Heimat als Widerstand

Eine Überlegung zu Unterredungen über die Begriffe „Immigration” und „Heimat” in der deutschen Gesellschaft


Studienarbeit, 2011

20 Seiten, Note: A


Leseprobe


Einführung

„Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen” ist der Titel eines Buchs von Thilo Sarrazin, eines polarisierenden Politikers aus der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Obwohl dieser Titel vielen Deutschen und vielen anderen Menschen übertrieben erscheint, ist es immer noch die Repräsentation einer Perspektive, die viele Deutsche vertreten. Diese kontroverse Idee ist von großer Tragweite. Deswegen will ich in diesem Projekt versuchen, die Beziehung zwischen den wichtigen und zugleich rätselhaften Begriffen „Immigration” und „Heimat” zu entdecken. „Immigration”, weil Sarrazin und viele andere Deutsche Probleme der deutschen Gesellschaft diesem Begriff zuordnen, und „Heimat”, weil der Begriff meiner Meinung nach wichtig, schwer zu definieren ist. Besonders werde ich versuchen zu verstehen, was für eine Rolle der Begriff „Heimat“ in den Erfahrungen der Deutschen mit Migrationshintergrund spielt. Zu diesem Zweck entwickelte ich die folgende Forschungsfrage:

Welche Rolle spielt der Begriff „Heimat“ in den Erfahrungen der Deutschen mit einem Migrationshintergrund?

Die Antwort auf diese Frage ist mit gesellschaftlichen Problemen und Konzepten verbunden, wie zum Beispiel Menschenrechte, interkultureller Dialog, Friedenwebertum und Sozialgerechtigkeit, für die viele Menschen, Sozialbewegungen und Regierungen sich interessieren. Um die Antwort zu erforschen, ging ich nach Deutschland. Ich führte Interviews mit Menschen mit und ohne Immigrationshintergrund, die Erfahrungen mit diesen Themen gehabt hatten; diese Interviews konzentrierten sich auf begriffsrelevante Themen, wie „Heimat“, „Deutscher“, „Zuhausegefühl,“ „Immigration“, „Integration“ und jeden anderen Begriff, den diese erfahrenen Menschen wichtig fanden. Ich erforschte auch Sekundärliteratur bevor und nachdem ich in Deutschland war, um meine persönliche Perspektive zu formen.

Meine Erwartungen an diese Forschung waren einfach, weil ich nur meine Erfahrungen mit Büchern über die Begriffe hatte; ich fand darüber hinaus nicht viele, die relevant für meine Forschungsfrage waren. Ich erwartete, dass „Heimat” verbunden mit einer Entfremdung von Immigranten wäre, und dass die Erfahrungen der Befragten solch eine Verbindung widerspiegeln würden. Ich wollte herausfinden, wie ein Einwohner Deutschlands das Zuhausegefühl erlangt; besonders dachte ich, dass die Sprache hier die wichtigste Variable wäre. Ich musste aber feststellen, dass das nicht der Fall war. Das Resultat meiner Forschung war, dass diese Hypothese zum großen Teil wahr ist, aber die Sprache nur ein kleiner Teil des Schlüssels zum Buchstabenschloss. Je länger ich erforschte, desto näher kam ich an des Pudels Kern, die wahre Hypothese.

Um diese Forschung und meine darauf bezogene Analyse zu erläutern, wird der folgende Aufsatzplan genutzt werden: Zuerst werde ich die für dieses Projekt relevanten geschichtlichen Hintergründe erläutern, so dass jeder, der diesen Aufsatz liest, zumindest zum Teil jene Hintergründe verstehen kann. Zweitens erkläre ich die Gründe, warum ich dieses Projekt für relevant halte; das heißt, ich erkläre mein Verständnis der heutigen Situation in Deutschland, dass ich durch meine Interviews und zusätzlichen akademischen Quellen, die sich mit Integration von Mitgliedern der deutschen Gesellschaft mit einem Migrationshintergrund in Deutschland beschäftigen, erhalten habe. Drittens werde ich meine Methoden für die Interviews verdeutlichen, so dass der Leser verstehen kann, wo meine Dateien herkommen.

