Der Dandy und die Konsumkultur in Oscar Wildes "The Picture of Dorian Gray"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Konsum im 19. Jahrhundert
2.1 Industrialisierung und Massenproduktion
2.2 Beginn der modernen Einkaufskultur

3. Konsum und Dandyismus
3.1 Ästhetizismus
3.2 New Hedonism
3.3 Exklusivität und Originalität

4. Konsum in The Picture of Dorian Gray
4.1 Dorian Grays Konsumverhalten
4.2 Dorians Umgang mit den erworbenen Objekten
4.3 Dekadenz
4.4 Entartung des Konsums

5. Schluss

6. Bibliographie

1. Einführung

Das viktorianische Zeitalter war gekennzeichnet von zahlreichen Innovationen und kulturellen Veränderungen. Dazu zählen industrieller Fortschritt, die Möglichkeit durch Druckerzeugnisse eine breite Masse von Lesern zu erreichen, wie auch die daraus resultierende Entstehung einer modernen Konsumkultur. Kennzeichen einer modernen Konsumkultur sind der Wunsch nach mehr Annehmlichkeiten und Produkten, die einen reinen Gebrauchscharakter übersteigen, sowie die Möglichkeit eines Individuums seine Identität über Konsum auszudrücken und zu definieren. Konsum als identitätsstiftendes Merkmal ist ein Aspekt, den sich beispielsweise die Werbung im 19. Jahrhundert zu Nutze machte, der sich aber auch in der Literatur dieser Zeit wiederfindet. Besonders die mit dem Fin de Siècle verbundene Figur des Dandys macht sich Konsum und den ästhetischen und nicht wirtschaftlichen Charakter von Gütern zu Nutze um seine Identität auszudrücken. Dabei handelt dieser in manchen Bereichen nach Prinzipien der modernen Konsumkultur, steht ihr aber in anderen auch kritisch gegenüber

Im Folgenden soll die ambivalente Beziehung des Dandys zum Konsum unter zu Hilfenahme einschlägiger Fachliteratur herausgearbeitet werden. Die Darstellung des Dandys wird deshalb auf seine für den Konsum relevanten Eigenschaften und Vorstellungen eingegrenzt. Dabei wird auf die Prinzipien des Ästhetizismus und des New Hedonism sowie auf das Streben des Dandys nach Exklusivität und Originalität eingegangen werden. Auf Grundlage dessen wird die Figur des Dorian Gray aus Oscar Wildes The Picture of Dorian Gray auf sein Konsumverhalten und den Umgang mit Gütern hin analysiert werden. Hierbei soll die Frage beantwortet werden, inwieweit sich Dorian Konsum zu Nutze macht um seine Identität als Dandy herauszustellen, wie sich Dorians Konsum letztendlich auf seine eigene Identität auswirkt und ob sein Konsumverhalten letztendlich als dandyhaft beschrieben werden kann. Dabei wird zu erkennen sein, dass Dorian versucht sich selbst als idealen Dandy darzustellen, jedoch nicht in der Lage ist seinen Konsum zu kontrollieren und letztendlich in ein Extrem von dekadenten Verhaltensweisen verfällt. Weiter wird sich dabei zeigen wie die Auswahl von Dorians Objekten und seine Sammlungen als Kritik gegenüber den standardisierten Massenproduktionen und dem damit verbundenen Massenkonsum gesehen werden können, aber auch wie Dorians Wunsch zu konsumieren dem Antrieb eines modernen Konsumenten entspricht und er somit als Teil der modernen Konsumkultur zu sehen ist. Die Figur des Dorian Gray bestitzt somit eine Ambivalenz, die ihn sowohl als Kritiker von Massenproduktion zeigt, aber auch als Figur, welche die Vorstellungen eines modernen Konsumenten verinnerlicht hat

2. Konsum im 19. Jahrhundert

2.1 Industrialisierung und Massenproduktion

Die Industrialisierung zeigte ihre Auswirkungen bereits im 18. Jahrhundert. Zu dieser Zeit änderte sich das Konsumverhalten bereits hin zu mehr Luxus und Annehmlichkeiten. Dabei konnte die Revolution auf der Konsumebene als logisches Äquivalent zur Industrialisierung gesehen werden. (McKendrick 40) Die Auswirkungen der veränderten Produktionsbedingungen auf die Gesellschaft und die konsumierenden Individuen werden dann im 19. Jahrhundert immer deutlicher. Das viktorianische Zeitalter ist also geprägt durch die positiven und negativen Auswirkungen der Industrialisierung und des neuen Konsumverhaltens sowie deren weiteres Fortschreiten. Dies führte zu einschneidenden Veränderungen in Gesellschaft und Kultur des viktorianischen Englands

