Der "Arte Nuevo" von Lope de Vega - Ein Vergleich mit der "Poetik" von Aristoteles


Hausarbeit, 2007
17 Seiten, Note: 1,0
Agnes Thiel (Autor)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Aufbau und Bedeutung des Arte Nuevo von Lope de Vega
2.1 Was ist der Arte Nuevo ?
2.2 Die Gliederung des Arte Nuevo
2.3 Der Arte Nuevo als Beispiel einer ars rhetorica
2.4 Die antiken Bezüge im Arte Nuevo

3. Der Arte Nuevo und die Poetik im Vergleich
3.1 Die drei Einheiten: der Handlung, der Zeit und des Ortes
3.2 Aristoteles´ Begriff der Mimesis
3.3 Die Dichtung als Techné und Nachahmungskunst
3.4 Die Mimesis und die Mittel ihrer Umsetzung bei Lope de Vega
3.5 Gattungsmischung: Komödie oder Tragödie

4. Zusammenfassung

Literatur

1. Einleitung

Lope de Vega (1562 Madrid – 1635 Madrid) wurde von seinen Zeitgenossen als der größte und erfolgreichste Theaterdichter seiner Zeit gefeiert.[1] Cervantes, selbst der „genialste epische Dichter seiner Zeit“[2] , nannte Lope de Vega auf Grund seiner unerschöpflichen Produktivität ein „Wunder der Natur“ (Monstruo de naturaleza).[3] Dieses Urteil hat in vollem Umfang bis heute Bestand. Noch heute gibt es die Redeart „es de Lope“, die soviel bedeutet wie „das ist toll“ bzw. „das sollte man sich nicht entgehen lassen“. Mit seinem Namen verbindet man den „Höhepunkt spanischer Dramatik des Goldenen Zeitalters“.[4] Er gilt als „Genie“[5] unter den spanischen Dramatikern. Er war der Begründer des teatro nacional im Siglo de Oro. Diese Stellung sowie seine Popularität gründen auf seiner Produktion von immerhin 1500 comedias und 400 autos sacramentales,[6] wovon 426 comedias und 42 autos erhalten sind.

Fragt man nach dem Grund dieser ungebremsten Schöpferkraft, so kommen die Wünsche des spanischen Publikums in den Blick. Die fast schon sprichwörtliche Theatersucht der Spanier im Siglo de Oro wurde durch Autoren wie Lope de Vega angeheizt und immer wieder befriedigt. Dies hieß für Lope auch: „In Zeiten wie etwa der der Theatersperre vor 1600 schrieb er nichts. Er brauchte die unmittelbare Fühlung mit dem Theater.“[7] Daraus erklärt sich auch die zum Teil schwankende Qualität vieler seiner Stücke.[8]

Es ist bekannt, dass Lopes Stücke schon in kürzester Zeit entstanden sind, und hin und wieder nach 14 Tagen schon auf der Bühne gespielt wurden. Seine Stücke wurden oft vom Volk bejubelt, auswendig gelernt und in anderen Städten und sogar Kontinenten wieder aufgeführt.[9] Lopes Stücke stärkten das Identitätsbewusstsein einer im Werden begriffenen Nation in einer Zeit, als es in Europa noch keine Nationen gab. Lope schrieb also, auch aus Gründen des Broterwerbs, für die Vorlieben und Wünsche des Volks. Er wollte ankommen bei den Zuschauern, er fürchtete sich, beim Publikum durchzufallen. Mit und durch ihn siegte das volkstümliche Theater über das akademische.

Damit ist die Richtung der vorliegenden Arbeit auch schon vorgegeben. Galt der Arte Nuevo auch lange Zeit als einer „der am häufigsten mißverstandenen Texte der spanischen Literatur“,[10] so ist man sich doch mittlerweile in der Forschung weitgehend einig, dass Lope mit dieser Schrift den Versuch unternahm, über seine eigene schriftstellerische Tätigkeit Rechenschaft abzulegen, dabei das Überkommene zu wahren und trotzdem durch einige Neuerungen der gegenwärtigen Praxis ihr Recht einzuräumen.

