Die Siegerwahl bei den großen Dionysien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1. 1. Fragestellung
1. 2. Forschungsüberblick

2. Ablauf der Siegerwahl

3. Götterwelt
3. 1. Rolle der Götter in der attischen Gesellschaft
3. 2. Rolle des Dionysos bei den großen Dionysien
3. 3. Rolle der Götter im Auswahlverfahren des Theaters

4. Demokratie
4. 1. Rolle der Demokratie in der attischen Gesellschaft
4. 2. Losverfahren als wichtiger Teil der attischen Demokratie
4. 3. Demokratie und Losverfahren im Auswahlverfahren des Theaters

5. Schlussfolgerung

6. Zusammenfassung

7. Quellen- und Literaturverzeichnis
7. 1. Quellenverzeichnis
7. 2. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1. 1. Fragestellung

Zufall, Glück, Willkür, persönliche Vorlieben, die große Auslosung - und am Ende steht der stolze Gewinner fest. Diese Assoziationen drängen sich einem Leser nahezu auf bei der Lektüre über die Bestimmung des Siegers der städtischen Dionysien in Athen im 5. Jahrhundert v. Chr. Die Feste fanden zu Ehren des Gottes Dionysos statt. Unter allen Teilnehmern entwickelte sich ein starker Wettbewerb, der auch das Publikum fasziniert und anlockte[1]. Für die Athener war das Festival ein großer Spaß, dennoch war das Gewinnen unter den Beteiligten das große Ziel. Alles arbeitete darauf hin, am Ende als Sieger ernannt zu werden.

Bei der Wahl des Siegers der großen Dionysien haben sich die Athener allerdings für ein sehr außergewöhnliches und zugleich kompliziertes Verfahren entschieden. Es beinhaltet zwei Auslosungen, den Einsatz von Laien als Schiedsrichter und die Nichtbeachtung der Hälfte aller abgegebenen Stimmen. In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie jenes uns fragwürdig erscheinende Verfahren zur Siegerauswahl genau ablief und ob es die logische Schlussfolgerung aus den Prinzipien der attischen Gesellschaft ist und diese gegebenenfalls in ihren Grundzügen wiederspiegelt. Zeigt dieses Verfahren zur Siegerwahl Parallelen auf zur Lebenswelt der Griechen? Wie eng sind gesellschaftliche und politische Merkmale hier mit dem Theater verbunden?

Da weitere Theaterfestivals in Griechenland, wie die etwas kürzer währenden Lenäen und die ländlichen Dionysien, anders organisiert wurden, kann man annehmen, dass sich bei ihnen auch das Auswahlverfahren von dem der großen Dionysien unterschied[2]. Deswegen stehen im Mittelpunkt der folgenden Untersuchungen lediglich die städtischen Dionysien, auch große Dionysien genannt, die in Athen im März beziehungsweise April eines jeden Jahres statt fanden. Zunächst soll diskutiert werden, wie die Bedingungen der Siegerwahl waren, also wie der festgelegte Ablauf war und welche Bestimmungen es dafür gab. Dabei sind die Auslosung der zuständigen Schiedsrichter und die anschließende Auslosung des Siegers eng miteinander verbunden. Es folgt die Darstellung wichtiger Prinzipien der attischen Gesellschaft und darauf folgend die Untersuchung, ob und in welcher Weise diese sich beim Ablauf der Siegerwahl zeigen. Die Untersuchungspunkte sollen hierbei auf die einschlägigsten, wie Götterwelt und Demokratie, einschließlich der Rolle des Losverfahrens, beschränkt werden, da alles Weitere den vorgesehenen Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde.

1. 2. Forschungsüberblick

Das heute noch vorhandene Quellenmaterial zum Thema des attischen Theaters ist leider sehr lückenhaft und es gibt wenige zuverlässige Überlieferungen. Von den unzähligen Tragödien des fünften und vierten Jahrhunderts v. Chr. sind uns lediglich 32 überliefert. Aristoteles war der Erste, der die Namen der Autoren und Werke sammelte, die im 5. Jahrhundert von Bedeutung waren. Er bezog sich auf die Tragödien und Komödien der Dionysien und der Lenäen. Wichtig wären hier die Werke „Didaskaliai“ und „Nikai“[3], die inzwischen verloren gegangen und demnach nicht zu verwenden sind. Noch spärlicher sind Quellen die das Theaterleben von außen, und das gesellschaftliche Leben darum beschreiben, vorhanden. Es scheint, als ob dieses Thema im antiken Athen kaum schriftlich diskutiert wurde, obwohl es ein so prägender Teil der Gesellschaft war. Möglicherweise wurde es als so selbstverständlich und alltäglich angesehen, dass kaum Schriftstücke darüber verfasst wurden. Viele Schriften sind lediglich Vermutungen und deren Inhalte können nicht mit Sicherheit bestätigt werden[4]. Oft bleibt nur das Lesen zwischen den Zeilen, was wiederum für neue Thesen und Vermutungen sorgt. So konnten in der Forschung über das attische Theater noch kaum sichere Aussagen getroffen werden, bis auf die architektonischen Merkmale, die heute noch nachzuweisen sind.

