Der aktuell gelebte Kapitalismus und die Sozialstrukturtheorie von Pierre Bourdieu

Ein Vergleich und seine Auswirkungen auf die Soziale Arbeit


Seminararbeit, 2012

21 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Das sozialtheoretische Strukturmodell von Pierre Bourdieu
Begriffserklärungen
Der Habitus der Menschen
Das Kapital
Der soziale Raum

Sozioökonomische Situation von heute - inwiefern existiert der Bourdieu’sche Kapitalismus noch heute ?

Kann Bourdieus Theorie heute noch Gültigkeit haben?

Kann Bourdieus Theorie aktuelle Phänomene erklären?
Phänomen der Globalisierung (Wirtschaft, Finanzwesen, Politik)
Phänomen des Wirtschaftsprimates (Wirtschaft vor Politik)
Phänomen der medialen Macht (Presse, Fernsehen, Internet)
Phänomen der menschlichen Vereinsamung (Problem der Sinn-Frage)

Erkenntnisse für die Soziale Arbeit

Schlusswort

Quellenverzeichnis
Bücher
Internet
Zeitschriften

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Der soziale Raum (nach Bourdieu/Russer(Übersetzer)/Schwibs(Übersetzer) 2002: 212f)

Abbildung 2: Wie viele Franken haben ledige Arbeitnehmende 2010 im Vergleich zu 2000 mehr zum Leben? (http://www.verteilungsbericht.ch/wp-content/uploads/2012/ 04/3-1-wieviele-franken-mehr.png)

Abbildung 3: Krankenkassenprämien und Prämienverbilligung (http://www.verteilungsbericht.ch/wp-content/uploads/2012/04/3-3-kranken kassenpraemien.png)

Abbildung 4: Das Cover der Weltwoche vom Donnerstag 5. Januar 2012 zum Fall „Hildebrand“ – Nach Monate langem Druck trat Hildebrand als SNB-Chef zurück. (http://20min-blog.ch/infografik_2011/sites-01/hildebrand/files/2012/ 01/weltwoche.jpg)

Vorwort

Das Thema des aktuell erlebten Kapitalismus und die Sozialstrukturtheorie von Bourdieu haben mich von Anfang an fasziniert.

Deshalb erachte ich es als relevant, kurz etwas über mich auszusagen, um damit zu begründen, weshalb ich mich für dieses Thema entschieden habe.

Nun, ich mache kein Geheimnis aus meiner politischen Einstellung zum Sozialismus bzw. meinem aktiven Engagement in der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz. Meine ethischen Grundwerte und meine Vorstellung einer gerechten und solidarischen Gesellschaft kann man bestimmt auch als ideologisch anschauen. Trotzdem würde ich daran festhalten, dass wir heute in einer kapitalistischen Konsumgesellschaft leben, in der sich wenige Vermögende auf Kosten des Mittelstandes und der Unterschicht noch mehr bereichern.

Ich danke Herrn Professor Dr. Ueli Mäder für die Unterstützung während meiner Arbeit an diesem Thema. Seine Hinweise waren sehr wichtig für mich.

Einleitung

Pierre Bourdieus Gesellschaftsanschauung beeindruckt mich sehr und hat mich in Kombination mit meinen gesellschaftlichen und politischen Vorstellungen zu folgender Fragestellung bewogen.

Konkret möchte ich die Fragestellung darauf ausrichten, wie die Situation für die Soziale Arbeit heute und in naher Zukunft aussehen wird. Dies möchte ich erreichen, in dem ich mit Bourdieus Theorie aktuelle Phänomene wie die Globalisierung, das Wirtschaftsprimat, die Medienmacht und die menschliche Vereinsamung (Problem der Sinnfrage) zu erklären versuche.

Diese Phänomene schaffen dann die Grundlage, um daraus folgend eine Aussage zu den heutigen und zukunftsnahen Problemen in der Sozialen Arbeit zu machen. Mit Bourdieus Theorie versuche ich zu erklären, welche Probleme der Kapitalismus mit sich bringt.

Den geografischen Fokus lege ich vor allem auf die westlichen Staaten, insbesondere die Schweiz. Dies nicht aus dem Grund, weil es in den restlichen Staaten bzw. Kontinenten keinen Kapitalismus gibt. Im Gegenteil, oft sind diese Gebiete (z.B. Afrika, Asien usw.) dem Kapitalismus stark unterworfen und werden auf brutale Weise ausgebeutet, z.B. durch Erdöl aus Angola. Kaum ein Rappen aus der Erdölförderung in Angola wird in Bildung, Gesundheit oder generell in die Gesellschaft investiert. (vgl. http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/sendung/2010/tiefsee-erdoel-aus-angola-100.html, Reportage ARD 12.09.2010: Tiefsee-Erdöl aus Angola)

Ich fokussiere deshalb mich vor allem auf die westlichen Staaten bzw. die Schweiz, weil hier die gesellschaftliche Wahrnehmung den Kapitalismus oft als wichtig und gut erachtet wird.

