1. Einleitung
Richard Sennett (2000) beschreibt in dem Buch „Der flexible Mensch – Die Kultur des neuen Kapitalismus“ eingehend die Formen der Flexibilisierung von Unternehmen in den Vereinigten Staaten, welche sich insbesondere vor dem Hintergrund der Internationalisierung der Märkte, des globalen Finanzmarktkapitalismus sowie dem verstärkten Konkurrenzdruck herausgebildet haben. Die Unternehmen können sich mit flexiblen Strukturen eher nachfrageorientiert an die Bedürfnisse der Kunden anpassen, schneller und leichter auf Markterfordernisse reagieren und ihre Strukturen kurzfristig umorganisieren, um besser im (globalen) Wettbewerb mithalten zu können.
Für die Beschäftigten haben sich damit viele flexible Beschäftigungsverhältnisse herausgebildet, so sind sie beispielsweise in befristeten Arbeitsverhältnissen angestellt, als Leiharbeitnehmer an wechselnden Orten tätig oder arbeiten in zeitlich begrenzten Projekten mit stetig neuen Arbeitskollegen, etc.
Die Flexibilisierung der Märkte wirkt bis hinein in die persönliche Lebensführung und die soziale Lebenswelt der einzelnen Menschen, Reorganisierungsprozesse in den Unternehmen führen zu (Neu-) Orientierungsprozessen bei den Beschäftigten. Sennett hat für die USA exemplarisch aufgezeigt wie die erhöhte Flexibilität und Mobilität nicht nur zu arbeitsbezogenen Veränderungen, sondern darüber hinaus auch zu psychischen Verunsicherungen bei den Individuen führen kann.
Mit dieser Hausarbeit möchte ich ansatzweise der Frage nachgehen inwiefern sich die Bundesrepublik mit dem Modell des Rheinländischen Kapitalismus sowie der Sozialen Marktwirtschaft und den sozialstaatlich geregelten Lohnarbeitsverhältnissen von der Arbeitsmarktpolitik in den Vereinigten Staaten und ihrem anglo-amerikanischen Modell unterscheidet. Wie weit entfernt ist Deutschland von der amerikanischen Arbeitsmarktpolitik? Welchen Einfluss haben Finanzmarktkapitalismus und die Öffnung der Märkte auf die Beschäftigungsformen innerhalb der Bundesrepublik?
Hierfür werde ich zunächst das Thema der „flexiblen Gesellschaft“ in einen größeren Kontext einbetten und einen groben Bezug zu anderen Gesellschaftstheorien herstellen. Im Anschluss daran werden die für diese Arbeit relevanten Begriffe Flexibilität und Prekarität kurz erläutert, um dann einen Einblick in die Debatte um Flexibilisierung zu geben. Danach werde ich den Einfluss des Finanzmarktkapitalismus auf die Wirtschaftspolitik in Deutschland umreißen
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Konsequenzen von Globalisierung und (Finanzmarkt-) Kapitalismus aus unterschiedlichen gesellschaftstheoretischen Perspektiven
3. Flexibilität und Prekarität
4. Die Debatte um Flexibilisierung
5. Liberalisierung und Flexibilisierung in Deutschland
6. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen der zunehmenden Flexibilisierung des Arbeitsmarktes auf das Individuum und analysiert, inwiefern sich die Arbeitsmarktpolitik der Bundesrepublik Deutschland von anglo-amerikanischen Modellen unterscheidet.
- Gesellschaftstheoretische Perspektiven auf Globalisierung und Kapitalismus
- Begriffsbestimmung von Flexibilität und Prekarität
- Kulturwissenschaftliche Debatte um flexible Beschäftigungsformen
- Wandel zur Deregulierung und der Übergang zum postfordistischen Modell
- Soziale Folgen der Prekarisierung und Entstehung atypischer Beschäftigungsverhältnisse
Auszug aus dem Buch
3. Flexibilität und Prekarität
Die Bezeichnung „Flexibilität“ wird in einschlägigen Lexika als 'Biegsamkeit', 'Elastizität', 'Dehnbarkeit' und 'Fähigkeit des flexiblen, anpassungsfähigen Verhaltens' definiert. Richard Sennett schreibt zu dem Begriff, welcher in seinem Ursprung auf die Biegsamkeit des Baumes zurückgeht:
„Flexibilität bezeichnet [zugleich] die Fähigkeit des Baumes zum Nachgeben wie die, sich zu erholen, sowohl die Prüfung als auch die Wiederherstellung seiner Form. Im Idealfall sollte menschliches Verhalten dieselbe Dehnfestigkeit haben, sich wechselnden Umständen anpassen, ohne von ihnen gebrochen zu werden. Die heutige Gesellschaft sucht nach Wegen, die Übel der Routine durch Schaffung flexiblerer Institutionen zu mildern. Die Verwirklichung der Flexibilität konzentriert sich jedoch vor allem auf die Kräfte, die die Menschen verbiegen.“
Flexible Beschäftigungsverhältnisse können demnach zwar für die Unternehmen sehr vorteilhaft sein, um beispielsweise auf konjunkturelle Schwankungen reagieren zu können, dagegen können sie für die Betroffenen sehr negative Konsequenzen haben und sogar dazu führen dass das Individuum sich „verbiegt“ und möglicherweise nicht mehr in seinen ursprünglichen, gesunden Zustand zurückkehrt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die zentralen Fragestellungen zur Flexibilisierung der Arbeitswelt vor und vergleicht das deutsche Modell mit dem anglo-amerikanischen.
