Lessing war nicht nur vielschaffender Autor, sondern auch einer der aktivsten Poetologen der Aufklärung. Diese Arbeit nimmt eine kritische Analyse von Theorie und Praxis anhand Lessings "Freygeist" vor. Setzt er seine eigene Komödientheorie um? Welche Wirkungsästhetik liegt dem "Freygeist" zugrunde?
Ziel der Arbeit ist es, zu zeigen, wie Lessing seine Komödientheorie nutzt und alterniert, um sich an der zeitgenössischen Debatte um das 'Freidenkertum' zu beteiligen und Vorurteilskritik zu betreiben. Um zu verstehen, warum Lessing den Freigeist schrieb, wird zunächst das 'Freidenkertum' behandelt. Anhand Gellerts dritter moralischer Vorlesung, in der er über die «freygeisterische Moral» doziert, sollen die Charakterzüge des Stereotyps 'Freidenker' skizziert werden. Nachfolgend wird dann der Charakter des 'Freidenkers' Adrast in Lessings Stück in den Fokus gerückt.
Im Anschluss wird Lessings Komödientheorie in ihren Grundzügen erläutert und darauf eingegangen, wie er seine Theorie umsetzt und dadurch Vorurteilskritik betreibt. Obwohl das Einbeziehen weiterer Komödien wie Die Juden oder Nathan der Weise, in welchen Vorurteilskritik im Zentrum steht, durchaus lohnenswert und sicherlich ertragreich gewesen wäre, musste hier eine Beschränkung auf den Freigeist erfolgen, da der Rahmen dieser Proseminarsarbeit sonst sicherlich gesprengt worden wäre.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. 'Freidenkertum'
2.1. Gellerts 'Freidenker' als Spiegel eines zeitgenössischen Stereotyps
2.2. Ein Gegenkonzept: Lessings Adrast
3. Vorstellung und Wirklichkeit: Komödientheorie und Vorurteilskritik
4. Conclusio
5. Literaturangaben
5.1. Quellen
5.2. Forschungsliteratur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Gotthold Ephraim Lessings Vorurteilskritik in seinem Stück "Der Freigeist". Ziel ist es aufzuzeigen, wie Lessing die Strukturen der Komödie verändert, um sich kritisch mit zeitgenössischen Debatten über das "Freidenkertum" auseinanderzusetzen und die Unhaltbarkeit bestimmter gesellschaftlicher Vorurteile zu demonstrieren.
- Analyse des "Freidenker"-Stereotyps im 18. Jahrhundert anhand von Gellert.
- Charakterisierung von Adrast als literarisches Gegenkonzept.
- Untersuchung von Lessings Komödientheorie und deren Umsetzung im Stück.
- Kritik an Verallgemeinerung und der Verknüpfung von Religion mit moralischer Integrität.
Auszug aus dem Buch
2.1. Gellerts 'Freidenker' als Spiegel eines zeitgenössischen Stereotyps
In seiner dritten Moralischen Vorlesung Von dem Vorzuge der heutigen Moral vor der Moral der alten Philosophen, und von der Schrecklichkeit der freygeisterischen Moral entwirft Gellert einen Stereotyp des 'Freidenkers', also eine Charaktermatrix, wie sie in zahlreichen literarischen Denunziationen dieser Person zur Zeit Lessings an den Tag trat. Nachdem Gellert den ersten Teil seiner Vorlesung, den Vergleich der alten und der neuen Moral, mit der Conclusio schließt, die neue Moral sei der alten nicht zuletzt wegen ihren Anleihen aus der göttlichen Offenbarung vorzuziehen, widmet er sich „dem System der freygeisterischen Moral“.
