Kann Sozialkompetenz bei Jugendlichen durch erlebnispädagogische Trainings gefördert werden?


Bachelorarbeit, 2012

65 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einleitung

3. Definition und Begriffsbestimmung
3.1 Soziale Kompetenz und sozial kompetentes Verhalten

4. Die Entwicklung sozialer Kompetenzen
4.1 Lernen am Modell von Albert Bandura
4.2 Gründe für sozialkompetentes Verhalten
4.3 Die Bedeutung des Selbst- und Fremdbildes

5. Die Entwicklung von Abweichungen im Sozialverhalten
5.1 Begriffsdefinitionen
5.2 Ursachen für abweichendes Verhalten bei Jugendlichen

6. erlebnispädagogische Trainings
6.1 Definition Erlebnispädagogik
6.2 Ziele
6.3 Wirkungsmodelle
6.4 Lernen durch Erlebnispädagogik
6.4.1 Die Waage der Erlebnispädagogik
6.4.2 Lernen zwischen Komfort und Panikzone
6.4.3 Grenzerfahrungen
6.4.4 Das Flow-Erlebnis
6.4.5 Das Johari Fenster
6.5 Auszüge verschiedener Trainingsformen
6.5.1 Coolness Training
6.5.2 Fit for life

7. Sozialkompetenzförderung in der Schule
7.1 Fördermöglichkeiten
7.2 Empirische Studien

8. Durchführung des Trainings an einer Essener Hauptschule
8.1 Die Schule
8.2 Ausgangssituation für die Sozialkompetenztrainings
8.3 Konzept des Trainings
8.4 Ablaufplan des Trainings
8.5 Wirksamkeit des Trainings aus Sicht der Schüler

9. Fazit

Literaturverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis:

Anhang

1. Vorwort

Seit ich im Wintersemester 2010/2011 mein Projekt im Modul 10 mit dem Thema Erlebnispädagogik absolviert habe, entdeckte ich einen ganz neuen, mir unbekannten Bereich der Sozialen Arbeit. Durch den theoretischen und praktischen Anteil des Projektes bekam ich erste Einblicke in diesen Bereich. Da ich so fasziniert von der Arbeit mit diesem Thema war, habe ich durch ein Selbststudium meine Kenntnisse erweitert und bin zu dem Entschluss gekommen, mein Praxissemester bei einem erlebnispädagogischen Anbieter zu absolvieren. Meine erfolgreiche Suche führte mich zum Perspektive Team in Essen. Perspektive Team ist ein erlebnispädagogischer Anbieter, der Sozialkompetenztrainings an unterschiedlichen Schulen in Essen aber auch Outdoor Aktionen in Jugendcamps durchführt. Mein Praktikum begann im März 2011. Seit Mai 2011 leite ich nun in zwei so genannten Alphabetisierungsklassen[1] der Hauptschule solche Trainings eigenständig und seit Januar 2012 arbeite ich als freiberufliche Trainerin für Perspektive Team und verschiedene Träger. Im Januar habe ich zwei 5. und eine 7. Klasse an der Hauptschule übernommen.

Anhand dieser Vorerfahrung kam ich zu dem Entschluss, dieses Thema für meine Bachelorarbeit zu wählen. Durch die eigenen Erfahrungen mit den Alphabetisierungsklassen und die zu beobachtenden Veränderungen und Erweiterungen der Jugendlichen aller Klassen in ihren Kompetenzen wurde ich in meinem Entschluss noch bestärkt.

Persönlich bin ich sehr davon überzeugt, dass solche Trainings nachhaltig Gewaltverhalten und unerwünschtes Verhalten mindern können oder nicht ausgeprägtes Sozialverhalten stärken können.

Durch ständige Gespräche mit den Lehrern und den eigenen Beobachtungen bekam ich einen guten Einblick in die Wirksamkeit solcher Trainings. Gezielte Übungen mit den Schülern verdeutlichen die Wirksamkeit und die Veränderungen der Schüler innerhalb der bis jetzt stattgefundenen Trainingszeit. Aber auch unterschiedliche empirische Studien zeigen, wie wirksam erlebnispädagogische Trainings sind.