Das Einkommen der Mittelklasse erhöhte sich wesentlich mehr als sich die Preise der Produkte steigerten, und besonders die untere Mittelklasse wuchs durch stärkere Professionalisierung an. Dementsprechend stiegen die Erwartungen der Mittelklasse an Komfort stark an, was zu höherem Konsum von Produkten wie Kleidung aber auch von Angeboten wie Reisen führte. (Loeb 8) Die Industrialisierung und Professionalisierung sorgte somit für eine Einkommenssteigerung der Mittelklasse, womit eine größere Nachfrage von Produkten ermöglicht wurde. Dabei bezog sich der gestiegene Konsum sowohl auf industriell gefertigte Güter wie auf Freizeitbeschäftigungen

Diese höhere Nachfrage wurde durch Massenproduktion gedeckt und eine Vielzahl an Produkten anbieten zu können wurde zum Qualitätsmerkmal für Verkäufer. „Furniture and clothing manufacturers were especially likely to emphasize the availability of a large quantity of goods.” (Loeb 9) Der Wunsch nach mehr Luxus und Gütern, die Komfort und Annehmlichkeiten boten, konnte also durch die standardisierte Produktion der Industrie erfüllt werden. Massenproduktion und technischer Fortschritt waren dabei ein Verkaufsargument, da dadurch ein höherer Lebensstandard für die gesamte Gesellschaft versprochen werden konnte. „At every turn, the advertisement seemed to emphasize the vast scale of industrial mass production: it seemed to tempt the consumer with promises of endless material wealth.” (Loeb 10)

Massenproduktion schuf also die Möglichkeiten zu Massenkonsum, welcher die Werte und das Selbstverständnis der Gesellschaft und der in ihr lebenden Individuen entscheidend veränderte. „As industrialism matured and productive capacity increased, a high level of consumption both in Britain and the Empire became more important, and a corresponding shift took place towards the values of leisure, privacy, subjectivity and choice.” (Gagnier Victorians 21) Änderte sich im 18. Jahrhundert das Konsumverhalten zu mehr Luxus und Annehmlichkeiten so findet sich im 19. Jahrhundert nicht nur eine Veränderung des Konsums, sondern ein Wertewandel hin zu dem Wunsch nach mehr individueller Gestaltung des eigenen Lebensraumes und nach mehr Freizeit, die dann auch nach eigenen Vorstellungen gestaltet werden konnte. Dementsprechend veränderte die Industrialisierung nicht nur die ökonomischen Verhältnisse, sondern sorgte durch technische Neuerungen auch für Arbeitserleichterungen, was zu mehr Freizeit führte, die wiederum mit dem Konsum von Gütern oder Freizeitangeboten verbracht werden konnte

2.2 Beginn der modernen Einkaufs- und Freizeitkultur

Die angesprochenen Faktoren der Industrialisierung und Massenproduktion sowie die Veränderung im Druck- und Verlagswesen ermöglichten dem viktorianischen Bürger also nicht nur gesteigerten Konsum, sondern auch die Teilnahme an kulturellen Freizeitaktivitäten welche bisher nur einer kleinen Gruppe vorbehalten waren. Lori Anne Loeb beschreibt die Situation der viktorianischen Mittelklasse folgendermaßen:

They moved toward a new and surprisingly more hedonistic emphasis that glorified democracy; the access of all not simply to political participation, but to consumer participation; the access of all to a good life, increasingly defined in material terms. (vii)[1]

Die einschneidenden Veränderungen hin zu einer Gesellschaft des Massenkonsums brachte also eine hedonistische Sichtweise mit sich. Dementsprechend scheint es nur logisch, dass besonders Luxusgüter geeeignet waren die neuen hedonistisch geprägten Wünsche zu erfüllen

Die Verbesserung des Lebensstandards zeigte sich unter anderem in dem Wunsch nach ausufernd dekorierten Räumen mit zahlreichen verzierten Möbeln, Malereien und mehr, ein Verhalten, welches eine hedonistische Einstellung zum Konsum zeigte. (vgl. Loeb 3) Hedonismus und individuelles Wohlbefinden sind also eng verbundenen mit der Entstehung des modernen Konsums. Die neue hedonistische Einstellung und die stärkere Individualisierung zeigte sich auch in der veränderten Funktion des Heims