Das sozialtheoretische Strukturmodell von
Pierre Bourdieu

Zuerst möchte ich nun kurz einige fachliche Begriffserklärungen vornehmen sowie eine kurze Vorstellung, wer eigentlich Pierre Bourdieu war. Dies ermöglicht es dem/der Leser/in, einen grundlegende Einblick in die Theorie von Bourdieu zu erhalten. Weiter versuche ich, dem/der Leser/in das sozialtheoretische Strukturmodell von Pierre Bourdieu näher zu bringen. Bevor ich dann seine Theorie anhand von Phänomenen zu erklären versuche, möchte ich die sozioökonomische Situation aus der Zeit von Bourdieu, und wie sie ca. 10 Jahre nach seinem Tod ist, aufzeigen und der Frage nachgehen, inwiefern der Bourdieu’sche Kapitalismus heute noch existiert und ob damit seine Theorie heute noch Gültigkeit hat.

Pierre Bourdieu wurde 1930 geboren (+ 2002), war Frankreichs angesehenster Soziologe und meistzitiertester Wissenschaftler Europas. Er solidarisierte sich regelmässig mit Protestierenden auch bei der grössten Streikaktion 1995 in Frankreich. In den neunziger Jahren wurde Bourdieu zum Vordenker gegen den Markt-Fundamentalismus und Mitgründer der Attac[1] -Bewegung.

Seine Arbeit fokussierte sich schnell auf das Ungleichgewicht der Gesellschaft. So schilderte er z.B. die Auswirkungen der neoliberalen Reformen auf die französische Gesellschaft und die daraus einstehende Kluft zwischen arm und reich.

(vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21304688.html, gelesen am 10. Juni 2012 auf spiegel.de)

Begriffserklärungen

Der Habitus der Menschen

„Wie können Verhaltensweisen geregelt sein, ohne dass ihnen eine Befolgung von Regeln zugrunde liegt?“ (Bourdieu/Schwibs(Übersetzer) 1992: 86). Bourdieu hat sich anhand dieser Frage orientiert und sie mit dem Begriff „Habitus“ beantwortet. Er ist der Meinung, dass die Menschen über erzeugende Strukturen verfügen und somit unendlich viele Handlungen entstehen können. Für Bourdieu ist der Habitus nicht angeboren, sondern erlernt durch die Gesellschaft, in der wir uns ständig bewegen (vgl. Nollmann/Nassehi 2004: 86-87).

Konkret bedeutet der Habitus: In vergleichbaren Situationen vergleichbar zu handeln. Frühere gespeicherte Handlungsmuster werden in einer ähnlichen Situation abgerufen. Kurz - Gelerntes wird abgerufen (vgl. Nollmann/Nassehi 2004: 90). Als Beispiel: Das Kind, das seine Erfahrung mit der heissen Kochplatte machen muss, damit es in Zukunft weiss, dass es eine heisse Kochplatte nicht mehr anfassen soll.

Das Kapital

Obwohl ich in dieser Arbeit den Begriff Kapital vorwiegend im ökonomischen Sinne verwenden werde (wie dies auch der Marxismus tut), deutet Bourdieu das Kapital noch in anderen Hinsichten, die meines Erachtens die Lebenssituationen aller Menschen gut erklären können.

Bourdieu unterteilt das Kapital in vier Kapitalarten. An erster Stelle steht das bereits beschriebene ökonomische Kapital, das alles unmittelbar in Geld konvertieren lässt. An zweiter Stelle steht das kulturelle Kapital, das sich auf intellektueller Ebene unter Einfluss von z.B. familiärem Milieu entwickelt und durch spätere schulische Bildung institutionalisiert. Das soziale Kapital versucht eher die Vernetzung der Beziehungen aufzuzeigen. Es geht aber nicht nur um Förderungs- und Solidaritätsverpflichtungen, sondern auch um abgestimmte Ausschlüsse Gruppenfremder. Zuletzt noch das symbolische Kapital, das auch als wichtigstes Kapital gemäss Bourdieu angesehen werden kann. Die symbolische Kapitalform umfasst u.a. Ansehen, Prestige, Ehre. Es geht also primär darum, wie man eine Person wahrnimmt. Deshalb ist das symbolische Kapital nicht unbedingt als weitere eigenständige Kapitalart anzusehen, viel mehr aber als Verstärkung der anderen Kapitalien (vgl. Jurt 2008: 70-78).

