Welche Rolle spielt Familie für die Identitätsentwicklung bei Kindern in Migrationsfamilien?


Seminararbeit, 2011

26 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung
1.1. Abgrenzung der Problemstellung

2. Begriffsdefinition und Interpretationsbreite
2.1. Identitätsentwicklung
2.1.1. Der klassische Erklärungsversuch
2.1.2. Die psychologische Sichtweise
2.1.3. Ein unabschließbarer dynamischer Prozess
2.1.4 Ein Teilbereich eines lebenslangen Prozesses
2.2. Was bedeutet Familie
2.2.1. “Migrationsfamilie“

3. Theoretischer Hintergrund
3.1. Die Identität nach George Herbert Mead
3.2. Die Identität nach Ervin Goffmann
3.2.1. Die Präsentation des Selbst im Alltag
3.3. Die Identität nach Erik H. Erikson
3.3.1. Identität als Lebenslange Entwicklung

4. Die k ulturelle Identität und der Sozialisationsprozess
4.1. Was bedeutet „Kultur“?
4.2. Identität als Teil der Sozialisationsprozesses

5. Die Rolle der Familie im Sozialisationsprozess
5.1. Allgemeines
5.2. Spezifika im Sozialisationsprozess der Migrationsfamilie

6. Fazit / Schlussfolgerung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Abgrenzung der Problemstellung

Die Beschäftigung mit den Menschen und den einzelnen Individuen ist seit langer Zeit eine zentrale Auseinandersetzung mit der Menschheit. Aufgrund von Migration - „jede Ortsveränderung von Personen“ (Hoffmann-Nowotny 1970:107) und der Vielfältigkeit unserer Welt sowie der zunehmenden Globalisierung kommt es wiederum vermehrt zu Wanderbewegungen von Menschen. Solche Bewegungen führen viele Menschen in andere als ihre ursprünglichen Bereiche der Erde und zu teilweise freiwilligen, teilweise unfreiwilligen Niederlassungen.

Zur Zunahme der Migrationsbewegungen laut Population Referenze Bureau:

„ There were 214 million international migrants in 2010, meaning that 3 percent of the world's almost 7 billion people left their country of birth or citizenship for a year or more. The number of international migrants almost doubled between 1985 and 2010 “ . (vgl.prb.org)

Diese Bewegungen von Menschen führen die Familien und insbesondere deren Kinder oft in komplexe Lagen und Zustände, weil sich das gesamte Familiensystem in einer neuen Gesellschaft mit der erwarteten Struktur, den Normen und Werten neu zu orientieren und zu identifizieren hat.

P.L. Berger (1977) dazu:

wenn Menschen äußerlich in Bewegung geraten, so verändert sich häufig auch ihr Selbstverständnis. Man denk e nur an die erstaunliche Transformation von Selbstbild und Identitätsgefühl, die die Folge einer simplen Wohnsitzveränderung sein kann “ (S. 68)

Gerade in so einem komplexen Zustand der multiplen Identitäten sind der Zusammenhalt der Familien von entscheidender Bedeutung. Familien spielen als primäre Sozialisationsinstanz eine wesentliche Rolle in der Identitätsbildung ihrer Kinder. Daher ist der Umgang der Kinder mit dieser Doppelidentität eine Herausforderung für die gesamte ausgewanderte Familie. Gegenstand dieser Seminararbeit ist, welche Rolle die Familie für die Identitätsentwicklung der Kinder in ausgewanderten Familien spielt.

Dazu wird im Folgenden zunächst auf die Bedeutung der Identität als Teil Sozialisationsprozesses eingegangen sowie eine Familienanalyse und eine theoretische Analyse zu den Hintergründen der Identitätsentwicklung durchgeführt. Die Arbeit konzentriert sich nicht nur auf die Identitätsentwicklung der Migrantenkinder, sondern stellt auch Modelle dar, wie die Begriffe „kulturelle Identität“ und „Sozialisation“ in einem solchen Prozess vorkommen. Hauptaugenmerk der Analyse wird dabei auf die Identität der Migrantenkinder als Teil des Sozialisationsprozesses sowie auf die Spezifika des primären Sozialisationsprozesses der Migranteneltern in Europa gelegt. Im Anschluss an diese Betrachtung des Status quo werde ich türkische sowie deutsche Familienkonstruktionen in Deutschland einbeziehen. Nach deren Vorstellung werden die unterschiedlichen Konstrukte in Bezug auf Identität und Sozialisation der Kinder dargestellt. Im abschließenden Fazit werde ich versuchen, ein Resümee der Identität als Teil des Sozialisationsprozesses und der Komplexität aufgrund solcher Begriffe sowie eine Selbsterfahrung als Migrant mit dualer Identität in der österreichischen Gesellschaft darzustellen.

