Alfred Döblin: "Die Ermordung einer Butterblume" – „Nur“ die Darstellung einer Psychose?

Eine Interpretation


Hausarbeit, 2007

21 Seiten, Note: 2,3

Katharina Berlind (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsangabe

Einleitung

1) Inhalt und Hauptfigur sowie Interpretationsansätze

2) „Nur“ die Darstellung einer Psychose?

3) (Sexuelle) Triebhaftigkeit in der Erzählung

4) Schlusswort

5) Literaturverzeichnis

6) Endnoten

Einleitung

Ein Geschäftsmann geht im Wald spazieren, köpft eine Butterblume, verfällt in Ängste, leidet unter Schuldgefühlen und verliert schließlich alle Hemmungen, nachdem er sich von der „Schuld“ an dem „Mord“ befreit fühlt: Als der „merkwürdigste Text der modernen deutschen Literatur“[i] gilt Döblins frühe Erzählung Die Ermordung einer Butterblume. Der Grund für ihre Rätselhaftigkeit ist wohl der Facettenreichtum und die Komplexität.

Viele Literaturwissenschaftler lösen die Aufgabe der Interpretation dieser Erzählung, indem sie ihre Analyse in Kapitel mit verschiedenen Überschriften einteilen. So zum Beispiel Helmut Liede, der einerseits vom „psychopathologischen Komplex“, andererseits von der „Bürgersatire“ spricht – was stellenweise widersprüchlich ist.

Besonders überzeugend finde ich die Deutung, dass in der Erzählung der Gegensatz und Konflikt (sexuelle) Triebhaftigkeit – Bürgertum/Gesellschaft thematisiert ist. Deshalb möchte ich mich in meiner Hausarbeit auf diese Auslegung (Kapitel 3) beziehen sowie gleichzeitig andere Interpretationen in Frage stellen, ohne sie auszuschließen.

Barbara Baumann-Eisenach schreibt: „Es fällt auf, dass Döblin selbst Lösungsmöglichkeiten nur in einer Synthese verschiedenster Denkansätze sah, in der jedoch die Eigenarten des jeweiligen Denkansatzes nicht verwischt werden sollten.“[ii]

Lediglich eine Interpretation erscheint mir wenig plausibel: Die Erzählung darf nicht einfach als die Darstellung einer Psychose abgetan werden. „Döblin ist es nicht um den präzisen Fallbericht eines Zwangsneurotikers gegangen“.[iii] Auf diesen Punkt möchte ich im zweiten Kapitel eingehen und im ersten Kapitel den Inhalt zur Verständlichkeit wiedergeben.

Die Situation der Sekundärliteratur ist gut. Interessant sind vor allem die Ausführungen von Thomas Anz und Christine Kanz (siehe Literaturverzeichnis). Viele Anregungen bieten in diesem Kontext auch die Jahrbücher für Germanistik mit den Ergebnissen der Internationalen Alfred-Döblin-Kolloquien.

Trotz zahlreicher Analysen und Deutungen bis ins Detail scheint sich die Erzählung Die Ermordung einer Butterblume einer vollständigen Entschlüsselung zu entziehen und „der Anspruch einer so genannten Gesamtinterpretation“[iv] wirkt deshalb vermessen. Doch gerade dies macht – neben Sprache und Bildlichkeit – wohl den Reiz der Erzählung Döblins aus.

Anmerkung: Die Seitenzahlen, die nach Zitaten in Klammern stehen ((14)), beziehen sich auf die dtv-Ausgabe [1. Auflage 1965] des Erzählbands „Die Ermordung einer Butterblume“. Auf eine zusätzliche Endnote habe ich jeweils verzichtet. Das Werk ist im Literaturverzeichnis aufgeführt.

