Martin Scorseses "Shutter Island"

Körper & Seele, der besondere Kontext der Isolation, zwischen Wahn und Wirklichkeit


Hausarbeit, 2012

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Begriffserklärung – Körper und Seele

III. Die Darstellung der Körperlichkeit
3.1. Die Fokussierung auf den Körper
3.2. Die Realisierung der filmischen Ich-Perspektive

IV. Die Seele des Protagonisten im Spiegel des Films
4.1. Fragmentierung als Verwirrungstaktik
4.2. Die Unzuverlässigkeit des Erzählers und die Irreführung des Zuschauers

V. Das Zusammenspiel von Körper, Seele und Isolation
5.1. Die subjektive Wahrnehmung des Protagonisten
5.2. Die Darstellung einer psychotischen Symptomatik und Schizo-

phrenie im Film Shutter Island

VI. Fazit

VII. Abstract

VIII. Bibliographie

I. Einleitung

Realität, Fiktion und Wahn - Wahrheit oder Lüge. Der schmale Grat zwischen diesen Aspekten wird in Martin Scorseses Film Shutter Island in einer überaus komplexen und vielschichtigen Handlung realisiert.

Wie kann man eine fingierte Realität von einer realen Fiktion unterscheiden? Der schmale Grat zwischen diesen Themen liegt darin, dass in Shutter Island die Grenzen zwischen Realität, Fiktion, Wahn, Wahrheit oder gar Lüge gänzlich verschwimmen.

Komplettiert wird diese Handlung durch den besonderen Kontext der Isolation, der sowohl in dem Kontext des Schauplatzes einer abgelegenen Insel als auch im Zu­sammenhang mit dem Seelenleben des Protagonisten verwirklicht wird.

In der Romanverfilmung Shutter Island erhält der Zuschauer einen Einblick in das durch Traumata bestimmte Leben des alkoholkranken Protagonisten Teddy Daniels. Die Traumata des Protagonisten haben zweierlei Ursachen: die Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg und der Tod seiner Ehefrau Dolores.

Der Film selbst lässt ich mehrere narrative Fragmente unterteilen, die erst am Ende puzzleartig zur Biografie des Protagonisten zusammengefügt werden und somit ein Gesamtkonstrukt ergeben. So gibt es einerseits das erlebte Jetzt des Protagonisten, dessen Vergangenheit sowie andererseits die Geschichte der Nebenfiguren, u.a. die der flüchtigen Patientin Rachel Solando aus der Klinik.

In den folgenden Ausführungen soll die narrative Komplexität des Films durch die Analyse nachstehender Themen behandelt werden: die Verbindung von Erzählen durch den Körper im Film, der Wahn als ein körperliches und seelisches Phänomen sowie das Wiedererleben von Vergangenem in umgestalteter Form.

Zu diesem Zwecke werde ich auf bestimmte Sequenzen eingehen, die eine Fokussie­rung auf den Körper aufweisen, um ferner ausgesuchte Aspekte der filmischen Ich-Perspektive zu analysieren. Im weiteren Verlauf werden für eine möglichst differen­zierte Untersuchung des Films auf die Fragmentierung der Geschichte, die wech­selnde Erzählperspektive und die Irreführung des Zuschauers eingegangen. Hierbei werde ich mich auf bestimmte Elemente beschränken müssen, da eine Untersuchung eines jeden einzelnen Fragments den Rahmen dieser Arbeit bei Weitem sprengen würde. Abschließend werde ich mich intensiver mit ausgewählten psychologischen und medizinischen Gesichtspunkten der psychotischen Symptomatik, und die Frage, wie diese im Film wiedergegeben wird, auseinandersetzen. Ich analysiere wissentlich die filmische Umsetzung des theoretischen Ansatzes der Schizophrenie und beziehe mich nur teilweise auf jene der dissoziativen Identitätsstörung, da Erstgenanntes als Diagnose innerhalb des filmischen Geschehens gestellt wird.

Der Roman Shutter Island von Dennis Lehane wird bei der vorliegenden Arbeit nicht in die Analyse eingebunden. Ich konzentriere mich in den folgenden Ausführungen ausschließlich auf den Film und stellenweise auf das Drehbuch.

II. Begriffserklärung - Körper und Seele

In diesem Kapitel werden die Begriffe „Körper“ und „Seele“ definiert, wie diese in den vorliegenden Ausführungen zu verstehen sind. Wie man eingangs in der Einlei­tung meiner Arbeit erahnen kann, handelt es sich hierbei um zwei komplexe Kon­strukte, die - je nach theoretischem Ansatz - entweder unabhängig voneinander funk­tionieren, untrennbar miteinander verbunden sind oder bei denen das eine Konstrukt, das andere impliziert.

In der Tradition der westeuropäischen Philosophie wird der dualistische Ansatz allen voran auf Descartes zurückgeführt. Descartes unterscheidet hierbei streng zwischen der res extensa und der res cogitans. Im Gegensatz zum Körper, der den Ursprung der irrationalen Lebensakte darstellt, ist die Seele eine immaterielle Entität. Die res extensa und die res cogitans existieren unabhängig voneinander und sind als ver­schiedene Entitäten zu erachten.[1][2] Nach der dualistischen Konzeption von Descartes ist die Seele nicht im Körper oder an irgendeinem anderen Ort der materiellen Welt lokalisierbar.[3] Indes kommunizieren Seele und Körper miteinander[4] und stehen folg­lich in einer ständigen Interaktion.

