WEU und NATO sind beides rechtlich gesehen Verteidigungsorganisationen, die im selben geographischen Gebiet angesiedelt sind und deren Zentrum die jeweiligen Bei-standsklauseln der Mitgliedsstaaten sind (Art. V WEU-Vertrag und Art. 5 NATO-Vertrag). Auch die Mitgliedschaften in beiden Organisationen überschneiden sich. So waren die WEU-Mitglieder auch regelmäßig NATO-Mitglieder.
Es stellt sich daher die Frage, warum es in Europa zwei, auf den ersten Blick auf das gleiche Ziel gerichtete Organisationen gibt und wie sich das Verhältnis zwischen bei-den Organisationen sowohl rechtlich als auch praktisch entwickelt hat.
Da beide Organisationen im Abstand weniger Jahre im selben sicherheitspolitischen Umfeld gegründet wurden, lassen sich die Fragen am besten beantworten, wenn man die Entwicklung der Organisationen von der Gründung bis heute betrachtet, wie sie sich den sich ändernden Umständen angepasst haben und wie sich aufgrund dessen ihr Verhältnis zueinander gewandelt hat.
Inhaltsverzeichnis
A. DIE VORVERTRÄGE ZUR WEU
I. Vom Dünkirchener Vertrag zum Nordatlantikpakt
II. Die Bildung der NATO und das Scheitern der EVG
B. ERRICHTUNG DER WEU UND UNTERORDNUNG UNTER DIE NATO
I. Die Pariser Verträge
II. Die „Lethargie“ bis 1984
C. REAKTIVIERUNG DER WEU VON 1984 (KONFERENZ VON ROM) BIS 1987 (HAAGER PLATTFORM)
I. Die Erklärung von Rom 1984
II. Die Haager Plattform von 1987
D. DIE BILDUNG EINER ESVI INNERHALB VON WEU UND NATO
I. Erklärungen der NATO von Kopenhagen und Rom
II. Der Vertrag von Maastricht und die Erklärung der WEU-Außenminister
III. Die Petersberg-Erklärung
E. ANERKENNUNG UND ENTWICKLUNG DER ESVI IN DER NATO (1994-1999)
I. Die Erklärung der NATO von Brüssel vom 11. Januar 1994
II. Der Berliner NATO-Gipfel vom 03. Juni 1996
F. DIE INTEGRATION DER MILITÄRISCHEN STRUKTUREN DER WEU IN DIE EU (VON AMSTERDAM 1997 BIS MARSEILLE 2000)
I. Der Vertrag von Amsterdam und die Annexerklärung der WEU
II. Die Erklärung der Staats- und Regierungschefs der NATO vom 08. Juli 1997
III. Die Erklärung von Saint Malo vom 4. Dezember 1998
IV. Die Erklärung des Washingtoner Gipfels der NATO vom 24. April 1999
V. Die Erklärung von Köln vom 04. Juni 1999
VI. Die Erklärung von Marseille vom 13. November 2000
G. SCHLUSSFOLGERUNGEN
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Seminararbeit untersucht das historische und rechtliche Verhältnis zwischen der Westeuropäischen Union (WEU) und der Nordatlantikpakt-Organisation (NATO). Ziel ist es, die Gründe für das Nebeneinander beider Organisationen sowie deren funktionale Entwicklung im Kontext sich wandelnder sicherheitspolitischer Rahmenbedingungen zu analysieren, insbesondere im Hinblick auf die schrittweise Integration der WEU in die Europäische Union.
- Historische Entstehung der Verteidigungsstrukturen nach 1945
- Rechtliche und funktionale Unterordnung der WEU unter die NATO
- Reaktivierungsprozesse der WEU ab 1984
- Konzeptualisierung und Entwicklung der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität (ESVI)
- Integration militärischer Strukturen der WEU in die EU zwischen 1997 und 2000
Auszug aus dem Buch
II. Die „Lethargie“ bis 1984
Ein Hauptproblem der entstandenen WEU war, dass sie zwischen der militärisch dominanten NATO und der wirtschaftlich dominanten OEEC platziert werden musste. Doch blockierten sich die unterschiedlichen Interessen der Mitgliedsstaaten. Frankreich wollte eine verstärkte Rüstungskontrolle, Großbritannien sah dagegen in jeder Aufgabenausweitung die Gefahr, dass eine Doppelorganisation und eine Schwächung vorhandener NATO-Gremien herbeigeführt würde. Auch die BRD sah ihre sicherheitspolitischen Interessen im Rahmen der NATO besser gewährleistet als im restriktiven Rahmen der WEU.
Bis Ende der 1950er Jahre hatte die NATO einen Nuklearstrategieplan aufgestellt und wurde dadurch zur sicherheitspolitischen Macht in Europa. Durch den Sputnikstart der UdSSR spitzten sich die Konflikte zwischen der NATO und der UdSSR weiter zu. Es war unbestritten, dass eine wirkungsvolle Verteidigung ohne die militärische Macht der USA nicht durchführbar war.