Durch die veränderten Rahmenbedingungen wurde das Heim zu einem Platz der Erholung und des Rückzugs: „The gradual but by no means universal predominance of factory production in the course of the century meant that many working-class homes also ceased to be sites of economic activity and became more exclusively private.“ (Dentith 126) Dies erforderte eine Ausstattung des Heims nach ästhetischen Gesichtspunkten, was den Konsum förderte und eine Beurteilung von Gütern auch abseits von reinem Nutzen und Notwendigkeit möglich machte. Auch wenn die Arbeiterklasse weiterhin mit Armut zu kämpfen hatte, erst der Wunsch der Gesellschaftsschichten abseits von Reichtum und finanzieller Unabhängigkeit nach Konsum und ästhetisch hochwertigen Produkten lässt eine gesamtgesellschaftliche Konsumkultur entstehen. Besonders die Mittelklasse sah sich dabei in der Lage mit gestiegenem Einkommen an der neuen Konsumkultur teilzuhaben und ihre Wünsche in tatsächlichen Konsum umzusetzen

Es entsteht ein Konsumverhalten, welches sich nicht mehr nur auf die Dinge des täglichen Bedarfs richtet, sondern sich hin zu Luxusgütern orientiert. In diesem Zug entstehen die ersten Warenhäuser und Werbung wird allgegenwärtig. (Loeb 4-5) Werbung und Warenhäuser sind exakte Merkmale einer hedonistisch geprägten Konsumkultur, welche auf der Basis von technischen Neuerungen und billigen Produktionsweisen nahezu unerschöpflichen Wohlstand verspricht. Obwohl die Nachfrage nach Luxusprodukten größer wurde war es gerade der Wunsch nach hoher Quantität von Produkten, welcher gerade die großen Warenhäuser als attraktive Konsummöglichkeit erscheinen ließ, und nicht kleinere Läden, welche wenige exklusive Luxusprodukte anboten

All dies sind Veränderungen, die eine moderne Konsumkultur kennzeichnen. Der Mensch beginnt sich selbst als Konsument und Teil einer konsumierenden Gemeinschaft zu sehen. Loeb erkennt diese Veränderung auch in der Werbung dieser Zeit

Advertisements portray a Victorian consumer who is self-absorbed, but not atomized or isolated, who is indeed part of a new community of consumers. Although concerned with personal pleasure, the advertisement was also a central agency of the redefinition of community, to mean not so much a physical place as a shared and hedonistic experience of being a consumer. (130)

Die Veränderungen im Verkauf führten zu der Entstehung von standardisierten Warenhäusern, welche Produkte in großen Mengen und großer Auswahl anboten. Produkte waren zu günstigen Preisen erhältlich und teurere Güter konnten durch Kredit und Ratenzahlung von nahezu jedem erworben werden. (Loeb 161) Der Zweck und der Antrieb zu Konsum ändert sich grundlegend: „The new ideal glorified consumption for its own pleasure and to denote status []” (Loeb 181). Die Möglichkeit von Krediten und der Wunsch nach mehr Annehmlichkeiten und höherem Status fördern bereits ein Konsumverhalten, welches die Gefahr in sich trägt über die jeweiligen finanziellen oder sozialen Kapazitäten des Konsumenten hinauszugehen

[...]


[1] Loeb konzentriert sich auf Werbung und Konsum im Hinblick auf die Mittelklasse und rückt dabei besonders Frauen in den Vordergrund. Dennoch zeigen die Ausführungen eine allgemeine Veränderung in der gesamten Gesellschaft zu stärker an der Masse ausgerichteter Produktion und damit verbundenem Konsum von Massenware. Die von Loeb analysierte Werbung erschien nach ihren eigenen Angaben hauptsächlich zwischen 1880 und 1914 und fällt somit in die Zeit des Fin de Siècle

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Dandy und die Konsumkultur in Oscar Wildes "The Picture of Dorian Gray"
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Anglistik und Amerikanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V202599
ISBN (eBook)
9783656287063
ISBN (Buch)
9783656287896
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Oscar Wilde, Dandy, Dorian Gray, Konsum, Hedonismus, Dandyismus, Dekadenz, Ästhetizismus
Arbeit zitieren
Markus Wörner (Autor), 2009, Der Dandy und die Konsumkultur in Oscar Wildes "The Picture of Dorian Gray" , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202599

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