Legasthenie und Hochbegabung


Fachbuch, 2012

19 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Einführung: Hochbegabung und Lernschwächen / Legasthenie

Was ist Legasthenie und was ist LRS? Welche Unterschiede gibt es?

Aktueller Stand der wissenschaftlichen Forschung

Wie erkennt man mögliche Anzeichen einer Legasthenie im Kindes- und Jugendalter

Wie erkennt man ein begabtes Kind mit Legasthenie?

Wie muss eine gute Förderung aussehen?

Literaturempfehlungen & Ansprechpartner

Einführung: Hochbegabung und Lernschwächen / Legasthenie?

Wie kann denn ein sehr begabtes (hochbegabtes) Kind Lernschwächen haben? Je nachdem, wie eine Gesellschaft/Kultur Leistungsexzellenz definiert, wird man Begabungen und Lernschwächen aus einem anderen Blickwinkel verstehen. Unser Bildungswesen und teilweise auch die Selbsthilfeverbände definieren Hochbegabung ab einem IQ von 130. Dass dieser Ansatz aus neuerer wissenschaftlicher Perspektive richtig ist, bezweifelt die heutige Hochbegabtenforschung. Befunde aus Studien der letzten Jahre zeigen, dass nur wenige begabte Menschen einen IQ von 130 vorweisen können - die Mehrheit der Begabten liegt unter diesen verlangten Werten[1]. Besonders, wenn man Legastheniker mit speziellen Begabungen berücksichtigt, fallen viele nicht mit diesen guten Begabungen auf. Ich werde ein wenig später darauf zurückkommen, warum die Fakten dafür sprechen.

Die Hochbegabtenforschung wie auch die Legasthenieforschung sind noch junge Forschungsfelder; beide werden bis heute von der medizinisch-psychologischen Forschung dominiert, erst in den letzten 20-30 Jahren befassen sich andere Fachbereiche (wie die Pädagogik, Intelligenzforschung, Neurowissenschaft, Humangenetik, Soziologie und Sprachwissenschaften) mit diesen Sachthemen. Leider gibt es in Deutschland, aber auch international, sehr selten eine fachübergreifende Zusammenarbeit auf diesen Gebieten. Daher ist es für den unbedarften Laien kaum zu verstehen, warum es verschiedene Sichtweisen, Thesen, Definitionen gibt - denn es ist ein sehr komplexer Sachverhalt. Umso schwieriger wird auch die wissenschaftliche Objektivität der gefundenen Erkenntnisse, wenn diese nur aus einer Perspektive untersucht und interpretiert werden.

Aus diesem Grund kann es passieren, dass die Diagnostik und umfassende Förderung für den Schüler und seine Familie zu einer Herausforderung werden kann, weil es zu Fehleinschätzungen der wirklichen schulischen Leistungen kommen kann.

In unserer Gesellschaft ist es weit verbreitet, zu denken, dass jedes hochbegabte Kind automatisch ein Genie auf allen Gebieten sein muss. Diese Sicht entstammt nicht der Realität, sondern Fabeln und Märchen, wo sehr Begabte als Genies hingestellt werden, die scheinbar auf allen Gebieten exzellente Leistungen erbringen können. Aber das Leben zeigt uns viele Facetten von sehr begabten Menschen, die manchmal nur in Teilgebieten Leistungsexzellenz aufweisen.

Nach meiner Meinung ist der Begriff Hochbegabung eher als Sammelbegriff für sehr begabte Menschen zu sehen, die in verschiedenen Bereichen Hochleistungen erbringen können, und das jenseits eines festgesetzten Intelligenzquotienten. Besondere Begabung kann man durch gute Beobachtung spezieller Leistungen im Laufe eines Lebens (Expertiseforschung) besser beurteilen. Betrachtet man Biografien von sehr begabten Legasthenikern, bemerkt man, dass die Messung mit IQ-Tests keine richtige Abschätzung der wirklichen Intelligenz liefern konnte. Oft zeigt sich auch bei sehr begabten Schülern mit einer Legasthenie, dass sie fälschlicherweise noch heute „nur“ eine Sonderschule oder einen Schulabschluss weit unter ihren Möglichkeiten absolvieren. Die tatsächliche Begabung wird sehr oft nicht erkannt oder sie wird im Bildungswesen ignoriert. Da spielt es keine Rolle, ob sich diese Schule in öffentlicher Hand oder freier Trägerschaft befindet. Für den Boom der Privatschulen in Sachen und Dresden gibt es andere, systemische Gründe, auf die ich hier nicht eingehen kann.

