Karl der Große und Ludwig der Fromme

Eine Betrachtung in den Bereichen Bildung und Kirche


Seminararbeit, 2012

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Bildung der Antike und der Verfall im Mittelalter

3 Karl der Große und Ludwig der Fromme
3.1 Vater und Sohn im Portrait
3.2 Das (jeweilige) Verhältnis zu Bildung und Kirche

4 Die Reformtätigkeit Karls des Großen

5 Das Fortführen durch Ludwig den Frommen

6 Schluss

Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Nur wenige Herrscher des Mittelalters werden mit so vielen lobenden Worten bedacht wie Karl der Große (747 - 814). So wird der "Vater Europas"[1] beispielsweise in zahlreichen Schulbüchern als "Hüter, Mehrer und Ordner des Reiches"[2] dargestellt. Er prägte das Frühmittelalter wie kein zweiter und erhielt seinen Beinamen "der Große" deshalb wohl nicht (nur) aufgrund seiner Körpergröße.[3] Vielmehr spielt dieser Terminus, der in einigen Sprachen direkt mit seinem Namen verschmolzen ist[4], auf seine "historische Größe" an. Dabei war Karl nicht nur ein großer Krieger und kämpfte beispielsweise gegen erfolgreich gegen unter anderem die Langobarden, Awaren und Sachsen; eine der größten Leistungen lag in seiner Reformtätigkeit, die er besonders im bildungskulturellen Bereich vorantrieb.

Schon in der Spätantike kam die ehemals so blühende wissenschaftliche Entwicklung ins Stocken. Mit dem Beginn des Mittelalters kam es in der Folge zum regelrechten Bildungsverfall, der die einstigen Errungenschaften der klassischen Antike in Vergessenheit geraten ließ. Während man in anderen Teilen der Welt weiter von den mathematischen, geographischen oder medizinischen Kenntnissen profitierte, sank der Bildungsstandard im Abendland immer weiter ab und erreichte in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts schließlich seinen Tiefpunkt.[5] Das lag zum einen an den unsicheren politischen Verhältnissen, die sich insbesondere aus den zahlreichen inneren Auseinandersetzungen ergaben, zum anderen an der generellen Einstellung des spätantiken bzw. frühmittelalterlichen Christentums der (heidnisch geprägten) klassischen Bildung gegenüber.

Für Karl dem Großen und seine Bestrebungen das Reich weiter auszubauen und den christlichen Glauben weiter zu verbreiten, waren diese Verhältnisse äußerst hinderlich. Um seine Ziele zu erreichen, veranlasste er deshalb umfangreiche Neuerungen im Bereich der Bildung, die (wie im Mittelalter im Allgemeinen üblich) unmittelbar an die Kirche bzw. an das geistliche Leben in Klöstern gebunden war. Mit der angestrebte Bildungsreform ging somit auch ein Wandel der Kirche einher. Greifbar wird diese "Bildungs- und Kirchenreform", die in der Literatur vereinzelt auch als "karolingische Renaissance" bezeichnet wird, vor allem in der Admonitio generalis. In diesem Kapitular aus dem Jahre 789 wird abermals deutlich, dass die angestrebte Bildungsreform eigentlich auch eine Kirchenreform beinhaltet. Außerdem wird die persönliche Gesinnung Karls zu diesen Themen in Einhards "Vita Karoli Magni", der zeitgenössischen Lebensbeschreibung Karls des Großen, beschrieben.

In ähnlicher Weise erzählen Thegan und Astronomus vom Leben und den Taten Ludwig des Frommen (778 - 840), dem Sohn und Nachfolger Karls. Doch trotz den dank guter Quellenlage überlieferten Erfolgen wurde dieser in der literarischen Beurteilung meist weit hinter seinen Vater zurückgesetzt. So führte Ludwig zwar die Reformen des Vaters weiter, jedoch wurde ihm lange Zeit nicht das Prädikat des innovativen Reformers und starken König zugestanden. Obwohl dieses einseitig gezeichnete Bild von der Forschung an einiger Stelle inzwischen korrigiert wurde[6], folgen noch heute einige Autoren dem Stereotyp Ludwigs als bildungsfeindlichen Herrscher, der sich in seine Gottesfürchtigkeit flüchtete und die Regierungstätigkeit mehrheitlich seinen Räten überließ.