Descartes Definition passt auf die Darstellung von Körper und Seele besonders gut, da diese im Film als zwei getrennte Entitäten gezeigt werden, die jedoch durch die gemeinsame Interaktion beider Konstrukte ein Monismus bilden.

Unter dem hier verwendeten Seelenbegriff werden in der folgenden Arbeit keine theologischen Ansätze, wie beispielsweise die Konzeption der Jenseitsvorstellungen, behandelt.

III. Die Darstellung der Körperlichkeit

Der Protagonist wird durch die Drehbuchautorin als „square-jawed, strong build“[5] bezeichnet. Im Folgenden wird er als „born fighter with something WARY [Hervor­hebung durch den Autor] around his eyes“[6] charakterisiert. Der Hauptdarstel­ler Leonardo DiCaprio passt mit seinem schmalen Kinn und durchschnittlichen Kör­perbau nur bedingt auf diese physische Beschreibung zu. Auf dieses essenzielle Ele­ment werde ich im Zuge der Bearbeitung der Darstellung von Schizophrenie im Film Shutter Island nochmals eingehen. In diesem Kapitel werde ich speziell auf die Close-ups der ersten Szene zur Darstellung des Körpers des Protagonisten eingehen, um die Selbstwahrnehmung der Hauptfigur darzulegen. In einem darauf folgenden Schritt werde ich eruieren, durch welche filmischen Mittel die Ich-Perspektive des Erzählers umgesetzt wurde, um zu veranschaulichen, wie der Protagonist seine Um­welt und die Geschehnisse um sich herum perzipiert.

3.1. Die Fokussierung auf den Körper

Bei dem ersten Auftritt des Protagonisten wird dem Zuschauer sein Rücken aus einer seitlichen Perspektive durch einen Spiegel gezeigt. Alsdann sieht man eine Nahauf­nahme des Halfters der Schusswaffe und der Polizeimarke „US-Marshal“. Teddy Daniels sieht in den Spiegel, während der Zuschauer dieses Moment in einer Over-the-Shoulder-Einstellung betrachtet. Der Zuschauer blickt folglich zusammen mit dem Protagonisten in diesen Spiegel. Daraufhin wird ein Close-up der geblümten Krawatte gezeigt. Die Krawatte bedeckt einerseits zahlreiche lebenswichtige Organe, wie das Herz, die Luftröhre und Teile des Herzens, und gibt somit ein prägnantes Bild, an­derseits wird durch das Bedecken dieser Organe, das Augenmerk eben auf diese empfindliche Stelle des Körpers gelenkt. Die geblümte Krawatte wird im späte­ren Verlauf des Films immer wieder gezeigt und ist Teil eines narrativen Fragments der Geschichte. Die Kameraeinstellung verläuft anschließend entlang der Krawatte sowie dem Oberkörper nach oben und stoppt bei einem Close-up auf das Gesicht von Teddy Daniels.[7] Eminent bei der Darstellung des Protagonisten ist, dass auch hier mit Fragmenten gearbeitet wurde. Man sieht zunächst nur Close-ups auf bestimmte Körperteile sowie Halbtotalen der Hauptfigur, die lediglich den Oberkörper zeigen. Erst als der Protagonist den Waschraum verlässt, wird er dem Zuschauer in einer Totalen vorgestellt.[8]

[...]


[1] Vgl. Beckermann, Ansgar: Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes. 2. Aufl. Berlin. 2001. S. 32–37.

[2] Vgl. Dualismus. In: Eisler, Rudolf. Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Bd 1. Berlin. 1904. S. 232-233.

[3] Vgl. Wagner, J. Steven: Descartes on the Parts of the Soul. In: Philosophy and Phenomenological Research 45. 1984. S. 51–70.

[4] Vgl. Remnant, Peter: Descartes: Body and Soul. In: Canadian Journal of Philosophy 9. 1979. S. 377–386.

[5] Kalogridis, Leata: Shutter Island. Screenplay by Leata Kalogridis. Adapted from the novel by Dennis Lehane. Writer’s Draft. 3. Oktober 2007. S. 1.

[6] Kalogridis, Leata: Shutter Island. Screenplay by Leata Kalogridis. Adapted from the novel by Dennis Lehane. Writer’s Draft. 3. Oktober 2007. S. 1.

[7] Vgl. Scorsese, Martin: Shutter Island. 2010. 00:01:18 - 00:01:43

[8] Ebd. 00:01:46.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Martin Scorseses "Shutter Island"
Untertitel
Körper & Seele, der besondere Kontext der Isolation, zwischen Wahn und Wirklichkeit
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Proseminar Körper und Seele
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V202868
ISBN (eBook)
9783656292005
ISBN (Buch)
9783656294030
Dateigröße
724 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
shutter island, schizophrenie und kunst, schizophrenie im film, martin scorsese, körper und seele, rene descartes
Arbeit zitieren
Clotilde Bry-Chemarin (Autor), 2012, Martin Scorseses "Shutter Island", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202868

Kommentare

  • Gast am 23.10.2012

    Eine wirklich sehr gelungene Hausarbeit! Beeindruckend geschrieben

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Titel: Martin Scorseses "Shutter Island"



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