Durch zwei Seminare des letzten Semesters habe ich die Trainingsformen des Coolness und des Anti- Gewalt Trainings näher kennen gelernt. Diese werden in der folgenden Arbeit erläutert. Zudem bekam ich noch einen Einblick in die Theorie und Praxis der konfrontativen Pädagogik. Alle Methoden verfolgen das gleiche Ziel. Sie wollen die sozialen Kompetenzen fördern und abweichendes Verhalten vermindern und sogar ganz vermeiden. Hier kristallisierten sich immer mehr Ähnlichkeiten der unterschiedlichen Trainings heraus. Aber auch Mischungen der Trainingsformen und der leichte Einfluss der konfrontativen Pädagogik gaben mir neue Ideen für die Trainings in den Klassen.

Wodurch entstehen jedoch Abweichungen der sozialen Kompetenzen? Kann man diese Abweichungen wieder rückgängig machen? Gibt es überhaupt eine Norm für richtiges Verhalten? Dies sind Fragen, die mich in den letzten Monaten während der Trainings immer wieder beschäftigt haben und die deshalb in der folgenden Arbeit behandelt werden.

2. Einleitung

In den Elternhäusern vieler Jugendlichen besteht ein Mangel an Fürsorge und Geborgenheit. Eltern sind berufstätig und/oder alleinerziehend und fühlen sich dadurch mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert (Jugert/Rheder/Notz/Petermann 2007: 5). Während der letzten Monate konnte bei vielen Jugendlichen während des Sozialkompetenztrainings beobachtet werden, dass sie zu Beginn der Schulwoche ein unkonzentrierteres Verhalten als zum Ende der Woche zeigten. Fragen über die Wochenendgestaltungen wurden häufig mit der Erreichung neuer Level in Video und Computerspielen beantwortet, was wesentliche Einblicke in die familiäre Wochenendgestaltung gab.

Durch das Fehlen einer Bezugsperson weisen einige Jugendliche Defizite im Bereich der sozialen Kompetenzen auf. Diese Defizite wirken sich besonders negativ auf das gesellschaftliche, berufliche und private Leben aus. Dies wird im Verlauf der vorliegenden Arbeit noch näher erläutert.

In den neuen Bildungsplänen von NRW ist die Vermittlung sozialer Kompetenzen mittlerweile vorgeschrieben. Die Schule soll also möglichst versuchen, die Defizite der Jugendlichen aufzufangen. Jugendliche sollen in der Schule durch stabile Beziehungen zu Lehrern oder sonstigen pädagogischen Fachkräften und durch speziell ausgerichtete Konzepte diese Defizite im Bereich der sozialen Kompetenzen vermindern und auch abbauen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass die Vermittlung sozialer Kompetenzen im Regelunterricht schwer zu integrieren ist. Die Lehrer sind an einen straffen Lehrplan gebunden, in dem die Störungen durch Schüler und die damit verbundenen Klärungsgespräche nicht eingerechnet sind. Somit muss die Vermittlung der sozialen Kompetenzen über andere Wege erfolgen. Eine Form der Kompetenzförderung sind speziell dafür ausgerichtete Trainings, die sich mit dem Bereich der Erlebnispädagogik beschäftigen. Um festzustellen, wie wirksam diese Trainings im Kontext Schule sind, wird in dieser Arbeit die Fragestellung „Kann Sozialkompetenz bei Kindern und Jugendlichen durch erlebnispädagogische Trainings gefördert werden“ bearbeitet.

Die vorliegende Bachelorarbeit ist wie folgt gegliedert: In Kapitel drei wird der Begriff der sozialen Kompetenz und sozial kompetentes Verhalten definiert, um einen Einblick zu bekommen, was soziale Kompetenzen sind. In Kapitel vier wird die Entwicklung sozialer Kompetenzen anhand der Gründe für prosoziales Verhalten, der Theorie „Lernen am Modell“ von Albert Bandura und im Zusammenhang damit die Bedeutung des Selbst- und Fremdbildes erläutert und dargestellt. Darauf aufbauend wird in Kapitel fünf behandelt, wie Abweichungen im Sozialverhalten entstehen und was unter den Begriff der Abweichungen fällt. Da sich die Trainings in der Essener Hauptschule mit dem Bereich der Erlebnispädagogik befassen, wird in Kapitel sechs die Definition der Erlebnispädagogik, die Ziele, die durch sie erreicht werden sollen und die unterschiedlichen Wirkungsmodelle beschrieben. Des Weiteren wird darauf eingegangen, wie mit Hilfe der Erlebnispädagogik Lernen vermittelt werden kann und worauf der Trainer solcher Trainings bei den Teilnehmern zu achten hat. Um anschließend noch einen Überblick über die unterschiedlichen Trainingsformen zu bekommen, werden zwei konzeptionelle Trainingsformen kurz vorgestellt. Im Anschluss daran wird in Kapitel 7 auf die Möglichkeiten eingegangen, Sozialkompetenzförderungen in Schulen umzusetzen und darauf, welche empirischen Studien bis heute die Wirksamkeit solcher Trainings nachweisen können.

