass eine Gefangenschaft bei den Russen schlimmer aussehen und länger dauern würde als bei den Briten und Amerikanern. Es gelang in den Tagen zwischen Hitlers Tod und der Kapitulation – vom 1. bis zum 9. Mai 1945 - , noch 150 000 Menschen über See in den Westen zu bringen und 300 000 schafften es auf dem Landweg.

Beinahe hätten wir auch zu denen gehört, die den Fluchtweg übers Wasser wählten: Unser Treck war fast bis an die Ostsee herangefahren, die schlechten Nachrichten hatten uns dann aber bewogen, im Bereich der Oder nach Süden abzubiegen und den sichereren Landweg zu wählen – wenn man denn von „sicher“ überhaupt sprechen konnte.

Insgesamt waren es im Januar bis Mai 1945 weit über 2 Millionen gewesen, die – wie wir - aus dem Osten in den Westen geflohen waren. 1,85 Millionen Soldaten hatten sich der russischen Kriegsgefangenschaft entziehen können, 1,5 Millionen war es nicht gelungen. In westalliierte Gefangenschaft gerieten insgesamt 7 614 000 Soldaten.

Das Kriegsende konnte nur in einer bedingungslosen Kapitulation bestehen, in einer „unconditional surrender“, so hatten es Roosevelt und Churchill bereits im Januar 1943 auf einer ihrer Kriegskonferenzen in Casablanca, Marokko, unmissverständlich festgelegt, Stalin hatte sich angeschlossen. Bedingungen und Forderungen hatten die Deutschen also nicht zu stellen, es gab nichts zu verhandeln, sie hatten sich auf Gedeih und Verderb den Siegern auszuliefern.

Bereits vier Tage nach Hitlers Tod kapitulierten die Deutschen an der britischen Front im Westen Deutschlands, in den Niederlanden und in Dänemark. Im Hauptquartier Montgomerys bei Lüneburg unterzeichneten sie die Teilkapitulation: Damit war für die englischen, schottischen und kanadischen Soldaten in Harpstedt und für uns der Krieg vorbei, auch formal.

Da der amerikanische Oberbefehlshaber Eisenhower eine Gesamtkapitulation forderte, unterschrieb Generaloberst Jodl am 7. Mai morgens um 2.41 in Reims die Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Die Sowjetrussen setzten dann aus Prestigegründen eine Wiederholung dieses Vorganges in Karlshorst bei Berlin durch: Kurz nach Mitternacht am 9. Mai, genau um 0.16 Uhr erfolgte die letzte Unterschrift. Damit konnte die Gesamtkapitulation in Kraft treten. Der Krieg war aus, die Waffen schwiegen – aber für Millionen von Gefangenen, von Zwangsarbeitern, von Vertriebenen, von Flüchtlingen, von Lagerinsassen, von Ausgebombten, von Verwundeten, von Hinterbliebenen dauerte es noch Monate oder gar Jahre, bis ihre Leidenszeit vorbei war und so etwas wie Normalität eintrat. Überwinden oder gar vergessen wird man die Zeit des Krieges wohl nie ganz.

Waren wir glücklich? Fühlten wir uns durch die Alliierten befreit, wie man es nach dem Krieg in vielen Veröffentlichungen lesen konnte?

Nein, ein Gefühl der Befreiung hatten wir nicht. Es gab eine Erleichterung darüber, dass die ganz konkrete Gefahr für Leib, Leben und das letzte bisschen Besitz, das man hatte retten können, vorbei war, man ahnte auch, dass die Zeit der Nationalsozialisten nun zu Ende ging oder gar schon zu Ende war, aber das oft beschworene Gefühl der Befreiung von dem Terrorregime der Nazis – das gab es gewiss nicht, zumindest noch nicht. Wir hatten selbst keinen Naziterror erlebt, hatten unter dem Krieg gelitten, sicher, aber das Leid war für uns doch durch die Russen herbeigeführt worden. Ihr Erscheinen an den Grenzen Ostpreußens hatte dafür gesorgt, dass der Vater in den Volkssturm musste, ihr Erscheinen vor Przellenk und Groß Lensk hatte dafür gesorgt, dass man Haus und Hof verlassen und auf diese schreckliche Flucht hatte gehen müssen. Sicher wird sich bei Mutti und den Großen in einer stillen Stunde der Gedanke eingeschlichen haben, dass es ja Gründe für das Erscheinen der Russen in unserer Heimat (und der Briten hier in Harpstedt) gab und dass diese Gründe bei Adolf Hitler und seinen größenwahnsinnigen und verbrecherischen Plänen vom Lebensraum im Osten lagen, aber diese Gedanken sind wohl erst später verfestigt worden, wurden anfangs sicher verdrängt durch die konkreten Probleme, mit denen man leben und fertig werden musste – und die Situation, in der man lebte, war gar nicht dazu angetan, in den Soldaten die Befreier zu sehen, waren sie doch erst einmal – und noch für lange Zeit – diejenigen, die einem die Freiheit durch Verbote und Zwänge einschränkten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(20) Die Klein-Kindertreppe – eines der letzten Bilder in Ostpreußen: Erna, Erich, Artur, Rudi, Irmgard, Horst - , Edith fehlt noch. Ich wollte erst still in der Reihe stehen, als man mir eine Taschenuhr in die Hand gab

