Der gute Tod im Mittelalter

Wie stirbt man richtig?


Hausarbeit, 2011
14 Seiten, Note: 1,8
Julius Ledge (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Sterbeprozess
2.1. Todesahnung
2.2. Sterberituale
2.3. Bestattung

3. „Ars moriendi“ - die Kunst des Sterbens

4. Martyrium
4.1. Begriffsklärung
4.2. Märtyrertod im Mittelalter

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis
6.1. Quellen
6.2. Literatur

1. Einleitung

Das Mittelalter gilt heute im Allgemeinen als dunkles Zeitalter. Die, nach Ständen geordnete Gesellschaft, litt häufig an verschiedenen Nöten. Nicht nur jahrzehntelange Kriege begleiteten die Bevölkerung in ihrem Leben. Es waren besonders die Epidemien uns Seuchen, wie die große Pest des 14. Jahrhunderts[1] , welche das Volk des Mittelalters besonders bedrohten. Die Folge waren oftmals soziale Katastrophen und Hungersnöte, die teilweise ganze Landstriche entvölkerten.

Der Tod war also ein ständiger Begleiter des religiösen, mittelalterlichen Menschen. Auf ihn versuchte man sich vorzubereiten, um gottgefällig in Ewigkeit ins Paradies einziehen zu dürfen. Wie aber sahen diese Vorbereitung auf den Tod aus? Welche Rituale wurden auf dem Sterbebett praktiziert? Und welches war, nach mittelalterlicher Vorstellung der beste Weg aus dem Leben zu scheiden? Diese Fragen sollen in dieser Arbeit beantwortet werden. Dabei werden immer wieder Bezüge zur „Slawenchronik“[2] des geistlichen Chronisten Helmold von Bosaus hergestellt. Diese befasst sich zwar hauptsächlich mit der Herrschaftsbildung und Siedlung sowie Missionierung der Slawen seit Karl dem Großen, gibt aber in einigen Kapiteln auch Auskünfte über Sterberituale und Vorstellungen eines ehrwürdigen Todes zu dieser Zeit.

Hierbei ist allerdings auf den Wert und die Zuverlässigkeit der Erzählungen Helmolds hinzuweisen. Im Mittelalter war die Geschichtsschreibung häufig nur auf aktuelle Ereignisse bezogen, Aspekte der Vergangenheit wurden damit meist außer Acht gelassen. Auch die Perspektivität Helmolds spielt eine bedeutende Rolle. So sind in seinem Werk einige Aspekte weggelassen worden, da der Autor diese für weniger wichtig hielt. Da es im Mittelalter nur wenig Textproduktion gab, ist auch der Vergleich mit anderer Literatur von Zeitgenossen schwierig, denn für einige behandelte Themen der Slawenchronik gibt es schlichtweg keine zweite Literatur. Als Fachliteratur zur Ausarbeitung dieser Arbeit wurde unter anderem das, von verschiedenen internationalen Historikern erstellte „Lexikon des Mittelalters“ verwendet, welches in der Mediävistik allgemein als unverzichtbares Werk gilt. Dazu wurde mit Fachliteratur von Historikern und Theologen wie Arnold Angenendt oder Jacques Le Goff gearbeitet, die als Experten auf dem Gebiet des Mittelalters gelten und sich in ihren Erkenntnissen wenig widersprechen

2. Der Sterbeprozess

2.1. Todesahnung

Der Tod war im Mittelalter ein allgegenwärtiger Begleiter. Da auch die Lebenserwartung der Menschen im Mittelalter deutlicher geringer als heute war, beschäftigte man sich schon sehr früh mit dem Ableben. Die Anschauung des Todes war dabei sehr von christlichen Vorstellungen geprägt. Grundlegend dabei war die Auffassung, dass die Seele des Menschen nach dem Tod aus dessen Körper entweicht, um entweder im Paradies an der Seite Gottes oder in der Hölle die Ewigkeit zu verbringen. Folglich versuchte der religiöse Mensch des Mittelalters, sein Leben mit möglichst wenig Sünden zu führen, um Gottes Gnade nach dem Ableben zu erhalten und in den Himmel auffahren zu können. Der Todeszeitpunk galt also nur als Ende des irdischen Lebens und damit als Anfang des ewigen Lebens, möglichst im Paradies.