Um ein besseres Verständnis dieser Trainings zu erhalten, wird in Kapitel acht das Training an der Essener Hauptschule exemplarisch dargestellt. Neben der Vorstellung der Schule wird die Ausgangssituation für das Training sowie das Konzept und der Ablauf des Trainings dargestellt. Die Wirksamkeit des Trainings wird anhand einer Gruppenaufgabe einer 7. Klasse ausgewertet und durch meine eigenen Erfahrungen sowie Entwicklungen und Beobachtungen ergänzt.

Abschließend werden im Fazit neu gewonnenen Erkenntnisse erläutert und mit der Fragestellung der Arbeit in Zusammenhang gebracht.

3. Definition und Begriffsbestimmung

Um den Begriff der sozialen Kompetenz verstehen und einordnen zu können, wird im Folgenden auf die Bedeutung und die Tragweite des Begriffes eingegangen.

Für den Oberbegriff der sozialen Kompetenz gibt es keine gültige oder einheitliche Definition. In einigen Fachbüchern wird der Begriff der sozialen Kompetenz mit emotionaler Intelligenz gleichgesetzt. In bestimmten Situationen kann auf vorhandene oder nicht vorhandene soziale Kompetenzen durch bestimmte Verhaltensweisen zurückgegriffen werden (Beck, Cäsar, Leonhardt 2006: 11).

Elliott und Gresham (1993) stellen fünf wesentliche Verhaltensmuster der sozialen Kompetenz auf:

1. Fähigkeit zur Kooperation
2. Selbstsicherheit
3. Verantwortlichkeit
4. Empathie
5. Selbstkontrolle

Somit setzt sich soziale Kompetenz aus unterschiedlichen Teilbereichen zusammen (Beck, Cäsar, Leonhardt 2006: 12).

Nach Beck, Cäsar und Leonhardt wird der Begriff „soziale Kompetenz“ wie folgt definiert: „Soziale Kompetenz ist eine Menge an kognitiven, emotionalen und motorischen Fertigkeiten, die einem Individuum zur Verfügung stehen und in spezifischen Situationen auch umgesetzt werden können, um soziale Aufgabenstellungen alters- und entwicklungsentsprechend angemessen zu bewältigen“ (Beck, Cäsar, Leonhardt 2006: 13).

Soziales Verhalten ist zudem Gruppen-, Entwicklungs- und Situationsabhängig. In jeder Gruppe oder jeder Situation gilt ein bestimmtes soziales Verhalten als angemessen oder unangemessen. Ein angemessenes soziales Verhalten in einer Jugendgruppe kann bei Zusammenkunft mit Erwachsenen Personen wiederum als unangemessen gelten (Beck, Cäsar, Leonhardt 2006: 16).

Jugert, Rehder, Notz und Petermann (2007: 9) beschreiben soziale Kompetenzen als Fertigkeiten, die für ein zufriedenstellendes Zusammenleben erforderlich sind. Ihrer Meinung nach setzen sich diese Fertigkeiten aus folgenden Teilfertigkeiten zusammen:

- eine differenzierte soziale Wahrnehmung
- eine komplexe soziale Urteilsfähigkeit und
- ein umfassendes Repertoire an sozialen Handlungsweisen.

Wenn man demnach von einer sozial kompetenten Person spricht, meint man demzufolge eine Person, die grundsätzlich dazu in der Lage ist, eigene Interessen durch soziale Interaktionen zu verfolgen, ohne dabei die Interessen seiner Interaktionspartner zu verletzen.