Am 07. und 11. Mai 1955 fanden Sitzungen des Ständigen Rats der WEU statt, in denen die Errichtung der Amts für Rüstungskontrolle und die Schaffung des Ständigen Rüstungskontrollausschusses beschlossen wurden. Der Ständige Rüstungskontrollausschuss sollte sich in engster Abstimmung mit der NATO mit Fragen der rüstungswirtschaftlichen Zusammenarbeit und europäischen Standards bei Rüstungsgütern beschäftigen. Weitere militärische Funktion stand der WEU danach nicht zu, sie war primär auf die Rüstungskontrolle beschränkt.
Zusammenfassung der Kapitel
A. DIE VORVERTRÄGE ZUR WEU: Beleuchtet die frühen Verteidigungsbündnisse von Dünkirchen bis zum Brüsseler Vertrag als Reaktion auf das Bedrohungsbild der Nachkriegszeit.
B. ERRICHTUNG DER WEU UND UNTERORDNUNG UNTER DIE NATO: Analysiert die Gründung der WEU durch die Pariser Verträge und deren funktionale Einordnung als komplementäres Organ zur NATO.
C. REAKTIVIERUNG DER WEU VON 1984 (KONFERENZ VON ROM) BIS 1987 (HAAGER PLATTFORM): Beschreibt den „Wiedergeburtsakt“ der WEU und die erste Definition einer europäischen Sicherheitsidentität.
D. DIE BILDUNG EINER ESVI INNERHALB VON WEU UND NATO: Untersucht die institutionellen Anpassungen zur Stärkung des europäischen Pfeilers im Rahmen der NATO durch den Vertrag von Maastricht und die Petersberg-Erklärung.
E. ANERKENNUNG UND ENTWICKLUNG DER ESVI IN DER NATO (1994-1999): Erläutert die schrittweise Akzeptanz und Implementierung der ESVI in die NATO-Strukturen, insbesondere durch den Berliner Gipfel 1996.
F. DIE INTEGRATION DER MILITÄRISCHEN STRUKTUREN DER WEU IN DIE EU (VON AMSTERDAM 1997 BIS MARSEILLE 2000): Dokumentiert den Prozess der Verschmelzung von WEU-Strukturen in die EU und die entsprechenden Gipfelerklärungen.
G. SCHLUSSFOLGERUNGEN: Fazit über das Scheitern der WEU als eigenständige Organisation und die Konsequenzen für die zukünftige europäische Sicherheitspolitik.
Schlüsselwörter
WEU, NATO, Europäische Union, Sicherheitsarchitektur, Verteidigung, ESVI, Brüsseler Vertrag, Petersberg-Erklärung, Rüstungskontrolle, Integration, Krisenmanagement, Sicherheitspolitik, Atlantische Allianz, Intergouvernementalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Entwicklung und das rechtliche Verhältnis zwischen der WEU und der NATO von der Nachkriegszeit bis zur Integration der WEU in die EU zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der europäischen Verteidigungsinstitutionen, der sicherheitspolitischen Arbeitsteilung zwischen Europa und den USA sowie der Transformation der Sicherheitsarchitektur nach dem Kalten Krieg.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu erklären, warum sich in Europa zwei auf den ersten Blick ähnliche Verteidigungsorganisationen entwickelten und wie sich ihr wechselseitiges Verhältnis bis zur faktischen Auflösung der WEU-Strukturen gestaltete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt eine historisch-analytische Methode, basierend auf der Auswertung von Verträgen, Gipfelerklärungen und fachspezifischer Literatur zur Sicherheits- und Integrationspolitik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch von den Vorverträgen zur WEU über ihre Phasen der Lethargie und Reaktivierung bis hin zur schrittweisen Integration ihrer militärischen Strukturen in die EU.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unter anderem WEU, NATO, ESVI (Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität), Petersberg-Erklärung und sicherheitspolitische Integration.
Warum konnte die WEU laut Autorin/Autor nie ein eigenständiges Leben entwickeln?
Der Autor argumentiert, dass die WEU von Beginn an als Unterordnungsorganisation unter die NATO konzipiert war und primär als Reserveinstrument diente, ohne den politischen Willen oder den operativen Spielraum für eine echte Eigenständigkeit.
Was bedeutete das sogenannte „3D“-Konzept für die Entwicklung der europäischen Verteidigung?
Das 3D-Konzept stand für die Vermeidung von Entkopplung, Verdopplung und Diskriminierung innerhalb der Allianz und diente als Voraussetzung für die Akzeptanz europäischer Verteidigungsinitiativen durch die USA.
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- Jan Schneider (Author), 2003, Das Verhältnis von WEU und NATO, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20332