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Goethes Werther als Leser von Homer

Title: Goethes Werther als Leser von Homer

Seminar Paper , 2003 , 17 Pages , Grade: sehr gut

Autor:in: Nora Pröfrock (Author)

German Studies - Comparative Literature
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Thema dieser Arbeit ist der lesende Held in Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther. Werthers Leseweise bestimmter Texte sowie das Verhältnis, in dem diese Texte zu Werthers Wirklichkeit stehen, sollen dabei besonders beachtet werden. Die Erwähnung eines Buches sowohl ganz zu Anfang als auch ganz am Ende des Romans macht die Bedeutung von Büchern für Werther deutlich. Bereits im vierten Brief schreibt Werther von Homer, und auch bei der Beschreibung seines Todes durch den Herausgeber am Ende des Romans wird ein Buch erwähnt, nämlich Emilia Galotti, das aufgeschlagen auf Werthers Pult liegt. Man könnte daher sagen, dass Literatur im Werther den Gang der Dinge von Anfang bis Ende begleitet. Besondere Bedeutung kommt dabei besonders einem Werk zu, das Werther vor allem im ersten Teil des Romans mehrfach erwähnt und seiner eigenen, „realen“ (im Gegensatz zur literarischen) Erfahrungswelt gegenüberstellt, nämlich Homers Odyssee. Lieselotte Kurth weist darauf hin, dass die homerische Dichtung (neben anderen Werken) vollkommen dem Geschmack der Zeit, zu der Goethes Roman entstand, entsprach. Über Homer schreibt Goethe selbst in Dichtung und Wahrheit :

Glücklich ist immer die Epoche einer Literatur, wenn große Werke der Vergangenheit wieder einmal auftauen und an die Tagesordnung kommen, weil sie alsdann eine vollkommen frische Wirkung hervorbringen. Auch das Homerische Licht ging uns neu wieder auf, und zwar recht im Sinne der Zeit, die ein solches Erscheinen höchst begünstigte: denn das beständige Hinweisen auf Natur bewirkte zuletzt, dass man auch die Werke der Alten von dieser Seite betrachten lernte.

Homer stand also an der „Tagesordnung“. Dass Werther diesen Dichter liest, ist demnach für seine Zeit nichts Ungewöhnliches, und auch durch dessen Lektüre unter besonderer Berücksichtigung der Natürlichkeit unterscheidet er sich nicht von seinen Zeitgenossen. Was aber macht seine ganz persönliche Leseweise des Homer aus? In Gegenüberstellung mit der Leseweise des Homer, durch die sich Werther als ein Leser des 18. Jahrhunderts zu erkennen gibt, soll im Folgenden nun besonders seine Rezeption der homerischen Dichtung ins Auge gefasst werden, die auf einer durch individuelle Voraussetzungen geprägten Leseweise basiert.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Wiegengesang

2. Spiegel der eigenen Lebensform

3. Gegenentwurf zur Wirklichkeit

Zusammenfassung

Zielsetzung und Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle von Homers Werken als zentrales Lektüre-Element in Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ und analysiert, wie Werthers spezifische Rezeption der Odyssee seine Identität als Leser des 18. Jahrhunderts sowie sein Verhältnis zur eigenen Lebenswirklichkeit spiegelt.

  • Werthers persönliche Leseweise von Homer als „Wiegengesang“.
  • Die Funktion der Lektüre als Spiegel der eigenen Lebensform im XX. Gesang der Odyssee.
  • Der XIV. Gesang der Odyssee als therapeutischer Gegenentwurf zur gesellschaftlichen Realität.
  • Die Auseinandersetzung mit dem Ständesystem und gesellschaftlichen Normen durch die Lektüre.
  • Das Spannungsfeld zwischen idealisierter literarischer Welt und individueller psychischer Befindlichkeit.

Auszug aus dem Buch

2. Spiegel der eigenen Lebensform

Die erste Stelle, bei der deutlich wird, welches Werk von Homer Werther eigentlich liest, findet sich im Brief vom 21. Juni des ersten Jahres. Dort schreibt er:

Wenn ich des Morgens mit Sonnenaufgange hinausgehe nach meinem Wahlheim und dort im Wirtsgarten mir meine Zuckererbsen selbst pflücke, mich hinsetze, sie abfädne und dazwischen in meinem Homer lese; wenn ich in der kleinen Küche mir einen Topf wähle, mir Butter aussteche, Schoten ans Feuer stelle, zudecke, und mich dazusetze, sie manchmal umzuschütteln: da fühl’ ich so lebhaft, wie die übermütigen Freier der Penelope Ochsen und Schweine schlachten, zerlegen und braten. Es ist nichts, das mich so mit einer stillen wahren Empfindung ausfüllte als die Züge patriarchalischen Lebens, die ich, Gott sei Dank, ohne Affektation in meine Lebensart verweben kann. 21