2. Konsequenzen von Globalisierung und (Finanzmarkt-) Kapitalismus aus unterschiedlichen gesellschaftstheoretischen Perspektiven: Das Kapitel analysiert die globalen Umbrüche und deren Auswirkungen auf die Lebenswelt durch die Brille soziologischer Theorien.
3. Flexibilität und Prekarität: Hier werden die titelgebenden Kernbegriffe definiert und ihre Bedeutung für die Arbeitswelt und das Individuum erläutert.
4. Die Debatte um Flexibilisierung: Das Kapitel beleuchtet die kulturwissenschaftlichen Perspektiven und die Ambivalenz zwischen neuen Freiheiten und dem Druck zur Selbstvermarktung.
5. Liberalisierung und Flexibilisierung in Deutschland: Hier wird der historische Wandel des deutschen Arbeitsmarktes hin zu Deregulierung und atypischen Beschäftigungsformen dargestellt.
6. Ausblick: Der Ausblick reflektiert die Notwendigkeit weiterführender Forschung, insbesondere im Hinblick auf gender- und kulturanthropologische Fragestellungen.
Schlüsselwörter
Flexibilisierung, Arbeitsmarkt, Globalisierung, Finanzmarktkapitalismus, Prekarität, Soziale Marktwirtschaft, Rheinländischer Kapitalismus, Postfordismus, Arbeit, Identität, Prekarisierung, Deregulierung, Atypische Beschäftigung, Leistungsgesellschaft, Selbstzwang.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, wie die zunehmende Flexibilisierung der Arbeitswelt die Lebensführung und psychische Stabilität von Menschen beeinflusst und welche wirtschaftspolitischen Faktoren diesen Wandel in Deutschland vorangetrieben haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten gehören die Auswirkungen des globalen Finanzmarktkapitalismus, das Konzept der „Prekarität“, die soziologische Debatte um Selbstzwänge in der Leistungsgesellschaft sowie der Wandel der deutschen Arbeitsmarktpolitik.
Welche Forschungsfrage leitet die Autorin?
Die Autorin fragt, wie sich die Bundesrepublik mit ihrem Modell des Rheinländischen Kapitalismus von der US-amerikanischen Arbeitsmarktpolitik unterscheidet und welchen Einfluss die Marktöffnung auf Beschäftigungsformen hat.
Welcher methodische Ansatz wird gewählt?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse, die verschiedene gesellschaftstheoretische Perspektiven zusammenführt, um die aktuellen Entwicklungen in einen wissenschaftlichen Kontext zu setzen.
Welche Themen behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Grundlagen von Flexibilität, diskutiert die kulturelle Debatte über Arbeitswelten und zeichnet den historischen Weg der Liberalisierung in Deutschland nach.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Begriffe „Flexibilität“, „Prekarität“, „Selbstvermarktung“ und der „Wandel vom Normalarbeitsverhältnis zum atypischen Beschäftigungsverhältnis“ bilden den Kern der Argumentation.
Wie unterscheidet sich laut Text das deutsche Modell vom US-amerikanischen?
Während Deutschland traditionell für soziale Sicherheit und Mitbestimmung steht, nähert es sich durch Liberalisierungsprozesse zunehmend dem US-amerikanischen, marktorientierten Modell an.
Was bedeutet der Begriff „Prekarität“ im Kontext dieser Arbeit?
Prekarität bezeichnet hier nicht nur instabile Lohnverhältnisse, sondern auch das Fehlen von sozialer Absicherung, mangelnde Zukunftsplanung und das psychische Belastungspotenzial für die betroffenen Arbeitnehmer.
Welche Rolle spielt die „Digitale Boheme“ in der Debatte?
Sie wird als Gegenbeispiel zu den kulturpessimistischen Ansichten angeführt, da sie Flexibilität als Freiheitsgewinn und Ausdruck individueller Selbstbestimmung interpretiert.
- Arbeit zitieren
- Varinia Lindau (Autor:in), 2012, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202829