Das Leben im besetzten Harpstedt

Erst einmal – und noch vor der großen allgemeinen Kapitulation - regelten die Besatzer die Dinge, die für ihr eigenes Überleben und Wohlergehen wichtig waren: Sie beschlagnahmten dreißig Häuser, die die Bewohner ganz oder weitgehend zu räumen hatten. Es wurde ultimativ darauf hingewiesen, dass alle Waffen sofort abzugeben waren, und außerdem verhängten sie eine totale Ausgangssperre: Niemand von uns durfte in den ersten 24 Stunden nach dem Einmarsch das Haus verlassen. Wir hielten uns natürlich an dieses Verbot, weil niemand wusste, wie nervös oder streng die Soldaten reagieren würden, wenn sie jemanden auf der Straße erwischten.

In den nächsten Tagen wurden Einkäufe erlaubt und am 18. April hängte der Bürgermeister dann eine Information aus, die Frauen und Kindern einen zeitlich beschränkten Ausgang erlaubte. Männer, von denen die Besatzer Böses befürchteten, durften sich also nicht auf die Straße wagen, Verhaftungen waren ihnen angedroht, ein Erwischter soll mit zwei Wochen Haft bestraft worden sein. Aber natürlich wusste man sich zu helfen: Hinter den Häusern gab es fast überall Gärten; dort öffnete man die Zäune und konnte sich so von einem Grundstück zum anderen bewegen. Die Engländer hatten mit ihren etwa tausend Besatzungs-Soldaten gar nicht die Möglichkeit, mehr als die Straßen unter Kontrolle zu halten. Das war aber auch gar nicht nötig: Die wenigen Harpstedter Männer hatten nicht die geringste Absicht, jetzt, wo der Krieg vorbei war, durch Sabotageakte oder Angriffe auf Soldaten Terror zu verbreiten und sich Probleme einzuhandeln.

Die Ausgehregelung hatte der Bürgermeister auf Anordnung der Besatzer vorgenommen: Dieser Bürgermeister war Burchard Lamprecht. Erich erinnert sich noch gut, dass er diesen Mann häufig auf den Jeeps der Engländer durch den Flecken hat fahren sehen, um irgendwelche Angelegenheiten zu regeln. Die Lamprecht-Tochter Adelheid, die ich aus den vielen Besuchen bei meinem (späteren) Freund Hannes Lamprecht gut kannte, hat die Notizen ihres Vaters darüber der Öffentlichkeit zugänglich gemacht:

„Am Tage des Einmarsches erschien bei mir ein englischer Major und erklärte mich zum Bürgermeister von Harpstedt (so einfach war das damals für die Besatzungsmacht). Außerdem bekam ich die Dörfer Dünsen, Klein und Groß Köhren…unter meine Aufsicht. Damit begann für mich eine mehr als arbeitsreiche und turbulente Zeit, bis ich im November 1945 meinen Posten (an Dirk Heile) abgeben konnte.“ (Ell SZ, S.58). Herr Lamprecht konnte sich dann wieder ganz um sein Forstamt kümmern – in dieser Funktion kannten wir ihn in den Jahren, die wir in Harpstedt verbrachten.