Eine nützliche Quelle sind dagegen die Schriften von Apollodorus über die Götter der Griechen und ihre Bedeutung. Einschlägig ist hier auch die Rede „Gegen Meidias“ von Demosthenes gegenüber einer Jury, welche über die Abläufe der Dionysien richtet. Man findet darin nicht nur Hinweise über den Ablauf des Festivals, sondern kann auch Rückschlüsse auf das politische Leben allgemein ziehen. Weiterhin kann zu den Untersuchungen vorrangig Sekundärliteratur herangezogen werden. Hier sind vor allem die unterschiedlichen Meinungen und Vermutungen der Forscher zum Losverfahren bei der Siegerwahl interessant, wie etwa die von Christian Meier im Gegensatz zu Horst-Dieter Blume bzw. Arthur Pickard-Cambridge, auf die im weiteren Verlauf eingegangen wird. Zudem wird ein Artikel von Hermann Sauppe zu wichtigen Überlegungen über die Richterwahl verwendet.

2. Ablauf der Siegerwahl

Fast ein Jahr bevor die Dionysien statt fanden, gab es ein Auswahlverfahren durch den Archon Eponymos, welcher ein Jahr lang den Vorsitz über die Organisation des Festivals inne hatte. Dieser suchten drei Dichter aus den zahlreichen Bewerbungen aus, die je eine Tetralogie, also drei Tragödien, und ein Satyrspiel einreichten. Dabei hatte der Archon keine besonderen Vorkenntnisse, und orientierte sich anscheinend an den Inhaltsangaben der jeweiligen Stücke und ihrer bekannten Autoren[5]. Zudem wurde für jeden einzelnen Chor der auftrat, von ihm ein Chorege bestimmt, welcher vorrangig der Geldgeber war, sich um Proberäume kümmerte und sich durch einen Sieg viel Sympathie des Volkes und Ruhm in der Gesellschaft und der Politik erhoffte[6]. Die Choregen waren stets Privatpersonen aus ganz Griechenland, die womöglich auch auf politische Vorteile spekulierten[7], wenn sie schon dieses öffentliche Amt übernehmen mussten. Die Zuteilung der Choregen, auch wenn es reiche Männer waren, war für den Archon oft nicht leicht, denn es stehen mit ihren Aufgaben enorme finanzielle Belastungen in Verbindung[8]. Daher wurde diese Aufgabe nicht immer freiwillig erfüllt.

Die Dionysien dauerten etwa vier Tage, während der die drei Dichter ihre Tetralogie aufführen durften. Am vierten Tag wurden fünf Komödien von unterschiedlichen Dichtern aufgeführt. Nachdem alle Stücke aufgeführt wurden, sollten die Sieger bestimmt werden. Dies geschah durch Schiedsrichter, welche direkt vor Beginn der ersten Aufführungen in einem festgelegten Verfahren gewählt wurden.

Jede der 10 Phylen Griechenlands stellte hierfür, bereits mehrere Wochen vor dem Beginn der Dionysien, eine Urne bereit, in der sich die Namen möglicher Kandidaten aus ihrem Gebiet befanden. Die teilnehmenden Choregen des Festivals hatten hierbei einen gewissen Einfluss auf die Kandidaten als potenzielle Schiedsrichter[9]. Auf der Akropolis wurden die Urnen dann, fest verschlossen, bis zum Beginn der Dionysien aufbewahrt. Die eigentliche Bestimmung der Schiedsrichter erfolgte sehr kurzfristig. Am ersten Tag der Dionysien wurde durch das Ziehen je eines Loses aus jeder Urne der insgesamt zehn Phylen jeweils ein Richter bestimmt. Das geschah durch die jeweiligen Strategen der Phylen. Nachdem die ausgelosten zehn Richter eine Eid abgelegt hatten, dass sie ihr Urteil nach ihrem besten Gewissen fällen werden, wohnten sie den Aufführungen auf Ehrenplätzen bei[10]. Sie waren Laien und besaßen weder besondere Qualifikationen noch Vorkenntnisse. Sie waren keine Experten auf dem Gebiet des Theaters und der Tragödien und wurden angehalten, ihr Urteil so zu fällen, dass sie es mit sich selbst vereinbaren können. Ihr Status war der von Repräsentanten des Volkes und vor allem des anwesenden Publikums[11]. Stark anzunehmen ist, dass sie alle verschiedene Interessen und persönliche Vorlieben hatten, und demnach auch andere Erwartungen an eine ihrer Meinung nach „gute“ Tragödie oder Komödie. Zudem ließen sie sich einstweilen vom Publikum beeinflussen oder sogar unter Druck setzen[12]. Dies begann wohl sofort bei Amtsantritt. Möglicherweise begann das Publikum schon während der Auslosung der Richter auf der Akropolis, ihnen lauthals diejenigen Favoriten mitzuteilen, die sie bereits während des Proagon gesehen du für gut befunden hatten[13].