2. Begriffsdefinition und Interpretationsbreite

2.1. Identität se ntwicklung

Um an den Begriff „Identität“ näher heran zu kommen, wird die These von Erikson herangezogen und der Fokus auf seine Beschreibung gelegt. Erikson umschreibt Identität mit einem Gefühl von Gleichheit und Kontinuität sowie dem Gefühl eins mit sich selbst zu sein. Weiters beschreibt er Identität als das Ergebnis der aktiven Suche, das Selbst zu konstruieren.

Demnach ist „ Identität als ein Gefühl der Identität, d.h. der Kontinuität und Einheit mit sich selbst zu verstehen. Dieses Gefühl der Identität wird durch Interaktion mit anderen und im Kontext der eigenen Kultur geklärt und es ist als ein Prozess zu verstehen, der lebenslang dauert. “ (Erikson: 1968)

Der Begriff Identität wird zudem weiters in unterschiedlichen Kontexten beschrieben wie dem klassischen Erklärungsversuch hin zu einem Teilbereich eines lebenslangen Sozialisationsprozesses.

2.1.1. Der k lassische Erklärungsversuch

Individuen sind bereits seit langer Zeit zentrale Figuren in der Menschheitsanalyse. Die Klassiker Adorno und Horkheimer zeigen auf, dass bereits Homers Gestalt des Odysseus sich als ein Mensch in reflexiver Distanz zur Natur zeigt. (vgl. 1968). In diesem Sinn emanzipiert sich der Mensch durch seine inneren Kontrollinstanzen und lässt sich weiter verstehen aufgrund der bestehenden Teilchen in den kosmischen Abläufen. Darüber hinaus misst sich die Natur und erfüllt den Menschen mit abenteuerlichen Aspekten, weshalb sich nur eine schwache Vorstellung von Identität zeigt, weil das Tun und Handeln quasi von der Natur bestimmt wird.

„So sehr ist auf die der homerischen Stufe die Identität des Selbst Funktion des Unidentischen, der dissoziierten unartikulierten Mythen, dass sie diesen sich entlehnen muss (…). Noch in die innere Organisationsform von Individualität, Zeit, so schwach, dass die Einheit der Abenteuer äußerlich, ihre Folge der räumlichen Wechsel von Schauplätzen, den Orten von Lokalgottheiten bleibt, nach welchen der Sturm verschlägt“ (Horkheimer/Adorno: 1973, S. 42)

Die Beschäftigung mit dem Individuum begann zuerst während der Umbruchphase vom Mittelalter in die Neuzeit, weil in dieser Periode die Menschen aus den den feudalen Verhältnissen heraus ihre Existenz über die gesellschaftliche Hierarchie hinaus selbst zu bestimmen versuchten und ermöglichten, das Individuum zu befreien und seinen eigenen Lebenssinn zu finden. (Vgl. Heinz/König: 2010, S. 29)

In dieser Hinsicht steht Identität im Vordergrund der neuzeitlichen Psychologie. Ebenso dazu erklärt Keupp (2001), dass der Wunsch der Individuen, sich nicht auf fremdbestimmte Wesen steuern zu lassen sondern sich selber als autonome Wesen zu bestimmen und zu begreifen, das Interesse an der Identität verstärkt. Dieser Wunsch nach Selbstbestimmtheit und eigener Identität hat sich im Laufe der Zeit zunehmend verändert bzw. intensiviert.

Die klassische Vorstellung von Identität ist mit einer Person verbunden, die über eine zeitliche Abfolge hinweg in verschiedenen Situationen in den Grundzügen dieselbe Person bleibt und das Bild des gelungenen Selbst dieser Zeit ein unwandelbares Ich ist, das trotz Veränderungen seine eigene Authentizität zulässt. (Vgl. Heinz/König 2001: 29)

Betrachtungsweise wurde das eigene Ich als etwas Eingeschlossenes, Ruhendes und Unverrückbares verstanden. Wie oben dargestellt, zeigt Keupp (2001) dieses als metaphorisches Leitmotiv für ein geglücktes Selbst in klassischer Sicht.