Eine der ersten eigenständigen Amtshandlungen des Bürgermeisters war es, bereits am 14. April den schon oft erwähnten Herrn Grimsehl zum Polizisten zu machen, der auf Englisch und Deutsch den Auftrag bekam, „to assist the security of people of the village of Harpstedt / für die Sicherheit der Leute des Ortes Harpstedt zu sorgen“. Das Englisch mit dem dreifachen „of“ ist zwar scheußlich, zeigt aber, dass der neue Bürgermeister diese Sprache beherrschte, was einer der wesentlichen Gründe für seine Ernennung gewesen sein dürfte. Außerdem war er nicht als Nazi belastet.

In der oben mitgeteilten Bekanntmachung über die Ausgehzeiten und in zahlreichen weiteren Erlassen wurde nochmals ein Thema angesprochen, das den Besatzungssoldaten verständlicherweise sehr wichtig war:„Die Bevölkerung wird nochmals darauf hingewiesen, dass noch vorhandene Waffen jeglicher Art spätestens am Donnerstag den 19.April 1945 in der Zeit von 10-11 Uhr bei Bürgermeister Lamprecht abzugeben sind. Das Auffinden von Waffen bei Nachkontrolle zieht schwere Strafe nach sich.“

Viel kam im Hause Lamprecht nicht zusammen. Das lag daran, dass die meisten ihre Waffen bereits vor dem Einmarsch der Engländer auf die Seite geschafft hatten. Karabiner und anderes Militärisches hatte man in Jauchegruben, in die Delme, in den Burggraben und in einfache Wassergräben versenkt (wo wir Kinder noch nach Jahren manch spannenden Fund machten), die schönen Jagdgewehre und auch Pistolen hatte man – sauber in Ölpapier und Decken eingehüllt – an sicherer Stelle vergraben, um sie später wieder in Besitz nehmen zu können.

Offensichtlich waren die Engländer mit dem Sammelergebnis nicht zufrieden, denn Ende Mai erließ der Kommandeur Major Taylor eine verschärfte Androhung an alle Bürgermeister, in der es in schönstem Deutsch heißt:„Alle WAFFEN, Pistolen, Jagdgewehre, und Patronen die nicht schon abgegeben werden müssen um 2215 uhr 25 Mai 1945 ubergeben werden.Der Ermangelung dies zu tun, ist zum Todesstrafe ausgesetzt.“

Daraufhin erhielten wir, wie alle Haushalte in Harpstedt, vom Bürgermeisteramt einen Zettel mit der Aufforderung, alle Jagd- und Sportgewehre, Munition und Wehrmachtsausrüstung nunmehr restlos abzuliefern. Wer nach dem 27. Mai noch im Besitz solcher Gegenstände angetroffen werde, setze sich der Gefahr aus, „von einem Militärgericht zum Tode verurteilt zu werden“. Offenkundig ist es dazu in keinem Fall gekommen, das Waffenproblem scheint danach aber gelöst gewesen zu sein.

Bereits nach einigen Wochen wurde über den inzwischen eingesetzten Landrat die Ausgehsperre schrittweise gelockert und die Verdunklungsvorschrift aufgehoben. Nur noch nachts durfte man sich nicht auf die Straße begeben. Auch Fahrräder durften in einem Umkreis von 30 km benutzt werden, leider hatten wir keins.

Eine weitere Anordnung diente der Erleichterung bei Hausdurchsuchungen vor allem zum Aufspüren von Nazi-Größen und von Soldaten. Dazu mussten wir an der Haustür eine Liste aufhängen, „in der sämtliche Angehörige, sowie Angestellte und sonstige Arbeitskräfte und Besuch aufgeführt werden.Name, Vorname, Straße, Hausnummer, Geburtsort, Beruf.“(Ell, SZ, S.61)

Eine schwierige Hinterlassenschaft von Krieg und Naziherrschaft waren die vielen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, die in Harpstedt und Umgebung teils in Lagern hausten, teils bei den Bauern zur Feldarbeit eingeteilt waren.

