Vere Gordon Childe und die neolithische Revolution


Hausarbeit, 2011
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vere Gordon Childe

3. Die neolithische Revolution
3.1 Die „Oasen-Hypothse“ und der Fruchtbare Halbmond
3.2 Von Sammlern und Bauern
3.3 Überschüsse
3.4 Technologie
3.5 Götter und Gesellschaft

4. Marxistische Archäologie und Kritik

5. Zusammenfassung

6. Literatur

„Society is immortal, but ist members are born and die. Hence any idea accepted by Society and objectified is likewise immortal. In creating ideas that are accepted, any mortal member of Society attains immortality - yes, thought his name be forgotten as his bodily form dissolve. Personally i desire no more.“

- Vere Gordon Childe, Society and Knowledge, 1956.

1. Einleitung

Im Jahre 1941 veröffentlichte der australische Prehistoriker Vere Gordon Childe sein Buch „Man makes himself“. In diesem Werk versucht er durch die Verknüpfung von archäologischen Daten und marxistischen Ideen, eine Interpretation der Geschichte zu leisten. Eine Geschichte die sich von den ersten Jägern und Sammlern hin zu der modernen Gesellschaft rekonstruieren ließe. Zentrale Punkte in seinem Konzept sind die neolithische und die urbane Revolution. Sie stehen für entscheidende Entwicklungen in der Vorgeschichte, welche uns auf den Weg hin zur modernen Gesellschaft führen. Diese Arbeit befasst sich mit Childes Idee der neolithischen Revolution und einer kritischen Betrachtung seines Konzeptes. Zusätzlich wird versucht eine Aussage zu der Relevanz des Konzeptes und der Person Vere Gordon Childe für die Archäologie zu treffen.

2. Vere Gordon Childe

Im ersten Kapitel stellt einen kurzen Abriss über die Person Childe dar. Vere Gordon Childe wurde am 14. April 1892 in North Sydney, Australien geboren. In Sydney studierte er von 1911 bis 1914 „Classics“1. Durch seine guten Studienleistungen bekam er ein Stipendium und studierte von da an Altphilologie und Archäologie an der Oxford University in England. Im Jahre 1927 wurde er zum ersten „Abercromby Professor“2 an der University of Edinburgh berufen. Bis 1946 übte er dieses Amt aus und wurde dann Professor und Direktor am „Institute of Archaeology“ am heutigen University College London. Er war im Laufe seines Lebens politisch aktiv. So veröffentlichte er 1923 sein Werk „How Labour Governs“. In diesem verarbeitet er seine Zeit als Privatsekretär des Labour-Ministerpräsidenten in New South Wales, Australien. Er setzte sich zudem gegen den Nationalsozialismus ein. So zeigte er unteranderem, dass die Vorstellung nationalistischer Ideologen in Bezug auf die Existenz höherwertiger Rassen falsch ist. Isolierte Gesellschaften erblühen nicht, sie verenden (Faulkner, 2007). Am 19. Oktober 1957 kam er bei einem Sturz in den Blue Montains, Australien ums Leben. Es scheint wahrscheinlich dass er den Freitod wählte. Während der 1970er Jahren erschienen drei unabhängige Biographien zu Childe von Barbara McNairn, Bruce Trigger und Sally Green3 (Tringham, 1983). Am Ende seines Lebens war Childe konfrontiert mit den neuen Datierungsmethoden, wie die 14C-Methode. Er muss gespürt haben, dass die Zerschlagung seiner Konzepte und Chronologie in den nächsten Jahren kommen würde. Zusätzlich desillusionierte ihn die gewaltsame Zerschlagung des Ungarischen Volksaufstandes im Jahre 1956 bezüglich seiner politischen Einstellungen. Childe könne deshalb als ein weiteres Opfer des Stalinismus betrachtet werden (Faulkner, 2007).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Vere Gordon Childe mit einem Geschenk eines Studenten (Quelle: Tringham, 1983).