Nach Gambrill zählen folgende Verhaltensweisen zu sozialen Kompetenzen:

- Nein sagen
- Versuchungen zurückweisen
- auf Kritik reagieren
- Änderungen bei störendem Verhalten verlangen
- Widerspruch äußern
- Unterbrechungen im Gespräch unterbinden
- sich entschuldigen
- Schwächen eingestehen
- unerwünschte Kontakte beenden
- Komplimente akzeptieren
- auf Kontaktangebote reagieren
- Gespräche beginnen
- Gespräche aufrechterhalten
- Gespräche beenden
- erwünschte Kontakte arrangieren
- um Gefallen bitten
- Komplimente machen
- Gefühle offen zeigen (Gambrill 1995: 91 ff.)

Dies alles zeigt, wie umfangreich der Begriff der sozialen Kompetenz ist und wie unterschiedlich er in verschiedenen Situationen gewertet werden kann.

In der vorliegenden Arbeit wird, wenn von dem Begriff der sozialen Kompetenz gesprochen wird, die Fähigkeit bei Jugendlichen beschrieben, in sozialen Situationen mit ausreichend Handlungsrepertoire reagieren zu können. Dabei sind Schlüsselbegriffe wie Teamfähigkeit und Kommunikationsfähigkeit wichtig. Das heißt, der Begriff der sozialen Kompetenz bezieht sich in den folgenden Kapiteln auf die fünf Verhaltensmuster von Elliott und Gresham (Elliot/Gresham 1993; zitiert in Beck, Cäsar, Leonhardt 2006: 16 f.).

3.1 Soziale Kompetenz und sozial kompetentes Verhalten

Um die Bedeutung der sozialen Kompetenz noch mehr eingrenzen zu können als in dem Kapitel zuvor, erscheint es sinnvoll, zwischen sozialen Kompetenzen und sozial kompetenten Verhalten eines Menschen zu unterscheiden.

Kanning (2009:15) beschreibt diese beiden Begriffe wie folgt:

- „Sozial kompetentes Verhalten: Verhalten einer Person, das in einer spezifischen Situation dazu beiträgt, die eigenen Ziele zu verwirklichen, wobei gleichzeitig die soziale Akzeptanz des Verhaltens gewahrt wird.“
- „Soziale Kompetenz: Gesamtheit des Wissens, der Fähigkeiten und Fertigkeiten einer Person, welche die Qualität eigenen Sozialverhaltens ­ im Sinne sozial kompetenten Verhaltens ­ fördert.“

Sozial kompetentes Verhalten beschreibt demnach die Handlung, die in konkreten Situationen stattfindet und welche unter anderem in hohem Maße von der sozialen Kompetenz, über die ein Mensch verfügt, abhängig ist (Böttcher/Lindard 2009: 14).

Folgende Bezugspunkte können bei der Beurteilung einer Situation berücksichtigt werden, um feststellen zu können, ob es sich bei einer Person um ein sozial kompetentes Verhalten handelt oder nicht:

- Sozialer Bezugspunkt: Mit dem Bezug zur sozialen Umwelt wird ein Verhalten als sozial kompetent eingestuft. Wie schon im Kapitel 2 von Beck, Cäsar, Leonhardt beschrieben wurde, ist soziales Verhalten Gruppen-, Entwicklungs- und Situationsabhängig (Beck, Cäsar, Leonhardt 2006: 16). Der soziale Bezugspunkt entscheidet demnach darüber, ob ein Verhalten als kompetent oder inkompetent gilt, je nachdem ob es sich beispielsweise um eine berufliche oder private Situation handelt (Kanning 2005: 4 f.).
- Evaluierter Bezugspunkt: Alles was eine Person durchführt, wird von ihrer äußeren Umwelt bewertet. Somit ist auch die Definition von sozial kompetentem Verhalten niemals frei von Werten. Das heißt, das Umfeld einer Person bewertet jegliche Handlung entweder als positiv oder negativ (Faix & Laier 1991 zitiert in Kanning 2005: 5). Dies spiegelt ebenfalls wieder, dass auch gleiches Verhalten in verschiedenen Wertesystemen unterschiedlich bewertet werden kann (Kanning 2005: 5).
- Temporaler Bezugspunkt: Werte und Normen verändern sich mit der Zeit. Somit können Verhaltensweisen, die heute noch als angemessen bewertet werden, möglicherweise in der Zukunft als unangemessen bewertet werden (Kanning 2005: 5).

Demzufolge gibt es ,,das" kompetente Handeln nicht, da sozial kompetentes Verhalten immer kontextabhängig ist, während die soziale Kompetenz als situationsübergreifend verstanden wird (Böttcher/Lindard 2009:14).