Die ersten polnischen Kriegsgefangenen waren bereits kurz nach Kriegsbeginn nach Harpstedt gekommen, weil überall die eigenen Männer eingezogen worden waren und daher bei der Feldarbeit fehlten. Im Sommer 1940 folgten dann belgische und französische Soldaten, dann auch zivile Zwangsarbeiter, Frauen und Männer. Ein Großteil der Harpstedter Kriegsgefangenen waren in einem Lager am Bahnhof und in ehemaligen Schweinemästereien untergebracht, von wo aus sie täglich nach Dünsen marschieren mussten, um ihre gefährliche Arbeit in der MUNA, der „Munitionsanstalt“, nachzugehen. Ab 1942 brachte man dann die Belgier und Franzosen privat bei Bauern unter; sie mussten zwar arbeiten, konnten sich aber im Flecken frei bewegen. Die Bauern durften sie – das war genauso wie bei uns in Ostpreußen – nicht an ihrem Tisch mit essen lassen. 1000 RM hatte man an die NS-Volkswohlfahrt zu zahlen, wenn man bei einem Verstoß gegen diese Regel erwischt wurde. Dennoch setzten sich viele über dieses Verbot hinweg – unsere Mutter in Ostpreußen auch. Sie legte Wert darauf, dass alle, die auf unserem Hof, in der Schmiede und im Haus arbeiteten, auch an unserem Tisch zum Essen erschienen, egal ob Russe, Pole oder Deutsche. Sie alle waren in erster Linie Menschen, Geschöpfe Gottes, und mussten als solche geachtet werden.

Ihren Platz in den Lagern am Bahnhof und in den Schweinemästereien in Beckeln und vor Groß Köhren nahmen nun Russen ein.

Als ihre Zahl sehr groß wurde, brachte man sie auch in der flachen Baracke unter, in der dann nach dem Krieg der Schulunterricht wieder aufgenommen wurde. Die Russen und Polen hatten nicht die Freiheiten der Franzosen und Belgier, waren sie doch nach der Rassen-Ideologie der Nazis „Untermenschen“, die man demütigen und drangsalieren konnte. Zu diesem Zweck wurden extra „Polensheriffs“ eingesetzt. Trafen sie Russen und Polen nicht um 22.00 in ihren Betten an, gab es Prügel.

11.000.000 „displaced persons“ gab es insgesamt in Deutschland am Ende des Krieges. Die Alliierten planten sofort, sie in ihre Heimatländer zurückzuführen, was verständlicherweise einige Probleme bereitete – auch in Harpstedt. Sofort nach ihrer Befreiung rotteten sich überall auf den Dörfern Gruppen zusammen, die nachts Bauernhöfe überfielen und plünderten. Die Annalen der Gemeinde Harpstedt sind voll von Berichten über diese Taten, bei denen es auch zu Mord und Totschlag gekommen ist. Unser alte Bürgermeister aus Lensk, Radtke, erzählte davon, dass sie eines Nachts allesamt von zwanzig Zwangsarbeitern aus dem RAD-Lager in die Küche gesperrt wurden, damit man in Ruhe plündern konnte. Ein anderer erzählt z.B. darüber, dass der Polensheriff „Fiddi“ Gartmann von einer solchen Gruppe aus Rache für das ihnen angetane Unrecht totgeprügelt wurde.

Auch in unserer Leben griffen diese marodierenden Banden ein. Sie brachen in unsere kleine, schlecht gesicherte Baracke am Rande des Fleckens ein, als niemand zu Hause war, und stahlen alles, was sie meinten, dass es auf dem langen Weg in ihre Heimat nützlich sein konnte. Besonders schmerzlich war der Verlust der schönen Ledertornister, auf deren Mitnahme Mutti bei unserer Flucht bestanden hatte, damit die fünf großen Kinder am Ende der Flucht gleich wieder in die Schule gehen könnten. Solche Tornister würden auf den zu erwartenden langen Märschen sicher sehr praktisch sein – verstehen konnte man die Räuber schon.

Der Einbruch verunsicherte unsere Mutter - und die ganze Familie mit. Die Ruhe und das Sich-Wohlfühlen waren dahin. Wir hatten gehört, dass in die beiden großen Baracken am Ortsrand bereits einige Familien aus Lensk eingezogen waren, weil die ausgebombten Rheinländer in ihre Heimat zurückkehren konnten und eine Wohnung nach der anderen freimachten: Mutti ging in den Amtshof und beantragte eine Wohnung in diesem „Behelfsheim“: Unter vielen Familien würde man sich wieder sicher fühlen.