Schließlich analysiere ich meine Interviews und arbeite meine Begründung für eine neue Definition von Heimat heraus, die besser für kulturelle Integration und dadurch eine gemeinschaftlichere Gesellschaft ist, die meiner Ansicht nach höheren Wert hätte. Das sage ich, obwohl diese Forschung eine positive Analyse zu sein versucht; das heißt, ich versuche einfach zu verstehen, was für eine Rolle „Heimat“ spielt. Wenn aber eine gemeinschaftliche Gesellschaft ein gemeinsames Ziel für jeden in der deutschen Gesellschaft ist, ist dieses Werk eine Empfehlung, eine neue Definition für „Heimat“ zu entwickeln.

Das Resultat meiner Erfahrung in Deutschland folgt.

Die Geschichte der Begriffe „Heimat” und „Immigration”

Wie schon gesagt, um die heutige Bedeutung des Begriffs „Heimat“ und „Immigration“ zu verstehen, muss man zuerst verstehen, was hinter den Begriffen steht. Es gibt viele Hintergründe, die erwähnt werden sollten, einschließlich der Lage der Aufstellung des deutschen Staats, der romantischen Idee von Heimat und der besondere Natur des Worts.

Die Geschichte des Begriffs „Heimat”

Der Begriff „Heimat“ ist mit dem deutschen Nationalismus stark verbunden. Wie bereits erwähnt, ist für dieses Konzept ein Verständnis der Geschichte des Nationalismus nötig, weil solch ein Nationalismus [wie der Deutsche] - auf der Kultur und der Sprache basiert und zurückgeht in eine Zeit vor den modernen Staaten, und heute sogar nicht mehr „Nationalismus“ genannt wird – ist eine der Gründungen des deutschen Lands (Blickle, 2002). Davon findet man eine Einsicht, die dem Menschen hilft, den ganzen Charakter der deutschen Gesellschaft zu verstehen, weil Nationalismus die Nation zeugt und nicht andersherum (Gellner, 1983).

Die Basis für den deutschen Nationalismus war die Lage der deutschsprachigen Länder 1870 und die Handlungen der Eliten von den noch nicht vereinigten Nationalstaaten. Seit langem hatte es deutschsprachige Länder gegeben, aber sie waren zurzeit nicht in einem wirklich vereinigten Staat. Als Preußen einen vereinigten Staat schaffen wollte, musste daher ein gemeinsamer Stützpunkt für die Einheit der verschiedenen Länder gefunden werden. Die logische Möglichkeit waren dann die kulturellen Ähnlichkeiten, zum Beispiel eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Traditionen und ein gemeinsames Gebiet mit bestimmten Charaktereigenschaften, zu betonen (Barbieri, 1998).

Doch gab es viele verschiedenen Traditionen in den verschiedenen Ländern, aber trotz der verschieden Traditionen wurde auch eine gemeinsame Geschichte geschaffen, aus der ein nationales Gemeinschaftsgefühl entstand. Deswegen wurden Diskurse benutzt, die Wert auf die erwähnte gemeinsame Abstammung der Menschen der deutschsprachigen Länder legten, um eine einzige Regierung und ihre Initiativen zu unterstützen (Nathans, 2004).

Um diese Strategie möglich zu machen, wurde der deutsche Nationalismus so geschaffen, dass er meist auf Volkszugehörigkeit und die Vorstellung von Heimat gegründet wurde. Dieser Aspekt des Nationalismus wurde in der Nazizeit und auch danach weitergeführt, wenn auch auf verschiedene Art und Weis -- in der Nazizeit war Heimat Teil der deutschen Identität. In der Nachkriegszeit wurde gesagt, dass diese Nazizeit und deren Identität nur Abbildungsfehler waren, aber Heimat war dann wieder ein wichtiger Teil der deutschen Identität, die sich immer noch auf dieselben Grundsätze stützt.