4. Die Entwicklung sozialer Kompetenzen

Nachdem der Unterschied zwischen sozialen Kompetenzen und sozial kompetenten Verhalten erläutert wurde, wird in diesem Kapitel beschrieben, wie sich soziale Kompetenzen entwickeln und durch was sie geprägt sind. Dies ist wichtig, um später beurteilen zu können, ob soziale Kompetenzen überhaupt beeinflussbar sind. Die Entwicklung kann auf verschiedene Weise erklärt werden. Aufgrund dessen wird im folgenden Kapitel auf unterschiedliche Ansätze wie die Theorie von Albert Bandura, das soziale Umfeld und die Bedeutung des Selbst- und Fremdbildes eingegangen.

Soziale Kompetenzen entwickeln sich ein Leben lang. Durch die häufige Zusammenkunft mit Gleichaltrigen Gruppen im Kindes- und Jugendalter werden die Anforderungen an soziale Kompetenzen höher. Die Bewältigung von sozialen Aufgaben gehört nun zum Alltag und spielen somit bei der Entwicklung des Selbstkonzeptes und der sozialen Kompetenz eine wesentliche Rolle (Beck, Cäsar, Leonhardt 2005: 12). Während der Kindergartenzeit lernen die Kinder zudem noch, ohne den Schutz ihrer Eltern auszukommen. Sie müssen sich in gleichrangigen Beziehungen alleine behaupten, sie lernen wie man die ersten Freundschaften aufbaut und es können auch die ersten kleinen Rivalitäten entstehen. Dies alles gehört zu der Entwicklung der sozialen Kompetenzen dazu. Daher ist es für die Tagestätten besonders wichtig, Kindern die Möglichkeit zu geben, diese eigenen Erfahrungen auch sammeln zu können (Langmaak 2004: 203).

Die Entwicklung der sozialen Kompetenzen gehört mit zur Persönlichkeitsentwicklung, die in den Sozialisations-, Erziehungs- und Bildungsprozessen stattfindet. Die Erfahrungen, die ein Kind in diesen Prozessen gewinnt, sind dabei entscheidend, da es dadurch eigene Handlungsmuster entwickelt (Schellknecht 2007: 11).

4.1 Lernen am Modell von Albert Bandura

Mit Hilfe der sozialen Lerntheorie von Bandura und Walters (1973), lässt sich das Erlernen sozialer Verhaltensweisen erklären. Diese besagt, dass die Persönlichkeitsentwicklung bei Kindern in erster Linie durch Nachahmung von

Verhaltensweisen (älterer) Vorbilder geprägt wird. Diese Art des Lernens ist für das Hineinwachsen in die jeweilige Gruppe, Familie und Gesellschaft (Sozialisation) von großer Bedeutung (Bandura 1976: 31).

Anhand des Modelllerntyps von Bandura lässt sich eine Parallele bzw. eine Erklärung zu bestimmten Verhaltensweisen der Jugendlichen finden, die den Trainern ermöglichen, gezielter auf bzw. gegen diese unerwünschten Verhaltensweisen zu reagieren. Hier wird die Frage auf die Entstehung des abweichenden Verhaltens zum Teil schon beantwortet.

Albert Bandura entwickelte das Modelllernen, das auch häufig als Lernen am Modell, Nachahmungslernen, Beobachtungslernen, Imitationslernen, Soziale Lerntheorie, Soziales Lernen oder Sozial-Kognitive Lerntheorie bezeichnet wird. Nach Albert Bandura ist der Mensch ein soziales Wesen und lernt sein Leben lang. Der größte Teil des menschlichen Lernens befasst sich mit dem sozialen Lernen. Dieses soziale Lernen findet im Alltag immer und überall bewusst aber auch unbewusst statt. Durch Beobachtungen der Verhaltensweisen anderer Menschen wird bestimmtes Verhalten nachgeahmt. Erhält man auf dieses nachgeahmte Verhalten eine positive Resonanz, wie z.B. eine positive Bekräftigung oder die Erreichung eines Zieles, wird dieses Verhalten bestärkt und somit auch noch wiederholt ausgeführt. Bekommt man für ein bestimmtes Verhalten eine negative Resonanz, verfestigt sich auch dies in dem Bewusstsein und das Verhalten verschwindet aus dem Verhaltensrepertoire des Menschen (Kasten 2008: 25f.).