Dutzendfach wandten sich Bauern und Bürgermeister an die Engländer und baten darum, in den Dörfern Soldaten zum Schutz gegen die Banden einzusetzen. Man kann sicherlich nachempfinden, mit welchen Emotionen diese Menschen nachts zu den Höfen derjenigen Bauern zurückkehrten, die sie besonders schlecht behandelt hatten. Ausnahmen hatte es auch hier gegeben und man erfuhr auch, dass in manchem Bauernhof eine polnische Magd oder ein russischer Knecht ihre/seine Landsleute von Plünderungen und Viehschlachtungen abgehalten hatte mit dem Hinweis, hier seien alle Ausländer anständig behandelt worden.

Im Ortskern von Harpstedt merkten die Bewohner fast gar nichts von diesem Treiben, weil hier Soldaten abends und nachts patrouillierten und so Übergriffe verhinderten.

Die Zusammenarbeit der neu aufgestellten deutschen Polizei mit englischen Patrouillen sorgten dann für die Eindämmung dieser Gefahr; nach dem allgemeinen Abzug der Engländer blieb für diese Arbeit extra ein Sonderkommando von 50 Soldaten im Flecken zurück.

Und die Besatzer packten das Problem auch grundsätzlich an: Zunächst zog man diese ehemaligen Zwangsarbeiter unter englischer Aufsicht in Lagern zusammen: 1600 in der alten Muna in Dünsen, 1000 im RAD-Lager in Harpstedt. Dann brachte man sie in Militärlastwagen und mit der Bahn in ihre Heimatländer zurück: Im August 1945 begann man mit den Russen, im Frühjahr 1946 waren die Polen an der Reihe – in Harpstedt und den umliegenden Dörfern konnten wieder alle ruhig schlafen.

Unsere Mutter bekam in dieser Zeit mehrfach Angebote von Russen, doch mit ihnen mitzukommen in den Osten. Ihnen war aufgefallen, wie gut sie Russisch und Ukrainisch sprach, aber für sie hatte es nie Zweifel gegeben, dass sie mit ihren Kindern hier in den Westen Deutschlands gehörte - wenn auch immer von einer Rückkehr nach Lensk geträumt wurde und oft genug die schönen langen Sommer und die klaren kalten Winter beschworen wurden, wenn es mal wieder lange Zeit hässlich und grau war - nicht immer nur vom Wetter her.

Genauso unverrückbar klar war es für sie, die seit ihrem 38. Lebensjahr praktisch Witwe war, dass kein neuer Mann der Stiefvater ihrer Kinder werden sollte: Alle Angebote dieser Art (ich weiß nicht, ob es viele ernst gemeinte gab) stießen auf Granit.

Dass es so bald einen neuen Bürgermeister und auch einen neuen Landrat des Kreises Grafschaft Hoya gab, lag an den Grundsätzen der englischen Besatzungspolitik. Da man davon ausging, dass alle politischen Funktionsträger in den Kriegsjahren Nazis, Parteifunktionäre waren - rund 8,5 Millionen Deutsche waren am Ende des Krieges Parteimitglieder -, entließ man sie alle und versuchte die Posten mit Personen zu besetzen, die sich in der NS-Zeit von den Nazis ferngehalten hatten. Der englische Geheimdienst hatte in den letzten Kriegsjahren eine große Personendatei angelegt, und bei jeder geplanten Einstellung wurde der „Fields Security“ befragt, ob der Kandidat in der Partei gewesen ist. War das der Fall, hatte er nur dann eine Chance auf Einstellung, wenn er nicht gleich 1933 Mitglied geworden war, sondern erst später – man setzte den 1. Mai 1937 als Stichtag. Außerdem fragte man in den betreffenden Orten herum, in welcher Art und Weise und mit welchem Engagement sich der Kandidat für den Nationalsozialismus eingesetzt hatte. Man bemühte sich weiter darum, die vielen kleinen und großen Amtsgeschäfte, Verordnungen, Befehle, Verbote von Deutschen durchführen zu lassen, weil man gar nicht in der Lage war, das mit dem wenigen eigenen Personal selbst zu tun. Mit dieser Taktik des „indirect rule“, des indirekten Regierens, hatte man Jahrhunderte lang erfolgreiche Politik in den vielen englischen Kolonien gemacht. Und außerdem hoffte man – da war man sich mit den Amerikanern einig – die Deutschen möglichst schnell wieder zu Demokraten erziehen zu können.