2.1.2. Die psychologische Sichtweise

Auf der Grundlage der Beschreibung von Identität aus psychologischer Sicht erscheint es interessant im Wesentlichen auf Erik H. Erikson zurück zu greifen, der das Identitätskonzept auf der Grundlage des psychoanalytischen Ich-Begriffs argumentiert hat. Erikson erklärte die unklare Grenze zwischen bewussten und unbewussten Handlungen, weil der Mensch immer wieder innere und äußere Konflikte, die aus den stärkeren inneren Gefühlseinheiten hervorgehen, durchzustehen hat. (Vgl. Heinz/König 2001: 30)

Darüber hinaus erkennt ein(e) Heranwachsende(r) die Richtung der Bewegung der kollektiven Zukunft und er/sie entwickelt dabei in der sozialen Welt sein/ihr Ich. Diese Erkenntnis oder dieses Gefühl bezeichnete Erikson als „Ich-Identität“ und versteht darunter die Herausbildung der Ich-Identität als subjektive Erfahrung.

Nach Erikson (2000: 18) beruht das „bewusste Gefühl, eine persönliche Identität zu besitzen (…) auf zwei gleichzeitigen Beobachtungen: der unmittelbaren Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit, und der damit verbundenen Wahrnehmung, dass auch andere diese Gleichheit und Kontinuität erkennen“.

Nach der These von Erikson geht es demnach um die Fähigkeit des Individuums, in allen Lebenslagen auf Kontinuitäten zu aufzubauen. Dabei ist der Zusammenhang zwischen Identität und Sozialisation zu erkennen. Durch die Kontinuität wird der Mensch in seinem Umfeld einem ständigen Sozialisationsprozess unterzogen auf primärerer, sekundärer und tertiärer Sozialsationsebene. Darüber hinaus wird er ein Konstrukt der Identität, das selbstverständlich mit dem subjektiven Vertrauen auf die eigene Kontinuität formuliert wird und geht somit mit einem bestimmten Identitätsgefühl einher, das als grundlegende Frage das eigene Selbst hinterfrägt. (Vgl. Heinz/König 2010: 30)

Der Klassiker Erikson entwirft ein Stufenmodell, das dem Individuum eine lebenslange Identitätsgrundlage zur Verfügung stellt und ermöglicht eine Vielzahl von Kindheitsidentifikationen, die der Heranwachsende integriert und zu seiner Ich-Identität darstellt. Aus der Summe dieser Identifikationen konstruiert sich dann der innere Kern des Individuums. (Vgl. Hein/König 2010: 30).

Erikson geht soweit, dass das Individuum einen stabilen inneren Kern ausbilden kann, der als sein „inneres Kapital“ angesehen wird, das sein weiteres Leben vereinfacht und zeigt relevante Vorstellungen eines einheitlichen und kontinuierlichen Selbsts:

„Das Gefühl der Ich-Identität ist also das angesammelte Vertrauen darauf, dass der Einheitlichkeit und Kontinuität, die man in den Augen anderer hat, eine Fähigkeit entspricht, eine innere Einheitlichkeit und Kontinuität (also im Sinne der Psychologie) aufrecht zu halten“ (Erikson 2000: 107)

Erikson hat damit die Eingliederungsprozesse des Individuums und die Identifikation in einer sozialen Welt hervorgerufen, die anderseits von Keupp kritisch und über die Selbstverständnisse der klassischen Moderne durch Begriffe wie Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung dargestellt wurden. (vgl. Keupp H. et al 2002)

Diese Kritik sowie die schwierige Vorstellung einer stabilen und gesicherten Identität, die nicht verändert, sind die zentralen Kritikpunkte an dieser Begrifflichkeit.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Welche Rolle spielt Familie für die Identitätsentwicklung bei Kindern in Migrationsfamilien?
Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz  (Soziologie)
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
26
Katalognummer
V202994
ISBN (eBook)
9783656291992
ISBN (Buch)
9783656292869
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
welche, rolle, familie, identitätsentwicklung, kindern, migrationsfamilien
Arbeit zitieren
Eddy Bruno Esien (Autor), 2011, Welche Rolle spielt Familie für die Identitätsentwicklung bei Kindern in Migrationsfamilien?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202994

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