Das Modelllernen wird von Bandura in zwei Abschnitte unterteilt:

1. Aneignungsphase:

- Aufmerksamkeitsprozess:

Die beobachtete Person bzw. das Modell muss bestimmte Verhaltensweisen oder Charakteristika aufweisen, um für den Beobachter interessant zu werden. Nur so zieht das Modell die Aufmerksamkeit auf sich.

- Gedächtnisprozess:

Das beobachtete Verhalten wird im Gedächtnis so gespeichert, dass es problemlos bei Bedarf wieder abgerufen werden kann.Zusätzlich führen symbolische und motorische Wiederholungen dazu, dass das Verhalten gespeichert und verfestigt wird.

2. Ausführungsphase:

- Motorischer Reproduktionsprozess:

In dieser Phase kommt es zur konkreten Ausführung des erlernten Verhaltens. Das Verhalten wird vom Beobachter ganz gezielt in bestimmten Situationen eingesetzt.

- Motivationsprozess:

Das auszuführende Verhalten ist abhängig von den Erwartungen des Beobachters. Erwartet der Beobachter eine positive Reaktion auf das Verhalten, motiviert es ihn, dieses Verhalten auch auszuführen (Bandura 1976: 23 ff.).

Gerade Kinder eignen sich in ihrem sozialen Umfeld und in Gleichaltrigen Gruppen bestimmte Verhaltensweisen an. Gelangen z.B. Kinder im Kindergarten oder in der Schule mit aggressivem Verhalten zum erwünschten Ziel und erhalten dafür keine negative Sanktion, kann es sein, dass auch dieses negative Verhalten nachgeahmt wird.

Bandura zählt einige Voraussetzungen auf, die erfüllt sein müssen, damit ein Verhalten anderer Menschen von Kindern verschiedener Altersstufen nachgeahmt wird und ins eigene Verhaltensrepertoire aufgenommen wird.

Verhalten wird demnach nachgeahmt wenn:

- Kinder die beobachtete Person respektieren, bewundern oder sympathisch finden,
- Kinder eine Ähnlichkeit zwischen sich selbst und der beobachteten Person sehen (dazu zählen auch Ähnlichkeiten die fantasiert werden),
- Kinder eine Belohnung dafür erhalten, dass sie ihrem Vorbild aufmerksam zugeschaut haben,
- Kinder physisch und psychisch in der Lage sind, dieses Verhalten auch tatsächlich nachzuahmen (z.B. ein Kindergartenkind beobachtet einen Erwachsenen beim Einrad fahren, was nicht heißt, dass es dies direkt nachahmen kann) (Kasten 2008: 25).

Somit kann die Entwicklung der sozialen Kompetenzen in der Familie der Kinder ihren Anfang haben. Kinder ahmen das Verhalten ihrer Eltern nach. Egal ob es sozial kompetent oder sozial inkompetent ist. Somit haben die Eltern einen wesentlichen Einfluss darauf, ob ihre Kinder ein sozial kompetentes oder sozial inkompetentes Verhalten entwickeln.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Modelllernen (http://michael-ridder.com/ images/modelllernen.jpg)" src="file:///C:\Users\EATHEN~1.EAT\AppData\Local\Temp\msohtmlclip1\01\clip_image004.png" style="float:left; height:58px; width:245px"

4.2 Gründe für sozialkompetentes Verhalten

An erster Stelle für die Entwicklung von prosozialem Verhalten stehen die familialen Einflüsse eines Kindes. Um sich prosozial zu entwickeln, benötigen Kinder eine Bezugsperson, zu der sie eine sichere Bindung aufbauen können. Beobachtet ein Kind bei seinen Eltern bzw. seiner Bezugspersonen des Öfteren einfühlsames und hilfsbereites Verhalten, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es später ebenfalls dieses Verhalten zeigt. Das heißt, je öfter ein Kind bei uns ein bestimmtes Verhalten beobachtet (z.B. gegenseitiger Respekt, für jemanden auf etwas verzichten usw.), desto häufiger nimmt es auch genau diese Verhaltensweisen an (Kasten 2008: 85 f.). All dies beschreibt schon annähernd die Theorie von Albert Bandura, auf die in Kapitel 4.2 noch näher eingegangen wird.