1) Inhalt und Hauptfigur sowie Interpretationsansätze

Bereits im ersten Satz der Erzählung wird der Protagonist erwähnt. Es ist von einem „schwarzgekleideten Herrn“ die Rede. Auch der Ort der Erzählung wird bekannt gegeben. Der Mann befindet sich auf dem „breiten Fichtenweg“, der nach „St. Ottilien“ führt. Das Verhalten des Mannes mutet merkwürdig an. Er hat seine Schritte gezählt, vorwärts wie rückwärts – bis hundert. Er hat „sich bei jeder Bewegung mit den Hüften stark nach rechts und links gewiegt“, so dass „er manchmal taumelte“. Eine spastisch wirkende Bewegung, die wohl spontan und grundlos gewesen ist, denn er vergisst sie wieder (5). Es ist das ungezwungene, autistische Verhalten eines Menschen, der allein ist – oder sich zumindest unbeobachtet fühlt. Im zweiten Absatz wird das Aussehen des Herrn beschrieben. Er hat „hellbraune Augen, die freundlich hervorquollen“. Diese „starrten auf den Erdboden, der unter den Füßen fortzog“. Hier ist ein logischer Bruch, ein Fehler in der Perspektive. Es ist natürlich nicht der „Erdboden“, der sich bewegt, sondern der Mann ist der Fortschreitende (ebenso: „Die Bäume schritten rasch an ihm vorbei“ (5)). Die Arme „schlenkerten an den Schultern“, eine unkontrollierte Bewegung, die einen Kontrast zu den wohl ordentlichen „weißen Manschetten“ darstellt (5). Zudem wird indirekt eine Zeitangabe vermittelt: „Gelbrotes Abendlicht“ fällt durch die Bäume – der Herr macht einen einsamen Abendspaziergang. Dieses als unangenehm empfundene Licht bringt seine Augen zum Zwinkern und führt zu „entrüsteten hastigen Abwehrbewegungen“ der Hände. Im ersten Absatz ist die Person als Einheit im Fokus des Er-Erzählers: „der schwarzgekleidete Herr ...“. Im zweiten Absatz scheinen die einzelnen Körperteile selbständig zu agieren und zu reagieren: „die Augen [...] starrten“, „die Arme schlenkerten ...“, „zuckte der Kopf“, „machten die Hände ...“ (5). Dieser Eindruck wird erweckt, da bestimmte Artikel anstelle von Possessivpronomen („seine“) stehen. Thomas Anz spricht von „ichfremden Körperfunktionen“, da sie „unabhängig von seinem [Fischers] bewussten Ich“ handeln.[v] Anschließend ist vom „dünnen Spazierstöckchen“ die Rede, das scheinbar eigenständig „über Gräser und Blumen am Wegrand wippte“ und „sich mit den Blüten vergnügte“. Das Stöckchen bleibt „an dem spärlichen Unkraut hängen“, wodurch der „ernste Herr“ aus seiner Achtlosigkeit gerissen wird. Mit einer heftigen Bewegung reißt er das Stöckchen los – ein Vorgang, der ihn verunsichert („trat atemlos mit zwei raschen Blicken auf den Stock und den Rasen zurück“) und provoziert. In einem Rache- und Gewaltakt stürzt er „blutroten Gesichts“ auf die „verwachsenen Blumen“ und peitscht auf sie ein (5). Von diesem Moment an wirkt „der Dicke“ beunruhigt und irritiert. Er ist gereizt, „seine Brust keuchte heftig“, er schwitzt und erschrickt bei dem Gedanken, dass er „Geschäftsfreunden oder einer Dame“ begegnen könnte. Seine Handbewegung ist „verstohlen“ – die Selbstvergessenheit des Anfangs ist dahin. Doch der Herr ruft sich selbst zur Ordnung und relativiert den Ausfall: „vor Blumen war er ja gesprungen“. Trotzdem fällt das Wort „gemetzelt“ – wenn auch „mit dem Spazierstöckchen“ (6). Um den Anfall einzuordnen und damit gewissermaßen zu legalisieren, vergleicht er ihn mit „jenen heftigen aber wohlgezielten“ Ohrfeigen, die er seinen Lehrlingen verpasst, wenn diese „nicht gewandt genug“ reagieren. Der Leser erfährt wieder etwas über die Gesinnung und den Status des Protagonisten. Sein Charakter weist sadistische Züge auf, denn er lässt sich die gefangenen (und erschlagenen) Fliegen „nach der Größe sortiert“ vorlegen. Hier mischt sich bürgerliche Pedanterie mit Sadismus. Er ist Geschäftsmann in leitender Position („Geschäftspartner“ (5), „Chef“ (7)), wohlhabend („Goldkette“ (5) und lebt in der Stadt, die ihn „nervös macht“ (6). Gegensätzlich zu seinem Alter und seiner gesellschaftlichen, gehobenen Position wirkt sein „Kindergesicht“, das „bartlos“ und mit „süßem Mündchen“ ist (5). Zudem wird dem Leser vor diesem Hintergrund bewusst, dass Aussagen wie „der ernste Mann“ (6) und „der feinfühlige Herr“ (8) ironisch gemeint sein müssen. Der Protagonist der Erzählung wird karikiert.

