Ironie und Humor in der Literatur der Romantik am Beispiel von 'Klein Zaches genannt Zinnober' von E. T. A. Hoffmann (Teil III)


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2012

18 Seiten, Note: "-"


Leseprobe

Ironie und Humor als erzählerische Gestaltungsprinzipien in der Literatur der Romantik am Beispiel der Erzählung „Klein Zaches genannt Zinnober“ von E. T. A. Hoffmann

(Teil III)

Die Figurenkonstellation in „Klein Zaches“

Die ironische Brechung der handlungstragenden Figuren

In Teil II dieser Arbeit war schon die Rede von eindimensionalen bzw. funktionalen Figuren, die keinen Einfluss auf das dramatische Geschehen der Erzählung haben, aber im Rahmen der Handlung eine bestimmte Funktion erfüllen. In diesem Teil geht es nun um mehrdimensional angelegte Figuren und um wichtige Handlungsträger im dramatischen Geschehen. Dabei ist es aber keineswegs so, dass es sich im psychologischen Sinne um gerundete Charaktere handelt, sondern um Figuren, die unterschiedliche, widerstrebende Tendenzen verkörpern, d. h. um ironisch gebrochene Figuren, die zu sich selbst im Widerspruch stehen. Sie bilden insofern ein Pendant zu den angesprochenen unterschiedlichen Erzählwirklichkeiten des Textes, zwischen denen sie sich hin- und herbewegen. Klein Zaches selbst nimmt im Rahmen dieser Figurenkonstellation einen besonderen Rang ein.

Klein Zaches als Katalysator und Midasfigur

Klein Zaches tritt uns gleich zu Beginn der Erzählung als missgestaltetes Wesen gegenüber. Er wird von seiner Mutter als „Wechselbalg“ (5) bezeichnet, d. h. mit einem Ausdruck beschrieben, der wie „Alräunchen“ (6) auf ein Wesen dämonischen oder magischen Ursprungs hindeutet. Andererseits besitzt er als „mißgestalteter Junge“ (ebd.) aber auch menschliche Züge, die sich mit tierischen Eigenschaften („Spinnenbeinchen“, 5) und Verhaltensweisen (er „knurrt und miaut, statt zu reden, wie eine Katze“, ebd.) zu vermischen scheinen. Diese Eindrücke werden durch gegenständliche („ein seltsam verknorpeltes Stückchen Holz“, 6) und pflanzliche Begriffe („wie ein gespaltener Rettich“, ebd.) ergänzt. Somit erscheint Klein Zaches von Anfang an als merkwürdiges Zwischen- oder Zwitterwesen, bei dem offensichtlich übernatürliche Kräfte ihre Hände im Spiel haben (das wäre der Aspekt des Märchenhaften), aber eben ein Mischwesen, das nicht eindeutig zuzuordnen, letztlich vielleicht aber doch in den Worten des weisen Prosper Alpanus „ein gewöhnlicher Mensch“ (64) ist. Auf jeden Fall ist Klein Zaches ein Wesen, geschaffen von einem Erzähler, dem es offenkundig Freude bereitet, die Herkunft seiner Schöpfung in ein geheimnisvolles Halbdunkel zu hüllen, sie mit dem Nimbus des Rätselhaften zu versehen, sie mit einem Schleier zu umgeben, hinter dem sie wie ein verwachsener Zwerg oder

hässlicher Gnom halb versteckt hervorlugt und ihre Umgebung wechselweise in Entzücken oder Aufruhr versetzt.