Die Gründe dafür sind bundesweit und im deutschsprachigen Raum ähnlich, oder gar dieselben. Nämlich man ignoriert zum Leidwesen der Betroffenen den engen Zusammenhang zwischen guter Begabung und Legasthenie. Sicherlich sind die Ursachen im Durcheinander der Fachwelt, Bildungspolitik und Wissenschaft zu suchen. Seit vielen Jahren streitet man in der Fachwelt zum Teil ideologisch motiviert über diese Zusammenhänge - und dies zulasten von uns Betroffenen und zum Leidwesen der Familien.

Nach meinen Beobachtungen in der praktischen Arbeit mit legasthenen Schülern und Erwachsen ist es sehr wahrscheinlich, dass rund 40 - 50 Prozent von ihnen durchaus die Möglichkeit hätten, besondere Hochleistungen auf verschiedenen Gebieten zu entwickeln, wenn man sie frühzeitig richtig erkennen und fördern würde. Weil leider die Hochbegabung auch mit perfekten Lese- und Rechtschreibleistungen verbunden wird, werden viele Schüler mit exzellentem Leistungsvermögen nicht richtig erkannt und gefördert. Zum anderen hat es auch mit der sehr schwammigen und vereinheitlichten Sichtweise von „LRS“ im Bildungswesen und in der Fachwelt zu tun. Hier haben wir das größte Problem, die Ursachen und Anzeichen von Lernschwächen bei sehr begabten Kindern richtig zu beurteilen.

Wenn ich auf meine eigene Biografie zurückblicke, sehe ich, dass die Probleme vor rund 30 Jahren sehr ähnlich waren. Man hatte zwar meine Lerndefizite erkannt, aber meine besonderen Begabungen auf mehreren Gebieten wurden im öffentlichen Bildungswesen nicht berücksichtigt. Heute haben wir eine sehr ähnliche Situation im Bildungswesen, wo viele Schüler trotz guter Begabung und einer Legasthenie keine wirkliche umfassende Unterstützung erhalten. Denn leider ist man noch immer kaum imstande, zu verstehen, dass man trotz einer natürlich veranlagten Lernschwäche (die mittels hochqualifizierter Förderung gut kompensiert werden kann), eben auch sehr begabt oder hochbegabt sein kann.

Albert Einstein, Niels Bohr, Tomas Edison, Walt Disney, John Lennon, Jackie Steward, Bill Gates, Steve Jobs, Cher sind nur ein paar Beispiele von sehr begabten Menschen mit Legasthenie, die international auf den Namenslisten auftauchen.

In Einsteins Biografie ist beispielsweise zu lesen: „Bis zum Alter von 3 Jahren redete Albert Einstein nicht viel, und sobald er die richtigen Wörter abrufen musste, wie etwa in einer Fremdsprache, waren seine Leistungen eher mittelmäßig. Er sagte einmal: „Meine größte Schwäche war ein schlechtes Gedächtnis, vor allem ein schlechtes Gedächtnis für Wörter und Texte.“ Er ging soweit zu behaupten, dass Wörter in seinen theoretischen Überlegungen „wohl überhaupt keine Rolle spielten“ und diese ihm eher in Gestalt „mehr oder weniger deutlicher Bilder“ vor Augen traten. Dass Einstein tatsächlich die Kriterien eines hochbegabten Legasthenikers erfüllte, bestätigte der bedeutende Neurowissenschaftler Normen Geschwind[2] in einer Autobiopsie Einsteins Gehirns[3].“

Wie uns neuere Forschungen zeigen, spielen viele Ursachen und Zusammenhänge der verschiedenen Schwächen mit dem Erwerb des Lesens und Schreibens eine Rolle, denn diese Probleme können auf der einen Seite eine familiäre Veranlagung haben (also genetisch bedingt), und durch unsere Umwelt (Familie, Gesellschaft, Bildungswesen) verstärkt oder kompensiert werden. Zum anderen gibt es aber auch Schwächen, die durch Umweltbedingungen sowie seelische und körperliche Krankheiten hervorgerufen werden (erworbene Schwächen). Im nächsten Punkt werde ich zu meinen Definitionen und Thesen kommen, die ich im Laufe meiner wissenschaftlichen und praktischen Arbeit entwickelt habe.