Im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht der systematische Vergleich zwischen Lope de Vegas `Apologie´ mit der Poetik des Aristoteles. Lope de Vega greift zwar nicht direkt auf sie zurück, aber er hat sie doch immer im Blick. Dabei sollen die Abweichungen auf der Folie der „Neuerungen“ und Abweichungen der spanischen comedias erklärt werden. Damit wird das Zwitterwesen der Arte Nuevo untermauert. Parallel dazu soll die populärste comedia von Lope als Beleg für das Herausgearbeitete herangezogen werden: Fuente Ovejuna.

2. Aufbau und Bedeutung der Arte Nuevo von Lope de Vega

2.1 Die Begriffe im Titel des Arte Nuevo

Damit man sich der Programmschrift nähern kann, seien an dieser Stelle zunächst die zentralen Begriffe im Arte Nuevo geklärt.

Arte:

`Arte´ leitet sich von lat. ars (griech. techné) her und bedeutet (1) Kunst im allgemeinen Sinn und (2) „Kunstlehre, wissenschaftliches System, Theorie“.[11] Auf den Arte Nuevo trifft wohl die zweite Bedeutung zu, weil Lope in einer Art Leitfaden Rechenschaft über das Schreiben von (spanischen) comedias gibt.

Nuevo:

Da die Kunst, bühnenwirksame Dramen zu verfassen, über 2500 Jahren praktiziert wird, muss das Wort `Nuevo´ auf die Art und Weise bezogen werden.[12] Bedenkt man, dass die Kunst comedias zu verfassen, auf einem „ausgeklügelte(n) System von Prinzipien und Normen“ beruht, dann können Lopes comedias gerade nicht als gute Stücke gelten, weil sie (mehr oder minder) offensichtlich von diesen klassischen Normen abweichen. Maßgeblich waren für ihn die Normen, sondern der Publikumsgeschmack – und dieser ist ephemer. Das `Neue´ am ` Arte Nuevo ´ beruht einzig darauf, dass Lope eine Modifikation der klassischen Form von comedias vorzunehmen für notwendig hielt. Dafür entschuldigt sich Lope vor dem ausgewählten Kreis der Zuhörer. Lope tritt also nirgends als Neuerer auf, sondern wendet sich einerseits gegen das zu dieser Zeit sich ausbreitende „primär auf visuelle Effekte angelegte Spektakelstück“[13] , andererseits gegen das auf Basis der antiken Normen beruhende klassische Theater. Dies entspricht aber ganz dem Zeitgeschmack: die eloquente und kompetente Berufung auf Autoritäten galt mehr als unbegründete Abweichungen von der Norm einzuführen. Er möchte mittels der Kategorie der Mimesis das spanische Leben in Form von comedias auf die Bühne bringen.[14] Sein Arte Nuevo legitimiert diese Zwischenstellung.[15]

Comedia:

Das spanische Wort „comedia“ stammt von lateinisch commoedia. In der damaligen Praxis existierte bereits eine Mischform, welche weder mit den klassischen Normen vereinbar war, noch durch neuere Theoretiker systematisch beschrieben und analysiert war. Erst spätere Theoretiker haben sie in einen theoretischen Rahmen eingebettet. Lope de Vega hat hier die Vorarbeit geleistet.

Sachlich lässt sich im Siglo de Oro zwischen drei Bedeutungen unterscheiden:

1.) comedia als Gattungsbegriff
2.) comedia als das typisch spanische Drama
3.) comedia in dem Sinn, sie von der klassischen (lat.) comedia abzuheben (s. u.).