Klein Zaches ist jedoch keine originäre Märchenfigur, die mit besonderen Fähigkeiten oder Gaben ausgestattet ist wie die Fee Rosabelverde oder der Zauberer Prosper Alpanus, sondern er wird von außen begabt, d. h. durch Verzauberung mit bestimmten Eigenschaften versehen. Dies geschieht aber nur zum Schein, und darauf beruht eben das „Zauberhafte“ dieser Figur. Sie besitzt somit keine eigene Identität. Sie bewirkt nichts aus sich heraus, sondern sie wirkt auf ihre Umgebung als Katalysator, d. h. sie setzt Prozesse in anderen in Gang, die sie aber selbst nicht mit vollzieht und bei denen sie sich nicht verbraucht. Man kann sie als Parasit betrachten (der Name Zaches erinnert an Zecke), der davon lebt, dass er sich von den Leistungen anderer ernährt, die ihm zugeschrieben werden. Er gleicht einer Ausbeuterfigur, die ihre eigene Minderwertigkeit (Zinnober: wörtlich ein rötlich-glänzendes Metall von geringerem Wert als das Edelmetall Gold und in der übertragenen Bedeutung Unsinn oder dummes Zeug) in Gold verwandeln kann, indem sie den Blick der Menschen mit ihrem scheinbaren Glanze blendet. Wenn man daran denkt, dass Zinnober im wörtlichen Sinne eine giftige Quecksilberverbindung ist, die bei der Herstellung von Spiegeln Verwendung findet, kann man im übertragenen Sinne Zaches als ein Medium auffassen, das selbst keine wirkliche Substanz hat und in dem die Fähigkeiten und Talente anderer Menschen nur gespiegelt werden. Als schillernde Figur mit bestimmten Glanzeffekten unterschiedlicher Nuancierungen und Schattierungen ausgestattet, bietet Zaches dem Erzähler immer wieder die Möglichkeit eines heiteren Verwechselspiels mit dem übrigen Personal der Erzählung, wobei der aufmerksame Leser durch die augenzwinkernden Kommentierungen des Erzählers ins Vertrauen gezogen wird und dieses Spiel durchschaut.

In Ergänzung zu den bisherigen Überlegungen kann man Klein Zaches auch als Katalysator in dem Sinne auffassen, dass über ihn die durch das fürstliche Aufklärungsprogramm unterdrückte Phantasie wiederbelebt wird. Es ist ja kein Wunder, dass gerade diejenige Gesellschaft seinem Täuschungswerk erliegt, die sich selbst für vernunftgeleitet und aufgeklärt hält, während der schwärmerische, phantasiegeleitete Balthasar, ihn als das erlebt, was er wirklich ist, nämlich als „einen scheußlichen Däumling“ (34). Sogar der Erzähler kann nicht umhin, ihn als „ein kleines sehr seltsames Männlein“ (38) zu bezeichnen. Eine Gesellschaft – so könnte man sicherlich im Sinne des Erzählers folgern -, die ihre Feen in ein fernes Dschinnistan deportieren lässt, dessen Existenz zudem keinesfalls als gesichert gelten kann (vgl.18), hat sich selbst eines großen ideellen Schatzes beraubt und muss sich nicht wundern, wenn sich ein solcher selbst auferlegter Gewaltakt und die einseitige Betonung ihrer rationalen Geisteskräfte in seltsamen Befindlichkeiten und Verhaltensweisen niederschlägt. In solchen Phänomenen offenbart sich die in Teil I dieser Arbeit („Die romantische Ironie bei E. T. A. Hoffmann“) erwähnte Umkehrung (Inversion) der Erzählwirklichkeiten, die immer wieder zum Gegenstand einer ironisierenden Betrachtung werden. Zaches’ äußeres Erscheinungsbild, seine abstoßende Hässlichkeit, seine lächerlich geringe Körpergröße und sein nahezu vollständiger Mangel an eigener Substanz entlarven die Hohlheit eines

Aufklärungsprogramms, das – in Analogie zu der Verbannung der Feen – die Phantasie aus dem Denken der Menschen verbannen will und auf reine Zweckrationalität setzt. Denn ganz im Unterschied zu der von den Pionieren der Aufklärung angenommenen Würde und Vernunft des Menschen, stellt Zaches das groteske Zerrbild einer solchen Vorstellung vom Menschen dar, dem die aufgeklärte Gesellschaft zum Opfer fällt. Auch hierin zeigt sich ein ironischer Widerspruch.