3. Die neolithische Revolution

Der Begriff der „Neolithic Revolution“ beschreibt in erster Linie den Übergang vom Jagen und Sammeln hin zum Halten von Nutztieren und zum Ackerbau. An einem unbestimmten Punkt in der Vorgeschichte hat der Mensch damit begonnen Pflanzen und Tiere zu domestizieren um sie für die eigene Nahrungsproduktion zu nutzen. Ökonomisch gesprochen handelt es sich hierbei also um eine Veränderung der Wirtschaftsweise (Darwill, 2008). Seit die Idee einer „Neolithic Revolution“ durch Vere Gordon Childe populär gemacht worden ist, sind viele theoretische Ansätze entstanden. Der Prozess der Entstehung, also der Übergang zu einer selbstproduzierenden Wirtschaftsweise, ist auch im Jahre 2011 ein diskutiertes Thema und stellt einen eigenen Zweig innerhalb der Urgeschichtsforschung da. Um es vorweg zu nehmen, bisher erscheint keiner der Ansätze ausreichend befriedigend. Damit soll gemeint sein, dass die verschiedenen Konzepte zwar regional bezogen schlüssig sind und funktionieren mögen, jedoch eine allumfassende Theorie bislang fehlt (Weisdorf, 2005). Vere Gordon Childe selbst lieferte einen Ansatz, welcher aus dem historischen Materialismus schöpft. Diese Gedankengänge werden im Folgenden illustriert und kritisch betrachtet.

3.1 Die „Oasen-Hypothese“ und der Fruchtbare Halbmond

Wie es sich für den Historischen Materialismus gehört, liegt der Auslöser für die neolithische Revolution allein in Umweltfaktoren. Am Ende der letzten Eiszeit4 kam es zu einem Klimaumschwung. Die Winde über dem Atlantik verschoben sich nach Norden. Dies führte zu einem trockeneren Klima im Gebiet der Levante und Nordafrikas. Dies muss Dürren zur Folge gehabt haben, welche die Menschen und Tiere dazu veranlasste Schutz in den Oasen und Überschwemmungsgebieten der Flüsse zu suchen. Dort muss es zur ersten Domestikationen gekommen sein. Auf die Frage was zuerst dagewesen sein muss, Ackerbau oder Nutztiere gibt Childe uns eine Antwort. Am Beginn seines Textes erwähnt er, dass unterschiedliche Schulen unterschiedliche Antworten auf dieses Henne-Ei-Problem haben. Die Antwort finde sich in den archäologischen Daten, denn es sei uns bekannt, dass die ersten Bauern nur sehr wenige Nutztiere hatten und sich ihre Nahrungsbeschaffung auf Ackerbau und Jagt beschränkt haben muss. Dies bettet er später in die „Oasen-Hypothese“ ein in dem er sagt dass die Nutztiere, auf der der Flucht vor Hunger und Räubern, wahrscheinlich zu den Menschen gefunden haben, da dieser ihnen Nahrung geboten haben muss (Childe, 1941). Der Autor zeichnet hier ein Bild von halbverhungerten wilden Tieren, die von den Ernteresten der ersten Bauern zehren. In Childes Vision reicht also der bloße Kontakt zueinander aus, um gemeinsame Wege zu gehen. Jedoch bleibt uns hier eine genauere und vor allem weniger konstruierten Erklärung schuldig, was auch dazu führte, dass die „Oasen-Hypothese“ heute abgelehnt wird. Zusätzlich stellte sich heraus, dass die Klimaveränderung selbst nicht schnell genug abgelaufen ist um eine Veränderung des Verhaltens hervorzurufen. Es kommt erschwerend hinzu, dass der Prozess der neolithischen Revolution auch in Regionen stattfand, welche nicht unter dramatischen Klimaschwankungen gelitten haben und in denen es wahrscheinlich ausreichend Nahrung gab. Nichtsdestotrotz gibt es heute erneut Theorien, welche Umweltfaktoren besonders den des Klimas als Auslöser für den Wandel sehen.