Auch hier zeigt sich, dass Lope nichts Neues schafft, sondern „er will lediglich der guten alten Comedia wieder Stil verleihen“.[16]

2.2 Die Gliederung des Arte Nuevo

Der „Arte nuevo de hacer comedias en este tiempo“ stellt in Anlehnung an die Poetik des Aristoteles eine poetologische Abhandlung dar. Sie besteht aus 389 Versen und wurde ca. 1609 veröffentlicht. Die Länge des Arte Nuevo ist ironisch zu verstehen. Laut Untertitel handelt es sich um eine Auftragsarbeit der Akademie zu Madrid (welcher Akademie ist noch nicht geklärt). Die Abhandlung wurde wohl als Vortrag in Latein vor dem gelehrten Publikum gehalten. Lope wollte vor von diesem Mitgliedern, eine Rechfertigung für sein dramatisches (renitentes) Schaffen geben. Er kannte aufgrund seiner humanistischen Bildung die antiken Schriften sehr gut; es sprach ein Gleicher zu Gleichen. - Bevor wir in die detaillierte Interpretation einsteigen, sei an dieser Stelle zunächst der Arte Nuevo seinem inhaltlichen Aufbau nach vorgestellt:[17]

EXORDIUM (1 – 48): hier wird mittels einer captatio benevolentiae das Publikum gelobt.

PROPOSITIO (49 – 76): hier geht es um die zeitgenössische „fehlerhafte“, weil von der Klassik abweichende, Komödie. Diese verlor an Interesse beim Publikum.

NARRATIO (77 – 361)

1. Allgemeines (77 – 127): Hier wird über den Ursprung und die Geschichte der Komödie berichtet, mit dem Ziel, die gegenwärtigen Abweichungen durch Rückgriff auf klassische Vorbilder zu legitimieren.
2. Überleitungsprolog (128 – 156): Hier werden die Regelwidrigkeiten mit dem Publikumswünschen entschuldigt. Außerdem wird vom Gehorsam gegenüber dem Auftraggeber gesprochen.
3. Normatives (157 – 361):
a) Inventio: (157 – 180): Die Tragikomödie; ihr antiker Beleg
b) Dispositio (181 – 245): Hier werden die drei Einheiten (Handlung, Zeit, Ort) des Aristoteles behandelt (s. u.).
c) Elocutio (246 – 349): die sprachliche Ausarbeitung, Polymetrik und rhetorische Stilfiguren
d) Actio (350 – 361): sie fällt kurz aus, da sie zur Rhetorik gehört.

PERORATIO (362 – 389): Der „mitreißende“ Geschmack des Publikums hat die Regelwidrigkeiten zur Folge.

Die inhaltlichen Ungereimtheiten lassen sich damit erklären, dass Lope wohl sehr wenig Zeit für die Abfassung hatte. Vor den Neuaristotelikern musste er den Vorwurf abwehren, er habe ein `barbarisches´ Theater geschaffen, indem er von den klassischen Normen abgewichen sei. Der Arte Nuevo stellt keine Revolution dar, denn die Revolution war längst vonstatten gegangen. Vielmehr trägt der Arte Nuevo Rechtfertigungscharakter.[18] Er wirkt wie hingeworfen, aber er ist fundiert, spiegelt er doch die tägliche Praxis von Lope wider. Deshalb gehen die Meinungen über die Bedeutung des Arte Nuevo auch weit auseinander: Während Vossler den Arte Nuevo für eine „anmutige und schelmisch-poetische Selbsterkenntnis“[19] hält, sieht Montesinos darin eine „Fingerübung“ bzw. sogar eine „akademische Paradoxie“[20] und Pidal darin etwas Revolutionäres: die „Überordnung des `gusto´, des hervorgerufenen Vergnügens, über die strikte Regelbefolgung“.[21] Einig ist man sich darüber, dass Lope das dezidiert ausspricht, was längst gängige Praxis auf spanischen Bühnen war.

[...]


[1] Er „starb im Glanze höchsten Ruhms und Ansehens“, so R. M. Pidal, Der ›Arte Nuevo‹, S. 407. Alle Volksschichten gaben ihm die letzte Ehre. Drei Tage leiteten 9 Bischöfe die Trauerzeremonien, mehr als 150 Nekrologe aus In- und Ausland zeigen die überwältigende Anteilnahme (vgl. M. Franzbach, Geschichte der spanischen Literatur im Überblick, S. 145).

