Vor etwa 7500 Jahren wanderten Menschen aus dem Balkan entlang der Elbe und der Donau in das Gebiet von Deutschland ein. Diese Pioniere standen kulturell bereits auf dem Niveau der Jungsteinzeit, für die Ackerbau, Viehzucht, Töpferei und Sesshaftigkeit kennzeichnend sind. Die frühen Bauern trafen in einem relativ dünn von Jägern, Fischern und Sammlern der späten Mittelsteinzeit besiedelten Gebiet ein. Bevorzugt ließen sie sich in Landschaften nieder, deren fruchtbare Böden sich besonders gut für Ackerbau eigneten. Jene Kolonisatoren lichteten die damaligen Eichenmischwälder durch Fällen von Bäumen mit Steinbeilen oder durch Brandrodung mit Feuer. Das Holz der Bäume verwendeten sie für den Bau von bis zu 40 Meter langen Wohnhäusern. Ihre Siedlungen lagen anfangs wie kleine Inseln im riesigen Waldmeer. Wegen der bänderartigen Verzierung ihrer Tongefäße bezeichnet man diese Bauern als Bandkeramiker, Linearbandkeramiker oder Linienbandkeramiker. Ihre Hausbauweise, ihr Keramikstil, ihr Schmuck, ihr Kunststil, ihre Bestattungsweise und ihre Religion unterscheiden sich auffällig von den Errungenschaften der vorhergehenden mittelsteinzeitlichen Jäger, Fischer und Sammler. Die Bandkeramiker schufen eine völlig neue Welt, in der eine neue Wirtschafts- und Lebensweise, aber auch neue Werte und Glaubensvorstellungen alles verdrängten, was über Jahrtausende gewachsen war. Funde der Linienbandkeramischen Kultur (etwa 5.500 bis 4.900 v. Chr.) kennt man aus Baden-Württemberg, Bayern, dem Saarland, Rheinland-Pfalz, Hessen, Nordrhein-Westfalen, dem südlichen Niedersachsen, aus Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Brandenburg und aus dem unteren Odergebiet. Mit diesen Einwanderern befasst sich das Taschenbuch „Die ersten Bauern in Deutschland“ des Wiesbadener Wissenschaftsautors Ernst Probst. Er hat sich durch seine Werke „Deutschland in der Urzeit“ (1986), „Deutschland in der Steinzeit“ (1991) und „Deutschland in der Bronzezeit“ (1996) in der Fachwelt einen Namen gemacht. Die Tageszeitung „Die Welt“ bezeichnete „Deutschland in der Urzeit“ als „Glanzstück deutscher Wissenschaftspublizistik“.
Inhaltsverzeichnis
Es begann vor 7.500 Jahren
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Grundlagen der Linienbandkeramischen Kultur in Deutschland, um ein umfassendes Bild der ersten sesshaften Bauern Mitteleuropas zu zeichnen.
- Ursprung, Ausbreitung und Siedlungsweise der frühen Bauern
- Landwirtschaftliche Praktiken, Ernährung und Domestizierung
- Soziale Strukturen, Bestattungsriten und religiöse Vorstellungen
- Technologische Errungenschaften, insbesondere Hausbau und Brunnenbau
- Hinweise auf rituelle Handlungen, einschließlich Menschenopfer und Kannibalismus
Auszug aus dem Buch
Es begann vor 7.500 Jahren
Der Beginn der Jungsteinzeit mit Ackerbau, Viehzucht, Töpferei und Sesshaftigkeit wird in Deutschland durch das Auftreten der Linienbandkeramischen Kultur (etwa 5500 bis 4900 v. Chr.) markiert. Ihre Angehörigen gelten in vielen Teilen Mitteleuropas als die ersten Ackerbauern und Viehzüchter. Die Linienbandkeramische Kultur war von der Ukraine bis Frankreich (Pariser Becken) und von Ungarn – mit Ausnahme der Küste – bis Norddeutschland verbreitet.
Funde dieser Kultur kennt man aus Baden-Württemberg, Bayern, dem Saarland, Rheinland-Pfalz, Hessen, Nordrhein-Westfalen, dem südlichen Niedersachsen, aus Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Brandenburg und aus dem unteren Odergebiet. Allein in Ostdeutschland befinden sich schätzungsweise etwa 1000 Fundstellen der Linienbandkeramischen Kultur.
Der Begriff Bandkeramik wurde 1884 durch den Kunsthistoriker Friedrich Klopfleisch (1831–1898) aus Jena eingeführt. Von Linearkeramik sprach 1902 als erster der Stadtarzt und Urgeschichtsforscher Alfred Schliz (1849–1915) aus Heilbronn. Der daraus abgeleitete Name Linienbandkeramische Kultur basiert auf der bänderartigen Verzierung der Tongefäße dieser Kultur. Ihre Herkunft ist umstritten. Der australisch-britische Prähistoriker Vere Gordon Childe (1892–1957) vertrat 1929 die Hypothese einer ausschließlich südöstlichen Herkunft. Dabei berief er sich auf die Einflüsse des Balkans im Kult und in verschiedenen Bereichen der materiellen Kultur.
Zusammenfassung der Kapitel
Es begann vor 7.500 Jahren: Einleitender Überblick über die Definition, zeitliche Einordnung und geografische Verbreitung der Linienbandkeramischen Kultur in Mitteleuropa.
Schlüsselwörter
Linienbandkeramische Kultur, Jungsteinzeit, Ackerbau, Viehzucht, Sesshaftigkeit, Siedlungsstruktur, Langhaus, Brunnenbau, Bestattungsriten, Menschenopfer, Kannibalismus, Tongefäße, Bandkeramik, Neolithikum, frühe Bauern.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Werk primär?
Das Buch befasst sich mit der Linienbandkeramischen Kultur, der ersten bäuerlichen Gesellschaft in Deutschland, die vor etwa 7.500 Jahren auftrat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Lebensweise, Wirtschaftsformen, Siedlungstechnik, religiösen Praktiken und sozialen Strukturen dieser frühbäuerlichen Gemeinschaft.
Welches Ziel verfolgt der Autor?
Der Autor möchte ein detailliertes Bild der ersten Ackerbauern und Viehzüchter vermitteln, deren Zivilisation sich von der vorhergehenden mittelsteinzeitlichen Jäger- und Sammlerkultur deutlich unterschied.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären Auswertung archäologischer Funde, darunter Keramikanalysen, Skelettuntersuchungen, pollenanalytische Daten und dendrochronologische Datierungen von Siedlungsüberresten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der bautechnischen Entwicklung (Langhäuser, Brunnenbau), den landwirtschaftlichen Anbaumethoden, der Ernährung, dem Tauschhandel und den komplexen, teils rituell gewaltvollen Bestattungs- und Opfersitten.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Zentrale Begriffe sind Linienbandkeramische Kultur, Ackerbau, Viehzucht, Neolithisierung, Siedlungswesen und Ritueller Kannibalismus.
Welche Rolle spielt die Jungfernhöhle im Kontext der Arbeit?
Die Jungfernhöhle bei Tiefenellern dient als eindrucksvolles Fallbeispiel für archäologische Nachweise von Menschenopfern und kultisch motiviertem Kannibalismus bei den Linienbandkeramikern.
Wie bewertet der Autor die Funde von Herxheim?
Der Autor ordnet die Funde aus dem Erdwerk von Herxheim als Anzeichen für rituelle Zerlegungen von Körpern ein und distanziert sich von übertriebenen medialen Spekulationen über Massenmassaker.
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- Ernst Probst (Author), 2012, Die ersten Bauern in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202821