Durch die Analyse dieser Ereignisse kann man sehen, dass Heimat immer da war, und dass das Wesen des Begriffs dasselbe war, obwohl die Form sich veränderte. Dieses Wesen ist Erfüllung der Wünsche ohne Preis, eine Sehnsucht nach eine unerreichbaren Utopie. Wir sehen Heimat – wie Konzepte der Natur, Nation oder Familie – als einen Versuch um Einheit und Zentriertheit bei Disjunktion und Fragmentierung. Es wurde oft in Romantischen Literatur verklärt, und wird oft mit idyllischen Bilden von Natur und Reinheit verbunden (Blickle, 2002; Doob, 1964; Craig, 1991). Das kann man im Bewusstsein des deutschen Volkes finden, besonders wenn sie Heimat im Vergleich zu Immigranten benutzten.

Neue Gäste

Offensichtlich war so eine Attitüde ein Problem für Mitglieder der deutschen Gesellschaft, die keine deutsche Ethnizität hatten, wie zum Beispiel die Türken. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts veränderte sich die deutsche Gesellschaft durch das Gastarbeiterprogramm. Als das Wirtschaftswunder der 50er und 60er einsetzte, nahm die deutsche Regierung viele so genannte Gastarbeiter aus Ländern außerhalb der EU, beispielsweise Tunesien, Nigeria und besonders der Türkei auf. Am 10. September 1964 kam der millionste Gastarbeiter, Armando Rodrigues aus Portugal; das war eine große Migration. Es gibt ein berühmtes Bild von Herrn Rodrigues, in dem er auf einem als Geschenk von der Regierung präsentierten Motorrad sitzt. Dieses Bild zeigt, dass die Anwesenheit der Gastarbeiter nicht nur für die Gastarbeiter gut war, sondern auch für die Deutschen (Chin, 2007). Auf dem Bild wird der Gastarbeiter als sauberer, gepflegter Mensch dargestellt. Das Motorrad könnte aber auch als Aufforderung an die Gastarbeiter interpretiert werden, wieder zu gehen.

Allerdings erklärten kurz nach der Wiedervereinigung im Jahre 1990 ungefähr 5 Millionen türkische Immigranten ihren Daueraufenthalt (Chin, 2007). Also blieben die Gastarbeiter verständlicherweise. Sie zogen von der Türkei nach Deutschland, was eine Entscheidung gegen den Plan der Regierung war. Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch schrieb im Jahre 1965 darüber in einem Artikel für die Berliner Zeitung: „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen“ (Stern.de). Die Gastarbeiter blieben und gründeten Familien, teilweise bis zur Immigranten der dritten Generation. Vor der Änderung des Staatsangehörigkeitsgesetzes in einigen Fällen hatte die 3. Generation keine deutsche Staatsangehörigkeit, obwohl ihre Familien in den letzten 50 Jahren in Deutschland gelebt hatten. Das Argument der Deutschen war, dass diese Menschen nicht in Deutschland sein sollten und deswegen mache es keinen Sinn, diesen Menschen die deutsche Staatsangehörigkeit zu geben, aber sie waren trotzdem noch da; in den Augen vieler war das ein Problem und eine Verletzung der Menschenrechte (Dejure, 2011). Die Unstimmigkeit zwischen der Staatsangehörigkeitspolitik und der Realität der Situation ist offensichtlich. Manche Menschen nannten dies deswegen eine Menschenrechtskrise, weil so viele langjährige Mitglieder der deutschen Gesellschaft eingeschränkte Rechte hatten. Das war selbstverständlich eine nicht hinnehmbare Situation.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Heimat als Widerstand
Untertitel
Eine Überlegung zu Unterredungen über die Begriffe „Immigration” und „Heimat” in der deutschen Gesellschaft
Hochschule
Grinnell College  (Grinnell College German Department)
Veranstaltung
GRM 499 - German Studies; Immigration Studies
Note
A
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V203362
ISBN (eBook)
9783656299264
ISBN (Buch)
9783656300519
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heimat, widerstand, eine, überlegung, unterredungen, begriffe, immigration”, heimat”, gesellschaft
Arbeit zitieren
Kyle Walters (Autor:in), 2011, Heimat als Widerstand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203362

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