Was ist Legasthenie und was ist LRS? Welche Unterschiede gibt es?

Legasthenie (Dyslexia)[4]

Eine Legasthenie (Dyslexia), ist immer genetisch bedingt, und kann bei einem oder mehreren Familienmitgliedern beobachtet und nicht selten über mehrere Generationen hinweg zurückverfolgt werden.

Diese Anlage verursacht ungleichmäßige Sinnesfunktionen (Teilleistungen), die unabhängig von Erkrankungen der Sinne (Augen und Ohren) und unabhängig vom Stand der geistigen und psychischen Entwicklung sind. Eine Legasthenie (Dyslexia) deutet auf eine durchschnittliche bis überdurchschnittliche Intelligenz hin.

Für das fehlerlose Lesen und Schreiben benötigt der Mensch „alle Sinne“, die reibungslos zusammenarbeiten. Durch eine genetische Anlage bei Legasthenikern ist dies nicht reibungslos möglich, denn eine ungleichmäßige Verschaltung der beiden Gehirnhälften verursacht ungleichmäßige Teilleistungen im visuellen und auditiven Bereich. Diese Symptome können sich bei jedem Betroffenen sehr individuell äußern. Daher setzt sich die Konzentration herab, sobald der Betroffene mit dem Lesen und Schreiben konfrontiert wird. Dies verursacht verschiedene Fehlersymptome, die man Wahrnehmungsfehler nennt (Umstellung der Buchstaben in einem Wort, Weglassung oder Hinzufügung von Konsonanten usw.). Hinzu kommen auch Schreib- und Regelfehler. Die Fehlermenge kann sich je nach Tagesform unterscheiden. Hinzu kommt noch, dass das Schriftbild je nach Tagesform unterschiedlich aussehen kann. Der Lesefluss kann von Tag zu Tag anders sein. An einem Tag wird fließender gelesen, am nächsten Tag wieder stockender.

[...]


[1] Rost, D.H. (Hrsg.) (2000): Hochbegabte und hochleistendes Jungendliche. Neue Ergebnisse aus dem Marburger Hochbegabtenprojekt. Waxmann, Münster. Hier geht hervor, dass nur 15 Prozent der sehr begabten Jugendlichen einen IQ von 130 aufwiesen.

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Norman_Geschwind

[3] Wolf, Dr. Maryanne, Das lesende Gehirn (Hrsg.) (2009): Gehirn, Gene, Talente und Legasthenie

S. 234-325

[4] http://www.legasthenie-coaching.de/lrs-legasthenie-dyskalkulie/genetisch-bedingte-legasthenie-dyslexia/

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Details

Titel
Legasthenie und Hochbegabung
Veranstaltung
DGhK-Elterngruppe: Legasthenie und Hochbegabung, 11.10.2012
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V202776
ISBN (eBook)
9783656289715
ISBN (Buch)
9783656290513
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Lars-Michael Lehmann ist Jahrgang 1974, Legastheniker und einer der führenden betroffenen Legasthenieexperten und Forscher im deutschsprachigen Raum. Er musste sich mühsam von der Sonderschule, mehreren Berufsausbildungen und dem Studium zum Diplomierten Legasthenietrainer (EÖDL) hocharbeiten. Heute leitet er die Privatschule Legasthenie Coaching.
Schlagworte
Legasthenie, Dyslexia, Forschung, Hochbegabung, Förderung, Pädagogik, LRS
Arbeit zitieren
Lars-Michael Lehmann (Autor), 2012, Legasthenie und Hochbegabung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202776

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