Wieder kommt es zu einem Anfall. Herr Michael Fischer stürzt auf eine einzelne Butterblume und schlägt ihr „glatt den Kop ab“. Dabei sieht er sich selbst zu, scheint seinen Körper zu verlassen. Wie in Nahaufnahme „zoomt“ der Text nun auf den abgeschlagenen Blumenkopf, der „tiefer, immer tiefer“ in den Boden sinkt. Aus dem Blumenstiel, dem „Körperstumpf“, dem „Halse“, tropft „weißes Blut“. Fischer fühlt sich vom „dickem Strom“ bedroht. Er erwacht wie aus einem Trancezustand. Er ist entsetzt und versucht sich zu beruhigen, indem er sich in seine gesellschaftliche Stellung als „Chef“ sowie in gewohnte Verhaltensweisen und Phrasen rettet: „Man muss diesem Volk bestimmt entgegentreten.“ (7), „In meiner Firma ist solch Benehmen nicht üblich“. Kurz darauf gefällt er sich sogar in seiner Tollkühnheit und stellt sich schauervoll und zugleich fasziniert vor, welche Aufruhr der „Mord […] an einer erwachsenen Butterblume“ verursachen wird. Er brüstet sich in Gedanken mit „seiner raschen Energie“. Dann befällt ihn wieder der Schrecken, er möchte den „Mord“ vertuschen, den „Kadaver“ fortschaffen (8). Seine Füße drängen weiter, ihn „lüsterte [jedoch] nach der Blume und der Mordstelle“. Um sich aufzuhalten, stößt er sein Taschenmesser in die Rinde eines Baums, umschlingt in einer sexuell anmutenden Bewegung den Stamm. Doch er möchte zumindest den Blumenkopf begraben und „schlendert“ zurück.

Fischer befällt plötzlich die fixe Idee, er könne „die Verletzte“ wieder heilen. Diese wirkt zunehmend menschlicher und erhält einen Namen: „Wenn er die Blume nur rufen könnte. […] Sie hieß vielleicht Ellen, gewiss Ellen. (9)“ Physische triebhafte Bewegungen („Ganz legte er sich auf die Erde, suchte, wühlte …“) alternieren mit vernünftigen Phrasen aus dem bürgerlichen Leben („Es müssen Bedingungen gestellt werden.“), mit denen Fischer sich zu disziplinieren versucht (10). Er findet die „Ermordete“ nicht und malt sich fatalistisch die Bestrafung für den „Mord“ aus. Er will sich langsam „davonschleichen“. Doch der Wald erscheint ihm als Bedrohung und Rächer der Blume („[…] von Bäumen [...], die ihm nachlaufen und schimpfen“, „Die Bäume treten zum Gericht zusammen.“) – Fischer hastet ins Dorf (11).

Hier beginnt der zweite Teil der Erzählung, der sich auf einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren erstreckt. Zu Hause angekommen versucht Fischer sich abzulenken, kann das Geschehene aber nicht vergessen. Es beschäftigt ihn unaufhörlich.

Von diesem Zeitpunkt an ist das Erzähltempo erheblich beschleunigt – im Gegensatz zu den zahlreichen Retardationen im ersten Teil.

„Etwas besteht darauf“, der Butterblume zehn Mark gutzuschreiben. Michael Fischer steht also in ihrer Schuld. Zudem wird Ellen ein Konto angelegt sowie „Speis und Trank“ geopfert. Fischer „büßte für seine geheimnisvolle Schuld“, er ist also ein Sünder.

Dieses Schuldgefühl schlägt sich auch in körperlichen Veränderungen nieder: „seine Augen lagen tief“. Gottähnlich „sah die Butterblume in seine Handlungen“ (12). Die „Schönheit der Welt“ wird für ihn ungenießbar, da er stets nur daran denken kann, dass sie Ellen verwehrt bleibt. Aus diesem Schuldgefühl resultiert der Gedanke an Selbstmord. Die „ermordete“ Butterblume ist für Michael Fischer eine ständige Bedrohung, er fürchtet sich vor ihr wie ein Kind vor einer herrischen Mutter („schwere Strafe“) und begehrt doch immer wieder gegen sie auf („Er betrog sie in kleinen Dingen [...]“, „heimlich verlief dieser Krieg“). Gleichzeitig pflegt er den Gedanken an die Blume, räumt ihr einen Platz in seinem Leben ein und führt eine äußerst ambivalente Beziehung zu ihr („Die Blume gehörte zu ihm, zum Komfort seines Lebens“ (13)). Er verfällt auf die Idee, eine andere Butterblume auszugraben. Zum einen, um „der Alten“ eine Nebenbuhlerin zur Seite zu stellen, zum anderen, um „den Tod der Mutter zu kompensieren“ (14).