In der vorliegenden Arbeit sollen sowohl Vater, als auch Sohn hinsichtlich ihrer Auffassungen zu den Themen Bildung und Kirche analysiert und ihre konkreten Reformen in diesem Bereichen beschrieben werden. Was tat also Karl, um die Bildung bzw. die Kirche zu reformieren und für seine Zwecke zu nutzen? Kann man wirklich von einer "Renaissance" sprechen? Welche Ideen des Vaters führte Ludwig weiter und welche Leistungen sind ihm selbst zuzuschreiben? War er im Vergleich zu seinem Vater wirklich ein eher "schwacher" König? Bei der Betrachtung dieser Fragen sollen ferner auch wichtige Berater der beiden Herrscher, die auf die Reformen Einfluss nahmen, angesprochen werden. Zudem soll geprüft werden, inwieweit die beiden Herrscher selbst nach ihren aufgestellten Maximen gelebt haben. Die Schlussfolgerungen, welche aus den vorangegangenen Erläuterungen gezogen werden können, bilden den Abschluss der vorliegenden Arbeit.

2 Die Bildung der Antike und der Verfall im Mittelalter

"Die Welt, als deren Teil sich das Frankenreich der Merowinger und der frühen Karolinger empfand, stand im Schatten der versunkenen Antike."[7] Zu dieser Einschätzung kommt Josef Fleckenstein in seiner Beschreibung der Verhältnisse zu Zeiten des Epochenumbruchs. Mit dem Verfall des spätantiken Reiches in der Zeit der Völkerwanderung vollzog sich nicht nur ein politischer, sondern auch ein gesellschaftlicher Wandel, der die ursprünglichen antiken Werte, in denen Bildung und Wissenschaft eine große Rolle spielten, allmählich verdrängte.

Die "alte" römische Bildung basierte auf dem Grundsatz mos maiorum [8], nach dem die Taten und Lebensweise der Vorfahren als nachahmenswertes Ideal galten. Die Wissensaneignung gliederte sich dabei in drei Stufen[9]: Zunächst besuchte man den Elementarunterricht, in dem Lesen, Schreiben sowie einfache Rechtgrundlagen vermittelt wurden. Während diese erste Stufe für alle römischen Kinder (Jungen und Mädchen), die nicht zur Gruppe der Sklaven gehörten, zugänglich war, durfte nur eine weitaus kleinere Gruppe[10] den gehobeneren Literaturunterricht eines grammaticus besuchen. Nach erfolgreichem Abschluss konnte schließlich die höchste Stufe der Rhetorik erreicht werden. Obwohl dieses System bei weitem nicht an heutigen Standards gemessen werden kann, so wird doch deutlich, welchen hohen Stellenwert Bildung bzw. der Erwerb bestimmter Geschicke einnahm. Zwar blieb es lediglich einem kleinen elitärem Kreis vorbehalten, aus dem erworbenen Fähigkeiten gesellschaftspolitisch Kapital zu schlagen, ein generelles Bildungsniveau herrschte dennoch in (fast) allen Schichten vor. Dem aufstrebenden Christentum waren diese Gegebenheiten nur zuträglich. Immerhin konnte die christliche "Buchreligion" auf sprachlich-literarisch gebildete Menschen als Vermittler zurückgreifen.[11]

Mit dem Ende der Antike (rund 500 n. Chr.) und dem Untergang der spätantiken Gesellschaftsordnung traten jedoch Veränderungen ein, die den Bildungsfortschritt negativ beeinflussten und schließlich gänzlich zum Erliegen brachten.