Besonders wichtig dabei war es, den Zeitpunkt des eigenen Todes zu ahnen. Dadurch konnte ein planmäßiger Tod gewährt werden, indem der Sterbende sich auf sein Ende vorbereitete, letzte Gespräche führte, die Beichte ablegte und die Sterberituale über sich ergehen ließ.

2.2. Sterberituale

Zum Prozess eines „guten Todes“ gehörten im Mittelalter einige wichtige Sterberituale. Falls der Sterbende nicht von einem plötzlichen Tod überrascht wurde, sondern noch zu seinem Zuhause zurückkehren konnte, erwartete ihn auf dem Sterbebett ein religiöser Ritus. Zunächst wurde meist die Familie zusammengerufen, die sich dann verabschieden konnte. Erst unmittelbar vor dem Tod wurde dann der Pfarrer gerufen, welcher die Sakramente spendete.

Dazu gehörte zunächst die Abnahme der Beichte. Diese stellte ein vollkommenes Sündenbekenntnis im Angesicht des bisherigen Lebens des Beichtenden dar. Nach dem Sündengeständnis legte der Pfarrer seine Hand dem Beichtenden auf und erteilte die Absolution[3] mit den Worten: „Ego te absolva a peccatis tuis. In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti“[4] .

Die Absolution konnte allerdings auch noch nach dem Tod erklärt werden. Ebenso wurde sie oftmals, zum Beispiel bei den Kreuzzügen, bei denen eine Knappheit an kirchlichen Amtsträgern vorherrschte, öffentlich vor mehreren Menschen ausgesprochen. Doch der Regelfall blieb die private Beichtabnahme.

War dieser Ritus beendet und stand der Tod des im Sterbebett Liegenden kurz bevor, vollzog der Pfarrer das Sakrament der „Letzten Ölung“. Diese Ölung, welche auch als Krankensalbung bezeichnet wird, sollte dem Sterbenden zur Stärkung und Ermutigung dienen. Gesalbt wurde möglichst mit einem geweihten Olivenöl, meist jedoch mit einfachen, anderen Pflanzenölen. Der Sinn bei der Salbung lag in der Stärkung der Sinne. Dazu wurde dem Todgeweihten auf Stirn, Hände, Ohren, Nase und Mund ein Kreuz mit dem Öl gestrichen. Der Pfarrer, der dieses Sakrament erteilte, sprach dazu ein begleitendes Gebet, mit dessen Hilfe dem Sterbenden seine Sünden erlassen werden sollten und um Gottes Gnade gebeten wurde.

War die Beichte abgenommen und die Letzte Ölung erteilt, erfolgte die Kommunion[5] . Diese diente dem Sterbenden als letzte Wegzehrung und wurde daher oftmals erst sehr spät, teilweise mit den letzten Atemzügen verabreicht. Die Hostie[6] sollte, neben der Stärkung für den kommenden Weg, auch die Seele des Verstorbenen vor Dämonen schützen.

Die Einheit der Sakramente der Beichte, der Letzten Ölung und der heiligen Kommunion wird als „Versehgang“ bezeichnet. Abzuleiten ist der Begriff daher, dass der Sterbende bei seinem „Gang“ in den Tod mit den verschiedenen Ritualen versehen wird. Während des gesamten Sterbevorgangs waren meist, außer dem Pfarrer noch Angehörige und Nachbarn als kleine Trauergemeinde um den Sterbenden versammelt, um mit Gebeten für die Aufnahme dessen Seele zu bitten.

Besonders eindrücklich sind diese Sterberituale auch in der Slawenchronik von Helmold von Bosau beschrieben. Anhand des Todes des Probstes Thetmar, erläutert Helmold hierbei wie man „richtig“ stirbt.