Der soziale Raum

Die Sozialstruktur lässt sich wie in einer Landkarte darstellen. Welche Position wir Menschen in der Sozialstruktur einnehmen, hängt davon ab, über wie viel Kapital wir verfügen. Wie bereits oben erwähnt, formuliert Bourdieu mehrere Formen von Kapital, die auch für die Sozialstruktur massgebend sind (vgl. Nollmann/Nassehi 2004:167). Bourdieu ermittelte, dass sich der Umfang und die Struktur des Kapitals in der Berufswelt am deutlichsten darstellen lassen. Deshalb verwendet er den Beruf als Indikator für die Zuordnung zu einer sozialen Gruppe oder Klasse. Die soziale Position lässt sich so in der Horizontalen zwischen viel und wenig kulturellem bzw. ökonomischem Kapital und in der Vertikalen zwischen grossem Gesamtkapital und geringem Gesamtkapital ermitteln (siehe Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Der soziale Raum (nach Bourdieu/Russer(Übersetzer)/Schwibs(Übersetzer) 2002: 212f)

Sozioökonomische Situation von heute - inwiefern existiert der Bourdieu’sche Kapitalismus noch heute ?

Kann Bourdieus Theorie heute noch Gültigkeit haben?

Diesen Fragen nachzugehen, erachte ich als nicht einfach, und deshalb möchte ich einen kurzen Vergleich mit Karl Marx und seiner Vorstellung des Kapitals machen. Dies auch aus dem Grund, weil Bourdieu inhaltliche Begriffe von Marx übernommen hat, sie aber eben anders deutet. Marx fokussierte sich stark an Herrschaftsverhältnisse (Bourgeoisie und Proletariat; Klassengesellschaft), Arbeitskraft, Kapital (vor allem im ökonomischen Sinne), Arbeiter/innenbewusstsein u.v.m. (vgl. Arnold 2004: 32). Nehmen wir nun das Thema Kapital, können wir sehr schnell feststellen, dass Marx und Bourdieu diesen einen Begriff unterschiedlich deuten: Marx eher von der ökonomischen Seite, Bourdieu eher von der soziologischen Seite. Die Aufteilung der Kapitalien nach Bourdieu ist meiner Meinung nach sehr raffiniert. So lassen sich gesellschaftliche Unterschiede, Veränderungen und gar Entwicklungen sehr gut erklären. Kritische Stimmen sind der Meinung, dass Bourdieu zu viel Spielraum für Interpretationen offen lässt und deshalb die Kapitalformen kaum empirisch zu überprüfen sind. Ich sehe dies anders. Würde man die jeweiligen Kapitalformen einzeln untersuchen, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass man letztendlich für die Gesamtdeutung der Untersuchung Mühe bekundet. So wie ich aber Bourdieu interpretiere, liegt es vor allem am Zusammenspiel aller drei bzw. vier Kapitalformen. Ich kann also nicht einfach die These aufstellen: Um so mehr Leute jemand kennt, desto grösser ist sein Kapital. Dies kann zwar zum Beispiel bedeuten, dass das soziale oder das symbolische Kapital ausgeprägter vorhanden ist, kann aber nicht ausschliessen, dass das kulturelle und/oder ökonomische Kapital kaum oder wenig vorhanden sind; Beispiel dafür: Mutter Teresa (vgl. Arnold 2004: 34).

Auf dieser Grundlage bin ich der Meinung, dass Bourdieu’s Theorie heute noch Gültigkeit hat. So denke ich, dass man heute durchaus unterschiedliche Personenbilder bzw. Gesellschaftsbilder feststellen kann. Zum Beispiel eine bürgerliche Familie: Der Vater ist Maurer, die Mutter arbeitet zu Hause und sorgt für die Kinder. Der Lohn (ökonomisches Kapital) reicht knapp aus. Sie gönnen sich alle 2-3 Jahre Urlaub ausserhalb des Landes. Das kulturelle Kapital des Vaters ist nicht sehr ausgeprägt, hingegen sein soziales Kapital schon (zum Beispiel grosser Freundeskreis). Das symbolische Kapital als Verstärkung der anderen Kapitalformen könnte hier durchaus positiv ausfallen.

[...]


[1] Attac: association pour la taxation des transactions financières et pour l'action citoyenne; dt. Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der BürgerInnen

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der aktuell gelebte Kapitalismus und die Sozialstrukturtheorie von Pierre Bourdieu
Untertitel
Ein Vergleich und seine Auswirkungen auf die Soziale Arbeit
Hochschule
Fachhochschule Nordwestschweiz  (Hochschule für Soziale Arbeit)
Note
1,5
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V203291
ISBN (eBook)
9783656299530
ISBN (Buch)
9783656299875
Dateigröße
719 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Bourdieu, Soziale Arbeit, Schweiz, FHNW, Kapitalismus, Ungleichgewicht, Kapital, Habitus, soziale Raum, Globalisierung, Wirtschaft, mediale Macht, Vereinsamung
Arbeit zitieren
Paco Krummenacher (Autor), 2012, Der aktuell gelebte Kapitalismus und die Sozialstrukturtheorie von Pierre Bourdieu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203291

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