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, kann „Klein Zaches“ als die Biografie eines Taugenichts aufgefasst werden, der ohne sich anzustrengen die höchsten Stufen der sozialen Leiter erklimmt, d. h. eines Parvenüs, eines Emporkömmlings, dessen Erfolg sich nur dadurch erklärt, dass er die ihn umgebende Gesellschaft zum Narren hält. Diese Auffassung von Zaches entspräche dem Topos der „Verkehrten Welt“ (vgl. Woodgate 75) der in fast allen europäischen Kulturen beheimatet zu sein scheint. Er hat durch den Begriff der „Karnevalisierung“ (vgl. hierzu Kremer 1998, 94 f., und Kremer 1999, 105) Eingang in die Literatur gefunden und drückt sich u. a. aus durch

die Vermischung menschlicher und tierischer Züge in der grotesken Gestalt; die Konfrontation des Menschen mit seinem maschinellen oder marionettenhaften, jedenfalls toten Spiegelbild; der Hang zur Bildhäufung, zu Figurenverwandlung und Figurenverdoppelung; damit eng verbunden der Hang zu Maskeraden, Maskenbällen und ... zum Karneval. Hinzu kommt die ganz zentrale Figur der Inversion, die alle normalen, alltäglichen Bezüge phantastisch verkehrt. (Kremer 1998, 95)

Das sind Elemente, die auch in „Klein Zaches“ reichlich vorhanden sind und das Erzählgeschehen nachhaltig prägen. Sie zeigen nicht zuletzt die der Gesellschaft dieser Zeit innewohnende Instabilität auf, die man als Übergangsperiode in eine neue Epoche verstehen kann und in der die Menschen mit einer Anzahl tiefgreifender Veränderungen konfrontiert werden, mit denen sie nicht Schritt halten können. Hier sei nur auf die bühnenhafte Theatralik der Hochzeitsfeier im „Letzten Kapitel“ der Erzählung verwiesen, die durch „feuerflammende Regenbogen“, „schimmernde Vögel und Insekten“, „allerlei holde Gestalten“, „die Musik des Waldes“, „süße Düfte“ und sonstigen „mächtigen Zauber Alpans“ geprägt wird. (alle Zitate 114) Dabei ist es aber – im Sinne der angesprochenen Doppelbödigkeit des Geschehens - durchaus möglich, dass „der Teufelskerl, der Operndekorateur und Feuerwerker des Fürsten“ (ebd.), hinter dem ganzen Spektakel steckt und der große Zauberer Prosper Alpanus nicht in einem von zwei schneeweißen Einhörnern mit goldenem Geschirr gezogenen Wagen (vgl. 52f.), sondern in einer „Montgolfiere“ (115) davonschwebt.

Zaches, so lässt sich resümierend aus dem Gesagten schlussfolgern, ähnelt der Midasfigur [1] aus der griechischen Mythologie. Auch Midas’ Erscheinungsbild wird durch tierische Merkmale verunstaltet, die er aber unter einer Mütze verbirgt, so dass sie für andere nicht sichtbar werden. Wie Klein Zaches werden ihm besondere Fähigkeiten durch ein wunderbares Einwirken von außen zugeschrieben. Beiden wird letztlich ihre maßlose Gier, die sie dazu treibt, sich ohne eigene Leistung auf Kosten

ihrer Umgebung zu bereichern [2], zum Verhängnis. Beide zeichnen sich nicht durch ihre Intelligenz aus. Und ebenso wie die Welt der griechischen Götter nicht frei von Eifersucht, Neid und Missgunst ist, rivalisieren in „Klein Zaches“ nicht nur die aufgeklärte bürgerliche Welt und die Welt der Feen und Zauberer miteinander, sondern die Repräsentanten der Feenwelt rivalisieren auch untereinander, streiten und versöhnen sich wieder.

Weitere Figuren und Figurenpaare der Erzählung

Wie bereits ausgeführt, kontrastieren die Figuren in „Klein Zaches“ nicht nur miteinander, sondern sie sind auch in sich selbst widersprüchlich und gebrochen. Das lässt sich an einzelnen Figuren, aber auch an sich komplementär zueinander verhaltenden Figurenpaaren nachweisen. Und es betrifft auch scheinbar unbedeutende Nebenfiguren.