Werther spielt hier auf den XX. Gesang der Odyssee an, in dem die Freier, die Odysseus’ Gattin Penelope in dessen Abwesenheit umwerben, ein großes Festgelage veranstalten, bei dem Odysseus als Bettler verkleidet anwesend ist.22 Ein Vergleich zwischen der Situation, in der Werther sich befindet, während er diesen Gesang der Odyssee liest, und der dort dargestellten Szene macht auffällige Unterschiede deutlich, die in der Forschung zu der Streitfrage geführt haben, ob Werther den von ihm gelesenen Text überhaupt verstanden hat.

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Einführung in die Bedeutung der Literatur in Werthers Leben und Darlegung der zentralen Forschungsfrage zur homerischen Dichtung.

1. Wiegengesang: Analyse von Werthers Begriffsprägung „Wiegengesang“ und dessen Bezug zu Sehnsucht, Kindheit und der zeitgenössischen Homer-Rezeption.

2. Spiegel der eigenen Lebensform: Untersuchung des XX. Gesangs der Odyssee als selektive Projektionsfläche für Werthers Wunsch nach einem idyllischen, patriarchalischen Dasein.

3. Gegenentwurf zur Wirklichkeit: Diskussion des XIV. Gesangs als tröstendes Therapeutikum und kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Ständeschranken.

Zusammenfassung: Retrospektive Darstellung der zentralen Thesen zur Rolle Homers als identitätsstiftendes und kompensatorisches Element in Werthers Weltbild.

Schlüsselwörter

Werther, Johann Wolfgang von Goethe, Homer, Odyssee, Leseweise, Wiegengesang, Ständegesellschaft, Rousseau, Naturzustand, Patriarchalismus, Identität, Lektüreerlebnis, Literaturwissenschaft.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die Bedeutung der Homer-Lektüre für den Helden in Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ und untersucht, wie Werther die Texte in Bezug auf seine eigene Wirklichkeit deutet.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themen sind die Rolle von Literatur als Identifikationsmittel, der Kontrast zwischen idyllischer Literatur und realer Gesellschaft sowie die psychologische Funktion von Lesen als Bewältigungsstrategie.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Ziel ist es, Werthers persönliche Leseweise des Homer zu ergründen, die ihn sowohl als typischen Leser des 18. Jahrhunderts kennzeichnet als auch seine individuelle psychische Not und Sehnsucht offenbart.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt eine werkimmanente Analyse in Verbindung mit literaturwissenschaftlicher Rezeptionsforschung und stellt Werthers Leseerfahrungen in den Kontext zeitgenössischer gesellschaftskritischer Diskurse, etwa von Jean-Jacques Rousseau.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil konzentriert sich auf die Analyse zweier spezifischer Gesänge der Odyssee (XX. und XIV.), die Werther explizit erwähnt, und deren Funktion als Spiegel bzw. Gegenentwurf zu seiner Lebensrealität.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Werther, Homer, Odyssee, Wiegengesang, Identität, Ständegesellschaft und Naturzustand.

Warum bezeichnet Werther Homer als „Wiegengesang“?

Der Begriff spiegelt Werthers Sehnsucht nach einer ursprünglichen Welt wider, die sowohl das Jugendalter der Menschheit als auch seine eigene Wunschvorstellung von kindlicher Geborgenheit und Regression einschließt.

Wie kritisiert Werther die Adelsgesellschaft durch seine Lektüre?

Werther nutzt den XIV. Gesang der Odyssee, in dem ein Diener einen Gast (Odysseus) respektvoll bewirtet, als Kontrast zu der herablassenden Behandlung, die er selbst in der adligen Gesellschaft erfährt, und stellt so implizit das trennende Ständesystem infrage.

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Details

Title
Goethes Werther als Leser von Homer
College
University of Bonn  (Germanistisches Institut)
Course
Proseminar "Der Held und seine Bücher"
Grade
sehr gut
Author
Nora Pröfrock (Author)
Publication Year
2003
Pages
17
Catalog Number
V20288
ISBN (eBook)
9783638242134
ISBN (Book)
9783638759182
Language
German
Tags
Goethes Werther Leser Homer Proseminar Held Bücher
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Nora Pröfrock (Author), 2003, Goethes Werther als Leser von Homer, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20288
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