Pädagogische Tätigkeiten sind allgemein damit verbunden, das Spannungsverhältnis von Nähe und Distanz zwischen Professionellen und Klienten in einer ausgewogenen Balance zu halten. Während Pädagogen auf der einen Seite eine gewisse Nähe zu ihrer Klientel suchen müssen, ist es andererseits von grundlegender Bedeutung, stets eine professionelle Distanz gegenüber den zu Erziehenden einzuhalten. Eine Reihe von sexuellen Missbrauchsfällen in pädagogischen Einrichtungen verdeutlichte zuletzt, dass dabei die Gefahr vorhanden ist, dass die professionelle Balance zwischen Nähe und Distanz gestört wird und in Sexualität umschlägt. Hierbei rückten vor allem Einrichtungen der Reformpädagogik in den Fokus, die aufgrund ihrer stark individuumsorientierten Erziehung laut medialer Berichterstattung ein großes Gefahrenrisiko beherbergen, zu Tatorten sexueller Straftaten zu werden. Teilweise wurde der Reformpädagogik gar die alleinige Schuld an Vorkommnissen dieser Art zugeschrieben, ohne dabei die Vorteile dieser Erziehungswissenschaft oder aber die Multikausalität von Sexualstraftaten zu berücksichtigen. Ziel dieser Arbeit ist es daher, zwar die Grausamkeit dieser Art von Gewalt darzustellen, zugleich jedoch die Schuldfrage multifaktoriell zu untersuchen, ohne dabei monoperspektiv lediglich die Reformpädagogik in den Fokus zu nehmen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Inklusive Schulentwicklung – Von der Exklusion zur Inklusion
2.1 Historischer Abriss: Entwicklung der individuumsorientierten Bildung
2.2 Legitimation eines inklusiven Bildungswesens
2.3 Prinzipien individuumsnaher Pädagogik als Chance oder Risiko?
3. Fallbeispiel: Die Odenwaldschule in Heppenheim
3.1 Das Landerziehungsheim: Ein reformpädagogisches Vorzeigeinternat
3.1.1 Mehr als 100 Jahre Odenwaldschule – Entstehung und Entwicklung
3.1.2 Die Odenwaldschule heute: Pädagogik, Unterricht und Schulleben
3.2 Das Landerziehungsheim: Ein Ort pädosexueller Missbrauchsfälle
3.2.1 Zwischen Hölle und Paradies: Das System Gerold Becker
3.2.2 Die Zeit der Aufklärung und die Suche nach Gründen
4. Sexueller Missbrauch, pädophile Sexualstraftäter und ihre Opfer
4.1 Sexueller Missbrauch von Kindern – Definition und Folgen für die Opfer
4.2 Rechtliche Grundlagen
4.3 Hellfeld-Epidemiologie sexueller Straftaten
4.4 Sexuelle Störungen: Grenze zwischen Normalität und Psychopathologie
4.5 Pädophilie: Definition, Phänomenologie und Diagnostik
4.6 Erklärungsansätze pädosexueller Störungen und Straftaten
4.7 Pädophile Sexualstraftäter: Therapie oder Bestrafung
5. Die Schuldfrage: Begünstigt Reformpädagogik Missbrauch?
5.1 Das Verhältnis von Nähe und Distanz in pädagogischen Institutionen
5.2 Pädosexualität als Bestandteil reformpädagogischer Erziehungspraxis
5.2.1 Moralischer Idealismus als Auslöser unmoralischen Handelns
5.2.2 Mangel an sozialer Kontrolle in „Totalen Institutionen“
5.3 Multikausales Schuldgefüge mit Straftäter als Hauptschuldigen
5.4 Unverzichtbarkeit reformpädagogischer Ideen
5.5 Präventionsmaßnahmen zur Verhinderung institutionellen Missbrauchs
6. Fazit
Literaturverzeichnis
Häufig gestellte Fragen
Was ist das Nähe-Distanz-Dilemma in der Pädagogik?
Pädagogen müssen eine emotionale Nähe zum Kind aufbauen, um Erziehung zu ermöglichen, gleichzeitig aber eine professionelle Distanz wahren, um Missbrauch und Grenzverletzungen zu verhindern.
Warum stand die Reformpädagogik wegen Missbrauchsfällen in der Kritik?
Einrichtungen wie die Odenwaldschule gerieten in den Fokus, da ihre stark individuumsorientierte und familiäre Atmosphäre von Tätern ausgenutzt wurde, um Grenzen systematisch zu überschreiten.
Was begünstigt institutionellen Missbrauch?
Faktoren sind mangelnde soziale Kontrolle in „totalen Institutionen“, ein falsch verstandener moralischer Idealismus und das Fehlen von Präventionskonzepten.
Ist die Reformpädagogik allein schuld an solchen Vorfällen?
Die Arbeit untersucht die Schuldfrage multikausal. Während Strukturen Missbrauch begünstigen können, liegt die Hauptschuld bei den individuellen Straftätern, die das System manipulieren.
Welche Präventionsmaßnahmen sind heute wichtig?
Wichtig sind klare Verhaltenskodizes, Beschwerdestellen für Kinder, die Sensibilisierung des Personals für Grenzverletzungen und eine offene Kommunikationskultur in den Einrichtungen.
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- Dominik Voegele (Autor), 2012, Das Nähe-Distanz-Dilemma im pädagogischen Verhältnis als Professionsproblem, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203290