[2] H. Gerstinger, Spanische Komödie: Lope de Vega und seine Zeitgenossen, S. 45.

[3] Vgl. H. Gerstinger, a.a.O., S. 45 und H. W. Wittschier, Die spanische Literatur, S. 129 („ungesunde Kreativität“, S. 128).

[4] So H. W. Wittschier, a.a.O., S. 128.

[5] So H. Gerstinger, a.a.O., S. 45. Man nannte ihn „Phönix“ (S. 51). - Zum Folgenden M. Franzbach, a.a.O., S. 146. F. R. Fries, Lope de Vega, S. 153 meint, Lope sei der „Begründer des spanischen Nationaltheaters“.

[6] Ein auto sacramental ist ein Theaterstück, das zu Fronleichnam aufgeführt wurde. Es diente im Siglo de Oro „zur Unterweisung des Laienpublikums in grundlegenden theologischen und scholastisch-philosophischen Problemen.“ Bestes Beispiel hierfür ist Calderón de la Barca mit El gran teatro del mundo, hrsg. von G. Poppenberg (vgl. Zitat S. 139).

[7] So H. Gerstinger, a.a.O., S. 48. Zur Theatersucht siehe Neumeister u. a. (Hgg.), Spanische Literaturgeschichte, S. 152 ff. und M. Pidal, a.a.O., S. 444 ff.

[8] Vgl. dazu K. Vossler, Lope de Vega und sein Zeitalter, S. 334.

[9] F. R. Fries, a.a.O., S. 162 ist über die „phänomenale Gedächtnisleistung“ des Volkes erstaunt.

[10] J. F. Montesinos, J., Die Paradoxie des ›Arte Nuevo‹, S. 465.

[11] So zu Recht A. Eglseder, Der Arte Nuevo von Lope de Vega, S. 15. Zum Folgenden siehe da.

[12] „`Neue Kunst...,´: das gab doch überhaupt keinen Sinn! `Kunst´ und `neu´ schlossen sich gegenseitig aus... Die Kunst konnte nicht neu sein, weil sie zeitlos war“. J. F. Montesinos, a.a.O., S. 472. Folgendes Zitat ebd.

[13] A. Eglseder, a.a.O., S. 23.

[14] Lope sieht demzufolge als Bearbeiter vom vorgegebenen Material nicht als Neuerer oder Erfinder. (ebd., S. 25). Zum folgenden siehe ebd. S. 31 f.

[15] So auch A. Eglseder, a.a.O., S. 52 wonach der Arte Nuevo eine „Kompromißlösung zwischen antiker, aristotelischer, und neuer, am Publikum orientierter Dramaturgie“ darstellt. J. F. Montesims, a.a.O., S. 488 meint, der Arte Nuevo habe Merkmal „eines unvollständigen Lehrstück“.

[16] A. Eglseder, a.a.O., S. 30.

[17] Vgl. A. Eglseder, a.a.O., S. 50. Der Aufbau ist in Anlehnung an J. Rico Verdú.

[18] So ähnlich J. F. Montesinos, a.a.O., S. 489: „So erweckt der ›Arte Nuevo‹ in uns den Eindruck einer Revolutionsschrift, die keinerlei Revolution hervorrief. Die Revolution war bereits vollzogen. Lope selbst hatte sie durchgeführt.“

[19] K. Vossler, a.a.O., S. 121 f.

[20] J. F. Montesinos, a.a.O., S. 473.

[21] A. Eglseder, a.a.O., S. 38 f. und M. Pidal, a.a.O., S. 426 ff.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der "Arte Nuevo" von Lope de Vega - Ein Vergleich mit der "Poetik" von Aristoteles
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Romanisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V202569
ISBN (eBook)
9783656288732
ISBN (Buch)
9783656289524
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lope de Vega, Arte Nuevo, Poetik des Aristoteles
Arbeit zitieren
Agnes Thiel (Autor), 2007, Der "Arte Nuevo" von Lope de Vega - Ein Vergleich mit der "Poetik" von Aristoteles, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202569

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