Als zu Beginn des Frühmittelalters die Merowinger, ihres Zeichens erstes Königsgeschlecht der Franken, zunächst unter König Chlodwig I. (466 - 511) große Teile Mitteleuropas beherrschten, gestand man der (Aus-) Bildung vorerst noch eine recht bedeutende Rolle zu. Jedoch verlagerte sich das Aufgabengebiet immer mehr in den privaten Bereich, so dass öffentliche bzw. kirchliche Einrichtungen und Schulen zunehmend verfielen.

Im Zuge dieser Entwicklung verwilderte sich sowohl Sprache, als auch Schrift. Während sich das Vulgärlatein allmählich im Alltagsleben durchsetzte, wies das Schriftbild zudem große orthographischer und grammatikalischer Unsicherheiten auf. Da außerdem immer weniger Menschen überhaupt des Schreibens mächtig waren, ging die schriftliche Produktion deutlich zurück. Die Sammlung historischer Schriftstücke und Urkunden erlebte aufgrund des schwindenden Interesses einen beispiellosen Niedergang. Neben dem Verschwinden gesellschaftlicher Standards litt auch das kirchliche Leben unter diesem Wandel, denn christliche Normen fanden kaum noch Beachtung.[12] Außerdem versiegten selbst in geistlichen Kreisen die Kenntnisse des Schreibens und Lesens.[13]

Allerdings erfolgte die Verdrängung der Schrift nicht überall gleich und unterlag geografischen Abstufungen. So war zwar die Tradition antiker Bildung in fast ganz Europas längst abgerissen, in einigen Teilen gab es dessen ungeachtet neue Strömungen, die einen Aufschwung des Bildungswesen versprachen. Beispielsweise entwickelte sich in Britannien die Tendenz frühere Arbeiten über sie sogenannten artes liberales, bewusst wieder aufzugreifen bzw. weiterzuführen.[14] Jener antiker Bildungskanon der "(sieben) freien Künste" sollte dann auch später unter der Neuorganisation des Schulsystems unter Karl dem Großen eine bedeutende Rolle spielen. Überhaupt änderte sich die prekäre Bildungslage erst unter seiner Herrschaft. Unter dem Grundsatz errata corrigere, superflua abscidere, recta coartare [15] wollte er die Missstände der vergangenen bildungsfernen Jahrhunderte beseitigen und den gehobenen Bildungsstandard sowie die damit verbundene Wiedererstarkung der Kirche als Stütze für seine Herrschaft nutzen.

3 Karl der Große und Ludwig der Fromme

3.1 Vater und Sohn im Portrait

Karl (I.) war der älteste Sohn des fränkischen Hausmeiers und späteren Königs Pippin (III.) des Jüngeren und seiner Frau Bertrada. Schon zu Lebzeiten gab man ihm den Beinamen "der Große". Geboren wurde er vermutlich am 2. April 747 bzw. 748.[16] Bereits im Alter von sieben Jahren wurde er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Karlmann zum König gesalbt. Nach dem Tod des Vaters im Jahre 768 übernahmen die Söhne die Herrschaft über das Reichsgebiet je zur Hälfte, wobei Karl den nördlichen Teil von der unteren Loire[17] bis nach Thüringen erhielt.[18] Im Laufe der Jahre gab es immer wieder Spannungen zwischen den Brüdern, die sich durchaus zu einem offenen Bruderkrieg hätten ausweiten können. Jedoch starb Karlmann im Dezember 771 überraschend nach kurzer Krankheit, sodass es nie zu einer direkten kriegerischen Handlung kam. Nach Auseinandersetzungen mit den beiden Söhnen des verstorbenen Karlmanns, die mit ihrer Mutter ins Exil zum Langobarden - König Desiderius gegangen waren, konnte sich Karl schließlich der Herrschaft über das Frankenreich im Gesamten annehmen. Im Zuge des Konfliktes[19] mit seinen Neffen, den er durch gute Kontakte zu Papst Hadrian gewinnen konnte, hatte sich Karl auch die langobardische Königswürde angeeignet und nannte sich fortan rex Francorum et Langobardorum. Kurze Zeit später erweiterte er seinen Titel um das Element des patricius Romanorum, was gewissermaßen dem "Schutzherrn der römischen Kirche" entspricht.[20]

[...]