Balthasar und Fabian

Balthasar kann als typisch für E. T. A. Hoffmanns jüngere Protagonisten aufgefasst werden. Er besitzt sowohl äußerlich als auch wesensmäßig eine Anzahl unübersehbarer Vorzüge, die ihn vor anderen auszeichnen, u

nd wird dem Leser in einem ausführlichen und vom Erzähler besonders ausgeschmückten Porträt vorgestellt, das eindeutig als Kontrast zu Klein Zaches angelegt ist. Balthasar ist ein „wohlgestalteter Jüngling von drei- bis vierundzwanzig Jahren, aus dessen dunkel leuchtenden Augen ein innerer, reger Geist mit beredten Worten spricht.“ (23) Dazu gesellen sich Attribute wie „schöne kastanienbraune Locken“ (ebd.) und weitere positive Merkmale, so dass eine klischeehaft überzeichnete Figur entsteht, die in pathetisch-übertriebener Manier präsentiert wird.

Dass es sich auch um eine romantische Figur handelt, erkennt der Leser an ihrer „schwärmerischen Trauer“ (ebd.) an ihrem „nach altdeutscher Art zugeschnittenen“ (ebd.) Gewand, an ihrer „bedeutungsvollen Gesichtsbildung“, durch die sie „wirklich einer schönen frommen Vorzeit anzugehören scheint“ (24), und vor allem daran, dass sie uns „ernst, in Gedanken vertieft, wie es seine Art war“ (ebd.) gegenübertritt. Und selbstverständlich ist er auch „anständiger, vermögender Leute Kind, fromm – verständig – fleißig“ (ebd.) und meidet oberflächliche Vergnügungen wie das Sich-Austoben auf dem „Fechtboden“. (ebd.) Daher wird er von seinem Freund Fabian, der aus anderem Holze geschnitzt zu sein scheint, auch als „melancholischer Philister“ (ebd.) oder „Melancholikus“ (27) beschrieben. Zu seinen romantischen Merkmalen gehört auch der Topos der schwärmerischen, sehnsuchtsvoll-schmachtenden, unerfüllten Liebe, die sich zu einer wahren „Liebeskrankheit“ (ebd.) ausgewachsen hat, sich in seinem „Blick voll schmerzlicher Wehmut“ (37) seiner Umgebung mitteilt und dazu führt, dass er seine Augen von Candida, „der holden Jungfrau“ (38) und dem Objekt seiner „innigsten Liebe“ (ebd.) nicht abwenden kann.

Auch durch seine Gedichte erweist er sich als romantische Figur. Zu seinem Kummer schreibt das Publikum die „göttliche“ Inspiration und Ausdruckskraft seines Gedichtsvortrags von der „Liebe der Nachtigall zur Purpurrose“ (40), das eigentlich als Hommage an Candida gedacht ist, dem hässlichen kleinen Zaches zu, der dafür die Lorbeeren erntet. Und nicht zuletzt zeigt sich Balthasar als typischer Romantiker dadurch, dass er sich selbst als „Wunder“ versteht, als „Mikrokosmos“ (52), der im Kleinen ein Abbild des Makrokosmos darstellt und beide als zwei Bereiche auffasst, zwischen denen eine geheimnisvolle Wechselwirkung besteht.

[...]

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Details

Titel
Ironie und Humor in der Literatur der Romantik am Beispiel von 'Klein Zaches genannt Zinnober' von E. T. A. Hoffmann (Teil III)
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Philosophische Fakultät)
Note
"-"
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V203359
ISBN (eBook)
9783656300243
ISBN (Buch)
9783656299738
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ironie, humor, literatur, romantik, beispiel, klein, zaches, zinnober, hoffmann, teil
Arbeit zitieren
Hans-Georg Wendland (Autor), 2012, Ironie und Humor in der Literatur der Romantik am Beispiel von 'Klein Zaches genannt Zinnober' von E. T. A. Hoffmann (Teil III), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203359

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