Ein Beispiel dafür ist die „Jüngere Dryas“-Hypothese5 (Weisdorf, 2005). Ihm ist aber sicherlich der weitere Gedankengang anzurechnen. So bemerkt er, dass die Domestikation von Tieren sicherlich auch schon vor der neolithischen Revolution stattgefunden haben muss. Als Jäger die ersten Wölfe zu ihren „Jagthelfern“ machten. Er fährt weiter fort, dass der Mensch im Laufe der Zeit, bewusst oder unbewusst, Selektion betrieben haben muss. Die ersten Nutztiere dienten wohl rein zur Fleischproduktion doch später kommen andere Nutzungsmöglichkeiten hinzu. Childe erwähnt hier, dass bereits vor 3000 B.C. in Mesopotamien Schafe in Hinblick auf ihre Wolle gezüchtet wurden. Die neolithische Revolution im Zusammenhang mit der Neolithisierung Europas verortet Childe in die Gebiete des Fruchtbaren Halbmonds (siehe Abb. 2). Er argumentiert dass dort wohl die besten Bedingungen für den Start der Revolution geherrscht haben müssen. Dort fänden sich alle Vorfahren der heutigen Nutztiere (Rinder, Schafe, Schweine, Ziegen). Zusätzlich noch die wilden Gräser Einkorn und Emmer als Vorfahren von Weizen und Gerste. Funde der Natufien6 beinhalten die ersten Gerätschaften zur Verarbeitung von Nutzpflanzen. Trotzdem sieht Childe die Möglichkeit des getrennt voneinander Mehrfachstattfindens. Beispielsweise in Mittelamerika oder Ost-Asien (Childe, 1941). Die Verortung in den Fruchtbaren Halbmond gehört jedoch heute zur allgemeinen Lehrmeinung. So nutzt 1997 der amerikanische Forscher Jared Diamond in seinem Buch Guns, Germs and Steel: The Fates of Human Societies im Prinzip dieselben Argument wie Childe. Dieses Buch wird in dieser Arbeit jedoch nicht verwendet da es sich dabei nur um ein Sachbuch handelt, welches 1998 zwar mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, jedoch auch scharf kritisiert wurde. Es mag nur als Beispiel dienen für ein populäres Werk, welches sich scheinbar auf Childes Idee stützt.

[...]


1 „Classics“: Ein Studium altertümlicher Sprachen und Geschichte (Quelle: http://sydney.edu.au/).

2 „Abercromby Professor“: Ein Lehrstuhl für Archäologie an der University of Edinburgh. Gestiftet von Lord Abercromby of Abourkir and Tulliboy (1841-1924) (Quelle: http://www.arcl.ed.ac.uk/arch/abercrom.html).

3 Barbara McNairn: siehe Literaturverzeichnis. Bruce Trigger: Gordon Childe: Revolutions in Archaeology. London: Thames and Hudson, 1980. Sally Green: Prehistorian. A biography of V. Gordon Childe. Moonraker Press, Bradford-on-Avon, 1989.

4 Childe spricht hier offenbar von der Weisel-Eiszeit

5 „Jüngere Dryas“-Hypothese: Zwischen 11 000 und 10 000 BP sinkt die Temperatur in Nordwest Europa. Es folgte ein Gletschervorstoß. Um die Gletscher entstehen neue periglaziale Zonen. Eine Folge davon ist, ein erhöhter Niederschlag und damit eine stärkere Wolkenbildung. Dies Verändert die Lage der polaren und ozeanischen Fronten (Mayhew, 2004). In der Levante und Nord Afrika führt dies zu einem kälteren und trockeneren Klima. Es wird argumentiert, dass dieses Klimaereignis die Natufien-Kultur zu einer neuen Wirtschaftsweise gezwungen hätte. Die ersten Siedlungen datieren zurück bist 13 000 BP. Dadurch kommt der Faktor Bevölkerungsdruck hinzu (Weisdorf, 2005).

6 Natufien: Epipaläolithische Kultur um 10500 bis 8000 BC in der Levante. Sie waren sesshafte bzw. semisesshafte Jäger und Sammler. Man findet von ihnen Mörser zum Zermahlen von Getreide, Mikrolithen, Pfeilund Sperrspitzen aus Knochen und Fischerharken, Jedoch gibt es bis heute keinen Hinweis darauf dass sie gezielt Anbau oder Tierhaltung betrieben haben (Darwill, 2008). Das Sammeln von wildem Getreide könnte der erste Schritt hin zu einer Landwirtschaft sein.

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Details

Titel
Vere Gordon Childe und die neolithische Revolution
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Ur- und Frühgeschichte)
Veranstaltung
Archäologische Theorie
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V202619
ISBN (eBook)
9783656286202
ISBN (Buch)
9783656287407
Dateigröße
934 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
neolitische Revolution, Gordon Childe
Arbeit zitieren
Patrick Boll (Autor), 2011, Vere Gordon Childe und die neolithische Revolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202619

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