Seine Wirtschafterin lässt den Blumentopf jedoch fallen und wirft „das gemeine Mistzeug“ weg, was für Fischer die Erlösung bedeutet, denn „nun war er die ganze Butterblumensippschaft los“. Mit dieser Befreiung von den Schuldgefühlen fallen auch die Hemmungen: „Und so verschwand er in dem Dunkel des Bergwaldes“. „Er konnte morden, so viel er wollte“ (14).

2) „Nur“ die Darstellung einer Psychose?

In seinem Nachwort zur dtv-Ausgabe des Erzählbands Die Ermordung einer Butterblume schreibt Walter Muschg:

[…], denn sie [das Köpfen der Blume] ist das Symptom einer in ihm [Fischer] vorbereiteten Krise und löst den Mechanismus der beginnenden Geisteskrankheit aus, durch den die fixe Idee zum unheilbaren seelischen Defekt wird. Als exakte Beschreibung einer Psychose erinnert diese Geschichte an die Novelle „Lenz“ […]. [vi]

Interessant ist das Wort „exakt“. Daraus lässt sich schließen, dass Muschg annimmt, Döblin wolle in dieser Erzählung das exakte naturgetreue Krankheitsbild und seinen Verlauf schildern. Also ein genaues literarisches Exempel einer Psychose (z.B. einer Schizophrenie) statuieren, dieses anschaulich machen. Muschg nahm als Anhaltspunkt für seine These sicherlich Döblins Tätigkeit in einer psychiatrischen Klinik in Regensburg sowie dessen Stelle als Nervenarzt in einer Berliner Anstalt. Döblin publizierte zudem einige kleinere psychiatrische Studien und Aufsätze zur Melancholie, Hysterie und Psychose[vii], bevor er sich ganz seiner literarischen Arbeit widmete.[viii] Muschg unterstellt Döblin mit dieser These einer Psychose die Verquickung von erlerntem Beruf und schriftstellerischer Arbeit. Döblin selbst notierte fast 50 Jahre später, das „Thema“ der Erzählung sei ihm während seines letzten Studienjahres (also 1904/05) bei einem Spaziergang über den [Freiburger] Schlossberg eingefallen.[ix]

[...]


[i] Marx, Reiner: Literatur und Zwangsneurose – eine Gegenübertragungs-Improvisation zu Alfred Döblins früher Erzählung Die Ermordung einer Butterblume, in: Jahrbuch für internationale Germanistik (Reihe A, Kongressberichte (Internationales Alfred-Döblin-Kolloquium <10, 1995, Leiden>), Band 43) / hrsg. von Gabriele Sander, Bern 1997, Seite 12-23, hier Seite 16.

[ii] Baumann-Eisenach, Barbara: Der Mythos als Brücke zur Wahrheit. Eine Analyse ausgewählter Texte Alfred Döblins, in: Beiträge zur Sprach- und Literaturwissenschaft (Reihe 3, Band 105), Idstein 1992, 78-88 (Abschnitt: Auseinandersetzung mit Freud), hier Seite 79.

[iii] Marx, Reiner, Seite 21.

[iv] Marx, Rainer, Seite 16.

[v] Vgl. Anz, Thomas: Literatur der Existenz. Literarische Psychopathographie und ihre soziale Bedeutung im Frühexpressionismus, Stuttgart 1977, Seite 121.

[vi] Döblin, Alfred: Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen, München 1986 [1. Auflage 1965), Seite 165-166.

[vii] Vgl. Baumann-Eisenach, Barbara, Seite 79.

[viii] Vgl. Bogner, Ralf Georg: Einführung in die Literatur des Expressionismus, Darmstadt 2005, Seite 88.

[ix] Vgl. Bogner, Ralf Georg, Seite 90.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Alfred Döblin: "Die Ermordung einer Butterblume" – „Nur“ die Darstellung einer Psychose?
Untertitel
Eine Interpretation
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V202688
ISBN (eBook)
9783656289999
ISBN (Buch)
9783656290780
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alfred, döblin, ermordung, butterblume, darstellung, psychose, eine, interpretation
Arbeit zitieren
Katharina Berlind (Autor:in), 2007, Alfred Döblin: "Die Ermordung einer Butterblume" – „Nur“ die Darstellung einer Psychose?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202688

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