Als jener Thetmar plötzlich erkrankt, ahnt er bereits, dass dies der Anfang seines Endes ist. Auch die Brüder[7] , die ihm „Hoffnung auf Wiederherstellung“[8] geben wollen, können ihn nicht vom Gegenteil überzeugen. Thetmar ist sich seines Todes bereits völlig bewusst und drückt dies in seiner Antwort aus:

„Liebe Brüder, verheißt mir keine Verlängerung meines irdischen Lebens; mein Geist ist müde von der Pilgerschaft und strebt der Heimat zu, betrübt ihn nicht mit solchen Reden.[...]jetzt muß ich darum bitten, daß ich endlich von der Arbeit ausruhen darf und vertraue auf Gottes gewohnte Güte, daß ich auch dies nicht vergebens tue.“[9]

Obwohl seine Leiden in der folgenden Zeit zunehmen, vertraut er weiterhin auf Gott, was seinen Brüdern „Trost in ihrem Kummer, Rat in ihren Nöten [und] sittlichen Halt“ gibt und „in die Herzen seiner Freunde letzte, untilgbare Zeichen der Erinnerung“[10] prägt. Thetmars Verhalten im Bewusstsein seines nahenden Todes, dient seinen Brüdern damit als Vorbild, als eine Art Musterbeispiel. Auch der Empfang der Sakramente durch den Priester wird im folgenden in Helmolds Werk geschildert. Helmold von Bosau erwähnt hierbei ebenso die Beichte, die Letzte Ölung sowie die heilige Kommunion, als Elemente des Versehganges. Thetmar ahnt den Zeitpunkt seines Todes anschließend so voraus, dass er die vorhergehende Nacht mit beten verbringt und „inständig die Engel herbei“[11] ruft. Bis zum Schluss verweilte er noch im Gebet „und seine Zunge bewegte sich noch betend und Gottes Lob bekennend, als die Seele schon zu entweichen begann“[12] . Thetmars Sterbeprozess wird von Helmold nicht nur gelobt, sondern idealisiert. Er lässt in seinem Text keinen Zweifel an der guten Seele des verstorbenen Propstes. Besonders deutlich wird dies im letzten Teil dieses Kapitels, in welchem er eine Art Festrede auf Thetmar hält:

[...]


[1] Vasold, Manfred: Pest, Not und schwere Plagen. Seuchen und Epidemien vom Mittelalter bis heute. München 1991. S. 39 f.

[2] Die „Slawenchronik“ entstand am Anfang des 12. Jahrhunderts und gilt heute als eine der bedeutendsten Schriftquellen Deutschlands bezüglich dieser Epoche.

[3] Absolution (lat. „loslösen“) ist die Freisprechung von den Sünden als Abschluss des Bußsakramentes.

[4] Übersetzung: „Ich spreche dich los von deinen Sünden. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes“.

[5] Als Kommunion wird in diesem Sinne der Ausschank und die Einnahme des Leib und des Blutes Christi gemeint, welche durch Brot und Wein repräsentiert werden. Bei der Spendung der Heiligen Kommunion im Sterbefall wurde dabei der Wein weggelassen. Als Leib Christi diente ungesäuertes Brot oder eine besondere Oblate.

[6] Als Hostie (lat. „Opfergabe“) wird das ungesäuerte Brot, beziehungsweise die Oblate bezeichnet, die bei der Kommunion gespendet und eingenommen werden.

[7] Gemeint sind hiermit die Mönche.

[8] Helmold von Bosau. Slavenchronik. übers. von Heinrich Stoob (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters). 5. Auflage. Darmstadt 1990. S. 259.

[9] Ebenda.

[10] Ebenda.

[11] Ebenda.

[12] Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der gute Tod im Mittelalter
Untertitel
Wie stirbt man richtig?
Hochschule
Universität Rostock  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Seminar Mittelalter
Note
1,8
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V202693
ISBN (eBook)
9783656289951
ISBN (Buch)
9783656290438
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mittelalter, Martyrium Tod Ars Moriendi, Martyrium, Ars Moriendi, Tod, sterben im Mittelalter, Märtyrertod, Märtyrer, Sterbeprozess
Arbeit zitieren
Julius Ledge (Autor), 2011, Der gute Tod im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202693

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