Bereits nach der Geburt besteht bei Kindern die Bereitschaft, sich sozial zu entwickeln. Sie versuchen schon im Säuglingsalter, Verhalten wie z.B. Mimik oder Laute von Personen nachzuahmen. Dies ist die Basis für die Entwicklung sozialer Kompetenzen. Damit die Bereitschaft der Kinder, sich sozial kompetent zu entwickeln auch gefördert wird, benötigen sie Reaktionen einer oder mehrerer

Bezugspersonen. Fehlt diese Bezugsperson, wird die körperliche und seelische Entwicklung beeinträchtigt und somit auch die Entstehung der sozialen Kompetenzen (Kasten 2008:10 f.).

Prosoziales Verhalten wird auch durch eine Vermeidung von direkter Disziplinierung und negativer Sanktionierung in der Erziehung gefördert. Direkte Disziplinierung und negative Sanktionierung, wie z.B. Vorenthaltung von Zuwendung oder Bloßstellung, können bei Kindern vorwiegend negative Reaktionen wie Verunsicherung, Schuldgefühle, Angst, Ärger oder Trotz hervorrufen und somit anstatt zu einem prosoziales Verhalten, zu einem sozial inkompetenten Verhalten führen (Kasten 2008: 87).

Neben den Eltern bzw. Bezugspersonen können auch Geschwister oder Peers[2] prosoziales Verhalten bei Kindern fördern. Ist das Verhalten von den Geschwistern oder Freunden im Kindergarten oder in der Schule mit Erfolg gekrönt, wird es oft 1:1 übernommen. Doch auch negatives Verhalten welches nicht zum Erfolg führt, wird aufgenommen und als ungeeignet abgestempelt (Kasten 2008: 88).

4.3 Die Bedeutung des Selbst- und Fremdbildes

In Kapitel 4 wurde bereits geschrieben, dass das Erlernen sozialer Kompetenzen zum Bereich der Persönlichkeitsentwicklung zählt. Eine große Rolle in der Persönlichkeitsentwicklung spielt das Selbst- und Fremdbild. Wie sehe ich mich selbst und wie werde ich von anderen wahrgenommen? Das persönliche Selbst- und Fremdbild kann ebenfalls die sozialen Kompetenzen beeinflussen. Wenn ein Jugendlicher beispielsweise denkt, dass er durch sein Verhalten in der Schule ein gutes Ansehen hat, wird er es weiterhin anwenden. Egal, ob es sich um ein positives oder negatives Verhalten handelt. Gelangt er zu einem besseren Fremdbild, könnte es sein, dass der Jugendliche bemerkt, dass sein Verhalten bei seinen Mitschülern eine gegenteilige Wirkung als zuvor gedacht auslöst.

Zudem wird in Kapitel 6 noch dargestellt, dass sich der Bereich der erlebnispädagogischen Trainings mit der Veränderung des Selbstbildes befasst. Um spätere Zusammenhänge verstehen zu können, was sich genau an dem Selbstbild einer Person mit Hilfe der Trainings verändert, wird in diesem Kapitel zunächst erläutert, um was es sich bei dem Selbst- und Fremdbild handelt.

Das Selbstbild kann auch als Selbstkonzept bezeichnet werden. Ein Selbstbild ist das Bild, das jeder Mensch von sich bzw. über sich selbst hat. Jeder Mensch hat eine eigene Vorstellung davon, wie er selbst ist. Alle Gedankengänge, Gefühle und Verhaltensweisen eines Menschen werden durch das Selbstbild gesteuert.

[...]


[1] Alphabetisierungsklassen: Schulklassen für Kinder- und Jugendliche, die ihren Aufenthalt erst seit kurzem in Deutschland haben. Sie werden speziell in der deutschen Sprache gefördert und sollen nach einem Jahr in Regelklassen integriert werden.

[2] Peers: Gruppen bzw. Kreise von Kindern, die den gleichen Entwicklungsstand aufweisen und vor vergleichbaren Entwicklungsaufgaben stehen. (Kasten 2008: 88)

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Kann Sozialkompetenz bei Jugendlichen durch erlebnispädagogische Trainings gefördert werden?
Hochschule
Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
65
Katalognummer
V202748
ISBN (eBook)
9783656296690
ISBN (Buch)
9783656298083
Dateigröße
1645 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erlebnispädagogik, Sozialkompetenz fördern, Sozialtrainings, Jugendliche
Arbeit zitieren
Gesine Timmer (Autor), 2012, Kann Sozialkompetenz bei Jugendlichen durch erlebnispädagogische Trainings gefördert werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202748

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