Am fünften Tag der Aufführungen gaben die Richter direkt im Dionysostheater ihre Favoriten bekannt, indem sie die Namen der drei Dichter in der von ihnen bevorzugten Reihenfolge in ein Tontäfelchen einritzten und zusammen in eine Urne warfen. Von diesen zehn abgegebenen Stimmen wurden letztendlich nur fünf Täfelchen zur Entscheidungsfindung herangezogen. Bei Gleichstand wurde womöglich ein sechstes Täfelchen der Wahlurne entnommen[14]. Insgesamt ist die Wahl des Siegers also besonders durch die verschiedenen Losverfahren bestimmt.

Eine äußerst interessante Theorie über den Vorgang der Wahl der Richter soll zudem hier diskutiert werden, um darzulegen, warum sich im Verlauf dieser Arbeit an die bereits erläuterten Abläufe gehalten wird. Nicht unwesentliche Überlegungen stellte Hermann Sauppe über eben jene Wahl gegen Ende des 19. Jahrhunderts an. Er gibt die Möglichkeit an, dass die Richter für die Tragödien der großen Dionysien erst nach den Aufführungen gewählt worden sind[15] und nicht etwa unmittelbar davor. Nachdem der Rat der 500 zusammen mit dem Archon Eponymos und den zuständigen Choregen einige Wochen im Voraus in einer geheimen Wahl die Kandidaten für das Richteramt aufgestellt und deren Namen in die jeweiligen Urnen der Phylen getan hat, wurden diese bis zur Wahl, also bis Ende des Festivals verschlossen. Zu dem oben aufgeführten Ablauf unterscheidet sich bisher nur der Zeitpunkt der endgültigen Richterwahl. Als Begründung für die späte Wahl gibt Sauppe an, dass man so verhindern konnte, dass die Schiedsrichter bedrängt oder sogar bedroht werden, um ein bestimmtes Urteil zu fällen. Niemand wusste, wer am Ende tatsächlich als Richter agieren darf und konnte somit auch keinen Versuch starten, diesen zu beeinflussen oder zu bestechen.

[...]


[1] Blume, Horst-Dieter. Einführung in das antike Theaterwesen. S. 16.

[2] Ebd. S. 6.

[3] Blume, Horst-Dieter. Einführung in das antike Theaterwesen. S. 8.

[4] Baldry, Harold Caparne. The greek tragic theatre. S. 10.

[5] Blume, Horst-Dieter. Einführung in das antike Theaterwesen. S. 31.

[6] Baldry, Harold Caparne. The greek tragic theatre. S. 25.

[7] Meier, Christian. Die politische Kunst der griechischen Tragödie. S. 66.

[8] Pickard-Cambridge, Arthur. The dramatic festivals of Athens. S. 86 f.

[9] Ebd. S. 96 f.

[10] Blume, Horst-Dieter. Einführung in das antike Theaterwesen. S. 42.

[11] Ebd. S. 40.

[12] Plato. Leg. 2, 659 A-C.

[13] Pickard-Cambridge, Arthur. The dramatic festivals of Athens. S. 96.

[14] Blume, Horst-Dieter. Einführung in das antike Theaterwesen. S. 41 f.

[15] Sauppe, Hermann. Über die Wahl der Richter in den musischen Wettkämpfen an den Dionysien. S. 9.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Siegerwahl bei den großen Dionysien
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V203360
ISBN (eBook)
9783656300236
ISBN (Buch)
9783656299790
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theater, Athen, Dionysos, Demokratie, Dionysien, Los, Losverfahren
Arbeit zitieren
Kati Hall (Autor), 2009, Die Siegerwahl bei den großen Dionysien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203360

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