Nach Gellert konstituiert sich diese aus dem Grundsatz: „Suche dein Vergnügen. Was dieses befördert, ist erlaubt und weise; was dich davon abhält, ist Thorheit, Furchtsamkeit und Aberglaube. Die Selbstliebe ist dein Gesetz;“. 'Freidenker' sein bedeutet folglich nach Gellert zunächst Egoist zu sein. Alle Mittel und Wege, das eigene Vergnügen zu mehren werden durch eben diese Mehrung legitimiert. Dabei hat sich der 'Freidenker' zwangsläufig vom Pöbel zu separieren. Diese indoktrinierte Masse wisse nämlich nicht, was sie glaube. Daraus ergibt sich für den 'Freidenker' der Lehrsatz: „Was viele glauben, glaubet nicht“. Damit bezieht sich Gellert offenbar auf die Orthodoxie, denn er fährt damit fort, dass der 'Freidenker' der Natur zu folgen habe.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert den Rahmen der Proseminarsarbeit und definiert das Forschungsziel, Lessings Vorurteilskritik im Stück "Der Freigeist" unter Berücksichtigung seiner Komödientheorie zu analysieren.
2. 'Freidenkertum': Dieses Kapitel kontrastiert das zeitgenössische Stereotyp des "Freidenkers" nach Gellert mit der vielschichtigen Figur des Adrast in Lessings Werk.
3. Vorstellung und Wirklichkeit: Komödientheorie und Vorurteilskritik: Hier wird Lessings theoretisches Verständnis der Komödie als Vermittler von Lachen und Rührung beleuchtet und untersucht, wie er diese Form nutzt, um gesellschaftliche Vorurteile zu hinterfragen.
4. Conclusio: Das Fazit fasst zusammen, dass Lessing durch die Figur des Adrast nicht das Freidenkertum rehabilitiert, sondern die Starrheit von Vorurteilen wie Verallgemeinerung und die religiöse Exklusivität von Moral kritisiert.
5. Literaturangaben: Auflistung der im Rahmen der Arbeit verwendeten Primärquellen und der wissenschaftlichen Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Gotthold Ephraim Lessing, Der Freigeist, Freidenkertum, Aufklärung, Komödientheorie, Vorurteilskritik, Adrast, Religion, Moral, Typenkomödie, Rationalismus, Christian Fürchtegott Gellert, Stereotyp, Tugend, Gesellschaftskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Lessing in seinem Lustspiel "Der Freigeist" kritische Debatten seiner Zeit, speziell zum Thema "Freidenkertum", verarbeitet und Vorurteile gegenüber religionslosen Menschen hinterfragt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse literarischer Stereotypen, der Entwicklung von Charakteren in der Aufklärungskomödie sowie der Auseinandersetzung mit moralischen und religiösen Normen des 18. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Lessing durch die psychologische Vertiefung seines Protagonisten Adrast die Grenzen der traditionellen Typenkomödie sprengt, um Vorurteile zu entlarven.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text des Dramas mit zeitgenössischen Vorlesungen (Gellert) und literaturtheoretischen Ansätzen zur Komödie verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Definition des "Freidenker"-Begriffs, der Analyse von Lessings Adrast-Figur sowie der theoretischen Einbettung von Lessings Komödienverständnis in den Kontext der Vorurteilskritik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Lessing, Freidenkertum, Aufklärungskomödie, Vorurteilskritik und Moralität ohne Religion.
Warum wählt Lessing den Diener Johann für brisante Aussagen?
Dies dient dazu, die Wirkung radikaler religionskritischer Äußerungen zu mildern und das zeitgenössische christliche Publikum sowie Lessings eigenes familiäres Umfeld nicht unnötig zu provozieren.
Inwiefern ist Adrast kein klassischer Freidenker?
Adrast zeichnet sich trotz seiner Distanz zur Religion durch moralische Integrität und eine Komplexität aus, die ihn deutlich von dem negativen "Freidenker"-Stereotyp der damaligen Zeit abhebt.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Brenneis (Autor:in), 2011, Komödientheorie und Vorurteilskritik in Gotthold Ephraim Lessings "Der Freygeist" (1749), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203104