[1] Barbero, A., Karl der Große. Vater Europas, Stuttgart 2007.

[2] z.B. Bauer, T./Grosser, W./Kuchler, E./Libera, R./Senft, A./Wagner, H./Weinhold, V., Trio 6. Geschichte/Sozialkunde/Erdkunde, Braunschweig 2005, S. 110.

[3] Man geht tatsächlich davon aus, dass Karl mit einer Körpergröße von ungefähr 1,90 m sowohl für damalige, als auch für heutige Maßstäbe überdurchschnittlich groß war.

[4] z.B. engl./franz.:"Charlemagne", vgl. Becher, M., Karl der Große, München ³2004, S. 7.

[5] vgl. Epperlein, S., Karl der Große. Eine Biographie, Berlin 1978, S. 104.

[6] vgl. Boshof, E., Kaiser Ludwig der Fromme. Überforderter Erbe des großen Karl?, in: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 103 (2001), S. 7-28, 8f.

[7] Fleckenstein, J., Karl der Große 768-814, in: Beumann, H. (Hrsg.), Kaisergestalten des Mittelalters, München 31991, S. 9-27, 11.

[8] wörtlich übersetzt "Sitte der Vorfahren"

[9] vgl. Nonn, U., Mönche, Schreiber und Gelehrte. Bildung und Wissenschaft im Mittelalter, Darmstadt 2012, S. 10-12.

[10] meist Angehörige von Senatoren

[11] vgl. ebd., S. 12f.

[12] vgl. Hilsch, P., Das Mittelalter. Die Epoche (UTB 2576), Konstanz 22008, S. 63.

[13] vgl. Nonn, U., Mönche, Schreiber und Gelehrte, S. 14.

[14] vgl. Hilsch, P., Das Mittelalter, S. 63.

[15] Die Admonitio generalis Karls des Großen, MGH Font iur. Germ. 16, Z. 28f., S. 182.

("Fehler berichtigen, Überflüssiges wegschneiden, Rechtes durchsetzen")

[16] siehe zur Diskussion um Karls Geburtsjahr z.B. Werner, K. F., Das Geburtsdatum Karls des Großen, in: Francia 1 (1973), S. 115-157.; Becher, M., Neue Überlegungen zum Geburtsdatum Karls des Großen, in: Francia 19/1 (1992), S. 37-60.

[17] Name dieses Gebietes: Aquitanien

[18] vgl. Fleckenstein, J., Art. Karl (I.) der Große, in: LexMA 5 (1991), Sp. 956-961.

[19] König Desiderius forderte vom neu gewählten Papst Hadrian die Söhne Karlmanns zu Königen zu salben und so ihren Herrscheranspruch zu manifestieren. Dieser lehnte jedoch ab und bat Karl den Großen um Hilfe im Kampf gegen die Langobarden. Daraufhin verstieß Karl seine Gemahlin, die Tochter Desiderius, was praktisch einer Kriegserklärung gleich kam. Als die Verhandlungen mehrfach gescheitert waren und Karl mit seinen Truppen die Hauptstadt des Langobardenreiches belagert hatte, gab Desiderius schließlich auf. Mit Frau und Tochter wurde er in ein Kloster verwiesen, während sich Karl der Große des langobardischen Königschatzes bemächtigte.

[20] vgl. Schieffer, R., Die Karolinger (UTB 411), Stuttgart 42006, S. 71-76.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Karl der Große und Ludwig der Fromme
Untertitel
Eine Betrachtung in den Bereichen Bildung und Kirche
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V202874
ISBN (eBook)
9783656292364
ISBN (Buch)
9783656294290
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karl der Große, Ludwig der Fromme, Bildung, Kirche, Reformen, Karolinger, Franken
Arbeit zitieren
C. Zierold (Autor), 2012, Karl der Große und Ludwig der Fromme , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202874

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