Seit zwei Tagen war die Ausgehsperre tagsüber aufgehoben; am ersten Tag hatte Mutti dem „Frieden“ noch nicht getraut, am zweiten Tag allerdings ging sie los zum Einkaufen. Unsere Vorräte waren am Ende, wir hatten kein Brot mehr, keine Margarine, und von Kartoffeln allein lebte es sich schlecht. Zwar hatten wir ein paar Hamsterkäufe gemacht, als die Engländer einmarschiert waren, hatten bei Bäcker Knolle und bei Bäcker Ranke unsere Marken vorgelegt, aber da viele Familien so schlau waren, hatte man die Brotausgabe beschränkt und nun hatten wir nichts mehr.

Als die großen Jungen sahen, dass Mutti sich anzog, bettelten sie sofort: „Dürfen wir nicht auch in den Flecken? Wir würden gern mal sehen, was sich durch die Tommys so alles verändert hat.“ Mutti war nicht ganz glücklich, gab aber ihr Einverständnis. „Und nehmt den Horst mit, dann haben die Mädchen eine Weile Ruhe!“

Artur nahm mich an die Hand und los ging es. Nein, der Flecken Harpstedt hatte sich nicht verändert. Die Häuser standen noch, die Geschäfte waren geöffnet, viele Frauen waren mit großen Einkaufstaschen unterwegs. In der Langen Straße stand an der Zufahrt zum Marktplatz so ein offenes kleines Auto, von dem wir sehr schnell lernten, dass es „Jeep“ hieß, darin saßen vier Soldaten mit Gewehren, die Kolben hatten sie neben sich auf die Sitze gestellt. Wir waren neugierig, trauten uns aber nicht wirklich dicht heranzugehen.

Wir gingen in die Burgstraße, um nachzusehen, was aus der Post geworden war, die ja vor ein paar Tagen eine Bombe abbekommen hatte. Auf unserem Bürgersteig kamen uns vier Soldaten entgegen, eine bewaffnete Streife. „Sollen wir nicht besser auf die andere Straßenseite rübergehen?“ fragte Rudi. „Die haben Gewehre!“ „Ach was“, widersprach Erich, „die werden doch uns Kindern nichts tun!“ Die vier Männer marschierten nebeneinander und nahmen die ganze Breite des Fußweges ein. Wir waren auch zu viert und wir gingen auch nebeneinander, aber als sie näherkamen, verzögerten Artur und ich den Schritt und gingen dann hinter Rudi und Erich her, um den Soldaten Platz zu machen. Wenn sie nun unserem Beispiel folgten, dann…- aber sie dachten gar nicht daran, sie marschierten als Viererreihe auf uns zu, als sei der Weg frei für sie. „Los runter auf die Straße!“ sagte Erich leise zu uns und wir verließen den Bürgersteig, liefen auf der Straße weiter, bis sie vorbei waren - nein gefährlich war das nicht, kein Auto oder Motorrad war weit und breit zu sehen. Dennoch waren wir wütend, vor allem Erich und Artur. „Was fällt denen eigentlich ein? So was von eingebildet! Angeber!“ schimpfte Artur. „Das ist der Hochmut der Sieger“, kommentierte Erich, „daran werden wir uns wohl gewöhnen müssen. Wenn ihnen nichts Schlimmeres einfällt, dann geht´s ja noch.“

Zuhause – Mutti war schon da und packte herrlich frisches Brot aus, von dem wir gleich eine Schnitte mit Mettwurst bekamen – erzählte Artur, noch immer richtig wütend, was wir erlebt hatten. „Na“, sagte Mutti, „dass sie euch Kinder so behandelt haben, das ist ja noch nicht so schlimm, aber stellt euch vor, mir ist es genauso ergangen. Sie haben sich extra breit gemacht, damit ich runter musste vom Fußweg. Eine Unverschämtheit ist das, schließlich bin ich eine Frau, die doch Rücksicht und Höflichkeit erwarten kann, auch von Soldaten.“

[...]

Ende der Leseprobe aus 278 Seiten

Details

Titel
Als Flüchtlingskind in Harpstedt
Untertitel
Ein Erlebnisbericht über die Jahre 1945 bis 1952
Autor
Jahr
2012
Seiten
278
Katalognummer
V202543
ISBN (eBook)
9783656298403
ISBN (Buch)
9783656300311
Dateigröße
18556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jahre
Arbeit zitieren
Horst Klein (Autor), 2012, Als Flüchtlingskind in Harpstedt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202543

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